VfL Wolfsburg

Letzte Ausfahrt Relegation: HSV – VfL Wolfsburg 1:3 (0:2)

Ich gestehe, es macht mir im Augenblick keinen Spaß. Immer wieder die gleichen Fehler, immer wieder eine neue Enttäuschung, immer geringer die Chancen, die Klasse zu halten. Und dann sitzt Du am Morgen nach dem Spiel am Schreibtisch, hast den Anspruch, keinen oberflächlichen Dreck unter ’s Volk zu bringen, versuchst, zu einer halbwegs sinnvollen, sachlichen Einschätzung des Gesehenen zu kommen und hast doch mehr als genug mit den eigenen Gefühlen zu kämpfen…

In diesen Monaten gibt es wohl keinen Spieltag, an dem es keine neuen Hiobsbotschaften für den HSV zu verkraften gibt. Am Samstagmorgen meldete sich Innenverteidiger Tah krank (Erkältung) und war demzufolge nicht im Kader. Unmittelbar vor dem Spiel dann der nächste Schock: Djourou hatte muskuläre Probleme (Zerrung) und konnte ebenfalls nicht auflaufen. Slomka musste also die inzwischen eingespielte Innenverteidigung umbauen. Und das gegen die Wolfsburger, deren Prunkstück die Offensive ist.

Der HSV begann daher mit folgender Aufstellung:

Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jiracek – Tesche, Rincon (74. Demirbay), Arslan (56. John), Ilicevic (86. Maggio) – Calhanoglu – Zoua

Allzweckwaffe Westermann übernahm die Position des Innenverteidigers neben Mancienne. Der gelernte Mittelfeldspieler, Jiracek,  verteidigte dafür links außen. Auf der rechten Außenbahn durfte Tesche beginnen, da Calhanoglu van der Vaarts Position im Zentrum hinter Zoua einnehmen sollte. Man darf daher getrost vom letzten Aufgebot des Hamburger Sportvereins schreiben, dass Slomka zur Verfügung stand.

Spielbericht: Es kam, wie es fast kommen musste: die diversen Umstellungen hatten ihren Preis. Kaum hatte die Partie begonnen, verlor Arslan den Ball leichtfertig in der Vorwärtsbewegung. Das „Leder“ kam zu Gustavo, der vertikal einen lehrbuchreifen Pass in die Schnittstelle zwischen den beiden hamburger Innenverteidigern spielte, die nicht schnell genug einrücken konnten. In die Gasse sprintete Perisic und lief praktisch unbedrängt in zentraler Position Richtung Hamburger Gehäuse. Adler stand aus mir unerfindlichen Gründen irgendwo im Nirgendwo, d.h. weit vor seinem Tor. Perisic hatte die frei Auswahl: Adler umspielen, überlupfen oder abschließen. Perisic schloss sofort ab, Hamburgs Torhüter ohne Chance – schon stand es 0:1. Die kalte Dusche in der dritten Spielminute.

Der Hamburger Mannschaft merkte man an, dass sie so noch nie zusammengespielt hatte. Immer wieder kam es zu Missverständnissen, die jeden Elan zusammenbrechen ließen. Der VfL verteidigte clever. Mal begann man seine Attacken auf die ballführenden Hamburger erst zwanzig Meter vor der Mittellinie, dann wieder presste man sehr offensiv schon am Strafraum der Hamburger, was den Spielaufbau durch die Innenverteidigung der Gastgeber fast vollständig verhinderte. So war es Adler, der immer wieder gesucht werden musste, und der dann lange Bälle spielte. Dennoch kam der HSV zu (Halb-)Chancen. In der 16. Minute fiel Ilicevic in zentraler Position eine unfreiwillige Kopfballvorlage eines Wolfburgers vor die Füße. Leider traf er den Ball nicht sauber, und so verfehlte sein Schuss knapp rechts das Tor der Wölfe. Eine Minute später kam Ivo nach Freistoßflanke Calhanoglus halblinks im Strafraum der Gäste erneut zum Schuss, verfehlte das Tor dieses Mal jedoch deutlich (17.).

In der 31. war ein erneuter Abstimmungsfehler in der Hamburger Hintermannschaft zu notieren. Ein langer und hoher Ball der Gäste führte zu einem verlorenen Kopfballduell im defensiven Mittelfeld – schon stand wieder ein Wolfsburger völlig frei zentral vor dem Hamburger Tor und vor Adler. Dieses Mal war es der starke De Bruyne, dessen Schuss Adler jedoch in höchster Not mit dem Fuß(!) über die Latte lenken konnte.

