Tah

Letzte Ausfahrt Relegation: HSV – VfL Wolfsburg 1:3 (0:2)

Ich gestehe, es macht mir im Augenblick keinen Spaß. Immer wieder die gleichen Fehler, immer wieder eine neue Enttäuschung, immer geringer die Chancen, die Klasse zu halten. Und dann sitzt Du am Morgen nach dem Spiel am Schreibtisch, hast den Anspruch, keinen oberflächlichen Dreck unter ’s Volk zu bringen, versuchst, zu einer halbwegs sinnvollen, sachlichen Einschätzung des Gesehenen zu kommen und hast doch mehr als genug mit den eigenen Gefühlen zu kämpfen…

In diesen Monaten gibt es wohl keinen Spieltag, an dem es keine neuen Hiobsbotschaften für den HSV zu verkraften gibt. Am Samstagmorgen meldete sich Innenverteidiger Tah krank (Erkältung) und war demzufolge nicht im Kader. Unmittelbar vor dem Spiel dann der nächste Schock: Djourou hatte muskuläre Probleme (Zerrung) und konnte ebenfalls nicht auflaufen. Slomka musste also die inzwischen eingespielte Innenverteidigung umbauen. Und das gegen die Wolfsburger, deren Prunkstück die Offensive ist.

Der HSV begann daher mit folgender Aufstellung:

Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jiracek – Tesche, Rincon (74. Demirbay), Arslan (56. John), Ilicevic (86. Maggio) – Calhanoglu – Zoua

Allzweckwaffe Westermann übernahm die Position des Innenverteidigers neben Mancienne. Der gelernte Mittelfeldspieler, Jiracek,  verteidigte dafür links außen. Auf der rechten Außenbahn durfte Tesche beginnen, da Calhanoglu van der Vaarts Position im Zentrum hinter Zoua einnehmen sollte. Man darf daher getrost vom letzten Aufgebot des Hamburger Sportvereins schreiben, dass Slomka zur Verfügung stand.

Spielbericht: Es kam, wie es fast kommen musste: die diversen Umstellungen hatten ihren Preis. Kaum hatte die Partie begonnen, verlor Arslan den Ball leichtfertig in der Vorwärtsbewegung. Das „Leder“ kam zu Gustavo, der vertikal einen lehrbuchreifen Pass in die Schnittstelle zwischen den beiden hamburger Innenverteidigern spielte, die nicht schnell genug einrücken konnten. In die Gasse sprintete Perisic und lief praktisch unbedrängt in zentraler Position Richtung Hamburger Gehäuse. Adler stand aus mir unerfindlichen Gründen irgendwo im Nirgendwo, d.h. weit vor seinem Tor. Perisic hatte die frei Auswahl: Adler umspielen, überlupfen oder abschließen. Perisic schloss sofort ab, Hamburgs Torhüter ohne Chance – schon stand es 0:1. Die kalte Dusche in der dritten Spielminute.

Der Hamburger Mannschaft merkte man an, dass sie so noch nie zusammengespielt hatte. Immer wieder kam es zu Missverständnissen, die jeden Elan zusammenbrechen ließen. Der VfL verteidigte clever. Mal begann man seine Attacken auf die ballführenden Hamburger erst zwanzig Meter vor der Mittellinie, dann wieder presste man sehr offensiv schon am Strafraum der Hamburger, was den Spielaufbau durch die Innenverteidigung der Gastgeber fast vollständig verhinderte. So war es Adler, der immer wieder gesucht werden musste, und der dann lange Bälle spielte. Dennoch kam der HSV zu (Halb-)Chancen. In der 16. Minute fiel Ilicevic in zentraler Position eine unfreiwillige Kopfballvorlage eines Wolfburgers vor die Füße. Leider traf er den Ball nicht sauber, und so verfehlte sein Schuss knapp rechts das Tor der Wölfe. Eine Minute später kam Ivo nach Freistoßflanke Calhanoglus halblinks im Strafraum der Gäste erneut zum Schuss, verfehlte das Tor dieses Mal jedoch deutlich (17.).

