Cléber

Routine schlägt Talent. Der HSV unterliegt beim FC Augsburg mit 3:1 (0:1)

Unter Zinnbauers Leitung ist nicht nur die Durchlässigkeit vom Nachwuchs in die Profimannschaft deutlich größer geworden, auch die taktische Ausrichtung erscheint flexibler. Vom Fink’schen 4-2-3-1 zu einem klaren 4-1-4-1. Es folgte ein Hybrid-System aus 4-2-3-1 und 4-1-4-1 mit der Rückkehr des abkippenden Sechsers. Zuletzt war dann die Einführung gleich zweier inverser Flügelspieler zu beobachten. So gleicht jedes Spiel des HSV für den außenstehenden Beobachter derzeit noch ein wenig einer Wundertüte. Man fragt sich, welche Spieler zum Einsatz kommen, und in welcher taktischen Formation der HSV das nächste Spiel bestreiten wird. Und auch dieses Mal überraschte der HSV-Trainer mit neuem Personal und einer taktischen Anpassung an den Gegner.

Zu erwarten war, dass Götz den gesperrten Diekmeier eins zu eins als Rechtsverteidiger ersetzen würde. Den Einsatz des jungen Ronny Marcos konnte man zwar erahnen, jedoch dürften die meisten damit gerechnet haben, dass dieser ggf. Ostrzolek als Linksverteidiger ersetzen würde. Beide zusammen in der Startelf – das war schon eine kleine Überraschung. Der Einsatz des Konterstürmers Rudnevs in einem Auswärtsspiel überraschte mich weniger, zumal sich dieser zuletzt in Training und Spiel formverbessert präsentierte. Ebenso wenig überraschte mich, dass neben dem Letten nicht Lasogga von Beginn an spielte. Diese beiden Stürmertypen ergänzen sich einfach nicht optimal. Da Rudnevs zudem unübersehbare technische Probleme u.a. in der Ballbehauptung besitzt, erschien eine Umstellung auf ein System mit zwei Sturmspitzen bei seinem Einsatz fast zwingend. Die Lösung mit dem ebenfalls sprintstarken, technisch beschlagenen, torgefährlichen Müller drängte sich förmlich auf, zumal Gouaida bei seinem Debüt gegen Bremen als „falscher“ Rechtsaußen zu gefallen wusste.

Zinnbauer wechselte also erneut das System und vertraute der folgenden Aufstellung: Drobny – Götz, Djourou, Westermann (35. Cleber), Ostrzolek – Behrami – Gouaida, van der Vaart (75. Green), Marcos – N. Müller (71. Lasogga) , Rudnevs

Das Spiel: Zinnbauers Umstellung auf ein 4-4-2 muss man als grundsätzlich gelungene taktische Lösung loben. Ronny Marcos bot, wie schon Gouaida eine Woche zuvor  bei seinem Debüt in der Bundesliga, eine sehr respektable Leistung. Der Linksverteidiger der U23 spielte auf für ihn eher ungewohnter Position im linken offensiven Mittelfeld mutig und blieb weitestgehend fehlerlos. Da vor allem beide Sturmspitzen als auch beide offensive Außenbahnspieler regelmäßig aggressiv offensiv pressten, kam das Augsburger Spiel in der ersten Halbzeit nicht wie gewohnt zur Entfaltung.

Bei eigenem Ballbesitz sah man in der Frühphase des Spiels erneut Behrami als zwischen die Innenverteidiger abkippenden Sechser. Im weiteren Verlauf wurde dies jedoch nicht zuletzt in Folge des späteren Rückstandes zunehmend aufgegeben.

Das Spiel des HSV wirkte auf mich weniger leicht auszurechnen als mit Lasogga als einziger Spitze. Die erste große Torchance für die Gastgeber notierte ich in der 27. Spielminute. Drobny konnte einen Freistoß, den Bobadilla aus ca. 23 Metern Entfernung und zentraler Position schoss, gerade noch um den Pfosten lenken. Alles andere der ersten Halbzeit, hüben wie drüben, fiel eher in die Kategorie „Halbchance“.

Leider verletzte sich Westermann am Knie und musste bereits in der 35. Spielminute vom Feld. Für mich einer von mehreren Gründen, warum der HSV am Ende als Verlierer vom Platz ging. Dies ist ausdrücklich nicht als Kritik an Cleber gemeint, der ihn ersetzte. Denn dem Brasilianer fehlt u.a. Spielpraxis. Ich möchte hier nur festhalten, dass deutliche Mängel bei der Feinabstimmung zwischen Djourou und Cleber zu bemerken waren.

