Zinnbauer

Der HSV gewinnt das 101. Derby gegen den SV Werder Bremen mit 2:0 (0:0)

Vor dem Spiel war klar, dass für den Verlierer des Spiels unruhige Zeiten anbrechen. Dies galt insbesondere für den HSV, der  um Stabilität ringt. Angesichts der unverändert prekären finanziellen Lage des Clubs erscheint das schrittweise Heranführen von Talenten, wie es durch Zinnbauer erfolgt, weitestgehend als alternativlos. Wer aber auf Talente setzt, setzen muss, die aus der viertklassigen Regionalliga kommen, der muss Geduld haben. Gleichzeitig, auch das bleibt wahr, muss der Abstieg aus der Bundesliga möglichst vermieden werden. Die zweite Liga würde die ohnehin angespannten Finanzen des Clubs um einen weiteren zweistelligen Millionenbetrag belasten. Die nächsten ein einhalb Jahre werden aus Hamburger Sicht sportlich und finanziell vermutlich ein Tanz auf der Rasierklinge. Aus diesem Grund plädiere ich hier immer wieder für Vertrauen und Geduld. Aber beides gibt es natürlich nicht zum Nulltarif. Schon gar nicht für einen Trainer, der erst dabei ist, sich in der Bundesliga zu etablieren. So gesehen war das ewig junge Nordduell eine realistische Gelegenheit, um Erfolgserlebnisse zu sammeln. Zugleich aber, dies ergibt sich aus einer realistischen Einordnung der sportlichen Leistungsfähigkeit der Hamburger Mannschaft, steigt der Druck auf alle Beteiligten vor eben diesen Partien gegen derartige Gegner.

Zinnbauer vertraute vor dieser ungemein wichtigen Partie der folgenden Aufstellung: Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami- N. Müller (81. Götz), van der Vaart (86. T. Arslan), Holtby (67. Rudnevs), Gouaida – Lasogga

Das Spiel: Was das taktische Konzept angeht, so knüpfte der HSV an das Spiel gegen den VfL Wolfsburg an. Bei eigenem Ballbesitz schoben beide Hamburger Außenverteidiger nach vorn, während Behrami zwischen die weit auseinander stehenden Innenverteidiger abkippte, um aus dieser tiefen Position das eigene Spiel kontrolliert aufzubauen. Van der Vaart ließ sich regelmäßig auf die dadurch frei gewordene Sechser-Position fallen, um idealerweise dort als nächste Anspielstation und Bindeglied zur eigenen Offensive zu fungieren, was, um dies vorweg zu nehmen, nicht immer von ihm überzeugend umgesetzt wurde.

Da Jansen verletzt ausfiel (und weder Stieber noch Ilicevic im Kader waren), konnte das Debüt des jungen Mohamed Gouaida in der Startelf nicht grundsätzlich überraschen. Zinnbauer hatte ja bereits zu seinem Amtsantritt als Cheftrainer der Profis angekündigt, dass es unter seiner Leitung eine verbesserte Durchlässigkeit von der U23 zur Profimannschaft geben würde. Aus taktischer Sicht gab es hier eine interessante Neuerung zu beobachten, denn Gouaida spielte, obwohl Linksfuß und „gelernter“ Linksaußen, überwiegend auf der rechten offensiven Außenbahn. Auf der gegenüberliegenden, linken offensiven Außenbahn spielte dann mit Nicolai Müller der eigentliche Rechtsaußen. Mit anderen Worten: Zinnbauer verzichtete erstmals auf zwei klassische Außenbahnspieler und ließ stattdessen überwiegend mit zwei inversen, „falschen“ Flügelspielern spielen. Das erinnerte entfernt an die großen Bayern, wo ja mit Ribery und Robben ebenfalls zwei Spieler auf den Außenbahnen agieren, die meist auf Höhe des Strafraums nach innen ziehen, um von dort mit ihrem starken Fuß zum Abschluss zu kommen. Und ähnlich wie Ribery und Robben tauschten auch Müller und Gouaida mehrfach die Seiten, sodass sie zeitweilig eben doch auch auf dem „richtigen“ Flügel auftauchten.