Nach etwas mehr als einer halben Stunde befand der Co-Kommentator bei SKY, Effenberg, dass die Hamburger Defensive nicht entschlossen aufrücke, wenn vorne von den eigenen Leute gepresst würde. Daher würden sich die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen zu sehr vergrößern, was zur Folge habe, dass man bei Ballverlust nur mit sechs, sieben Spielern verteidige. Und in der Tat! Es raubt einem als dem HSV zugeneigten Beobachter schon den letzten Nerv, wenn man wieder und wieder dieselben Kardinalfehler beobachtet. Gedanklich dürfte dieses Problem mühellos zu erfassen sein. Wenn sich der Fehler dennoch hartnäckig wiederholt, dann muss es m.E. eine Frage des Selbstvertrauens sein. Hier könnte man einen Teufelskreis unterstellen: Viele und z.T. schnelle Gegentore führen zu der Angst, ggf. überlaufen zu werden und noch mehr Tore zu kassieren. Also steht man hinten tief(er), während sich für die Gegner im Rücken der offensiv pressenden vorderen Leute riesige Räume auftun. Die Gegner können dort dann kontrolliert spielen, da von Hamburger Seite kein Druck mehr auf den ballführenden Spieler ausgeübt werden kann. Die Folge sind dann noch mehr Gegentore und noch weniger Selbstvertrauen.

Kurz vor der Pause dann der nächste Nackenschlag für die Gastgeber. Eine Szene, die mir endgültig die Zornesröte ins Gesicht trieb: Arslan lief mit Ball in gleich zwei Wolfsburger Spieler, was zum Ballverlust führt. Dabei ging Tolgay zu Boden und blieb demonstrativ liegen, so als müsse der Schiedsrichter dann automatisch  Freistoß zugunsten des HSVs pfeifen. Sippel aber erkannte auf kein Foul und ließ weiterspielen. Arslan aber, statt sofort aufzustehen und dem Ball hinterherzujagen, stand in aller Seelenruhe auf, dass er nicht  auch noch seine Frisur gerichtet hat, fehlte noch!, und trabte dann in Richtung des eigenen Strafraums. Die Wolfsburger dachten aber nicht daran, darauf zu warten, dass Herr Arslan als defensiver Mittelfeldspieler geruhte, ihnen das Leben schwer zu machen – welch eine Überraschung! Der Ball wanderte zügig auf den rechten Flügel (vom Hamburger Tor aus gesehen), wo weder der rausgerückte Westermann noch Tesche Zugriff erhielten. Durch einen einfache Pass in die Schnittstelle der äußeren Kettenglieder der Hamburger Verteidigung stand De Bruyne plötzlich erneut völlig frei in halblinker (aus seiner Sicht) Position innerhalb des Hamburger Strafraums. Er ließ sich nicht lange bitten und schoss an Adler vorbei ins lange Eck – 0:2. (42.).

Zur Halbzeit gab es, verständlich!, Pfiffe des konsternierten Publikums. Ich hatte den Eindruck, das Vieles im Hamburger Spiel improvisiert wirkte, als Folge des bereits angesprochenen fehlenden Selbstvertrauens, mangelnder Spielpraxis (Tesche), bzw. der erzwungenen Umstellungen  (Abstimmungsprobleme).

Nach der Pause kamen die Hausherrn erkennbar aggressiver aus der Kabine (warum nicht gleich so?!). Dennoch folgte der nächste Nackenschlag. In der 49. Spielminute segelte eine Wolfsburger Ecke von links in den Stafraum. In der Mitte hatte ein kleingewachsener Hamburger gegen den „Funkturm“ Naldo die Leiter zu Hause vergessen (falsche Zuordnung). Naldo köpfte in Richtung des Fünfmeter-Raumes, wo Olic aus vier Metern keine große Mühe hatte, abzustauben. Westermann kam einen halben Schritt zu spät, um noch entscheidend eingreifen zu können. 0:3 – es schien sich ein Debakel anzudeuten.

