Djourou

Vor dem Spiel gegen den SC Paderborn 07

Jedes Jahr das gleiche Spiel. Je näher das Ende der Transferperiode rückt, desto mehr brodelt die Gerüchteküche. So auch beim HSV.

Jacques Zoua weilt in der Türkei. Angeblich steht die obligatorische sportmedizinische Untersuchung unmittelbar bevor – ein sicheres Indiz für einen bevorstehenden Wechsel. Dem Vernehmen nach soll Zoua für ein Jahr an den türkischen Erstligisten Kayseri Erciyesspor ausgeliehen werden. Ich hielte dies, sofern der Transfer zustandekommt, für eine gute Entscheidung, da Zoua sowohl im Sturmzentrum als auch auf der rechten Außenbahn beim HSV derzeit wohl bestenfalls nur die dritte Wahl wäre.

Ebenfalls vor einer Ausleihe steht dem Vernehmen nach Kerem Demirbay, der sich wohl für eine Jahr dem 1. FC Kaiserslautern anschließen soll. Nach dem Transfer von Valon Behrami und nachdem sich abzuzeichnen scheint, dass weder van der Vaart noch Badelj den Verein verlassen werden, halte ich auch hier eine Ausleihe für absolut sinnvoll. Demirbay konnte zwar bei seinen bisherigen Einsätzen im Trikot der Rothosen durchaus sein Talent andeuten, hat aber verletzungsbedingt im letzten Jahr kaum Spielpraxis sammeln können. Umso wichtiger  erscheint mir für seine Entwicklung, dass er nun endlich regelmäßig spielt. Etwas, was beim HSV angesichts der derzeitigen Konkurrenzsituation im Mittelfeld unwahrscheinlich ist, jedenfalls sofern Badelj, an dem gerüchteweise immer mal wieder andere Vereine Interesse bekundet haben sollen, den HSV nicht doch noch kurzfristig verlässt. Aber selbst im Falle eines Abgangs des Kroaten böte der Kader für Slomka auch ohne Demirbay ausreichend viele Alternativen.

Für den meisten Wirbel sorgt die angedachte einjährige Ausleihe von Jonathan Tah, den sich viele für diese Saison bereits als Stammspieler in der Innenverteidigung der Hamburger gewünscht haben. Ich habe durchaus Verständnis für die Kritik an diesen Gedankenspielen (meines Wissens gibt es bisher jedoch noch kein Angebot für Tah). Die Angst, hier könnte ein großes Talent vergrault werden, muss vor dem Hintergrund des wenig rühmlichen Umgangs des Vereins mit seinen größten Talenten in den letzten Jahren gesehen werden. Nachdem man sich aus unterschiedlichen Gründen bspw. von Sam, Son oder Öztunali getrennt hat, sind die verbreiteten Zweifel an der Nachwucharbeit des Clubs für mich grundsätzlich nachvollziehbar. Gleichwohl gilt, was Beiersdorfer (oder war es Peters?) sagte: Ein Verbleib Tahs in dieser Saison erscheint nur dann sinnvoll, wenn Tah mindestens erster Ersatz für einen der beiden Stammverteidiger in dieser Spielzeit wäre. Mit dem sich zusehends stabilisierenden Djourou, dem neuen Brasilianer Cléber, einem Westermann und einem Kacar im Kader kann man aber daran begründet ernsthaft zweifeln. Vergessen wir nicht, dass Tah bei allem unbestrittenen Talent noch sehr, sehr jung ist. Und dies wäre er mit dann gerade einmal 20 Jahren auch noch  bei seiner Rückkehr. Sollte Tah also die Chance haben, als Stammspieler bei einem anderen Erst- oder ambitionierten Zweitligisten regelmäßig Spielpraxis zu sammeln, dann ist das aus meiner Sicht für seine Entwicklung deutlich besser als noch unterklassiger in der Regionalliga für die U23 aufzulaufen.

