Zwayer

Rosthöschen und der „böse“ Wolf, oder: SSV Jahn Regensburg – HSV 2:1 (1:0)

HSV-Trainer Hannes Wolf sagte jüngst, nach dem Spiel in Regensburg wäre es Zeit Bilanz zu ziehen und zu entscheiden, ob der Start in die Rückrunde angesichts der personllen Ausfälle als dennoch gut, ordentlich oder verpatzt zu werten sei. Die Antwort kann nach dem heutigen Spiel beim SSV Jahn nur heißen: die Rückrunde verlief bisher aus Sicht des selbsternannten Aufstiegsaspiranten Hamburger SV absolut unbefriedigend und die Tendenz ist eindeutig negativ. Mögen die Tabellenführung und die meist knappen Siege über einiges hinweggetäuscht haben, so bieten die mittlerweile ausbleibenden Erfolgserlebnisse sowie das unverändert schlechte Chancenverhältnis nunmehr Anlass zu berechtigter Sorge, dass die aus finanziellen Gründen so dringend notwendige Rückkehr des Vereins in die 1. Bundesliga im Laufe der Rückrunde verpasst werden kann.

Der Trend ist negativ!

Die harten Fakten sind bescheidene 7 Punkte aus 6 Spielen (= 1,16 Punkte je Spiel) und ein negatives Torverhältnis von 7:10 (-3) Toren. Zu den harten Fakten ist inzwischen zudem als gesichert zu zählen, dass der HSV aufgrund eines für eine Spitzenmannschaft miserablen Torverhältnisses von 30:24 (+6) Saisonende wahrscheinlich einen Punkt mehr auf der Habenseite der Tabelle verbuchen muss als die unmittelbare Konkurrenz, will er sich am Ende tatsächlich vor dieser platziert wiederfinden.

Ein Grund für den Wechsel auf der Trainerposition von Christian Titz zu Hannes Wolf waren auch die ausbleibenden positiven Ergebnisse unter Ex-Trainer Titz. Tatsächlich wurde diese Ergebniss-Krise unter Wolf zunächst beendet und es gelang zwischenzeitlich der Sprung an die Tabellenspitze. Auffällig ist aber, dass der HSV kaum je überzeugende, deutliche Siege einfuhr sondern sich bisher euphemistisch formuliert meist als „Meister der Effizienz“ zeigte. Es ist müßig zu diskutieren, ob der zwischenzeitliche Aufschwung nicht auch Christian Titz mit einer Mannschaft gelungen wäre, die im Verlauf einer Saison gewöhnlich zunehmend besser aufeinander eingespielt ist. Tatsache ist aber, dass die Ergebniss-Krise nun auch unter Wolf zurückgekehrt ist. Und für ebenfalls fast unbestreitbar halte ich, dass sich die spielerischen Fortschritte in überschaubaren Grenzen halten.

Mängel im Kader und daraus resultierende taktische Zwänge

Charakterlich scheint mir das Team intakt, da ich der Mannschaft im Bezug auf ihre kämpferische Einstellung auch für die Partie in Regensburg kaum Vorwürfe machen kann. Immer offenkundiger wird jedoch, dass ein erfahrener alter Hase wie Aaron Hunt kaum zu ersetzen ist. Denn er allein scheint im insgesamt jungen Kader der Rothosen in der Lage, gerade in engen und hektischen Partien mit der nötigen Abgeklärtheit und Reife zu spielen. Und ebenfalls immer offenkundiger wird, dass es unverändert einen Mangel an robusten und zugleich kopfballstarken Abräumern für die Sechser-Position im Kader gibt. Nur daraus erschließt sich die taktische Notwendigkeit, den nominellen Mittelstürmer und kopballstarken Lasogga als zusätzliche Absicherung bei gegnerischen Standards bis in den eigenen Strafraum zurückzuziehen. Lasogga hat unbestreitbar seine Qualitäten im Durchsetzungsvermögen, seinem Abschluss, sowie mit dem Rücken zum gegnerischen Strafraum als Zielspieler. Jedoch gerade in Spielen, in denen ein Gegner wie der Jahn permanent drückt, ist er als etwaiger Konterspieler fast ein Totalausfall. Denn man mag bei Lasogga einiges an Qualitäten erkennen, aber läuferisch ist er höchstens biederstes Mittelmaß. Sogar für die zweite Liga.