Die klassische Besetzung der Flügel (rechtsfüßiger Rechtsaußen, linksfüßiger Linksaußen) hat den grundsätzlichen Vorteil, dass beide Außen öfter bis zur Grundlinie laufen, um von dort Flanken zu schlagen oder Pässe in den Rücken der gegnerischen Abwehr zu spielen. Dem Plus an Breite in der Spielanlage steht jedoch ein prinzipieller Nachteil beim Torabschluss durch die Außenbahnspieler gegenüber. Bei der durchgehenden Besetzung beider Außenbahnen durch inverse Flügelspieler werden diese selbst torgefährlicher, es droht jedoch ein Verlust an Breite. Insofern fand ich dieses mehrfach zu beobachtende Wechselspiel zwischen Gouaida und Müller sehr interessant, zumal die Breite durch die weit ins Mittelfeld  aufgerückten Außenverteidiger meist gewährleistet blieb.

Abgesehen von diesen taktischen Überlegungen hat mir Gouaidas Leistung gut gefallen. In der 11. Minute prüfte er Wolf im Tor der Bremer mit einem strammen Schuss, den der Bremer Torhüter jedoch parieren konnte. Auch später wählte er immer wieder intelligente Laufwege, spielte intelligente Pässe und bot sich permanent als Anspielstation an. Knapp 12 km Laufleistung,  36 Sprints, eine Passquote von 76 Prozent und zwei eigene Torschüsse – das ist schon sehr ordentlich. Allerdings muss er nach dieser ansprechenden Leistung nun nachlegen und dauerhaft beweisen, dass er es bei seinen nächsten Einsatzchancen genau so gut oder sogar noch besser kann.

Der HSV begann das Spiel offensiv-dominant, was aber auch durch die passiv-defensive Grundausrichtung der Bremer begünstigt wurde. Nachvollziehbar war für mich, dass Skripnik seine Mannschaft defensiv eingestellt hatte, da es dem HSV inzwischen schon traditionell schwer fällt, aus dem Ballbesitz offensiv tatsächlich gefährliche Situationen zu kreieren. Meines Erachtens agierten die Bremer aber zu passiv. Sobald sie nämlich situativ den Spielaufbau des HSV störten, zeigte sich, dass die Mechanismen beim HSV keineswegs sattelfest wirkten. Es gab diverse Situationen, in denen vor allem van der Vaart zu offensiv dachte und sich eben nicht ins bereits angesprochene Loch im defensiven Mittelfeld fallen ließ. Dadurch wurde der Passweg für Behrami nach vorne zu lang und damit zu riskant. Es folgten dann Querpässe meist zwischen Behrami und Westermann, die am Ende zu langen, hohen Bällen von Drobny führten. Dies langen, hohen  Bälle, ich schrieb es bereits mehrfach, sind für jeden Gegner leicht zu verteidigen. In dieser Anzahl gespielt, sind sie für mich ein Indiz für mangelnde spielerische Lösungen. Dass sich van der Vaart situativ  (zu) weit nach vorne orientiert, mag der Tatsache geschuldet sein, dass er sich an seine neue Rolle noch gewöhnen muss. Ich bleibe aber im Bezug auf diese taktische Variante skeptisch, auch wenn ich Verbesserungen für denkbar halte. Lieber würde ich hier einen Rollentausch zwischen dem derzeit offensiver agierenden Holtby und van der Vaart sehen. Zwar ist van der Vaart im Mittelfeld stärker ins Spiel einbezogen, jedoch fehlen der Mannschaft genau die Schnittstellenpässe im letzten Spielfelddrittel, die zu seinen ausgewiesenen Stärken gehören. Seine Standards fand ich zudem im direkten Vergleich mit dem Bremer Schützen Junuzovic erneut eher schwach. Ich bleibe dabei: van der Vaart, so sympathisch er mir persönlich auch ist, gehört für mich beim HSV zu den Auslaufmodellen, bei denen ich keine Perspektive über diese Saison hinaus erkenne.

Die erste Halbzeit war arm an Höhepunkten. Der HSV erspielte sich ein rein optisches Übergewicht, ohne jedoch spielerisch überzeugen zu können; Bremen spielte zu passiv und konnte im Grunde nur durch die gefährlichen Standards von Junuzovic Akzente setzen. Erneut gelang es dem HSV fast gar nicht, den unermüdlich arbeitenden Lasogga gegen einen tief stehenden Gegner gefährlich in Szene zu setzen. Vorne fehlte van der Vaart. Holtby hatte einen eher gebrauchten Tag erwischt und für beide Außenverteidiger, vor allem für Diekmeier!, gilt, dass die Präzision der Hereingaben unverändert  verbesserungswürdig bleibt.

