Hyypiä

Totgesagte leben länger! HSV – Bayer 04 Leverkusen 2:1 (1:0)

+++ Aktualisierung: Leverkusen entlässt Hyypiä. Nachfolger ist Sascha Lewandowski +++

Was für ein Spiel, welch ein Spektakel! Der von Vielen schon als sicherer Absteiger abgeschriebene HSV erkämpft sich drei ganz wichtige Punkte gegen den Favoriten aus Leverkusen. Wann hat man zuletzt ein Spiel mit Hamburger Beteiligung gesehen, das so reich an Höhepunkten war, und in dem am Ende der HSV den Platz als Sieger verließ?! Ich kann mich gerade nicht erinnern. Bis es aber soweit war, glich das Spiel einer einzigen emotionalen Achterbahnfahrt: Hoffen, Jubel, Entsetzen, Bangen und Erlösung – das volle Programm, würde Dittsche sagen.

Der HSV begann in der von mir prognostizierten Aufstellung, während Hyypiä diverse Wechsel in der Startformation vornahm. So kam u.a. Julian Brandt auf dem rechten Flügel zum Einsatz.

Aufstellung: Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann – Calhanoglu, Arslan, Badelj (33. Rincon), Jiracek – van der Vaart (68. Tesche) – Zoua (77. Maggio)

Spielverlauf: Der HSV begann die Partie furios. Es war zu spüren, dass die Mannschaft von Beginn an um ihre „letzte“ Chance kämpfte. Da wurde gerannt, gekämpft und sich gegenseitig geholfen, als gäbe es kein morgen. Das von mir erwartete, starke Offensivpressing der Gäste auf unsere Innenverteidigung im Spielaufbau fand zunächst kaum statt. Offenbar hatte auch hier Hyypiä seiner Mannschaft eine andere taktische Marschroute ausgegeben.
Bereits in der 4. Minute kam es zur Führung des HSVs. Kapitän van der Vaart, der in der ersten Spielhälfte als leidenschaftlich kämpfendes Vorbild voranging, legte einen Ball auf Calhanoglu ab. Hakan, der immer mehr zum absoluten Leistungsträger wird, fackelte nicht lange und schoss knallhart flach ins linke untere Eck des Gästetores. 1:0 für den HSV – ein Auftakt nach Maß!
Drei Minuten später trat Adler erstmals in Erscheinung. Er konnte gerade noch einen Schuss aus zentraler Position der Leverkusener parieren. Gut, dass wir diesen Mann im Kasten haben, dachte ich mir..
In der 20. Minute setzte dann der aufgerückte Mancienne(!) für den HSV einen Fallrückzieher knapp neben das Gehäuse der Gäste, während auf der anderen Seite Kießling, am linken Eck des Fünfmeter-Raumes stehend, den Ball am langen Pfosten vorbei schoss (22.). Nicht anders erging es Westermann (29.), der, nach einer Freistoßflanke von Calhanoglu, den Ball aus ca. fünf Metern links am Tor von Bayer vorbei beförderte. Was für Chancen hüben wie drüben! Zwischen den Chancen kämpften die Hamburger leidenschaftlich um jeden Ball und jeden Meter. Ich sah das mit einer Mischung aus Stolz und Sorge. Stolz, weil die Mannschaft ganz offensichtlich gewillt war, alle Unkenrufer Lügen zu strafen. Und Sorge, weil ich mir dachte: wenn das heute wieder nicht belohnt wird, dann könnte das mental der Genickbruch für die Truppe sein.
Dann kam Teil Eins dessen, was in dieser Seuchensaison des Hamburger Sportvereins wohl kommen muss: Badelj verletzte sich die Oberschenkelmuskulatur bei einem Torschussversuch und musste in der 33. Minute vom Feld. Für ihn kam „der General“ Rincon, die personifizierte „Kampfsau“ beim HSV.
In der 35. Minute kam der Ex-Hamburger und heutige Leverkusener Son aus fünf Metern zum Kopfball, aber Adler parierte einmal mehr überragend.
Die erste Hälfte endete in der Nachspielzeit mit gleich zwei Torgelegenheiten für den HSV. Erst schoss Calhanoglu mit Vollspann eine Bogenlampe auf das Tor der Gäste, die von Leno gerade noch über die Latte gelenkt werden konnte (45+1.), dann verpasste Jiracek denkbar knapp einen Ball, den der Gästetorwart abprallen ließ (45+2.). Kurz vor der Pause lag Zoua am Boden. Er hatte sich, so sah es jedenfalls aus, im Zweikampf eine Schienbeinprellung zugezogen. Beim Betrachten der Bilder schwante mir Übles, doch Zoua kam zur zweiten Hälfte zurück und konnte die Partie zunächst fortsetzen.

