Kreuzer

Spielbericht: HSV – FC Bayern, DFB-Pokal Viertelfinale

Aufstellung: Adler, Lam, Westermann, Tah, Jansen; Badejl (71. Bouy), Rincon, John, van der Vaart (39. Arslan), Ilicevic, Calhanoglu (71. Zoua)

Schiedsrichter: Zwayer

Tore: (21.) Mandzukic; (26.) Dante; (53.) Robben; (73.) Mandzukic; (75.) Mandzukic

Spielverlauf:  Um dieses Spiel und die Leistung der Mannschaft einordnen zu können, muss man sich zunächst die Gesamtsituation aus hamburger Sicht vor Augen führen. Der Mannschaft fehlt nach einer beispiellosen Niederlagenserie verständlicherweise Selbstvertrauen. Am letzten Wochenende, also erst vor wenigen Tagen, wurden mehrere Spieler von aufgebrachten Anhängern auf das Übelste beschimpft.  Einige Spieler waren sogar Ziel tätlicher Angegriffe des Mobs, und es wurden private Fahrzeuge der Spieler beschädigt. Wie zu vernehmen war, reagierten insbesondere die jungen Spieler darauf absolut geschockt und verstört. Zoua, so war zu lesen, soll weinend zusammengebrochen sein. Wen wundert es da noch, dass Bert van Marwijk Zoua zunächst auf der Bank ließ?!

Die Mannschaft des HSVs war vor eigenem Publikum erkennbar darum bemüht, sich nicht widerstandslos den übermächtigen Bayern zu ergeben. Man stand relativ tief und kompakt in der eigenen Hälfte und versuchte deutllich erkennbar, mit aggressivem Einsatz das Spiel der Bayern so gut es eben ging zu (zer)stören. Offenbar wollte man mit langen Bällen aus der Abwehr kontern, um evtl. so zu eigenen Chancen zu kommen, bzw. um auf jeden Fall ein totales Debakel im eigenen Stadion zu vermeiden. Dieses Konzept ging zunächst zumindest zum Teil auf. Rasch wurde aber deutlich, warum viele behaupten, der FC Bayern sei derzeit das Maß aller Dinge im Weltfußball. Der Ball zirkulierte meist in den Reihen der Münchner und rund um den hamburger Abwehrblock. Eroberten die Hausherren einmal den Ball, so ging er meist viel zu schnell verloren. Das lag zum einen an der turmhohen Überlegenheit der Bayern, zum anderen an der fehlenden Präzision, mit der die meist langen Bälle aus der eigenen Hälfte herausgespielt wurden.

Beim 0:1 konnte Lam den starken Götze links außen am eigenen Strafraum nicht allein verteidigen. Für einen kleinen Moment schauten seine Kollegen (u.a. John) nur interessiert zu. Es folgte der Pass in die Mitte, wo Mandzukic nur noch abstauben musste. Adler war dabei chancenlos.

Das 0:2 folgte kurz darauf.  Nach Ecke von Kroos kam Dante zum Kopfball. Tah konnte ihn nicht entscheidend stören. Adler flog ins lange Eck und versuchte zu parieren. Dort stand Calhanoglu abwehrbereit, wurde jedoch durch Adlers Rettungsversuch irritiert. Etwas unglücklich aus Sicht des Hamburger Sportvereins.

Leider musste Kapitän van der Vaart bereits vor der Halbzeitpause mit muskulären Problemen vom Feld. Das wird wohl eng bis zum Braunschweig-Spiel. Gute Besserung, Raffa!

Die Zwei-Tore-Führung der Bayern entsprach dem Spielverlauf. Mehmet Scholl meinte in seinem Halbzeitkommentar, auch er hätte nicht gern gegen diese Bayern spielen wollen. Schon gar nicht als Spieler des HSVs in der derzeitigen Situation. Eine ehrliche und treffende Einschätzung, wie ich finde, denn die Bayern sind derzeit mindesten im deutschen Fußball praktisch vollkommen konkurrenzlos. Zu fluide ist ihr Spiel, zu hoch die individuelle Klasse, zu überragend ihr Positionsspiel, ihre Staffelung. Und dann die s.g. Tiefe und Breite des Kaders – das sind Welten zum Rest der Liga!

