Rincon

Schlechte (und gute) Nachrichten

Was macht man dieser Tage als HSV-Anhänger? Man blickt wohl mit Bangem dem jeweils nächsten Spieltag entgegen. Immer wieder fällt der Blick auf das Restprogramm, und nach jedem Spiel sofort auf die Tabelle. Punkteabstände und Tordifferenzen werden begutachtet, Szenarien durchgespielt und wieder verworfen. Nach jedem Sieg (Leverkusen) steigt die Hoffnung, nur damit sie nach jeder Niederlage, besonders wenn sie so ernüchternd daherkommt wie gegen Hannover, wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Nur gut, dass auch die Konkurrenten regelmäßig Federn lassen. So gibt es unverändert eine Chance auf den Klassenerhalt, wenn auch der Druck auf alle Beteiligten stetig steigt.

Ich hatte jüngst gemutmaßt, dass Lassoga dem HSV frühestens zum Saisonfinale wieder zur Verfügung stünde. Inzwischen heißt es, Lasogga könnte, wenn überhaupt, in den Relegationsspielen zum Einsatz kommen, sofern der HSV am Ende wenigstens Platz 16 belegt. Das sind wahrlich keine guten Nachrichten. Überhaupt mangelt es derzeit nicht an schlechten Nachrichten:

Westermann ist angeschlagen, will aber unbedingt im nächsten Spiel auflaufen. Ich bin hin und hergerissen, ob ich das gut finden soll. Einerseits finde ich es absolut lobenswert, dass er sich in dieser für den HSV inzwischen fast beispiellos prekären sportlichen Lage zur Verfügung stellen will, andererseits brauchen wir fitte Spieler, um im Restprogramm bestehen zu können. Und nicht ausgeheilte, kleinere Verletzungen bergen ja immer die Gefahr, dass sich daraus etwas Schlimmeres entwickelt. Jansen steht aber noch nicht wieder zur Verfügung, Lam fällt bis zum Saisonende definitiv aus, so bliebe links außen in der Abwehrkette eben nur Jiracek als Alternative. Davor, also links offensiv, steht gerade wieder Ilicevic zur Verfügung, der aber ebenfalls unverändert angeschlagen ist, und bei dem aufgrund seiner Verletzungshistorie zumindest bezweifelt werden kann, ob er den Rest der Saison durchhält.
Badeljs Muskelfaserriss scheint ebenfalls nicht komplett ausgeheilt zu sein. Auch wenn hier wohl eine gewisse Hoffnung besteht, dass er gegen den VfL Wolfsburg eventuell spielen könnte – aus einem Faserriss entwickelt sich u.U. ein Muskelbündelriss, der dann ebenfalls das Saisonaus für Milan bedeuten würden. Wenn auch das Spiel gegen „96“ erneut aufgezeigt hat, dass das Duo Rincon/Arslan suboptimal funktioniert und nach Veränderung schreit, bin ich der Meinung, dass Badelj  derart wichtig für das Spiel des Hamburger Sportvereins ist, dass man einen längeren Ausfall mit Blick auf die verbleibenden Spiele nicht riskieren sollte. Aber zum Glück muss ich diese Entscheidung ja nicht fällen.
Nach Lage der Dinge ausgeschlossen soll ein Einsatz von van der Vaart im nächsten Spiel sein. Der Niederländer soll sich ebenfalls mit muskulären Problemen herumschlagen.

Es liegt in der Natur der Sache. Abstiegskampf bedeutet Existenzkampf, also Stress ohne Ende. Das trifft nicht nur die Spieler und Verantwortlichen im Verein, sondern auch die Anhängerschaft. Und so kann es nicht verwundern, dass längst Stimmen laut wurden, die den HSV bereits abgestiegen sehen. Generell gilt, dass Menschen unterschiedlich mit Stress umgehen. Dabei ist zu beachten, dass Stress, auch wenn er in der deutschen Sprache gewöhnlich mit negativem Unterton versehen ist, ansich nichts Schlimmes ist. Im Gegenteil! Es kommt allein auf dessen Ausmaß, bzw. die eigenen Fähigkeiten (Ressourcen) des Einzelnen an, mit denen er/sie ihm begegnet. Fühle ich mich dem Stress absolut  gewachsen, so ist er sogar positiv, da er leistungsfördernd wirkt. Nur wenn die stressende Situation als ausweglos und übermächtig empfunden wird, spricht man von Negativem Stress. Letzteres ist regelmäßig gemeint, wenn psychologische Laien über Stress klagen. Und in der Tat macht dieser Stress auf Dauer krank. Eine entscheidende Rolle spielt also die eigene Einstellung.

