Mustafi

Dank engagierter Abwehrleistung ins Halbfinale: Frankreich – Deutschland 0:1 (0:1)

Zuletzt schien es, als ließe sich Bundestrainer Löw von der anhaltenden Diskussion über die Aufstellung seines Teams nicht beirren und hielte unbeirrt an der umstrittenen Nominierung Lahms für das Defensive Mittelfeld fest. Nachdem sich Mustafi im Spiel gegen Algerien verletzt hatte und daher für den Rest des Turniers nicht mehr zur Verfügung steht, nahm diese Diskussion an Heftigkeit zu. Dennoch hatte wohl nicht nur ich erwartet, dass Lahm auch gegen die Franzosen auf der Sechs spielen würde, da Boateng nach der Genesung Hummels als Ersatz für Mustafi auf der rechten defensiven Außenbahn zur Verfügung stand. Offenbar aber hatte Löw für dieses Spiel einen anderen Plan. So fehlte vor Spielbeginn der Name Mertesacker in der Startelf, dessen Planstelle von eben jenem Boateng besetzt wurde. Daraus folgte dann endgültig die Rückkehr – zumindest für diese Partie – zu der mehrheitlich in den Medien favorisierten Aufstellung mit Lahm als Rechtsverteidiger und der Besetzung der Doppelsechs durch Schweinsteiger und Khedira. Löw schickte seine Mannschaft also in der folgenden Aufstellung auf das Feld: Neuer – Lahm, Boateng, Hummels, Höwedes – Schweinsteiger, Khedira, Müller, Kroos (90+2. Kramer),  Özil (83. Götze) – Klose (69. Schürrle)

Ich glaube, dass Löw mit der Neuformierung seiner Abwehrkette keineswegs dem öffentlichen Druck nachgegeben hat, sondern dass es sich hier um eine Anpassung an die quirligen, schnellen Angreifer der Franzosen handelte. Mertesacker besticht durch sein Kopfball- und Stellungsspiel. In der Spieleröffnung wählt er oft den einfachen, risikolosen Pass, wirkt aber in direkten Laufduellen gegen bewegliche Angreifer gelegentlich überfordert. Durch Boateng und vor allem Lahm wurde die Abwehrreihe sowohl läuferisch als auch in Sachen Beweglichkeit für diesen speziellen Gegner m.E. optimiert.

Spielverlauf:  Nach längerer Zeit  begann die Deutsche Nationalmannschaft also wieder eine Begegnung in der (früher) gewohnten Rollenverteilung, also mit Lahm als Rechtsverteidiger, dem Duo Schweinsteiger/Khedira auf der Doppel-Sechs und Klose als Sturmspitze in einem klaren 4-2-3-1. Bei  eigenem Ballbesitz verschob man erneut in Richtung gegnerische Hälfte, jedoch blieben beide Innenverteidiger in Erwartung von Kontern der Franzosen ein klein wenig defensiver positioniert.

Der Trainer der Franzosen, Deschamps, schickte seine Elf zunächst in einem 4-3-3 auf das Feld. Das Spiel Frankreichs erinnerte mich bei Ballbesitz an das der Deutschen in ihrem Achtelfinale gegen Algerien. Beide Außenverteidiger verschoben sich offensiv in Richtung Mittelfeld, wenngleich sie einen Tick defensiver agierten, als es Mustafi und Höwedes  gegen Algerien getan hatten. Aus dem Mittelfeld ließ sich immer wieder Cabaye zwischen die beiden Innenverteidiger fallen, um das eigene Spiel aufzubauen.

Beide Mannschaften begannen die Begegnung eher verhalten und waren in ihren Aktionen zunächst vor allem auf Sicherheit bedacht.

In der 12. Minute wurde Kroos in der Spielhälfte der Franzosen im linken Halbfeld gefoult. Den fälligen Freistoß flankte der Gefoulte selbst mit Schnitt zum Tor in den Strafraum des Gegners. Hummels konnte sich seinen Gegenspieler erfolgreich vom Leib halten und verwandelte diese Vorlage per Kopf rechts oben unter die Latte zur frühen 0:1-Führung für Deutschland.