Insgesamt wirkte das Spiel des HSV auf mich flüssiger als zuletzt. Man konnte meist die Angriffsbemühungen der Gastgeber erfolgreich neutralisieren, da man situativ die Staffelung wechselte. So sah man des Öfteren eine Dreierkette im (offensiven) nachschiebenden Mittelfeld, oder die Abwehrkette wurde im Bedarfsfall um einen weiteren Spieler erweitert. Unbefriedigend blieb, wie bereits gewohnt, dass man gute Ansätze für eigene Angriffe zu oft im letzten Drittel des Spielfeldes verschenkte.

In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit konnte N. Müller endlich einmal mit Ball und Tempo in den freien Raum starten – prompt wurde es gefährlich. Müller passte auf Rudnevs, der den Ball mustergültig direkt und flach quer passte. Van der Vaart ließ sich nicht lange bitten und bedankte sich mit einem Torschuss ins lange Eck zum 0:1 für die Hamburger (45+1.).

Zur Halbzeit empfand ich die Führung des HSV als keineswegs unverdient. Feststellbar war, dass die Angriffe des HSV mehrheitlich über die mit zwei nominellen Linksverteidigern besetzte linke Außenbahn erfolgten. Das Gespann auf der Gegenseite (Gouaida, Götz) agierte offensiv weniger auffällig.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit verstärkten die Gastgeber ihre eigenen Angriffsbemühungen. Sie spielten nun ihrerseits aggressiver und erhöhten das Tempo. Götz, der ansonsten eine durchaus ordentliche Partie ablieferte, leistete sich im Bemühen, das eigene Spiel zu beschleunigen, gleich zwei vermeidbare Fehlpässe genau zum Gegner, die einem so normalerweise in der Bundesliga nicht unterlaufen sollten. Dies ist nur eine nüchterne Feststellung an die Adresse derjenigen, die jeden U23-Spieler des HSV schon jetzt für besser halten als die Profis. Es ist ausdrücklich kein Vorwurf an Götz, dem man (wie allen anderen Talenten), eine gewisse Lernphase zubilligen muss.

Auch beim Ausgleichstreffer war Götz nicht ganz schuldlos. Ostrzoleks Foul führte zum Freistoß für den FCA. Werner flankte in den Strafraum, wo sich die mangelnde Feinabstimmung in der Viererkette bemerkbar machte. Cleber stand am kurzen Pfosten. Djourou hatte es gleich mit zwei Augsburgern zu tun, da Götz nicht weit genug nach innen eingerückt war. Drobny blieb auf der Linie, obwohl die Flanke an den Fünfmeter-Raum kam. Im Resultat konnte Djurdjic den Ball per Kopf unfreiwillig quer legen, sodass Altintop letztlich keine Mühe mit dem erfolgreichen Torschuss aus kurzer Distanz hatte. Das frühe 1:1 in der 49. Spielminute.

Es ist m.E. kein Zufall, dass der Führungstreffer über die rechte Seite des HSV fiel. Götz konnte Augsburgs Werner nicht entscheidend behindern. Dieser spielte einen seher guten, temperierten Pass genau in den Lauf des durchgestarteten Baba. Dessen Vorsprung an Metern und Geschwindigkeit konnte Gouaida verständlicherweise nicht mehr egalisieren, sodass Baba fast ungestört vom Flügel nach innen passen konnte. Die umgestellte Innenverteidigung des HSV (s.o.) stand erneut nicht optimal gestaffelt, da zu sehr auf einer Linie, und Ostrzolek konnte Bobadilla nicht halten. So kam es trotz einer drei eins Überzahl im Strafraum zur 2:1-Führung für die Gastgeber in der 62. Minute.

Danach versuchte der HSV unverdrossen nach vorne zu spielen, musste aber nach einer äußert strittigen Entscheidung des ansonsten guten Schiedsrichters den nächsten Nackenschlag hinnehmen. Götz wollte im Strafraum einen Ball klären, doch Djurdjic war für Bruchteile einer Sekunde früher am Ball. Dr. Drees entschied zum Entsetzen aller Hamburger auf Strafstoß für den FCA, den Augsburgs Kapitän Verhaegh dann sicher verwandelte (69.)

