Demirbay

Was man als Hamburger von den Augsburgern lernen kann: FC Augsburg – HSV

Wir nähern uns bekanntlich dem Saisonfinale. Und es ist keine Frage, aus Sicht des Hamburger Sportvereins ist dies bereits jetzt, obwohl die Saison ja noch gar nicht beendet ist, einmal mehr eine absolut enttäuschende Spielzeit.

Zu Beginn der Runde hatte bekanntlich Hamburgs Vorstandsvorsitzender, Carl Edgar Jarchow, Platz 6 und damit die Teilnahme am internationalen Geschäft als Saisonziel ausgegeben.  Im gleichen Atemzug fabulierte er von einer angeblichen Augenhöhe seines Vereins mit dem FC Schalke 04. Spötter fragten schon damals, ob er vielleicht die Hühneraugen der Knappen meinte. Aber so ist das eben beim HSV in den letzten Jahrzehnten fast durchweg: man schwelgt vor jeder Spielzeit in Größenfantasien, kündigt Großes an und am Ende der Saison heißt es einmal mehr: Denkste, Püppi!

Platz 16, das ist die raue Wirklichkeit. Zehn Plätze hinter der von Jarchow propagierten Zielstellung. Und als wäre das noch nicht schlimm genug – als Anhänger des Vereins muss man sich größte Sorgen machen, ob wenigstens dieser Platz, der zur Relegation berechtigt, gehalten werden kann. Als Verantwortlichem kann einem gar nicht deutlicher vor Augen geführt werden, dass man mit seiner Einschätzung zur sportlichen Leistungsfähigkeit kolossal falsch gelegen hat.  Auch aus finanzieller Sicht könnten Anspruch und Wirklichkeit nicht weiter auseinander liegen. Der FC Schalke baut seit Jahren seine exorbitanten Verbindlichkeiten ab. Herr Jarchow hingegen verantwortet einen inzwischen katastrophalen Anstieg des Negativen Eigenkapitals beim HSV. Einmal mehr dürfte die angestrebte schwarze Null deutlichst verfehlt werden. Und hätte man nicht zwischenzeitlich Spieler unter Marktwert verschleudert (z.B. Aogo), hätte man nicht die für das Campus-Projekt eingesammelten Gelder prinzipiell zweckentfremdet, der HSV wäre wohl spätestens in diesem Monat nicht mehr in der Lage gewesen, die Gehälter für seine Angestellten zu bezahlen. Dass Hamburgs Vorstandsvorsitzender dem Vernehmen nach davon ausgeht, dass er das Amt auch zukünftig bekleiden darf – eine Randnotiz, die einen kaum noch verwundern kann. Notorische Selbstüberschätzung, desaströse Leistungsbilanzen – all das hat schließlich auch Tradition, beim abgewirtschafteten Hamburger Sportverein. Doch ich schweife ab, denn im Augenblick muss alle Konzentration dem Sportlichen gelten. Und hier könnte das Ziel nicht klarer zu definieren sein: Die Mannschaft muss in der Ersten Bundesliga bleiben.

Der kommende Gegner, der FC Augsburg, spielt vergleichweise eine starke Saison. Derzeit steht man auf dem achten Platz. Im Hintergrund arbeitet  Sportdirektor Stefan Reuter erfreulich unaufgeregt mit einem durchaus übersichtlichen Etat, während der Luhukay-Nachfolger, Trainer Markus Weinzierl, seiner Mannschaft einen klaren Spielstil eingeimpft hat, den man als relativ erfolgreich würdigen muss. Denn bei derzeit 43 Punkten ist für den FC Augsburg längst Gewissheit, was beim HSV noch höchst zweifelhaft erscheint: der FCA wird auch in der nächsten Saison der höchsten deutschen Spielklasse angehören. Auch wenn man das internationale Geschäft am Ende wohl verfehlen wird, so dürfte diese Spielzeit bereits jetzt als eine der erfolgreichsten in die Annalen der Bayern eingehen.