Mit der Führung im Rücken überließ die Deutsche Elf dem Gegner meist ungestört den eigenen Spielaufbau. Wenn im vorderen Drittel ein ballführender,  französischer Abwehrspieler angelaufen wurde, dann nicht mit letzter Konsequenz, sondern nur um das Aufbauspiel des Gegners zu lenken. Tatsächlich presste man die Franzosen erst im Mittelfeld. Hier verengten sich oft die Räume, da beide Mannschaften die Abstände zwischen ihren Ketten eng hielten. So sah man des Öfteren alle Feldspieler, Franzosen wie Deutsche, in einem Korridor von 15 Metern links und rechts der Mittellinie.

Schnell wurde das Konzept der Franzosen deutlich. Sie versuchten mit langen, oft diagonalen Bällen in den Rücken der Deutschen Abwehr zu kommen und Benzema in Schussposition zu bringen.  Eine Aktion sei hier  beispielhaft dargestellt: In der 33. Minute spielte Linksaußen Griezmann im Strafraum der Deutschen auf den Rechtsaußen Valbuena, doch dessen Abschluss konnte Neuer mit Mühe parieren. Den Nachschuss von Benzema aus vier-fünf Metern konnte Hummels (nach der Partie zum Man of the Match gewählt) in höchster Not über das Tor blocken.

Bei eigenem Ballbesitz lief das Spiel der deutschen Nationalmannschaft meist über die rechte Seite. Man merkte, dass hier mit Lahm und Müller ein im Verein eingespieltes und vielfach bewährtes Gespann agierte. Lahm fand im Vergleich mit der Deutschen Doppelsechs am schnellsten ins Spiel und wirkte vor allem zu Beginn der Partie auf mich wie der eigentliche Motor der deutschen Angriffsbemühungen, während Schweinsteiger und Khedira einige Zeit benötigten, um in die Begegnung zu finden.

Das Spiel der Franzosen wirkte auf mich gelegentlich etwas zu vorhersehbar. Immer wieder war es Cabaye, der mit langen Bällen versuchte, die eigenen Angreifer in Szene zu setzen. Dennoch verpasste es die deutsche Defensivreihe gelegentlich, sich in Erwartung des langen Balles der Franzosen rechtzeitig  von ihrem jeweiligen Gegenspieler zu lösen und nach hinten abzusetzen (um nicht Gefahr zu laufen, überlaufen zu werden). Aber, und dies ist die andere Seite der Medaille, läuferisch war diese Formation wohl das beste, was Löw derzeit zur Verfügung steht (wenn man sich auf gelernte Innenverteidiger beschränkt). Daher gelang es der Deutschen Abwehr dennoch meist, die Franzosen entscheidend zu stören und am Torschuss zu hindern.

Spielerisch wirkte die Deutsche Elf im Vergleich zum Algerien-Spiel verbessert, was vor allem daran gelegen haben dürfte, dass sich die Franzosen keineswegs hinten reinstellten und sich nicht allein aufs Kontern beschränkten. Dadurch ergaben sich für die Löw-Truppe schlicht mehr und größere Räume. Letztlich fehlte jedoch die letzte Genauigkeit und Konsequenz beim letzten oder vorletzten Pass.

Nach dem Seitenwechsel verstärkten die Franzosen ihre Angriffsbemühungen. Es häuften sich die brenzligen Situationen in und rund um den deutschen Strafraum. Dennoch hatte ich kaum je das Gefühl, dass die Franzosen ein Tor schießen könnten. Die nur aus Innenverteidigern bestehende Abwehrkette schloss wie von Löw erwartet das Zentrum, sodass die Franzosen meist aus eher ungünstigen Winkeln zum Schuss kamen. Der Einsatzwillen stimmte, und aus einer guten Formation ragten Lahm und Hummels heraus, die beide eine großartige Leistung zeigten.

In der 69. Minute wechselte Löw zum ersten Mal und brachte Edeljoker Schürrle für Klose, der defensiv viel gelaufen war, aber offensiv kaum in Erscheinung treten konnte.

