Dankert

Von Rucksäcken, Baustellen und Blumentöpfen: Der HSV verpatzt die Heimpremiere.

AKTUALISIERUNG: Badelj verlässt den HSV und wechselt zum AC Florenz. Green wird für ein Jahr ohne Kaufoption, Holtby für ein Jahr mit Kaufoption ausgeliehen.

Ich gebe zu, auch nach einer Nacht des Überschlafens steckt mir das gestrige Spiel noch in den Kleidern. Ich beginne daher zunächst mit etwas Positivem.

Vor dem ersten Heimspiel der Hamburger gegen den Aufsteiger SC Paderborn 07 verdichteten sich die Meldungen, dass sich der HSV weiterhin um die Verpflichtung zweier neuer Spieler bemüht: Julian Green und Lewis Holtby.

Der hochtalentierte Außenbahnspieler, Julian Green (19), stammt aus der Jugend des FC Bayern München, besitzt dort einen Vertrag bis 2017 und soll leihweise für ein Jahr für den HSV auflaufen. Er ist gelernter Linksaußen, schießt jedoch beidfüßig und kann auch auf der rechten Außenbahn und im Sturm eingesetzt werden. Eine Verpflichtung, die mir aus gleich mehreren Gründen sinnvoll erscheint. Denn ich sehe im derzeitigen Kader unverändert zwei Problemzonen. Eine davon ist beinahe schon traditionell die rechte offensive Außenbahn. Nicolai Müller, der als Konkurrent/Ersatz für den langzeitverletzten Maxi Beister vom 1. FSV Mainz 05 verpflichtet wurde, verpasste einen Großteil der Vorbereitung mit der hamburger Mannschaft und plagt sich bekanntlich mit einer hartnäckigen Adduktorenverletzung, sodass er unverändert nicht zur Verfügung steht. Arslan und Rudnevs können zwar ebenfalls auf dieser Seite spielen, doch bleibt dies in beiden Fällen eine Notlösung. Ilicevic erscheint mir, ich schrieb das erst neulich, auf der linken Außenbahn stärker. Zudem habe ich den Eindruck, dass Ilicevic derzeit ein gutes Stück von seiner Bestform entfernt ist.

Bei Holtby (23) ging ich bisher davon aus, dass seine mögliche Verpflichtung aus finanziellen Gründen von einem kurzfristigen Abgang van der Vaarts oder Badeljs abhängig sei. Offenbar habe ich mich getäuscht, denn Beiersdorfer scheint einen anderen Finanzierungsweg gefunden zu haben. Wenn die Verpflichtung des Ex-Schalkers denn klappen sollte, dann kann ich dies gerade auch unter dem Eindruck des gestrigen Spiels nur begrüßen. Denn die zweite Baustelle, das wurde m.E. einmal mehr offensichtlich, ist das zentral-offensive Mittelfeld. Womit ich beim gestrigen Spiel wäre.

Die Vorzeichen schienen ach so günstig! Vom Interesse der Hamburger an den beiden genannten Spielern hatte der örtliche Boulevard erfreulicherweise wieder einmal erst im letzten Moment erfahren, was mir unverändert lobenswert erscheint, denn als Anhänger des HSV war man ja jahrelang ganz anderes gewohnt. Das Stadion war überraschenderweise fast ausverkauft. Und dies nach einer absoluten Horror-Saison und gegen einen, die Paderborner mögen mir dies verzeihen, für Erstligaverhältnisse namenlosen Gegner. Das nach dem Rückzug der CFHH befürchtete Stimmungstief beim Support des Teams konnte ich mindestens bis zur Halbzeit ebenfalls nicht ausmachen. Dass man als Zuschauer, die vorangegangene Saison noch allzu gut  im Gedächtnis, angesichts der erneut absolut enttäuschenden Darbietung der Heimmannschaft nach einem 0:2-Rückstand ab der 69. Minute in Schweigen verfällt, halte ich für vollkommen nachvollziehbar und durch die Mannschaft selbstverschuldet.

