Dante

Mit einem historischen Sieg ins Finale: Brasilien – Deutschland 1:7 (0:5)

Entschuldigt bitte, dass der Artikel zum Spiel heute etwas später kommt, aber ich wollte mir das, was da gestern in Belo Horizonte geschehen ist, noch einmal in voller Länge anschauen. So etwas erlebt man schließlich nicht alle Tage.

Brasilien galt lange Jahre als das Maß aller Dinge im Weltfußball. Jedenfalls wenn man an die Vielzahl der wirklichen Ausnahmekönner denkt, die dieses Land hervorgebracht hat. Pelé, Garrincha, Falcão (gemeint ist Paulo Roberto Falcão), Sócrates und Zico sind Namen, die wohl jedem ernsthaften Fußballfan geläufig sind. Das Reservoir an Talenten in Brasilien schien lange Zeit nahezu unerschöpflich. Bis heute  findet man Profis aus Brasilien in praktisch allen bedeutenden Ligen rund um den Globus.

Ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die Seleção ist immer etwas besonderes, zumal wenn man im Halbfinale einer Weltmeisterschaft in Brasilien aufeinander trifft. Auch wenn die Seleção inzwischen längst nicht mehr derart zaubert, wie sie es jahrzehntelang der staunenden Fußballwelt vorführte. Mag ihr Stil auch sachlicher, pragmatischer geworden sein – Brasilien ist mit bisher fünf Titeln bei Weltmeisterschaften die erfolgreichste Nation und damit immer ein Kandidat für den Titelgewinn.

Vor diesem Halbfinale beherrschte der Ausfall zweier Spieler auf Seiten der Brasilianer die Diskussion:

1.) Neymar Jr., seines Zeichens wohl der zur Zeit absolut herausragende brasilianische Spieler, war aufgrund eines im Viertelfinale erlittenen Wirbelbruchs bekanntlich nicht einsatzfähig, und
2.) Kapitän Thiago war durch die zweite Gelbe Karte gesperrt.

In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die Seleção in ihren vorangegangenen Partien bei diesem Turnier einen – vornehm ausgedrückt – äußerst physischen Fußball zeigte. Bisher fiel gerade die Auswahl des Gastgebers durch eine Vielzahl von Fouls, insbesondere taktischen Fouls, negativ auf. Mag die Enttäuschung über den verletzungsbedingten Ausfall ihres Superstars, Neymar Jr., auch nachvollziehbar sein, so haftet den diesbezüglichen brasilianischen Klagen in meinen Augen auch etwas äußerst Selbstgerechtes an. Ich erinnere nur an die sieben Fouls der Gastgeber gegen den Star der Kolumbianer, James, im vorangegangenen Viertelfinale.

Vor diesem Halbfinale war also erneut eine hart geführte Partie zwischen beiden Mannschaften zu befürchten. Aus deutscher Sicht musste man daher nicht zuletzt auch aufgrund des Heimvorteils der Gastgeber auf eine gute, tatsächlich neutrale Spielleitung durch das Schiedsrichtergespann hoffen. Gespannt war ich, wie Scolari taktisch auf den Ausfall seines Superstars reagieren würde.

Bundestrainer Löw entschied sich für diese Aufstellung: Neuer – Lahm, Boateng, Hummels, Höwedes – Schweinsteiger, Khedira, Müller, Kroos, Özil – Klose
Löw schickte die Deutsche Mannschaft also in exakt derselben Aufstellung wie im schon gegen die Équipe tricolore in die Begegnung gegen den Rekord-Titelträger und Gastgeber dieser Weltmeisterschaft.

Spielbericht: Brasiliens Trainer, Scolari, setzte zu Beginn auf ein klares 4-2-3-1. Offenbar war er von den bisherigen Leistungen der deutschen Auswahl durchaus beeindruckt, denn er opferte seinen offensiv starken Achter, Paulinho zugunsten eines zweiten Sechsers. Mit den beiden Sechsern, Luiz Gustavo und Fernandinho wollte er das Zentrum schließen und der nach der Sperre des Abwehrchefs, Thiago Silva, neuformierten brasilianischen Defensive mehr Stabilität verleihen. Aus einer stabilen defensiven Grundordnung überfallartig die Deutsche Mannschaft unter Druck setzen, das war wohl sein Plan.