Der erste Höhepunkt der zweiten Halbzeit war aus meiner Sicht ein kluger Pass von Gouaida in der 52. Minute auf Ostrzolek, dessen gute Flanke der Bremer Garcia gerade noch vor Lasogga zur Ecke klären konnte. Der nachfolgende Eckstoß (van der Vaart…) war einmal mehr leider harmlos.

In der 62. Minute zeigte Schiedsrichter Zwayer van der Vaart nach einem Check mit der Schulter den gelben Karton, was ich für eine harte Entscheidung hielt. Dafür erwies sich der Schiedsrichter jedoch aus Sicht des HSV wenige Minuten später als nachsichtig. Der zurückeilende, bereits in der ersten Halbzeit gelb verwarnte Westermann unterband mit einem weiteren Foul in höchster Not einen Bremer Angriff. Aus meiner Sicht ein klares taktisches Foul, das normalerweise zur zweiten gelben Karte und damit zum Platzverweis führt. Zum Glück für den HSV kam Westermann hier ungeschoren davon. Dies nur an die Adresse derjenigen, die sich als Hamburger notorisch durch die Schiedsrichter benachteiligt sehen.

Zinnbauer brachte in der 67. Minute Rudnevs für den glücklosen Holtby, der nur zwei Minuten später eine (kleinere) Torchance vergab, da er falsch zum Ball stand. Ehrlich gesagt habe ich mich zu diesem Zeitpunkt schon fast auf ein torloses Unentschieden eingestellt, denn Rudnevs ist für mich als reiner Konterstürmer auch aufgrund seiner deutlichen technischen Defizite kein optimaler Partner für Lasogga. Hier wäre ein kleiner, beweglicher, technisch starker Partner m.E. die Ideallösung. Einer wie bspw. der von Gladbach derzeit nach Kaiserslautern ausgeliehene Younes.

Bremen kam nun auch aufgrund diverser Wechsel und Umstellungen besser ins Spiel. In der 79. Minute hatten sie ihre wohl größte Torchance. Zunächst prüfte Garcia mit einem starken Kopfball ins lange Eck den erneut fehlerlosen Drobny, der den Ball gerade noch seitlich neben den Pfosten abklatschen konnte. Der dort positionierte Junuzovic verfehlte mit dem Nachschuss dann denkbar knapp das HSV-Tor.

In der 81. Minute brachte Zinnbauer Götz für Müller ins Spiel. Ein überraschender Tausch, wie ich fand. Aber Zinnbauer kennt natürlich gerade die Spieler aus der U23 besser als ich und weiß, auf welchen Positionen sie (auch noch) einsetzbar sind.  Wenig später warf Götz von der rechten Seite einen Einwurf im Diekmeier-Stil weit in den Bremer Strafraum. Lukimya stand schlecht zum Ball und verlängerte ihn per Kopf unfreiwillig vor das Tor, wo Rudnevs einmal  mehr das zeigte, was man ihm bei aller Kritik nicht absprechen darf: er ist handlungsschnell und hat den „Torriecher“. Rudnevs nutzte die kurze Konfusion in der Bremer Abwehr und schoss den Ball über die Linie zum 1:0 in der 84. Minute. Auch wenn ich die Perspektive des Letten aus den genannten Gründen beim HSV inzwischen sehr kritisch sehe – es gibt wenige Spieler, denen ich mehr Torerfolge gönne als ihm.