Dabei begann die Partie in Regensburg aus Sicht des HSV gut und erfreulich. Wolf ließ wie gewohnt im 4-1-4-1 agieren und konnte dabei mit Sakai wieder einen echten, gelernten Außenverteidiger aufstellen. Die Gastgeber spielten gegen den Ball in einem offensiven 4-4-2 und versuchten, ganz wie es Wolf vor der Partie erwartet hatte, das Aufbauspiel des HSV durch frühes Pressing zu stören. Bei eigenem Ballbesitz griffen die Regensburger mit überraschend viel Personal an, sodass aus dem 4-4-2 ein 2-4-4 wurde. Zeitweilig rückten aber auch bis zu 7 Spieler der Heimmannschaft bis in und an den Strafraum des HSV auf. Dennoch zeigte sich der HSV zunächst unbeeindruckt, hielt kämpferisch dagegen, verteidigte aufmerksam, und in der 16. Minute konnte Bates nach Vorarbeit von Holby und Hwang aus kürzester Distanz den 0:1-Führungstreffer für die Hamburger abstauben. Hwang deutete auf dem linken Flügel mehrfach an, dass er läuferisch seinen Gegenspielern deutlich überlegen ist, jedoch fehlte es ihm mitunter an Zielgerichtetheit. Jatta, der in dieser Partie konsequent im ROM spielte, arbeitete defensiv sehr fleißig, dies ging jedoch zu lasten offensiver Aktionen. Mangala und Holby waren bemüht, defensiv zentral die Lücken zu schließen, konnten aber kaum je das Spiel offensiv konstruktiv ordnen und gestalten. Und was dennoch bis in den Strafraum des HSV kam, wurde von der guten Innenverteidigung, Bates und van Drongelen, oder mit vereinten Kräften aus dem Weg geräumt oder geblockt. Trotz des Drucks der Gastgeber erschien mir die Halbzeitführung keineswegs als unverdient, denn Lasogga hätte in der 24. Minute völlig frei und zentral im Strafraum des Jahn stehend das 0:2 machen müssen. MÜSSEN! Aber leider schob der sonst so treffsichere hamburger Mittelstürmer den Ball kläglich deutlich links neben das Tor.

Wolf hat sich vercoacht

In der zweiten Spielhälfte erhöhten die Gastgeber den Druck. Den jungen Rothosen des HSV gelang nun kaum noch etwas konstruktives nach vorne, was den Ausbau der Führung oder wenigstens Entlastung hätte bringen können. Einzig der kämpferische Einsatz des Teams blieb lange Zeit lobenswert. Leider hatte Mangala bereits in der 23. Spielminute den gelben Karton von Zwayer gesehen. Kurz nach Wiederanpfiff ließ Zwayer bei einem weiteren Foul von ihm noch Gnade vor Recht ergehen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war jedoch die Gefahr eines Platzverweises förmlich mit den Händen zu greifen. Hannes Wolf beließ Mangala dennoch auf dem Feld. Vermutlich in Ermanglung echter, auch nur annähernd gleichwertiger Alternativen. Gideon Jung stand nicht zur Verfügung, und Janjicic ist in meinen Augen bis zum heutigen Tage den konstanten Nachweis schuldig geblieben, dass er mehr sein kann als nur ein biederer Ergänzungsspieler in der 2. Liga.

