Jiracek

Gedanken zu Transfers und einem zukünftigen Spielsystem beim HSV

Nachdem die Personalien im Kader des HSV bis vor wenigen Tagen lediglich im Konjunktiv zu diskutieren waren, steht nun nach Ende der Sommertransferperiode fest, mit welchen Spielern der Club in diese Saison startet. Zeit für mich, um Zu- und Abgänge einer ersten Bewertung zu unterziehen. Außerdem habe ich mir Gedanken zu den daraus resultierenden taktischen Möglichkeiten, aber auch denkbaren Schwachpunkten gemacht. Die eingefügte Darstellung [Anm.: zur Vergrößerung anklicken oder in einem neuen Tab öffnen] benennt personelle Alternativen und soll eine aus meiner Sicht denkbare taktische Ausrichtung skizzieren:

 

 

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Bevor ich auf einige Details eingehe, sei zunächst darauf hingewiesen, dass diese Skizze die aus meiner Sicht wahrscheinlichsten Alternativen enthält. Auffällig an diesem Kader ist zunächst, dass für mehrere Positionen z.T. gleich mehrere, annähernd gleichwertige Kandidaten zur Verfügung stehen. Selbst für einen Behrami, der bis auf Weiteres gesetzt sein dürfte, stehen in meinen Augen mit Kacar und Jiracek gleich zwei eher defensiv denkende Alternativen zur Verfügung. Allerdings würde ich bei einem Ausfall Behramis auf eine klare Doppel-Sechs umstellen, da mir weder Kacar noch Jiracek in der Lage erscheinen, das defensive Mittelfeld allein abzusichern.

Auf den offensiven Außenbahnen, das ist ebenfalls auf den ersten Blick zu erkennen, wurde der Kader durch Müller, Stieber und Green um weitere schnelle und flexible Spieler ergänzt. Spätestens zur Rückrunde, wenn Beister hoffentlich wieder völlig fit und in Topform zur Verfügung steht, sollte es hier ein Hauen und Stechen um die Plätze in der Startelf geben. Besonders wichtig erscheint mir hier die Verpflichtung von Nicolai Müller, der auf der viel zu lange nur provisorisch besetzten rechten Außenbahn zunächst favorisiert sein sollte. Aber selbst wenn auch Müller neben Beister ausfallen sollte, könnte man die rechte Seite weiterhin mit gelernten Flügelspielern besetzen. Schließlich stünden dann immer noch Green oder Ilicevic zur Verfügung.

Rudnevs halte ich für einen lauf- und kampfstarken Konterstürmer. Aufgrund seiner spielerischen und technischen Schwächen dürfte er es aber zukünftig schwer haben, ins Team zu kommen. Entweder bringt man ihn aus taktischen Gründen (bei eigener Führung, um Lasogga zu schonen) oder als zweiten Stürmer neben einem spielstarken, beweglichen Mann (Müller/Beister), sofern Lasogga gar nicht zur Verfügung steht.

Arslan dürfte zunächst gegenüber Holtby das Nachsehen haben. Von Holtby erhoffe ich mir die dringend erforderliche, verbesserte Anbindung im Zentrum zwischen Defensive und Offensive, bzw. mehr Kreativität und Torgefahr aus dem Mittelfeld. Zudem hoffe ich, dass Holtby konstanter und abgeklärter als Arslan spielt. Mangelnde Konstanz und gelegentliche Kopflosigkeit, dies war erst jüngst gegen Paderborn wieder zu sehen, sind unverändert Schwächen, an denen Tolgay mit Hochdruck arbeiten muss, wenn er zukünftig über Kurzeinsätze hinauskommen will.