In der 31. war ein erneuter Abstimmungsfehler in der Hamburger Hintermannschaft zu notieren. Ein langer und hoher Ball der Gäste führte zu einem verlorenen Kopfballduell im defensiven Mittelfeld – schon stand wieder ein Wolfsburger völlig frei zentral vor dem Hamburger Tor und vor Adler. Dieses Mal war es der starke De Bruyne, dessen Schuss Adler jedoch in höchster Not mit dem Fuß(!) über die Latte lenken konnte.

Nach etwas mehr als einer halben Stunde befand der Co-Kommentator bei SKY, Effenberg, dass die Hamburger Defensive nicht entschlossen aufrücke, wenn vorne von den eigenen Leute gepresst würde. Daher würden sich die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen zu sehr vergrößern, was zur Folge habe, dass man bei Ballverlust nur mit sechs, sieben Spielern verteidige. Und in der Tat! Es raubt einem als dem HSV zugeneigten Beobachter schon den letzten Nerv, wenn man wieder und wieder dieselben Kardinalfehler beobachtet. Gedanklich dürfte dieses Problem mühellos zu erfassen sein. Wenn sich der Fehler dennoch hartnäckig wiederholt, dann muss es m.E. eine Frage des Selbstvertrauens sein. Hier könnte man einen Teufelskreis unterstellen: Viele und z.T. schnelle Gegentore führen zu der Angst, ggf. überlaufen zu werden und noch mehr Tore zu kassieren. Also steht man hinten tief(er), während sich für die Gegner im Rücken der offensiv pressenden vorderen Leute riesige Räume auftun. Die Gegner können dort dann kontrolliert spielen, da von Hamburger Seite kein Druck mehr auf den ballführenden Spieler ausgeübt werden kann. Die Folge sind dann noch mehr Gegentore und noch weniger Selbstvertrauen.

Kurz vor der Pause dann der nächste Nackenschlag für die Gastgeber. Eine Szene, die mir endgültig die Zornesröte ins Gesicht trieb: Arslan lief mit Ball in gleich zwei Wolfsburger Spieler, was zum Ballverlust führt. Dabei ging Tolgay zu Boden und blieb demonstrativ liegen, so als müsse der Schiedsrichter dann automatisch  Freistoß zugunsten des HSVs pfeifen. Sippel aber erkannte auf kein Foul und ließ weiterspielen. Arslan aber, statt sofort aufzustehen und dem Ball hinterherzujagen, stand in aller Seelenruhe auf, dass er nicht  auch noch seine Frisur gerichtet hat, fehlte noch!, und trabte dann in Richtung des eigenen Strafraums. Die Wolfsburger dachten aber nicht daran, darauf zu warten, dass Herr Arslan als defensiver Mittelfeldspieler geruhte, ihnen das Leben schwer zu machen – welch eine Überraschung! Der Ball wanderte zügig auf den rechten Flügel (vom Hamburger Tor aus gesehen), wo weder der rausgerückte Westermann noch Tesche Zugriff erhielten. Durch einen einfache Pass in die Schnittstelle der äußeren Kettenglieder der Hamburger Verteidigung stand De Bruyne plötzlich erneut völlig frei in halblinker (aus seiner Sicht) Position innerhalb des Hamburger Strafraums. Er ließ sich nicht lange bitten und schoss an Adler vorbei ins lange Eck – 0:2. (42.).

Zur Halbzeit gab es, verständlich!, Pfiffe des konsternierten Publikums. Ich hatte den Eindruck, das Vieles im Hamburger Spiel improvisiert wirkte, als Folge des bereits angesprochenen fehlenden Selbstvertrauens, mangelnder Spielpraxis (Tesche), bzw. der erzwungenen Umstellungen  (Abstimmungsprobleme).