Deschamps reagierte auf den Spielstand und die fortschreitende Spielzeit und verstärkte seinerseits die Offensive seiner Elf. In der 73. Minute kam mit Remy (für Cabaye) ein weiterer Angreifer. Einige Male schienen die Franzosen nun doch dicht vor dem Ausgleichstreffer zu stehen, doch letztlich überstand die Deutsche Abwehr diese Drangphase des Gegners (50.- 80. Spielminute) mit Glück und Geschick.

Ich hätte mir gewünscht, dass Löw spätestens ab der 75. Minute zu seiner für dieses Turnier favorisierten Formation zurückgekehrt wäre, also Lahm zurück in das Zentrum beordert hätte. Vor allem der vor dem Turnier lange verletzte Khedira schien mir mit dem Kräften merklich am Ende zu sein. Als Beleg mag eine Szene in eben jener Spielminute dienen: Khedira lief tief aus der eigenen Hälfte starten einen längeren Sprint mit Ball, wurde jedoch eingeholt und ließ sich dann, offenbar auf einen Freistoß spekulierend, kurz hinter der Mittellinie fallen (den Freistoß gab Pitana hier zurecht nicht, denn da war gar nichts – außer Khediras offensichtliche Erschöpfung).

Je mehr sich die reguläre Spielzeit dem Ende zuneigte, desto mehr waren die Franzosen nun gezwungen, ihre Abwehr zu entblößen, um doch noch den Ausgleichstreffer zu erzielen. In der 82. Minute lief der eher unauffällig spielende Özil bei einem Konter der Deutschen Elf auf dem linken Flügel auf und davon. Leider trat Müller nach dem feinen Rückpass Özils (von der Grundlinie diagonal durch den Strafraum der Franzosen) am Ball völlig vorbei. Dieser kam jedoch zum ebenfalls mitgelaufenen Schürrle. Schürrle wollte den Ball aus halbrechter Position gegen die Laufrichtung des Torhüters, Lloris, ins lange Eck schieben, traf aber ebenfalls den Ball nicht sauber, sodass der Torwart der Franzosen den Schuss mit den Beinen parieren konnte. Das hätte das 0:2 sein müssen.

Überhaupt möchte ich an dieser Stelle einmal eine Lanze für Özil brechen. Sicher hat er schon deutlich bessere Spiele abgeliefert als bei diesem Turnier. Schaut man sich jedoch u.a. seine Pass-Quote an, so verstehe ich absolut, warum der Bundestrainer an ihm festhält. Ich empfehle in diesem Zusammenhang die Lektüre des Artikels im Blog gegendenball: „http://gegendenball.com/vom-edeltechniker-zum-pruegelknaben-mesut-oezil/“. Spieler wie er (oder Boateng, früher auch Ballack) wirken in ihren Bewegungen mitunter aufreizend lässig, was ihnen m.E. irrtümlich als fehlendes Temperament oder mangelnden Einsatzwillen ausgelegt wird. Hier sollte man auch aufpassen, dass man sich als Zuschauer nicht von den TV-Kommentatoren beeinflussen lässt (Vergleiche hierzu: http://www.handelsblatt.com/sport/wm2014/anstoss-die-wm-kolumne-alltaegliche-stigmatisierung/10137194-2.html). Halten wir  bei aller angemessenen Kritik fest: Hätten Müller oder Schürrle diese Vorlage von Özil genutzt, so hätte Özil einen weiteren Assist auf seinem Konto.

In der 83. Spielminute ersetzte Götze Özil, was mich verwunderte. Denn es bestand ja mindestens theoretisch die Möglichkeit, dass sich die Franzosen dank eines späten Treffers noch in die Verlängerung retten würden. Insofern wäre Khedira schon allein aus konditionellen Gründen mein Favorit für eine Auswechselung gewesen. Löw aber, das ist jedenfalls meine Erklärung für seine Wechselstrategie, hoffte wohl über die beiden frischen Leute (Götze und Schürrle) das Spiel endgültig zugunsten Deutschlands entscheiden zu können. Tatsächlich hatte erneut Schürrle in der 88. Minute die Chance zum 0:2, aber dieses Mal schloss er überhastet ab und traf lediglich einen französischen Abwehrspieler.