Angesichts der nun vorhandenen Alternativen halte ich es für nachvollziehbar, dass man Tah (nach Düsseldorf) und Demirbay (nach Kaiserslautern) für jeweils ein Jahr ausgeliehen hat. Für beide waren derzeit kaum regelmäßige Einsatzchancen erkennbar. Dies dürfte jedenfalls für Demirbay kaum zu bestreiten sein. Die Ausleihe von Tah könnte man da schon eher kontrovers diskutieren, da für uns Außenstehende das Leistungsvermögen des neuen Innenverteidigers Cléber kaum einzuschätzen ist. Aber auch auf dieser Position beinhaltet der vorhandene Kader mit Rajkovic und Westermann zwei Spieler, die man zukünftig nicht wochenlang ohne jeden Einsatz auf der Bank versauern lassen darf. Das wäre beiden Spielern gegenüber nicht nur unfair, sondern könnte ansonsten – man kennt ja Mopo, HA und BILD…- unnötige Unruhe provozieren.

Ungeachtet dessen habe ich Verständnis dafür, dass mit beiden Ausleihen bei einigen Kommentatoren die Angst verbunden ist, dass dem HSV hier erneut zwei große Talente von der Fahne gehen könnten. Etwaige Ängste sind nicht zuletzt aufgrund der in der Vergangenheit oft und berechtigt kritisierten Nachwuchsförderung des Clubs mehr als verständlich. Wie u.a. das Beispiel Beister jedoch zeigt, muss eine Ausleihe nicht zwingend dazu führen, dass Spieler nach Ablauf der Leihfrist nicht mehr zu ihrem Verein zurückkehren. Auch die Frage nach einer erteilten oder eben nicht erteilten Kaufoption für den aufnehmenden Verein halte ich für nachrangig und leicht überbewertet. Bei Lasogga fehlte diese Option bekanntlich damals, dennoch ist es dem HSV gelungen, ihn nun fest zu verpflichten. Und wie die Debatte um und mit dem derzeit von Leverkusen an M’Gladbach ausgeliehenen Kramer andeutete, gibt es keine Garantie, dass ein Spieler nach einer Ausleihe zurückkehren will, auch wenn zwischen den Vereinen keine Kaufoption vereinbart wurde. Viel bedeutsamer erscheint mir daher, ob der HSV beiden Spielern glaubhaft eine Perspektive für den Fall ihrer Rückkehr aufzeigen kann. Dass dies hier wahrscheinlich der Fall war, dafür stehen für mich nicht nur die Namen Beiersdorfer und Peters, sondern auch die Tatsache, dass im nächsten Sommer unverändert diverse Verträge auslaufen. So dürfte für Demirbays Entscheidungsfindung u.a. von großem Interesse sein, ob Kacars und/oder Arslans Verträge verlängert werden, bzw. ob Jiracek im kommenden Sommer den Club verlässt. Ähnliches ist für Tah anzunehmen, da derzeit unklar erscheint, ob der Club auch über den nächsten Sommer hinaus mit Westermann und/oder Rajkovic plant.

Den Transfer Badeljs nach Florenz, ich sagte das bereits im jüngsten HSV-Talk auf meinsportradio.de, sehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Weinend, weil Milan sicher fußballerisch einer der besten Spieler ist, die ich je beim HSV gesehen habe. Lachend, weil die kolportierten 4 Millionen Euro bei nur noch einem Jahr Restlaufzeit seines Vertrages m.E. ein ordentlicher Erlös sind. Zudem fehlte es Badelj m.M.n. an Torgefährlichkeit und läuferischer Explosivität. Auch hätte ich mir gewünscht, dass er lautstärker ordnend eingreift, als dies in der Regel der Fall war. Ich glaube, dass ein Arslan ggf. von Behrami ganz anders geführt wird, als von dem auf dem Feld doch arg introvertiert wirkenden Badelj.

