T. Arslan

Vom Glück begünstigt kämpft sich der HSV zum ersehnten zweiten Sieg in Folge. HSV – Hannover 96 2:1 (1:0)

Man kennt es ja als leidgeprüfter HSV-Anhänger zur Genüge. Der HSV gewinnt – in diesem Fall gegen den SC Paderborn – und anschließend hört man von Spielern und Verantwortlichen, man wüsste um die große Chance, die man nun habe, den nächsten Schritt zu machen. In aller Regel folgte auf solche Ankündigungen in den letzten Jahren unweigerlich eine Enttäuschung. So gesehen war ich gespannt, welches Gesicht der große HSV gegen den kleinen Bruder aus Hannover präsentieren würde.

Joe Zinnbauer hatte sich vor dem Spiel für die folgende Aufstellung entschieden:
Drobny – Westermann (46. Götz), Djourou, Rajkovic, Marcos (78. Kacar) – N. Müller, Diaz, van der Vaart (46. Jiracek), Jansen – Stieber – Olic
Einzige Veränderung im Vergleich zum Spiel gegen den Aufsteiger aus Paderborn war somit das Startelf-Debüt des chilenischen Neuzugangs der Hamburger, Marcelo Diaz. Diaz neben van der Vaart in der Zentrale – ich fand diese Aufstellung Zinnbauers gegen die von mir stark eingeschätzten Hannoveraner mutig und hatte meine leisen Zweifel, ob hier nicht für einen der beiden ein etwas defensiv stärkerer Partner, bei derzeitiger Personallage hätte dies nur Jiracek oder Kacar sein können, sinnvoll gewesen wäre. Andererseits hielt ich es auch für möglich, dass die spielerische Qualität der Hamburger gerade durch die von Zinnbauer gewählte Kombination ein besseres Niveau erreichen könnte.

Spielbeobachtung: Die Hamburger agierten gegen den Ball überwiegend in einem (flachen) 4-4-1-1 mit Stieber als hängender Spitze neben/hinter Olic. Hannovers Trainer Korkut hatte seine Mannschaft in einem 4-2-4 auf das Feld geschickt, was sofort andeutete, dass die Gäste mutig nach vorne spielen wollten.

Der Gast aus Hannover übernahm auch gleich das Kommando und drückte den HSV von Beginn an in die Defensive. Die Hamburger ihrerseits versuchten über den abkippenden van der Vaart ihr Spiel kontrolliert aufzubauen, was jedoch gegen defensiv gut stehende Hannoveraner kaum überzeugend gelang. Spielerische Linie erhielt das Hamburger Angriffsspiel immer dann, wenn Diaz am Ball war. Er blieb auch unter Gegnerdruck ruhig, zeigte eine gute Spielübersicht und spielte vor allem in der ersten Halbzeit tatsächlich konstruktive (vs. Alibi-) Pässe, die in der Regel nicht nur den Mitspieler erreichten, sondern nachfolgend auch problemlos zu verarbeiten waren. Wenn die Leistung der ersten Halbzeit von Diaz der Maßstab für die Zukunft ist, dann ist der Chilene im Vergleich zum in die Türkei abgewanderten Tolgay Arslan eine eindeutige Verstärkung für den HSV.

Drobny hält den HSV im Spiel

In der 23. Minute erlaubte sich der erneut als Rechtsverteidiger aufgebotene Westermann wieder einmal einen kapitalen Fehlpass im Spielaufbau, was kurz darauf van der Vaart dazu nötigte, sich mit einer Grätsche zentral im eigenen Strafraum in den Lauf des heranstürmenden Sané zu werfen. Es kam zu einem Kontakt, Sané verlor das Gleichgewicht und stürzte, und Schiedsrichter Gräfe entschied korrekt auf Strafstoß für die Gäste. Zum Glück für den HSV schoss Joselu den Elfmeter schwach und unpräzise, sodass Drobny den Ball parieren konnte. Ob Drobny sich selbst für die richtige Ecke entschieden hat, oder ob er den Handzeichen van der Vaarts folgte – im Ergebnis ist es letztlich egal. Es blieb jedenfalls beim torlosen Unentschieden.