Slomka vertraute zu Beginn der Partie derselben Mannschaftsaufstellung, die in der Vorwoche gegen den 1. FC Köln eine ordentliche Leistung abgeliefert und ein torloses Remis erreicht hatte:

Adler – Diekmeier, Djourou Westermann, Jansen (71. Ostrzolek) – Behrami, Badelj, Arslan (46. Stieber), Ilicevic – van der Vaart (37. Rudnevs) – Lasogga

Dass Slomka erneut, von Behrami einmal abgesehen, auf den Einbau der neuen Spieler zu Beginn verzichtete, halte ich bei aller verständlichen Neugier und Ungeduld mancher Fans für ebenfalls nachvollziehbar. Gerade beim Brasilianer Cléber wird man einige Wochen Geduld aufbringen müssen, bis er trotz mangelnder Sprachkenntnisse die Abläufe so verinnerlicht hat, dass sein Einsatz kein allzu großes Risiko darstellt. Man stelle sich vor, Cléber hätte gleich bei seinem ersten Einsatz aufgrund eines Missverständnisses in der seit Jahren umstrittenen Innenverteidigung ein Gegentor verschuldet – davon haben sich in Hamburg schon ältere, gestandene Spieler wie Gravgard und Rozehnal nicht mehr erholt. Was Stieber und Ostrzolek angeht, so ist zunächst die Tatsache, dass sie neu sind, für sich allein genommen kein Argument für einen Einsatz von Beginn an. Sie müssen, das halte ich für ganz normal, entweder im Training klar besser sein als ihre Konkurrenten, oder sich über Kurzeinsätze empfehlen. Dass Slomka hier zunächst die etablierten Spieler, Jansen und Ilicevic, favorisierte, ist ohne Kenntnis der täglichen Trainingsleistungen m.E. nicht zu beanstanden.

Das Spiel: Der HSV kam zunächst gut in das Spiel. In der ersten Viertelstunde lief der Ball flüssig durch die hamburger Reihen, die wie von Slomka auf der PK angekündigt, erkennbar bemüht waren, offensiv und druckvoll zu agieren. Man stand in der Abwehr hoch und war bemüht, das Spielgeschehen in die gegnerische Hälfte zu verlagern. Leider fehlte es, wie schon gegen Köln,  spätestens im letzten Drittel eklatant an Durchschlagskraft.

Der SC Paderborn war vor allem zu Beginn der Partie darum bemüht,  durch aggressiv-offensives Anlaufen der Abwehr bereits den Spielaufbau ihrer Gastgeber zu stören. Dennoch gelang es dem HSV zunächst, das Spiel in die Hälfte der Gäste zu verlagern. Dort angekommen traf man aber mit fortschreitender Spielzeit auf einen Gegner, der die Außenbahnen geschickt doppelte und sein aggressives Pressing ins Mittelfeld verlagerte. Resultat: weder über die Außenbahnen noch durch die Mitte konnte sich der HSV durchsetzen. Das Spiel der Hamburger wirkte von Minute zu Minute zunehmend hilf- und harmlos.

Auffällig aus hamburger Sicht, wie schnell sich der HSV im heimischen Stadion von den mutig aufspielenden Paderbornern den Schneid abkaufen ließ. Die Ostwestfalen wirkten, daran ändert auch die nach dem Spiel ausgeglichene Zweikampfstatistik (51 zu 49 %) nichts, griffiger, engagierter. Insbesondere bei den s.g. Zweiten Bällen hatten die Hausherrn meist das Nachsehen. Beides war enttäuschend, denn sowohl die Zweikampfstärke der Paderborner als auch die Bedeutung der Zweiten Bälle waren laut Slomka Gegenstand der Vorbesprechung vor der Partie. Enttäuschend auch, weil man von der Mannschaft der Hamburger nach der letzten Saison zumindest kämpferisch eine andere, bessere Einstellung erwarten konnte.