Womit ich bei einem weiteren Kritikpunkt am alten Kader wäre. Neben dem eklatanten Mangel an Kreativität aus dem Zentrum, Geschwindigkeitsdefiziten (sowohl läuferisch als auch in Sachen Handlungsschnelligkeit – Zoua!), unbefriedigender Zweikampfbilanz vor allem im (defensiven) Mittelfeld, war mir der alte Kader zu uniform, zu lieb, bzw. leblos. Adler, Jansen, Westermann und van der Vaart – jeder hatte (und hat) ausreichend mit sich selbst zu tun. Den Rest der Truppe wirklich mitreißen, gerade wenn es mal nicht läuft, konnte von denen keiner. Das hatte sicherlich unterschiedliche Gründe, ist aber eben auch eine Frage des Typs oder der jeweiligen Persönlichkeit. Behrami hat in diesem Zusammenhang jedenfalls bei mir bisher einen anderen, deutlich besseren Eindruck hinterlassen.

Um zu meiner skizzierten Aufstellung zurückzukehren: Wie man hoffentlich sehen kann, favorisiere ich derzeit eine asymmetrische Variante. Ich habe mich bei meinen Überlegungen zunächst von dem Gedanken leiten lassen, dass Lasogga (als einziger Keilstürmer) und Behrami für die Startelf gesetzt sein dürften. Gleiches ist zunächst für Holtby und van der Vaart anzunehmen. Wenn man van der Vaart und Holtby auf dieselbe und“richtige“ (linke) Seite stellen würde, droht m.E. ein zu großes Loch im rechten Halbfeld (Kreis Nr.2). Da van der Vaart ohnehin meist mit dem linken Fuß abschließt, könnte er aus dieser hier leicht nach rechts versetzten Position zum einen sofort abschließen, zum anderen kämen seine Flanken mit Schnitt zum Tor, was für die gegnerische Abwehr und vor allem deren Torwart unangenehm(er) zu verteidigen ist. Zugleich möchte ich so die Laufwege und Räume von Holtby und van der Vaart entzerren. Ich habe versucht,  die sich daraus ergebenden  Interaktionen und Laufwege durch die Pfeile anzudeuten.

Um die Gefahr einer Deckungslücke im rechten Halbfeld möglichst gering zu halten, habe ich Behrami ebenfalls leicht nach rechts verschoben. In meiner Vorstellung würde er eher horizontal agieren.  Hinter Holtby, den ich aus Gründen der verbesserten Anbindung der Offensive an die Defensive vor Behrami positioniert habe, könnte sich ebenfalls eine gefährliche Deckungslücke im linken Halbfeld (Kreis Nr. 1) ergeben. Wie ich mir eine Absicherung dieses Raumes vorstellen könnte, wird durch entsprechende Pfeile ebenfalls angedeutet. Erkennbar sollte sein, dass ich mir daher Holtby als vertikale Ergänzung zu den überwiegend horizontalen Laufwegen Behramis vorstelle. Wichtig erscheint in jedem Fall, dass die oft zitierte Kompaktheit der Mannschaft als Ganzes möglichst immer gewahrt bleibt. 70 Meter freier Raum für den Gegner, zuletzt beim von Arslan verschuldeten 0:1 gegen Paderborn zu sehen, dürfen prinzipiell dem Gegner nicht derart auf dem Präsentierteller angeboten werden. Unabhängig von der Torheit Arslans stimmte hier aber auch die Absicherung nicht. Jede (Innen-)Verteidigung der Welt kann fast nur schlecht aussehen, wenn der Gegner sie in vollem Lauf in ein eins gegen eins zwingen kann.

Ich denke, dass sich auf der linken Seite ein interessantes, variables Wechselspiel zwischen Holtby, dem jeweiligen LOM und auch v.d. Vaart entstehen könnte. Ähnliches halte ich auf der anderen Seite auch zwischen Behrami, dem jeweiligen ROM und van der Vaart für vorstellbar. Da praktisch alle offensiven Außen auch auf der jeweils gegenüberliegenden Seite spielen können, könnte es situationsabhängig auch zu ganz anderen personellen Konstellationen kommen. Mit Müller, Beister aber auch Green (und Rudnevs) könnte man bei eigenem Ballbesitz auch schnell durch die Mitte kontern. Also hat der Trainer auch hier künftig einige (zusätzliche) Optionen.