Nach der Pause kamen die Hausherrn erkennbar aggressiver aus der Kabine (warum nicht gleich so?!). Dennoch folgte der nächste Nackenschlag. In der 49. Spielminute segelte eine Wolfsburger Ecke von links in den Stafraum. In der Mitte hatte ein kleingewachsener Hamburger gegen den „Funkturm“ Naldo die Leiter zu Hause vergessen (falsche Zuordnung). Naldo köpfte in Richtung des Fünfmeter-Raumes, wo Olic aus vier Metern keine große Mühe hatte, abzustauben. Westermann kam einen halben Schritt zu spät, um noch entscheidend eingreifen zu können. 0:3 – es schien sich ein Debakel anzudeuten.

In der 51. Spielminute dann ein Lebenszeichen des HSVs. Einen fulminanten Schuss des zuletzt immer engagierten Calhanoglus aus 16-17 Metern konnte der Benaglio-Vertreter, Grün, im Tor der Gäste gerade noch über die Latte lenken. Eine Minute später scheiterte Westermann, bedrängt vom eigenen Mann, Zoua, mit einem Kopfball. Der Ball verfehlte klar das obere Eck am kurzen Pfosten des Gästetores.

Slomka nahm den dieses Mal indisponierten Arslan in der 56. Minute vom Feld und brachte John. Da John Flügelspieler ist, rückte Tesche nun nach innen in die Zentrale. Eine Maßnahme, die sich umgehend auszahlen sollte. Tesche leitete sehenswert einen Angriff ein, der am Ende bei Ilicevic endete. Ilicevic stand in halblinker Position innerhalb des Wolfsburger Strafraums und schoss im Fallen ins lange Eck des Gästetores – der Anschlusstreffer zum 1:3 in der 58. Spielminute.

Der HSV kam nun, angetrieben von Tesche, besser ins Spiel. Man war plötzlich bissiger und aggressiver und zeigte klarere Spielzüge. Auch das zwischenzeitlich erschreckend emotionslose Hamburger Publikum erwachte aus der Schockstarre. So konnte man das Spiel eine Weile ausgeglichener gestalten, ohne jedoch zu ganz klaren Torchancen zu kommen, leider.

In der 73. Minute zog dann der starke Gustavo vom rechten Strafraum-Eck der Hamburger ab und scheiterte am langen Pfosten denkbar knapp.

Es war erneut Tesche, der in der 78. Spielminute zu Zoua durchsteckte. Dieser passte zu dem gerade eingewechselten Demirbay. War es die Aufregung bei seinem Bundesligadebüt oder die Überraschung, so frei zum Schuss zu kommen? – Kerem traf leider den Ball völlig falsch, und so segelte sein Schussversuch Richtung Eckfahne. Schade.

Langsam lief dem HSV die Zeit davon. Die Folgen sind in solchen Fällen immer gleich. Die im Rückstand befindliche Mannschaft muss öffnen und mehr Risiko gehen. Es häuften sich nun die Chancen für die Gäste. So scheiterte erneut Gustavo mit einem sehenswerten Vollspann-Schuss aus gut und gerne 35 Metern an der Latte des Hamburger Tores (82.). Unmittelbar darauf stand Olic völlig frei vor Adler. Hamburgs Torhüter, bis auf den erste Gegentreffer erneut absolut tadellos, machte sich ganz lang und konnte den Schuss von Olic gerade noch um den Pfosten drehen.

In der 90. Minute schickte Schiedsrichter Sippel den bereits gelbverwarnten Gustavo nach absichtlichem Handspiel mit der Ampelkarte vom Feld, doch auch die daraus resultierende Überzahl führte in der verbleibenden  Restspielzeit zu keiner Ergebnisänderung mehr.

Schiedsrichter: Sippel (München). Kam mit wenig Karten aus. Ließ viel laufen. Im Zweifel für den Schiedsrichter, also ordentliche Spielleitung.

