Monat: Juli 2014

Lasogga/Calhanoglu – ein Kommentar

Was die Spatzen seit Tage von den Dächern pfiffen, ist ab heute fix: Der Hamburger Sportverein verpflichtet Pierre-Michel Lasogga von Hertha BSC und lässt im Gegenzug Hakan Calhanoglu zu Bayer 04 Leverkusen ziehen. Beide Spieler unterzeichneten bei ihren aufnehmenden Vereinen neue Arbeitsverträge, die jeweils eine Laufzeit von fünf Jahren haben sollen.

Während die Verpflichtung des bis dahin ausgeliehenen Torjägers der vergangenen Saison, Lasogga, in Hamburg mehrheitlich enthusiatisch begrüßt wird, wird man dem abwandernden jungen Türken, immerhin zweitbester Torschütze in derselben Saison, wohl kaum eine Träne nachweinen. Dem „Neuzugang“ wird flugs die „Raute im Herzen“ im Herzen unterstellt, dem Abgewanderten ein „Söldner!“ – bestenfalls – hinterhergerufen.

Ich freue mich, dass es dem HSV gelungen ist, Lasogga langfristig zu binden (Willkommen zurück!), denn ich mag seine leidenschaftliche Art zu spielen. Gleichzeitig bedauere ich grundsätzlich, dass der Verein mit Calhanoglu ein großes Talent und einen hervorragenden Standard-Schützen verliert. Calhanoglus Verhalten in den vergangenen Wochen kann muss man allerdings  scharf kritisieren. Angefangen von seinen noch nicht lange zurückliegenden Treueschwüren bei der vorzeitigen Verlängerung seines Vertrages in Hamburg, über seinen unvermittelt kommunizierten Wunsch, sich sportlich weiterzuentwickeln und CL mit Leverkusen zu spielen, bis zu seiner Krankschreibung aufgrund angeblicher, erheblicher psychischer Beeinträchtigungen als Folge der tatsächlichen oder von ihm befürchteteten Fan-Reaktionen in Hamburg. Angefangen bei seinem naseweisen Fingerzeig auf van der Vaarts damalige „Valencia“-Aktion, über seine auf Facebook geäußerte Bitte, man solle seine sportlich höchsten Ambitionen bitte verstehen, über Fotos, auf denen er während seiner Krankschreibung lachend im Café sitzend zu sehen war – ein einziges selbst verschuldetes Kommunikationsdesaster. Dafür trägt im Wesentlichen er, bzw. sein Berater die volle Verantwortung.

Ein Spieler, der gerade mal eine wenn auch bemerkenswerte Saison als Erstligaspieler vorzuweisen hat, wäre besser beraten gewesen, wenn er seinen Namen nicht schon in einem Atemzug mit den ganz Großen des Weltfußballs genannt hätte. Abgesehen davon, Herr Calhanoglu, kann das Fehlverhalten eines anderen die Legitimität des eigenen Verhaltens nicht begründen. Es mag dahingestellt bleiben, ob die Krankschreibung sachlich-fachlich begründet gewesen ist, oder ob es sich hier nur um einen weiteren Griff in die Trickkiste handelte, der den Vertragspartner HSV an den Verhandlungstisch mit Leverkusen zwingen sollte. Der Imageschaden für den Spieler Calhanoglu dürfte m.E. in jedem Fall beträchtlich sein. Darüberhinaus, das muss einen Profi zwar nicht zwingend interessieren, darüber könnte man jedoch auch einmal nachdenken, hat er das Bild bei den Fans, des letztlich nur auf seinen eigenen (pekuniären) Vorteil bedachten Söldners, nachhaltig befeuert. In Zeiten, in denen Profis  regelmäßig das Emblem des jeweils aktuellen Arbeitgebers küssen, um vermeintliche Verbundenheit und Identifikation zu suggerieren, wird so nachhaltig der Eindruck unterstützt, dass es sich hierbei meist nur um Show, bzw. eine Farce handelt.