Es gibt viele Menschen, die eine spezielle Strategie im Umgang mit unangenehmen und ggf. angstauslösenden Dingen in ihrem Leben entwickelt haben. Sie tendieren dazu, jeweils den „worst case“ vorwegzunehmen, also das denkbar schlimmste Szenario. Auf den HSV übertragen hieße dies, ich erkläre den Verein als bereits abgestiegen, obwohl das unbestreitbar objektiv nicht zutrifft!, damit mich ein realer Abstieg emotional nicht mehr so trifft. Im Grunde handelt es sich hier also um so genanntes „Coping“. Ein Vorteil dieser Bewältigungsstrategie könnte sein, dass der Betreffende auch im Falle des realen Abstiegs handlungsfähig bleibt, da er sich ja schon seit Wochen mit diesem Szenario auseinandergesetzt und es als unvermeidlich akzeptiert hat. Diese Coping-Strategie hat aber auch diverse Nachteile:

1.) ich suche nicht länger nach Alternativen, um das Schlimmste zu vermeiden, da ich dessen Eintritt ja bereits im Kopf als vermeintlich alternativlos akzeptiert habe;
2.) ich mobiliere auch nicht mehr alle meine Kräfte, um mich gegen dieses fiktive(!) Szenario zu stemmen, denn ich meine ja zu wissen, dass es so kommen muss und wird, egal was ich noch versuche;
3.) weil ich das Negative im Kopf bereits vorwegnehme, steigt dessen Eintritts-Wahrscheinlichkeit (Teufelskreis). ERGÄNZUNG: Das hat dann ggf. den Vorteil, dass ich mich in meiner negativen „Expertise“ bestätigt sehe.

Grob gesagt kann man ganz allgemein Menschen in zwei Gruppen unterteilen: in s.g. „lageorientierte“ und „handlungsorientierte“ Menschen. Während die Lageorientierten angesichts einer Problemstellung zum Nachdenken bis zum Grübeln neigen, agieren die Handlungsorientierten, d.h. sie gehen das Problem unverzüglich an. Beides hat Vor- und Nachteile. Der Lageorientierte prüft sorgfältig alle erdenklichen Lösungsalternativen, vergisst dabei aber unter Umständen, dass das Nachdenken allein ohne konkrete Handlungsschritte das Problem nicht löst. Der Handlungsorientierte hingegen ist auf dem Weg zur Problemlösung zunächst erfolgreicher, da er unmittelbar etwas unternimmt, läuft aber ggf. Gefahr, die bessere Alternative zu seinem spontanen Lösungsansatz zu übersehen.

Fußball ist als schnelle Mannschaftssportart für lageorientierte Menschen eher ungeeignet. Wer zu lange abwägt, ob er diesen oder jenen Mitspieler anspielen, ob er den Torwart umspielen oder überlupfen soll, dem geht der Ball verloren, bzw. der versiebt mit größter Wahrscheinlichkeit die Torchance. Das Spiel selbst erfordert, dass man sofort und  intuitiv die richtige Lösung wählt. Diesem unmittelbaren Handlungsdruck sind wir Betrachter jedoch nicht ausgesetzt. Also bewerten wir gewöhnlich das Spiel und nachfolgend die sich daraus ergebende sportliche Situation entsprechend unseren generellen Orientierung (Handlung vs. Lage), bzw. auch in Abhängigkeit von unseren vorhandenen oder nicht vorhandenen Erfahrungen mit Wettkampfsport, also ggf. vorhandenem Hintergrundwissen.

