John

Die nächste Möglichkeit, um vorbei zu ziehen: Ausblick auf Hamburger SV – SC Freiburg

+++ AKTUALISIERUNG: Angeblich will Slomka gegen den SC Freiburg das System auf ein 4-3-1-2 umstellen. Im Mittelfeld sollen Arslan (rechts), Badelj (zentral) und Jiracek (links) spielen. Davor van der Vaart als Passgeber für zwei Stürmer, Lasogga und Zoua +++

Der HSV muss in dieser Partie neben den bekannten Verletzten auch auf den gesperrten Calhanoglu und den leider wieder einmal verletzten Ilicevic (Bänderzerrung im Knie; zwei Wochen Pause) verzichten. Bei eigenen Standards dürfte also mehr denn je van der Vaart gefordert sein. Ich rechne fest damit, dass Jiracek einen der beiden frei gewordenen Plätze ergattert und eine weitere Chance auf der offensiven Außenbahn (ich vermute links, da er schon mehrfach mit Westermann als Gespann agiert hat) erhält. Spannend bleibt die Frage, wie Slomka die andere Lücke personell füllen wird. Ich tippe hier auf Tesche. Alternativ wäre auch Zoua denkbar, da efreulicherweise Lasogga wieder für das Sturmzentrum zur Verfügung steht. Ola John könnte angesichts der Personalnot als Angriffsoption wieder im Kader sein, wird aber in einem derart wichtigen Spiel wohl kaum von Beginn an auflaufen, da Slomka ihm Defizite in der Rückwärtsbewegung attestierte.

Im Hinspiel gelang dem HSV ein 3:0 Erfolg, der allerdings eindeutig dadurch begünstigt war, dass Freiburgs normalerweise guter Torhüter Baumann eindeutig einen schwarzen, absolut rabenschwarzen Tag erwischt hatte. Dieses Ergebnis ist daher wenig aussagekräftig.

Die Mannschaft aus dem Breisgau kommt nach zwei Siegen in Folge mit frischem Selbstbewusstsein nach Hamburg. Nach einem 1:4 Erfolg auswärts gegen die Eintracht aus Frankfurt konnte zuletzt auch Werder mit 3:1 klar besiegt werden. 6 Punkte und 7:2 Tore – wer die Freiburger bereits als sicheren Absteiger gesehen hatte, der sei also gewarnt. Es scheint sich zu bewahrheiten, was Freiburgs Trainer Streich für den Fall eines Ausscheidens aus der EuroLeague und dem Wegfall der damit verbundenen Doppelbelastung für die Rückrunde angekündigt hatte: Seine Mannschaft zeigt ein anderes Gesicht.

Streich lässt seine Mannschaft in einem 4-4-2 antreten. Der Fokus liegt meist auf schnellem Umschaltspiel aus einer massierten Abwehr. Bei Ballverlust wird die eigene 4er-Abwehrreihe bei Bedarf zu einer 5er- oder gar 6er-Kette vor dem Strafraum erweitert, während die restlichen Spieler zum einen die Passwege/Schnittstellen zwischen den Kettengliedern  blockieren, zum anderen bei Balleroberung als Anspielstationen für die aus der eigenen Abwehr startenden und nachrückenden Spieler dienen. Man darf also zunächst zweierlei erwarten:

1.) dass die Räume vor dem Strafraum der Gäste meist sehr eng werden;
2.) dass die Freiburger im Falle von Ballverlusten auf Hamburger Seite sehr schnell, d.h. mit wenigen Stationen vor dem Strafraum des HSV auftauchen. Ihr schnelles Umschaltspiel erinnert entfernt an den VfL Wolfsburg unter Felix Magath in der Meisterschaftssaison. Damals spielten die Wolfsburger auch oft aus der Abwehr mit wenigen Stationen über Diego auf die beiden Spitzen, Dzeko und Grafite, und kamen dann zum Abschluss. Natürlich erreicht der SC bei weitem nicht die individuelle Qualität der damaligen Wolfsburger Mannschaft. Unterschätzen sollte man sie jedoch auf gar keinen Fall. Denkbar ist aber auch, dass Streich seine Mannschaft anweist, von Fall zu Fall bereits das Aufbauspiel des HSVs durch entschlossenes Offensivpressing zu stören. Es ist keineswegs sicher, dass die Freiburger sich allein auf ’s Kontern verlegen und den HSV grundsätzlich den größten Teil des Feldes überlassen.