Ob Lewis Holtby auf den letzten Drücker doch noch zum HSV kommt – wir werden es abwarten müssen. Sollten nicht doch noch  Badelj oder van der Vaart kurzfristig abgegeben werden und den Etat entlasten, kann ich mir derzeit einen kurzfristigen Transfer Holtbys zum HSV kaum vorstellen. Allein schon aus finanziellen Gründen. Ich vermute aber, dass seine Verpflichtung  evtl. im Winter, spätestens aber im nächsten Sommer angedacht sein könnte. Schon allein mit Blick auf die dann auslaufenden Verträge beim HSV. Denn das ist für mich das Schöne beim HSV nach dem Amtsantritt von Beiersdorfer und Peters: endlich hat man wieder den Eindruck, dass im Club perspektivisch-konzeptionell auch – aber nicht nur! – am Kader gearbeitet wird.

Womit ich bei den diversen Veränderungen im Nachwuchsbereich des Clubs wäre. Im Detail nachzulesen auf HSV.de: http://www.hsv.de/nachwuchs/meldungen/august-2014/neue-ausrichtung-in-der-ausbildung-und-im-campus-bau/

Ich will hier nicht jeden Punkt kommentieren, meine aber, dass auch hier die Entschlossenheit der Verantwortlichen sehr deutlich wird, den zwischenzeitlich leider entstandenen Rückstand zur Konkurrenz zu verringern. Das alte Konzept mag für Trainingskiebitze oder andere Besucher attraktiver gewesen sein. Ich finde aber, dass man bspw. Ticketing, Merchandising oder Gastronomie auch andernorts unterbringen kann.  So gesehen favorisiere ich die neue Planung, da hier noch mehr das Sportliche im Vordergrund steht. Die räumliche Zusammenführung von Profis und dem Nachwuchs, die Einführung eines regelmäßigen, alle zwei Wochen stattfindenden Elite-Trainings mit nach beiden Seiten offener „Drehtür“ für Talente, die Installation von Stefan Wächter als leitender Torwarttrainer im Nachwuchs, Schünemanns im Athletikbereich, die Einbindung Cardosos als Techniktrainer für Offensivspieler, oder die Rückkehr Patrick Rahmens jetzt als Cheftrainer des gesamten Nachwuchsleistungsbereichs, das hat in meinen Augen Hand und Fuß. Zum einen wird die angestrebte,  alle Altersstufen übergreifende, einheitliche Spiel-Philosophie nun sowohl durch die Struktur als auch das übergeordnet verantwortliche Personal gestützt und vorangetrieben. Zum anderen glaube ich, dass es sowohl aus Gründen der Motivation als auch der Identifikation mit dem Club wichtig ist, wenn der Nachwuchs möglichst nah am Profibereich dran ist. Hier gilt als Grundsatz: Fordern und fördern. Und dazu gehört für mich auch, dass die Talente die oft zitierte Durchlässigkeit unmittelbar erleben können. Getreu dem Motto: Wer besonders positiv auffällt, der wird eben auch durch besondere Maßnahmen, z.B durch den Zugang zur zwölfköpfigen Elite-Trainingsgruppe, belohnt. Allerdings wird es mehrere Jahre dauern, Bernhard Peters sprach in diesem Zusammenhang von drei bis vier, bis sich diese Neuausrichtung hoffentlich auszuzahlen beginnt.

Nach dem ordentlichen  Auftakt auswärts gegen Köln folgt nun am morgigen Samstag die Heimpremiere für den HSV gegen den zweiten Aufsteiger, den SC Paderborn. Erfreulich finde ich, dass das Stadion trotz der absolut enttäuschenden  letzten Saison vermutlich annähernd ausverkauft sein wird. Und das gegen den vermutlich größten Außenseiter der diesjährigen Spielzeit. Gespannt bin ich zunächst, ob und wie sich der Rückzug der CFHH auf die Stimmung im Stadion auswirken wird. Ehrlich gesagt, ich mache mir da allerdings wenig Sorgen, denn so sehr ich die Arbeit der Ultras beim basteln ihrer oft wirklich sehenswerten Choreos grundsätzlich respektiere – ich habe diesen nervtötenden Dauersingsang nie gemocht. Ich bekenne mich klar zur situativen, spielbezogenen Anfeuerung, welche die Mannschaft gerade dann gezielt lautstark unterstützt, wenn sie dies offensichtlich gerade besonders benötigt. Zudem sehe ich es grundsätzlich mit Argwohn, wenn Menschen blindlings nachbrüllen, was ein s.g. „Capo“ vorgibt. Auch gehe ich schon viel zu lange zum Fußball, habe Höhen und noch viel mehr Tiefen mit dem HSV durchlebt, um von einem Teen oder Twen irgendwelche Vorgaben oder gar Belehrungen als Fan zu benötigen. Das bemüht elitäre Selbstverständnis der Ultras war und wird mir immer fremd bleiben. Gleiches gilt für mich im Übrigen für jene Eventfans, die bei Häppchen und Drinks das Spiel in ihren Logen nur als Beilage konsumieren. Beides ist nicht mein Ding.

