Slomka

Letzte Ausfahrt Relegation: HSV – VfL Wolfsburg 1:3 (0:2)

Ich gestehe, es macht mir im Augenblick keinen Spaß. Immer wieder die gleichen Fehler, immer wieder eine neue Enttäuschung, immer geringer die Chancen, die Klasse zu halten. Und dann sitzt Du am Morgen nach dem Spiel am Schreibtisch, hast den Anspruch, keinen oberflächlichen Dreck unter ’s Volk zu bringen, versuchst, zu einer halbwegs sinnvollen, sachlichen Einschätzung des Gesehenen zu kommen und hast doch mehr als genug mit den eigenen Gefühlen zu kämpfen…

In diesen Monaten gibt es wohl keinen Spieltag, an dem es keine neuen Hiobsbotschaften für den HSV zu verkraften gibt. Am Samstagmorgen meldete sich Innenverteidiger Tah krank (Erkältung) und war demzufolge nicht im Kader. Unmittelbar vor dem Spiel dann der nächste Schock: Djourou hatte muskuläre Probleme (Zerrung) und konnte ebenfalls nicht auflaufen. Slomka musste also die inzwischen eingespielte Innenverteidigung umbauen. Und das gegen die Wolfsburger, deren Prunkstück die Offensive ist.

Der HSV begann daher mit folgender Aufstellung:

Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jiracek – Tesche, Rincon (74. Demirbay), Arslan (56. John), Ilicevic (86. Maggio) – Calhanoglu – Zoua

Allzweckwaffe Westermann übernahm die Position des Innenverteidigers neben Mancienne. Der gelernte Mittelfeldspieler, Jiracek,  verteidigte dafür links außen. Auf der rechten Außenbahn durfte Tesche beginnen, da Calhanoglu van der Vaarts Position im Zentrum hinter Zoua einnehmen sollte. Man darf daher getrost vom letzten Aufgebot des Hamburger Sportvereins schreiben, dass Slomka zur Verfügung stand.

Spielbericht: Es kam, wie es fast kommen musste: die diversen Umstellungen hatten ihren Preis. Kaum hatte die Partie begonnen, verlor Arslan den Ball leichtfertig in der Vorwärtsbewegung. Das „Leder“ kam zu Gustavo, der vertikal einen lehrbuchreifen Pass in die Schnittstelle zwischen den beiden hamburger Innenverteidigern spielte, die nicht schnell genug einrücken konnten. In die Gasse sprintete Perisic und lief praktisch unbedrängt in zentraler Position Richtung Hamburger Gehäuse. Adler stand aus mir unerfindlichen Gründen irgendwo im Nirgendwo, d.h. weit vor seinem Tor. Perisic hatte die frei Auswahl: Adler umspielen, überlupfen oder abschließen. Perisic schloss sofort ab, Hamburgs Torhüter ohne Chance – schon stand es 0:1. Die kalte Dusche in der dritten Spielminute.

Der Hamburger Mannschaft merkte man an, dass sie so noch nie zusammengespielt hatte. Immer wieder kam es zu Missverständnissen, die jeden Elan zusammenbrechen ließen. Der VfL verteidigte clever. Mal begann man seine Attacken auf die ballführenden Hamburger erst zwanzig Meter vor der Mittellinie, dann wieder presste man sehr offensiv schon am Strafraum der Hamburger, was den Spielaufbau durch die Innenverteidigung der Gastgeber fast vollständig verhinderte. So war es Adler, der immer wieder gesucht werden musste, und der dann lange Bälle spielte. Dennoch kam der HSV zu (Halb-)Chancen. In der 16. Minute fiel Ilicevic in zentraler Position eine unfreiwillige Kopfballvorlage eines Wolfburgers vor die Füße. Leider traf er den Ball nicht sauber, und so verfehlte sein Schuss knapp rechts das Tor der Wölfe. Eine Minute später kam Ivo nach Freistoßflanke Calhanoglus halblinks im Strafraum der Gäste erneut zum Schuss, verfehlte das Tor dieses Mal jedoch deutlich (17.).