Nur drei Minuten später erlaubte sich auf Seiten der Gäste der dieses Mal indisponiert wirkende Sakai ebenfalls einen Fehlpass. Der aufmerksame Stieber fing den Passversuch ab, flankte zu Olic, der per Kopf zurück zu Stieber legte. Stieber hatte dadurch Zeit und Raum auf der linken Außenbahn. Auf Höhe des Strafraumes flankte er, in dem Bemühen den mitgelaufenen Olic erneut zu erreichen, scharf nach innen. Hannovers Marcelo fälschte den Ball mit dem Knie zu einer für Zieler unhaltbaren Bogenlampe ab, die sich dann ins lange obere Eck des Tores zur glücklichen 1:0-Führung für den HSV senkte (26.).

Um die erste Halbzeit zusammenzufassen: Hannover agierte und machte das Spiel, der HSV reagierte und lief größtenteils der Musike hinterher. Allerdings, dies bleibt aus Hamburger Sicht lobenswert, kämpfte die Mannschaft leidenschaftlich. Dennoch war die Führung zur Pause schmeichelhaft.

Zinnbauer reagiert erneut zeitig und nachvollziehbar auf den Spielverlauf

Zur Pause erlöste Joe Zinnbauer Westermann von der ungeliebten Rechtsverteidigerposition und brachte den jungen Götz. Für mich ein kleiner Baustein des späteren Sieges, denn Götz machte seine Sache auf gleicher Position deutlich besser. Auch van der Vaart blieb mit dem Pausentee in der Kabine. Ich vermute, dass Zinnbauer durch Jiracek nun doch mehr Defensivzweikampf-Stärke ins Spiel seiner Mannschaft bringen wollte. An Jiracek scheiden sich beim HSV-Anhang regelmäßig die Geister. Ich meine, dass hier zweierlei zu bedenken ist:
Jiracek kam in der Vergangenheit in typischer HSV-Manier fast ausschließlich auf Nebenpositionen zum Einsatz (LV, LM), die er bei Bedarf auch spielen kann, die aber nicht optimal für ihn und sein Spiel sind. Im zentral-defensiven Mittelfeld, wo er meines Erachtens am stärksten ist, kam er bislang nur vier, fünf Mal zum Einsatz und bot dort überwiegend solide Leistungen. Das sieht bei ihm nicht spektakulär aus, dennoch stopft er dort etwaige Löcher. Mitte der Woche riskierte er eine gelb-rote Karte, als er einen aussichtsreichen, da schnellen Angriff der Paderborner gerade noch vor dem Strafraum stoppte, diese Woche eroberte er den Ball vor dem 2:0 durch Jansen. Es mag dahingestellt bleiben, ob es sich bei der Aktion um ein Foulspiel handelte. Entscheidend bleibt, dass Gräfe hier nicht pfiff, der Ball daher zu Jansen kam, der dann aus der Distanz auf das Tor der Gäste schießen konnte. Wer nie zum Abschluss kommt, den kann auch kaum das Glück begünstigen. Im Falle des Fernschusses von Jansen war es der Unglücksrabe auf  Seiten der Gäste, Marcelo, der den Ball erneut unhaltbar für Zieler zum 2:0 für den HSV abfälschte (50.)

Aus Hamburger Sicht ist zunächst nur noch der sehr gut geschossene Freistoß von Diaz zu erwähnen, der in der 55. Minute denkbar knapp das Tor verfehlte. Aber eine 3:0-Führung für den HSV nach diesem Spielverlauf hätte man auch als groteske Ungerechtigkeit bewerten müssen.

Hannovers Trainer Korkut reagierte seinerseits auf den Zwei-Tore-Rückstand und brachte mit Sobiech (für Schulz) einen weiteren Angreifer. Der Druck der Gäste wuchs nun von Sekunde zu Sekunde, und die Hamburger griffen zunehmend zu dem aus dem Paderborn-Spiel bekannten Mittel zurück: Befreiungsschläge. Der Vorteil dieser Strategie ist, dass der Ball kompromisslos aus der Gefahrenzone befördert wird; der Nachteil ist jedoch, dass er meist postwendend durch den Gegner zurückkehrt. Die Niederlage des FC Bayern im Finale der CL 1999 gegen ManU nach 1:0-Führung lässt grüßen.