Fazit: Freiburg und Hannover  dürften mit jeweils 35 Punkten gerettet sein. Sollte der VfB Stuttgart heute Abend gegen Schalke 04 gewinnen, dann dürfte auch Platz 15 als Ziel für den HSV illusorisch sein. Aber selbst wenn den Stuttgartern der Befreiungsschlag gegen die Knappen missglücken sollte – der HSV wird in dieser Form Mühe haben, überhaupt den zur Relegation berechtigenden Platz 16 zu verteidigen. Wenn man realistisch ist, dann wird das schwer genug. Ein Selbstgänger wäre eine Relegation, egal gegen wen!, nicht.
Hoffnung macht mir, dass nächste Woche Badelj zurück sein dürfte. Eventuell, wer weiß das schon?!, steht auch Jansen wieder zur Verfügung.
Tesche, ohne ihn in den Himmel loben zu wollen, hat unter diesen Umständen (wenig eigene Spielpraxis, verunsicherte Mannschaft, „letztes Aufgebot“) eine befriedigende Leistung gezeigt. Fußball ist und bleibt Mannschaftssport. Einer allein kann in aller Regel wenig bewirken. Wer nach diesem Spiel besinnungslos und fast vollkommen undifferenziert fast jedem Spieler die Spielnote 5 oder schlechter verpasst, der offenbart einmal mehr, dass er weder fachlich Details erkennt, noch komplexe Zusammenhänge im Sport intellektuell bewältigt.
Meine Hoffnung ist also, dass es dem HSV gelingt, sich in die Relegation zu retten. Und dort soll uns ja auch wieder Lasogga zur Verfügung stehen. Es könnte also, gerade kurz vor dem endgültigen Toreschluss, dazu kommen, dass der HSV dann tatsächlich wieder in Bestbesetzung antreten kann. Aber um diese Relegation überhaupt erreichen zu können, muss der HSV endlich, endlich sein größtes Manko abstellen. Das Zauberwort heißt: Kompaktheit (s.o., auch Effenbergs Kommentar bei SKY). Mit anderen Worten: die Relegation bleibt die realistische Option. Allerdings ist es wohl die letzte Ausfahrt vor dem direkten Weg in die Zweitklassigkeit.

P.s. Nach dem Spiel meinten einige Hamburger (ca. 70), sie müsste vor dem Stadion randalieren. Unter anderem wurde mit Absperrgittern geworfen. Man versuchte wohl, die Geschäftsstelle zu stürmen. Ich habe zwar  grundsätzlich Verständnis dafür, dass man total frustriert, enttäuscht und sogar verärgert ist, halte ein solches Verhalten jedoch für eine absolute Schande. Das nützt niemandem, außer diesen Chaoten mit ihrer mangelhaften Affektkontrolle selbst. Denen geht es nicht um den HSV, sondern der HSV ist hier nur Mittel zum Zweck: um sich zu produzieren und den eigenen emotionalen Überdruck abzulassen. Da es aber grundsätzlich immer (und überall) Menschen gibt, deren Affektkontrolle schwach und schwächer ist, wird man dieses Problem leider nie vollständig in den Griff bekommen. Ich würde mir wünschen, dass die speziell geschulten Greiftrupps der Polizei dieser Leute habhaft werden, damit man ihnen unverzüglich die Kosten ihrer Aktionen in Rechnung stellen kann. Nur das dürfte den einen oder anderen zur Vernunft bringen.