In der 31. war ein erneuter Abstimmungsfehler in der Hamburger Hintermannschaft zu notieren. Ein langer und hoher Ball der Gäste führte zu einem verlorenen Kopfballduell im defensiven Mittelfeld – schon stand wieder ein Wolfsburger völlig frei zentral vor dem Hamburger Tor und vor Adler. Dieses Mal war es der starke De Bruyne, dessen Schuss Adler jedoch in höchster Not mit dem Fuß(!) über die Latte lenken konnte.

Nach etwas mehr als einer halben Stunde befand der Co-Kommentator bei SKY, Effenberg, dass die Hamburger Defensive nicht entschlossen aufrücke, wenn vorne von den eigenen Leute gepresst würde. Daher würden sich die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen zu sehr vergrößern, was zur Folge habe, dass man bei Ballverlust nur mit sechs, sieben Spielern verteidige. Und in der Tat! Es raubt einem als dem HSV zugeneigten Beobachter schon den letzten Nerv, wenn man wieder und wieder dieselben Kardinalfehler beobachtet. Gedanklich dürfte dieses Problem mühellos zu erfassen sein. Wenn sich der Fehler dennoch hartnäckig wiederholt, dann muss es m.E. eine Frage des Selbstvertrauens sein. Hier könnte man einen Teufelskreis unterstellen: Viele und z.T. schnelle Gegentore führen zu der Angst, ggf. überlaufen zu werden und noch mehr Tore zu kassieren. Also steht man hinten tief(er), während sich für die Gegner im Rücken der offensiv pressenden vorderen Leute riesige Räume auftun. Die Gegner können dort dann kontrolliert spielen, da von Hamburger Seite kein Druck mehr auf den ballführenden Spieler ausgeübt werden kann. Die Folge sind dann noch mehr Gegentore und noch weniger Selbstvertrauen.

Kurz vor der Pause dann der nächste Nackenschlag für die Gastgeber. Eine Szene, die mir endgültig die Zornesröte ins Gesicht trieb: Arslan lief mit Ball in gleich zwei Wolfsburger Spieler, was zum Ballverlust führt. Dabei ging Tolgay zu Boden und blieb demonstrativ liegen, so als müsse der Schiedsrichter dann automatisch  Freistoß zugunsten des HSVs pfeifen. Sippel aber erkannte auf kein Foul und ließ weiterspielen. Arslan aber, statt sofort aufzustehen und dem Ball hinterherzujagen, stand in aller Seelenruhe auf, dass er nicht  auch noch seine Frisur gerichtet hat, fehlte noch!, und trabte dann in Richtung des eigenen Strafraums. Die Wolfsburger dachten aber nicht daran, darauf zu warten, dass Herr Arslan als defensiver Mittelfeldspieler geruhte, ihnen das Leben schwer zu machen – welch eine Überraschung! Der Ball wanderte zügig auf den rechten Flügel (vom Hamburger Tor aus gesehen), wo weder der rausgerückte Westermann noch Tesche Zugriff erhielten. Durch einen einfache Pass in die Schnittstelle der äußeren Kettenglieder der Hamburger Verteidigung stand De Bruyne plötzlich erneut völlig frei in halblinker (aus seiner Sicht) Position innerhalb des Hamburger Strafraums. Er ließ sich nicht lange bitten und schoss an Adler vorbei ins lange Eck – 0:2. (42.).

Zur Halbzeit gab es, verständlich!, Pfiffe des konsternierten Publikums. Ich hatte den Eindruck, das Vieles im Hamburger Spiel improvisiert wirkte, als Folge des bereits angesprochenen fehlenden Selbstvertrauens, mangelnder Spielpraxis (Tesche), bzw. der erzwungenen Umstellungen  (Abstimmungsprobleme).

Nach der Pause kamen die Hausherrn erkennbar aggressiver aus der Kabine (warum nicht gleich so?!). Dennoch folgte der nächste Nackenschlag. In der 49. Spielminute segelte eine Wolfsburger Ecke von links in den Stafraum. In der Mitte hatte ein kleingewachsener Hamburger gegen den „Funkturm“ Naldo die Leiter zu Hause vergessen (falsche Zuordnung). Naldo köpfte in Richtung des Fünfmeter-Raumes, wo Olic aus vier Metern keine große Mühe hatte, abzustauben. Westermann kam einen halben Schritt zu spät, um noch entscheidend eingreifen zu können. 0:3 – es schien sich ein Debakel anzudeuten.