Nach der durchaus ordentlichen ersten Viertelstunde verfiel der HSV in alte Muster. Ganz vorne stand man zwar zeitweilig mit vier Leuten auf einer Linie, doch es fehlten Staffelung und vor allem Bewegung. Da sich die vordersten Leute fast durchweg im Deckungsschatten aufhielten, fehlte es dem jeweils ballführenden HSVer viel zu oft an möglichen Abnehmern. In Kombination mit der giftigen, entschlossenen Zweikampfführung der Gäste war es daher zunehmend nur eine Frage der Zeit, bis die Bälle aus Sicht des HSV verloren gingen. Auffällig auch, dass mit fortschreitender Spielzeit vor allem Behrami um Ordnung und Konstruktivität bemüht war. Badelj, der nach meinem Verständnis den offensiveren Part im Mittelfeld einnehmen sollte, und der daher in erster Linie für die Anbindung der Spitzen zuständig gewesen wäre, habe ich in dieser Funktion kaum positiv wahrgenommen. Es ist ein Jammer! Fußballerisch ist Milan sicher einer der stärksten Spieler im Kader der Hamburger, aber ihm fehlt derzeit viel, zu viel. Keine Explosivität, kaum Ideen, kein Selbstvertrauen. Stoisch verrichtet er, so wirkt es jedenfalls auf mich, sein Tagewerk. Statt neben einem Behrami entlastet aufzublühen, scheint er mir derzeit völlig abzutauchen. Aber, darauf sei noch einmal hingewiesen, wen will man auch anspielen, wenn sich kaum keiner bewegt?

Bereits in der 17. Minute hatte Stoppelkamp nach einem feine Lupfer von Vrancic die Doppelchance zum Führungstreffer für die Gäste, aber Adler konnte den Rückstand noch mit Mühe verhindern. Sechs Minuten später verpasste auch der exzellente Kachunga aus 7m und halblinker Position den Torerfolg. Mit Glück, Geschick und vereinten Kräften konnten dieses Mal Adler und Westermann gerade noch den Rückstand verhindern (23.). Mir schien es, als hätten diese beiden großen Chancen der Gäste den Hamburgern jegliches Selbstvertrauen geraubt. Zunehmend wirkte es, als bettelte man förmlich um das Gegentor.

Kachunga ließ sich jedenfalls nicht lange bitten und vollstreckte erneut nur sechs Minuten später  im Nachschuss zum 0:1, nachdem Adler den ersten Schuss von Koc gerade noch parieren konnte. Vorausgegangen war ein Ballverlust von Arslan in der Vorwärtsbewegung, der den Konter der Paderborner einleitete. Da sich auch Diekmeier in der Vorwärtsbewegung befand, war zunächst die rechte Hamburger Seite offen wie ein Scheunentor, sodass Djourou ins Eins gegen Eins musste. Ob er dabei zu passiv blieb, kann man sicher diskutieren. Verantwortlich für den Rückstand bleiben aber Arslans Ballverlust, die fehlende Absicherung und die keineswegs optimale Rückwärtsbewegung der Hamburger.

Vom HSV war offensiv während der gesamten ersten Hälfte erschreckend wenig zu sehen, was auch, aber das kann letztlich nicht als alleinige Begründung dienen!, am frühzeitigen Ausfall von van der Vaart lag, der bereits in der 37. Minute mit Wadenproblemen das Feld verlassen musste.

Zur Halbzeit musste Arslan in der Kabine bleiben. Für ihn kam Stieber, der wie erwartet die linke Außenbahn bespielte, während der bemühte, aber oft glücklos agierende Ilicevic wie schon gegen Köln auf die rechte Außenbahn wechselte. Mit anderen Worten: Slomka wechselte von einem 4-4-1-1 auf ein 4-4-2 mit Rudnevs neben Lasogga als zweiter Spitze.