Lasogga spielt also zukünftig für den HSV. Interessant fand ich seine Begründung, er habe sich nicht gegen Hertha sondern für den HSV entschieden, weil sich die Hamburger ernsthaft um ihn bemüht hätten,  während er nicht bei allen Vertretern der Hertha den gleichen Eindruck gehabt habe. Das kann man so sehen, oder eben auch nicht. Denn im Grunde wusste in Berlin jeder, dass Herthas Trainer Luhukay grundsätzlich einen anderen Typ Stürmer als Lasogga favorisiert. Daher durfte man  alle Aussagen der Hertha-Verantwortlichen getrost unter dem Gesichtspunkt werten, dass man in den Verhandlungen mit den Hamburgern lediglich eine möglichst hohe Ablösesumme erzielen wollte. Das ist legitim und nachvollziehbar, hat aber mit tatsächlicher Wertschätzung dieses Spielers in Berlin nur bedingt zu tun. Mit anderen Worten: wirklich halten wollte die Hertha Lasogga ganz offensichtlich nicht. Und die Vertragsunterschrift beim HSV wird für Lasogga mit einer deutlichen Gehaltsanhebung verbunden sein, was ihm die Entscheidung für den HSV gewiss nicht erschwert haben dürfte. Ich will Pierre-Michel nichts unterstellen, aber ich sehe seine Äußerungen daher nüchtern. Ob er nun wirklich die (zu häufig) zitierte „Raute im Herzen“ hat, weil er sich für den HSV entschieden hat, wie manche zu glauben scheinen, das darf man aber wohl bezweifeln. Das ist für mich aber auch nicht entscheidend. Ich freue mich einfach, dass er als stets einsatzfreudiger und treffsicherer Stürmer wohl  zumindest die nächsten zwei, drei Jahre für den HSV auf Torejagd gehen wird.

In diesem Zusammenhang finde ich es richtig, dass sich der HSV von Calhanoglu trennt, um die Verpflichtung Lasoggas aus eigenen Mitteln stemmen zu können. Alle anderen diskutierten Modelle, etwa ein Kredit von Herrn Kühne, der später, wie man hörte, nach dessen Vorstellungen in Anteile an der HSV-AG umgewandelt werden sollte, sah ich zunehmend kritisch. Zu groß erscheint derzeit der Flurschaden, den Herr Kühne durch seine Interviews bei Mitgliedern und Anhängern des Vereins, insbesondere bei denen, die die Ausgliederung ablehnten, angerichtet hat. Dem aufkommenden Eindruck, dass die HSV-AG am Gängelband eines einzelnen Herrn hängt, wurde zumindest entgegengewirkt.

Dem Spieler Calhanoglu kann man nur erneut dringend raten, den Berater zu wechseln und kritisch sein eigenes Verhalten zu reflektieren. Wanderer soll man nicht aufhalten, heißt es. Daher sage ich als Hamburger  einfach: Und tschüß.

Nach Schwerstarbeit im Viertelfinale: Deutschland – Algerien 2:1 n.V. (0:0)

Ein Fußballspiel zwischen Deutschland und Algerien ist für mich schon etwas sehr Spezielles. Es muss wohl 1980 (oder ’81) gewesen sein, ganz genau kann ich mich nicht mehr erinnern, da kam ich zu dem Schluss, dass ich dringend meine Kenntnisse der französischen Sprache aufpolieren sollte. Da traf es sich gut, dass zwei Klassenkameraden schon längere Zeit eine Reise nach Algerien planten. Die beiden wollten mit einem Interrailticket von Hamburg über Spanien durch Marokko fahren, dort die Grenze zu Algerien passieren und dann für schmales Geld (das Interrailticket galt nicht mehr in Algerien) weiter bis nach Algier reisen. Das war jedenfalls ihr Plan. Da ich mich erst auf den letzten Drücker ihrer Reisegruppe angeschlossen hatte, entschied ich mich für den direkten Weg: Von Hamburg nach Marseille mit der Bahn. Dort wollte ich dann die Fähre besteigen, die mich direkt und ohne Umwege in den Hafen von Algier befördern sollte.  Das war mein Plan.