Schon in den vorangegangenen Partien der Brasilianer war zu beobachten, dass die Seleção ihren Gegnern immer wieder kleinere Räume anbot. Die Mannschaft wirkte gelegentlich nicht geschlossen, sondern als bestünde sie aus zwei Teilen: Der Defensive und der Abteilung Attacke. Zwar rückten die beiden Außenverteidiger bei eigenem Ballbesitz auf und ein und dienten so als zusätzliche Anspielstationen, doch grundsätzlich blieben sie im Offensivspiel eher passiv. Auf der anderen Seite wirbelte ihr Offensivpersonal, das nach vorne alle Freiheiten zu besitzen schien, inklusive Offensivpressing, das sich aber nicht immer mit letzter Konsequenz an der Verteidigungsarbeit beteiligte. Dass sich dies nicht bereits früher für sie  im Turnier negativ auswirkte, lag m.E. an drei Faktoren:

 

1.) die Brasilianer konnten, da bisher von den Schiedsrichtern toleriert, das schnelle Umschaltspiel ihrer jeweiligen Gegner mit vielen kleinen und größeren, auch taktischen Fouls bereits im Ansatz unterbinden;

2.) Auch wenn sich beide angesprochenen Mannschaftsteile (s.o.) oft nur unzureichend unterstützten, so standen sie doch meist geordnet und eng beieinander.

3.) mit individueller Klasse konnten mannschaftstaktische Defizite kaschiert werden.

 

Löw setzte dagegen auf eine fluide Mischung aus 4-3-3 und  4-2-3-1. Im Mittelfeld agierte Schweinsteiger als defensiv absichernder Sechser, während der nominell zweite Sechser, Khedira, bei eigenem Ballbesitz zusammen mit Kroos die eigenen Angriffsbemühungen ankurbelte und regelmäßig im Achterraum auftauchte. Regelmäßig unterstützte er auch  Müller und Lahm auf dem rechten Flügel und half so, diese Seite personell zu überladen.

Der Neymar-Ersatz der Brasilianer, Bernard, begann zunächst wider Erwarten auf der rechten Außenbahn, während Hulk die Neymar-Position auf dem linken Flügel einnahm. Nachdem sich diese kleine taktische Überraschung  jedoch nicht wirklich ausgewirkt hatte, wechselten beide nach ca. einer halben Stunde die Seiten.

Die deutsche Elf begann taktisch sehr diszipliniert und stand in der Defensive etwas tiefer als in den vorangegangenen Partien. Offenbar wollte man sich von dem gerade zu Beginn erwarteten Angriffswirbel der Gastgeber vor ihrem heimischen Publikum nicht überraschen lassen und ein frühes Gegentor verhindern.

Die Brasilianer versuchten am Anfang, mit aggressivem Offensivpressing zu Ballgewinnen und eigenen Torchancen zu kommen, doch die deutschen Spieler konnten sich dank ihrer individuellen und mannschafstaktischen Klasse immer wieder auch unter Druck befreien und ihrerseits eigene Angriffe starten.

In der 11. Spielminute führte so ein schneller Gegenzug über Khedira und Müller auf der rechten Außenbahn zu einer Ecke für die deutsche Mannschaft. Kroos schlug den Eckstoß halbhoch in den Strafraum. Der Ball segelte an „Freund und Feind“ vorbei. Müller am langen Pfosten bedankte sich und versenkte diese Vorlage volley zur frühen Führung. Das 0:1 für Deutschland.

Mannschaft und Publikum Brasiliens wirkten vom frühen Rückstand konsterniert. Noch deutete aber nichts auf das hin, was eine knappe Viertelstunde später folgen sollte.

Sollte es noch Zweifel an der eigenen Überlegenheit gegeben haben, so kam die deutsche Auswahl mit der Führung im Rücken zunehmend besser ins Spiel. Sie begann nun, mit fast schon chirurgischer Präzision die Schwächen ihres Gegners zu nutzen. Mit jeder gelungenen Aktion stieg die eigene Zuversicht und man spielte sich von Minute zu Minute zunehmend in einen Rausch (Ich erinnere in diesem Zusammenhang an meine Ausführungen zum Stichwort „Flow“), d.h. sie bewegte sich leistungsmäßig am Optimum.