Zunächst schien es, als würde sich diese Umstellung auszahlen. Zwischen der 55. und der 63. Spielminute kam der HSV nun zu einigen, wenigen Torgelegenheiten, die aber allesamt vergeben wurden. Lasogga war wie immer fleißig, aber ihm fehlt verständlicherweise noch die Explosivität und auch die Form, sodass er, in der 61. Minute zentral vor dem gegnerischen Tor stehend, einen feinen Querpass von Jansen nicht verwerten konnte. Nur zwei Minuten später traf Ilicevic einmal mehr(!) beim Abschluss den Ball nicht sauber, und auch Rudnevs kam anschließend am langen Pfosten nicht an den „Querschläger“. Nicht nur bei Ilicevic habe ich den Eindruck, dass ihm die Misserfolge der letzten Saison wichtiges Selbstvertrauen geraubt haben. Derzeit befindet er sich auf dem Weg zum Chancentod. Allerdings ist auch lobend festzuhalten, dass er derzeit einer der wenigen Spieler beim HSV ist, der sich überhaupt Chancen erarbeitet.

In der 69. Minute, der HSV hatte im eigenen Strafraum den Ball erobert und setzte  gerade zum Konter an, wollte Rudnevs vor dem eigenen Sechzehner quer auf Lasogga spielen. Abgesehen davon, dass man Querpässe vor dem eigenen Strafraum tunlichst vermeiden sollte, und abgesehen davon, dass Rudnves Passversuch sowohl Präzision als auch der nötige Druck fehlte, hatte ich grundsätzlich den Eindruck, dass das Freilaufen nach Balleroberung viel zu langsam und unentschlossen erfolgte. Mehrfach war zu beobachten, dass Adler das Spiel gerne beschleunigt hätte, aber den Versuch abbrechen musste, weil sich offensichtlich niemand anbot. Aber hier mögen die Fernsehbilder möglicherweise einen falschen Eindruck erweckt haben. Jedenfalls bedankte sich Vrancic für dieses Geschenk, umkurvte Adler und vollstreckte zum vorentscheidenden 0:2.

In der 71. Minute kam mit Ostrzolek (für Jansen) der nächste Neue auf Seiten der Hamburger auf das Feld. Beide, Stieber und Ostrzolek haben m.M.n. andeuteten können, warum der Verein sie geholt hat, auch wenn sie keine ganz großen Glanzpunkte setzen konnten. Zu begrüßen ist in jedem Fall, dass sich der Konkurrenzkampf im Team weiter verschärft. Insbesondere im zentral-offensiven Bereich dürfte sich dies, sofern die Verpflichtung von Holtby tatsächlich gelingt, leistungsfördernd auswirken.

Nur der vollständigkeitshalber sei das 0:3 in der 87. Minute erwähnt, als sich der HSV einmal mehr über seine linke Seite auskontern ließ. Stoppelkamp vollstreckte aus halbrechter Position humorlos ins lange Eck. Dieser letzte Gegentreffer mag für manchen Zuschauer das Fass zum überlaufen gebracht haben, er ist aber in meinen Augen der geringen verbleibenden Restspielzeit und eben dem Rückstand geschuldet. Das ist also aus meiner Sicht nur ein Fall für die Statistik.

Schiedsrichter: Dankert (Rostock). Versagte dem SC Paderborn 07 in meinen Augen einen regulären Treffer (zum 0:2) wegen angeblicher Abseitsstellung. Hatte ansonsten keine Mühe mit der Spielleitung.

Fazit: Der HSV verliert hochverdient sein Auftaktspiel gegen einen diszipliniert und engagiert auftretenden  Aufsteiger mit 0:3 (0:1). Glückwunsch an Trainer André Breitenreiter und den SC Paderborn 07! In dieser Form werden auch noch andere etablierte Erstligisten ihre liebe Müh‘ und Not gegen die Ostwestfalen haben.

Der HSV ist fast alles schuldig geblieben. Von dem druckvollen Offensivfußball, den Slomka zuvor angekündigt hatte, war einmal mehr nichts zu sehen. Das Bemühen will ich der Mannschaft nicht absprechen, aber der Rucksack der Verunsicherung, mangelnde Kreativität, und Geschwindigkeitsdefizite in der Spielentwicklung sind offensichtlich.