Zinnbauer reagierte folgerichtig und brachte mit Lasogga und Green kurz hintereinander zwei frische Angreifer. Bei eigenem Ballbesitz verzichtete man nun endgültig auf den abkippenden Sechser, um im Mittelfeld und Angriff mehr Optionen zu haben. Lobenswert einmal mehr, dass der Mannschaft jederzeit der Willen, vielleicht doch noch wenigstens zu einem Punkt zu kommen, anzumerken war. So kam man gegen Ende der Partie u.a. zu mehreren Eckbällen, aus denen man jedoch leider kein Kapital schlagen konnte. Auch dem eingewechselten Lasogga blieb ein Treffer versagt, da Augsburgs Callsen-Bracker für den bereits geschlagenen Torhüter Manninger auf der Linie (86.) klären konnte. Es blieb daher beim 3:1-Erfolg für den FCA.

Schiedsrichter: Dr. Drees (Münster-Sarmsheim). Bot lange Zeit eine tadellose, gute Leistung.  Besonders gut gefielen mir seine Körpersprache und seine erläuternden Ansprachen an die Spieler nach strittigen Entscheidungen. Es gibt unangenehmere, arrogantere Unparteiische.
Die Entscheidung auf Strafstoß für den FCA in der 69. Spielminute bleibt jedoch objektiv regeltechnisch falsch. Zwar ist Djurdjic tatsächlich früher am Ball als Götz und wird von diesem am Fuß getroffen, jedoch kommt der Augsburger nur deswegen früher an den Ball, weil er mit gestrecktem Bein und offener Sohle zum Ball und in die bereits begonnene Schussbewegung von Götz sprintet. Damit liegt hier ein s.g. gefährliches Spiel des Augsburgers vor. Dieses ist zeitlich vor dem prinzipiell strafbaren Kontakt von Götz einzuordnen und hätte daher als solches abgepfiffen werden müssen. Selbst wenn man behauptet, dass auch Götz strafbar mit gestrecktem Bein agiert habe, so steht der Hamburger günstiger zum Ball und „wartet“ allein darauf, dass das Spielgerät auf spielbare Höhe fällt, während der Augsburger nur durch seinen Regelverstoß zum und an den Ball kommt. Aufgrund der Geschwindigkeit des Ablaufs und der Positionierung des Schiedsrichters war dies aber für ihn schwer zu erkennen. Für mich ist daher der regeltechnische Fehler Folge eines entschuldbaren Wahrnehmungsfehlers.

Fazit: Der Sieg der Augsburger geht aufgrund der deutlich stärkeren zweiten Halbzeit in Ordnung, fällt  jedoch gefühlt um ein Tor zu hoch aus.

Ich bewundere Zinnbauers Mut, auf die Talente aus der viertklassig spielenden U23 in der Bundesliga zu setzen. Man kann mit Recht fragen, ob hier nicht mitunter zu viel des Gutes probiert wird. Im Detail sind nämlich unverändert verständliche Anpassungsprobleme zu bemerken. In der Summe fehlt es der Mannschaft an Qualität. Hier meine ich nicht Talent, sondern die Routine, die man erst durch Erfahrung erwirbt. Diese Routine können die U23-Spieler ganz einfach (noch) nicht haben. Ein tatsächlicher Bundesligaspieler wird man nicht bereits durch ein, zwei mehr oder minder gelungene Einsätze. Der erzwungene Wechsel in der Innenverteidigung war für mich die entscheidende Schwächung. In der Summe (anderes System, drei U23-Spieler, und mit Cleber, der aus ganz anderen, vielfältigen Gründen noch Akklimatisierungsbedarf haben dürfte) wäre ein Sieg des HSV eine faustdicke Überraschung gewesen. Mir ist es aber lieber, dass Zinnbauer jetzt den Talenten Spielpraxis und Erfahrung verschafft, bevor er diese Spieler in der tatsächlich heißen Phase der Saison ins kalte Wasser verwerfen muss. Wirklich enttäuscht hat bisher keines von ihnen, auch Götz nicht.

Wie Zinnbauer finde auch ich lobenswert, dass man mindestens in der ersten Halbzeit sehen konnte, dass die Mannschaft des HSV Fortschritte macht, was nicht zuletzt der schön herausgespielte Führungstreffer belegt. Mit einer etwas erfahreneren Mannschaft wäre der taktische Plan des Hamburger Trainers möglicherweise voll aufgegangen. Der FC Augsburg war am Ende aber die reifere, die routiniertere Mannschaft. Dies ist auch Folge einer kontinuierlichen, systematischen Arbeit unter Leitung von Weinzierl.