In der taktischen Grundformation lässt Weinzierl den FCA mit einem 4-4-1-1 gegen den Ball arbeiten. Vorderste Spitze spielte zuletzt meist Sascha Mölders. Alternativ stünde hier Raul Bobadilla zur Verfügung, der im Hinspiel den 0:1-Siegtreffer für die damaligen Gäste erzielen konnte. Hinter dem Stürmer fungiert gewöhnlich Halil Altintop als eine Art Neuneinhalber. Linksaußen spielen  Tobias Werner oder der vom VfB Stuttgart vor der Saison verpflichtete junge Österreicher Holzhauser. Mit dem im Winter ablösefrei hinzugeholten Esswein steht eine weitere Alternative als Linksaußen zur Verfügung. Da Esswein jedoch Rechtsfuß ist, kann er  grundsätzlich auch auf der rechten Außenbahn spielen. Dort spielt gewöhnlich jedoch eine der Entdeckungen dieser Saison, der schnelle, beidfüßige André Hahn. Angesichts der fortwährenden Verletzungsprobleme bei Gomez und Klose würde es mich nicht wundern, sollte Hahn den Sprung in den endgültigen Kader Löws für die WM in Brasilien schaffen. Sei es, wie es sei – nach dieser Spielzeit wechselt Hahn zur Borussia aus M’Gladbach. Und da Favre als mehr als sorgsam im Umgang mit Spielerverpflichtungen bekannt ist, darf man dies getrost als Anzeichen für Qualität werten.
Im zentral-defensiven Mittelfeld der Augsburger ragt spielerisch Daniel Baier heraus, der so etwas wie das bayrische Pendant zu Hamburgs Milan Badelj darstellt. Daneben spielt der zweiundzwanzigjährige Kevin Vogt. Mit 1,94 m (laut Transfermarkt.de) bringt er in den Bereich des defensiven Mittelfeldes eine imposante Größe auf das Feld neben dem mit 1,75 m doch eher klein gewachsenen Baier. Ein Detail, das man auf Hamburger  Seite seit Jahren sträflich missachtet hat. Denn mindestens beim Duo Arslan und Rincon fehlt es u.a. deutlich an Zentimetern, wenn es gilt, Kopfbälle zu erobern. Zuletzt gleich mehrfach und folgenreich zu beobachten… Angeblich ist der HSV an Vogt interessiert. Man darf gespannt sein, ob sich dies bewahrheitet und seine Verpflichtung gelingt. Ebenfalls interessiert soll der HSV auch an Augsburgs Linksverteidiger, Matthias Ostrzolek, sein. Ich werte dies als weiteres Indiz dafür, dass  Marcel Jansen den HSV zum Saisonende verlassen wird. Erstens dürfte Jansen vor dem letzten großen Vertrag seiner Karriere stehen. Zweitens wird er sportlich höhere Ziele anstreben, als sie mit dem HSV in den nächsten Jahren realistisch zu erreichen sind. Drittens muss der HSV bekanntlich sparen, sparen und noch einmal sparen.

Was die taktische Grundformation (s.o.) und deren Umsetzung angeht, so könnten die Spieler des Hamburger Sportvereins beim FCA Anschauungsunterricht nehmen. Im Gegensatz zum HSV zeichnet sich die Mannschaft der Augsburger durch ein hohes Maß an Kompaktheit aus. Bei Ballbesitz des Gegners besetzt man zunächst den zentralen Raum im Mittelfeld, blockiert also für den Gegner nach Möglichkeit den kürzestens Weg zum eigenen Tor. Dann presst man kollektiv(!) offensiv. Während die beiden Spitzen bereits den gegnerischen Spielaufbau durch dessen Innenverteidiger stören, bleiben die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen, bzw. zwischen den Kettengliedern eng. Der Gegner findet also kaum Räume im Zentrum und wird systematisch zu langen Bällen über die Außenbahnen genötigt. Dies hat zwei grundsätzliche Vorteile aus Sicht der Augsburger:

1.) ist für den Gegner der Weg über außen zum Tor länger, was dem FCA prinzipiell Zeit verschafft, um etwaige Lücken zentral vor dem eigenen Tor doch noch schließen zu können;
2.) sind lange, hohe Bälle des Gegners immer leichter zu verteidigen.