Dennoch muss sich Wolf hier meines Erachtens einen klaren, eindeutigen Coaching-Fehler zurechnen lassen. Zwar ist richtig, dass man nicht zwingend einen bereits gelb verwarnten Spieler auswechseln muss, aber wer den Spielverlauf bis dahin gesehen hatte, der musste auch bemerkt haben, dass sich die Mannschaft nur unter Aufbietung aller Kräfte gegen den Sturmdrang der Gastgeber behaupten konnte. Wer aber permanent im Grenzbereich wandelt, gezwungenermaßen wandeln muss!, der überzieht eben auch ggf. mit hoher Wahrscheinlichkeit. Insofern kam die gelb-rote Karte wegen Handspiels vor dem eigenen Strafraum für Mangala (69.) mit Ansage. Mit etwas mehr Gespür hätte man Mangala hinaus nehmen und stattdessen Janjicic früher bringen müssen. Oder man hätte zur Not Lacroix als eine Art Vorstopper vor der Kette installieren können. Eine andere, denkbare Variante wäre meines Erachtens ein Wechsel Arp für Lasogga gewesen, durch den der HSV Druck von der eigenen Abwehr nehmen glaubwürdig mit schnellem Konterspiel hätte drohen können. Aber Wolf hielt offenbar Lasogga aufgrund der im Durchschnitt stärkeren Körperlichkeit der Regensburger (Al Ghaddioui!) in Kopfballsituationen für unverzichtbar. Wie auch immer: Es wäre bei einer 0:1-Führung sicherer gewesen, die Qualitätseinbuße durch den angesprochen Tausch „6er“ gegen „6er“ hinzunehmen, dafür aber die Mannschaft mutmaßlich vor einem Spiel in Unterzahl zu bewahren. So kam, was sich ebenfalls andeutete: Kaum hatte Mangala den Platz verlassen, gelang dem Jahn der Ausgleich durch Adamyan (71.).

Die weiteren Wechsel von Wolf erschienen mir alle nachvollziehbar, nur änderten sie nichts an der Niederlage. Denn in der 81. Minute gelang Grüttner mit dem 2:1 der Führungstreffer für die Gastgeber. Dass Janjicic in der 92. Minute wegen einer angeblichen Notbremse von Schiedsrichter Zwayer mit glatt Rot des Feldes verwiesen wurde, bleibt nur eine zusätzlich ärgerliche Randnotiz.

Fazit: Der HSV hat den Rückrundenauftakt verpatzt. Er verliert zurecht aufgrund eklatanter spielerischer Mängel in der enttäuschend von ihm geführten zweiten Spielhälfte und aufgrund eines eindeutigen Fehlers von Hannes Wolf. Eine wirklich nachhaltige, überzeugende spielerische Entwicklung der Mannschaft ist nicht erkennbar.

Aufstellung: Pollersbeck – Sakai, Bates, van Drongelen, Douglas Santos – Mangala – Hwang, Holtby (82. Arp), Özcan (71. Janjicic), Jatta (73. Lacroix) – Lasogga

Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin). Zweifelhafte, ungleiche Maßstäbe bei der Beurteilung. Der Platzverweis gegen Janjicic dürfte in die Kategorie „höchst zweifelhaft“ fallen.

Der HSV gewinnt das 101. Derby gegen den SV Werder Bremen mit 2:0 (0:0)