Mehr als verdienter Lohn der Hannoveraner Angriffsbemühungen war der Anschlusstreffer zum 2:1 in der 66. Spielminute. Eine Flanke segelte von der rechten Angriffsseite der Gäste in den Hamburger Strafraum, wo die Hamburger gegen die großgewachsenen Hannoveraner, Marcelo und Sané, das Kopfballduell verloren. Marcelo, erneut nicht vom Glück verfolgt, traf mit seinem Kopfball nur die Latte, doch Sobiech konnte den Abpraller schließlich doch im Hamburger Tor unterbringen.

Herausheben möchte ich auch noch einen spektakulären Seitfallzieher Joselus, den Drobny mit äußerster Mühe gerade noch über die Querlatte lenken konnte. Andernfalls wäre nur zwei Minuten nach dem 2:1 der Ausgleichstreffer gefallen.

Erneut nur zwei Minuten später hatte Stieber die vermutliche Entscheidung für den HSV auf dem Fuß, scheiterte jedoch am guten Zieler (70.) im Tor der Gäste.

In der 78. Minute nahm Zinnbauer den angeschlagenen Marcos vom Feld und brachte Kacar. Jansen rückte daher auf dem linken Flügel eine Position zurück (LV) und wurde von Stieber auf der Außenbahn (LM) ersetzt. Durch Kacar wurde das Mittelfeld gegen die stürmenden Hannoveraner zu einem 4-5-1 verdichtet.

Dem fleißigen Olic fehlte in der 80. Minute bei einem aussichtsreichen Konter ein wenig die Kraft und Geschwindigkeit, sodass Zieler seinen Abschluss letztlich mühelos parieren konnte. Auf der anderen Seite hatten die Gäste noch zwei gute Torchancen (86. Sobiech verpasst knapp das Zuspiel; 90. Freistoß von Stindl an den rechten Außenpfosten). Es blieb daher bei einem insgesamt glücklichen Sieg der Hamburger. Zweimal kam dem HSV der Zufall zur Hilfe, was mich an einen Artikel denken ließ, in welchem ich hier vor Monaten über den Einfluss des Zufalls auf  einzelne Spielverläufe und Saisonendresultate sinnierte.

Abschließend daher an dieser Stelle ein großes Kompliment an Hannover 96 für eine gute Leistung. Die spielerisch bessere und in fast allen statistischen Belangen überlegene Mannschaft hat verloren. So ungerecht ist manchmal Fußball. Am Ende muss man aber seine zahlreichen Chancen auch nutzen. Und wie schon gegen Paderborn war hier der HSV erneut sehr effektiv.

Fazit: Durch den hart erkämpften Heimsieg erhält der HSV drei weitere, äußerst wichtige Zähler. Der Sieg wurde gleich mehrfach gegen spielerisch klar und eindeutig überlegene Hannoveraner vom Glück begünstigt. Nach fast zwei Jahren gelingt den Hamburgern somit ein zweiter Sieg in Folge. Verdienter Lohn sind 23 Punkte und vorerst der Sprung auf Tabellenplatz 11. Die Platzierung in der Tabelle ist jedoch trügerisch, da wenigstens die Hälfte aller Teams in der Liga gegen den Abstieg spielen.
Drobny verhinderte durch den gehaltenen Elfmeter, dass sich die taktische Ausgangslage frühzeitig zu ungunsten der Hausherrn entwickelte. In den traditionellen Kernkompetenzen des Torwartspiels war er wieder einmal ein sehr sicherer, starker Rückhalt. Nicht gänzlich übersehen sollte man jedoch, dass seine Aktionen mit dem Fuß bei Ab- und Befreiungsschlägen unpräzise und gelegentlich alles andere als sicher sind.
Neuzugang Marcelo Diaz unterstrich in der ersten Halbzeit mit guten Pässen und Laufwegen, dass er tatsächlich die für das zentrale Mittelfeld gesuchte Sofortverstärkung sein kann. Diaz neben einem gesundeten Abräumer Behrami – das könnte perspektivisch passen.
Kämpferisch bot das Hamburger Team erneut eine vorbildliche, tadellose Leistung, spielerisch blieb es wieder vieles schuldig. Olic ackert und läuft für zwei an vorderster Front, erhält jedoch unverändert kaum Torschussvorlagen. Mit 129 Kilometern erreichten die Hamburger als Team einen neuen Bestwert in Sachen Gesamtlaufleistung.
Das nun vorhandene kleine Punktepolster vor den nächsten Spielen, die alle gegen als favorisiert einzuschätzende Gegner – FC Bayern (A), BMG (H), Frankfurt (A), BVB (H) – zu bestreiten sind, dürfte immerhin kurzfristig allerseits die Nerven beruhigen. Freuen darf man sich über den Sieg, zur Euphorie fehlt jedoch jeder Anlass.