Ich denke, ich gehe nicht zu weit wenn ich unterstelle, dass die Mehrzahl der Zuschauer kaum je in ihrem Leben sportliche Wettkämpfe auf höherem Niveau bestritten haben. Es fehlt also grundsätzlich an eigener unmittelbarer Erfahrung. Dazu gesellt sich, dass man gewöhnlich auf die mediale Berichterstattung angewiesen ist und sich kaum ein eigenes Bild jenseits der Beobachtung der Spiele verschaffen kann. Jede Einschätzung der Situation bleibt also mit vielen, vielen Unsicherheiten behaftet. Unsicherheit oder offene Fragen führen jedoch schnell zu der Empfindung, etwas sei chaotisch. Das menschliche Gehirn aber, das ist evolutionär bedingt, versucht permanent Chaos zu vermeiden, indem es Antworten/Gründe sucht. Dabei erscheint es sogar völlig unbedeutend, ob die Antwort tatsächlich sinnhaft ist. Um ein jüngst andernorts zitiertes Beispiel aufzugreifen:

Schon die Aufforderung „Lassen Sie mich bitte vor, weil ich etwas kopieren muss!“ führt, obwohl sie ansich völlig unverschämt und weitestgehend sinnfrei ist (der andere will ja auch kopieren) dazu, dass man meist den Vortritt erhält. Warum? Weil unser Gehirn unbedingt  Antworten „will“. Die Prüfung, ob eine Antwort tatsächliche Substanz enthält, findet oft gar nicht statt.

Um zur medialen Berichterstattung zurückzukehren, auf die die meisten von uns angewiesen sind: Der SPIEGEL nahm jüngst das angebliche Gehalt von Ilicevic und dessen relativ wenige Einsätze für den HSV zum Anlass, um den Tenor seiner HSV-Geschichte zu würzen: Seht her, für so einen, der so wenig spielt, bezahlen die Idioten in dem Verein so viel Gehalt! Kein Wort darüber, dass der Spieler nicht leistungsbedingt sondern aufgrund diverser Verletzungen auf diese Einsatzzahlen kam. Kein Wort darüber, dass noch kurz vor der damaligen Vertragsunterschrift namhafte Mitkonkurrenten ebenfalls um den Spieler buhlten. Warum auch?! – das hätte doch nur die vermeintliche Schlüssigkeit des Artikels in Frage gestellt. Denn selbst wenn man im Nachhinein zu der Feststellung käme, dass sich das Investment des Vereins nicht gerechnet habe, so ist dies eben eine stets wohlfeile ex-post Analyse. Maßgeblich für die Sinnhaftigkeit oder Unsinnigkeit dieses Vertrages können nur die Bedingungen zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses sein. Und zu jenem Zeitpunkt dürften wohl nicht einmal die sich stets allwissend generierenden Damen und Herren des SPIEGELS gewusst haben, dass der Spieler immer wieder verletzt sein würde. Wetten, dass?! Aber so wird eben Meinung gemacht, bzw. zur Meinungsbildung beigetragen. Auch das beeinflusst uns (notgedrungen), wenn wir die Situation des HSVs einschätzen.

Andere Medienschaffende plärren seit Monaten, dass der HSV zu wenig trainiere. Denn so meint es so mancher Laie zu wissen: Viel hilft immer viel. Diese Behauptung ist zwar in dieser Pauschalität gröbster trainingsmethodischer Unfug, aber darauf kommt es gar nicht an. Worauf es ankommt, ist, dass man genügend „Käufer“ für die These findet. Und diese Behauptung hat einen Vorteil: Sie knüpft an vermeintlich sicheres Alltagswissen der Konsumenten an. Das ersetzt zwar nicht deren fehlende sport-fachliche Qualifikation, liefert aber was? Die so dringend herbeigesehnte Antwort (s.o.). Und dann ist es nicht mehr weit zu folgender Sichtweise:

„Der HSV verliert und steigt ab, weil das alles Söldner sind, denen das Schicksal des Vereins völlig gleichgültig ist, was man u.a. daran sieht, dass die so wenig laufen. Und (ein wenig will der schwelende Sozialneid ja auch mal raus) dafür werden die auch noch so hoch bezahlt?!“

Ach, wenn es doch so einfach wäre! Ähnlich verhält es sich in meinen Augen mit der gegenläufigen These, dass Slomkas Training ursächlich für die inzwischen sich häufenden Verletzungen sei. Zwar ist die Häufung der muskulären Verletzungen in der Tat bemerkenswert, jedoch könnte es dafür andere, ebenfalls plausible Gründe geben. Interessiert aber offenbar nicht. Denn dann könnte man nicht über den Umweg einer fachlichen Dikreditierung des Trainers diejenigen angreifen, die man tatsächlich treffen möchte. Nämlich die Urheber der „Fink und van Marwijk haben die Söldner durch zu lasches Training falsch trainiert“-These.

Wie man es auch dreht und wendet – alle diese Argumentationsmuster haben vor allem einen Vorteil: Tatsächliche Wissenslücken werden unverzüglich überbrückt und sollen die vermeintliche Schlüssigkeit der eigenen Sichtweise untermauern.

Objektiv ist der HSV keinesfalls bereits abgestiegen. Objektiv machen die diversen verletzungsbedingten Ausfälle die unverändert anstehende Aufgabe, den Abstieg zu vermeiden, nicht einfacher. Aber möglich ist dies unverändert. Ob es am Ende gelingen wird, das weiß ich auch nicht. Was ich aber weiß, ist, dass wir mit Sicherheit absteigen werden, wenn wir vorzeitig die Flinte ins Korn werfen, oder uns jetzt auf die Jagd nach den Schuldigen machen, anstatt uns auf diese zweifellos schwierige Aufgabe zu fokussieren. Für den Verein mag es sogar von Vorteil sein, wenn es uns erst im allerletzten Moment, im Rückspiel der Relegation, z.B. durch einen Treffer von Lasogga, gelänge, dieses Ziel zu erreichen. Denn dann dürften wohl selbst die größten Träumer begriffen haben, dass es so mit dem Verein nicht weiter gehen darf. Auch wenn ich mir mitunter wie ein einsamer Rufer in der Wüste vorkomme: Die Hoffnung und der Glaube dürfen erst dann aufgegeben werden, wenn der Klassenerhalt objektiv, d.h. rechnerisch nicht mehr möglich ist. Es bleibt menschlich, wenn man dazu nicht in der Lage ist. Da sagt allerdings dann mehr über den eigenen Umgang mit der Realität als über die Realität ansich aus.

Anschauungsunterricht vom kleinen Bruder: Hannover 96 – HSV 2:1 (1:0)

Langsam fällt es selbst mir schwer, positiv zu bleiben. Zu ernüchternd war das, was die Mannschaft des Hamburger Sportvereins gestern gegen Hannover 96 bot. Während ich zunehmend konsterniert das Geschehen auf dem Rasen verfolgte, schoss mir durch den Kopf: ohne Herz und Hirn kann man nicht gewinnen! Zu diesem Zeitpunkt stand es noch 1:1. Dann kam Rudnevs und sorgte dafür, dass der HSV am Ende vollkommen verdient verlor. Denn bis dahin hatte der kleine dem großen Bruder Anschauungsunterricht in Sachen Abstiegskampf und Fußball gegeben.

Der HSV begann wie erwartet mit der folgenden Aufstellung:

Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann(17. Ilicevic) – Calhanoglu, Rincon, Arslan (88. John), Jiracek – van der Vaart (46. Maggio) – Zoua