Die entscheidende Frage aus Sicht des HSV bleibt, ob sich seine Talente schnell genug entwickeln können. Das aber müssen zum Glück andere be- und verantworten.

Der HSV straft die meisten Prognosen und Kritiker Lügen und gewinnt in Dortmund mit 0:1 (0:1)

Als ich am Donnerstag in der Bundesliga-Vorschau auf meinsportradio.de auf das zu erwartende Ergebnis des HSV in Dortmund angesprochen wurde, habe ich optimistisch auf ein 2:2 und damit einen Punkt für die Hamburger getippt. Co-Moderator und BvB-Experte Sascha meinte hingegen, der BvB würde dem HSV klar mit 4:1 die Grenzen aufzeigen. In der Tat sprachen beinahe alle Vorzeichen für einen klaren Erfolg der Gastgeber. Warum also hielt ich vor dem Spiel mindestens einen Teilerfolg für die sieglosen Hamburger für absolut möglich?

Der Einfluss des Zufalls

Es ist für mich unbestreitbar: der BvB hat derzeit im direkten Vergleich den eindeutig besseren Kader und verfügt zudem über ein Spiel-System, das Jürgen Klopp mit seiner Mannschaft inzwischen über mehrere Jahre trainieren und perfektionieren konnte. Die grundsätzlich bessere Qualität des Dortmunder Kaders führt mich jedoch nur zu der Erwartung, dass sich die Dortmunder in der Abschlusstabelle dieser Saison deutlich, hier dem von Sascha getippten 4:1 durchaus entsprechend, vor dem HSV platzieren werden. Für ein einzelnes Spiel gilt m.E. jedoch anderes.

„Glück und Pech gleichen sich im Laufe einer Saison für alle Mannschaften aus.“ – diese Behauptung habe auch ich lange vertreten, sie ist dennoch falsch. Es handelt sich um einen Irrglauben, weil die Stichprobe bei 18 Mannschaften in einer Liga, die je 34 Spiele untereinander bestreiten, zu klein ist, damit sich alle Zufälle tatsächlich aufheben, bzw. über alle Mannschaften gleich verteilen. Der Einfluss zufälliger Faktoren reduziert sich auf eine ganze Saison gerechnet erheblich. Aus diesem Grund wird am Ende der Saison nicht irgendwer zufällig Deutscher Meister, sondern der mutmaßlich am besten aufgestellte Club, der FC Bayern. Dennoch erscheint gut möglich, dass zufällige Faktoren sogar die Position in der Abschluss-Tabelle um gleich mehrere Plätze nach oben oder unten beeinflussen können. Um also tatsächlich zutreffende Aussagen über Team- und Trainerleistung während einer Saison treffen zu können, muss man sogar nach einer ganzen Saison tiefer in die Analyse einsteigen, als nur einen Blick auf die Tabelle zu werfen.

Der Ausgang eines einzelnen Spiels aber, dies unterstellte ich daher auch für den Auftritt des HSV in Dortmund, kann ggf. ganz erheblich von der jeweiligen Tagesform und von Zufällen bestimmt werden. Ein unhaltbar abgefälschter Schuss, eine günstige (Fehl-)Entscheidung des Schiedsrichters und ein einziger, individueller Fehler des Gegners während der 90 Minuten – schon liegt man u.U. mit 0:2 in Führung (oder zurück). Es ändert sich sowohl die taktische Ausgangslage als auch die nervlich-emotionale Verfassung der Spieler. Wer nun meint, bei meinem Tipp habe es sich ja wohl um Wunschdenken gehandelt – das stimmt! Natürlich wünschte ich dem HSV ein Erfolgserlebnis, aber widerlegt dies meine grundsätzliche Argumentation? Wer hätte denn bspw. vor wenigen Spieltagen dem HSV zugetraut, dass er dem übermächtig erscheinenden Deutschen Meister aus München ein torloses Remis abringt? Und doch haben wir genau dies erlebt. [Anm: Diesen Teil schrieb ich übrigens vor dem Spiel]

Joe Zinnbauer, der sich vor dem Spiel vom Auftritt der Borussia in der CL durchaus beeindruckt zeigte, schenkte jedenfalls der folgenden Mannschaftsaufstellung sein Vertrauen:

Drobny – Diekmeier (66. Stieber), Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami, Arslan,  Müller (87. Rudnevs), Holtby, Jansen – Lasogga (83. Jiracek);
Bank: Zöllner, van der Vaart, Stieber, Cléber, Rudnevs, Kacar, Jiracek.