Schiedsrichter: M. Gräfe (Berlin). Mit großzügiger Regelauslegung. Ließ im Zweifel das Spiel laufen. Die Balleroberung durch Jiracek vor dem 2:0 kann man auch als Foulspiel bewerten – je nach Perspektive (auch der Kamera!).

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Tempo!

Die zentralen Thesen meines letzten Blogs basierten unter anderem auf der Behauptung, dass sich das Fußballspiel im Laufe der letzten Jahrzehnte erheblich beschleunigt habe. Heute möchte ich diesen Gedanken im Hinblick auf vergangene und zukünftige Entwicklungen des Sports und mit Bezug auf den HSV etwas näher beleuchten.

Festzustellen ist zunächst, dass sich die athletischen (konditionellen) und taktischen Fähigkeiten der Spieler über die Jahre nachweisbar verbessert haben. Liefen die Spieler bei der WM 1954 während eines Spiels noch durchschnittlich 4 Kilometer, laufen heute die in diesem Bereich besten der Bundesliga über 13 Kilometer je Spiel.

Dies ist gleich mehreren Faktoren geschuldet:

  1. Die Spieler in den großen Ligen sind heute allesamt Vollprofis, die nicht mehr haupt- oder nebenberuflich einer anderen Tätigkeit nachgehen. Heute ist keiner mehr als Handlungsreisender in Sachen Fußball-Equipment wie seinerzeit Uwe Seeler unterwegs und muss sein Training ggf. selbst organisieren;
  2. In Deutschland trainieren durch die Einführung der dritten Liga deutlich mehr Spieler unter Vollprofi-Bedingungen;
  3. wissenschaftlich fundierte, verbesserte trainingsmethodische Ansätze und  intensive  sportmedizinische Begleitung. Basierte früher Training vielfach auf Erfahrungswissen, so existieren heute geregelte Ausbildungsgänge;
  4. verstärkter Wissenstranfer durch zunehmende Globalisierung/Vernetzung. Stellvertretend seien hier nur die Förderprogramme genannt, mit denen u.a. der DFB deutsche Trainer in andere Länder entsendet.

In Summe führte dies dazu, dass heute deutlich mehr Mannschaften konditionell und taktisch in der Lage sind, einen individuell überlegenen Gegner erfolgreich zu neutralisieren. (Beispiele: Chelseas Sieg im CL-Finale  „da hoam“ gegen den FCB 2011/12;  WM-Spiel 2014 D-ALG).

Geschwindigkeit als Quotient von Strecke durch Zeit.

Eine der Taktiken, um im Fußball zügig zum Torerfolg zu kommen, ist das schnelle Umschaltspiel (Kontern). Dieses ist nun gewiss keine neue Erfindung. Denn in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts etablierte und perfektionierte der argentinische Trainer Herrera bei Inter Mailand den berühmt-berüchtigten Catennacio und gewann mit seiner Mannschaft zweimal den Europapokal der Landesmeister. Diese heute als minimalistisch und destruktiv geschmähte Spielanlage fußte ihrerseits auf taktischen Überlegungen, die bereits in den dreißiger Jahren (also noch deutlich früher) angestellt wurden. Einigermaßen neu  für die Bundesliga in den letzten  Jahren war jedoch die von Slomka bei Hannover 96 daraus abgeleitete systematische Forderung, dass seine damalige Mannschaft spätestens 10 Sekunden nach Balleroberung zum Torabschluss kommen sollte. Diese Forderung basierte wiederum auf der statistischen Erkenntnis, dass die Wahrscheinlichkeit eines Torerfolg signifikant steigt, sofern der Torschuss innerhalb dieser Zeitspanne erfolgt. Daraus ergeben sich zahlreiche Implikationen. Denn eine Ballzirkulation über (theoretisch) unendlich viele Akteure ist damit im Prinzip ausgeschlossen. Zugleich benötigt eine derart angelegte Spielweise pass-/spielstarke Defensivspieler (inklusive Torhüter!), die zielsicher und über wenige Umschaltstationen den Ball zu sprintstarken Offensivspielern befördern können.