Spielverlauf:
Hannovers Trainer Korkut ließ den ball- und kombinationssicheren Bittencourt neben Ya Konan beginnen. Rudnevs blieb daher zunächst auf der Bank. Für mich eine von mehreren taktischen Maßnahmen beider Trainer, die den Spielverlauf entscheidend beinflussten. Hannover erwischte vom Anpfiff an den besseren Start in die Partie. Bereits in der 2. Minute ließ sich Westermann an der Außenlinie von Stindl den Ball abluchsen. Der folgende Fernschuss von Andreasen verfehlte jedoch das Hamburger Tor. Nur eine Minute später ging aus Hamburger Sicht erneut der Ball auf der Außenbahn verloren. Dieses Mal war es Stindl, dessen Schuss knapp am rechten Pfosten vorbei (3.) ins Toraus ging. Spätestens jetzt hätten die Hamburger hellwach und gewarnt sein müssen! Der HSV aber, vermutlich in dem Bemühen, auswärts abgeklärt und souverän zu agieren, spielte naiv, pomadig und – das schlimmste von allem – hirnlos. Hannover presste zunächst erst im Mittelfeld, dort jedoch konsequent. Einmal mehr trat zu Tage, dass das Zentrum des HSVs spielerische und taktische Defizite aufweist. Die Hamburger versuchten, wie gewohnt über die Außen ihr Spiel nach vorne zu tragen und liefen dort den von Korkut glänzend eingestellten Leinestädtern in die Falle. Immmer wieder gelang es den Gastgebern dort, den Ball durch entschlossenes Zweikampfverhalten und/oder personelle Überzahl zu erobern und schnell umzuschalten. Die beiden eigenen beweglichen Spitzen beschäftigten die Hamburger Innenverteidigung. Da auch das Mittelfeld der Gäste entschlossen nachrückte und sich an den Angriffsbemühungen beteiligte, liefen Rincon und Arslan von Anfang an der Musik hinterher. Der nominell rechts außen aufgebotene Stindl konnte immer wieder und wieder ungestört einrücken und zum Torabschluss kommen. In der 6. Spielminute hätte es eigentlich schon so weit sein müssen: Im defensiven Hamburger Mittelfeld klaffte ein riesiges Loch, durch das die Hannoveraner mit Tempo auf Hamburgs Viererkette zu liefen. Doch Stindls Fernschuss aus zentraler Position (ca. 20m) ging noch knapp am rechten Pfosten vorbei. Ein, wie sich zeigen sollte, letzter Warnschuss, den die Hamburger ebenfalls ignorierten. Drei Minuten später stand wieder Stindl völlig frei. Aus halb linker Position und acht Meter vor dem Gästetor kam er zu einem Kopfball, den er neben dem kurzen Pfosten im Tor unterbrachte. 1:0 für die Hausherrn. Stindl, Stindl, Stindel! Die Hamburger bekamen ihn während der kompletten ersten Spielhälfte überhaupt nicht in den Griff. Er allein hätte, etwas mehr Schussglück vorausgesetzt, den großen HSV schon zur Halbzeit hoffnungslos in Rückstand schießen können.

Kein Spiel des Hamburger Sportvereins ohne Hiobsbotschaften: Da Jansen noch nicht fit ist und daher nicht auf der Bank war, musste der aushilfsweise links verteidigenden Westermann bereits in der 17. Minute verletzungsbedingt ausgetauscht und durch den ebenfalls noch nicht völlig beschwerdefreien Ilicevic ersetzt werden. Jiracek rückte auf der linken Seite eine Position nach hinten und übernahm die Rolle Westermanns.

In der 25. Minute prüfte erneut Stindl Hamburgs Torhüter Adler, der aber zur Ecke klären konnte. Als der folgende Eckstoß in den Strafraum der Hamburger segelte, kam Ya Konan zum Kopfball Richtung langes Eck, doch van der Vaart konnte auf der Linie klären. Sechs Minuten später, in der 31. Spielminute, verlor Ilicevic durch gutes Pressing der Hannoveraner den Ball. Die „96er“ liefen in Überzahl (4 gegen 3) auf das Tor der Hamburger zu. Dieses Mal scheiterte Bittencourt mit seinem Schuss denkbar knapp am  Pfosten des Hamburger Gehäuses. Glück, Glück, Glück aus Sicht der Hamburger! Der HSV wirkte angesichts der erstklassigen taktischen Einstellung des kleinen Brudervereins über weite Strecken der ersten Spielhälfte hilflos und überfordert. Zumal die Gastgeber mit fortschreitender Spielzeit nun ihr Pressing weiter nach vorne verlagerten und schon das Aufbauspiel des HSVs durch entschlossenes Anlaufen der Innenverteidiger störten. Bei Ballbesitz versuchte der HSV daher meist, mit hohen Chip-Bällen Zoua zu erreichen, oder spielte prinzipiell leicht zu verteidigende, hohe und lange Bälle. Gepflegtes Passspiel? Fehlanzeige – Grausam! So blieb es erneut Stindl überlassen, den Schlusspunkt für diese Halbzeit zu setzen. Nach einer schönen Kombination der Hannoveraner über Hamburgs linke Abwehrseite konnte jedoch Adler Stindls Schuss mit Mühe entschärfen. Mancienne klärte dann endgültig.