Was André Breitenreiter aus dem kleinen Provinzverein Paderborn gemacht hat, verdient höchsten Respekt. Ich habe die Mannschaft in der letzten Saison u.a. gegen den FC St.Pauli gesehen und war beeindruckt. Aber die erste Liga ist ein ganz anderer Schnack. Ähnlich wie Braunschweig in der letzten Spielzeit dürfte der SC heuer als mutmaßlich erster Anwärter auf den Abstieg gelten. Letztlich, man mag das beklagen oder nüchtern akzeptieren, entwickelt sich die Bundesliga ähnlich wie schon die Championsleague zu einer mehr oder minder geschlossenen Gesellschaft mit klar verteilten Rollen. Ein Aufsteiger mit einem Minietat von 15 Millionen „darf“ da mal hineinschnuppern – auf lange Sicht ist er niemals wettbewerbsfähig. Geld schießt oder verhindert zwar unmittelbar keine Tore, doch es erhöht deutlich die Wahrscheinlichkeit auf einen erfolgreichen Saisonverlauf. Allerdings, auch das ist ein Teil der Wahrheit, die man gerade als Hamburger in der letzten Saison bemerken konnte, bietet (relativ) mehr Geld keine Garantie auf Erfolg. Entscheidend bleibt, wie man mit seine Ressourcen umgeht (Womit in gewisser Weise auch der Bogen zu den oben angesprochenen strukturellen und personellen Veränderungen beim HSV geschlagen wäre.). Ich erwarte, dass die Paderborner, wie schon vor ihnen die Braunschweiger, für die eine oder andere Überraschung sorgen werden. Dennoch wäre alles andere als der direkte Abstieg eine tatsächliche Sensation.

Breitenreiter lässt seinen SC in einem 4-4-2, bzw. 4-4-1-1 antreten. Ähnlich wie van der Vaart beim HSV spielt der bewegliche Kachunga mal leicht hinter, mal auf gleicher Höhe mit der einzigen klaren Spitze. Nach dem Ausfall von Saglik, der mich in seiner Zeit beim FC St. Pauli selten überzeugen konnte, dürfte ganz vorne erneut der lange Stefan Kutschke (1,94m) auflaufen.

Überhaupt handelt es sich beim SC Paderborn 07, wen wundert es bei dem geringen Etat?, um eine Mannschaft der Namenlosen. Ganz offensichtlich konnten die Ostwestfalen der Versuchung widerstehen und waren bemüht, ihre Mannschaft sinnvoll und im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten angemessen zu verstärken. Die größte Stärke und vermutlich auch einzige Chance der Truppe im Hinblick auf einen Klassenerhalt dürfte vermutlich in der mannschaftlichen Geschlossenheit zu sehen sein. Als absoluter Underdog hat sie im Grunde nichts zu verlieren, sondern kann gegen jeden Gegner unbelastet auftreten. Spannend wird, ob Verein und Mannschaft ebenso wie die Braunschweiger zuvor die Ruhe bewahren, wenn sich Niederlage an Niederlage reihen sollte. Zum Auftakt erkämpfte man im heimischen Stadion immerhin mit dem 2:2 eine respektable Punkteteilung gegen Mainz, wobei die Mainzer erst in allerletzter Minute durch einen Foulelfmeter ausgleichen konnten. Auch wenn für mich gar kein Zweifel besteht, dass der HSV auf dem Papier den eindeutig besseren Kader als die Gäste besitzt – der HSV sollte gewarnt sein. Gerade für den HSV besteht kein Anlass zu Hochmut. Im Gegenteil! Für den HSV geht es bis auf Weiteres auch darum, verlorengegangenes Vertrauen bei seinen Anhängern zurückzugewinnen. Wer also glaubt, dass man die Paderborner quasi im Vorbeigehen aus dem Stadion fegen wird, der könnte eine böse Überraschung erleben. Psychologisch betrachtet sehe ich den HSV gar im Nachteil, da man gegen den krassen Außenseiter zu Hause wenig zu gewinnen, aber viel (Kredit) zu verlieren hat.

