van Marwijk

Imageschaden und Blamage – der Aufsichtsrat des HSV tagte…

Benno Möhlmann: „(….) Ich habe auch beim HSV eine vernünftige Arbeit abgeliefert. Dennoch kam am Ende der dritten Saison der damalige „Bild“-Sportchef und sagte zu mir: „Benno, sieh zu, dass du deinen Vertrag auflöst, sonst müssen wir dich rausschreiben.“ Da bin ich zu unserem Präsidenten Ronny Wulff gegangen und habe gesagt, lass uns das machen.“ (Zitat, SPIEGELonline)

Wenn es eines Anschauungsunterichts bedurft hätte, was u.v.m. beim HSV nicht stimmt, der gestrige Tag wäre als Paradebeispiel zu nennen. Der Aufsichtsrat (AR) des HSV tagte gestern im Grand Elysee. Vorstandvorsitzender Jarchow und Sportdirektor Kreuzer wurden zum Rapport bestellt, nachdem sie sich ausdrücklich zu einer Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Trainer Bert van Marwijk bekannt hatten.

Nun ist der AR des HSV  laut § 18 Abs.2 der Satzung zur „Überwachung des Vorstandes in seiner Geschäftsführung und in der Wahrnehmung der Vereinsaufgaben“ ausdrücklich ermächtigt. Ihm wird dabei sogar ein uneingeschränktes Prüfungs- und Kontrollrecht ausdrücklich eingeräumt. Es ist daher zunächst völlig unproblematisch, dass der AR angesichts der sportlichen Talfahrt von den zuständigen Vorstandsmitgliedern wissen will, aus welchen Gründen der Vorstand zu seiner Entscheidung gekommen ist, und mit welchen Maßnahmen Vorstand und Trainer nun die Trendwende einzuleiten gedenken. So weit, so gut –  wäre nicht durchgesickert, dass Teile des Aufsichtsrates bereits am Donnerstag letzter Woche Kontakt zu Felix Magath aufgenommen haben sollen. Ziel der Kontaktaufnahme soll die sofortige Entlassung von Teilen des Vorstandes sowie Trainer Bert van Marwijks und die gleichzeitige Installation Magaths in leitender Funktion gewesen sein. So saß man gestern geschlagene acht Stunden unter größter medialer Beachtung zusammen, bzw., da man vor Ort nicht vollzählig anwesend war, ließ sich telefonisch zuschalten. Man machte Probeabstimmungen und heraus kam am Ende: nichts, fast nichts. Jarchow, Kreuzer und van Marwijk bleiben nun zunächst bis zum Braunschweig-Spiel im Amt und Magath einmal mehr in der Warteschleife – wenn er sich das denn antut. Ein Irrsinnsstück aus dem Tollhaus!

Zunächst sei daran erinnert, dass es der Aufsichtsrat in toto war, der Herrn Kreuzer als Sportdirektor gecastet und eingestellt hatte. Man war damals sogar bereit, exakt diesen Kandidaten aus seinem laufenden Vertrag beim KSC gegen eine höhere sechsstellige Summe herauszukaufen. Noch vor wenigen Wochen bescheinigte der damalige Vorsitzende des Rates, Manfred Ertel, dem Vorstand gute Arbeit und bekundete vollstes Vertrauen. Zugleich verwies er mehrfach auf die Kontrollfunktion des Gremiums in Sachen Finanzen und die alleinige Zuständigkeit des Vorstandes für den operativen Bereich. Was hat sich seitdem geändert?