Fazit zur Pause: Es spielte nur „96“. Van der Vaart war bis auf seine Rettungstat, man muss es dieses Mal so deutlich feststellen, ein Totalausfall. Echte Torchancen für den HSV gab es nicht, dafür eine Vielzahl davon für die Gastgeber. Bei konsequenter Chancennutzung durch die Hannoveraner hätte schon zur Halbzeitpause ein Debakel für die Gäste notiert werden müssen. So aber blieb es zunächst bei einer hochverdienten, jedoch denkbar knappen 1:0-Führung für die Gastgeber.

Slomka nahm den enttäuschenden Hamburger Kapitän zur Halbzeit aus der Partie und brachte Nachwuchsstürmer Maggio. Dieser besetzte nun die Sturmspitze, während Zoua vor allem auf den rechten Flügel auswich. Taktisch entprach das über weite Strecken der zweiten Hälfte einem 4-1-4-1, da wahlweise auch einer der beiden hamburger Sechser die Außenbahn mitunterstützte. Maggio  war kaum auf dem Feld, da hatte er für Hamburgs Offensive bereits mehr bewirkt als van der Vaart zuvor. Er wirkte deutlich schneller, spritziger und entschlossener. So bedrängte er kurz nach Wiederanpfiff Hannovers Linksverteidiger Pander, dem prompt zentral vor dem eigenen Strafraum ein Handspiel unterlief. In den linken Rand der Mauer der „96er“ schmuggelten sich drei Hamburger. Calhanoglu lief zum fälligen Freistoß an, die drei Hamburger machten den Weg frei, und der Ball zappelte neben dem linken Pfosten im Netz der Gastgeber. Ein uralter Freistoßtrick, den die Brasilianer bereits 1974 bei der WM in der damaligen Bundesrepublik  gezeigt haben. Meiner Meinung nach ein klarer Abwehrfehler, an dem der für die Positionierung der Mauer zuständige hannoveraner Torhüter Zieler durchaus mindestens mitbeteiligt war. Das 1:1 in der 47. Spielminute, und der Spielverlauf war vollkommen auf den Kopf gestellt.
In der Folge gelang es dem HSV durch die veränderte taktische Ausrichtung zunächst etwas besser, personelle Unterzahlsituationen vor allem auf den Flügeln zu vermeiden. Dann aber zeigten sich sattsam bekannte Schwächen: Hannover konnte in die Räume hinter die offensive Viererkette der Hamburger stoßen, in der nun ohnehin oft nur ein einziger Sechser stand und sich einer personellen Überzahl ausgesetzt sah. Das war auch deswegen für die Gastgeber einfach, weil die Hamburger – wieder einmal! Wie oft noch?! – vollkommen hirnlos (im Sinne fehlender taktischer und spielerischer Intelligenz) agierten. Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen wurden viel, viel zu groß! Bei Ballgewinn bemühten sich die Offensivspieler nach vorne, während die Defensive nur unzureichend nachschob, um den dahinter liegenden Raum zu verdichten. Zeitweilig, so meine ich es gesehen zu haben, lagen sechzig, siebzig Meter zwischen den Mannschaftsteilen. Das hatte nichts, aber auch rein gar nichts mehr mit der viel zitierten und unerlässlichen Kompaktheit zu tun. Es ist ja gut und schön, wenn man die Außen personell besser besetzt, aber wer dahinter, gerade in einem 4-1-4-1, dem Gegner riesige Räume anbietet, der handelt schon sträflich naiv. Und dann ist noch