Individuelle Fehler (Arslan, Rudnevs) sind prinzipiell nicht völlig zu vermeiden. Was mich wirklich verärgert hat, ist, dass man ohne Gelbe Karte aus einem Heimspiel kommt, obwohl man um die Bissigkeit der Paderborner in den Zweikämpfen wusste, und obwohl man nach der letzten Saison dem heimischen Publikum mindestens eine Top-Leistung in kämpferischer Hinsicht schuldig war. Sich nicht mit dem absoluten Willen in einen Zweikampf zu begeben – das kann man nicht mit fehlendem Selbstvertrauen aus der letzten Saison entschuldigen. Das ist eine Frage der Einstellung!

Was der SC Paderborn 07 geboten hat, das war ohne Frage gut, aber bei allem Respekt eben auch kein Fußball von einem anderen Planeten. Diszipliniert die Räume verengen, Lauf- und Kampfbereitschaft, all dies sind unverzichtbare Grundlagen, kein Hexenwerk.

Dieses Spiel ist für mich nicht aufgrund der Niederlage enttäuschend, sondern aufgrund der Art und Weise ihres Zustandekommens. Es besteht für mich derzeit kein Grund, eine Trainerdiskussion zu beginnen,  oder mich an einer solchen zu beteiligen. Gleichwohl erwarte ich (s.o, meine Einleitung), dass sich der verschärfte Konkurrenzkampf in den nächsten Wochen deutlich leistungsfördernd auswirkt, auch wenn man in diesem Zusammenhang nicht sofort Wunder erwarten darf.

In meinen Augen gibt es einige Kandidaten, die für einen Bankplatz in Frage kämen. Für weitere Einsätze empfehlen konnten sich die Wenigsten. Insbesondere für Badelj, Arslan und Rudnevs dürften meiner Meinung nach, sollten Holtby und Green kommen und Müller fit werden, härtere Zeiten anbrechen. Aber auch Diekmeier täte es vielleicht ganz gut, wenn er den Atem eines Konkurrenten im Nacken spüren würde, denn Flanken dürfen auch mal ankommen…

Es bleibt bei der Erkenntnis der letzten Saison: Mit einer solchen Leistung, wie sie der HSV in diesem Spiel einmal mehr abgeliefert hat, kann man in der Ersten Bundesliga keinen Blumentopf gewinnen. Nicht einmal gegen, dabei bleibe ich, den größten Außenseiter. Zu den absoluten Grundvoraussetzungen gehören Kampf und Konzentration. Wer das in dieser Mannschaft immer noch nicht verstanden hat, der ist bald raus. Und das ist gut so.

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Totgesagte leben länger! HSV – Bayer 04 Leverkusen 2:1 (1:0)

+++ Aktualisierung: Leverkusen entlässt Hyypiä. Nachfolger ist Sascha Lewandowski +++

Was für ein Spiel, welch ein Spektakel! Der von Vielen schon als sicherer Absteiger abgeschriebene HSV erkämpft sich drei ganz wichtige Punkte gegen den Favoriten aus Leverkusen. Wann hat man zuletzt ein Spiel mit Hamburger Beteiligung gesehen, das so reich an Höhepunkten war, und in dem am Ende der HSV den Platz als Sieger verließ?! Ich kann mich gerade nicht erinnern. Bis es aber soweit war, glich das Spiel einer einzigen emotionalen Achterbahnfahrt: Hoffen, Jubel, Entsetzen, Bangen und Erlösung – das volle Programm, würde Dittsche sagen.

Der HSV begann in der von mir prognostizierten Aufstellung, während Hyypiä diverse Wechsel in der Startformation vornahm. So kam u.a. Julian Brandt auf dem rechten Flügel zum Einsatz.