Die Antwort fällt nicht schwer: Hilke und Jarchow haben sich zum Entsetzen des Reformflügels im AR  ausdrücklich für eine Ausgliederung des Profibereichs ausgesprochen. Es dürfte inzwischen allgemein bekannt sein, dass sich Teile des Aufsichtsrates auch persönlich spinnefeind sind. Man droht sich fast schon regelmäßig mit juristischen Auseinandersetzungen. Außerdem gibt es dort gleich mehrere erklärte Gegner jeder Ausgliederung, die zwar im Detail unterschiedliche Vorstellungen von der zukünftigen Vereinsform vertreten, die aber alle eins eint: die unveränderte, entschiedene Ablehnung des von den Mitgliedern im Januar mit annähernd 80 Prozent Zustimmung beschlossenen Konzepts von HSVPlus. Man darf also begründet annehmen, dass das Bekenntnis Hilkes und Jarchows auf der Mitgliederversammlung nicht nur für wenig Begeisterung gesorgt hat, sondern dass seit der MV noch einige weitere zwischenmenschliche „Rechnungen“ offen sind. Die zweite Veränderung (seit Einstellung Kreuzers) betrifft den sportlichen Bereich. Nachdem Bert van Marwijk seinen Vorgänger Fink abgelöst hatte, schien sich die Mannschaft zunächst zu stabilisieren. Allerdings verlor man zuletzt sechs Mal in Folge und befindet sich als 17. inzwischen auf einem direkten Abstiegsplatz.

Angesichts der sportlichen Talfahrt und der nunmehr akuten Gefahr eines Abstiegs erscheint es mir grundsätzlich legitim, dass der Aufsichtsrat des Vereins von den unmittelbar Verantwortlichen Aufklärung verlangt. Skandalös finde ich aber, dass man mindestens in Teilen gar nicht abwartet, was der Vorstand vorzutragen hat, sondern bereits im Vorfeld Sondierungsgespräche mit Magath geführt haben soll. In meinen Augen versuchen hier Teile des Rates zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die in Ungnade gefallenen Vorstände zu stürzen und jenen Magath zu installieren, der sich in die Kontroverse um die Strukturreform mit der Äußerung eingemischt hatte, die Probleme des Vereins seien seiner Meinung nach nicht in der Struktur, wie von HSVPlus behauptet, sondern im Personal zu verorten. Man kann sich nachträglich die Begeisterung auf Seiten der unterlegenen Reformer förmlich vorstellen. Denn Rost und Magath waren bis dato die einzigen prominenten Ex-Profis des HSVs, die mit ihren Stellungnahmen offen (Rost) oder kaschiert (Magath) den Reform-Flügel unterstützt haben. Eine Installation Magaths ist aus meiner Sicht mindestens auch der durchschaubare Versuch dieses Flügels, das erneute Erreichen des 75 Prozent-Quorums für die Ausgliederung im Mai/Juni zu verhindern. Wer das abwegig finden sollte, dem sei versichert, dass innerhalb des Aufsichtsrates noch mit ganz anderen Methoden und Mitteln gearbeitet wird.

Man saß also gestern stundenlang zusammen, um sich am Ende zu vertagen. Natürlich hatte man sich in bekannter Manier, diskret ins Grand Elysee zurückgezogen. Rein „zufällig“ wusste der Boulevard schon vor der Sitzung, dass es um eine Ablösung von Vorständen und Trainer, sowie um Magath und seinen Trainerstab gehen sollte. Reiner Zufall auch, dass die Medien den Tagungsort aufspürten und dort den ganzen Nachmittag und Abend auf eine Entscheidung lauerten. Diskretion, wie man sie als Anhänger des HSVs seit Jahren leider gewohnt ist.

Die Vertagung einer Entscheidung gewährt den Betroffenen eine Galgenfrist. Am Mittwoch spielt man im Pokal gegen die ohnehin übermächtigen Bayern. Und es ist nicht nur zu erwarten, dass man dann aus dem DFB-Pokal ausscheidet, sondern es steht begründet zu befürchten, dass die erkennbar verunsicherte Mannschaft gegen die ohnehin übermächtigen Bayern eine weitere Packung kassieren könnte. Dergestalt „aufgebaut“ geht es dann ins Endspiel gegen Braunschweig. Während der Vorstand erkennbar darum bemüht ist, den ohnehin stetig wachsenden Druck aufzufangen, packt der Aufsichtsrat öffentlich – das ist hier der Punkt! – eine Schippe drauf. Zu so viel Sachverstand kann ich nur noch gratulieren.