etwas schärfstens zu kritisieren: Wenn man schon erkennbar einen schlechteren Tag erwischt hat und denkbar glücklich und im Grunde vollkommen unverdient zum Ausgleich kommt, dann muss man zur Not mit einem Punkt zufrieden sein und wenigstens dessen Gewinn sicherstellen! Nicht so aber die aktuelle Mannschaft des Hamburger Sportvereins. Da will man, prinzipiell durchaus lobenswert, unbedingt das Siegtor erzielen und läuft dann naiv in die Konter. So kam, was im Grunde kommen musste: Hannover 96 hatte sich nach ca. einer Viertelstunde besser auf die neue taktische Ausrichtung eingestellt und übernahm wieder zunehmend das Kommando. Ebenfalls zu bemängeln aus hamburger Sicht ist eine Vielzahl an Standards, die man zuließ. Foulspiele, die den Gastgebern Freistöße ermöglichten, sind z.T. auch Indiz dafür, dass man wiederholt einen Schritt zu spät kam, weil eben die Abstände oft gar nicht mehr stimmten. Auch hier bleibt zu resümieren: Zum Glück für den HSV blieben die Standards des Gegners oft ungefährlich. An einem anderen Tag hätte allein diese Unzahl an gegnerischen Standards den Verlust der Partie zur Folgen haben können.
In der 83. Spielminute brachte Korkut Rudnevs für Pander. Eine Maßnahme, die sich schon wenig später auszahlen sollte. Die Hamburger verloren in der Vorwärtsbewegung im Mittelfeld nicht nur den Ball, sondern danach fünf (5!) Zweikämpfe in Folge gegen Andreasen und den bereits oft erwähnten, besten Mann auf dem Platz, Hannovers Kapitän Stindl. Rudnevs Schuss konnte in allerhöchster Not noch von Djourou von der Linie gekratzt werden. Da dies aber unkontrolliert erfolgte, hatte Ya Konan anschließend keine Mühe, zum 2:1 für die Gastgeber abzustauben.
Slomka blieb angesichts der geringen Restspielzeit und der personellen Lage gar nichts anderes mehr übrig und brachte John für Arslan (88.). Die letzten Möglichkeiten gehörten jedoch den Gastgebern. Erst machte Adler eine Doppelchance (89.) zunichte (Schuss von Andreasen, Nachschuss von Ya Konan), dann scheiterte erneut Ya Konan mit einem strammen Schuss aus ca. 17 Metern, den Adler mit Mühe über die Latte lenken konnte (90+1.). Danach erlöste der Schiedsrichter die Hamburger mit dem Schlusspfiff.

Fazit: Ein hochverdienter Sieg des kleineren Bruders, darüber kann es keine geteilten Meinungen geben. Ein Punktgewinn für den großen HSV lag zwar im Bereich des Möglichen und wäre sehr, sehr wichtig gewesen, so aber steht man einmal mehr mit leeren Händen da. Das ist bitter, lässt aber die Defizite schonungslos hervortreten. Hannover war in allen Bereichen überlegen: Entschlossenheit in der Zweikampfführung, mannschaftliche Geschlossenheit, taktische Disziplin und Spielintelligenz. Wenn Calhanoglu nach Abpfiff davon sprach, dass die Mannschaft daraus lernen müsse, dann sei drauf hingewiesen, dass die Zeit abläuft, in der man Grundtugenden noch erlernen kann. Der kleine Bruder hat dem größeren mehr als eine Lektion erteilt. Wenn die Mannschaft des  Hamburger Sportvereins es jetzt nicht begriffen hat, dann steigt sie ab.