So trafen wir uns am Abreisetag am Hamburger Hauptbahnhof. Ihr Zug in Richtung Spanien stand bereits auf dem Nebengleis, während ich meinen nach Marseille bestieg. Ich erspare Euch hier weitere Details. Das Ende vom Lied: ich traf wie geplant pünktlich im Hafen der algerischen Hauptstadt ein und wurde dort von einem algerischen Bekannten in Empfang genommen. Meine beide Freunde aber, die kamen nur bis zur Grenze zwischen Marokko und Algerien. Diese aber war gerade einmal wieder geschlossen, da es Spannungen zwischen beiden Ländern gab (West-Sahara). Also mussten sie wieder Marokko durchqueren und zurück nach Spanien übersetzen. Dort machten sie sich dann auf die Suche nach einer Fährverbindung direkt nach Algerien. In meiner Erinnerung kamen sie mit mehr als 10 Tagen Verspätung endlich auch in Algier an. Mit anderen Worten: der gemeinsame Urlaub fiel praktisch ins Wasser. Nur gut, dass unsere algerischen Kontakte so überaus gastfreundlich waren. Die meisten lebten in Studentenunterkünften der Universität Algier und studierten Medizin. Und obwohl der Zutritt für Ausländer zu diesen studentischen Wohnheimen offiziell verboten war, schmuggelten sie mich Tag für Tag an den Eingangskontrollen vorbei. So kam es, dass ich am frühen Abend oft in einer Studentenmannschaft auf dem Universitätsgelände Fußball spielte. Um es hier kurz zu halten: Ich werde die Freundlichkeit der Menschen dort nie vergessen. Daher habe ich die späteren Berichte über die politischen Unruhen dort immer mit besonderer Anteilnahme verfolgt. 1982 kam es dann zu einem offiziellen Fußballspiel zwischen Deutschland und Algerien, das Algerien bekanntlich gewann. Es folgte der Nichtangriffspakt von Gijón, dem dann Algerien zum Opfer fiel. War die WM `78 einfach enttäuschend, so fühlte ich mich `82 in mehrfacher Hinsicht beschämt.  Umso mehr hat mich das bisher erfolgreiche Auftreten der Algerier bei dieser WM gefreut.

Vor dieser Partie wurden in Fußball-Deutschland zwei Fragen diskutiert:

1. Ist der als Linksverteidiger spielende Höwedes der „Schwachpunkt“ (Magath)?
2. Soll Khedira oder Schweinsteiger neben Lahm den zweiten Sechser spielen, oder sollen gar beide gemeinsam dort spielen und Lahm den Rechtsverteidiger geben?

Meine Meinung zur Außenverteidigerproblematik habe ich ja hier bereits unlängst geschrieben. Was die Besetzung der Sechser-Position(en) angeht, so halte ich dies neben taktischen Gesichtspunkten, die zu berücksichtigten sind, für eine Frage der Fitness, zu der ich mir aus der Ferne kein abschließendes Urteil anmaßen möchte.

Vor dem Spiel meldete sich kurzfristig Innenverteidiger Mats Hummels krank, sodass Löw die folgende Aufstellung auf das Feld schickte: Neuer – Mustafi (70.Khedira), Boateng, Mertesacker, Höwedes –  Lahm, Schweinsteiger (109. Kramer), Özil, Kroos, Götze (46. Schürrle) – Müller

Spielverlauf:  Die Deutsche Elf begann nominell im gewohnten 4-2-3-1 mit Schweinsteiger als zweitem Sechser neben Lahm und Müller als Falscher Neun. Tatsächlich aber erinnerte das Spiel der Deutschen an den HSV unter Thorsten Fink. Die Abwehrkette stand extrem hoch. Selbst die Innenverteidiger, Mertesacker und Boateng, standen zeitweilig beide in der Hälfte der Algerier. Bei eigenem Ballbesitz verschoben sich die Außenverteidiger, Mustafi und Höwedes, tief in die gegnerische Hälfte. Die Innenverteidigung stand relativ weit auseinander und wurde zeitweilig durch den abkippenden Sechser, Lahm, der zu Beginn die Hauptlast des Spielaufbaus trug, zu einer Dreierkette erweitert. Schweinsteiger spielte als zweiter Sechser deutlich offensiver und sollte offenbar auf der zentralen Achse die Bindung zwischen Defensive und Offensive herstellen. Er besetzte, meist im Wechselspiel mit Kroos, das zentrale Mittelfeld, beide tauchen aber auch immer wieder auf den Flügeln auf. Im Gefühl eigener technischer und individual-taktischer Überlegenheit versuchte man so, die Algerier in der eigenen Hälfte einzuschnüren. Durch die extrem nach vorne verschobenen Außenverteidiger und den mehr als Achter oder gar Zehner agierenden Schweinsteiger wurden punktuell die Räume personell überladen. Löw schien damit zwei Fliegen mit einer Klatsche schlagen zu wollen: Zum einen wollte man die Algerier auf engstem Raum ausspielen, zum anderen die Chancen erhöhen, dass man das Spielgerät bei Ballverlust durch sofortiges Pressing zurückerobert.