Magath steht bis dahin in der Warteschleife – oder auch nicht. Es ist ja nicht das erste Mal, dass man ihn nach Hamburg bestellt und ihn dann ergebnislos warten lässt. Man kann nur hoffen, dass man seine ausdrückliche Zustimmung zu diesem – für alle Beteiligten! – unwürdigen Prozedere eingeholt hat. Andernfalls stünde man ggf. am kommenden Wochenende ein weiteres Mal mit heruntergelassenen Hosen und vollkommen blamiert in der Öffentlichkeit.

Der Aufsichtsrat, der ja weder Kosten noch Mühen gescheut hat, um Herrn Kreuzer als Sportdirektor zu verpflichten, hat mit dessen geplanter Entlassung oder Unterordnung unter einem Superboss Magath ein weiteres Mal dokumentiert, dass es ihm eklatant an Kompetenz im sportlichen Bereich mangelt. Es ist im Übrigen der Aufsichtsrat, dem die Mitglieder jüngst mehrheitlich durch die verweigerte Entlastung ein deutliches Misstrauensvotum aussprachen, was allerdings keineswegs zu den fälligen Rücktritten führte. Ungerührt betrieb und betreibt man seine Geschäfte in sattsam bekannter Weise. Das ist für mich ein weiterer Skandal!

Abschließend: Dass und wie vor allem im Aufsichtsrat des HSV Politik gemacht wird, das lässt sich meiner Auffassung nach nicht zu letzt auf die hysterische und hysterisierende „Berichterstattung“ der Massenmedien zurückführen. Die Maulwürfe sind Ausdruck des beständigen, höchst ärgerlichen Doppelpasses, den Aufsichtsräte des Vereins bedauerlicherweise schon traditionell vor allem mit dem hamburger Boulevard spielen. Welche unmittelbaren Konsequenzen dies auch im sportlichen Bereich haben kann, auch das kann man aus der Darstellung Möhlmanns entnehmen.

Erneut sehe ich als Anhänger den Verein total blamiert. Der Imageschaden dürfte beträchtlich sein. Der Dino verkommt zum Tollhaus der Liga. Ihr Rücktritt, meine Herren und die Dame, ist überfällig!

Spielbericht: Hamburger SV – Hertha BSC Berlin

Tore: 0:1 (15.) Allagui, 0:2 (23.) Ramos, 0:3  (38.) Ramos

Schiedsrichter: Aytekin

Aufstellung HSV: Adler, Lam, Djourou, Westermann, Jansen, Badejl, Bouy (46. Arslan), John, van der Vaart, Calhanoglu (61. Ilicevic), Zoua

Auffällig: Als Reaktion auf die ausgiebigen medialen Spekulationen über dessen Vertragsinhalte nahm Trainer Bert van Marwijk den erst siebzehnjährigen Tah aus der Manschaft. Er begründete dies mit dem Eindruck, den er während eines Vier-Augen-Gesprächs mit dem Spieler von dessen Verfassung gewonnen hatte. In der abgelaufenen Woche waren angebliche Details aus dem Vertrag Tahs vom Boulevard veröffentlicht worden. Dabei wurde u.a. ausgiebig öffentlich darüber spekuliert, wer das Arbeitspapier der Presse zugespielt haben könnte und zwar unter Einbeziehung des unmittelbaren familiären Umfeldes des Spielers. Man muss sich grundsätzlich vergegenwärtigen, dass sich dieser noch sehr junge Spieler mit erst 17 Jahren in der Adoleszenz befindet und seine erste Profi-Saison spielt. Er besucht unverändert die Schule, was ihn ohnehin zusätzlich fordert. Außerdem dürfte es das erste Mal gewesen sein, dass er sich und seine Bezugspersonen als Gegenstand einer s.g. „Berichterstattung“ im grellen Scheinwerferlicht der Boulevard-Medien erleben musste, was eine zusätzliche, außerordentliche Belastung darstellt. Ich halte diese Entscheidung des Trainers für absolut nachvollziehbar und bewerte sie als verantwortungsbewusst und daher außerordentlich positiv.
Lasogga saß auf der Bank, wurde aber nicht eingewechselt. Ich denke, dass dies zwei Gründen geschuldet gewesen ist. Zum einen bestand offenbar ein erhebliches (Rest-)Risiko, dass die Muskelverletzung (Faserriss) bei einem Einsatz hätte aufbrechen und ggf. zu einer noch längeren Ausfallzeit (evtl. Bündelriss) hätte führen können. Zum anderen ist im Normalfall der Bundesliga ein 0:3 Rückstand ohnehin kaum aufzuholen. Angesichts der sportlichen Situation, den nun folgenden Endspielen und der Bedeutung Lasoggas für die Torgefährlichkeit der Mannschaft, halte ich auch diese Maßahme für absolut richtig.