In der 51. Spielminute dann ein Lebenszeichen des HSVs. Einen fulminanten Schuss des zuletzt immer engagierten Calhanoglus aus 16-17 Metern konnte der Benaglio-Vertreter, Grün, im Tor der Gäste gerade noch über die Latte lenken. Eine Minute später scheiterte Westermann, bedrängt vom eigenen Mann, Zoua, mit einem Kopfball. Der Ball verfehlte klar das obere Eck am kurzen Pfosten des Gästetores.

Slomka nahm den dieses Mal indisponierten Arslan in der 56. Minute vom Feld und brachte John. Da John Flügelspieler ist, rückte Tesche nun nach innen in die Zentrale. Eine Maßnahme, die sich umgehend auszahlen sollte. Tesche leitete sehenswert einen Angriff ein, der am Ende bei Ilicevic endete. Ilicevic stand in halblinker Position innerhalb des Wolfsburger Strafraums und schoss im Fallen ins lange Eck des Gästetores – der Anschlusstreffer zum 1:3 in der 58. Spielminute.

Der HSV kam nun, angetrieben von Tesche, besser ins Spiel. Man war plötzlich bissiger und aggressiver und zeigte klarere Spielzüge. Auch das zwischenzeitlich erschreckend emotionslose Hamburger Publikum erwachte aus der Schockstarre. So konnte man das Spiel eine Weile ausgeglichener gestalten, ohne jedoch zu ganz klaren Torchancen zu kommen, leider.

In der 73. Minute zog dann der starke Gustavo vom rechten Strafraum-Eck der Hamburger ab und scheiterte am langen Pfosten denkbar knapp.

Es war erneut Tesche, der in der 78. Spielminute zu Zoua durchsteckte. Dieser passte zu dem gerade eingewechselten Demirbay. War es die Aufregung bei seinem Bundesligadebüt oder die Überraschung, so frei zum Schuss zu kommen? – Kerem traf leider den Ball völlig falsch, und so segelte sein Schussversuch Richtung Eckfahne. Schade.

Langsam lief dem HSV die Zeit davon. Die Folgen sind in solchen Fällen immer gleich. Die im Rückstand befindliche Mannschaft muss öffnen und mehr Risiko gehen. Es häuften sich nun die Chancen für die Gäste. So scheiterte erneut Gustavo mit einem sehenswerten Vollspann-Schuss aus gut und gerne 35 Metern an der Latte des Hamburger Tores (82.). Unmittelbar darauf stand Olic völlig frei vor Adler. Hamburgs Torhüter, bis auf den erste Gegentreffer erneut absolut tadellos, machte sich ganz lang und konnte den Schuss von Olic gerade noch um den Pfosten drehen.

In der 90. Minute schickte Schiedsrichter Sippel den bereits gelbverwarnten Gustavo nach absichtlichem Handspiel mit der Ampelkarte vom Feld, doch auch die daraus resultierende Überzahl führte in der verbleibenden  Restspielzeit zu keiner Ergebnisänderung mehr.

Schiedsrichter: Sippel (München). Kam mit wenig Karten aus. Ließ viel laufen. Im Zweifel für den Schiedsrichter, also ordentliche Spielleitung.

Fazit: Freiburg und Hannover  dürften mit jeweils 35 Punkten gerettet sein. Sollte der VfB Stuttgart heute Abend gegen Schalke 04 gewinnen, dann dürfte auch Platz 15 als Ziel für den HSV illusorisch sein. Aber selbst wenn den Stuttgartern der Befreiungsschlag gegen die Knappen missglücken sollte – der HSV wird in dieser Form Mühe haben, überhaupt den zur Relegation berechtigenden Platz 16 zu verteidigen. Wenn man realistisch ist, dann wird das schwer genug. Ein Selbstgänger wäre eine Relegation, egal gegen wen!, nicht.
Hoffnung macht mir, dass nächste Woche Badelj zurück sein dürfte. Eventuell, wer weiß das schon?!, steht auch Jansen wieder zur Verfügung.
Tesche, ohne ihn in den Himmel loben zu wollen, hat unter diesen Umständen (wenig eigene Spielpraxis, verunsicherte Mannschaft, „letztes Aufgebot“) eine befriedigende Leistung gezeigt. Fußball ist und bleibt Mannschaftssport. Einer allein kann in aller Regel wenig bewirken. Wer nach diesem Spiel besinnungslos und fast vollkommen undifferenziert fast jedem Spieler die Spielnote 5 oder schlechter verpasst, der offenbart einmal mehr, dass er weder fachlich Details erkennt, noch komplexe Zusammenhänge im Sport intellektuell bewältigt.
Meine Hoffnung ist also, dass es dem HSV gelingt, sich in die Relegation zu retten. Und dort soll uns ja auch wieder Lasogga zur Verfügung stehen. Es könnte also, gerade kurz vor dem endgültigen Toreschluss, dazu kommen, dass der HSV dann tatsächlich wieder in Bestbesetzung antreten kann. Aber um diese Relegation überhaupt erreichen zu können, muss der HSV endlich, endlich sein größtes Manko abstellen. Das Zauberwort heißt: Kompaktheit (s.o., auch Effenbergs Kommentar bei SKY). Mit anderen Worten: die Relegation bleibt die realistische Option. Allerdings ist es wohl die letzte Ausfahrt vor dem direkten Weg in die Zweitklassigkeit.