Dies alles sind natürlich nur meine Vorstellungen davon, wie man „auf dem Papier“ und ohne mikrotaktische Anpassungen an einen konkreten Gegner mit dem derzeitigen Kader spielen lassen könnte.

Denkbar bleibt natürlich unverändert auch, dass Slomka den HSV in einem 4-4-2, einem 4-2-3-1 oder gar in einem 4-3-3  antreten lässt. Letzteres halte ich jedoch bis auf Weiteres für unwahrscheinlich, da daraus defensiv schnell Probleme in der Abdeckung der Breite des Feldes entstehen können.

Welches System auch immer Slomka bevorzugen mag – er steht vor dem Problem, möglichst schnell Punkte sammeln zu müssen, obwohl sich die Mannschaft mit den neuen Spielern kaum einspielen konnte. Teils wurde dies durch Verletzungen (Lasogga, Müller) verhindert, teils ist es dem relativ späten Zeitpunkt der Verpflichtung anderer Spieler (Cléber, Holtby, Green)  geschuldet. Selbst Ostrzolek, Stieber und sogar ein Behrami werden vermutlich erst in einigen Wochen endgültig in Hamburg angekommen sein. Bei einer derartigen Vielzahl neuer Spieler bedarf es einfach einer gewissen Zeit, bis jeder die Abläufe wirklich verinnerlicht und seinen Platz in der teaminternen „Hackordnung“ gefunden hat.

Ob Drobny oder Adler im Tor stehen sollte – dazu enthalte ich mich. Dazu müsste ich regelmäßig das Training gesehen haben UND tatsächlich nah an der Mannschaft dran sein. Beides bin ich nicht.

Ähnlich verhält es sich mit der konkreten Frage, ob man bspw. Ostrzolek für Jansen oder Stieber für Ilicevic beginnen lässt. Gleichwohl glaube ich, dass es mehr als nur eines Holtby und Behrami bedarf, um der Mannschaft die dringend erforderlichen Impulse zu geben, die sie ganz offensichtlich benötigt. Mit dem Einsatz gleich mehrerer neuer Spieler in den nächsten Partien mag ein Mangel an Eingespieltheit einhergehen, gleichzeitig könnte man sich dadurch aber auch noch einen gewissen Kredit beim Publikum verschaffen. Dass dieser bedenklich zu schwinden droht, das sollte man spätestens ab der 69. Minute gegen Paderborn bemerkt haben. Nach der letzten,  katastrophalen Saison wird kaum jemand im Anhang der Hamburger sportliche Wunder in dieser Spielzeit erwarten. Was aber gegen Paderborn einmal mehr „abgeliefert“ wurde, ist für einen HSV einfach unwürdig und zu wenig. Viel, viel zu wenig.

Schlecht spielen – das ist immer möglich, denn da spielen Menschen, keine Roboter. Kämpfen aber kann man immer. Zumal es sich beim Fußball nicht nur um ein Lauf-, sondern eben auch ein Kampfspiel handelt. Ich erwarte also, völlig ungeachtet etwaiger Personalwechsel, dass die Mannschaft in Sachen Disziplin, Einssatzwillen in den Zweikämpfen und Laufbereitschaft zukünftig ein anderes Gesicht zeigt. Theoretisch enthält der jetzt vorhandene Kader jedenfalls einige interessante Optionen, wie ich hier deutlich machen wollte. Hoffen wir, dass man dies auch möglichst bald auf dem Platz erkennen kann.

Es bleibt noch viel zu tun: FC Energie Cottbus – HSV 1:4 i.E.