Sind die Augsburger einmal nicht in der Lage, den Ball durch ihr Offensivpressing zu erobern, so zieht sich die Mannschaft geschlossen(!) zurück und verdichtet vor dem eigenen Strafraum noch weiter die Räume. Das so ein taktisches Verhalten durchaus von Erfolg gekrönt sein kann, ist  hinlänglich bekannt und konnte zuletzt auch wieder beim Spiel Real Madrid gegen den FC Bayern (1:0) beobachtet werden. Es half den Bayern bekanntlich wenig, dass sie regelmäßig tief in die Hälfte des Gegners vordrangen und dort meist im Ballbesitz waren.

Aus Sicht des Hamburger Sportvereins ist also zu erwarten, dass man wie zuletzt auch gegen den VfL Wolfsburg schon beim Spielaufbau gestört wird. Für den HSV wird es einmal mehr darauf ankommen, das richtige Maß zwischen Offensive und Defensive zu finden. Doch egal wie man dieses eminent wichtige Spiel auch angeht, man sollte tunlichst als Mannschaft kompakt bleiben. Der FC Augsburg hat bei vier Punkten Rückstand nur noch theoretisch die Chance, auf Platz sieben zu klettern und ins internationale Geschäft einzuziehen. Nach unten geht für die Mannschaft ohnehin nichts mehr. Der HSV hingegen müsste im Grunde mit dem Mute der Verzweiflung um eine seiner allerletzten Chancen kämpfen.

Slomka ist ja mit der Mannschaft vorzeitig angereist, um die Mannnschaft noch einmal auf diese Partie einzustimmen. Hoffen wir, dass es hilft. Anlass zur Hoffnung gibt mir, dass vermutlich sowohl Badelj als auch Jansen wieder zur Verfügung stehen und spielen können. Nicht zur Verfügung stehen Djourou und van der Vaart, die aber angeblich Mitte der nächsten Woche  wieder mit der Mannschaft trainieren können.

Wäre ich der Trainer des Hamburger Sportvereins (was ich natürlich nicht bin!), ich würde die folgende Aufstellung ins Auge fassen:

Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jansen (Jiracek) –  Tesche, Badelj, Demirbay (Rincon), Ilicevic – Calhanoglu – Zoua

Bei Arslan habe ich nach dem letzten Spiel Zweifel, ob er tatsächlich verstanden hat, was ohne wenn und aber gefordert ist. Aber natürlich ist Slomka näher an der Mannschaft. Ein Einsatz von Demirbay wäre sicher ein Risiko, da der Junge über wenig Erfahrung verfügt, könnte aber u.a. auch jenen Schuss Unbekümmertheit bringen, ohne den man verkrampft. Letztlich muss der Trainer entscheiden, ob er dieses Risiko einzugehen bereit ist. Wenn also die Entscheidung gegen Kerem fiele, dann wäre für mich, der ich das alles aus der Ferne beobachte, Rincon die Alternative. Mag man Tomas auch einen Mangel an Kreativität bescheinigen – einen derart eklatanten Mangel an Kampfgeist, wie man ihn bei Arslan zuletzt beobachten musste, hat man bei ihm in all seinen Jahren beim HSV nie gesehen.

Gelingt dem HSV eine Kopie der Augsburger Spielanlage, spielt er von Anfang an engagiert, konzentriert und kompakt, dann ist trotz angeblichem Auswärtsfluch sogar eine erfolgreiche Revanche für die Niederlage gegen denselben Gegner absolut im Bereich des Möglichen.