Gerade in der ersten Spielhälfte bevölkerten oft 21 Mann  die Spielhälfte Algeriens. Dadurch wurden die Räume für die Deutsche Mannschaft zwangsläufig extrem eng. Vermutlich war dies auch der Grund, warum Löw zu Beginn dem kleinen, wendigen und technisch beschlagenen Götze den Vorzug gab.

Die Algerier ihrerseits begannen in einem klassischen 4-4-2 mit zwei zunächst tief und eng beieinander stehenden Viererketten.  Oft schien es, als ließen sie den Gegner fast passiv gewähren, denn sie beschränkten sich zunächst auf das Schließen von Lücken und Blockieren von (möglichen) Passwegen. Bei Ballbesitz der Deutschen verteidigten sie meist sehr mannorientiert und versuchten so, die spielstärkeren deutschen Spieler möglichst nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Immer wieder schoss ein Algerier aus seiner Kette heraus und attackierte seinen „logischen“ Gegenspieler, was gerade in der ersten Spielhälfte zu einer Vielzahl von Ballverlusten der Deutschen Mannschaft führte. Dabei wurden die Algerier durch Ungenauigkeiten im Passspiel ihres Gegners unterstützt. Einmal im Ballbesitz war Algerien erkennbar bemüht, schnell umzuschalten und tauchte überfallartig in der Deutschen Hälfte auf.

Je länger das Spiel lief, desto häufiger entstanden so brenzlige Situationen aus deutscher Sicht. Nur gut, dass Deutschland mit Manuel Neuer den weltbesten „Ausputzer“ bei diesem Turnier stellt. Immer wieder musste Neuer weit aus seinem Tor und Strafraum heraus, um in höchster Not gegen einen durchgebrochenen algerischen Angreifer zu klären. Dabei stockte mir regelmäßig der Atem, denn der deutsche Torhüter wandelte dabei beständig auf einem denkbar schmalen Grat. Einen Sekundenbruchteil zu spät, und er wäre wohl mit Rot vom Platz geflogen. Doch Neuer blieb zum Glück absolut fehlerlos und zeigte über die gesamte Spielzeit eine fabelhafte Leistung. In diesem Zusammenhang wurde m.E. ein Manko der von Löw bisher favorisierten Besetzung der defensiven Viererkette durch gleich vier ausgebildete Innenverteidiger  offensichtlich. Die nach vorne verschobenen Höwedes und Mustafi sind es schlicht nicht gewohnt, auf engstem Raum offensiv zu agieren, was zu einigen Ballverlusten auf den personell überladenen Flügeln führte. Zudem wirkten sie in der Rückwärtsbewegung gegen die agilen Algerier des öfteren läuferisch schlicht überfordert, sodass Neuer tatsächlich mehrere Male zur letzten Defensiv-Option wurde, um einen Gegentreffer nach Konter zu verhindern. Merke: wer weit nach vorne verschiebt, hat auch weite Wege zurück…

Die erste Halbzeit gehörte aus meiner Sicht den Algeriern. Mit fortschreitender Spielzeit erschien die Deutsche Elf zunehmend ratlos. Den Algeriern gelang  es, Götze, Özil und Kroos weitestgehend aus dem Spiel zu nehmen. Vor allem Özil schienen die mannorientierten Attacken des Gegners zuzusetzen  und zunehmend die Lust am Spiel zu rauben. Wenn für die Löw-Truppe offensiv etwas ging, dann meist durch Schüsse aus der zweiten Reihe (Kroos). Das lag auch daran, dass sich das deutsche Offensivpersonal zu wenig bewegte und des öfteren eingereiht im Deckungsschatten der defensiv orientierten Viererketten Algeriens verharrte, während die Halbräume davor zunehmend verwaisten. Auch etwas, was man als leidgeprüfter HSV-Anhänger „bestens“ kennt. Stichwort: ungenügende Staffelung.