Die Fußballweltmeisterschaft ist schon wieder nur eine schöne Erinnerung. Nach der vermutlich längsten Saisonvorbereitung der Vereinsgeschichte und der Verpflichtung von vier neuen Spielern (Matthias Ostrzolek, Valon Behrami, Nicolai Müller, Zoltán Stieber) durfte man gespannt sein, wie sich die Mannschaft des Hamburger Sportvereins in ihrem ersten Pflichtspiel präsentieren würde.

Die vorangegangenen Auftritte gegen Wolfsburg, M’Gladbach und Lazio Rom waren aus meiner Sicht Muster (fast) ohne Wert, da Trainer bei Testspielen gewöhnlich viel experimentieren, was sich regelmäßig u.a. in zahlreichen Personalwechseln widerspiegelt. Wer und wie lange jemand in diesen Tests zum Einsatz kommt, das ist nicht zuletzt auch eine Frage der körperlichen Verfassung zum Zeitpunkt „X“ und lässt nur sehr bedingt Rückschlüsse auf die spätere Stammformation in den Pflichtspielen zu. Einer von mehreren Gründen, warum ich in den letzten Wochen diese Spiele hier nicht kommentiert habe. Erkennbar war m.E. jedoch, dass die Mannschaft diese Spielzeit körperlich in einer anderen, besseren Verfassung bestreiten wird, was angesichts von gleich drei Trainingslagern allerdings auch nicht überraschen konnte.

In den Tests war gelegentlich auch schon zu erahnen, dass die Verantwortlichen mehr Tempo in das Spiel der Mannschaft bringen woll(t)en. Gerade die drei Neuzugänge, Ostrzolek, Stieber und Müller müssen in diesem Zusammenhang genannt werden. Zudem erhöht sich durch ihre Verpflichtung der Konkurrenzdruck im Kader, was ich nur begrüßen kann. Linksverteidiger Ostrzolek wird Druck auf Jansen und Jiracek ausüben, Müller wird hoffentlich im ROM den leider dauerverletzten Beister adäquat ersetzen (was die Einsatzchancen für Zoua nicht gerade verbessern dürfte), und mit dem nominellen Linksaußen Stieber (alternativ: Jansen) im Nacken muss nun auch Ilicevic endlich „liefern“. In das defensive Mittelfeld soll Valon Behrami jene Qualitäten einbringen, die dort nicht erst seit letzter Saison viel zu oft schmerzlich vermisst wurden: Führungsqualitäten, klare Pässe und kompromissloses Zweikampfverhalten. Schaut man sich die personellen Alternativen und die Restvertragslaufzeiten an, dann ist m.E. zu erwarten, dass noch der eine oder andere bisherige Stammspieler abgegeben werden wird. Mich würde jedenfalls ein Abgang von Badelj, Jiracek oder Jansen nicht überraschen.

Neben Beister und Rajkovic dürfte wohl Kacar der zur Zeit größte Pechvogel sein. Schien es lange Zeit, als sei er neben Djourou als zweiter Innenverteidiger so gut wie gesetzt und hätte Westermann erfolgreich verdrängt, so wird man nach seiner Verletzung endgültig einen weiteren, neuen Innenverteidiger holen. Das dürfte auch die zukünftige sportliche Perspektive Westermanns beim HSV erheblich beeinflussen. Wenn der Anschein nicht trügt, so könnten auch hier die Zeichen auf Abschied stehen. Ich schätze Charakter und Polyvalenz von HW4, glaube aber derzeit, dass dieses Kapitel spätestens mit Ablauf seines Vertrages im nächsten Sommer geschlossen wird.