Vor dem Spiel war klar, dass für den Verlierer des Spiels unruhige Zeiten anbrechen. Dies galt insbesondere für den HSV, der  um Stabilität ringt. Angesichts der unverändert prekären finanziellen Lage des Clubs erscheint das schrittweise Heranführen von Talenten, wie es durch Zinnbauer erfolgt, weitestgehend als alternativlos. Wer aber auf Talente setzt, setzen muss, die aus der viertklassigen Regionalliga kommen, der muss Geduld haben. Gleichzeitig, auch das bleibt wahr, muss der Abstieg aus der Bundesliga möglichst vermieden werden. Die zweite Liga würde die ohnehin angespannten Finanzen des Clubs um einen weiteren zweistelligen Millionenbetrag belasten. Die nächsten ein einhalb Jahre werden aus Hamburger Sicht sportlich und finanziell vermutlich ein Tanz auf der Rasierklinge. Aus diesem Grund plädiere ich hier immer wieder für Vertrauen und Geduld. Aber beides gibt es natürlich nicht zum Nulltarif. Schon gar nicht für einen Trainer, der erst dabei ist, sich in der Bundesliga zu etablieren. So gesehen war das ewig junge Nordduell eine realistische Gelegenheit, um Erfolgserlebnisse zu sammeln. Zugleich aber, dies ergibt sich aus einer realistischen Einordnung der sportlichen Leistungsfähigkeit der Hamburger Mannschaft, steigt der Druck auf alle Beteiligten vor eben diesen Partien gegen derartige Gegner.

Zinnbauer vertraute vor dieser ungemein wichtigen Partie der folgenden Aufstellung: Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami- N. Müller (81. Götz), van der Vaart (86. T. Arslan), Holtby (67. Rudnevs), Gouaida – Lasogga

Das Spiel: Was das taktische Konzept angeht, so knüpfte der HSV an das Spiel gegen den VfL Wolfsburg an. Bei eigenem Ballbesitz schoben beide Hamburger Außenverteidiger nach vorn, während Behrami zwischen die weit auseinander stehenden Innenverteidiger abkippte, um aus dieser tiefen Position das eigene Spiel kontrolliert aufzubauen. Van der Vaart ließ sich regelmäßig auf die dadurch frei gewordene Sechser-Position fallen, um idealerweise dort als nächste Anspielstation und Bindeglied zur eigenen Offensive zu fungieren, was, um dies vorweg zu nehmen, nicht immer von ihm überzeugend umgesetzt wurde.

Da Jansen verletzt ausfiel (und weder Stieber noch Ilicevic im Kader waren), konnte das Debüt des jungen Mohamed Gouaida in der Startelf nicht grundsätzlich überraschen. Zinnbauer hatte ja bereits zu seinem Amtsantritt als Cheftrainer der Profis angekündigt, dass es unter seiner Leitung eine verbesserte Durchlässigkeit von der U23 zur Profimannschaft geben würde. Aus taktischer Sicht gab es hier eine interessante Neuerung zu beobachten, denn Gouaida spielte, obwohl Linksfuß und „gelernter“ Linksaußen, überwiegend auf der rechten offensiven Außenbahn. Auf der gegenüberliegenden, linken offensiven Außenbahn spielte dann mit Nicolai Müller der eigentliche Rechtsaußen. Mit anderen Worten: Zinnbauer verzichtete erstmals auf zwei klassische Außenbahnspieler und ließ stattdessen überwiegend mit zwei inversen, „falschen“ Flügelspielern spielen. Das erinnerte entfernt an die großen Bayern, wo ja mit Ribery und Robben ebenfalls zwei Spieler auf den Außenbahnen agieren, die meist auf Höhe des Strafraums nach innen ziehen, um von dort mit ihrem starken Fuß zum Abschluss zu kommen. Und ähnlich wie Ribery und Robben tauschten auch Müller und Gouaida mehrfach die Seiten, sodass sie zeitweilig eben doch auch auf dem „richtigen“ Flügel auftauchten.

Die klassische Besetzung der Flügel (rechtsfüßiger Rechtsaußen, linksfüßiger Linksaußen) hat den grundsätzlichen Vorteil, dass beide Außen öfter bis zur Grundlinie laufen, um von dort Flanken zu schlagen oder Pässe in den Rücken der gegnerischen Abwehr zu spielen. Dem Plus an Breite in der Spielanlage steht jedoch ein prinzipieller Nachteil beim Torabschluss durch die Außenbahnspieler gegenüber. Bei der durchgehenden Besetzung beider Außenbahnen durch inverse Flügelspieler werden diese selbst torgefährlicher, es droht jedoch ein Verlust an Breite. Insofern fand ich dieses mehrfach zu beobachtende Wechselspiel zwischen Gouaida und Müller sehr interessant, zumal die Breite durch die weit ins Mittelfeld  aufgerückten Außenverteidiger meist gewährleistet blieb.