4-4-2, 4-2-3-1, 4-2-4-0 oder 4-1-4-1 – taktische Systeme sind, das zeigte auch dieses Spiel, wichtig und ggf. spielentscheidend. Zugleich aber gibt es die klaren Formationen im Grunde oft nur so lange das Spiel ruht, bzw. das Tempo nicht beschleunigt wird. Danach entstehen situativ andere Formationen. Egal in welcher Formation man sich gerade befindet – die Kompaktheit ist das A und O! Wer kompakt bleibt, der hat kürzere Weg zum Ball und bessere Chancen auf personelle Überzahl und Ballgewinne.
Van der Vaart, egal ob das nun wieder eine echte oder taktische Verletzung ist, ähnelt immer mehr einem anderen personellen Missverständnis. Vor Jahren holte man einen Jörg Albertz, der bei seiner ersten Station in Hamburg überzeugt hatte, mit großen Erwartungen zurück. Resultat: „Ali“ Albertz war dem Tempo der Bundesliga nicht mehr gewachsen. „Raffa“ ist nicht vorzuwerfen, dass man ihn in Hamburg fälschlich für einen Spielmacher hielt. Und seine kämpferische Einstellung halte ich für tadellos. Angesichts seiner anhaltenden Formschwäche und seiner läuferischen Unterlegenheit (Geschwindigkeit)  wird er aber zunehmend zum Problem. Jedenfalls dann, wenn er nicht wirklich vollkommen fit ist.
Es fehlen dem HSV vor allem im Defensiven Mittelfeld Spieler, die z.B. auch verbal wachrütteln, organisieren und so sicherstellen, dass in einem derartigen Spiel die Mannnschaft nicht auseinanderfällt. Rincon, Badelj, Arslan – alles tadellose Jungs, aber keiner dabei, der erkennbar Kommandos gibt. Slomka hat durch seine taktische Umstellung dazu beigetragen, dass die zweite Spielhälfte etwas besser lief und ein Debakel verhindert werden konnte. Von einer Bundesliga-Mannschaft muss man aber erwarten dürfen, dass sie irgendwann Grundlektionen verinnerlicht und nicht immer wieder dieselben Kardinalfehler begeht. Auf dem Platz stehen die Spieler, nicht der Trainer!
Zum Glück für den Hamburger Sportverein sind die Ergebnisse der ebenfalls gegen den Abstieg spielenden Konkurrenz einigermaßen glücklich günstig ausgefallen. So bleibt man auf dem Relegationsplatz und hat weiter alle Möglichkeiten, zumindest den Relegationsplatz am Ende zu belegen. Da aber die verbleibenden Spieler immer weniger werden, steigt auch der Erfolgsdruck. Ich bleibe dabei, dass u.a. Slomkas psychologische Arbeit über alle Zweifel erhaben ist und daher sich noch als großes Plus erweisen könnte. Die taktischen und individuellen Defizite der Mannschaft sind personell, z.T. auch durch nachvollziehbare Reifungsprozesse, bedingt. Slomka ist ja inzwischen der dritte Trainer in dieser Saison, der sich damit konfrontiert sieht und dies abzustellen versucht. Die Mannschaft ist nun gefordert, nachzuweisen, dass sie tatsächlich die Lektion gelernt hat. Viele Chancen bleiben ihr nicht mehr.

Schiedsrichter: Hartmann (Wangen). Übersah, dass Rudnevs knapp im Abseits stand. Der Siegtreffer für die „96er“ hätte also gar nicht fallen dürfen. Dennoch sollte man als Hamburger keinesfalls die Schiedsrichterleistung als Grund für eine grundsätzlich mehr als verdiente Niederlage anführen.

DAS RESTPROGRAMM

13. Hannover 96 (32 Pkt; -17):
Eintracht Frankfurt (A)
VfB Stuttgart (H)
1. FC Nürnberg (A)
SC Freiburg (H)

14. SC Freiburg  (32 Pkt; -17):
Borussia M’Gladbach (H)
VfL Wolfsburg (A)
FC Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)

15. VfB Stuttgart (28 Pkt; -13):
Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -16):
VfL Wolfburg (H)
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -23)
Bayer Leverkusen (H)
1. FSV Mainz 05 (A)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -24):
Bayern München (H)
Hertha BSC (A)
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)