Eine andere Möglichkeit, Tempo in das Spiel zu bringen, den Gegner defensiv in Unordnung zu überraschen und damit die Wahrscheinlichkeit eines eigenen Torerfolges zu erhöhen, etablierte  Jürgen Klopp ab 2008 beim BvB. Wie bereits im letzten Blog erwähnt, verlagerte Klopp die Aufgabe der Balleroberung ins mittlere, bzw. vordere Drittel des Spielfeldes durch sofortiges, konsequent-aggressives Gegenpressing im Falle des Ballverlustes. Gewollter Nebeneffekt: Da der Ball idealerweise näher am gegnerischen Tor erobert wurde,  musste anschließend nicht so viel Strecke überwunden werden, damit man in eine aussichtsreiche Schussposition kam. Weniger zu überbrückende Strecke bedeutet gleichzeitig: weniger Zeit für den Gegner, um sich defensiv stabil zu organisieren, was wiederum die Wahrscheinlichkeit eines Torerfolges erhöht.

Eine dritte Variante der Tempoverschärfung lässt sich gegenwärtig beim FC Bayern München unter Pep Guardiola studieren. Aufbauend auf dem Ballbesitz-Fußball eines seiner Vorgänger (van Gaal), lassen Guardiolas Spieler den Ball schneller zirkulieren als die allermeisten Konkurrenten. Diese Spielanlage  folgt der alten Fußballweisheit, dass kein Spieler schneller sei als der Ball.

Die hohe Zirkulation gelingt beim FCB zum einen dank individuell-technischer Klasse, zum anderen über ein hohes Maß an taktischer Variabilität. Wohl keine andere Mannschaft der Bundesliga kann derzeit so flexibel und zielgerichtet innerhalb des laufenden Spiels die taktischen Formationen ändern. Dies gelingt auch deswegen, weil viele Spieler des Münchner Kaders ohne nennenswerte Qualitätseinbußen gleich mehrere taktische Positionen situativ bekleiden können. Beispielhaft sei hier David Alaba genannt, der in der Abwehr als linker Verteidiger in einer Dreierkette, als linker offensiver Außenverteidiger einer „klassischen“ Viererkette und als Ribery-Ersatz auf der linken offensiven Außenbahn funktioniert. Zudem hat der smarte Österreicher in seiner  Nationalelf längst nachgewiesen, dass er auch erfolgreich im defensiven und zentralen Mittelfeld spielen kann. Damit steht Alaba idealtypisch für einen polyvalenten Spieler im Sinne Favres.

Polyvalente, auf  technisch und taktisch höchstem Niveau agierende Spieler ermöglichen nicht nur eine fluide, zielgerichtete Anpassung des eigenen Spiels an den jeweiligen Gegner und Spielverlauf, sondern ersparen situativ die Rückkehr eines Spielers auf seine (eine) Idealposition. Mit anderen Worten: es kann schnell und ohne unnötigen Zeitverlust (Geschwindigkeit) auf  die momentanen Erfordernisse reagiert werden. Diesen Gedanken zu Ende gedacht, benötigt der Fußball der Zukunft überwiegend flexible, auf unterschiedlichen Positionen einsetzbare Spieler, die idealerweise beidfüßig sind, damit sie situativ möglichst alle denkbaren Winkel zielgerichtet bespielen können.

Van der Vaart und das fußballfolkloristische Gerede vom Zehner

Wenn die These stimmt, dass stetig steigende Geschwindigkeit und Flexibilität für den modernen Fußball kennzeichnend sind, dass sich alle Spieler einer Mannschaft jederzeit sowohl im Offensiv- als auch im Defensivspiel beteiligen müssen, dann kann nicht verwundern, dass der dominante Spielmacher klassischer Prägung, der s.g. Zehner, wie ihn einst in Deutschland Overath oder Netzer in den Siebzigern interpretierten, ausgestorben ist. Der letzte dieser Art hat m.E. in Gestalt von Diego im Sommer 2011 den VfL Wolfsburg und damit die Liga verlassen. Den Luxus, das eigene Spiel von der Tagesform eines einzigen Spielers abhängig zu machen, dafür sogar eigenst einen Spieler abzustellen, der ggf. die Drecksarbeit für den Regisseur erledigt (bspw.: „Hacki“ Wimmer für Netzer), kann sich keiner mehr erlauben.