In der 23. Spielminute konnten Müller und Klose auf einen feinen vertikalen Pass von Kroos im Strafraum des Gegners kombinieren. Kloses ersten Torschuss konnte César im Tor der Brasilianer noch parieren, gegen seinen Nachschuss war er jedoch dann machtlos. Das 0:2 für die deutsche Elf.  Wie sich zeigen sollte, war diese Erhöhung des Rückstandes aus Sicht der Seleção der mentale Genickbruch. Sie verlor nun vollkommen die Kontrolle über das Spiel, während gleichzeitig das Spiel der deutsche Mannschaft wirkte, als würde man lediglich ein Trainingsspiel gegen einen x-beliebigen unterklassigen Sparringspartner bestreiten. Folge all dessen waren furiose sechs Minuten, wie man sie wohl kaum je auf diesem Niveau bei einer Weltmeisterschaft gesehen haben dürfte.

Das Spiel war gerade wieder angepfiffen, da zappelte der Ball erneut im Netz der Brasilianer. Und das kam so: Lahm passte von der rechten Außenbahn diagonal quer zu Kroos. Dieser schloss von der Strafraumgrenze sofort flach ab. Das 0:3 in der 24. Minute.

Ausdruck der völlig verlorengegangenen Übersicht bei den Brasilianern war die Entstehungsgeschichte des nur zwei Minuten später folgenden Treffers für Deutschland. Fernandinho wurde der Ball aus der eigenen Abwehr von Dante zugespielt. Bevor Fernandinho den Ball jedoch verarbeiten konnte, spritzte Kroos in seinem Rücken heran und nahm ihm das Spielgerät vom Fuß. In der Folge spielten Kroos und der mitgelaufene Khedira die Innenverteidigung des Gegners mit einem Doppelpass aus. Am Ende musste Kroos den Ball nur noch einschieben. Das 0:4 (26.) – wie im Training.

Wieder nur drei Minuten später erkannte Deutschlands Innenverteidiger, Hummels, eine Lücke in der Brasilianischen Defensive und lief mit dem Ball weit in deren Spielhälfte. Erneut konnte die Innenverteidigung mit einem Doppelpass, dieses Mal  zwischen Özil und Khedira,  ausgespielt werden. Das 0:5 durch Khedira in der 29. Spielminute.

Im Grunde war das Spiel da schon längst entschieden. 0:5 gegen Brasilien in einem Halbfinale, das in Brasilien ausgetragen wird – wer hätte das vor der Partie für möglich gehalten?!

Die deutsche Elf schaltete nun, wer will es ihr verdenken?, im Gefühl des sicheren Sieges einen Gang zurück. Die Brasilianer, Mannschaft wie Publikum, wirkten vollkommen fassungslos und waren nur noch darum bemüht, sich ohne weiteres Gegentor irgendwie in die Halbzeitpause zu retten, was ihnen auch gelingen sollte.

Scolari nahm in der Pause einen Doppelwechsel vor. Für den  fast vollkommen wirkungslos gebliebenen Hulk kam mit Ramires ein Achter. Und für den neben Luiz Gustavo zweiten Sechser, Fernandinho, mit Paulinho  ein weiterer, offensiver  und durchaus torgefährlicher Achter.

Zu Beginn der zweiten Spielhälfte schien sich dieser Doppelwechsel zunächst auszuzahlen. Brasilien verstärkte seine Offensivbemühungen. Aber auch die besten Chancen, so etwa die Doppelchance für Paulinho in der 53. Minute, wurden von dem gewohnt sicheren und aufmerksamen Neuer im Tor der Deutschen pariert. Diese stärkere Phase der Brasilianer war aus meiner Sicht aber vor allem Folge der Tatsache, dass die Deutsche Elf mit der haushohen eigenen Führung im Rücken kurzfristig ein ganz klein wenig die Zügel schleifen ließ.

Löw reagierte darauf seinerseits und brachte mit Edeljoker Schürrle (für Klose) eine frische Offensivkraft.