Mit seinem letzten Wechsel (92., Kramer für Kroos) versuchte Löw m.E. hauptsächlich, Zeit von der Uhr zu nehmen. In der Nachspielzeit (90+3.)  zog der sehr auffällige Benzema aus halbrechter Position ab, aber Neuer konnte den Ball dank eines tollen Reflexes mit einer Hand entschärfen. Es blieb daher beim knappen, aber keineswegs unverdienten Sieg der Deutschen Nationalmannschaft.

Schiedsrichter: Nestor Pitana (Argentinien) leitete die Partie ordentlich, aber mit mehrfach falscher Bewertung von Abseitsstellungen. Versagte Deutschland in der 24. Minute zu Recht einen Elfmeter, den man aber gemessen am „Robben-Elfmeter“ bei dieser WM hätte geben können.

Fazit: Die Deutsche Mannschaft erreicht dank einer starken Teamleistung vor allem in der Defensive das Halbfinale der WM. Herzlichen Glückwunsch!

Bei den Franzosen gefiel mir besonders Benzema. Frankreich hat nach einer desaströsen Phase wieder eine starke und vor allem geschlossene Mannschaft, mit der bei den kommenden Turnieren vermehrt zu rechnen sein wird.

Im anderen Spiel des Tages, dem des Gastgebers Brasilien gegen Kolumbien, setzte sich Brasilien mit 2:1 durch. Die Deutsche Elf trifft also im Halbfinale auf den Gastgeber. Dieser geht aber mit dem Handicap in das Spiel, dass ihr Superstar, Neymar (Bruch eines Lendenwirbels. Gute Besserung!), ausfallen wird. Zudem muss die Seleçao auf ihren Kapitän, Thiago Silva (gelbgesperrt) verzichten. Für mich geht daher das Deutsche Team trotz Heimvorteil der Brasilianer als leichter Favorit in das kommende Spiel.

Großartig fand ich, wie Mertesacker seine Nichtberücksichtigung kommentiert hat. Dieser Teamgeist ist nicht nur als vorbildlich zu loben, sondern er erscheint auch als unverzichtbar, will die Deutsche Mannschaft ihr selbstgestecktes Ziel, den Titel, erreichen.

Nach Schwerstarbeit im Viertelfinale: Deutschland – Algerien 2:1 n.V. (0:0)

Ein Fußballspiel zwischen Deutschland und Algerien ist für mich schon etwas sehr Spezielles. Es muss wohl 1980 (oder ’81) gewesen sein, ganz genau kann ich mich nicht mehr erinnern, da kam ich zu dem Schluss, dass ich dringend meine Kenntnisse der französischen Sprache aufpolieren sollte. Da traf es sich gut, dass zwei Klassenkameraden schon längere Zeit eine Reise nach Algerien planten. Die beiden wollten mit einem Interrailticket von Hamburg über Spanien durch Marokko fahren, dort die Grenze zu Algerien passieren und dann für schmales Geld (das Interrailticket galt nicht mehr in Algerien) weiter bis nach Algier reisen. Das war jedenfalls ihr Plan. Da ich mich erst auf den letzten Drücker ihrer Reisegruppe angeschlossen hatte, entschied ich mich für den direkten Weg: Von Hamburg nach Marseille mit der Bahn. Dort wollte ich dann die Fähre besteigen, die mich direkt und ohne Umwege in den Hafen von Algier befördern sollte.  Das war mein Plan.