Werder musste nun angesichts des Rückstandes und der geringen verbleibenden Restspielzeit Risiko gehen. Damit eröffneten sich zwangsläufig Konterchancen für den HSV. In der 90+2. Minute verpasste Lasogga den entscheidenden zweiten Treffer, als er den mitgelaufenen Götz übersah und stattdessen selbst abschloss. Nur eine Minute später gab es eine kuriose Szene zu bestaunen: Gleich vier Hamburger liefen mit Ball allein auf Bremens Torhüter zu. Diese Mal passte Lasogga mustergültig quer auf den eingewechselten  T. Arslan, der das Kunststück fertig brachte aus zwei Metern (!) und völlig frei vor dem Tor stehend (!) den Ball an den linken Innenpfosten zu befördern. Unglaublich! Der Ball trudelte auf der Torlinie in Richtung des anderen Pfostens. Bremens Torhüter glitt der Ball beim folgenden Rettungsversuch durch die Hände, sodass dieser erst dadurch zum 2:0 hinter die Linie gedrückt wurde. Was für ein Dusel für den HSV, und was für ein peinlicher Torabschluss! Aber Tolgay, das schien mir seine Reaktion zu zeigen, weiß selbst, dass er hier nur um ein Haar an einer legendären Fehlleistung vorbeigeschrammt ist, wie sie, die älteren unter Euch werden sich erinnern, seinerzeit Frank Mill unterlaufen ist. Es bleibt bis auf Weiteres dabei, was auch seine persönliche Statistik nahelegt: Arslans Stärken liegen in der Defensive.

Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin). Das Leverkusen-Spiel ist bei den Schiedsrichtern anscheinend noch lebhaft und in unguter Erinnerung. Angesichts der grundsätzlichen sportlichen Rivalität zwischen beiden Nord-Vereinen und der für beide Clubs heiklen Tabellensituation pfiff Zwayer verständlicherweise eher kleinlich. Hätte den bereits gelb verwarnten Westermann in der 65. Minute nach einem weiteren Foul mit gelb-rot vom Platz schicken können. Der Platzverweis für den Bremer Fritz in der Schlussphase war korrekt.

Fazit: Endlich mal wieder ein Sieg im Duell mit dem Rivalen aus Ost-Delmenhorst. Bei mir überwiegt aber vor allem die Erleichterung, dass der HSV gegen einen Gegner auf Augenhöhe siegen konnte. Zwischen den Zeilen mancher Artikel konnte man schon erste Ansätze lesen, die Zinnbauer als Trainer in Frage stellten.

Das Niveau der Partie  entsprach m.E.  durchaus der Tabellenregion. Wirklich lobenswert aus Sicht des HSV fand ich einmal mehr, dass die Mannschaft unter Zinnbauer erkennbar leistungswillig ist. Man muss zudem berücksichtigen, dass das Spiel der Mannschaft einer „work in progress“ gleicht, da Zinnbauer die gemeinsame Saisonvorbereitung  mit dem Team fehlt. So bleiben bis auf weiteres die schrittweisen taktischen Neuerungen Zinnbauers, die kämpferische Leidenschaft der Truppe und die inzwischen zahlreichen Debütanten das Interessanteste, was der HSV derzeit zu bieten hat. Man könnte das vielleicht mit einem Blick über die Schulter des Chefmechanikers in einem Maschinenraum vergleichen, der im laufenden Betrieb gerade grundlegende Einstellungen vornimmt. Das ist eben mehr harte Arbeit als fußballerische Feinkost. Es bleibt zu hoffen, dass der HSV bis zur Winterpause noch das eine oder andere Erfolgserlebnis sammeln kann. Dann erst können, um im Bild zu bleiben, die Maschinen angehalten und gründlich neu justiert werden.

Aus meiner Sicht muss man von einem vom Glück begünstigten Arbeitssieg sprechen, was die Freude aber nicht schmälern soll. Auch wenn es  für mich spielerisch bis auf Weiteres oft unbefriedigend bleibt – unter Zinnbauer entwickelt sich etwas. Wenn man alle Rahmenbedingungen im Auge behält, dann erscheint mir der eingeschlagene Kurs derzeit unverändert alternativlos. Doch dazu an einem anderen Tag mehr.

Verdiente Niederlage gegen einen in fast allen Belangen überlegenen Gegner: VfL Wolfsburg – HSV 2:0 (1:0)