Der Rest ist im Grunde schnell erzählt. Lahm passte auf Schürrle. Das 0:6 (69.). In der siebzigsten Minute erlöste Scolari den vom heimischen Publikum ungeliebten Mittelstürmer, Fred, der als Sündenbock für die Anhänger der Seleção herhalten musste und bei jedem Ballkontakt von ihnen ausgepfiffen worden war.  Bei allem Verständnis für die Enttäuschung des Publikums ist für mich ein derartiges Verhalten, einen Spieler des eigenen Teams derart zu schmähen (kann man leider gelegentlich auch beim HSV beobachten) absolut inakzeptabel.

In der 77. Minute kam für die deutsche Elf Draxler für den dieses Mal großartig aufgelegten Khedira ins Spiel.

Zwei Minuten später zog Müller auf dem rechten Flügel auf und davon. Sein Rückpass erreichte Schürrle, der den Ball humorlos aus spitzem Winkel unter die Latte des von César gehüteten Gehäuses drosch. Das 0:7 (79.)

Özil hätte das Ergebnis nach feinem Pass von Draxler sogar noch ausbauen können, sein Schuss verfehlte aber knapp das Tor.

Der Ehrentreffer für Brasilien fiel praktisch im Gegenzug. Oscar kreuzte klug den Laufweg des von seinen Vorderleuten im Stich gelassenen Boateng und traf in der Nachspielzeit (90+1.) zum 1:7.

 

Schiedsrichter: Marco Rodriguez (Mexiko). Gut. Beruhigte die Gemüter bei einer Rudelbildung und kam weitestgehend ohne Karten aus, ohne dass ihm deswegen das Spiel entglitt. Fiel auch nicht auf diverse Schwalben der Brasilianer herein.

Fazit: Ein hochverdienter, historisch zu nennender Sieg der deutschen Nationalmannschaft, die in allen Belangen überlegen wirkte. Die deutsche Mannschaft steht damit erneut in einem Finale um den Weltmeistertitel. Herzlichen Glückwunsch!

Klose ist nunmehr Rekordtorschütze bei Endrunden um die Weltmeisterschaft. Auch dies ist etwas, was in die Geschichtsbücher des Fußballs eingehen wird. Auch dazu Gratulation!

Ich hoffe, dass nun endlich auch diejenigen  Ruhe geben, die meinen, Löw habe keine Ahnung oder sollte z.B. auf Özil verzichten. Aus einer großartig aufspielenden  Mannschaft ragten für mich noch etwas Neuer, Hummels, Khedira, Kroos, Müller und Schürrle heraus, was aber die Leistung aller anderen Beteiligten nicht schmälern soll. Auch der oft kritisierte Höwedes lieferte eine überzeugende Leistung ab. Das sollte man auch einmal festhalten.

Es ist noch nicht so lange her, da „mogelte „sich die deutsche Mannschaft regelmäßig bis ins Finale einer WM. Den schönen Fußball zeigten regelmäßig andere Mannschaften. Auch dank der Arbeit von Klinsmann und Löw spielt die Mannschaft inzwischen seit Jahren einen Fußball, der auf der ganzen Welt  nicht nur respektiert, sondern z.T. sogar bewundert wird. Dass es nicht immer gelingt, jeden Gegner an die Wand zu spielen, dass gelegentlich auch schwächere Spiele wie gegen Algerien abgeliefert werden, ist m.E. völlig normal. Das gestrige Spiel hat aber eindrucksvoll gezeigt, wozu die Mannschaft grundsätzlich in der Lage ist, wenn sie nahe an ihr absolutes Leistungsmaximum kommt. Ich hoffe sehr, dass ungeachtet des Ausgangs des nun erreichten Finales diese grundsätzlich positive Entwicklung nachhaltig gewürdigt wird. Es ist aus meiner Sicht auch ein Verdienst beider Trainer, dass man im Ausland inzwischen die technischen und spielerischen Qualitäten der Deutschen würdigt, anstatt das Klischee vom kraftstrotzenden deutschen Panzer zu assoziieren.

Das Ergebnis des Spiels entspricht nicht dem tatsächlichen generellen Leistungsabstand zwischen den beiden beteiligten Mannschaften. Es für mich vor allem das Resultat zweier Faktoren:

Die deutsche Elf erreichte in diesem Spiel den „Flow“, die Auswahl Brasiliens zerbrach an der Last der hohen Erwartungen. Sowohl der eigenen als auch der eines ganzen Volkes.