 

DAS RESTPROGRAMM

15. VfB Stuttgart (31 Pkt; -11):
Hannover 96 (A)
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -18):
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -26)
1. FSV Mainz 05 (A)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -26):
Hertha BSC (A)
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)

Verlieren für beide verboten – Auch Bayer 04 steht unter Druck

Am Freitagabend trifft der HSV auf Bayer 04 Leverkusen. Zunächste einmal wird das ein Wiedersehen mit Heung-Min Son. Jenem talentierten Offensivspieler, den sie seinerzeit um ein Haar zurück nach Südkorea geschickt hätten, bevor man es sich im fast letzten Moment noch anders überlegte. In der Folge wurde Son beim HSV ausgebildet und reifte zu einem vollwertigen Bundesligaprofi heran. Lange galt er gar als eine Art Hoffnungsträger. Bis es aber soweit war, musste man in Foren und Blogs manchen unqualifizierten Kommentar über ihn lesen. Denn mit Talenten verhält es sich in Hamburg in aller Regel so: lautstark wird traditionell der angeblich fehlende Ertrag der Nachwuchsschmiede beklagt. Schafft ein junger Spieler dann den Sprung „nach oben“, so hat er gefälligst sofort fehlerlos zu agieren. Gelingt dies nicht, was wiederum die Regel und nicht die Ausnahme (Tah) ist, dann bekommt das Talent umgehend das Etikett „bundesligauntauglich“ verpasst. Die üblichen Verdächtigen fordern reflexhaft öffentlich und lautstark, der Verein möge den vermeintlichen Taugenichts bitte umgehend verscherbeln, notfalls gar verschenken. Nur hinfort mit dem! Angesichts fortdauernder Führungs- und Konzeptwechsel im Nachwuchsbereich des Vereins und dieses gestörten ambivalenten Verhältnisses breiter Teile der Anhängerschaft zu den eigenen Talenten muss es schon fast verwundern, wenn es irgendeinem Spieler, wie  z.B. Son, dennoch gelingt, sich dauerhaft in der Bundesliga zu etablieren. Dann aber, das ist doch klar, sollte er am besten ein Leben lang die „Raute im Herzen“ tragen. Wechselt er dennoch den Arbeitgeber, dann ist auch dafür meist schnell eine Begründung zur Hand: „typischer Söldner eben!“. So einer wird dann zur Begrüßung gerne ausgepfiffen. Gleichzeitig ist meist  die Verachtung jener, die ihm einst die Klasse absprachen, in heimlichen Respekt umgeschlagen. Viele beginnen dann bereits vor dem Spiel zu unken: der schießt uns ab – wirst Du sehen! Ich hoffe in diesem Fall, dass Son kein Tor gelingt, freue mich aber auf das Wiedersehen.

HSV-Trainer Slomka betonte in der PK vor dem Spiel die Wichtigkeit der anstehenden Partie, die schon fast gewonnen werden müsse. Zugleich fand er lobende Worte für die Leistungsentwicklung seiner Spieler in den vergangenen Wochen, sowie die intakte Moral der Mannschaft, die u.a. auch in ihren Offensivbemühungen trotz eines Zwei-Tore-Rückstandes in der Schlussphase des Spiels gegen Gladbach zum Ausdruck kam. Was die Personallage angeht, so fällt Torjäger Lasogga definitiv für dieses Spiel aus. Beim „Seuchenvogel“ Ilicevic besteht, das entnehme ich seinen Ausführungen, eine kleine Chance, dass er zum Einsatz kommen könnte. Einen Einsatz in der Startelf halte ich jedoch auch aufgrund des Trainingsrückstandes für sehr unwahrscheinlich. Es ist schon fatal: Da man unverändert in akuter Abstiegsgefahr schwebt, und der Kader im Offensivbereich nach dem Abgang Rudnevs kaum Alternativen bereit hält, müssen angeschlagene Spieler schnellstmöglich wieder auflaufen – ein gleich im mehrfachen Sinne beständiger Tanz auf der Rasierklinge…