P.s. Nach dem Spiel meinten einige Hamburger (ca. 70), sie müsste vor dem Stadion randalieren. Unter anderem wurde mit Absperrgittern geworfen. Man versuchte wohl, die Geschäftsstelle zu stürmen. Ich habe zwar  grundsätzlich Verständnis dafür, dass man total frustriert, enttäuscht und sogar verärgert ist, halte ein solches Verhalten jedoch für eine absolute Schande. Das nützt niemandem, außer diesen Chaoten mit ihrer mangelhaften Affektkontrolle selbst. Denen geht es nicht um den HSV, sondern der HSV ist hier nur Mittel zum Zweck: um sich zu produzieren und den eigenen emotionalen Überdruck abzulassen. Da es aber grundsätzlich immer (und überall) Menschen gibt, deren Affektkontrolle schwach und schwächer ist, wird man dieses Problem leider nie vollständig in den Griff bekommen. Ich würde mir wünschen, dass die speziell geschulten Greiftrupps der Polizei dieser Leute habhaft werden, damit man ihnen unverzüglich die Kosten ihrer Aktionen in Rechnung stellen kann. Nur das dürfte den einen oder anderen zur Vernunft bringen.

 

DAS RESTPROGRAMM

15. VfB Stuttgart (31 Pkt; -11):
Hannover 96 (A)
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -18):
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -26)
1. FSV Mainz 05 (A)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -26):
Hertha BSC (A)
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)

Schlechte (und gute) Nachrichten

Was macht man dieser Tage als HSV-Anhänger? Man blickt wohl mit Bangem dem jeweils nächsten Spieltag entgegen. Immer wieder fällt der Blick auf das Restprogramm, und nach jedem Spiel sofort auf die Tabelle. Punkteabstände und Tordifferenzen werden begutachtet, Szenarien durchgespielt und wieder verworfen. Nach jedem Sieg (Leverkusen) steigt die Hoffnung, nur damit sie nach jeder Niederlage, besonders wenn sie so ernüchternd daherkommt wie gegen Hannover, wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Nur gut, dass auch die Konkurrenten regelmäßig Federn lassen. So gibt es unverändert eine Chance auf den Klassenerhalt, wenn auch der Druck auf alle Beteiligten stetig steigt.

Ich hatte jüngst gemutmaßt, dass Lassoga dem HSV frühestens zum Saisonfinale wieder zur Verfügung stünde. Inzwischen heißt es, Lasogga könnte, wenn überhaupt, in den Relegationsspielen zum Einsatz kommen, sofern der HSV am Ende wenigstens Platz 16 belegt. Das sind wahrlich keine guten Nachrichten. Überhaupt mangelt es derzeit nicht an schlechten Nachrichten:

Westermann ist angeschlagen, will aber unbedingt im nächsten Spiel auflaufen. Ich bin hin und hergerissen, ob ich das gut finden soll. Einerseits finde ich es absolut lobenswert, dass er sich in dieser für den HSV inzwischen fast beispiellos prekären sportlichen Lage zur Verfügung stellen will, andererseits brauchen wir fitte Spieler, um im Restprogramm bestehen zu können. Und nicht ausgeheilte, kleinere Verletzungen bergen ja immer die Gefahr, dass sich daraus etwas Schlimmeres entwickelt. Jansen steht aber noch nicht wieder zur Verfügung, Lam fällt bis zum Saisonende definitiv aus, so bliebe links außen in der Abwehrkette eben nur Jiracek als Alternative. Davor, also links offensiv, steht gerade wieder Ilicevic zur Verfügung, der aber ebenfalls unverändert angeschlagen ist, und bei dem aufgrund seiner Verletzungshistorie zumindest bezweifelt werden kann, ob er den Rest der Saison durchhält.
Badeljs Muskelfaserriss scheint ebenfalls nicht komplett ausgeheilt zu sein. Auch wenn hier wohl eine gewisse Hoffnung besteht, dass er gegen den VfL Wolfsburg eventuell spielen könnte – aus einem Faserriss entwickelt sich u.U. ein Muskelbündelriss, der dann ebenfalls das Saisonaus für Milan bedeuten würden. Wenn auch das Spiel gegen „96“ erneut aufgezeigt hat, dass das Duo Rincon/Arslan suboptimal funktioniert und nach Veränderung schreit, bin ich der Meinung, dass Badelj  derart wichtig für das Spiel des Hamburger Sportvereins ist, dass man einen längeren Ausfall mit Blick auf die verbleibenden Spiele nicht riskieren sollte. Aber zum Glück muss ich diese Entscheidung ja nicht fällen.
Nach Lage der Dinge ausgeschlossen soll ein Einsatz von van der Vaart im nächsten Spiel sein. Der Niederländer soll sich ebenfalls mit muskulären Problemen herumschlagen.

Es liegt in der Natur der Sache. Abstiegskampf bedeutet Existenzkampf, also Stress ohne Ende. Das trifft nicht nur die Spieler und Verantwortlichen im Verein, sondern auch die Anhängerschaft. Und so kann es nicht verwundern, dass längst Stimmen laut wurden, die den HSV bereits abgestiegen sehen. Generell gilt, dass Menschen unterschiedlich mit Stress umgehen. Dabei ist zu beachten, dass Stress, auch wenn er in der deutschen Sprache gewöhnlich mit negativem Unterton versehen ist, ansich nichts Schlimmes ist. Im Gegenteil! Es kommt allein auf dessen Ausmaß, bzw. die eigenen Fähigkeiten (Ressourcen) des Einzelnen an, mit denen er/sie ihm begegnet. Fühle ich mich dem Stress absolut  gewachsen, so ist er sogar positiv, da er leistungsfördernd wirkt. Nur wenn die stressende Situation als ausweglos und übermächtig empfunden wird, spricht man von Negativem Stress. Letzteres ist regelmäßig gemeint, wenn psychologische Laien über Stress klagen. Und in der Tat macht dieser Stress auf Dauer krank. Eine entscheidende Rolle spielt also die eigene Einstellung.

Es gibt viele Menschen, die eine spezielle Strategie im Umgang mit unangenehmen und ggf. angstauslösenden Dingen in ihrem Leben entwickelt haben. Sie tendieren dazu, jeweils den „worst case“ vorwegzunehmen, also das denkbar schlimmste Szenario. Auf den HSV übertragen hieße dies, ich erkläre den Verein als bereits abgestiegen, obwohl das unbestreitbar objektiv nicht zutrifft!, damit mich ein realer Abstieg emotional nicht mehr so trifft. Im Grunde handelt es sich hier also um so genanntes „Coping“. Ein Vorteil dieser Bewältigungsstrategie könnte sein, dass der Betreffende auch im Falle des realen Abstiegs handlungsfähig bleibt, da er sich ja schon seit Wochen mit diesem Szenario auseinandergesetzt und es als unvermeidlich akzeptiert hat. Diese Coping-Strategie hat aber auch diverse Nachteile:

1.) ich suche nicht länger nach Alternativen, um das Schlimmste zu vermeiden, da ich dessen Eintritt ja bereits im Kopf als vermeintlich alternativlos akzeptiert habe;
2.) ich mobiliere auch nicht mehr alle meine Kräfte, um mich gegen dieses fiktive(!) Szenario zu stemmen, denn ich meine ja zu wissen, dass es so kommen muss und wird, egal was ich noch versuche;
3.) weil ich das Negative im Kopf bereits vorwegnehme, steigt dessen Eintritts-Wahrscheinlichkeit (Teufelskreis). ERGÄNZUNG: Das hat dann ggf. den Vorteil, dass ich mich in meiner negativen „Expertise“ bestätigt sehe.