In der 51. Spielminute dann ein Lebenszeichen des HSVs. Einen fulminanten Schuss des zuletzt immer engagierten Calhanoglus aus 16-17 Metern konnte der Benaglio-Vertreter, Grün, im Tor der Gäste gerade noch über die Latte lenken. Eine Minute später scheiterte Westermann, bedrängt vom eigenen Mann, Zoua, mit einem Kopfball. Der Ball verfehlte klar das obere Eck am kurzen Pfosten des Gästetores.

Slomka nahm den dieses Mal indisponierten Arslan in der 56. Minute vom Feld und brachte John. Da John Flügelspieler ist, rückte Tesche nun nach innen in die Zentrale. Eine Maßnahme, die sich umgehend auszahlen sollte. Tesche leitete sehenswert einen Angriff ein, der am Ende bei Ilicevic endete. Ilicevic stand in halblinker Position innerhalb des Wolfsburger Strafraums und schoss im Fallen ins lange Eck des Gästetores – der Anschlusstreffer zum 1:3 in der 58. Spielminute.

Der HSV kam nun, angetrieben von Tesche, besser ins Spiel. Man war plötzlich bissiger und aggressiver und zeigte klarere Spielzüge. Auch das zwischenzeitlich erschreckend emotionslose Hamburger Publikum erwachte aus der Schockstarre. So konnte man das Spiel eine Weile ausgeglichener gestalten, ohne jedoch zu ganz klaren Torchancen zu kommen, leider.

In der 73. Minute zog dann der starke Gustavo vom rechten Strafraum-Eck der Hamburger ab und scheiterte am langen Pfosten denkbar knapp.

Es war erneut Tesche, der in der 78. Spielminute zu Zoua durchsteckte. Dieser passte zu dem gerade eingewechselten Demirbay. War es die Aufregung bei seinem Bundesligadebüt oder die Überraschung, so frei zum Schuss zu kommen? – Kerem traf leider den Ball völlig falsch, und so segelte sein Schussversuch Richtung Eckfahne. Schade.

Langsam lief dem HSV die Zeit davon. Die Folgen sind in solchen Fällen immer gleich. Die im Rückstand befindliche Mannschaft muss öffnen und mehr Risiko gehen. Es häuften sich nun die Chancen für die Gäste. So scheiterte erneut Gustavo mit einem sehenswerten Vollspann-Schuss aus gut und gerne 35 Metern an der Latte des Hamburger Tores (82.). Unmittelbar darauf stand Olic völlig frei vor Adler. Hamburgs Torhüter, bis auf den erste Gegentreffer erneut absolut tadellos, machte sich ganz lang und konnte den Schuss von Olic gerade noch um den Pfosten drehen.

In der 90. Minute schickte Schiedsrichter Sippel den bereits gelbverwarnten Gustavo nach absichtlichem Handspiel mit der Ampelkarte vom Feld, doch auch die daraus resultierende Überzahl führte in der verbleibenden  Restspielzeit zu keiner Ergebnisänderung mehr.

Schiedsrichter: Sippel (München). Kam mit wenig Karten aus. Ließ viel laufen. Im Zweifel für den Schiedsrichter, also ordentliche Spielleitung.

Fazit: Freiburg und Hannover  dürften mit jeweils 35 Punkten gerettet sein. Sollte der VfB Stuttgart heute Abend gegen Schalke 04 gewinnen, dann dürfte auch Platz 15 als Ziel für den HSV illusorisch sein. Aber selbst wenn den Stuttgartern der Befreiungsschlag gegen die Knappen missglücken sollte – der HSV wird in dieser Form Mühe haben, überhaupt den zur Relegation berechtigenden Platz 16 zu verteidigen. Wenn man realistisch ist, dann wird das schwer genug. Ein Selbstgänger wäre eine Relegation, egal gegen wen!, nicht.
Hoffnung macht mir, dass nächste Woche Badelj zurück sein dürfte. Eventuell, wer weiß das schon?!, steht auch Jansen wieder zur Verfügung.
Tesche, ohne ihn in den Himmel loben zu wollen, hat unter diesen Umständen (wenig eigene Spielpraxis, verunsicherte Mannschaft, „letztes Aufgebot“) eine befriedigende Leistung gezeigt. Fußball ist und bleibt Mannschaftssport. Einer allein kann in aller Regel wenig bewirken. Wer nach diesem Spiel besinnungslos und fast vollkommen undifferenziert fast jedem Spieler die Spielnote 5 oder schlechter verpasst, der offenbart einmal mehr, dass er weder fachlich Details erkennt, noch komplexe Zusammenhänge im Sport intellektuell bewältigt.
Meine Hoffnung ist also, dass es dem HSV gelingt, sich in die Relegation zu retten. Und dort soll uns ja auch wieder Lasogga zur Verfügung stehen. Es könnte also, gerade kurz vor dem endgültigen Toreschluss, dazu kommen, dass der HSV dann tatsächlich wieder in Bestbesetzung antreten kann. Aber um diese Relegation überhaupt erreichen zu können, muss der HSV endlich, endlich sein größtes Manko abstellen. Das Zauberwort heißt: Kompaktheit (s.o., auch Effenbergs Kommentar bei SKY). Mit anderen Worten: die Relegation bleibt die realistische Option. Allerdings ist es wohl die letzte Ausfahrt vor dem direkten Weg in die Zweitklassigkeit.