Heute hat ein zentral-offensiver Mittelfeldspieler vielfältigste, funktionale Aufgaben im Gesamtsystem der Mannschaft zu erfüllen. Kreative Pausen, das war gestern.

Eindeutig bedeutender und vom Boulevard meist ignoriert ist jedoch die Rolle der defensiven Mittelfeldspieler, der Sechser geworden. Im Idealfall beschränken sie sich nicht auf das Unterbinden gegnerischer Angriffe, sondern geben Takt und Rhythmus vor. Dabei sind strategische Fähigkeiten ebenso gefragt, wie körperliche Attribute. Zwei groß gewachsene, kopfballstarke Sechser erhöhen nicht nur im Mittelfeldgeplänkel die Chance auf den Ballgewinn, sondern können situativ erfolgreich die Innenverteidigung gerade bei hohen Bällen (Standards) sinnvoll verstärken.

Wenn Ruud van Nistelroy unlängst behauptete, van der Vaart habe an Leistungsstärke nichts eingebüßt, dann mag das sogar zutreffen. Nur sind die Anforderungen in der Bundesliga in Sachen Handlungsschnelligkeit und im läuferischen Bereich speziell in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Ralf Rangnick stellte jüngst im SPIEGEL-Interview dazu fest:

Seit acht Jahren ist Fußball fast eine andere Sportart, was die Lauf- und Sprintwerte angeht und die Geschwindigkeit des Umschaltspiels. (http://www.spiegel.de/sport/fussball/ralf-rangnick-sportdirektor-von-rb-leipzig-und-salzburg-im-interview-a-1010346.html)

Die konstante Verknappung von Zeit und Raum und der damit einhergehende zunehmende Handlungsdruck für die Akteure auf dem Feld sind Merkmale dieser Entwicklung.

Um den Gedanken van Nistelroys aufzunehmen – wer von seiner alten Leistungsstärke nichts verloren hat, der kann bei deutlich gestiegenen Anforderungen daher dennoch ungenügen. Zumal zu erwarten ist, dass die Entwicklung insbesondere im läuferischen Bereich keineswegs als gänzlich abgeschlossen zu betrachten ist. Ich erwarte, dass sich die Anzahl hoch intensiver Läufe (Sprints) noch weiter steigert.

In diesem Zusammenhang lohnt ein Blick auf die qualitativen Unterschiede in den Laufleistungen von van der Vaart und Spielern wie Holtby oder Nicolai Müller. Unbestreitbar ist, dass van der Vaart, was die reine Laufleistung in Kilometern je Spiel angeht, unverändert wettbewerbsfähig wirkt. Interessant wird es aber, wenn man seine Anzahl an Sprints je Spiel mit denen seines designierten Nachfolgers, Lewis Holtby, vergleicht. Holtby liefert hier ziemlich konstant zweistellige Werte, bei van der Vaart lassen sich unschwer Spiele finden, in den er nur zwei, drei Mal sprintete. In neunzig Minuten. Das bestärkt mich in meiner Wahrnehmung, dass die Mannschaft ohne den medial hochgejazzten Niederländer lauffreudiger, schneller und homogener wirkt.

Die Argumentation Knäbels, van der Vaart sei derzeit der einzige zentrale Mittelfeldspieler des HSV, der so etwas wie Torgefahr ausstrahle, ist zunächst nachvollziehbar. Dennoch muss hinterfragt werden, wie viel davon perspektivisch noch übrig bliebe, sollte man ihn über den Sommer hinaus weiter beschäftigen. Dass aus dem Mittelfeld zu wenig Torgefahr resultiert, ist eines der längst leider tradierten Grundprobleme, an denen das Spiel des HSV keineswegs erst durch die damalige Besetzung der Zentrale mit Tolgay Arslan und Badelj krankt. Immerhin hat man jahrelang dort mit Jarolim einen Stammspieler gehabt, der weder für Kreativität, eine schnelle Spielverlagerung oder einen nennenswerten Torabschluss bekannt gewesen ist.

Der Fußball, und dies dürfte morgen noch mehr als heute gelten, erlaubt aber m.E. nicht mehr, dass man auf einer oder zwei Positionen eklatante Defizite zulässt. Dafür ist er zu anspruchsvoll und zu komplex geworden. Und dafür hat sich der Wettbwerb durch das Auftauchen neuer, ernstzunehmender Konkurrenten, stellvertretend sei hier nur RB Leipzig angeführt, zu sehr verschärft.