Nachdem die noch von van Marwijk empfohlene Leihgabe Ola John gegen Gladbach einmal mehr enttäuscht hat, scheint Slomka auf der Suche nach Alternativen fündig geworden zu sein: Matthia Maggio, deutsch-italienischer Stürmer der U23, trainierte diese Woche bei den Profis. Der zwanzigjährige Nachwuchsspieler machte in den letzten drei Partien seiner Mannschaft mit gleich vier Toren auf sich aufmerksam. Bei den Profis netzte er „zur Begrüßung“ im Training ebenfalls gleich zwei Mal. Kein schlechter Einstand. Das scheint auch Slomka so gesehen zu haben, denn er ließ durchblicken, dass der beidfüßige 1,86-Mann durchaus realistische Chancen besäße, sich für den Kader gegen Leverkusen zu qualifizieren. Slomkas Fazit: Maggio sei sehr, sehr unangenehm als Gegenspieler…

Ich erwarte als wahrscheinlichste Aufstellung die Folgende: Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann – Calhanoglu, Arslan, Badelj, Jiracek – van der Vaart – Zoua.

Ilicevic kommt, wenn überhaupt, wohl eher für einen Kurzeinsatz in der zweiten Spielhälfte in Frage. Maggios große Chance sollte, so er den Trainer im Abschlusstraining nicht mehr groß enttäuscht hat, spätestens dann kommen, wenn der HSV in Rückstand gerät. Dann denke ich, wird Slomka in Ermangelung anderer Alternativen den jungen Mann ins kalte Wasser werfen. Und wer weiß?! – vielleicht erleben wir ja den legendären Beginn einer Profi-Karriere. Wunder darf  man von dem jungen Mann im Falle seines Einsatzes nicht verlangen, aber man wird ja noch träumen dürfen, oder?! Doch bis es soweit ist, müssen die Offensivspieler des HSVs kaltschnäuziger beim Ausnutzen der Torchancen werden. Slomka hat im Training versucht, vor allem den Stürmern durch wettkampforientierte Übungen mehr Sicherheit zu verleihen. Die Spieler mussten auf bestimmte Vorgaben, die vom Trainerteam jeweils sehr spät zugerufen wurden, blitzschnell intuitiv reagieren und das „Problem“ lösen. Slomka sagte in diesem Zusammenhang, dass zu viel Denken im Spiel schade. Dies ist einmal mehr absolut zutreffend. Ich verweise an dieser Stelle auf die Passagen früherer Artikel, in denen ich mich zum s.g. „Flow“ geäußert habe. Der Trainer weiter:

„Wenn ich erst einmal daran denke, dass ich einen Fehler machen kann, dann passiert es ja auch meistens“.

Er nannte  hier Badelj als Vorbild in unserer Mannschaft, von dem er meint, dass dieser „instinktiv“ und mit wenig Angst (vor dem Fehlpass etc.) spiele. Ansonsten bemängelte der Trainer die Gegentore, welche die Mannschaft gegen die Borusssia nach Eckstößen kassiert hatte. Dies, so Slomka, sei umgehend nach der Partie aufgearbeitet worden. Danach begann dann die zielgerichtete Vorbereitung auf das nun anstehende Heimspiel.

Die Gäste haben, zum Glück für uns, ebenfalls einige prominente Ausfälle zu beklagen. Die Namhaftesten: Toprak (IV, Wadenprobleme), Reinartz (DM, Fersenprobleme); Sidney Sam (OM; muskuläre Probleme). So kommt es also wohl nicht zu einem weiteren Wiedersehen mit dem in Hamburg ebenfalls ausgebildeten Sidney Sam. In diesem Fall bin ich ganz froh darüber. Nicht etwa, weil ich Sam etwas Schlechtes wünsche, sondern weil der Neu-Nationalspieler auch immer für ein Tor gut ist.