Das Spiel:  Wie würde Zinnbauer seine Mannschaft gegen die Dortmunder taktisch einstellen, das war die Frage vor der Partie. Um es kurz und leicht verständlich zu halten: Zinnbauer kopierte die gewohnte taktische Ausrichtung des BvB. Natürlich nicht eins zu eins, sondern abgewandelt und angepasst an die Möglichkeiten seiner Mannschaft. Mit anderen Worten: Die Hamburger begegneten dem bekannt aggressiven Offensivpressing der Dortmunder, indem sie ebenfalls jedem Ball hinterherjagten und versuchten, ihrerseits Druck auf die ballführenden Spieler der Gastgeber auszuüben. In der Folge entwickelte sich eine leidenschaftlich von beiden Seiten geführte Partie, die von zahlreichen, zum Teil hitzig und nicklig geführten Zweikämpfen geprägt war.

Der BvB entwickelte sein Spiel meist über seine rechte Seite, allerdings nur bis ins s.g. zweite Drittel des Spielfelds. Dann folgte, da Jansen (LM) und Ostrzolek (LV) ihren Flügel gut schlossen, der schnelle Seitenwechsel auf Schmelzer. Aber da auch Diekmeier und Müller dort meist rechtzeitig zur Stelle waren, konnte sich der BvB während der ersten Halbzeit keine klare Torchance erspielen – wer hätte das zuvor erwartet?!

Anders der HSV. Einen leichtfertigen Querpass von Ramos konnte Jansen mühelos abfangen. Der spielte seinerseits ins zentrale Mittelfeld. Beide Dortmunder Innenverteidiger, Sokratis und Hummels, orientierten sich in Richtung des dort positionierten Holtby. Der in unmittelbarer Nähe stehende Müller spritzte dazwischen, spitzelte den Ball an den Verteidigern vorbei und hatte plötzlich freie Bahn in Richtung des Dortmunder Tores. Der schnelle Durm kam noch heran, zupfte kurz an Müllers Trikot, musste aber loslassen, da er ansonsten wohl mit Rot vom Platz geflogen wäre. Weidenfeller verkürzte in Erwartung eines Torschusses von Müller den Winkel, dieser aber legte lehrbuchreif quer auf den mitgelaufenen Lasogga, der sich dann sogar den Luxus erlauben konnte, den Ball erst zu stoppen, bevor er ihn letztlich mühelos im Tor unterbrachte. Das 0:1 in der 35. Minute für den HSV entsprach dem Spielverlauf und war durchaus verdient.

Dass der HSV auswärts bei Dortmund zur Halbzeit in Führung liegt – allein dies war schon eine faustdicke Überraschung. Der HSV rannte, spielte und kämpfte, als ginge es bereits in dieser frühen Phase der Saison um das nackte Überleben. Das ließ sich sehen. Allerdings fragte ich mich mit zunehmender Spielzeit etwas besorgt, ob die Kraft der Mannschaft reichen würde, um den gleichen Aufwand auch in der zweiten Halbzeit und damit bis zum Spielende zu betreiben.

Auch in der zweiten Halbzeit war es zunächst ein ausgeglichenes Spiel. Natürlich verstärkte die Borussia ihre Angriffsbemühungen, aber der HSV setzte immer wieder Nadelstiche. So sah man nun Chancen auf beiden Seiten.

In der 66. Minute musste der gute Diekmeier nach einem s.g. Pferdekuss in der Kniekehle vom Feld. Zinnbauer brachte Stieber, der Jansens Part auf der linken offensiven Außenbahn einnahm. Jansen rückte eine Position zurück (LV), und Ostrzolek wechselte auf die gegenüberliegende Position (RV).  Dies wirkte sich jedoch nicht nennenswert negativ auf die defensive Stabilität der Hamburger aus.

Erst in der 72. Minute kam der BvB zu seiner bis dahin besten Torchance. Drobny vereitelte diese Gelegenheit (Schuss von Aubameyang) mit einer tollen Parade. Der HSV hätte seinerseits durch Jansens Drehschuss nach Ecke von Holtby (76.) die Führung ausbauen können, aber der Schuss wurde durch die vielbeinige Dortmunder Abwehr erfolgreich geblockt. Dies hätte sich beinahe postwendend gerächt, denn der eingewechselte Immobile tauchte in der 78. Minute frei vor Drobny auf. Zum Glück für den HSV verfehlte Immobiles Schuss jedoch knapp das Tor des HSV.