Erneut zeigte sich, dass die Löw-Truppe eine in jeder Hinsicht gereifte Mannschaft ist. Auch wenn das folgende Finale vermutlich ein ganz anderes Spiel sein wird, blicke ich dieser Partie mit Zuversicht entgegen. Diesem deutschen Team ist sowohl gegen Argentinien als auch gegen die Niederlande der Titelgewinn zuzutrauen. Aber dafür braucht man auch (wie immer) das nötige Glück. Hoffen wir, dass der große Wurf gelingt. Verdient hätte es die Mannschaft.

Spielbericht: HSV – FC Bayern, DFB-Pokal Viertelfinale

Aufstellung: Adler, Lam, Westermann, Tah, Jansen; Badejl (71. Bouy), Rincon, John, van der Vaart (39. Arslan), Ilicevic, Calhanoglu (71. Zoua)

Schiedsrichter: Zwayer

Tore: (21.) Mandzukic; (26.) Dante; (53.) Robben; (73.) Mandzukic; (75.) Mandzukic

Spielverlauf:  Um dieses Spiel und die Leistung der Mannschaft einordnen zu können, muss man sich zunächst die Gesamtsituation aus hamburger Sicht vor Augen führen. Der Mannschaft fehlt nach einer beispiellosen Niederlagenserie verständlicherweise Selbstvertrauen. Am letzten Wochenende, also erst vor wenigen Tagen, wurden mehrere Spieler von aufgebrachten Anhängern auf das Übelste beschimpft.  Einige Spieler waren sogar Ziel tätlicher Angegriffe des Mobs, und es wurden private Fahrzeuge der Spieler beschädigt. Wie zu vernehmen war, reagierten insbesondere die jungen Spieler darauf absolut geschockt und verstört. Zoua, so war zu lesen, soll weinend zusammengebrochen sein. Wen wundert es da noch, dass Bert van Marwijk Zoua zunächst auf der Bank ließ?!

Die Mannschaft des HSVs war vor eigenem Publikum erkennbar darum bemüht, sich nicht widerstandslos den übermächtigen Bayern zu ergeben. Man stand relativ tief und kompakt in der eigenen Hälfte und versuchte deutllich erkennbar, mit aggressivem Einsatz das Spiel der Bayern so gut es eben ging zu (zer)stören. Offenbar wollte man mit langen Bällen aus der Abwehr kontern, um evtl. so zu eigenen Chancen zu kommen, bzw. um auf jeden Fall ein totales Debakel im eigenen Stadion zu vermeiden. Dieses Konzept ging zunächst zumindest zum Teil auf. Rasch wurde aber deutlich, warum viele behaupten, der FC Bayern sei derzeit das Maß aller Dinge im Weltfußball. Der Ball zirkulierte meist in den Reihen der Münchner und rund um den hamburger Abwehrblock. Eroberten die Hausherren einmal den Ball, so ging er meist viel zu schnell verloren. Das lag zum einen an der turmhohen Überlegenheit der Bayern, zum anderen an der fehlenden Präzision, mit der die meist langen Bälle aus der eigenen Hälfte herausgespielt wurden.

Beim 0:1 konnte Lam den starken Götze links außen am eigenen Strafraum nicht allein verteidigen. Für einen kleinen Moment schauten seine Kollegen (u.a. John) nur interessiert zu. Es folgte der Pass in die Mitte, wo Mandzukic nur noch abstauben musste. Adler war dabei chancenlos.

Das 0:2 folgte kurz darauf.  Nach Ecke von Kroos kam Dante zum Kopfball. Tah konnte ihn nicht entscheidend stören. Adler flog ins lange Eck und versuchte zu parieren. Dort stand Calhanoglu abwehrbereit, wurde jedoch durch Adlers Rettungsversuch irritiert. Etwas unglücklich aus Sicht des Hamburger Sportvereins.

Leider musste Kapitän van der Vaart bereits vor der Halbzeitpause mit muskulären Problemen vom Feld. Das wird wohl eng bis zum Braunschweig-Spiel. Gute Besserung, Raffa!