In der zweiten Spielhälfte war es erneut Calhanoglu, der aus halbrechter Position mit einem sehenswerten Schuss (54.) das lange obere Eck des Leverkusener Tores anvisierte. Aber auch hier war Leno auf dem Posten. Schade!
Nur eine Minute später trennte der Leverkusener Can im eigenen Strafraum Zoua mit äußerst robustem Körpereinsatz (55.) gerade noch vom Ball. Das hätte einen Strafstoß für den HSV geben können, gab es aber nicht. Angesichts der anderen, vom Schiedsrichter zugunsten des HSVs entschiedenen Strafraumszenen, sollte man sich aber aus Hamburger Sicht keinesfalls über diese Entscheidung beschweren…
Es kam die 58. Spielminute: der junge Julian Brandt nahm sein Herz in beide Hände und schoss aus 16 bis 17 Metern auf das Tor der Hamburger. Der Ball kam fast genau „auf den Mann“ und alles sah danach aus, als würde Adler den Ball mühelos fangen können. Weit gefehlt, leider! Der Ball sprang Adler aus den Armen, rotierte über dessen linken Unterarm und kullerte nebem dem linken Pfosten ins Tor der Hausherrn. 1:1  – ein klarer, eklatanter Torwartfehler. Darüber kann es keine Diskussion geben! Ich dachte sofort an das Braunschweig-Spiel und schickte umgehend eine SMS an den Fußballgott. Inhalt: Bitte erspare uns, dass uns ausgerechnet ein Fehler des ansonsten famosen Adlers am Ende die Punkte kostet!

Dann kam die nächste Hiobsbotschaft aus Sicht des HSVs: van der Vaart musste in der 68. Minute mit muskulären Problemen angeschlagen aus dem Spiel genommen werden. Es kam „Fußball-Gott“ Robert Tesche. Wer hätte vor wenigen Wochen noch gedacht, dass man sich als Hamburger noch glücklich schätzen würde, dass wir mit Tesche noch einen gestandenen Bundesligaprofi auf der Bank haben?

In der Folge übernahm eindeutig Bayer 04 das Kommando. Der unerwartete Ausgleich und die Umstellung hatten Spuren hinterlassen. Die Gäste drückten nun mit Macht auf den nächsten Treffer, während die Hamburger kaum noch Zugriff auf das Spiel, vor allem im Mittelfeld, bekamen. Plötzlich sah man nun auch das Offensivpressing der Leverkusener. Die Folge: Die Bälle wurden vom HSV mit Befreiungsschlägen einfach aus dem eigenen Strafraum herausgeschlagen, bzw. zu ungenau bei Konterversuchen hergeschenkt und kamen postwendend zurück. Das sah gar nicht gut aus, wenn man es mit dem Hamburger Sportverein hält, denn die Ordnung ging streckenweise verloren. Es wirkte so, als wäre der Führungstreffer für Leverkusen nur eine Frage der Zeit. An dieser Stelle ist aber nicht nur der bedingungslose Einsatz der gesamten Truppe zu loben, sondern auf zwei Dinge hinzuweisen:

1. Die hamburger Defensivspieler, allen voran beide Innenverteidiger, aber auch die beiden Sechser (Arslan!), antizipierten über weite Strecken des Spiels großartig die Anspielversuche der Leverkusener. So konnte Vieles schon im Ansatz entschärft werden. Bravo!;
2. Adler zeigte sich vollkommen unbeeindruckt von seinem schweren Fehler und setzte das Spiel fort, als wäre nichts geschehen. Er hielt, was zu halten war. Das ist mentale Stärke, das war einfach großartig!