Das Spiel: Der HSV begann läuferisch und kämpferisch engagiert. Man merkte der Mannschaft an, dass sie sich viel vorgenommen hatte. Positionell und im Passspiel zeigte sie sich leicht verbessert. Vor allem Jansen wusste während der gesamten Spieldauer durch sein Engagement zu gefallen. Lam, sein Pendant auf der anderen Seite, hatte dieses Mal läuferisch und körperlich erkennbare Probleme mit seinem schnellen Gegenspieler. (Dass er dennoch nicht von Diekmeier abgelöst wurde, könnte ebenfalls medizinischen Gründe (s.o. Lasogga) haben.)
John begann auf der rechten Außenbahn und knüpfte zunächst an die desolate Leistung aus dem Hoffenheim-Spiel an. Nach wenigen Minuten stellte van Marwijk um und ließ ihn und Calhanoglu die Seiten wechseln. John setzte sich in der Folge einige Male auf der linken Außenbahn durch, seine Flanken/Pässe in den Strafraum fanden jedoch keinen Abnehmer. Hier hätte man sich einen gesunden Lasogga gewünscht. Zoua, als dessen Vertreter im Sturmzentrum, agierte durchgehend glücklos. Bis auf einen einzigen Kopfball kam er praktisch nie wirklich zum Abschluss. Seine Kopfbälle verfehlten meist deutlich das Tor, oder er traf die falsche Entscheidung und legte ab, statt selbst abzuschließen. Bouy, als Partner Badejls, trat erneut kaum in Erscheinung. Offenbar fehlt ihm unverändert noch die Bindung zur Mannschaft. Dies kann sich prinzipiell aber nur durch Einsätze verbessern. Das Geburtstagskind Calhanoglu kam auf der rechten Außenbahn besser zurecht als John, war aber kaum im Spiel. Auffällig wurde er erst, als er alle Freistöße trat. Diese Flanken wirkten gefährlicher, als alles, was van der Vaart aus den ruhenden Bälle zustande brachte.

Es kam mal wieder, wie man es inzwischen leider gewohnt ist. In der eigenen Vorwärtsbewegung wurde der Ball vom Gegner abgefangen. Westermann versuchte in höchster Not den enteilenden Gegenspieler vor dem Eindringen in den Strafraum mit einem langen Bein zu stoppen und kam Sekundenbruchteile zu spät. Ob das Foul knapp außerhalb des Strafraum oder auf der Linie war, könnte man diskutieren. Dass der Schiedsrichter hier auf Elfmeter entschied ist aber m.E. keine klare, eklatante Fehlentscheidung.

In der 14. Minute trat Ramos vom Elfmeterpunkt an. Sein schwach geschossener Strafstoß konnte aber vom gut aufgelegten Adler abgewehrt werden. Wer dachte, dies könnte das Momentum auf die Seite des HSVs bewegen, sah sich schon wenige Sekunden später eines besseren belehrt. Bei der nachfolgenden Ecke kam der überragende Ramos zu diesem Zeitpunkt zum bereits wiederholten Mal unbedrängt zum Kopfball. Den Abstauber versenkte Allagui für Adler unhaltbar. Wieder Deckungsfehler, wieder ein Rückstand – grausam.