Für das gestrige Pokalspiel standen Mirko Slomka jedenfalls weder Kacar, Stieber oder Müller zur Verfügung.  Von den Neuverpflichtungen schaffte es einzig Behrami in die Startelf. Ostrzolek, obwohl fit, hatte nur wenige Trainingseinheiten zusammen mit der Mannschaft absolviert, sodass er lediglich als Ersatzspieler auf dem Spielberichtsbogen auftauchte. Slomka vertraute also folgender Aufstellung: Adler – Diekmeier, Djourou, Westermann, Jiracek (46. Lasogga) – Badelj (61. Arslan), Behrami, Ilicevic (115. Zoua), van der Vaart, Jansen – Rudnevs

Spiel: Der HSV begann die Partie in dem bekannten  4-2-3-1 mit Rudnevs als einziger Spitze.

In die defensive Viererkette rückte nach der Verletzung Kacars, dem Abgang von Mancienne und Sobiech und dem fortdauernden Ausfall von Rajkovic fast zwangsläufig Westermann als zweiter Innenverteidiger neben Djourou. Hier galt also: Business as usual…

Ilicevic bespielte ungewohnterweise die rechte offensive Außenbahn. Dies war vermutlich der Tatsache geschuldet, dass Beister-Ersatz Nicolai Müller noch mit Adduktorenproblemen ausfiel. Die linke offensive Außenbahn bespielte Jansen, dem wiederum Jiracek als Linksverteidiger den Rücken frei halten sollte. Ich gebe zu, mich hat diese Aufstellung zunächst doch ein wenig überrascht, da ich Ilicevic, obwohl er Rechtsfuß ist,  auf der rechten (statt der linken) Außenbahn schwächer sehe. Slomka wird wohl, so vermute ich, nicht zuletzt hier die Geschwindigkeit favorisiert haben, was angesichts der Ausfälle auf dieser Seite für Ilicevic (und bspw. gegen Zoua) gesprochen haben dürfte. Mit dem durchaus eingespielten Gespann Jiracek/Jansen sollte zudem wohl auch das kämpferische Element gestärkt werden. Dies wäre m.E. eine im Vorfeld einer auswärts ausgetragenen Pokalpartie plausible Begründung für diese Personalauswahl.

Die beiden Sechser, Behrami und Badelj, schoben bei eigenem Ballbesitz relativ weit auseinander, wodurch das eigene Spiel vermutlich einerseits mehr Breite erhalten sollte, andererseits auf dem ballnahen Flügel eine weitere, zusätzliche Anspielstation/Absicherung erzeugt werden sollte. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass Behrami grundsätzlich etwas häufiger als Badelj zentraler positioniert blieb, was man wohl auch als Fingerzeig für die zukünftige Führungsrolle des Schweizers werten könnte, die man sich von Seiten der Verantwortlichen von ihm allem Anschein nach verspricht.

Der HSV begann die Partie konzentriert, entwickelte jedoch enttäuschend wenig Ideen im Spielaufbau. Auch das für die kommende Saison favorisierte schnelle Umschaltspiel war kaum zu sehen. Immer wieder verfing man sich in der vielbeinigen Defensive der clever und engagiert verteidigenden Cottbusser.

In der 10. Spielminute wollte Westermann per Kopf auf Adler zurücklegen, doch der Ball geriet deutlich zu kurz. Jiracek sah vermutlich Adler aus seinem Gehäuse kommen und wollte den einlaufenden Cottbusser Angreifer wohl nur blocken. Adler kam jedoch zu spät an den Ball und rammte zuerst den Cottbusser Spieler (statt den Ball zu spielen). Der Angreifer ging zu Boden, und Schiedsrichter Kinhöfer zeigte folgerichtig auf den Punkt. Zeitz verwandelte den folgenden Strafstoß sicher. Das 1:0 für die Gastgeber, und der HSV durfte mal wieder einem Rückstand hinterherlaufen. Wie bereits geschrieben: Business as usual.