Und weil es wohl dieses Jahr nicht genug Hiobsbotschaften aus Sicht des Hamburger Sportvereins geben kann, musste der bereits angeschlagene Zoua in der 77. Minute ebenfalls vom Feld und wurde vom U23-Stürmer Maggio ersetzt. Maggio konnte kaum wirkliche Akzente setzen, aber man sah sofort, dass er mindestens in Sachen Sprintgeschwindigkeit wettbewerbsfähig ist.
In der 78. Minute verpassten sowohl Maggio als auch Jiracek eine scharfe Hereingabe von Calhanoglu denkbar knapp vor dem Gehäuse der Gäste. Hyypiä ging nun angesichts der verbleibenden Spielzeit volles Risiko und brachte mit Derdiyok für Lars Bender (MIT) einen weiteren Stürmer. Und dann, als Hamburger glaubt man es ja kaum noch, hatte der Fußballgott ein Einsehen: Rincon schalltete schnell und richtig und passte zu dem aufgerückten Diekmeier auf den rechten Flügel. Dessen Hereingabe nahm, wer hätte das gedacht?!, ausgerechnet Westermann volley und drosch das Leder humorlos ins linke obere Eck. Leno war da vollkommen chancenlos. 2:1 für den HSV! Natürlich habe ich mich für die gesamte Mannschaft gefreut, aber das gerade dem oft zu unrecht gescholtenen Westermann dieser sehenswerte und unerhört wichtige Treffer gelang – das hat mich ganz besonders berührt…
In der Nachspielzeit (92.) wäre um ein Haar der erneute Ausgleich gefallen. Aber Adler konnte mit den Beinen einen Schussversuch Cans aus kürzester Distanz parieren. Welch ein Herzschlagfinale! So aber blieb es beim Sieg des Hamburger Sportvereins. Der Rest war kollektiver Jubel.

Fazit: Der HSV sendet ein kräftiges Lebenszeichen an die Konkurrenz. Der Sieg erscheint keineswegs völlig unverdient, wenn man an die diversen Ausfälle, die prekäre Ausgangslage und die grandiose kämpferische Leistung der Mannschaft denkt. Allerdings hatte die Truppe dieses Mal das nötige Glück auf ihrer Seite. Ich fühle mich in meiner Annahme (s.h. Vorschau zum Spiel) bestätigt, dass die vergangenen, relativ erfolglosen Wochen Spuren bei den Leverkusenern hinterlassen hatten. Die Mannschaft wirkte gerade zu Beginn der Partie nicht so sicher, wie man das eigentlich gewohnt ist. Ein Indiz dafür scheint mir auch zu sein, dass man nicht so aggressiv presste, wie man das schon von Bayer 04 gesehen hat. Der HSV springt zunächst auf Platz 15 auf Platz 16. Unabhängig vom Ausgang der Spiele der anderen, vom Abstieg gleichfalls bedrohten Mannschaften, erzeugt dies also Druck auf die Konkurrenz. Außerdem zeigte sich einmal mehr, hoffentlich auch so manchem Betrachter…!, dass auf Hamburger Seite keineswegs seelenlose, desinteressierte Söldner am Werk sind, sondern eine Mannschaft, die absolut gewillt ist, dem Verein die Schmach eines Abstiegs zu ersparen. Gelingt es nun, auswärts in Hannover nachzulegen, dann hält man alle Karten wieder selbst in der Hand. Aber auch wenn dies nicht gelingen sollte, zeigt sich erneut, dass man immer eine Chance auf weitere Siege hat, wenn man an sich glaubt und seine Hausaufgaben erledigt. Totgesagte leben bekanntlich länger – glauben wir dran!

Schiedsrichter: Dankert (Rostock). Hätte mindestens dreimal auf Elfmeter entscheiden können, wenn nicht gar müssen (Handspiel Djourou; Foul von Can an Zoua 55. Minute; Foul an Son in 73. Minute).  Wer sich als Hamburger gerne vom Schiedsrichter benachteiligt sieht – mit wesentlichen Entscheidungen Dankerts hat der HSV dieses Mal eindeutig Glück gehabt.