Zur Halbzeit, ich gestehe dies freimütig, konnte ich mir eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen, wurde doch vor dem Spiel mit der typisch deutschen Zurückhaltung lediglich über die Höhe eines Sieges spekuliert. Aber, um keine Missverständnisse entstehen zu lassen, natürlich hoffte ich dennoch, dass Deutschland am Ende als Sieger vom Feld gehen würde.

Löw reagierte in der Halbzeitpause und brachte Schürrle für Götze, was sich im weiteren Verlauf als richtig erweisen sollte. Die Deutsche Elf kam nach Wiederanpfiff zunehmend besser in das Spiel. Dafür gab es m.E. zwei Gründe:

1.) gelang es den Algeriern nun nicht mehr so gut, die Abstände zwischen ihren beiden Viererketten eng zu halten, wodurch sich zwangsläufig mehr Raum für ein Kombinationsspiel des deutschen Offensivpersonals bot;
2.) agierte Schürrle im Hinblick auf einen Torabschluss wesentlich zielstrebiger als Götze. Zum einen war er erkennbar darum bemüht, selbst zum Torabschluss zu kommen. Zum anderen besetzte er als zweite Spitze (neben Müller) die gefährliche Zone. Durch Schürrles Zug zum Tor konnte der Raumdeuter Müller auch vermehrt in die Halbräume ausweichen, ohne dass die Spitze dann unbesetzt blieb.

Es häuften sich also in der zweiten Spielhälfte die Chancen für die Deutsche Elf. Ein Tor sollte ihr jedoch zunächst nicht gelingen.

In der 69. Spielminute verletzte sich der junge Mustafi bei einem Befreiungsschlag ohne gegnerische Einwirkung schwer. Dem Vernehmen nach erlitt er einen Muskelbündelriss im linken Oberschenkel und wird für den Rest des Turniers ausfallen (Gute Besserung!). Löw war also zu einer weiteren Umstellung gezwungen und brachte für den Verletzten Khedira in das Spiel.  Die Antwort auf die Frage, Khedira oder Schweinsteiger?, wurde also ab diesem Zeitpunkt mit „beide“ beantwortet, denn Lahm ersetzte Mustafi nun als Rechtsverteidiger.

Bei Khedira wechselten im weiteren Verlauf Licht und Schatten. Einigen guten Vorlagen (80.; 82.) standen auch einige vermeidbare Ballverluste gegenüber, die zu höchst gefährlichen Gegenstößen der Algerier führten. Da Schweinsteiger gegen Ende der regulären Spielzeit zunehmend von Krämpfen geplagt wurde, kann ich durchaus nachvollziehen, warum Löw Lahm bisher als einen der beiden Sechser fest eingeplant hat, während er mit Rücksicht auf die mangelnde Fitness und Spielpraxis von Schweinsteiger und Khedira auf der zweiten Sechser-Position bisher ein Jobsharing betrieb.

Jedenfalls verstärkte sich in Folge der Umstellungen der Druck der Deutschen Nationalmannschaft auf den Gegner aus Algerien deutlich. Zwischen der 80. und der 90. Spielminute hatte sie einige Chancen, um das Spiel in der regulären Spielzeit zu ihren Gunsten zu entscheiden. Doch der zu Beginn unsicher wirkende M’Bolhi im Gehäuse der Nordafrikaner steigerte sich erheblich und vereitelte auch die besten Torchancen. Es blieb daher auch nach Ablauf der regulären Spielzeit beim torlosen Unentschieden.

Die Verlängerung von zweimal 15 Minuten hatte kaum begonnen, da gelang dann doch der ersehnte Führungstreffer für Deutschland. Müller setzte sich auf der  linken Seite des gegnerischen Strafraums durch und passte scharf quer nach innen. Schürrle war einen Tick schneller am Ball als alle anderen und lenkte den Ball mit der Hacke an M’Bolhi vorbei ins Netz. Das 1:0 für Deutschland in der 92. Minute.