DAS RESTPROGRAMM

15. VfB Stuttgart (32 Pkt; -11):
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -18):
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -28)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -28):
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)

Letzte Ausfahrt Relegation: HSV – VfL Wolfsburg 1:3 (0:2)

Ich gestehe, es macht mir im Augenblick keinen Spaß. Immer wieder die gleichen Fehler, immer wieder eine neue Enttäuschung, immer geringer die Chancen, die Klasse zu halten. Und dann sitzt Du am Morgen nach dem Spiel am Schreibtisch, hast den Anspruch, keinen oberflächlichen Dreck unter ’s Volk zu bringen, versuchst, zu einer halbwegs sinnvollen, sachlichen Einschätzung des Gesehenen zu kommen und hast doch mehr als genug mit den eigenen Gefühlen zu kämpfen…

In diesen Monaten gibt es wohl keinen Spieltag, an dem es keine neuen Hiobsbotschaften für den HSV zu verkraften gibt. Am Samstagmorgen meldete sich Innenverteidiger Tah krank (Erkältung) und war demzufolge nicht im Kader. Unmittelbar vor dem Spiel dann der nächste Schock: Djourou hatte muskuläre Probleme (Zerrung) und konnte ebenfalls nicht auflaufen. Slomka musste also die inzwischen eingespielte Innenverteidigung umbauen. Und das gegen die Wolfsburger, deren Prunkstück die Offensive ist.

Der HSV begann daher mit folgender Aufstellung:

Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jiracek – Tesche, Rincon (74. Demirbay), Arslan (56. John), Ilicevic (86. Maggio) – Calhanoglu – Zoua

Allzweckwaffe Westermann übernahm die Position des Innenverteidigers neben Mancienne. Der gelernte Mittelfeldspieler, Jiracek,  verteidigte dafür links außen. Auf der rechten Außenbahn durfte Tesche beginnen, da Calhanoglu van der Vaarts Position im Zentrum hinter Zoua einnehmen sollte. Man darf daher getrost vom letzten Aufgebot des Hamburger Sportvereins schreiben, dass Slomka zur Verfügung stand.

Spielbericht: Es kam, wie es fast kommen musste: die diversen Umstellungen hatten ihren Preis. Kaum hatte die Partie begonnen, verlor Arslan den Ball leichtfertig in der Vorwärtsbewegung. Das „Leder“ kam zu Gustavo, der vertikal einen lehrbuchreifen Pass in die Schnittstelle zwischen den beiden hamburger Innenverteidigern spielte, die nicht schnell genug einrücken konnten. In die Gasse sprintete Perisic und lief praktisch unbedrängt in zentraler Position Richtung Hamburger Gehäuse. Adler stand aus mir unerfindlichen Gründen irgendwo im Nirgendwo, d.h. weit vor seinem Tor. Perisic hatte die frei Auswahl: Adler umspielen, überlupfen oder abschließen. Perisic schloss sofort ab, Hamburgs Torhüter ohne Chance – schon stand es 0:1. Die kalte Dusche in der dritten Spielminute.

Der Hamburger Mannschaft merkte man an, dass sie so noch nie zusammengespielt hatte. Immer wieder kam es zu Missverständnissen, die jeden Elan zusammenbrechen ließen. Der VfL verteidigte clever. Mal begann man seine Attacken auf die ballführenden Hamburger erst zwanzig Meter vor der Mittellinie, dann wieder presste man sehr offensiv schon am Strafraum der Hamburger, was den Spielaufbau durch die Innenverteidigung der Gastgeber fast vollständig verhinderte. So war es Adler, der immer wieder gesucht werden musste, und der dann lange Bälle spielte. Dennoch kam der HSV zu (Halb-)Chancen. In der 16. Minute fiel Ilicevic in zentraler Position eine unfreiwillige Kopfballvorlage eines Wolfburgers vor die Füße. Leider traf er den Ball nicht sauber, und so verfehlte sein Schuss knapp rechts das Tor der Wölfe. Eine Minute später kam Ivo nach Freistoßflanke Calhanoglus halblinks im Strafraum der Gäste erneut zum Schuss, verfehlte das Tor dieses Mal jedoch deutlich (17.).