Leverkusens Trainer, Hyypiä, lässt Bayer 04 in einer (in der Bundesliga) eher ungewöhnlichen Mischung aus 4-3-3 und 4-5-1 auflaufen. Vor der Viererkette der Abwehr agiert meist Can (alternativ: Rolfes) zentral als defensivster Mittelfeldspieler. Flankiert wird er von dem etwas links davor postierten Guardado und dem rechts auf gleicher Höhe mit dem Mexikaner spielenden Lars Bender. Im Sturm spielen links außen der schon erwähnte Son und rechts außen Castro, die gelegentlich die Flügel tauschen. Bei der zentralen Sturmspitze dürfte die Wahl wohl auf Kießling (alternativ: Derdiyok) fallen. Vor allem beim beidfüßigen Son dürfte aus seiner Hamburger Zeit bekannt sein, dass er gerne von beiden Flügeln nach innen zieht, um aus den Halbpositionen zum Abschluss zu kommen. Kießling ist ein Konterstürmer, kein Spieler, der durch seine Fähigkeiten im Pass-Spiel besticht (Das ist auch der Grund, warum er bei der von Löw gecoachten und auf Ballbesitz spielenden deutschen Nationalmannschaft keine Chance besitzt.). Über seine Torgefährlichkeit muss man nach den letzten Jahren wohl kein Wort mehr verlieren.
Es ist damit zurechnen, dass beide Flügelstürmer im Offensivpressing unsere Innenverteidigung beim Spielaufbau oft unter Druck setzen, während Kießling Adler als Anspielstation (bei Rückpässen) „bedroht“. Bei Ballbesitz dürfte also ebenfalls Schwerstarbeit auf unsere Verteidigung zukommen. Bleibt zu hoffen, dass man die Nerven heute im Griff behält…
Bei Ballverlust ziehen sich beide Flügelstürmer zurück und verdichten die Räume im Mittelfeld. Für den HSV kommt es also darauf an, dennoch Räume aufzuspüren, ohne in der Offensivbewegung dort den Ball zu verlieren und damit die Gäste zu ihren brandgefährlichen Kontern einzuladen.

Auch für die Gäste steht einiges auf dem Spiel. In den letzten elf (!) Spielen gelang ihnen nur ein einziger Sieg. Zuletzt konnten sie auswärts am 27. Spieltag gegen den FC Augsburg gewinnen. Daheim folgte dann jedoch eine aus Sicht Leverkusens wohl erneut enttäuschende Punkteteilung (1:1) mit Aufsteiger Braunschweig. Noch ist Bayer 04 mit 48 Punkten Vierter in der Tabelle, wird aber bereits vom VfL Wolfsburg (47 Pkt.) bedrängt. Man droht also den Anschluss nach oben zu verlieren. Der ewige Zweite Leverkusen („Vizekusen“) hat grundsätzlich den Anspruch, sich für die ChampionsLeague zu qualifizieren. Es kann daher kaum verwundern, dass Trainer Hyypiä zunehmend in der Kritik steht. Es ist daher davon auszugehen, dass auch die Gäste inzwischen unter erheblichem Erfolgsdruck stehen. Ein Punktverlust in Hamburg oder gar eine Niederlage – spätestens dann dürfte es in Leverkusen sehr, sehr ungemütlich werden, auch wenn man als Hamburger diese Luxus-Probleme derzeit nur zu gerne eintauschen würde. Ich gehe davon aus, dass die letzten, relativ erfolglosen Monate auch in Leverkusen Spuren hinterlassen und am Selbstvertrauen genagt haben. Psychologisch also nicht die schlechteste Ausgangsposition für den HSV. Für den Ausgang des Spiels könnte daher aus taktischer Sicht als auch in den Köpfen eine vorentscheidende Rolle spielen, wem das erste Tor gelingt.

Die Partie wird geleitet von Schiedsrichter Dankert aus Rostock.

+++ Ergänzung: dem Vernehmen nach wurde Djourou aufgrund einer Vertragsklausel im Ausleihvertrag mit Arsenal durch seinen 20. Einsatz für den HSV (gegen M’Gladbach) für eine Ablösesumme von € 2,5 Millionen fest verpflichtet. Sein Vertrag soll auch für die Zweite Liga gelten. +++