Zur Halbzeit gab es praktisch keine Pfiffe. Offenbar hatte das Publikum erkannt, dass sich seine Mannschaft redlich bemüht und gewehrt hatte.

Nach der Pause ging es praktisch unverändert weiter. Die Münchner kontrollierten Ball und Spiel. Die Hamburger versuchten ihr Möglichstes, obwohl wohl kaum einer noch an eine Wende geglaubt haben dürfte.

Das 0:3 durch Robben fiel nach einem langen Diagonalball von Kroos auf den einlaufenden Torschützen. Klasse gemacht, aber einmal mehr zu passiv verteidigt. In diesem Fall durch Jansen. Spätesten jetzt war das Spiel entschieden. Lobenswert, dass dennoch keine Massenflucht des heimischen Publikums einsetzte.

In der 73. Minute staubte Mandzukic zum 0:4 erneut ab,  nachdem der starke Götze dieses Mal Rincon (?) vernascht hatte.

Wirklich ärgerlich fand ich das 0:5. Mandzukic konnte trotz zahlenmäßiger Überlegenheit der Hamburger im eigenen Strafraum den Ball einschießen, nachdem der kurz zuvor für den ebenfalls verletzten Badejl (war umgeknickt. Ebenfalls gute Besserung!) eingewechselte Zoua, der mit dem Gesicht zum eigenen Tor stand, statt entschieden selbst zu klären, den Ball wohl zu einem überraschten Kollegen spielen wollte. Diese Konfusion nutzte der dreifache Torschütze. Ärgerlich, aber auch irgendwie bezeichnend.

Fazit: Das Wunder blieb aus. Der HSV unterliegt deutlich, und der FC Bayern München zieht erwartungsgemäß in das Halbfinale ein. Lobenswert dieses Mal das heimische Publikum, das auch nach Abpfiff auf Pfiffe weitestgehend verzichtete.

Heute nun soll der Aufsichtsrat erneut zusammentreten. Ich halte es für wahrscheinlich, dass die zuletzt noch fehlende eine Stimme pro Magath gefunden wird. Dies würde wohl bedeuten, dass Jarchow, Kreuzer und van Marwijk noch vor dem Braunschweig-Spiel entlassen werden. Wie zu hören war, soll Magath nämlich für eine Verpflichtung nach dem Braunschweig-Spiel nicht mehr zur Verfügung stehen. Die sportliche Leitung des Hamburger SVs hängt also unverändert in der Luft. Mit Badejl und van der Vaart verletzten sich zwei wichtige Spieler, so das ungewiss bleibt, ob sie in dem „Spiel des Jahres“ am Wochenende gegen den Tabellenachtzehnten überhaupt mitwirken können. Das erleichtert die anstehende Aufgabe keineswegs. Auf eine Einzelbewertung der HSV-Spieler möchte ich bewusst verzichten. Im Grunde sind derzeit fast alle deutschen Mannschaften gegen dieses Starensemble aus Bayern chancenlos. Die Münchner spielen derart fluide und ballsicher, dass sie früher oder später zu ihren Chancen kommen. Wer da dann am Ende der Fehlerkette steht, das erscheint mir dieses Mal nebensächlich.

+++Ergänzung: van der Vaart mit Muskelverletzung, kann evtl. aber gegen Braunschweig spielen. Entscheidung darüber kurzfristig vor dem Spiel. Badejl erlitt einen Bänderanriss und eine Knochenprellung im Sprunggelenk. Er wird voraussichtlich zwei bis drei Wochen ausfallen. +++

+++ EILT: Magath sagt dem HSV offiziell ab. +++

DFB-Pokal: Vorschau auf Hamburger SV – FC Bayern München

Heute Abend steht eine Paarung an, der ich unter normalen Umständen mit Spannung entgegenfiebern würde. HSV gegen Bayern,  Nord gegen Süd – was könnte es schöneres geben?! Doch heute ist alles anders, ganz anders. Heute steht dieses Duell unter ganz besonderen Vorzeichen.