In der 31. war ein erneuter Abstimmungsfehler in der Hamburger Hintermannschaft zu notieren. Ein langer und hoher Ball der Gäste führte zu einem verlorenen Kopfballduell im defensiven Mittelfeld – schon stand wieder ein Wolfsburger völlig frei zentral vor dem Hamburger Tor und vor Adler. Dieses Mal war es der starke De Bruyne, dessen Schuss Adler jedoch in höchster Not mit dem Fuß(!) über die Latte lenken konnte.

Nach etwas mehr als einer halben Stunde befand der Co-Kommentator bei SKY, Effenberg, dass die Hamburger Defensive nicht entschlossen aufrücke, wenn vorne von den eigenen Leute gepresst würde. Daher würden sich die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen zu sehr vergrößern, was zur Folge habe, dass man bei Ballverlust nur mit sechs, sieben Spielern verteidige. Und in der Tat! Es raubt einem als dem HSV zugeneigten Beobachter schon den letzten Nerv, wenn man wieder und wieder dieselben Kardinalfehler beobachtet. Gedanklich dürfte dieses Problem mühellos zu erfassen sein. Wenn sich der Fehler dennoch hartnäckig wiederholt, dann muss es m.E. eine Frage des Selbstvertrauens sein. Hier könnte man einen Teufelskreis unterstellen: Viele und z.T. schnelle Gegentore führen zu der Angst, ggf. überlaufen zu werden und noch mehr Tore zu kassieren. Also steht man hinten tief(er), während sich für die Gegner im Rücken der offensiv pressenden vorderen Leute riesige Räume auftun. Die Gegner können dort dann kontrolliert spielen, da von Hamburger Seite kein Druck mehr auf den ballführenden Spieler ausgeübt werden kann. Die Folge sind dann noch mehr Gegentore und noch weniger Selbstvertrauen.

Kurz vor der Pause dann der nächste Nackenschlag für die Gastgeber. Eine Szene, die mir endgültig die Zornesröte ins Gesicht trieb: Arslan lief mit Ball in gleich zwei Wolfsburger Spieler, was zum Ballverlust führt. Dabei ging Tolgay zu Boden und blieb demonstrativ liegen, so als müsse der Schiedsrichter dann automatisch  Freistoß zugunsten des HSVs pfeifen. Sippel aber erkannte auf kein Foul und ließ weiterspielen. Arslan aber, statt sofort aufzustehen und dem Ball hinterherzujagen, stand in aller Seelenruhe auf, dass er nicht  auch noch seine Frisur gerichtet hat, fehlte noch!, und trabte dann in Richtung des eigenen Strafraums. Die Wolfsburger dachten aber nicht daran, darauf zu warten, dass Herr Arslan als defensiver Mittelfeldspieler geruhte, ihnen das Leben schwer zu machen – welch eine Überraschung! Der Ball wanderte zügig auf den rechten Flügel (vom Hamburger Tor aus gesehen), wo weder der rausgerückte Westermann noch Tesche Zugriff erhielten. Durch einen einfache Pass in die Schnittstelle der äußeren Kettenglieder der Hamburger Verteidigung stand De Bruyne plötzlich erneut völlig frei in halblinker (aus seiner Sicht) Position innerhalb des Hamburger Strafraums. Er ließ sich nicht lange bitten und schoss an Adler vorbei ins lange Eck – 0:2. (42.).