Die Zwei-Tore-Führung der Bayern entsprach dem Spielverlauf. Mehmet Scholl meinte in seinem Halbzeitkommentar, auch er hätte nicht gern gegen diese Bayern spielen wollen. Schon gar nicht als Spieler des HSVs in der derzeitigen Situation. Eine ehrliche und treffende Einschätzung, wie ich finde, denn die Bayern sind derzeit mindesten im deutschen Fußball praktisch vollkommen konkurrenzlos. Zu fluide ist ihr Spiel, zu hoch die individuelle Klasse, zu überragend ihr Positionsspiel, ihre Staffelung. Und dann die s.g. Tiefe und Breite des Kaders – das sind Welten zum Rest der Liga!

Zur Halbzeit gab es praktisch keine Pfiffe. Offenbar hatte das Publikum erkannt, dass sich seine Mannschaft redlich bemüht und gewehrt hatte.

Nach der Pause ging es praktisch unverändert weiter. Die Münchner kontrollierten Ball und Spiel. Die Hamburger versuchten ihr Möglichstes, obwohl wohl kaum einer noch an eine Wende geglaubt haben dürfte.

Das 0:3 durch Robben fiel nach einem langen Diagonalball von Kroos auf den einlaufenden Torschützen. Klasse gemacht, aber einmal mehr zu passiv verteidigt. In diesem Fall durch Jansen. Spätesten jetzt war das Spiel entschieden. Lobenswert, dass dennoch keine Massenflucht des heimischen Publikums einsetzte.

In der 73. Minute staubte Mandzukic zum 0:4 erneut ab,  nachdem der starke Götze dieses Mal Rincon (?) vernascht hatte.

Wirklich ärgerlich fand ich das 0:5. Mandzukic konnte trotz zahlenmäßiger Überlegenheit der Hamburger im eigenen Strafraum den Ball einschießen, nachdem der kurz zuvor für den ebenfalls verletzten Badejl (war umgeknickt. Ebenfalls gute Besserung!) eingewechselte Zoua, der mit dem Gesicht zum eigenen Tor stand, statt entschieden selbst zu klären, den Ball wohl zu einem überraschten Kollegen spielen wollte. Diese Konfusion nutzte der dreifache Torschütze. Ärgerlich, aber auch irgendwie bezeichnend.

Fazit: Das Wunder blieb aus. Der HSV unterliegt deutlich, und der FC Bayern München zieht erwartungsgemäß in das Halbfinale ein. Lobenswert dieses Mal das heimische Publikum, das auch nach Abpfiff auf Pfiffe weitestgehend verzichtete.

Heute nun soll der Aufsichtsrat erneut zusammentreten. Ich halte es für wahrscheinlich, dass die zuletzt noch fehlende eine Stimme pro Magath gefunden wird. Dies würde wohl bedeuten, dass Jarchow, Kreuzer und van Marwijk noch vor dem Braunschweig-Spiel entlassen werden. Wie zu hören war, soll Magath nämlich für eine Verpflichtung nach dem Braunschweig-Spiel nicht mehr zur Verfügung stehen. Die sportliche Leitung des Hamburger SVs hängt also unverändert in der Luft. Mit Badejl und van der Vaart verletzten sich zwei wichtige Spieler, so das ungewiss bleibt, ob sie in dem „Spiel des Jahres“ am Wochenende gegen den Tabellenachtzehnten überhaupt mitwirken können. Das erleichtert die anstehende Aufgabe keineswegs. Auf eine Einzelbewertung der HSV-Spieler möchte ich bewusst verzichten. Im Grunde sind derzeit fast alle deutschen Mannschaften gegen dieses Starensemble aus Bayern chancenlos. Die Münchner spielen derart fluide und ballsicher, dass sie früher oder später zu ihren Chancen kommen. Wer da dann am Ende der Fehlerkette steht, das erscheint mir dieses Mal nebensächlich.

+++Ergänzung: van der Vaart mit Muskelverletzung, kann evtl. aber gegen Braunschweig spielen. Entscheidung darüber kurzfristig vor dem Spiel. Badejl erlitt einen Bänderanriss und eine Knochenprellung im Sprunggelenk. Er wird voraussichtlich zwei bis drei Wochen ausfallen. +++

+++ EILT: Magath sagt dem HSV offiziell ab. +++