Ricci

Nach Schwerstarbeit im Viertelfinale: Deutschland – Algerien 2:1 n.V. (0:0)

Ein Fußballspiel zwischen Deutschland und Algerien ist für mich schon etwas sehr Spezielles. Es muss wohl 1980 (oder ’81) gewesen sein, ganz genau kann ich mich nicht mehr erinnern, da kam ich zu dem Schluss, dass ich dringend meine Kenntnisse der französischen Sprache aufpolieren sollte. Da traf es sich gut, dass zwei Klassenkameraden schon längere Zeit eine Reise nach Algerien planten. Die beiden wollten mit einem Interrailticket von Hamburg über Spanien durch Marokko fahren, dort die Grenze zu Algerien passieren und dann für schmales Geld (das Interrailticket galt nicht mehr in Algerien) weiter bis nach Algier reisen. Das war jedenfalls ihr Plan. Da ich mich erst auf den letzten Drücker ihrer Reisegruppe angeschlossen hatte, entschied ich mich für den direkten Weg: Von Hamburg nach Marseille mit der Bahn. Dort wollte ich dann die Fähre besteigen, die mich direkt und ohne Umwege in den Hafen von Algier befördern sollte.  Das war mein Plan.

So trafen wir uns am Abreisetag am Hamburger Hauptbahnhof. Ihr Zug in Richtung Spanien stand bereits auf dem Nebengleis, während ich meinen nach Marseille bestieg. Ich erspare Euch hier weitere Details. Das Ende vom Lied: ich traf wie geplant pünktlich im Hafen der algerischen Hauptstadt ein und wurde dort von einem algerischen Bekannten in Empfang genommen. Meine beide Freunde aber, die kamen nur bis zur Grenze zwischen Marokko und Algerien. Diese aber war gerade einmal wieder geschlossen, da es Spannungen zwischen beiden Ländern gab (West-Sahara). Also mussten sie wieder Marokko durchqueren und zurück nach Spanien übersetzen. Dort machten sie sich dann auf die Suche nach einer Fährverbindung direkt nach Algerien. In meiner Erinnerung kamen sie mit mehr als 10 Tagen Verspätung endlich auch in Algier an. Mit anderen Worten: der gemeinsame Urlaub fiel praktisch ins Wasser. Nur gut, dass unsere algerischen Kontakte so überaus gastfreundlich waren. Die meisten lebten in Studentenunterkünften der Universität Algier und studierten Medizin. Und obwohl der Zutritt für Ausländer zu diesen studentischen Wohnheimen offiziell verboten war, schmuggelten sie mich Tag für Tag an den Eingangskontrollen vorbei. So kam es, dass ich am frühen Abend oft in einer Studentenmannschaft auf dem Universitätsgelände Fußball spielte. Um es hier kurz zu halten: Ich werde die Freundlichkeit der Menschen dort nie vergessen. Daher habe ich die späteren Berichte über die politischen Unruhen dort immer mit besonderer Anteilnahme verfolgt. 1982 kam es dann zu einem offiziellen Fußballspiel zwischen Deutschland und Algerien, das Algerien bekanntlich gewann. Es folgte der Nichtangriffspakt von Gijón, dem dann Algerien zum Opfer fiel. War die WM `78 einfach enttäuschend, so fühlte ich mich `82 in mehrfacher Hinsicht beschämt.  Umso mehr hat mich das bisher erfolgreiche Auftreten der Algerier bei dieser WM gefreut.

Vor dieser Partie wurden in Fußball-Deutschland zwei Fragen diskutiert:

1. Ist der als Linksverteidiger spielende Höwedes der „Schwachpunkt“ (Magath)?
2. Soll Khedira oder Schweinsteiger neben Lahm den zweiten Sechser spielen, oder sollen gar beide gemeinsam dort spielen und Lahm den Rechtsverteidiger geben?

Meine Meinung zur Außenverteidigerproblematik habe ich ja hier bereits unlängst geschrieben. Was die Besetzung der Sechser-Position(en) angeht, so halte ich dies neben taktischen Gesichtspunkten, die zu berücksichtigten sind, für eine Frage der Fitness, zu der ich mir aus der Ferne kein abschließendes Urteil anmaßen möchte.