So trafen wir uns am Abreisetag am Hamburger Hauptbahnhof. Ihr Zug in Richtung Spanien stand bereits auf dem Nebengleis, während ich meinen nach Marseille bestieg. Ich erspare Euch hier weitere Details. Das Ende vom Lied: ich traf wie geplant pünktlich im Hafen der algerischen Hauptstadt ein und wurde dort von einem algerischen Bekannten in Empfang genommen. Meine beide Freunde aber, die kamen nur bis zur Grenze zwischen Marokko und Algerien. Diese aber war gerade einmal wieder geschlossen, da es Spannungen zwischen beiden Ländern gab (West-Sahara). Also mussten sie wieder Marokko durchqueren und zurück nach Spanien übersetzen. Dort machten sie sich dann auf die Suche nach einer Fährverbindung direkt nach Algerien. In meiner Erinnerung kamen sie mit mehr als 10 Tagen Verspätung endlich auch in Algier an. Mit anderen Worten: der gemeinsame Urlaub fiel praktisch ins Wasser. Nur gut, dass unsere algerischen Kontakte so überaus gastfreundlich waren. Die meisten lebten in Studentenunterkünften der Universität Algier und studierten Medizin. Und obwohl der Zutritt für Ausländer zu diesen studentischen Wohnheimen offiziell verboten war, schmuggelten sie mich Tag für Tag an den Eingangskontrollen vorbei. So kam es, dass ich am frühen Abend oft in einer Studentenmannschaft auf dem Universitätsgelände Fußball spielte. Um es hier kurz zu halten: Ich werde die Freundlichkeit der Menschen dort nie vergessen. Daher habe ich die späteren Berichte über die politischen Unruhen dort immer mit besonderer Anteilnahme verfolgt. 1982 kam es dann zu einem offiziellen Fußballspiel zwischen Deutschland und Algerien, das Algerien bekanntlich gewann. Es folgte der Nichtangriffspakt von Gijón, dem dann Algerien zum Opfer fiel. War die WM `78 einfach enttäuschend, so fühlte ich mich `82 in mehrfacher Hinsicht beschämt.  Umso mehr hat mich das bisher erfolgreiche Auftreten der Algerier bei dieser WM gefreut.

Vor dieser Partie wurden in Fußball-Deutschland zwei Fragen diskutiert:

1. Ist der als Linksverteidiger spielende Höwedes der „Schwachpunkt“ (Magath)?
2. Soll Khedira oder Schweinsteiger neben Lahm den zweiten Sechser spielen, oder sollen gar beide gemeinsam dort spielen und Lahm den Rechtsverteidiger geben?

Meine Meinung zur Außenverteidigerproblematik habe ich ja hier bereits unlängst geschrieben. Was die Besetzung der Sechser-Position(en) angeht, so halte ich dies neben taktischen Gesichtspunkten, die zu berücksichtigten sind, für eine Frage der Fitness, zu der ich mir aus der Ferne kein abschließendes Urteil anmaßen möchte.

Vor dem Spiel meldete sich kurzfristig Innenverteidiger Mats Hummels krank, sodass Löw die folgende Aufstellung auf das Feld schickte: Neuer – Mustafi (70.Khedira), Boateng, Mertesacker, Höwedes –  Lahm, Schweinsteiger (109. Kramer), Özil, Kroos, Götze (46. Schürrle) – Müller

Spielverlauf:  Die Deutsche Elf begann nominell im gewohnten 4-2-3-1 mit Schweinsteiger als zweitem Sechser neben Lahm und Müller als Falscher Neun. Tatsächlich aber erinnerte das Spiel der Deutschen an den HSV unter Thorsten Fink. Die Abwehrkette stand extrem hoch. Selbst die Innenverteidiger, Mertesacker und Boateng, standen zeitweilig beide in der Hälfte der Algerier. Bei eigenem Ballbesitz verschoben sich die Außenverteidiger, Mustafi und Höwedes, tief in die gegnerische Hälfte. Die Innenverteidigung stand relativ weit auseinander und wurde zeitweilig durch den abkippenden Sechser, Lahm, der zu Beginn die Hauptlast des Spielaufbaus trug, zu einer Dreierkette erweitert. Schweinsteiger spielte als zweiter Sechser deutlich offensiver und sollte offenbar auf der zentralen Achse die Bindung zwischen Defensive und Offensive herstellen. Er besetzte, meist im Wechselspiel mit Kroos, das zentrale Mittelfeld, beide tauchen aber auch immer wieder auf den Flügeln auf. Im Gefühl eigener technischer und individual-taktischer Überlegenheit versuchte man so, die Algerier in der eigenen Hälfte einzuschnüren. Durch die extrem nach vorne verschobenen Außenverteidiger und den mehr als Achter oder gar Zehner agierenden Schweinsteiger wurden punktuell die Räume personell überladen. Löw schien damit zwei Fliegen mit einer Klatsche schlagen zu wollen: Zum einen wollte man die Algerier auf engstem Raum ausspielen, zum anderen die Chancen erhöhen, dass man das Spielgerät bei Ballverlust durch sofortiges Pressing zurückerobert.