Die Frage ist also, wie man die Freiburger erfolgreich bespielen kann. Hier meine ich, eine Schwäche ausgemacht zu haben. Die Mannschaft wirkt in der Abwehr keineswegs immer sicher. Wurden die ballführenden Abwehrspieler im Spielaufbau aggressiv angelaufen und unter Druck gesetzt, dann sah man sie regelmäßig Risikopässe auch innerhalb des eigenen Strafraums spielen. Dabei wurde auch der Torhüter oft mit eingebunden. Das ist im Grunde angesichts der fußballerischen Qualitäten Baumanns durchaus sinnvoll, erschien aber in unmittelbarer Tornähe gelegentlich hoch riskant. In den letzten beiden Spielen ging das nicht ins Auge, aber das muss ja nicht so bleiben, oder? Situativ könnte der HSV also mit entschlossenem Offensivpressing Unruhe und Unordnung in der Abwehr der Breisgauer erzeugen. Wichtig dabei wäre jedoch, dass man nach hinten dennoch gut absichert. Hier gilt es für die Hamburger Abwehrspieler, hellwach zu sein, gut zu antizipieren, um die Umschaltspieler der Freiburger im Mittelfeld schon bei der Ballannahme entscheidend zu stören und so das Konterspiel möglichst schon im Ansatz zu unterbinden. Auch in diesem Zusammenhang sind die s.g. „zweiten Bälle“ von Bedeutung, von denen Slomka in der PK sagte, dass man sie unbedingt gewinnen müsse.

Es würde mich nicht wundern, wenn wir grundsätzlich ein ähnliches Spiel wie gegen den VfB Stuttgart sehen. Damit meine ich, dass die Freiburger Hälfte personell überladen wird und daher die Passwege aus Hamburger Sicht oft verstellt sein werden. Es wäre daher enorm wichtig, dass beide, Mannschaft und Publikum, Geduld beweisen und nicht unruhig werden, auch wenn längere Zeit der Ball scheinbar unproduktiv in den eigenen Reihen zirkuliert, damit man die Lücke findet. Wer glaubt, der HSV müsse bedingungslos angreifen, der könnte genau so gut Russisches Roulette spielen oder in ein offenes Messer laufen. Es könnte sich zunächst ein  Spiel entwickeln, von dem Kommentatoren dann sagen: ein Tor täte ihm gut! Daher wäre dem HSV zweierlei zu wünschen:

1.) Nicht in Rückstand geraten und

2.) möglichst selbst ein frühes Tor erzielen.

Alles andere spielte dem SC Freiburg in die Karten.

Psychologisch betrachtet scheint mir zunächst das Momentum eindeutig auf Seiten der Breisgauer zu liegen. Fast schon abgeschrieben, konnten sie zuletzt zwei durchaus bemerkenswerte Erfolgserlebnisse sammeln. Dabei zeigten sie sich enorm effizient beim Nutzen ihrer Torchancen. Der HSV hingegen steht erneut unter enormen Druck. Das spürt man auch im Umfeld. Schon haben erneut defätistische Kommentare Konjunktur, die für den Fall einer weiteren Niederlage die Lichter ausgehen sehen. Aus Sicht des Fans ist das absolut verständlich und nachvollziehbar, aus Sicht des Sportlers im Wettkampf absolut kontraproduktiv, da ggf. angstauslösend und damit leistungsblockierend. Ich finde es daher absolut richtig, dass Slomka ausdrücklich betonte, man freue sich auf die Partie. Denn freuen, das scheint mir der Hintergrund, tue ich mich auf eine grundsätzlich reizvolle und zu bewältigende Aufgabe, nicht auf einen Gegner, gegen den ich mir absolut keine Chance ausrechne. Mit dieser Einstimmung setzt er m.E. also bewusst einen Kontrapunkt zu allen negativen Katastrophenszenarien der Marke: wenn wir das auch noch verlieren, dann ist aber endgültig Schicht im Schacht. Sehen wir also alle die Chance, die Herausforderung, oder wie es der Trainer formulierte, die nächste Möglichkeit, zu überholen.

Entwicklung und Ausgang eines Spiels sind von diversen Faktoren abhängig. Keineswegs sind allein Taktik oder Einstellung („die müssen doch nur wirklich wollen!“) entscheidend. Manche Trainer, z.B. Favre, lassen keine Ecken und Flanken trainieren, sondern konzentrieren sich in ihrer täglichen Arbeit mit ihren Mannschaften auf Passspiel und Laufwege, denn beides ist „planbar“. Ob der eigene Mann jedoch den hohen Ball erwischt, dass erscheint  ihnen, von Sprungkraft und Timing einmal abgesehen, vergleichsweise vom Zufall abhängig. Überhaupt spielt der Faktor Zufall eine gewichtigere Rolle, als man es gemeinhin wahrhaben will. Ob ein Ball z.B. abgefälscht und wenn ja wohin er abgefälscht wird, das ist nicht trainierbar. Höchstens kann man diese Zufälle begünstigen, indem man beharrlich „dran bleibt“, Druck aufbaut, den Gegner zu Fehlern zwingt und immer wieder und immer weiter versucht, ein Tor zu erzielen. Es gilt also weiter, sich auf das wirklich Naheliegende zu fokussieren: den nächsten Zweikampf gewinnen, den nächsten Ball möglichst sauber annehmen und verarbeiten. In der individuellen Qualität ist der HSV, daran besteht für mich kein Zweifel, den Breisgauern trotz aller verletzungsbedingten Ausfälle überlegen. Eine von Streich gecoachte Mannschaft wird jedoch stets versuchen, ihre Leistungsgrenze zu erreichen. Man muss also mit dem nötigen Respekt und der daraus abzuleitenden Konzentration agieren, ohne sich durch die Angst vor einer möglichen Niederlage blockieren zu lassen.