Zur Halbzeit gab es, verständlich!, Pfiffe des konsternierten Publikums. Ich hatte den Eindruck, das Vieles im Hamburger Spiel improvisiert wirkte, als Folge des bereits angesprochenen fehlenden Selbstvertrauens, mangelnder Spielpraxis (Tesche), bzw. der erzwungenen Umstellungen  (Abstimmungsprobleme).

Nach der Pause kamen die Hausherrn erkennbar aggressiver aus der Kabine (warum nicht gleich so?!). Dennoch folgte der nächste Nackenschlag. In der 49. Spielminute segelte eine Wolfsburger Ecke von links in den Stafraum. In der Mitte hatte ein kleingewachsener Hamburger gegen den „Funkturm“ Naldo die Leiter zu Hause vergessen (falsche Zuordnung). Naldo köpfte in Richtung des Fünfmeter-Raumes, wo Olic aus vier Metern keine große Mühe hatte, abzustauben. Westermann kam einen halben Schritt zu spät, um noch entscheidend eingreifen zu können. 0:3 – es schien sich ein Debakel anzudeuten.

In der 51. Spielminute dann ein Lebenszeichen des HSVs. Einen fulminanten Schuss des zuletzt immer engagierten Calhanoglus aus 16-17 Metern konnte der Benaglio-Vertreter, Grün, im Tor der Gäste gerade noch über die Latte lenken. Eine Minute später scheiterte Westermann, bedrängt vom eigenen Mann, Zoua, mit einem Kopfball. Der Ball verfehlte klar das obere Eck am kurzen Pfosten des Gästetores.

Slomka nahm den dieses Mal indisponierten Arslan in der 56. Minute vom Feld und brachte John. Da John Flügelspieler ist, rückte Tesche nun nach innen in die Zentrale. Eine Maßnahme, die sich umgehend auszahlen sollte. Tesche leitete sehenswert einen Angriff ein, der am Ende bei Ilicevic endete. Ilicevic stand in halblinker Position innerhalb des Wolfsburger Strafraums und schoss im Fallen ins lange Eck des Gästetores – der Anschlusstreffer zum 1:3 in der 58. Spielminute.

Der HSV kam nun, angetrieben von Tesche, besser ins Spiel. Man war plötzlich bissiger und aggressiver und zeigte klarere Spielzüge. Auch das zwischenzeitlich erschreckend emotionslose Hamburger Publikum erwachte aus der Schockstarre. So konnte man das Spiel eine Weile ausgeglichener gestalten, ohne jedoch zu ganz klaren Torchancen zu kommen, leider.

In der 73. Minute zog dann der starke Gustavo vom rechten Strafraum-Eck der Hamburger ab und scheiterte am langen Pfosten denkbar knapp.

Es war erneut Tesche, der in der 78. Spielminute zu Zoua durchsteckte. Dieser passte zu dem gerade eingewechselten Demirbay. War es die Aufregung bei seinem Bundesligadebüt oder die Überraschung, so frei zum Schuss zu kommen? – Kerem traf leider den Ball völlig falsch, und so segelte sein Schussversuch Richtung Eckfahne. Schade.

Langsam lief dem HSV die Zeit davon. Die Folgen sind in solchen Fällen immer gleich. Die im Rückstand befindliche Mannschaft muss öffnen und mehr Risiko gehen. Es häuften sich nun die Chancen für die Gäste. So scheiterte erneut Gustavo mit einem sehenswerten Vollspann-Schuss aus gut und gerne 35 Metern an der Latte des Hamburger Tores (82.). Unmittelbar darauf stand Olic völlig frei vor Adler. Hamburgs Torhüter, bis auf den erste Gegentreffer erneut absolut tadellos, machte sich ganz lang und konnte den Schuss von Olic gerade noch um den Pfosten drehen.

In der 90. Minute schickte Schiedsrichter Sippel den bereits gelbverwarnten Gustavo nach absichtlichem Handspiel mit der Ampelkarte vom Feld, doch auch die daraus resultierende Überzahl führte in der verbleibenden  Restspielzeit zu keiner Ergebnisänderung mehr.