Aufstellung: Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann – Calhanoglu, Arslan, Badelj (33. Rincon), Jiracek – van der Vaart (68. Tesche) – Zoua (77. Maggio)

Spielverlauf: Der HSV begann die Partie furios. Es war zu spüren, dass die Mannschaft von Beginn an um ihre „letzte“ Chance kämpfte. Da wurde gerannt, gekämpft und sich gegenseitig geholfen, als gäbe es kein morgen. Das von mir erwartete, starke Offensivpressing der Gäste auf unsere Innenverteidigung im Spielaufbau fand zunächst kaum statt. Offenbar hatte auch hier Hyypiä seiner Mannschaft eine andere taktische Marschroute ausgegeben.
Bereits in der 4. Minute kam es zur Führung des HSVs. Kapitän van der Vaart, der in der ersten Spielhälfte als leidenschaftlich kämpfendes Vorbild voranging, legte einen Ball auf Calhanoglu ab. Hakan, der immer mehr zum absoluten Leistungsträger wird, fackelte nicht lange und schoss knallhart flach ins linke untere Eck des Gästetores. 1:0 für den HSV – ein Auftakt nach Maß!
Drei Minuten später trat Adler erstmals in Erscheinung. Er konnte gerade noch einen Schuss aus zentraler Position der Leverkusener parieren. Gut, dass wir diesen Mann im Kasten haben, dachte ich mir..
In der 20. Minute setzte dann der aufgerückte Mancienne(!) für den HSV einen Fallrückzieher knapp neben das Gehäuse der Gäste, während auf der anderen Seite Kießling, am linken Eck des Fünfmeter-Raumes stehend, den Ball am langen Pfosten vorbei schoss (22.). Nicht anders erging es Westermann (29.), der, nach einer Freistoßflanke von Calhanoglu, den Ball aus ca. fünf Metern links am Tor von Bayer vorbei beförderte. Was für Chancen hüben wie drüben! Zwischen den Chancen kämpften die Hamburger leidenschaftlich um jeden Ball und jeden Meter. Ich sah das mit einer Mischung aus Stolz und Sorge. Stolz, weil die Mannschaft ganz offensichtlich gewillt war, alle Unkenrufer Lügen zu strafen. Und Sorge, weil ich mir dachte: wenn das heute wieder nicht belohnt wird, dann könnte das mental der Genickbruch für die Truppe sein.
Dann kam Teil Eins dessen, was in dieser Seuchensaison des Hamburger Sportvereins wohl kommen muss: Badelj verletzte sich die Oberschenkelmuskulatur bei einem Torschussversuch und musste in der 33. Minute vom Feld. Für ihn kam „der General“ Rincon, die personifizierte „Kampfsau“ beim HSV.
In der 35. Minute kam der Ex-Hamburger und heutige Leverkusener Son aus fünf Metern zum Kopfball, aber Adler parierte einmal mehr überragend.
Die erste Hälfte endete in der Nachspielzeit mit gleich zwei Torgelegenheiten für den HSV. Erst schoss Calhanoglu mit Vollspann eine Bogenlampe auf das Tor der Gäste, die von Leno gerade noch über die Latte gelenkt werden konnte (45+1.), dann verpasste Jiracek denkbar knapp einen Ball, den der Gästetorwart abprallen ließ (45+2.). Kurz vor der Pause lag Zoua am Boden. Er hatte sich, so sah es jedenfalls aus, im Zweikampf eine Schienbeinprellung zugezogen. Beim Betrachten der Bilder schwante mir Übles, doch Zoua kam zur zweiten Hälfte zurück und konnte die Partie zunächst fortsetzen.