Nach Hoffenheim und Gladbach wurde in letzter Zeit der VfL Wolfsburg als einer der Vereine in den Medien hervorgehoben, die angeblich in dieser Saison den FC Bayern „jagen“. Angesichts des bereits erneut stattlichen Punktepolsters der Münchener wirkt dies auf mich zum jetzigen Zeitpunkt sowohl alarmierend als auch unfreiwillig komisch. Alarmierend, weil bei dieser Aufzählung der BvB fehlt, der meiner Meinung nach normalerweise stärker als die drei genannten Vereine einzuschätzen ist. Auch wenn sich die Dortmunder momentan wohl nur in einer temporären sportlichen Krise befinden dürften und man jederzeit damit rechnen muss, dass sie eine Siegesserie starten können, so dürften sie sich angesichts ihres Punkte-Rückstandes bereits jetzt aus dem Rennen um die diesjährige Meisterschaft endgültig verabschiedet haben. Bei allem Respekt vor der hervorragenden Arbeit in Hoffenheim, Mönchengladbach und Wolfsburg – der Bundesliga droht erneut, dass die wichtigste Entscheidung, die zum Titel, weit vorfristig, nämlich bereits kurz nach Beginn der Rückrunde fällt. Die drei Verfolger, zu denen eben auch der VfL zu rechnen ist, werden den Serienmeister aus Bayern am Ende der Saison wahrscheinlich nur noch mit dem Fernglas erkennen können. Diese „Jagd“, darin sehe ich die Komik, dürfte dann doch eher in einem Hinterherhecheln münden.

Ungeachtet ihrer mutmaßlichen Chancenlosigkeit auf den Titelgewinn sollte man anerkennen, dass der VfL Wolfsburg zu eben jenen Vereinen gehört, die am HSV in den letzten Jahren vorbeigezogen sind. Demzufolge war der HSV für mich vor der Partie der klare Außenseiter, denn es ist beeindruckend, was in Wolfsburg entstanden ist:

Im Tor der Wölfe steht mit Benaglio ein überdurchschnittlicher Torhüter. Naldo davor gehört im Kopfballspiel zum besten, was die Liga zu bieten hat. Behrami mag als kampfstarker Zerstörer im defensiven Mittelfeld des HSV derzeit unersetzlich erscheinen, hat aber m.E. gegenüber einem Luiz Gustavo nicht nur spielerisch deutliche Nachteile. Neben dem Brasilianer in Diensten des VfL spielte gestern Joshua Guilavogui. Der französische Nationalspieler hat laut Transfermarkt.de einen Marktwert von 10 Millionen Euro. Als Alternative steht Hecking der junge Malanda (20) zur Verfügung, dessen Marktwert an gleicher Stelle mit 7 Millionen Euro angegeben wird. Auch wenn die Marktwerte der Spieler auf Transfermarkt.de als fiktiv anzusehen sind und keineswegs mit den real am Markt zu erlösenden Summen im Transferfall verwechselt werden sollten, können sie als ein Indiz für Qualität dienen. Vergleicht man die drei wertvollsten defensiven Mittelfeldspieler beider Mannschaften, so ergibt sich folgendes Bild:

Gustavo (22 Mio), Guilavogui (10 Mio) und Malanda (7 Mio) bringen es zusammen auf einen fiktiven Marktwert von 39 Millionen Euro. Dem steht beim HSV mit dem bereits fast unersetzlichen Behrami (6 Mio) nur ein gestandener Spieler entgegen. Kacar (750 tsd) spielt offenbar auch in dieser Saison praktisch keine Rolle, Matti Steinmann (150 tsd.) und Gideon Jung (200 tsd) sind Talente, die ihr Leistungsvermögen auf Bundesliganiveau erst noch dauerhaft nachweisen müssen. Selbst wenn man Arslan (2,5 Mio) und Jiracek (2 Mio) dem defensiven Mittelfeld des HSV zuschlägt, stehen den 39 Millionen auf Wolfsburger Seite gerade einmal 10,5 Millionen Euro an Marktwerten auf Hamburger Seite gegenüber.

Prunkstück der Niedersachsen bleibt aber die Offensive, in welcher der auch in Hamburg bestens bekannte Olic als vorderste Spitze trotz Knorpelschaden im Knie unermüdlich wirbelt. Während in Hamburg Lasogga an gleicher Position praktisch gesetzt und ohne Konkurrenz ist, verfügt der VfL mit Bast Dost und Bendtner über tatsächliche Alternativen. Für  das offensive Mittelfeld stehen Wölfe-Trainer Hecking zudem hochbegabte wie Kevin de Bruyne und Maximilian Arnold zur Verfügung. Auch Perisic und Hunt sind Spieler, die ihre Qualität in der Liga längst nachgewiesen haben.