P.s. Nach dem Spiel meinten einige Hamburger (ca. 70), sie müsste vor dem Stadion randalieren. Unter anderem wurde mit Absperrgittern geworfen. Man versuchte wohl, die Geschäftsstelle zu stürmen. Ich habe zwar  grundsätzlich Verständnis dafür, dass man total frustriert, enttäuscht und sogar verärgert ist, halte ein solches Verhalten jedoch für eine absolute Schande. Das nützt niemandem, außer diesen Chaoten mit ihrer mangelhaften Affektkontrolle selbst. Denen geht es nicht um den HSV, sondern der HSV ist hier nur Mittel zum Zweck: um sich zu produzieren und den eigenen emotionalen Überdruck abzulassen. Da es aber grundsätzlich immer (und überall) Menschen gibt, deren Affektkontrolle schwach und schwächer ist, wird man dieses Problem leider nie vollständig in den Griff bekommen. Ich würde mir wünschen, dass die speziell geschulten Greiftrupps der Polizei dieser Leute habhaft werden, damit man ihnen unverzüglich die Kosten ihrer Aktionen in Rechnung stellen kann. Nur das dürfte den einen oder anderen zur Vernunft bringen.

 

DAS RESTPROGRAMM

15. VfB Stuttgart (31 Pkt; -11):
Hannover 96 (A)
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -18):
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -26)
1. FSV Mainz 05 (A)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -26):
Hertha BSC (A)
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)

Die nächste Möglichkeit, um vorbei zu ziehen: Ausblick auf Hamburger SV – SC Freiburg

+++ AKTUALISIERUNG: Angeblich will Slomka gegen den SC Freiburg das System auf ein 4-3-1-2 umstellen. Im Mittelfeld sollen Arslan (rechts), Badelj (zentral) und Jiracek (links) spielen. Davor van der Vaart als Passgeber für zwei Stürmer, Lasogga und Zoua +++

Der HSV muss in dieser Partie neben den bekannten Verletzten auch auf den gesperrten Calhanoglu und den leider wieder einmal verletzten Ilicevic (Bänderzerrung im Knie; zwei Wochen Pause) verzichten. Bei eigenen Standards dürfte also mehr denn je van der Vaart gefordert sein. Ich rechne fest damit, dass Jiracek einen der beiden frei gewordenen Plätze ergattert und eine weitere Chance auf der offensiven Außenbahn (ich vermute links, da er schon mehrfach mit Westermann als Gespann agiert hat) erhält. Spannend bleibt die Frage, wie Slomka die andere Lücke personell füllen wird. Ich tippe hier auf Tesche. Alternativ wäre auch Zoua denkbar, da efreulicherweise Lasogga wieder für das Sturmzentrum zur Verfügung steht. Ola John könnte angesichts der Personalnot als Angriffsoption wieder im Kader sein, wird aber in einem derart wichtigen Spiel wohl kaum von Beginn an auflaufen, da Slomka ihm Defizite in der Rückwärtsbewegung attestierte.

Im Hinspiel gelang dem HSV ein 3:0 Erfolg, der allerdings eindeutig dadurch begünstigt war, dass Freiburgs normalerweise guter Torhüter Baumann eindeutig einen schwarzen, absolut rabenschwarzen Tag erwischt hatte. Dieses Ergebnis ist daher wenig aussagekräftig.