Aus meiner Sicht blieb dies leider nicht die einzige Unsicherheit Adlers, denn im weiteren Verlauf zeigte er auch zweimal haarsträubende Pässe bei der Spieleröffnung (mit dem Fuß), die beide direkt und problemlos vom Gegner abgefangen werden konnten. Hatte ich bei den vorangegangenen Testspielen noch die Hoffnung, er hätte zur Glanzform früherer Tage zurückgefunden, so war dies ein klarer Rückschritt. Daran können auch zwei später von ihm gehaltene Elfmeter nichts ändern, zumal mindestens der erste ganz, ganz schwach geschossen wurde.

Zur Pause reagierte Slomka und wechselte vom offensiv fast völlig wirkungslosen  4-2-3-1 auf ein 4-4-1-1 (mit flacher vier). Jansen gab nun wie gewohnt den Linksverteidiger für den ausgewechselten Jiracek; Ilicevic kehrte auf seine angestammte linke offensive Außenbahn zurück, während Rudnevs die nun verwaiste offensive rechte Planstelle besetzte. Ganz vorne, wie gehabt, spielte nun Lasogga vor dem leicht dahinter und um ihn herumspielenden van der Vaart. Der HSV kam zwar nach Wiederanpfiff etwas besser ins Spiel, ohne jedoch den ganz großen Druck auf das gegnerische Gehäuse erzeugen zu können. Es konnte daher nicht überraschen, dass HSV-Trainer Slomka in der 61. Spielminute den wenig überzeugend aufspielenden Badelj durch den offensiveren Arslan ersetzte. Arslan, da ich ihn ja häufig kritisiert habe, will ich das hier ausdrücklich festhalten, zeigte eine wirklich starke Leistung. Für mich zeigte er neben Djourou und van der Vaart die beste Leistung auf Seiten der Hamburger. Er war erkennbar darum bemüht, mit klugen raumöffnenden oder -nutzenden Pässen seine Mitspieler in Szene zu setzen, oder durch eigene Aktionen defensiv und offensiv Akzente zu setzen. Das hat mir wirklich  gefallen!

Der HSV spielte nun zunächst deutlich überlegen und kam folgerichtig zum verdienten Ausgleichstreffer. In der 70. Minute trat der ebenfalls deutlich formverbesserte van der Vaart einen guten Eckstoß. Westermann köpfte den Ball unhaltbar für Müller im Tor der Lausitzer ins Netz. Das 1:1.

Drei Minuten später hatte der HSV sogar die Chance zur Führung. Nach erneut starkem Pass von Arslan konnte Lasogga jedoch den Ball nicht über den Torwart lupfen. Die Nachschusschance für Ilicevic ist ob des dann doch arg spitz gewordenen Winkels m.E. nur ein Fall für die Statistik.

Eindeutige, weitere Torchancen waren nicht zu verzeichnen, sodass die Partie in die Verlängerung ging.

In der 96. Minute unterstrich van der Vaart seine gute Frühform und schoss sehenswert einen direkten Freistoß aus halbrechter Position über die Mauer der Gastgeber ins Netz. Die 1:2-Führung für den HSV.

Die Hamburger versäumten es nun, den sprichwörtlichen Sack zuzumachen. Statt weiter konsequent offensiv Druck auszuüben zog man sich unverständlicherweise zu sehr zurück. Eigene Unsicherheiten bei der Ballannahme und -verarbeitung (Behrami!) taten ein Übriges. So kamen die Lausitzer zunehmend stärker auf. Verdienter Lohn ihrer Bemühungen und Ausdruck einer durchaus starken Leistung (für einen Drittligisten mit fast vollständig neuer Mannschaft) war der erneute Ausgleich in der 105. Minute. Hier ließ sich praktisch die gesamte Hamburger Abwehr  (Djourou, Diekmeier und Westermann) düpieren.

Kurz vor Ablauf der Verlängerung brachte Slomka noch Zoua für Ilicevic. Zoua nahm  wie gewohnt den Platz auf der rechten offensiven Außenbahn ein, während Rudnevs nun auf die Ilicevic-Position auf dem linken Flügel rückte. Dieser Wechsel wirkte sich aber nicht mehr spielentscheidend aus. Es blieb also beim 2:2.