Abgesehen von diesen taktischen Überlegungen hat mir Gouaidas Leistung gut gefallen. In der 11. Minute prüfte er Wolf im Tor der Bremer mit einem strammen Schuss, den der Bremer Torhüter jedoch parieren konnte. Auch später wählte er immer wieder intelligente Laufwege, spielte intelligente Pässe und bot sich permanent als Anspielstation an. Knapp 12 km Laufleistung,  36 Sprints, eine Passquote von 76 Prozent und zwei eigene Torschüsse – das ist schon sehr ordentlich. Allerdings muss er nach dieser ansprechenden Leistung nun nachlegen und dauerhaft beweisen, dass er es bei seinen nächsten Einsatzchancen genau so gut oder sogar noch besser kann.

Der HSV begann das Spiel offensiv-dominant, was aber auch durch die passiv-defensive Grundausrichtung der Bremer begünstigt wurde. Nachvollziehbar war für mich, dass Skripnik seine Mannschaft defensiv eingestellt hatte, da es dem HSV inzwischen schon traditionell schwer fällt, aus dem Ballbesitz offensiv tatsächlich gefährliche Situationen zu kreieren. Meines Erachtens agierten die Bremer aber zu passiv. Sobald sie nämlich situativ den Spielaufbau des HSV störten, zeigte sich, dass die Mechanismen beim HSV keineswegs sattelfest wirkten. Es gab diverse Situationen, in denen vor allem van der Vaart zu offensiv dachte und sich eben nicht ins bereits angesprochene Loch im defensiven Mittelfeld fallen ließ. Dadurch wurde der Passweg für Behrami nach vorne zu lang und damit zu riskant. Es folgten dann Querpässe meist zwischen Behrami und Westermann, die am Ende zu langen, hohen Bällen von Drobny führten. Dies langen, hohen  Bälle, ich schrieb es bereits mehrfach, sind für jeden Gegner leicht zu verteidigen. In dieser Anzahl gespielt, sind sie für mich ein Indiz für mangelnde spielerische Lösungen. Dass sich van der Vaart situativ  (zu) weit nach vorne orientiert, mag der Tatsache geschuldet sein, dass er sich an seine neue Rolle noch gewöhnen muss. Ich bleibe aber im Bezug auf diese taktische Variante skeptisch, auch wenn ich Verbesserungen für denkbar halte. Lieber würde ich hier einen Rollentausch zwischen dem derzeit offensiver agierenden Holtby und van der Vaart sehen. Zwar ist van der Vaart im Mittelfeld stärker ins Spiel einbezogen, jedoch fehlen der Mannschaft genau die Schnittstellenpässe im letzten Spielfelddrittel, die zu seinen ausgewiesenen Stärken gehören. Seine Standards fand ich zudem im direkten Vergleich mit dem Bremer Schützen Junuzovic erneut eher schwach. Ich bleibe dabei: van der Vaart, so sympathisch er mir persönlich auch ist, gehört für mich beim HSV zu den Auslaufmodellen, bei denen ich keine Perspektive über diese Saison hinaus erkenne.

Die erste Halbzeit war arm an Höhepunkten. Der HSV erspielte sich ein rein optisches Übergewicht, ohne jedoch spielerisch überzeugen zu können; Bremen spielte zu passiv und konnte im Grunde nur durch die gefährlichen Standards von Junuzovic Akzente setzen. Erneut gelang es dem HSV fast gar nicht, den unermüdlich arbeitenden Lasogga gegen einen tief stehenden Gegner gefährlich in Szene zu setzen. Vorne fehlte van der Vaart. Holtby hatte einen eher gebrauchten Tag erwischt und für beide Außenverteidiger, vor allem für Diekmeier!, gilt, dass die Präzision der Hereingaben unverändert  verbesserungswürdig bleibt.