Vor dem Spiel meldete sich kurzfristig Innenverteidiger Mats Hummels krank, sodass Löw die folgende Aufstellung auf das Feld schickte: Neuer – Mustafi (70.Khedira), Boateng, Mertesacker, Höwedes –  Lahm, Schweinsteiger (109. Kramer), Özil, Kroos, Götze (46. Schürrle) – Müller

Spielverlauf:  Die Deutsche Elf begann nominell im gewohnten 4-2-3-1 mit Schweinsteiger als zweitem Sechser neben Lahm und Müller als Falscher Neun. Tatsächlich aber erinnerte das Spiel der Deutschen an den HSV unter Thorsten Fink. Die Abwehrkette stand extrem hoch. Selbst die Innenverteidiger, Mertesacker und Boateng, standen zeitweilig beide in der Hälfte der Algerier. Bei eigenem Ballbesitz verschoben sich die Außenverteidiger, Mustafi und Höwedes, tief in die gegnerische Hälfte. Die Innenverteidigung stand relativ weit auseinander und wurde zeitweilig durch den abkippenden Sechser, Lahm, der zu Beginn die Hauptlast des Spielaufbaus trug, zu einer Dreierkette erweitert. Schweinsteiger spielte als zweiter Sechser deutlich offensiver und sollte offenbar auf der zentralen Achse die Bindung zwischen Defensive und Offensive herstellen. Er besetzte, meist im Wechselspiel mit Kroos, das zentrale Mittelfeld, beide tauchen aber auch immer wieder auf den Flügeln auf. Im Gefühl eigener technischer und individual-taktischer Überlegenheit versuchte man so, die Algerier in der eigenen Hälfte einzuschnüren. Durch die extrem nach vorne verschobenen Außenverteidiger und den mehr als Achter oder gar Zehner agierenden Schweinsteiger wurden punktuell die Räume personell überladen. Löw schien damit zwei Fliegen mit einer Klatsche schlagen zu wollen: Zum einen wollte man die Algerier auf engstem Raum ausspielen, zum anderen die Chancen erhöhen, dass man das Spielgerät bei Ballverlust durch sofortiges Pressing zurückerobert.

Gerade in der ersten Spielhälfte bevölkerten oft 21 Mann  die Spielhälfte Algeriens. Dadurch wurden die Räume für die Deutsche Mannschaft zwangsläufig extrem eng. Vermutlich war dies auch der Grund, warum Löw zu Beginn dem kleinen, wendigen und technisch beschlagenen Götze den Vorzug gab.

Die Algerier ihrerseits begannen in einem klassischen 4-4-2 mit zwei zunächst tief und eng beieinander stehenden Viererketten.  Oft schien es, als ließen sie den Gegner fast passiv gewähren, denn sie beschränkten sich zunächst auf das Schließen von Lücken und Blockieren von (möglichen) Passwegen. Bei Ballbesitz der Deutschen verteidigten sie meist sehr mannorientiert und versuchten so, die spielstärkeren deutschen Spieler möglichst nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Immer wieder schoss ein Algerier aus seiner Kette heraus und attackierte seinen „logischen“ Gegenspieler, was gerade in der ersten Spielhälfte zu einer Vielzahl von Ballverlusten der Deutschen Mannschaft führte. Dabei wurden die Algerier durch Ungenauigkeiten im Passspiel ihres Gegners unterstützt. Einmal im Ballbesitz war Algerien erkennbar bemüht, schnell umzuschalten und tauchte überfallartig in der Deutschen Hälfte auf.