Nachdem man gegen Köln zu null spielen konnte, gehe ich davon aus, dass Slomka derselben Startelf wie gegen Köln vertrauen wird. Hoffen wir also auf ein erfolgreiches erstes Heimspiel und feuern die Mannschaft an!

Es bleibt noch viel zu tun: FC Energie Cottbus – HSV 1:4 i.E.

Die Fußballweltmeisterschaft ist schon wieder nur eine schöne Erinnerung. Nach der vermutlich längsten Saisonvorbereitung der Vereinsgeschichte und der Verpflichtung von vier neuen Spielern (Matthias Ostrzolek, Valon Behrami, Nicolai Müller, Zoltán Stieber) durfte man gespannt sein, wie sich die Mannschaft des Hamburger Sportvereins in ihrem ersten Pflichtspiel präsentieren würde.

Die vorangegangenen Auftritte gegen Wolfsburg, M’Gladbach und Lazio Rom waren aus meiner Sicht Muster (fast) ohne Wert, da Trainer bei Testspielen gewöhnlich viel experimentieren, was sich regelmäßig u.a. in zahlreichen Personalwechseln widerspiegelt. Wer und wie lange jemand in diesen Tests zum Einsatz kommt, das ist nicht zuletzt auch eine Frage der körperlichen Verfassung zum Zeitpunkt „X“ und lässt nur sehr bedingt Rückschlüsse auf die spätere Stammformation in den Pflichtspielen zu. Einer von mehreren Gründen, warum ich in den letzten Wochen diese Spiele hier nicht kommentiert habe. Erkennbar war m.E. jedoch, dass die Mannschaft diese Spielzeit körperlich in einer anderen, besseren Verfassung bestreiten wird, was angesichts von gleich drei Trainingslagern allerdings auch nicht überraschen konnte.

In den Tests war gelegentlich auch schon zu erahnen, dass die Verantwortlichen mehr Tempo in das Spiel der Mannschaft bringen woll(t)en. Gerade die drei Neuzugänge, Ostrzolek, Stieber und Müller müssen in diesem Zusammenhang genannt werden. Zudem erhöht sich durch ihre Verpflichtung der Konkurrenzdruck im Kader, was ich nur begrüßen kann. Linksverteidiger Ostrzolek wird Druck auf Jansen und Jiracek ausüben, Müller wird hoffentlich im ROM den leider dauerverletzten Beister adäquat ersetzen (was die Einsatzchancen für Zoua nicht gerade verbessern dürfte), und mit dem nominellen Linksaußen Stieber (alternativ: Jansen) im Nacken muss nun auch Ilicevic endlich „liefern“. In das defensive Mittelfeld soll Valon Behrami jene Qualitäten einbringen, die dort nicht erst seit letzter Saison viel zu oft schmerzlich vermisst wurden: Führungsqualitäten, klare Pässe und kompromissloses Zweikampfverhalten. Schaut man sich die personellen Alternativen und die Restvertragslaufzeiten an, dann ist m.E. zu erwarten, dass noch der eine oder andere bisherige Stammspieler abgegeben werden wird. Mich würde jedenfalls ein Abgang von Badelj, Jiracek oder Jansen nicht überraschen.