 

 

DAS RESTPROGRAMM


13. Hannover 96 (29 Pkt; -18):

Hamburger SV (H)
Eintracht Frankfurt (A)
VfB Stuttgart (H)
1. FC Nürnberg (A)
SC Freiburg (H)

14. SC Freiburg  (29 Pkt; -19):
Eintracht Braunschweig (H)
Borussia M’Gladbach (H)
VfL Wolfsburg (A)
FC Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)

15. VfB Stuttgart (27 Pkt; -13):
Borussia M’Gladbach (A)
Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -15):
Hannover 96 (A)
VfL Wolfburg (H)
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -20)
VfL Wolfsburg (A)
Bayer Leverkusen (H)
1. FSV Mainz 05 (A)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -22):
SC Freiburg (A)
Bayern München (H)
Hertha BSC (A)
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)

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Verlieren für beide verboten – Auch Bayer 04 steht unter Druck

Am Freitagabend trifft der HSV auf Bayer 04 Leverkusen. Zunächste einmal wird das ein Wiedersehen mit Heung-Min Son. Jenem talentierten Offensivspieler, den sie seinerzeit um ein Haar zurück nach Südkorea geschickt hätten, bevor man es sich im fast letzten Moment noch anders überlegte. In der Folge wurde Son beim HSV ausgebildet und reifte zu einem vollwertigen Bundesligaprofi heran. Lange galt er gar als eine Art Hoffnungsträger. Bis es aber soweit war, musste man in Foren und Blogs manchen unqualifizierten Kommentar über ihn lesen. Denn mit Talenten verhält es sich in Hamburg in aller Regel so: lautstark wird traditionell der angeblich fehlende Ertrag der Nachwuchsschmiede beklagt. Schafft ein junger Spieler dann den Sprung „nach oben“, so hat er gefälligst sofort fehlerlos zu agieren. Gelingt dies nicht, was wiederum die Regel und nicht die Ausnahme (Tah) ist, dann bekommt das Talent umgehend das Etikett „bundesligauntauglich“ verpasst. Die üblichen Verdächtigen fordern reflexhaft öffentlich und lautstark, der Verein möge den vermeintlichen Taugenichts bitte umgehend verscherbeln, notfalls gar verschenken. Nur hinfort mit dem! Angesichts fortdauernder Führungs- und Konzeptwechsel im Nachwuchsbereich des Vereins und dieses gestörten ambivalenten Verhältnisses breiter Teile der Anhängerschaft zu den eigenen Talenten muss es schon fast verwundern, wenn es irgendeinem Spieler, wie  z.B. Son, dennoch gelingt, sich dauerhaft in der Bundesliga zu etablieren. Dann aber, das ist doch klar, sollte er am besten ein Leben lang die „Raute im Herzen“ tragen. Wechselt er dennoch den Arbeitgeber, dann ist auch dafür meist schnell eine Begründung zur Hand: „typischer Söldner eben!“. So einer wird dann zur Begrüßung gerne ausgepfiffen. Gleichzeitig ist meist  die Verachtung jener, die ihm einst die Klasse absprachen, in heimlichen Respekt umgeschlagen. Viele beginnen dann bereits vor dem Spiel zu unken: der schießt uns ab – wirst Du sehen! Ich hoffe in diesem Fall, dass Son kein Tor gelingt, freue mich aber auf das Wiedersehen.

HSV-Trainer Slomka betonte in der PK vor dem Spiel die Wichtigkeit der anstehenden Partie, die schon fast gewonnen werden müsse. Zugleich fand er lobende Worte für die Leistungsentwicklung seiner Spieler in den vergangenen Wochen, sowie die intakte Moral der Mannschaft, die u.a. auch in ihren Offensivbemühungen trotz eines Zwei-Tore-Rückstandes in der Schlussphase des Spiels gegen Gladbach zum Ausdruck kam. Was die Personallage angeht, so fällt Torjäger Lasogga definitiv für dieses Spiel aus. Beim „Seuchenvogel“ Ilicevic besteht, das entnehme ich seinen Ausführungen, eine kleine Chance, dass er zum Einsatz kommen könnte. Einen Einsatz in der Startelf halte ich jedoch auch aufgrund des Trainingsrückstandes für sehr unwahrscheinlich. Es ist schon fatal: Da man unverändert in akuter Abstiegsgefahr schwebt, und der Kader im Offensivbereich nach dem Abgang Rudnevs kaum Alternativen bereit hält, müssen angeschlagene Spieler schnellstmöglich wieder auflaufen – ein gleich im mehrfachen Sinne beständiger Tanz auf der Rasierklinge…