Die Mannschaft aus dem Breisgau kommt nach zwei Siegen in Folge mit frischem Selbstbewusstsein nach Hamburg. Nach einem 1:4 Erfolg auswärts gegen die Eintracht aus Frankfurt konnte zuletzt auch Werder mit 3:1 klar besiegt werden. 6 Punkte und 7:2 Tore – wer die Freiburger bereits als sicheren Absteiger gesehen hatte, der sei also gewarnt. Es scheint sich zu bewahrheiten, was Freiburgs Trainer Streich für den Fall eines Ausscheidens aus der EuroLeague und dem Wegfall der damit verbundenen Doppelbelastung für die Rückrunde angekündigt hatte: Seine Mannschaft zeigt ein anderes Gesicht.

Streich lässt seine Mannschaft in einem 4-4-2 antreten. Der Fokus liegt meist auf schnellem Umschaltspiel aus einer massierten Abwehr. Bei Ballverlust wird die eigene 4er-Abwehrreihe bei Bedarf zu einer 5er- oder gar 6er-Kette vor dem Strafraum erweitert, während die restlichen Spieler zum einen die Passwege/Schnittstellen zwischen den Kettengliedern  blockieren, zum anderen bei Balleroberung als Anspielstationen für die aus der eigenen Abwehr startenden und nachrückenden Spieler dienen. Man darf also zunächst zweierlei erwarten:

1.) dass die Räume vor dem Strafraum der Gäste meist sehr eng werden;
2.) dass die Freiburger im Falle von Ballverlusten auf Hamburger Seite sehr schnell, d.h. mit wenigen Stationen vor dem Strafraum des HSV auftauchen. Ihr schnelles Umschaltspiel erinnert entfernt an den VfL Wolfsburg unter Felix Magath in der Meisterschaftssaison. Damals spielten die Wolfsburger auch oft aus der Abwehr mit wenigen Stationen über Diego auf die beiden Spitzen, Dzeko und Grafite, und kamen dann zum Abschluss. Natürlich erreicht der SC bei weitem nicht die individuelle Qualität der damaligen Wolfsburger Mannschaft. Unterschätzen sollte man sie jedoch auf gar keinen Fall. Denkbar ist aber auch, dass Streich seine Mannschaft anweist, von Fall zu Fall bereits das Aufbauspiel des HSVs durch entschlossenes Offensivpressing zu stören. Es ist keineswegs sicher, dass die Freiburger sich allein auf ’s Kontern verlegen und den HSV grundsätzlich den größten Teil des Feldes überlassen.

Die Frage ist also, wie man die Freiburger erfolgreich bespielen kann. Hier meine ich, eine Schwäche ausgemacht zu haben. Die Mannschaft wirkt in der Abwehr keineswegs immer sicher. Wurden die ballführenden Abwehrspieler im Spielaufbau aggressiv angelaufen und unter Druck gesetzt, dann sah man sie regelmäßig Risikopässe auch innerhalb des eigenen Strafraums spielen. Dabei wurde auch der Torhüter oft mit eingebunden. Das ist im Grunde angesichts der fußballerischen Qualitäten Baumanns durchaus sinnvoll, erschien aber in unmittelbarer Tornähe gelegentlich hoch riskant. In den letzten beiden Spielen ging das nicht ins Auge, aber das muss ja nicht so bleiben, oder? Situativ könnte der HSV also mit entschlossenem Offensivpressing Unruhe und Unordnung in der Abwehr der Breisgauer erzeugen. Wichtig dabei wäre jedoch, dass man nach hinten dennoch gut absichert. Hier gilt es für die Hamburger Abwehrspieler, hellwach zu sein, gut zu antizipieren, um die Umschaltspieler der Freiburger im Mittelfeld schon bei der Ballannahme entscheidend zu stören und so das Konterspiel möglichst schon im Ansatz zu unterbinden. Auch in diesem Zusammenhang sind die s.g. „zweiten Bälle“ von Bedeutung, von denen Slomka in der PK sagte, dass man sie unbedingt gewinnen müsse.

Es würde mich nicht wundern, wenn wir grundsätzlich ein ähnliches Spiel wie gegen den VfB Stuttgart sehen. Damit meine ich, dass die Freiburger Hälfte personell überladen wird und daher die Passwege aus Hamburger Sicht oft verstellt sein werden. Es wäre daher enorm wichtig, dass beide, Mannschaft und Publikum, Geduld beweisen und nicht unruhig werden, auch wenn längere Zeit der Ball scheinbar unproduktiv in den eigenen Reihen zirkuliert, damit man die Lücke findet. Wer glaubt, der HSV müsse bedingungslos angreifen, der könnte genau so gut Russisches Roulette spielen oder in ein offenes Messer laufen. Es könnte sich zunächst ein  Spiel entwickeln, von dem Kommentatoren dann sagen: ein Tor täte ihm gut! Daher wäre dem HSV zweierlei zu wünschen:

1.) Nicht in Rückstand geraten und

2.) möglichst selbst ein frühes Tor erzielen.