Die tapfer kämpfenden Algerier waren nun natürlich gezwungen, ihre eigenen Angriffsbemühungen zu intensivieren, was bekanntlich regelmäßig zu Lasten der Defensive geht.

In der 96. Minute hätte Özil, der allein auf das Tor der Algerier zulief,  vorentscheidend die Führung für Deutschland ausbauen können, doch er wirkte zu zögerlich und vertändelte diese großartige Gelegenheit. Dies hätte sich fünf Minuten später beinahe gerächt, doch Mostefa vergab eine große Ausgleichschance für seine Mannschaft (101.; nach Fehler von Khedira).

Kur vor Ende der Verlängerung gelang dann Özil doch noch das beruhigende 2:0, nachdem zuvor ein Schuss von Schürrle durch Algeriens Defensive nur geblockt werden konnte (119).

Kurz vor Abpfiff gelang dann Algerien der 2:1- Anschlusstreffer durch Djabou, nachdem sich die Deutsche Defensive einmal mehr ungeordnet zeigte. Wenig später beendete Schiedsrichter Ricci die Begegnung.

Schiedsrichter: Sandro Ricci (Brasilien). Einige kleinere Fehlentscheidungen (u.a. falsche Abseitsentscheidung; kein Gelb nach taktischem Foul), aber die von einigen befürchtete Kartenflut gegen die Deutsche Mannschaft durch den Brasilianer blieb aus.

Fazit: Die Deutsche Auswahl musste Schwerstarbeit verrichten, um gegen beherzt kämpfende Algerier das Viertelfinale zu erreichen (Glückwunsch!). Der Deutsche Sieg geht aufgrund einer klaren Leistungssteigerung ab der 46. Spielminute und aufgrund Quantität und Qualität der Torchancen in Ordnung.

Algeriens Mannschaft hat wie zuvor Chile oder Costa Rica gezeigt, dass jeder Hochmut der „Großen“ fehl am Platze ist. Auch durch die Tatsache, dass ihnen der Anschlusstreffer gelang, kommt dies zum Ausdruck. Die Mannschaft kann erhobenen Hauptes nach Hause fahren. Respekt!

Die Deutsche Nationalmannschaft wird sich im Viertelfinale gegen Frankreich spielerisch steigern müssen, will sie auch diese Partie siegreich überstehen und in das Halbfinale einziehen.

Wäre diese Begegnung aus Deutscher Sicht verloren gegangen, so hätte sich m.M.n. Löw den Vorwurf gefallen lassen müssen, angesichts der gewählten offensiven Taktik mit seiner rein aus gelernten Innenverteidigern bestehenden Abwehrformation falsch gelegen zu haben. Zwei Fragen seien erlaubt:
1.) Wenn die klimatischen Bedingungen als ein wesentlicher Grund für den Verzicht auf gelernte Außenverteidiger angeführt wurden, so konnte dies für Porto Alegre keinesfalls gelten. Die Temperaturen vor Ort waren für eine Deutsche Mannschaft weder außergewöhnlich noch ungewohnt. Mit welcher Begründung blieb man also bei der bekannten Formation?
2.) Wann, wenn nicht in einem derartigen Spiel gegen erwartungsgemäß schnell umschaltende Algerier, will man Leuten wie dem schnellen Durm oder Großkreutz Spielpraxis gewähren? Angesichts von möglichen Sperren und Verletzungen in der Stammformation hat man hier m.E. die Gelegenheit verpasst.

Konditionell, wenn man von Khedira und Schweinsteiger absieht, scheint die Deutsche Mannschaft bestens gerüstet. Für die Begegnung gegen Frankreich dürfte Hummels wieder zur Verfügung stehen, sodass Boateng wieder auf die rechte defensive Außenbahn zurückkehren könnte. Boateng erschien jedoch in der Partie gegen Algerien der einzige zu sein, der läuferisch gegen schnelle Angreifer ohne Probleme mithalten konnte. Insgesamt bleibe ich in Sachen Abwehrformation skeptisch.