Gerade in der ersten Spielhälfte bevölkerten oft 21 Mann  die Spielhälfte Algeriens. Dadurch wurden die Räume für die Deutsche Mannschaft zwangsläufig extrem eng. Vermutlich war dies auch der Grund, warum Löw zu Beginn dem kleinen, wendigen und technisch beschlagenen Götze den Vorzug gab.

Die Algerier ihrerseits begannen in einem klassischen 4-4-2 mit zwei zunächst tief und eng beieinander stehenden Viererketten.  Oft schien es, als ließen sie den Gegner fast passiv gewähren, denn sie beschränkten sich zunächst auf das Schließen von Lücken und Blockieren von (möglichen) Passwegen. Bei Ballbesitz der Deutschen verteidigten sie meist sehr mannorientiert und versuchten so, die spielstärkeren deutschen Spieler möglichst nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Immer wieder schoss ein Algerier aus seiner Kette heraus und attackierte seinen „logischen“ Gegenspieler, was gerade in der ersten Spielhälfte zu einer Vielzahl von Ballverlusten der Deutschen Mannschaft führte. Dabei wurden die Algerier durch Ungenauigkeiten im Passspiel ihres Gegners unterstützt. Einmal im Ballbesitz war Algerien erkennbar bemüht, schnell umzuschalten und tauchte überfallartig in der Deutschen Hälfte auf.

Je länger das Spiel lief, desto häufiger entstanden so brenzlige Situationen aus deutscher Sicht. Nur gut, dass Deutschland mit Manuel Neuer den weltbesten „Ausputzer“ bei diesem Turnier stellt. Immer wieder musste Neuer weit aus seinem Tor und Strafraum heraus, um in höchster Not gegen einen durchgebrochenen algerischen Angreifer zu klären. Dabei stockte mir regelmäßig der Atem, denn der deutsche Torhüter wandelte dabei beständig auf einem denkbar schmalen Grat. Einen Sekundenbruchteil zu spät, und er wäre wohl mit Rot vom Platz geflogen. Doch Neuer blieb zum Glück absolut fehlerlos und zeigte über die gesamte Spielzeit eine fabelhafte Leistung. In diesem Zusammenhang wurde m.E. ein Manko der von Löw bisher favorisierten Besetzung der defensiven Viererkette durch gleich vier ausgebildete Innenverteidiger  offensichtlich. Die nach vorne verschobenen Höwedes und Mustafi sind es schlicht nicht gewohnt, auf engstem Raum offensiv zu agieren, was zu einigen Ballverlusten auf den personell überladenen Flügeln führte. Zudem wirkten sie in der Rückwärtsbewegung gegen die agilen Algerier des öfteren läuferisch schlicht überfordert, sodass Neuer tatsächlich mehrere Male zur letzten Defensiv-Option wurde, um einen Gegentreffer nach Konter zu verhindern. Merke: wer weit nach vorne verschiebt, hat auch weite Wege zurück…

Die erste Halbzeit gehörte aus meiner Sicht den Algeriern. Mit fortschreitender Spielzeit erschien die Deutsche Elf zunehmend ratlos. Den Algeriern gelang  es, Götze, Özil und Kroos weitestgehend aus dem Spiel zu nehmen. Vor allem Özil schienen die mannorientierten Attacken des Gegners zuzusetzen  und zunehmend die Lust am Spiel zu rauben. Wenn für die Löw-Truppe offensiv etwas ging, dann meist durch Schüsse aus der zweiten Reihe (Kroos). Das lag auch daran, dass sich das deutsche Offensivpersonal zu wenig bewegte und des öfteren eingereiht im Deckungsschatten der defensiv orientierten Viererketten Algeriens verharrte, während die Halbräume davor zunehmend verwaisten. Auch etwas, was man als leidgeprüfter HSV-Anhänger „bestens“ kennt. Stichwort: ungenügende Staffelung.