Offensiv auffällig bei Freiburg zuletzt: der schnelle F. Klaus auf der Außenbahn, die Stürmer Mehmedi und Guédé (in Hamburg geboren) und der „6er“ Schuster, der zuletzt zwei sehenswerte Tore aus der Distanz schoss.

Tipp: Wer Lust hat, noch mehr zum HSV zu erfahren, der sollte online um 13 Uhr auf mein-sportradio.de den HSV-Talk verfolgen. Dort unterhalte ich mich mit Sven über alles, was den HSVer bewegt. Die Sendung wird um 23 Uhr wiederholt.

Trainingseindrücke beim HSV vom 6. März 2014

Gestern hatte ich erstmalig die Gelegenheit, eine Trainingseinheit des HSVs an der Arena zu beobachten. Um es vorweg zu nehmen: Für den interessierten Zaungast ist das zwar eine tolle Möglichkeit, sich einen persönlichen Eindruck zu verschaffen und ganz nebenbei, sofern man das möchte, von Spielern oder Trainern Fotos zu schießen (Mein Ding ist das allerdings nicht.). Allerdings sollte man nicht glauben, dass man als Laie und sporadischer Kibietz aufgrund derartiger Eindrücke tiefgreifende Schlüsse im Hinblick auf Trainingsplanung oder gar Mannschaftsaufstellung ziehen könnte. Daher sind meine Impressionen hier auch lediglich als Momentaufnahme zu betrachten.

Die Trainingseinheit begann ca. 15 Uhr 30 und dauerte (geschätzt) 90 Minuten. Es begann mit einer Mischung aus lockeren gymnastischen und Pass-Übungen, bei denen sich jeweile vier Spieler als Zweier-Paare aufgeteilt gegenüber standen. Zum Teil sollten im mittleren Feldbereich zwischen den beiden jeweiligen Start/Endpositionen die Bälle ganz eng am Fuß geführt werden. Gleichzeitig sollten von den Spielern ganz viele verschiedene Richtungsänderungen mit Ball ausgeführt werden. Man kann sich das als eine Art Hakenschlagen mit Ball vorstellen. Eine Übung, die z.B. jene Spielsituationen simuliert, in denen man als Ballführender von mehreren Gegnern eingekreist und attackiert wird, und in der man auf der Suche nach der Passlücke zum eigenen Mitspieler ist.
Im Abschlusspiel wurde auf verengtem Raum (Halbfeld) gespielt. Offenbar hatte Slomka u.a. gefordert, dass die spielaufbauende Verteidigung sofort aggressiv angelaufen wird. Auch hier, so mein Eindruck, sollten die Spieler genau mit der gegnerischen Verhaltensweise konfrontiert werden, die dem HSV zu letzt so viel Probleme im realen Wettkampf bereitete. Von den jeweiligen Abwehren inklusive Torhütern war also gefordert, durch schnelle Seitenverlagerungen dem Druck des Offensivpressings auszuweichen und trotzdem ein konstruktives eigenes Angriffsspiel aufzuziehen. Kurz: Die Übungen wirkten praxis- und lösungsorientiert, und die Spieler waren engagiert bei der Sache. Insgesamt wurde schnell und nach möglichkeit direkt gespielt, was an die 10-Sekunden-Vorgabe zwischen Balleroberung und Torabschluss erinnerte.

Gefallen hat mir besonders Rincon, der sehr beweglich, kämpferisch und durchaus auch ballsicher wirkte. Ebenfalls zu gefallen wusste Matti Steinmann, der durchaus konkurrenzfähig wirkte. Alles, was er machte, wirkte klar, schnörkellos und dabei auch von der unverzichtbaren körperlichen Härte flankiert. Als gleich mehrfacher Torschütze überraschte Westermann, der auch in dieser Einheit mit gutem Beispiel voran ging. Auch dabei war Tesche, der mal wieder zeigte, wozu er prinzipiell im Training fähig ist. Würde er dies doch öfter auch im realen Wettkampf abrufen – es gäbe keine Diskussionen um ihn.

Nicht dabei: van der Vaart, Lasogga, Jansen und Ola John.

Ingesamt ein interessanter Nachmittag. Allerdings kann ich nun noch besser verstehen, warum manche Trainer gerne häufiger unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren würden. Man könnte schlicht noch konzentrierter arbeiten.

Negativ: mal wieder stürzten sich die Kamerateams auf die größten ahnungslosen Sprücheklopfer und schlichtesten Gemüter. Es geht eben nicht um tatsächliche Berichterstattung, sondern um möglichst griffige Schlagzeilen. Ich für meinen Teil könnte darauf verzichten. Jeder blamiert sich eben so gut er kann.