Nachdem die noch von van Marwijk empfohlene Leihgabe Ola John gegen Gladbach einmal mehr enttäuscht hat, scheint Slomka auf der Suche nach Alternativen fündig geworden zu sein: Matthia Maggio, deutsch-italienischer Stürmer der U23, trainierte diese Woche bei den Profis. Der zwanzigjährige Nachwuchsspieler machte in den letzten drei Partien seiner Mannschaft mit gleich vier Toren auf sich aufmerksam. Bei den Profis netzte er „zur Begrüßung“ im Training ebenfalls gleich zwei Mal. Kein schlechter Einstand. Das scheint auch Slomka so gesehen zu haben, denn er ließ durchblicken, dass der beidfüßige 1,86-Mann durchaus realistische Chancen besäße, sich für den Kader gegen Leverkusen zu qualifizieren. Slomkas Fazit: Maggio sei sehr, sehr unangenehm als Gegenspieler…

Ich erwarte als wahrscheinlichste Aufstellung die Folgende: Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann – Calhanoglu, Arslan, Badelj, Jiracek – van der Vaart – Zoua.

Ilicevic kommt, wenn überhaupt, wohl eher für einen Kurzeinsatz in der zweiten Spielhälfte in Frage. Maggios große Chance sollte, so er den Trainer im Abschlusstraining nicht mehr groß enttäuscht hat, spätestens dann kommen, wenn der HSV in Rückstand gerät. Dann denke ich, wird Slomka in Ermangelung anderer Alternativen den jungen Mann ins kalte Wasser werfen. Und wer weiß?! – vielleicht erleben wir ja den legendären Beginn einer Profi-Karriere. Wunder darf  man von dem jungen Mann im Falle seines Einsatzes nicht verlangen, aber man wird ja noch träumen dürfen, oder?! Doch bis es soweit ist, müssen die Offensivspieler des HSVs kaltschnäuziger beim Ausnutzen der Torchancen werden. Slomka hat im Training versucht, vor allem den Stürmern durch wettkampforientierte Übungen mehr Sicherheit zu verleihen. Die Spieler mussten auf bestimmte Vorgaben, die vom Trainerteam jeweils sehr spät zugerufen wurden, blitzschnell intuitiv reagieren und das „Problem“ lösen. Slomka sagte in diesem Zusammenhang, dass zu viel Denken im Spiel schade. Dies ist einmal mehr absolut zutreffend. Ich verweise an dieser Stelle auf die Passagen früherer Artikel, in denen ich mich zum s.g. „Flow“ geäußert habe. Der Trainer weiter:

„Wenn ich erst einmal daran denke, dass ich einen Fehler machen kann, dann passiert es ja auch meistens“.

Er nannte  hier Badelj als Vorbild in unserer Mannschaft, von dem er meint, dass dieser „instinktiv“ und mit wenig Angst (vor dem Fehlpass etc.) spiele. Ansonsten bemängelte der Trainer die Gegentore, welche die Mannschaft gegen die Borusssia nach Eckstößen kassiert hatte. Dies, so Slomka, sei umgehend nach der Partie aufgearbeitet worden. Danach begann dann die zielgerichtete Vorbereitung auf das nun anstehende Heimspiel.

Die Gäste haben, zum Glück für uns, ebenfalls einige prominente Ausfälle zu beklagen. Die Namhaftesten: Toprak (IV, Wadenprobleme), Reinartz (DM, Fersenprobleme); Sidney Sam (OM; muskuläre Probleme). So kommt es also wohl nicht zu einem weiteren Wiedersehen mit dem in Hamburg ebenfalls ausgebildeten Sidney Sam. In diesem Fall bin ich ganz froh darüber. Nicht etwa, weil ich Sam etwas Schlechtes wünsche, sondern weil der Neu-Nationalspieler auch immer für ein Tor gut ist.