In der 23. Minute war es wieder Ramos, der nach einer Freistoßflanke fast unbedrängt einköpfen konnte. Auffällig hier, dass praktisch die gesamte Vierkette stehen blieb und nicht aktiv versuchte, die Flanke zu klären. Einzig Djourou machte hier Anstalten, kam aber sowohl zu spät als auch nicht wirklich zum Luftzweikampf. Grausam hoch 2.

Die Enstehungsgeschichte des 0:3 (38.) ist schnell erzählt. Der Ball wurde von der Hertha zentral erobert. Der Pass kaum auf unsere rechte Seite. Der ungünstig positionierte Lam konnte den dann folgenden langen Diagonalpass in die Spitze auf Ramos nicht unterbinden. Der m.E. völlig indisponierte Djourou stand zwar prinzipiell besser, da näher zum Passgeber, lief dann aber mehr Geleitschutz, als dass er tatsächlich mit letztem Einsatz versucht hätte, Ramos an Ballerorberung und Torabschluss zu hindern. Katastrophal!

Im Grunde war der Drops ab diesem Zeitpunkt gelutscht. 0:3 zur Halbzeit und das zu Hause – halleluja.

In der zweiten Halbzeit begnügte sich die Hertha mit Ergebnisverwaltung. Der HSV verfiel zunehmend in den bekannten Fehler, dass sich die Offensivspieler bei eigenem Ballbesitz auf einer Linie vorne positionierten und ungenügend bewegten. Das führte dazu, dass der Ballführende kaum Anspielstationen hatte. Immerhin, man wird ja sarkastisch-bescheiden, fing man sich kein weiteres Gegentor. Und das eine komplette Halbzeit lang – herzlichen Glückwunsch!

Deutlich zu erkennen ist, dass Badejl alleine überfordert ist, das Spiel aus dem defensiven Mittelfeld zu lenken. Es fehlt oft an Bewegung und Kreativität aus dem Mittelfeld. Einzig der eingewechselte Ilicevics war erkennbar um Torgefahr bemüht. Diese resultierte dann aber aus seinen Einzelaktionen.

Beide Innenverteidiger boten ein ganz schwaches Spiel. Deutlich weniger als 30 Prozent gewonnene Zweikämpfe sind für Westermann indiskutabel. Djourou zeigte sich inzwischen zum wiederholten Male als Sicherheitsrisiko. Auffällig schein mir, dass sein Kopfballspiel unkontrolliert wirkt. Man hatte oft den Eindruck, dass er zum Unterlaufen des Balles neigt, der ihm dann von oben auf den Kopf fällt. Eine aktive Sprungbewegung, bzw. ein aktives Spielen des hohen Balles mit der Stirn fehlte des öfteren. Nach nunmehr diversen Spielen muss man sich grundsätzliche Gedanken über diesen Spieler machen.

Fazit und Ausblick: Übergreifend sechs verlorene Spiele in Folge lassen die Hoffnungen schwinden und die Nerven blank liegen. Es bleiben theoretisch zwei Möglichkeiten. Entweder entlässt man den Trainer und hofft, dass der Nachfolger durch neue Impulse deutliche Veränderungen herbeiführt, oder man hält ggf. bis zum bitteren Ende an van Marwijk fest. Zu beachten ist auch hier die finanzielle Lage des Vereins. Zwar ist ein Abstieg teurer als alles andere, andererseits muss der Verein zwingend die Anforderungen des anstehenden Lizenzierungsverfahrens erfüllen. Außerdem wäre die Frage zu stellen, welcher auf dem Markt befindliche Trainer diese Mannschaft erfolgreicher coachen soll. Slomka wurden zuletzt in Hannover ähnlich wie bei van Marwijk Defizite in der konditionellen Arbeit nachgesagt. Schaaf ist ein erfahrener Mann, gilt aber nicht als ausgewiesener Verfechter defensiver Stabilität. Magath könnte möglicherweise für mehr Disziplin sorgen. Zu diesem Zeitpunkt der Saison könnte m.E. aber auch ein Magath nicht jene läuferische Defizite, die evtl. mangelnder Fitness geschuldet sind, wie einige wissen wollen, ausgleichen. Außerdem kollidiert nach meiner Auffassung die Person Magaths, mit ihrem ausgeprägten Hang zur Autokratie, mit der teamorientierten Ansatz von HSVPlus…