Zur Halbzeit, ich gestehe dies freimütig, konnte ich mir eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen, wurde doch vor dem Spiel mit der typisch deutschen Zurückhaltung lediglich über die Höhe eines Sieges spekuliert. Aber, um keine Missverständnisse entstehen zu lassen, natürlich hoffte ich dennoch, dass Deutschland am Ende als Sieger vom Feld gehen würde.

Löw reagierte in der Halbzeitpause und brachte Schürrle für Götze, was sich im weiteren Verlauf als richtig erweisen sollte. Die Deutsche Elf kam nach Wiederanpfiff zunehmend besser in das Spiel. Dafür gab es m.E. zwei Gründe:

1.) gelang es den Algeriern nun nicht mehr so gut, die Abstände zwischen ihren beiden Viererketten eng zu halten, wodurch sich zwangsläufig mehr Raum für ein Kombinationsspiel des deutschen Offensivpersonals bot;
2.) agierte Schürrle im Hinblick auf einen Torabschluss wesentlich zielstrebiger als Götze. Zum einen war er erkennbar darum bemüht, selbst zum Torabschluss zu kommen. Zum anderen besetzte er als zweite Spitze (neben Müller) die gefährliche Zone. Durch Schürrles Zug zum Tor konnte der Raumdeuter Müller auch vermehrt in die Halbräume ausweichen, ohne dass die Spitze dann unbesetzt blieb.

Es häuften sich also in der zweiten Spielhälfte die Chancen für die Deutsche Elf. Ein Tor sollte ihr jedoch zunächst nicht gelingen.

In der 69. Spielminute verletzte sich der junge Mustafi bei einem Befreiungsschlag ohne gegnerische Einwirkung schwer. Dem Vernehmen nach erlitt er einen Muskelbündelriss im linken Oberschenkel und wird für den Rest des Turniers ausfallen (Gute Besserung!). Löw war also zu einer weiteren Umstellung gezwungen und brachte für den Verletzten Khedira in das Spiel.  Die Antwort auf die Frage, Khedira oder Schweinsteiger?, wurde also ab diesem Zeitpunkt mit „beide“ beantwortet, denn Lahm ersetzte Mustafi nun als Rechtsverteidiger.

Bei Khedira wechselten im weiteren Verlauf Licht und Schatten. Einigen guten Vorlagen (80.; 82.) standen auch einige vermeidbare Ballverluste gegenüber, die zu höchst gefährlichen Gegenstößen der Algerier führten. Da Schweinsteiger gegen Ende der regulären Spielzeit zunehmend von Krämpfen geplagt wurde, kann ich durchaus nachvollziehen, warum Löw Lahm bisher als einen der beiden Sechser fest eingeplant hat, während er mit Rücksicht auf die mangelnde Fitness und Spielpraxis von Schweinsteiger und Khedira auf der zweiten Sechser-Position bisher ein Jobsharing betrieb.

Jedenfalls verstärkte sich in Folge der Umstellungen der Druck der Deutschen Nationalmannschaft auf den Gegner aus Algerien deutlich. Zwischen der 80. und der 90. Spielminute hatte sie einige Chancen, um das Spiel in der regulären Spielzeit zu ihren Gunsten zu entscheiden. Doch der zu Beginn unsicher wirkende M’Bolhi im Gehäuse der Nordafrikaner steigerte sich erheblich und vereitelte auch die besten Torchancen. Es blieb daher auch nach Ablauf der regulären Spielzeit beim torlosen Unentschieden.

Die Verlängerung von zweimal 15 Minuten hatte kaum begonnen, da gelang dann doch der ersehnte Führungstreffer für Deutschland. Müller setzte sich auf der  linken Seite des gegnerischen Strafraums durch und passte scharf quer nach innen. Schürrle war einen Tick schneller am Ball als alle anderen und lenkte den Ball mit der Hacke an M’Bolhi vorbei ins Netz. Das 1:0 für Deutschland in der 92. Minute.