Schiedsrichter: Sippel (München). Kam mit wenig Karten aus. Ließ viel laufen. Im Zweifel für den Schiedsrichter, also ordentliche Spielleitung.

Fazit: Freiburg und Hannover  dürften mit jeweils 35 Punkten gerettet sein. Sollte der VfB Stuttgart heute Abend gegen Schalke 04 gewinnen, dann dürfte auch Platz 15 als Ziel für den HSV illusorisch sein. Aber selbst wenn den Stuttgartern der Befreiungsschlag gegen die Knappen missglücken sollte – der HSV wird in dieser Form Mühe haben, überhaupt den zur Relegation berechtigenden Platz 16 zu verteidigen. Wenn man realistisch ist, dann wird das schwer genug. Ein Selbstgänger wäre eine Relegation, egal gegen wen!, nicht.
Hoffnung macht mir, dass nächste Woche Badelj zurück sein dürfte. Eventuell, wer weiß das schon?!, steht auch Jansen wieder zur Verfügung.
Tesche, ohne ihn in den Himmel loben zu wollen, hat unter diesen Umständen (wenig eigene Spielpraxis, verunsicherte Mannschaft, „letztes Aufgebot“) eine befriedigende Leistung gezeigt. Fußball ist und bleibt Mannschaftssport. Einer allein kann in aller Regel wenig bewirken. Wer nach diesem Spiel besinnungslos und fast vollkommen undifferenziert fast jedem Spieler die Spielnote 5 oder schlechter verpasst, der offenbart einmal mehr, dass er weder fachlich Details erkennt, noch komplexe Zusammenhänge im Sport intellektuell bewältigt.
Meine Hoffnung ist also, dass es dem HSV gelingt, sich in die Relegation zu retten. Und dort soll uns ja auch wieder Lasogga zur Verfügung stehen. Es könnte also, gerade kurz vor dem endgültigen Toreschluss, dazu kommen, dass der HSV dann tatsächlich wieder in Bestbesetzung antreten kann. Aber um diese Relegation überhaupt erreichen zu können, muss der HSV endlich, endlich sein größtes Manko abstellen. Das Zauberwort heißt: Kompaktheit (s.o., auch Effenbergs Kommentar bei SKY). Mit anderen Worten: die Relegation bleibt die realistische Option. Allerdings ist es wohl die letzte Ausfahrt vor dem direkten Weg in die Zweitklassigkeit.

P.s. Nach dem Spiel meinten einige Hamburger (ca. 70), sie müsste vor dem Stadion randalieren. Unter anderem wurde mit Absperrgittern geworfen. Man versuchte wohl, die Geschäftsstelle zu stürmen. Ich habe zwar  grundsätzlich Verständnis dafür, dass man total frustriert, enttäuscht und sogar verärgert ist, halte ein solches Verhalten jedoch für eine absolute Schande. Das nützt niemandem, außer diesen Chaoten mit ihrer mangelhaften Affektkontrolle selbst. Denen geht es nicht um den HSV, sondern der HSV ist hier nur Mittel zum Zweck: um sich zu produzieren und den eigenen emotionalen Überdruck abzulassen. Da es aber grundsätzlich immer (und überall) Menschen gibt, deren Affektkontrolle schwach und schwächer ist, wird man dieses Problem leider nie vollständig in den Griff bekommen. Ich würde mir wünschen, dass die speziell geschulten Greiftrupps der Polizei dieser Leute habhaft werden, damit man ihnen unverzüglich die Kosten ihrer Aktionen in Rechnung stellen kann. Nur das dürfte den einen oder anderen zur Vernunft bringen.

 

DAS RESTPROGRAMM

15. VfB Stuttgart (31 Pkt; -11):
Hannover 96 (A)
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -18):
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -26)
1. FSV Mainz 05 (A)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -26):
Hertha BSC (A)
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)