Alles andere spielte dem SC Freiburg in die Karten.

Psychologisch betrachtet scheint mir zunächst das Momentum eindeutig auf Seiten der Breisgauer zu liegen. Fast schon abgeschrieben, konnten sie zuletzt zwei durchaus bemerkenswerte Erfolgserlebnisse sammeln. Dabei zeigten sie sich enorm effizient beim Nutzen ihrer Torchancen. Der HSV hingegen steht erneut unter enormen Druck. Das spürt man auch im Umfeld. Schon haben erneut defätistische Kommentare Konjunktur, die für den Fall einer weiteren Niederlage die Lichter ausgehen sehen. Aus Sicht des Fans ist das absolut verständlich und nachvollziehbar, aus Sicht des Sportlers im Wettkampf absolut kontraproduktiv, da ggf. angstauslösend und damit leistungsblockierend. Ich finde es daher absolut richtig, dass Slomka ausdrücklich betonte, man freue sich auf die Partie. Denn freuen, das scheint mir der Hintergrund, tue ich mich auf eine grundsätzlich reizvolle und zu bewältigende Aufgabe, nicht auf einen Gegner, gegen den ich mir absolut keine Chance ausrechne. Mit dieser Einstimmung setzt er m.E. also bewusst einen Kontrapunkt zu allen negativen Katastrophenszenarien der Marke: wenn wir das auch noch verlieren, dann ist aber endgültig Schicht im Schacht. Sehen wir also alle die Chance, die Herausforderung, oder wie es der Trainer formulierte, die nächste Möglichkeit, zu überholen.

Entwicklung und Ausgang eines Spiels sind von diversen Faktoren abhängig. Keineswegs sind allein Taktik oder Einstellung („die müssen doch nur wirklich wollen!“) entscheidend. Manche Trainer, z.B. Favre, lassen keine Ecken und Flanken trainieren, sondern konzentrieren sich in ihrer täglichen Arbeit mit ihren Mannschaften auf Passspiel und Laufwege, denn beides ist „planbar“. Ob der eigene Mann jedoch den hohen Ball erwischt, dass erscheint  ihnen, von Sprungkraft und Timing einmal abgesehen, vergleichsweise vom Zufall abhängig. Überhaupt spielt der Faktor Zufall eine gewichtigere Rolle, als man es gemeinhin wahrhaben will. Ob ein Ball z.B. abgefälscht und wenn ja wohin er abgefälscht wird, das ist nicht trainierbar. Höchstens kann man diese Zufälle begünstigen, indem man beharrlich „dran bleibt“, Druck aufbaut, den Gegner zu Fehlern zwingt und immer wieder und immer weiter versucht, ein Tor zu erzielen. Es gilt also weiter, sich auf das wirklich Naheliegende zu fokussieren: den nächsten Zweikampf gewinnen, den nächsten Ball möglichst sauber annehmen und verarbeiten. In der individuellen Qualität ist der HSV, daran besteht für mich kein Zweifel, den Breisgauern trotz aller verletzungsbedingten Ausfälle überlegen. Eine von Streich gecoachte Mannschaft wird jedoch stets versuchen, ihre Leistungsgrenze zu erreichen. Man muss also mit dem nötigen Respekt und der daraus abzuleitenden Konzentration agieren, ohne sich durch die Angst vor einer möglichen Niederlage blockieren zu lassen.

Offensiv auffällig bei Freiburg zuletzt: der schnelle F. Klaus auf der Außenbahn, die Stürmer Mehmedi und Guédé (in Hamburg geboren) und der „6er“ Schuster, der zuletzt zwei sehenswerte Tore aus der Distanz schoss.

Tipp: Wer Lust hat, noch mehr zum HSV zu erfahren, der sollte online um 13 Uhr auf mein-sportradio.de den HSV-Talk verfolgen. Dort unterhalte ich mich mit Sven über alles, was den HSVer bewegt. Die Sendung wird um 23 Uhr wiederholt.