Aus all dem lässt sich meiner Meinung nach sowohl individuell-qualitativ als auch strukturell (Alternativen je Position) ableiten, warum der VfL Wolfsburg auch ohne jede Berücksichtigung ihrer derzeitigen Erfolgsserie bereits theoretisch deutlich stärker als der HSV einzuschätzen war.

HSV-Trainer Zinnbauer hatte nach dem hart erkämpften Sieg gegen ebenfalls favorisierte Leverkusener keine Veranlassung, die Mannschaft zu verändern und vertraute daher erstmals einer unveränderten Aufstellung:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami – N. Müller (79. Green), van der Vaart (79. Nafiu), Holtby, Jansen (70. Stieber) – Lasogga

Das Spiel: Der HSV begann das Spiel erneut in jenem Hybrid-System aus 4-1-4-1 und 4-2-3-1, in welchem gegen Leverkusen gewonnen werden konnte. Allerdings standen die Hamburger zu Beginn der Partie tiefer, ließen die Gastgeber im ersten Drittel meist ungestört agieren und beschränkten sich auf ein Mittelfeldpressing. Den Spielverlauf in der ersten Viertelstunde deutete ich als von Zinnbauer vorgegebene taktische Marschroute: aus einer kompakten, stabilen Defensive wenn möglich nach vorne spielen.

Bei Ballbesitz des HSV konnte man einige Änderungen bemerken, die ich derart ausgeprägt seit Zinnbauers Amtsantritt bisher noch nicht gesehen habe. Das erinnerte mich zeitweilig an den Fußball unter Fink. Behrami kippte als Sechser im Spielaufbau zwischen die beiden weit auseinander geschobenen Innenverteidiger. In die dadurch drohende Lücke im zentral-defensiven Mittelfeld ließ sich meist van der Vaart zurückfallen, um als Schaltstation zur Offensive zu fungieren. Bei Ballverlust zogen sich bis auf Lasogga zunächst alle Hamburger hinter den Ball zurück. Daraus ergab sich eine personelle Überzahl in der Defensive, die das Zentrum geschlossen hielt. Gleichzeitig verschob die Hamburger Mannschaft, wie schon mehrfach unter Zinnbauer gesehen, stark in Richtung des ballnahen Flügels. Insgesamt wurde das Spiel der Wolfsburger durch den HSV auf die Außenbahnen gelenkt.

Offenbar hatte Hecking etwas sehr ähnliches von Seiten des HSV erwartet und seine Mannschaft bestens eingestellt. Der ungemein präsente, lauffreudige de Bruyne, aber auch Aaron Hunt tauchten immer wieder auf den Flügeln auf und sorgten dafür, dass die Wolfsburger zeitweilig die Außenbahnen personell erfolgreich überladen konnten. Dieser Effekt wurde zusätzlich durch sehr schnelle und präzise Spielverlagerungen begünstigt und verstärkt, denn die ballnah stark verschobenen Hamburger benötigten naturgemäß einige Sekunden, um auf die jeweils andere Seite kollektiv zu verschieben und dem Ball zu folgen. Aus beidem, den variablen Laufwegen von de Bruyne und Hunt sowie den zügigen Seitenwechseln der Wolfsburger (oftmals über Gustavo oder Guilavogui), folgte,  dass beide Hamburger Außenverteidiger schnell unter Druck standen und bereits früh mit dem gelben Karton verwarnt wurden (18. Diekmeier; 21. Ostrzolek). Ich fand das schon fast lehrbuchreif, wie die Wolfsburger auf die Spielanlage des HSV reagierten. Respekt. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass der HSV den Gastgebern in der ersten Halbzeit dennoch kaum klare Torchancen ermöglichte.

Ärgerlich fand ich die vielen, schnellen Ballverluste, die dem HSV nach Balleroberung unterliefen. Dafür gab es aus meiner Sicht gleich mehrere Gründe:

1. Die Wolfsburger störten immer wieder bereits den Spielaufbau ihrer Gäste, was zu überhasteten, ungenauen Zuspielen der Hamburger führte;
2. Die dadurch provozierten langen, hohen Bälle aus der Abwehr konnten durch Lasogga kaum festgemacht werden. Zwar kämpfte Hamburgs Sturmspitze gewohnt verbissen, jedoch waren seine Ablagen dieses Mal erschreckend schwach, da entweder falsch temperiert oder viel zu ungenau.
3. Der VfL dominierte dank seiner qualitativen Überlegenheit im defensiven Mittelfeld (s.o.) die Spielfeldmitte. Auch körperlich (1, 87 m, Luiz Gustavo; 1,88 m, Guilavogui) war man dort dem HSV überlegen, was für mich auch ein Grund ist, warum die Gastgeber die klare Mehrzahl der s.g. zweiten Bälle eroberten.