Neben Beister und Rajkovic dürfte wohl Kacar der zur Zeit größte Pechvogel sein. Schien es lange Zeit, als sei er neben Djourou als zweiter Innenverteidiger so gut wie gesetzt und hätte Westermann erfolgreich verdrängt, so wird man nach seiner Verletzung endgültig einen weiteren, neuen Innenverteidiger holen. Das dürfte auch die zukünftige sportliche Perspektive Westermanns beim HSV erheblich beeinflussen. Wenn der Anschein nicht trügt, so könnten auch hier die Zeichen auf Abschied stehen. Ich schätze Charakter und Polyvalenz von HW4, glaube aber derzeit, dass dieses Kapitel spätestens mit Ablauf seines Vertrages im nächsten Sommer geschlossen wird.

Für das gestrige Pokalspiel standen Mirko Slomka jedenfalls weder Kacar, Stieber oder Müller zur Verfügung.  Von den Neuverpflichtungen schaffte es einzig Behrami in die Startelf. Ostrzolek, obwohl fit, hatte nur wenige Trainingseinheiten zusammen mit der Mannschaft absolviert, sodass er lediglich als Ersatzspieler auf dem Spielberichtsbogen auftauchte. Slomka vertraute also folgender Aufstellung: Adler – Diekmeier, Djourou, Westermann, Jiracek (46. Lasogga) – Badelj (61. Arslan), Behrami, Ilicevic (115. Zoua), van der Vaart, Jansen – Rudnevs

Spiel: Der HSV begann die Partie in dem bekannten  4-2-3-1 mit Rudnevs als einziger Spitze.

In die defensive Viererkette rückte nach der Verletzung Kacars, dem Abgang von Mancienne und Sobiech und dem fortdauernden Ausfall von Rajkovic fast zwangsläufig Westermann als zweiter Innenverteidiger neben Djourou. Hier galt also: Business as usual…

Ilicevic bespielte ungewohnterweise die rechte offensive Außenbahn. Dies war vermutlich der Tatsache geschuldet, dass Beister-Ersatz Nicolai Müller noch mit Adduktorenproblemen ausfiel. Die linke offensive Außenbahn bespielte Jansen, dem wiederum Jiracek als Linksverteidiger den Rücken frei halten sollte. Ich gebe zu, mich hat diese Aufstellung zunächst doch ein wenig überrascht, da ich Ilicevic, obwohl er Rechtsfuß ist,  auf der rechten (statt der linken) Außenbahn schwächer sehe. Slomka wird wohl, so vermute ich, nicht zuletzt hier die Geschwindigkeit favorisiert haben, was angesichts der Ausfälle auf dieser Seite für Ilicevic (und bspw. gegen Zoua) gesprochen haben dürfte. Mit dem durchaus eingespielten Gespann Jiracek/Jansen sollte zudem wohl auch das kämpferische Element gestärkt werden. Dies wäre m.E. eine im Vorfeld einer auswärts ausgetragenen Pokalpartie plausible Begründung für diese Personalauswahl.

Die beiden Sechser, Behrami und Badelj, schoben bei eigenem Ballbesitz relativ weit auseinander, wodurch das eigene Spiel vermutlich einerseits mehr Breite erhalten sollte, andererseits auf dem ballnahen Flügel eine weitere, zusätzliche Anspielstation/Absicherung erzeugt werden sollte. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass Behrami grundsätzlich etwas häufiger als Badelj zentraler positioniert blieb, was man wohl auch als Fingerzeig für die zukünftige Führungsrolle des Schweizers werten könnte, die man sich von Seiten der Verantwortlichen von ihm allem Anschein nach verspricht.

Der HSV begann die Partie konzentriert, entwickelte jedoch enttäuschend wenig Ideen im Spielaufbau. Auch das für die kommende Saison favorisierte schnelle Umschaltspiel war kaum zu sehen. Immer wieder verfing man sich in der vielbeinigen Defensive der clever und engagiert verteidigenden Cottbusser.

In der 10. Spielminute wollte Westermann per Kopf auf Adler zurücklegen, doch der Ball geriet deutlich zu kurz. Jiracek sah vermutlich Adler aus seinem Gehäuse kommen und wollte den einlaufenden Cottbusser Angreifer wohl nur blocken. Adler kam jedoch zu spät an den Ball und rammte zuerst den Cottbusser Spieler (statt den Ball zu spielen). Der Angreifer ging zu Boden, und Schiedsrichter Kinhöfer zeigte folgerichtig auf den Punkt. Zeitz verwandelte den folgenden Strafstoß sicher. Das 1:0 für die Gastgeber, und der HSV durfte mal wieder einem Rückstand hinterherlaufen. Wie bereits geschrieben: Business as usual.