Der erste Höhepunkt der zweiten Halbzeit war aus meiner Sicht ein kluger Pass von Gouaida in der 52. Minute auf Ostrzolek, dessen gute Flanke der Bremer Garcia gerade noch vor Lasogga zur Ecke klären konnte. Der nachfolgende Eckstoß (van der Vaart…) war einmal mehr leider harmlos.

In der 62. Minute zeigte Schiedsrichter Zwayer van der Vaart nach einem Check mit der Schulter den gelben Karton, was ich für eine harte Entscheidung hielt. Dafür erwies sich der Schiedsrichter jedoch aus Sicht des HSV wenige Minuten später als nachsichtig. Der zurückeilende, bereits in der ersten Halbzeit gelb verwarnte Westermann unterband mit einem weiteren Foul in höchster Not einen Bremer Angriff. Aus meiner Sicht ein klares taktisches Foul, das normalerweise zur zweiten gelben Karte und damit zum Platzverweis führt. Zum Glück für den HSV kam Westermann hier ungeschoren davon. Dies nur an die Adresse derjenigen, die sich als Hamburger notorisch durch die Schiedsrichter benachteiligt sehen.

Zinnbauer brachte in der 67. Minute Rudnevs für den glücklosen Holtby, der nur zwei Minuten später eine (kleinere) Torchance vergab, da er falsch zum Ball stand. Ehrlich gesagt habe ich mich zu diesem Zeitpunkt schon fast auf ein torloses Unentschieden eingestellt, denn Rudnevs ist für mich als reiner Konterstürmer auch aufgrund seiner deutlichen technischen Defizite kein optimaler Partner für Lasogga. Hier wäre ein kleiner, beweglicher, technisch starker Partner m.E. die Ideallösung. Einer wie bspw. der von Gladbach derzeit nach Kaiserslautern ausgeliehene Younes.

Bremen kam nun auch aufgrund diverser Wechsel und Umstellungen besser ins Spiel. In der 79. Minute hatten sie ihre wohl größte Torchance. Zunächst prüfte Garcia mit einem starken Kopfball ins lange Eck den erneut fehlerlosen Drobny, der den Ball gerade noch seitlich neben den Pfosten abklatschen konnte. Der dort positionierte Junuzovic verfehlte mit dem Nachschuss dann denkbar knapp das HSV-Tor.

In der 81. Minute brachte Zinnbauer Götz für Müller ins Spiel. Ein überraschender Tausch, wie ich fand. Aber Zinnbauer kennt natürlich gerade die Spieler aus der U23 besser als ich und weiß, auf welchen Positionen sie (auch noch) einsetzbar sind.  Wenig später warf Götz von der rechten Seite einen Einwurf im Diekmeier-Stil weit in den Bremer Strafraum. Lukimya stand schlecht zum Ball und verlängerte ihn per Kopf unfreiwillig vor das Tor, wo Rudnevs einmal  mehr das zeigte, was man ihm bei aller Kritik nicht absprechen darf: er ist handlungsschnell und hat den „Torriecher“. Rudnevs nutzte die kurze Konfusion in der Bremer Abwehr und schoss den Ball über die Linie zum 1:0 in der 84. Minute. Auch wenn ich die Perspektive des Letten aus den genannten Gründen beim HSV inzwischen sehr kritisch sehe – es gibt wenige Spieler, denen ich mehr Torerfolge gönne als ihm.