Nach Ablauf der Verlängerung musste daher das Elfmeterschießen über Ausscheiden oder Weiterkommen entscheiden. Hamburgs Schützen, van der Vaart, Djourou, Jansen und Rudnevs, verwandelten alle absolut sicher. Schon der erste Schütze der Cottbusser jedoch, Pawela, scheiterte mit einem äußerst schwach geschossenen Elfmeter an Adler. Den musste ein Bundesligatorhüter m.E. halten, daher kein Sonderlob für Adler an dieser Stelle. Beim insgesamt dritten Elfmeter für die Gastgeber (von Michel) ahnte Adler erneut die richtige Ecke und hatte zudem das Glück, dass der Cottbusser Michel den Ball halbhoch und damit dankbar für jeden Torhüter schoss.

Schiedsrichter: Thorsten Kinhöfer (Herne). Ohne größere Fehler.

Fazit: Der HSV setzte sich am Ende nach keineswegs überzeugender Leistung im Elfmeterschießen durch und zieht in die nächste Runde des DFB-Pokals ein. Kompliment an den Trainer des FC Energie, Krämer, und seine Mannschaft für eine starke Leistung.

Für HSV-Trainer Mirko Slomka bleibt viel zu tun. Nach wie vor ist das Aufbauspiel stark verbesserungswürdig. Jiracek wird es schwer haben, ins Team zu finden, sobald sich Ostrzolek mit der Mannschaft eingespielt hat, sofern Jansen beim HSV bleibt.

Westermann wie gehabt mit Licht und Schatten. Behrami ist in dieser Verfassung noch nicht überzeugend, obgleich man seine Qualitäten durchaus des Öfteren aufblitzen sieht.

Rudnevs zeigte auf beiden Außenbahnen  eine ansprechende Leistung und scheint für Slomka hinter Nicolai Müller hier die erste Alternative zu sein.  Die Einsatzchancen für Zoua dürften daher, Stand gestern, überschaubar sein.

Bei Stieber, auch wenn er gestern gar nicht spielte, schien mir bei seinen bisherigen Einsätzen noch die Bindung zur Mannschaft zu fehlen.

Selbst mit einem Lasogga, der verletzungsbedingt noch nicht in Topform sein konnte, erhielt das Angriffsspiel des HSVs sofort eine andere Qualität. Anders formuliert: es fehlt bisher unverändert eine wirklich überzeugende Alternative. Allerdings könnte sich die gesamte Spielanlage des Hamburger Sportvereins entscheidend verändern, sobald man die schnellen neuen Leute erfolgreich integriert hat, sodass dann auch ein Rudnevs besser zur Geltung kommen könnte.

Man wird abwarten müssen, ob und wie sich der Kader bis zum Ablauf der Transferperiode verändern wird. Auch wird man den Neuen einige Wochen einräumen müssen, bis sie endgültig ins Team integriert sind. Auch wenn  spielerisch/taktisch und personell noch diverse Baustellen vorhanden sind, so gehe ich davon aus, dass sich vor allem Ostrzolek, Behrami und Müller als tatsächliche Verstärkungen erweisen werden. Entscheidend wird m.E. sein, dass man zu Saisonbeginn einige Erfolgserlebnisse sammelt, damit dieser Integrationsprozess einigermaßen störungsfrei vollzogen werden kann und man nicht frühzeitig unter (medialen) Druck gerät. Sollte dies gelingen, dann halte ich am Ende eine Platzierung rund um den zehnten Platz herum für durchaus möglich. Für eine deutlich bessere Platzierung werden weitere Umbauten im Kader, also weitere Transferperioden notwendig sein. Demut, Geduld und Realismus bleiben also aus hamburger Sicht unverändert gefragt. Selbst in dem Fall, dass der Saisonstart überraschend positiv verlaufen sollte.