In der zweiten Spielhälfte war es erneut Calhanoglu, der aus halbrechter Position mit einem sehenswerten Schuss (54.) das lange obere Eck des Leverkusener Tores anvisierte. Aber auch hier war Leno auf dem Posten. Schade!
Nur eine Minute später trennte der Leverkusener Can im eigenen Strafraum Zoua mit äußerst robustem Körpereinsatz (55.) gerade noch vom Ball. Das hätte einen Strafstoß für den HSV geben können, gab es aber nicht. Angesichts der anderen, vom Schiedsrichter zugunsten des HSVs entschiedenen Strafraumszenen, sollte man sich aber aus Hamburger Sicht keinesfalls über diese Entscheidung beschweren…
Es kam die 58. Spielminute: der junge Julian Brandt nahm sein Herz in beide Hände und schoss aus 16 bis 17 Metern auf das Tor der Hamburger. Der Ball kam fast genau „auf den Mann“ und alles sah danach aus, als würde Adler den Ball mühelos fangen können. Weit gefehlt, leider! Der Ball sprang Adler aus den Armen, rotierte über dessen linken Unterarm und kullerte nebem dem linken Pfosten ins Tor der Hausherrn. 1:1  – ein klarer, eklatanter Torwartfehler. Darüber kann es keine Diskussion geben! Ich dachte sofort an das Braunschweig-Spiel und schickte umgehend eine SMS an den Fußballgott. Inhalt: Bitte erspare uns, dass uns ausgerechnet ein Fehler des ansonsten famosen Adlers am Ende die Punkte kostet!

Dann kam die nächste Hiobsbotschaft aus Sicht des HSVs: van der Vaart musste in der 68. Minute mit muskulären Problemen angeschlagen aus dem Spiel genommen werden. Es kam „Fußball-Gott“ Robert Tesche. Wer hätte vor wenigen Wochen noch gedacht, dass man sich als Hamburger noch glücklich schätzen würde, dass wir mit Tesche noch einen gestandenen Bundesligaprofi auf der Bank haben?

In der Folge übernahm eindeutig Bayer 04 das Kommando. Der unerwartete Ausgleich und die Umstellung hatten Spuren hinterlassen. Die Gäste drückten nun mit Macht auf den nächsten Treffer, während die Hamburger kaum noch Zugriff auf das Spiel, vor allem im Mittelfeld, bekamen. Plötzlich sah man nun auch das Offensivpressing der Leverkusener. Die Folge: Die Bälle wurden vom HSV mit Befreiungsschlägen einfach aus dem eigenen Strafraum herausgeschlagen, bzw. zu ungenau bei Konterversuchen hergeschenkt und kamen postwendend zurück. Das sah gar nicht gut aus, wenn man es mit dem Hamburger Sportverein hält, denn die Ordnung ging streckenweise verloren. Es wirkte so, als wäre der Führungstreffer für Leverkusen nur eine Frage der Zeit. An dieser Stelle ist aber nicht nur der bedingungslose Einsatz der gesamten Truppe zu loben, sondern auf zwei Dinge hinzuweisen:

1. Die hamburger Defensivspieler, allen voran beide Innenverteidiger, aber auch die beiden Sechser (Arslan!), antizipierten über weite Strecken des Spiels großartig die Anspielversuche der Leverkusener. So konnte Vieles schon im Ansatz entschärft werden. Bravo!;
2. Adler zeigte sich vollkommen unbeeindruckt von seinem schweren Fehler und setzte das Spiel fort, als wäre nichts geschehen. Er hielt, was zu halten war. Das ist mentale Stärke, das war einfach großartig!

Und weil es wohl dieses Jahr nicht genug Hiobsbotschaften aus Sicht des Hamburger Sportvereins geben kann, musste der bereits angeschlagene Zoua in der 77. Minute ebenfalls vom Feld und wurde vom U23-Stürmer Maggio ersetzt. Maggio konnte kaum wirkliche Akzente setzen, aber man sah sofort, dass er mindestens in Sachen Sprintgeschwindigkeit wettbewerbsfähig ist.
In der 78. Minute verpassten sowohl Maggio als auch Jiracek eine scharfe Hereingabe von Calhanoglu denkbar knapp vor dem Gehäuse der Gäste. Hyypiä ging nun angesichts der verbleibenden Spielzeit volles Risiko und brachte mit Derdiyok für Lars Bender (MIT) einen weiteren Stürmer. Und dann, als Hamburger glaubt man es ja kaum noch, hatte der Fußballgott ein Einsehen: Rincon schalltete schnell und richtig und passte zu dem aufgerückten Diekmeier auf den rechten Flügel. Dessen Hereingabe nahm, wer hätte das gedacht?!, ausgerechnet Westermann volley und drosch das Leder humorlos ins linke obere Eck. Leno war da vollkommen chancenlos. 2:1 für den HSV! Natürlich habe ich mich für die gesamte Mannschaft gefreut, aber das gerade dem oft zu unrecht gescholtenen Westermann dieser sehenswerte und unerhört wichtige Treffer gelang – das hat mich ganz besonders berührt…
In der Nachspielzeit (92.) wäre um ein Haar der erneute Ausgleich gefallen. Aber Adler konnte mit den Beinen einen Schussversuch Cans aus kürzester Distanz parieren. Welch ein Herzschlagfinale! So aber blieb es beim Sieg des Hamburger Sportvereins. Der Rest war kollektiver Jubel.