Grob gesagt kann man ganz allgemein Menschen in zwei Gruppen unterteilen: in s.g. „lageorientierte“ und „handlungsorientierte“ Menschen. Während die Lageorientierten angesichts einer Problemstellung zum Nachdenken bis zum Grübeln neigen, agieren die Handlungsorientierten, d.h. sie gehen das Problem unverzüglich an. Beides hat Vor- und Nachteile. Der Lageorientierte prüft sorgfältig alle erdenklichen Lösungsalternativen, vergisst dabei aber unter Umständen, dass das Nachdenken allein ohne konkrete Handlungsschritte das Problem nicht löst. Der Handlungsorientierte hingegen ist auf dem Weg zur Problemlösung zunächst erfolgreicher, da er unmittelbar etwas unternimmt, läuft aber ggf. Gefahr, die bessere Alternative zu seinem spontanen Lösungsansatz zu übersehen.

Fußball ist als schnelle Mannschaftssportart für lageorientierte Menschen eher ungeeignet. Wer zu lange abwägt, ob er diesen oder jenen Mitspieler anspielen, ob er den Torwart umspielen oder überlupfen soll, dem geht der Ball verloren, bzw. der versiebt mit größter Wahrscheinlichkeit die Torchance. Das Spiel selbst erfordert, dass man sofort und  intuitiv die richtige Lösung wählt. Diesem unmittelbaren Handlungsdruck sind wir Betrachter jedoch nicht ausgesetzt. Also bewerten wir gewöhnlich das Spiel und nachfolgend die sich daraus ergebende sportliche Situation entsprechend unseren generellen Orientierung (Handlung vs. Lage), bzw. auch in Abhängigkeit von unseren vorhandenen oder nicht vorhandenen Erfahrungen mit Wettkampfsport, also ggf. vorhandenem Hintergrundwissen.

Ich denke, ich gehe nicht zu weit wenn ich unterstelle, dass die Mehrzahl der Zuschauer kaum je in ihrem Leben sportliche Wettkämpfe auf höherem Niveau bestritten haben. Es fehlt also grundsätzlich an eigener unmittelbarer Erfahrung. Dazu gesellt sich, dass man gewöhnlich auf die mediale Berichterstattung angewiesen ist und sich kaum ein eigenes Bild jenseits der Beobachtung der Spiele verschaffen kann. Jede Einschätzung der Situation bleibt also mit vielen, vielen Unsicherheiten behaftet. Unsicherheit oder offene Fragen führen jedoch schnell zu der Empfindung, etwas sei chaotisch. Das menschliche Gehirn aber, das ist evolutionär bedingt, versucht permanent Chaos zu vermeiden, indem es Antworten/Gründe sucht. Dabei erscheint es sogar völlig unbedeutend, ob die Antwort tatsächlich sinnhaft ist. Um ein jüngst andernorts zitiertes Beispiel aufzugreifen:

Schon die Aufforderung „Lassen Sie mich bitte vor, weil ich etwas kopieren muss!“ führt, obwohl sie ansich völlig unverschämt und weitestgehend sinnfrei ist (der andere will ja auch kopieren) dazu, dass man meist den Vortritt erhält. Warum? Weil unser Gehirn unbedingt  Antworten „will“. Die Prüfung, ob eine Antwort tatsächliche Substanz enthält, findet oft gar nicht statt.