Ich kann unverändert keinen klaren, fachlichen Fehler Bert van Marwijks erkennen, dem man ihm zweifelsfrei nachweisen könnte, bzw. für den man ihn allein verantwortlich machen müsste. Die im Winter verpflichteten Spieler konnten auch deswegen günstig ausgeliehen werden, weil ihnen Wettkampfpraxis fehlte. Diese können sie aber nur erhalten, wenn man an ihnen festhält. Dass er Tah aus der Schusslinie nehmen wollte, halte ich für eine grundsätzlich absolut richtige Entscheidung. Dass die Wahl auf Djourou als Vertreter fiel, ist zunächst logisch. Mancienne, Rajkovic, Sobiech und Kacar fehlt Wettkampfpraxis, bzw. sie konnten bisher  (Sobiech) die Erwartungen nicht erfüllen. Zudem war es Kreuzer, der u.a. betont hatte, dass die Aussortierten nie wieder für den HSV auflaufen würden. Eine absolut törichte Aussage, wie ich unverändert finde. Wie bereits angedeutet denke ich, dass Djourou die Mannschaft eher schwächt, als dass er ihr weiterhilft. Es ist m.E. an der Zeit, sich grundsätzliche Gedanken zu machen und alle noch vorhandenen Optionen ernsthaft und erneut zu prüfen, auch unter Einbeziehung der „Aussortierten“. Westermann wirkt zunehmend überfordert und braucht, so Tah nicht spielt, einen anderen Partner.

John zeigt Ansätze, Bouy braucht weitere Praxis, so man grundsätzlich von ihm überzeugt ist.

Ich bleibe bei meiner jünsten Einschätzung, dass das Hauptproblem der Mannschaft im mentalen Bereich zu verorten ist. Und ich halte Bert van Marwijk für geeignet, dies in den Griff zu bekommen, auch wenn es nach dieser für den HSV beispiellosen Niederlagenserie zweifellos schwer vorstellbar scheint. Konditionelle Mängel, so sie denn tatsächlich vorhanden sein sollten, sind ohnehin während derr laufenden Rückrunde kaum zu beheben. Lasogga, Diekmeier, Westermann, Lam, Bouy und John müssen in den Spiel-Rhythmus kommen und/oder Bindung zur Mannschaft bekommen. Aus meiner Sicht sollte sich das Thema Djourou erledigt haben.

Ich weiß, dass viele Leser insbesondere die Trainer-Frage anders beurteilen werden. Das ist völlig legitim. Die Lage scheint(!) hoffnungslos. Allerdings ist(!) die Lage rein tabellarisch keineswegs hoffnungslos. Entmutigend sind allein die tradierten individuellen Fehler, bzw. die fortdauernden Misserfolge. Aber hier gilt: wer die Hoffnung fahren lässt und zu kämpfen aufhört, der hat bereits verloren! Man kann von der Mannschaft als Fan keinen bedingungslosen Einsatz fordern, seinen eigenen jedoch an Bedingungen knüpfen. Auch wenn ich es für absolut verständlich halte, sollte jemand nicht länger bereit sein, für derartige Darbietungen Geld, Freizeit und Laune zu opfern.

Ich halte Fan-Blockaden und Gepöbel für nachvollziehbar, aber angesichts meiner Grundannahme, dass die Probleme überwiegend im mentalen Bereich liegen, für absolut kontraproduktiv. Einer deprimierten und verunsicherten Mannschaft hilft man nicht, indem man den ohnehin vorhandenen und stetig steigenden Druck erhöht, bzw. indem man besinnungslos, wie dies andernorts geschieht, auf sie eindrischt. Und noch einmal: es ist leicht zu fordern, wenn man selbst nicht in der Verantwortung steht.