Tor zur Welt gegen Weltstadt mit Herz – seit Jahren gab und gibt es diese Rivalität. Als Hamburger habe ich immer etwas neidisch gen Süden geblickt. Die da unten mit ihrem norditalienischen Flair, Bussi hier, Bussi da. Besseres Wetter haben sie sowieso und seien wir ehrlich, ist ein gepflegtes Bier am Chinesischen Turm im Englischen Garten nicht schöner als Flaschbier im Stadtpark? Odeonsplatz und Hofgarten im Sommer haben auch ihren Reiz, Marienplatz und Rathaus brauchen sich auch nicht vor unserem zu verstecken. Und dann sind die so verdammt erfolgreich! Ach, wie wäre es schön, wären die Rollen wie anfangs der achtziger Jahre vertauscht, bzw. wären wir wenigstens annähernd auf Augenhöhe!

Verblüfft erfuhr ich von Freunden aus München, dass auch die Münchner – zumindest früher – neidisch gen Norden schielten. Irgendwie ahnte man wohl, dass es bei ihnen zu Hause mit der Weltstadt nicht weit her ist. Vor dreißig Jahren wurden in München abends um zehn die Bürgersteige hochgeklappt, während man sich als junger Hamburger um diese Uhrzeit allenfalls zu überlegen begann, ob man sich jetzt schon auf den Weg in das Nachtleben machen sollte. Tempi passati.

Heute wird mir Angst und Bange. Längst haben uns die Münchner abgehängt. Erst gestern kam die Meldung, dass sie von der Allianz eine dreistellige Millionensumme erhalten, ohne dass man auch nur den Hauch einer Gefahr wittern könnte, dass sich die bekannte Führungsriege das Sagen aus der Hand nehmen lassen würde. Vielleicht die derzeit beste Mannschaft der Welt auf dem Platz und prallgefüllte Konten. Dazu ein ganzes Bündel aus Hochkarätern aus Sport, Wirtschaft und Politik an den jeweils richtigen Stellen – davon kann man als Hamburger seit Jahrzehnten nur träumen.

Unser Aufsichtsrat – ein beständiges Ärgernis, das den Verein auf vielfältigste Weise dem allgemeinen Gespött aussetzt. Club der Ahnunglosen ist wohl noch eine eher harmlose Bezeichnung. Seit Tagen sitzen sie ergebnislos zusammen, kündigen Sitzungen an und sagen sie wieder ab. Sie haben, das belegt die ihnen verweigerte Entlastung, das Vertauen der Mitgliederschaft verspielt. Sie kündigen (im Einzelfall) mit großem Getöse mehrfach ihren Rücktritt an, aber zurückgetreten ist nicht einer. Im  ganzen Rat nicht einer, dem ich wirkliche sportliche Kompetenz zusprechen mag. Nicht trocken hinter den Ohren, aber „la Paloma“ pfeifen. Erst ließ der AR (in anderer Besetzung) fast zwei Jahre die so eminent wichtige Stelle des Sportdirektors unbesetzt, dann schasste man nach zwei Jahren Arnesen, um Kreuzer zu holen. Nun will man Teile des Vorstandes, darunter eben dieser Kreuzer, entmachten, weil die den Trainer nicht feuern wollen. Und den will der AR bekanntlich mehrheitlich loswerden.