Leverkusens Trainer, Hyypiä, lässt Bayer 04 in einer (in der Bundesliga) eher ungewöhnlichen Mischung aus 4-3-3 und 4-5-1 auflaufen. Vor der Viererkette der Abwehr agiert meist Can (alternativ: Rolfes) zentral als defensivster Mittelfeldspieler. Flankiert wird er von dem etwas links davor postierten Guardado und dem rechts auf gleicher Höhe mit dem Mexikaner spielenden Lars Bender. Im Sturm spielen links außen der schon erwähnte Son und rechts außen Castro, die gelegentlich die Flügel tauschen. Bei der zentralen Sturmspitze dürfte die Wahl wohl auf Kießling (alternativ: Derdiyok) fallen. Vor allem beim beidfüßigen Son dürfte aus seiner Hamburger Zeit bekannt sein, dass er gerne von beiden Flügeln nach innen zieht, um aus den Halbpositionen zum Abschluss zu kommen. Kießling ist ein Konterstürmer, kein Spieler, der durch seine Fähigkeiten im Pass-Spiel besticht (Das ist auch der Grund, warum er bei der von Löw gecoachten und auf Ballbesitz spielenden deutschen Nationalmannschaft keine Chance besitzt.). Über seine Torgefährlichkeit muss man nach den letzten Jahren wohl kein Wort mehr verlieren.
Es ist damit zurechnen, dass beide Flügelstürmer im Offensivpressing unsere Innenverteidigung beim Spielaufbau oft unter Druck setzen, während Kießling Adler als Anspielstation (bei Rückpässen) „bedroht“. Bei Ballbesitz dürfte also ebenfalls Schwerstarbeit auf unsere Verteidigung zukommen. Bleibt zu hoffen, dass man die Nerven heute im Griff behält…
Bei Ballverlust ziehen sich beide Flügelstürmer zurück und verdichten die Räume im Mittelfeld. Für den HSV kommt es also darauf an, dennoch Räume aufzuspüren, ohne in der Offensivbewegung dort den Ball zu verlieren und damit die Gäste zu ihren brandgefährlichen Kontern einzuladen.

Auch für die Gäste steht einiges auf dem Spiel. In den letzten elf (!) Spielen gelang ihnen nur ein einziger Sieg. Zuletzt konnten sie auswärts am 27. Spieltag gegen den FC Augsburg gewinnen. Daheim folgte dann jedoch eine aus Sicht Leverkusens wohl erneut enttäuschende Punkteteilung (1:1) mit Aufsteiger Braunschweig. Noch ist Bayer 04 mit 48 Punkten Vierter in der Tabelle, wird aber bereits vom VfL Wolfsburg (47 Pkt.) bedrängt. Man droht also den Anschluss nach oben zu verlieren. Der ewige Zweite Leverkusen („Vizekusen“) hat grundsätzlich den Anspruch, sich für die ChampionsLeague zu qualifizieren. Es kann daher kaum verwundern, dass Trainer Hyypiä zunehmend in der Kritik steht. Es ist daher davon auszugehen, dass auch die Gäste inzwischen unter erheblichem Erfolgsdruck stehen. Ein Punktverlust in Hamburg oder gar eine Niederlage – spätestens dann dürfte es in Leverkusen sehr, sehr ungemütlich werden, auch wenn man als Hamburger diese Luxus-Probleme derzeit nur zu gerne eintauschen würde. Ich gehe davon aus, dass die letzten, relativ erfolglosen Monate auch in Leverkusen Spuren hinterlassen und am Selbstvertrauen genagt haben. Psychologisch also nicht die schlechteste Ausgangsposition für den HSV. Für den Ausgang des Spiels könnte daher aus taktischer Sicht als auch in den Köpfen eine vorentscheidende Rolle spielen, wem das erste Tor gelingt.

Die Partie wird geleitet von Schiedsrichter Dankert aus Rostock.

+++ Ergänzung: dem Vernehmen nach wurde Djourou aufgrund einer Vertragsklausel im Ausleihvertrag mit Arsenal durch seinen 20. Einsatz für den HSV (gegen M’Gladbach) für eine Ablösesumme von € 2,5 Millionen fest verpflichtet. Sein Vertrag soll auch für die Zweite Liga gelten. +++