Aus meiner Sicht blieb dies leider nicht die einzige Unsicherheit Adlers, denn im weiteren Verlauf zeigte er auch zweimal haarsträubende Pässe bei der Spieleröffnung (mit dem Fuß), die beide direkt und problemlos vom Gegner abgefangen werden konnten. Hatte ich bei den vorangegangenen Testspielen noch die Hoffnung, er hätte zur Glanzform früherer Tage zurückgefunden, so war dies ein klarer Rückschritt. Daran können auch zwei später von ihm gehaltene Elfmeter nichts ändern, zumal mindestens der erste ganz, ganz schwach geschossen wurde.

Zur Pause reagierte Slomka und wechselte vom offensiv fast völlig wirkungslosen  4-2-3-1 auf ein 4-4-1-1 (mit flacher vier). Jansen gab nun wie gewohnt den Linksverteidiger für den ausgewechselten Jiracek; Ilicevic kehrte auf seine angestammte linke offensive Außenbahn zurück, während Rudnevs die nun verwaiste offensive rechte Planstelle besetzte. Ganz vorne, wie gehabt, spielte nun Lasogga vor dem leicht dahinter und um ihn herumspielenden van der Vaart. Der HSV kam zwar nach Wiederanpfiff etwas besser ins Spiel, ohne jedoch den ganz großen Druck auf das gegnerische Gehäuse erzeugen zu können. Es konnte daher nicht überraschen, dass HSV-Trainer Slomka in der 61. Spielminute den wenig überzeugend aufspielenden Badelj durch den offensiveren Arslan ersetzte. Arslan, da ich ihn ja häufig kritisiert habe, will ich das hier ausdrücklich festhalten, zeigte eine wirklich starke Leistung. Für mich zeigte er neben Djourou und van der Vaart die beste Leistung auf Seiten der Hamburger. Er war erkennbar darum bemüht, mit klugen raumöffnenden oder -nutzenden Pässen seine Mitspieler in Szene zu setzen, oder durch eigene Aktionen defensiv und offensiv Akzente zu setzen. Das hat mir wirklich  gefallen!

Der HSV spielte nun zunächst deutlich überlegen und kam folgerichtig zum verdienten Ausgleichstreffer. In der 70. Minute trat der ebenfalls deutlich formverbesserte van der Vaart einen guten Eckstoß. Westermann köpfte den Ball unhaltbar für Müller im Tor der Lausitzer ins Netz. Das 1:1.

Drei Minuten später hatte der HSV sogar die Chance zur Führung. Nach erneut starkem Pass von Arslan konnte Lasogga jedoch den Ball nicht über den Torwart lupfen. Die Nachschusschance für Ilicevic ist ob des dann doch arg spitz gewordenen Winkels m.E. nur ein Fall für die Statistik.

Eindeutige, weitere Torchancen waren nicht zu verzeichnen, sodass die Partie in die Verlängerung ging.

In der 96. Minute unterstrich van der Vaart seine gute Frühform und schoss sehenswert einen direkten Freistoß aus halbrechter Position über die Mauer der Gastgeber ins Netz. Die 1:2-Führung für den HSV.

Die Hamburger versäumten es nun, den sprichwörtlichen Sack zuzumachen. Statt weiter konsequent offensiv Druck auszuüben zog man sich unverständlicherweise zu sehr zurück. Eigene Unsicherheiten bei der Ballannahme und -verarbeitung (Behrami!) taten ein Übriges. So kamen die Lausitzer zunehmend stärker auf. Verdienter Lohn ihrer Bemühungen und Ausdruck einer durchaus starken Leistung (für einen Drittligisten mit fast vollständig neuer Mannschaft) war der erneute Ausgleich in der 105. Minute. Hier ließ sich praktisch die gesamte Hamburger Abwehr  (Djourou, Diekmeier und Westermann) düpieren.