Nun ist es nachvollziehbar, dass man auch im Aufsichtsrat angesichts der sportlich zweifellos prekären Lage alarmiert ist. Aber es sei die Frage gestattet, was den Aufsichtsrat rein fachlich legitimiert ins operative Geschäft einzugreifen? Weil Hunke Tennis spielt? Weil Ertel auf der Ehrentribüne hockt? Weil Wulff diesen oder jenen Spielerberater kennt? Da kann ich nur müde, ganz müde lächeln. Aber der Aufsichtsrat des HSVs wäre nicht der Aufsichtsrat, wenn er sich einigen könnte. Kann er aber (noch) nicht. Ganz großes Kino! Vorstand und Trainer (und damit auch die Mannschaft und der Rest der Welt) wissen, dass ihre Tage gezählt sind, aber der Karren steckt tief festgefahren im Dreck. Es geht weder vor noch zurück. Saubere Arbeit, meine Herren und die Dame.

Die junge Mannschaft, seit sechs Spielen ohne jedes Erfolgserlebnis, musste jüngst erfahren, dass es auch und sogar in Hamburg Fans gibt, die irgendwann vollkommen die Kontrolle über sich selbst verlieren. Angriffe auf die Spieler selbst oder deren Eigentum – wann hat es das in Hamburg gegeben? Beschämend, prinzipiell unentschuldbar und dennoch verständlich.

So gehen wir also heute Abend in dieses traditionsreiche Duell. Möglicherweise eines der letzten, das wir uns mit diesem Rivalen in derselben Liga liefern dürfen. Mindestens auf Zeit. Wahnsinn! Derart haben sie unser Verein, den ruhmreichen Hamburger SV, abgewirtschaftet.

Ich weiß gar nicht, was ich erwarten soll. An einen Sieg zu glauben, scheint mir  angesichts der ungleichen Kräfteverhältnisse vermessen. Das Höchstmaß der Gefühle wäre wohl eine knappe Niederlage und eine respektable Leistung unserer Mannschaft. Ich befürchte jedoch, dass die uns Knoten in die Beine spielen. Und noch mehr fürchte ich in diesem Fall die Reaktion des Publikums. Nicht die der Vernünftigen, sondern die der Gewaltbereiten.

Werden wir aus unserem Stadion geschossen, so werden Köpfe rollen. Leider nicht auch die derjenigen, die den Verein seit Jahren fortgesetzt blamieren. Denn eins erscheint mir sicher: Mannschaft und Trainer sind (noch) erstklassig. Der Aufsichtsrat ist längst abgestiegen, bzw. war nie erstligareif. Werden wir also heute vorgeführt und abgeschossen, dann wird vermutlich mindestens die eine Stimme im Rat gewonnen, die bisher zur Installation Magaths fehlte. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob das nicht sogar inzwischen besser wäre. Menschlich kann ich es unverändert nur als äußerst schäbig bezeichnen, wie man mit Vorstand und Trainer umgeht. Daher hätte wenigstens das dann ein Ende. Frei nach dem Motto: lieber ein Ende mit Schrecken…

Der große HSV – wie tief bist Du gesunken?! Größe, wahre Größe erweist sich in der Niederlage. Indem man sie ggf. mannhaft erträgt und indem man fair bleibt. Und nicht, indem man randalierend durch die Gegend zieht! Auch wenn ich verstehe, dass man längst die Schnauze gestrichen voll hat. Wir woll’n Euch kämpfen seh’n? Ich will Hamburg kämpfen sehen! Um Anstand, Stil und Klasse! Finger weg von Spielern, Vorständen und, ja auch denen!, den Aufsichtsräten! Support bis zum letzten, dem allerletzten Spieltag für unsere Mannschaft! Keine Gewalt – weder im noch vor dem Stadion!  Bringt nicht noch mehr Schande über den Verein! Mit dem Rat der Ahnungslosen kann man spätestens bei den nächsten Wahlen demokratisch abrechnen. Ihr habt sie gewählt, also wählt sie wieder ab!

Mein Soundtrack für die Rückrunde: http://www.youtube.com/watch?v=AVsd4vZQPe0 Hörbefehl!