Um zur medialen Berichterstattung zurückzukehren, auf die die meisten von uns angewiesen sind: Der SPIEGEL nahm jüngst das angebliche Gehalt von Ilicevic und dessen relativ wenige Einsätze für den HSV zum Anlass, um den Tenor seiner HSV-Geschichte zu würzen: Seht her, für so einen, der so wenig spielt, bezahlen die Idioten in dem Verein so viel Gehalt! Kein Wort darüber, dass der Spieler nicht leistungsbedingt sondern aufgrund diverser Verletzungen auf diese Einsatzzahlen kam. Kein Wort darüber, dass noch kurz vor der damaligen Vertragsunterschrift namhafte Mitkonkurrenten ebenfalls um den Spieler buhlten. Warum auch?! – das hätte doch nur die vermeintliche Schlüssigkeit des Artikels in Frage gestellt. Denn selbst wenn man im Nachhinein zu der Feststellung käme, dass sich das Investment des Vereins nicht gerechnet habe, so ist dies eben eine stets wohlfeile ex-post Analyse. Maßgeblich für die Sinnhaftigkeit oder Unsinnigkeit dieses Vertrages können nur die Bedingungen zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses sein. Und zu jenem Zeitpunkt dürften wohl nicht einmal die sich stets allwissend generierenden Damen und Herren des SPIEGELS gewusst haben, dass der Spieler immer wieder verletzt sein würde. Wetten, dass?! Aber so wird eben Meinung gemacht, bzw. zur Meinungsbildung beigetragen. Auch das beeinflusst uns (notgedrungen), wenn wir die Situation des HSVs einschätzen.

Andere Medienschaffende plärren seit Monaten, dass der HSV zu wenig trainiere. Denn so meint es so mancher Laie zu wissen: Viel hilft immer viel. Diese Behauptung ist zwar in dieser Pauschalität gröbster trainingsmethodischer Unfug, aber darauf kommt es gar nicht an. Worauf es ankommt, ist, dass man genügend „Käufer“ für die These findet. Und diese Behauptung hat einen Vorteil: Sie knüpft an vermeintlich sicheres Alltagswissen der Konsumenten an. Das ersetzt zwar nicht deren fehlende sport-fachliche Qualifikation, liefert aber was? Die so dringend herbeigesehnte Antwort (s.o.). Und dann ist es nicht mehr weit zu folgender Sichtweise:

„Der HSV verliert und steigt ab, weil das alles Söldner sind, denen das Schicksal des Vereins völlig gleichgültig ist, was man u.a. daran sieht, dass die so wenig laufen. Und (ein wenig will der schwelende Sozialneid ja auch mal raus) dafür werden die auch noch so hoch bezahlt?!“

Ach, wenn es doch so einfach wäre! Ähnlich verhält es sich in meinen Augen mit der gegenläufigen These, dass Slomkas Training ursächlich für die inzwischen sich häufenden Verletzungen sei. Zwar ist die Häufung der muskulären Verletzungen in der Tat bemerkenswert, jedoch könnte es dafür andere, ebenfalls plausible Gründe geben. Interessiert aber offenbar nicht. Denn dann könnte man nicht über den Umweg einer fachlichen Dikreditierung des Trainers diejenigen angreifen, die man tatsächlich treffen möchte. Nämlich die Urheber der „Fink und van Marwijk haben die Söldner durch zu lasches Training falsch trainiert“-These.

Wie man es auch dreht und wendet – alle diese Argumentationsmuster haben vor allem einen Vorteil: Tatsächliche Wissenslücken werden unverzüglich überbrückt und sollen die vermeintliche Schlüssigkeit der eigenen Sichtweise untermauern.

Objektiv ist der HSV keinesfalls bereits abgestiegen. Objektiv machen die diversen verletzungsbedingten Ausfälle die unverändert anstehende Aufgabe, den Abstieg zu vermeiden, nicht einfacher. Aber möglich ist dies unverändert. Ob es am Ende gelingen wird, das weiß ich auch nicht. Was ich aber weiß, ist, dass wir mit Sicherheit absteigen werden, wenn wir vorzeitig die Flinte ins Korn werfen, oder uns jetzt auf die Jagd nach den Schuldigen machen, anstatt uns auf diese zweifellos schwierige Aufgabe zu fokussieren. Für den Verein mag es sogar von Vorteil sein, wenn es uns erst im allerletzten Moment, im Rückspiel der Relegation, z.B. durch einen Treffer von Lasogga, gelänge, dieses Ziel zu erreichen. Denn dann dürften wohl selbst die größten Träumer begriffen haben, dass es so mit dem Verein nicht weiter gehen darf. Auch wenn ich mir mitunter wie ein einsamer Rufer in der Wüste vorkomme: Die Hoffnung und der Glaube dürfen erst dann aufgegeben werden, wenn der Klassenerhalt objektiv, d.h. rechnerisch nicht mehr möglich ist. Es bleibt menschlich, wenn man dazu nicht in der Lage ist. Da sagt allerdings dann mehr über den eigenen Umgang mit der Realität als über die Realität ansich aus.