In der 27. Minute kam es zu einem folgenschweren Missverständnis zwischen Behrami und Drobny, was zu einem durch Behrami unnötig verursachten Eckstoß für die Gastgeber führte. Den folgenden Eckball konnten die Hamburger noch aus dem Strafraum befördern, jedoch kam de Bruyne aus ca. 26 Metern und zentraler Position zum Abschluss. Der Schuss hätte wohl das Tor verfehlt, doch Olic erwies sich einmal mehr als reaktionsschnell und gab dem Ball die entscheidende Richtungsänderung zur 1:0-Führung für die Gastgeber.

Der HSV war in Sachen Offensive harmlos. Jansen wirkte auf mich zu steif und technisch limitiert, um sich auf engstem Raum erfolgreich durchsetzen zu können. Holtby mühte sich, konnte aber erneut keine Überraschungsmomente kreieren. Und auch Müller kam nicht zum Zuge, da entweder schon der Spielaufbau des HSV zu lange dauerte, oder den Pässen die Genauigkeit fehlte (s.o. Lasoggas Ablagen).

In der 63. Minute bekam der HSV einen Freistoß am rechten Sechzehner-Eck der Wölfe zugesprochen. Van der Vaarts Freistoß verfing sich in der Mauer und leitete den Konter der Gastgeber ein. Bemerkenswert hier: Behrami konnte ohne Ball den ballführenden de Bruyne nicht einholen. De Bruyne sprintete siebzig Meter über das Feld. Ostrzolek, der sah, dass Behrami nicht an den Ball kommen würde, rückte heraus, um den jungen Belgier zu stellen, doch dieser passte genau im richtigen Moment und präzise auf die andere Seite zu Hunt. Der Ex-Bremer „wackelte“ dann Drobny aus und vollstreckte ins kurze Eck zum 2:0. Beides, Geschwindigkeit, Timing und Präzision de Bruynes einerseits und die Routine Hunts beim Torschuss andererseits, belegt ebenfalls die Qualität des Wolfsburger Personals.

Ich hatte den Eindruck, dass der HSV nach dem 2:0 den Glauben an eine Wende mehrheitlich verloren hatte. Zinnbauer reagierte folgerichtig durch Auswechselungen, ohne dass dies tatsächlich zu Verbesserungen führte. Auch in diesem Zusammenhang lässt sich feststellen, dass der Wolfsburger Kader derzeit als eindeutig stärker einzuschätzen ist. Hecking konnte mit Arnold und Bendtner nachgewiesene Qualität einwechseln, Zinnbauer muss sich meist, ohne dass ich damit den Spielern zu nahe treten möchte, mit Talenten wie bspw. Nafiu oder Green behelfen.

Stieber vergab aus meiner Sicht die vielleicht größte Torchance des HSV (wenn man von den Kopfbällen Westermanns in der 50. und Lasoggas in der 59. Minute absieht), als er nach einem furiosen Lauf Diekmeiers entlang der Außenlinie in der 83. Minute relativ unbedrängt zentral vor dem gegnerischen Strafraum den Ball deutlich über das Tor schoss. Es blieb daher beim ungefährdeten Sieg der Heimmannschaft.

Schiedsrichter: Kircher (Rottenburg). Hatte keine nennenswerten Probleme mit der Leitung der Partie.