Fazit: Der HSV sendet ein kräftiges Lebenszeichen an die Konkurrenz. Der Sieg erscheint keineswegs völlig unverdient, wenn man an die diversen Ausfälle, die prekäre Ausgangslage und die grandiose kämpferische Leistung der Mannschaft denkt. Allerdings hatte die Truppe dieses Mal das nötige Glück auf ihrer Seite. Ich fühle mich in meiner Annahme (s.h. Vorschau zum Spiel) bestätigt, dass die vergangenen, relativ erfolglosen Wochen Spuren bei den Leverkusenern hinterlassen hatten. Die Mannschaft wirkte gerade zu Beginn der Partie nicht so sicher, wie man das eigentlich gewohnt ist. Ein Indiz dafür scheint mir auch zu sein, dass man nicht so aggressiv presste, wie man das schon von Bayer 04 gesehen hat. Der HSV springt zunächst auf Platz 15 auf Platz 16. Unabhängig vom Ausgang der Spiele der anderen, vom Abstieg gleichfalls bedrohten Mannschaften, erzeugt dies also Druck auf die Konkurrenz. Außerdem zeigte sich einmal mehr, hoffentlich auch so manchem Betrachter…!, dass auf Hamburger Seite keineswegs seelenlose, desinteressierte Söldner am Werk sind, sondern eine Mannschaft, die absolut gewillt ist, dem Verein die Schmach eines Abstiegs zu ersparen. Gelingt es nun, auswärts in Hannover nachzulegen, dann hält man alle Karten wieder selbst in der Hand. Aber auch wenn dies nicht gelingen sollte, zeigt sich erneut, dass man immer eine Chance auf weitere Siege hat, wenn man an sich glaubt und seine Hausaufgaben erledigt. Totgesagte leben bekanntlich länger – glauben wir dran!

Schiedsrichter: Dankert (Rostock). Hätte mindestens dreimal auf Elfmeter entscheiden können, wenn nicht gar müssen (Handspiel Djourou; Foul von Can an Zoua 55. Minute; Foul an Son in 73. Minute).  Wer sich als Hamburger gerne vom Schiedsrichter benachteiligt sieht – mit wesentlichen Entscheidungen Dankerts hat der HSV dieses Mal eindeutig Glück gehabt.

 

 

DAS RESTPROGRAMM


13. Hannover 96 (29 Pkt; -18):

Hamburger SV (H)
Eintracht Frankfurt (A)
VfB Stuttgart (H)
1. FC Nürnberg (A)
SC Freiburg (H)

14. SC Freiburg  (29 Pkt; -19):
Eintracht Braunschweig (H)
Borussia M’Gladbach (H)
VfL Wolfsburg (A)
FC Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)

15. VfB Stuttgart (27 Pkt; -13):
Borussia M’Gladbach (A)
Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -15):
Hannover 96 (A)
VfL Wolfburg (H)
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -20)
VfL Wolfsburg (A)
Bayer Leverkusen (H)
1. FSV Mainz 05 (A)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -22):
SC Freiburg (A)
Bayern München (H)
Hertha BSC (A)
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)