Die tapfer kämpfenden Algerier waren nun natürlich gezwungen, ihre eigenen Angriffsbemühungen zu intensivieren, was bekanntlich regelmäßig zu Lasten der Defensive geht.

In der 96. Minute hätte Özil, der allein auf das Tor der Algerier zulief,  vorentscheidend die Führung für Deutschland ausbauen können, doch er wirkte zu zögerlich und vertändelte diese großartige Gelegenheit. Dies hätte sich fünf Minuten später beinahe gerächt, doch Mostefa vergab eine große Ausgleichschance für seine Mannschaft (101.; nach Fehler von Khedira).

Kur vor Ende der Verlängerung gelang dann Özil doch noch das beruhigende 2:0, nachdem zuvor ein Schuss von Schürrle durch Algeriens Defensive nur geblockt werden konnte (119).

Kurz vor Abpfiff gelang dann Algerien der 2:1- Anschlusstreffer durch Djabou, nachdem sich die Deutsche Defensive einmal mehr ungeordnet zeigte. Wenig später beendete Schiedsrichter Ricci die Begegnung.

Schiedsrichter: Sandro Ricci (Brasilien). Einige kleinere Fehlentscheidungen (u.a. falsche Abseitsentscheidung; kein Gelb nach taktischem Foul), aber die von einigen befürchtete Kartenflut gegen die Deutsche Mannschaft durch den Brasilianer blieb aus.

Fazit: Die Deutsche Auswahl musste Schwerstarbeit verrichten, um gegen beherzt kämpfende Algerier das Viertelfinale zu erreichen (Glückwunsch!). Der Deutsche Sieg geht aufgrund einer klaren Leistungssteigerung ab der 46. Spielminute und aufgrund Quantität und Qualität der Torchancen in Ordnung.

Algeriens Mannschaft hat wie zuvor Chile oder Costa Rica gezeigt, dass jeder Hochmut der „Großen“ fehl am Platze ist. Auch durch die Tatsache, dass ihnen der Anschlusstreffer gelang, kommt dies zum Ausdruck. Die Mannschaft kann erhobenen Hauptes nach Hause fahren. Respekt!

Die Deutsche Nationalmannschaft wird sich im Viertelfinale gegen Frankreich spielerisch steigern müssen, will sie auch diese Partie siegreich überstehen und in das Halbfinale einziehen.

Wäre diese Begegnung aus Deutscher Sicht verloren gegangen, so hätte sich m.M.n. Löw den Vorwurf gefallen lassen müssen, angesichts der gewählten offensiven Taktik mit seiner rein aus gelernten Innenverteidigern bestehenden Abwehrformation falsch gelegen zu haben. Zwei Fragen seien erlaubt:
1.) Wenn die klimatischen Bedingungen als ein wesentlicher Grund für den Verzicht auf gelernte Außenverteidiger angeführt wurden, so konnte dies für Porto Alegre keinesfalls gelten. Die Temperaturen vor Ort waren für eine Deutsche Mannschaft weder außergewöhnlich noch ungewohnt. Mit welcher Begründung blieb man also bei der bekannten Formation?
2.) Wann, wenn nicht in einem derartigen Spiel gegen erwartungsgemäß schnell umschaltende Algerier, will man Leuten wie dem schnellen Durm oder Großkreutz Spielpraxis gewähren? Angesichts von möglichen Sperren und Verletzungen in der Stammformation hat man hier m.E. die Gelegenheit verpasst.

Konditionell, wenn man von Khedira und Schweinsteiger absieht, scheint die Deutsche Mannschaft bestens gerüstet. Für die Begegnung gegen Frankreich dürfte Hummels wieder zur Verfügung stehen, sodass Boateng wieder auf die rechte defensive Außenbahn zurückkehren könnte. Boateng erschien jedoch in der Partie gegen Algerien der einzige zu sein, der läuferisch gegen schnelle Angreifer ohne Probleme mithalten konnte. Insgesamt bleibe ich in Sachen Abwehrformation skeptisch.