Kurz vor Ablauf der Verlängerung brachte Slomka noch Zoua für Ilicevic. Zoua nahm  wie gewohnt den Platz auf der rechten offensiven Außenbahn ein, während Rudnevs nun auf die Ilicevic-Position auf dem linken Flügel rückte. Dieser Wechsel wirkte sich aber nicht mehr spielentscheidend aus. Es blieb also beim 2:2.

Nach Ablauf der Verlängerung musste daher das Elfmeterschießen über Ausscheiden oder Weiterkommen entscheiden. Hamburgs Schützen, van der Vaart, Djourou, Jansen und Rudnevs, verwandelten alle absolut sicher. Schon der erste Schütze der Cottbusser jedoch, Pawela, scheiterte mit einem äußerst schwach geschossenen Elfmeter an Adler. Den musste ein Bundesligatorhüter m.E. halten, daher kein Sonderlob für Adler an dieser Stelle. Beim insgesamt dritten Elfmeter für die Gastgeber (von Michel) ahnte Adler erneut die richtige Ecke und hatte zudem das Glück, dass der Cottbusser Michel den Ball halbhoch und damit dankbar für jeden Torhüter schoss.

Schiedsrichter: Thorsten Kinhöfer (Herne). Ohne größere Fehler.

Fazit: Der HSV setzte sich am Ende nach keineswegs überzeugender Leistung im Elfmeterschießen durch und zieht in die nächste Runde des DFB-Pokals ein. Kompliment an den Trainer des FC Energie, Krämer, und seine Mannschaft für eine starke Leistung.

Für HSV-Trainer Mirko Slomka bleibt viel zu tun. Nach wie vor ist das Aufbauspiel stark verbesserungswürdig. Jiracek wird es schwer haben, ins Team zu finden, sobald sich Ostrzolek mit der Mannschaft eingespielt hat, sofern Jansen beim HSV bleibt.

Westermann wie gehabt mit Licht und Schatten. Behrami ist in dieser Verfassung noch nicht überzeugend, obgleich man seine Qualitäten durchaus des Öfteren aufblitzen sieht.

Rudnevs zeigte auf beiden Außenbahnen  eine ansprechende Leistung und scheint für Slomka hinter Nicolai Müller hier die erste Alternative zu sein.  Die Einsatzchancen für Zoua dürften daher, Stand gestern, überschaubar sein.

Bei Stieber, auch wenn er gestern gar nicht spielte, schien mir bei seinen bisherigen Einsätzen noch die Bindung zur Mannschaft zu fehlen.

Selbst mit einem Lasogga, der verletzungsbedingt noch nicht in Topform sein konnte, erhielt das Angriffsspiel des HSVs sofort eine andere Qualität. Anders formuliert: es fehlt bisher unverändert eine wirklich überzeugende Alternative. Allerdings könnte sich die gesamte Spielanlage des Hamburger Sportvereins entscheidend verändern, sobald man die schnellen neuen Leute erfolgreich integriert hat, sodass dann auch ein Rudnevs besser zur Geltung kommen könnte.

Man wird abwarten müssen, ob und wie sich der Kader bis zum Ablauf der Transferperiode verändern wird. Auch wird man den Neuen einige Wochen einräumen müssen, bis sie endgültig ins Team integriert sind. Auch wenn  spielerisch/taktisch und personell noch diverse Baustellen vorhanden sind, so gehe ich davon aus, dass sich vor allem Ostrzolek, Behrami und Müller als tatsächliche Verstärkungen erweisen werden. Entscheidend wird m.E. sein, dass man zu Saisonbeginn einige Erfolgserlebnisse sammelt, damit dieser Integrationsprozess einigermaßen störungsfrei vollzogen werden kann und man nicht frühzeitig unter (medialen) Druck gerät. Sollte dies gelingen, dann halte ich am Ende eine Platzierung rund um den zehnten Platz herum für durchaus möglich. Für eine deutlich bessere Platzierung werden weitere Umbauten im Kader, also weitere Transferperioden notwendig sein. Demut, Geduld und Realismus bleiben also aus hamburger Sicht unverändert gefragt. Selbst in dem Fall, dass der Saisonstart überraschend positiv verlaufen sollte.