Fazit: Zwar kann man, der HSV hat es erst jüngst gegen Leverkusen erneut bewiesen, auch gegen eindeutig favorisierte Gegner punkten, dennoch wird sich im Regelfall der Favorit durchsetzen. So erfreulich die Punkte gegen Bayern, Dortmund, Hoffenheim und Leverkusen auch sein mögen – realistischerweise muss man m.E. zum jetzigen Zeitpunkt immer auch damit rechnen, dass es ggf. heftige Niederlagen setzt. Es dauert, bis sich eine neuformierte Mannschaft wie die der Hamburger endgültig gefunden hat. Es braucht Zeit, bis die taktischen Vorgaben Zinnbauers derart verinnerlicht worden sind, dass sie unter Wettkampfdruck stabil abgerufen werden können. So gesehen  bin ich bei den Spielen gegen grundsätzlich stärker einzuschätzende Mannschaften derzeit noch damit zufrieden, wenn sich der HSV mit einer respektablen Leistung aus der Affäre zieht. Etwaige Punkte aus Begegnungen gegen Favoriten sind für mich Bonus. Die tatsächlich entscheidenden Spiele sind für mich jene, in denen es gegen Gegner geht, die sich in Reichweite der Hamburger befinden, z.B. schon am nächsten Spieltag beim Aufeinandertreffen mit Bremen. Im Übrigen ist dies für mich auch der Grund, warum ich die Niederlage in Berlin besonders ärgerlich fand.

Nach dem elften Spieltag der vorangegangenen Saison hatte der HSV 12 Punkte und ein Torverhältnis von 23:24. Derzeit steht er unverändert bei 9 Punkten und einem Torverhältnis von 4:14. Das zeigt für mich zweierlei:

1. Was die defensive Stabilität betrifft, so scheint man auf dem richtigen Weg. Hier eine deutliche Verbesserung zu erzielen, war nach den abenteuerlich vielen Gegentoren der Vorsaison (75!) zwingend notwendig;
2. Die weniger kassierten Gegentore gehen (noch?) zu Lasten der schon in der abgelaufenen Saison keineswegs überzeugenden offensiven Durchschlagskraft. Nur vier eigene Treffer sind ein besorgniserregend niedriger Wert. Harmloser als der HSV spielt offensiv derzeit keine andere Mannschaft der Liga.

Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Meisterschaften, heißt es. So gesehen verstehe ich, dass Zinnbauer zunächst um eine stabile defensive Grundordnung bemüht ist. Allerdings müsste nun langsam auch das Offensivspiel verbessert werden. Denn die vielen leichtfertigen Ballverluste in der Offensive verhindern nicht nur etwaige Torerfolge, sondern bewirken zudem, dass man die Abwehr nicht ausreichend entlastet. Auch für das Selbstvertrauen der Spieler wäre es hilfreich, wenn man mal zu mehreren, klar herausgespielten Toren käme. Wenn eine Mannschaft nach elf Spielen nur vier eigene Tore erzielen konnte, woher soll der Glauben an eine Wende nach einem Rückstand kommen?

Ich habe versucht, hier die Qualität des VfL herauszuarbeiten. Diese belegt für mich eben einmal mehr, wie sehr der HSV sportlich im Vergleich zur Konkurrenz in Rückstand geraten ist. Machen wir uns nichts vor! Auch wenn ich mit Blick auf den Klassenerhalt unverändert zuversichtlich bleibe – diese Saison, vielleicht gilt dies sogar für die nächste Spielzeit noch weit mehr, wird schwierig. Der HSV hat nicht das Geld, um massiv personell nachzubessern. Man muss eigene Talente gerade im Hinblick auf die Tatsache entwickeln, dass vermutlich am Ende dieser Spielzeit ein Großteil jener etablierten Profis, deren Verträge am Ende der Saison auslaufen, den Verein verlassen werden. Talententwicklung benötigt jedoch Zeit. Bei aller Freude über die Siegesserie der U23 darf nicht übersehen werden, dass Spieler wie Steinmann, Nafiu, Ahmet Arslan etc. nicht nur eine, sondern gleich mehrere Klassen tiefer spielen.

Die Verantwortlichen des HSV sind angesichts  der unverändert prekären finanziellen Lage des Clubs nicht zu beneiden. Der eingeschlagene Weg erscheint weitestgehend alternativlos. Die Überlegenheit der Konkurrenten ist auch Folge systematischer, kontinuierlicher Arbeit ihrer jeweiligen sportlichen Leitung.

Dem HSV und Zinnbauer bleibt zu wünschen, dass man vor allem gegen Gegner „auf Augenhöhe“ bis zur Winterpause die wirklich wichtigen Punkte holt. Der VfL Wolfsburg gehört derzeit nicht dazu.