Die letzten 20 Minuten des Spiels drückten die Dortmunder mit Macht auf den Ausgleich, aber die Hamburger kämpften defensiv aufopferungsvoll, um die Führung über die Zeit zu retten. Da der BvB immer mehr Risiko gehen musste, eröffneten sich für den HSV einige Konterchancen. So hätte bspw. Holtby, der in der 83. Minute bereits Weidenfeller umspielt hatte, dabei aber nach links abgedrängt worden war, beinahe aus spitzem Winkel das dann wohl entscheidende 0:2 erzielt. Auch der eingewechselte Rudnevs hatte eine Konterchance, die er aber aufgrund technischer Mängel nicht nutzen konnte. So blieb es am Ende beim knappen Auswärtssieg des HSV.

Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin). Leitete eine hitzig geführte Partie und bot in meinen Augen eine gute Leistung. Verhängte individuelle Strafen, wenn dies geboten schien. Beruhigte die Gemüter mehrfach durch seine persönliche Ansprache an die Spieler. Zweifelhaft erschien mir allerdings die gelbe Karte gegen Ostrzolek, da beide, Ostrzolek und Schmelzer, mit hohem Bein in den Zweikampf gingen.

Fazit: Auch ich habe mit meiner Prognose daneben gelegen. Erfreulicherweise erscheint mir der knappe Sieg des HSV weder unverdient noch rein zufällig. Die Hamburger zeigten im Vergleich mit ihrem Gegner in der ersten Halbzeit die etwas bessere Leistung. Unbestreitbar gehörten vor allem die letzten zwanzig Minuten des Spiels den Gastgebern, die jedoch für mich überraschend wenig klare Torchancen herausspielten. Zudem sollte man nicht übersehen, dass der HSV bei einigen Konterchancen die Möglichkeit besaß, die Führung auszubauen und damit das Spiel vorzeitig für sich zu entscheiden. Am Ende erzählt eben jedes Spiel seine eigene Geschichte. Papierform nützt nichts, wenn man sie nicht auf den Platz bringt.

Ich gratuliere der gesamten Mannschaft zu einer sehr guten, engagierten und taktisch disziplinierten Teamleistung. Hervorheben möchte ich aus gutem Grund nur einen Spieler: Der oft (zurecht) gescholtene Djourou machte vielleicht sein bisher bestes Spiel für den HSV. Und dies, obwohl bei ihm kurz nach Wiederanpfiff zur zweiten Halbzeit eine Gehirnerschütterung befürchtet werden musste. Was er alles antizipierte und nachfolgend klärte – großartig.

Der HSV war (und ist es wohl auch noch nach diesem Spiel) in meinen Augen die am weitesten unterbewertete „Aktie“ am Bundesliga-Markt. Eine rein quantitative Analyse, die sich zudem bisher fast ausschließlich auf fehlende Siege und Tore bezieht, und die psychologisch durch die desaströse letzte Saison grob verzerrt wird, führt in die Irre. Zweikampfverhalten, Passquote oder Laufleistung – die jeweiligen Werte dieser Saison deuteten bereits an, dass sich der HSV im Vergleich zur Vorsaison verbessert hat. Dass bisher Tore und Siege fehlten, dafür gibt es m.E. vernünftige, plausible Begründungen.

Natürlich, darüber darf auch dieser überraschende Sieg in Dortmund nicht hinwegtäuschen, ist nun nicht alles rosarot beim HSV. Die Mannschaft ist weiter in der Entwicklung und wird wahrscheinlich den einen oder anderen Rückschlag hinnehmen müssen. Entscheidend bleibt aber, dass die generelle Tendenz der Entwicklung stimmt. Ungeachtet des Resultats gegen die Dortmunder lässt sich meiner Meinung nach feststellen, dass dieser Hamburger Kader besser ist, als er bisher von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Diese Mannschaft hat das Potenzial, um nichts mit dem Abstieg zutun haben zu müssen. Und sie macht unter Joe Zinnbauer eindeutig Fortschritte, was sich aber wohl bisher nur denjenigen erschloss, die eine quantitative Bewertung (Tabellenstand; Addition von Punkten) durch eine qualitative Analyse ergänzen (können).