Werder musste nun angesichts des Rückstandes und der geringen verbleibenden Restspielzeit Risiko gehen. Damit eröffneten sich zwangsläufig Konterchancen für den HSV. In der 90+2. Minute verpasste Lasogga den entscheidenden zweiten Treffer, als er den mitgelaufenen Götz übersah und stattdessen selbst abschloss. Nur eine Minute später gab es eine kuriose Szene zu bestaunen: Gleich vier Hamburger liefen mit Ball allein auf Bremens Torhüter zu. Diese Mal passte Lasogga mustergültig quer auf den eingewechselten  T. Arslan, der das Kunststück fertig brachte aus zwei Metern (!) und völlig frei vor dem Tor stehend (!) den Ball an den linken Innenpfosten zu befördern. Unglaublich! Der Ball trudelte auf der Torlinie in Richtung des anderen Pfostens. Bremens Torhüter glitt der Ball beim folgenden Rettungsversuch durch die Hände, sodass dieser erst dadurch zum 2:0 hinter die Linie gedrückt wurde. Was für ein Dusel für den HSV, und was für ein peinlicher Torabschluss! Aber Tolgay, das schien mir seine Reaktion zu zeigen, weiß selbst, dass er hier nur um ein Haar an einer legendären Fehlleistung vorbeigeschrammt ist, wie sie, die älteren unter Euch werden sich erinnern, seinerzeit Frank Mill unterlaufen ist. Es bleibt bis auf Weiteres dabei, was auch seine persönliche Statistik nahelegt: Arslans Stärken liegen in der Defensive.

Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin). Das Leverkusen-Spiel ist bei den Schiedsrichtern anscheinend noch lebhaft und in unguter Erinnerung. Angesichts der grundsätzlichen sportlichen Rivalität zwischen beiden Nord-Vereinen und der für beide Clubs heiklen Tabellensituation pfiff Zwayer verständlicherweise eher kleinlich. Hätte den bereits gelb verwarnten Westermann in der 65. Minute nach einem weiteren Foul mit gelb-rot vom Platz schicken können. Der Platzverweis für den Bremer Fritz in der Schlussphase war korrekt.

Fazit: Endlich mal wieder ein Sieg im Duell mit dem Rivalen aus Ost-Delmenhorst. Bei mir überwiegt aber vor allem die Erleichterung, dass der HSV gegen einen Gegner auf Augenhöhe siegen konnte. Zwischen den Zeilen mancher Artikel konnte man schon erste Ansätze lesen, die Zinnbauer als Trainer in Frage stellten.

Das Niveau der Partie  entsprach m.E.  durchaus der Tabellenregion. Wirklich lobenswert aus Sicht des HSV fand ich einmal mehr, dass die Mannschaft unter Zinnbauer erkennbar leistungswillig ist. Man muss zudem berücksichtigen, dass das Spiel der Mannschaft einer „work in progress“ gleicht, da Zinnbauer die gemeinsame Saisonvorbereitung  mit dem Team fehlt. So bleiben bis auf weiteres die schrittweisen taktischen Neuerungen Zinnbauers, die kämpferische Leidenschaft der Truppe und die inzwischen zahlreichen Debütanten das Interessanteste, was der HSV derzeit zu bieten hat. Man könnte das vielleicht mit einem Blick über die Schulter des Chefmechanikers in einem Maschinenraum vergleichen, der im laufenden Betrieb gerade grundlegende Einstellungen vornimmt. Das ist eben mehr harte Arbeit als fußballerische Feinkost. Es bleibt zu hoffen, dass der HSV bis zur Winterpause noch das eine oder andere Erfolgserlebnis sammeln kann. Dann erst können, um im Bild zu bleiben, die Maschinen angehalten und gründlich neu justiert werden.

Aus meiner Sicht muss man von einem vom Glück begünstigten Arbeitssieg sprechen, was die Freude aber nicht schmälern soll. Auch wenn es  für mich spielerisch bis auf Weiteres oft unbefriedigend bleibt – unter Zinnbauer entwickelt sich etwas. Wenn man alle Rahmenbedingungen im Auge behält, dann erscheint mir der eingeschlagene Kurs derzeit unverändert alternativlos. Doch dazu an einem anderen Tag mehr.