Je länger das Spiel lief, desto häufiger entstanden so brenzlige Situationen aus deutscher Sicht. Nur gut, dass Deutschland mit Manuel Neuer den weltbesten „Ausputzer“ bei diesem Turnier stellt. Immer wieder musste Neuer weit aus seinem Tor und Strafraum heraus, um in höchster Not gegen einen durchgebrochenen algerischen Angreifer zu klären. Dabei stockte mir regelmäßig der Atem, denn der deutsche Torhüter wandelte dabei beständig auf einem denkbar schmalen Grat. Einen Sekundenbruchteil zu spät, und er wäre wohl mit Rot vom Platz geflogen. Doch Neuer blieb zum Glück absolut fehlerlos und zeigte über die gesamte Spielzeit eine fabelhafte Leistung. In diesem Zusammenhang wurde m.E. ein Manko der von Löw bisher favorisierten Besetzung der defensiven Viererkette durch gleich vier ausgebildete Innenverteidiger  offensichtlich. Die nach vorne verschobenen Höwedes und Mustafi sind es schlicht nicht gewohnt, auf engstem Raum offensiv zu agieren, was zu einigen Ballverlusten auf den personell überladenen Flügeln führte. Zudem wirkten sie in der Rückwärtsbewegung gegen die agilen Algerier des öfteren läuferisch schlicht überfordert, sodass Neuer tatsächlich mehrere Male zur letzten Defensiv-Option wurde, um einen Gegentreffer nach Konter zu verhindern. Merke: wer weit nach vorne verschiebt, hat auch weite Wege zurück…

Die erste Halbzeit gehörte aus meiner Sicht den Algeriern. Mit fortschreitender Spielzeit erschien die Deutsche Elf zunehmend ratlos. Den Algeriern gelang  es, Götze, Özil und Kroos weitestgehend aus dem Spiel zu nehmen. Vor allem Özil schienen die mannorientierten Attacken des Gegners zuzusetzen  und zunehmend die Lust am Spiel zu rauben. Wenn für die Löw-Truppe offensiv etwas ging, dann meist durch Schüsse aus der zweiten Reihe (Kroos). Das lag auch daran, dass sich das deutsche Offensivpersonal zu wenig bewegte und des öfteren eingereiht im Deckungsschatten der defensiv orientierten Viererketten Algeriens verharrte, während die Halbräume davor zunehmend verwaisten. Auch etwas, was man als leidgeprüfter HSV-Anhänger „bestens“ kennt. Stichwort: ungenügende Staffelung.

Zur Halbzeit, ich gestehe dies freimütig, konnte ich mir eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen, wurde doch vor dem Spiel mit der typisch deutschen Zurückhaltung lediglich über die Höhe eines Sieges spekuliert. Aber, um keine Missverständnisse entstehen zu lassen, natürlich hoffte ich dennoch, dass Deutschland am Ende als Sieger vom Feld gehen würde.

Löw reagierte in der Halbzeitpause und brachte Schürrle für Götze, was sich im weiteren Verlauf als richtig erweisen sollte. Die Deutsche Elf kam nach Wiederanpfiff zunehmend besser in das Spiel. Dafür gab es m.E. zwei Gründe:

1.) gelang es den Algeriern nun nicht mehr so gut, die Abstände zwischen ihren beiden Viererketten eng zu halten, wodurch sich zwangsläufig mehr Raum für ein Kombinationsspiel des deutschen Offensivpersonals bot;
2.) agierte Schürrle im Hinblick auf einen Torabschluss wesentlich zielstrebiger als Götze. Zum einen war er erkennbar darum bemüht, selbst zum Torabschluss zu kommen. Zum anderen besetzte er als zweite Spitze (neben Müller) die gefährliche Zone. Durch Schürrles Zug zum Tor konnte der Raumdeuter Müller auch vermehrt in die Halbräume ausweichen, ohne dass die Spitze dann unbesetzt blieb.

Es häuften sich also in der zweiten Spielhälfte die Chancen für die Deutsche Elf. Ein Tor sollte ihr jedoch zunächst nicht gelingen.

In der 69. Spielminute verletzte sich der junge Mustafi bei einem Befreiungsschlag ohne gegnerische Einwirkung schwer. Dem Vernehmen nach erlitt er einen Muskelbündelriss im linken Oberschenkel und wird für den Rest des Turniers ausfallen (Gute Besserung!). Löw war also zu einer weiteren Umstellung gezwungen und brachte für den Verletzten Khedira in das Spiel.  Die Antwort auf die Frage, Khedira oder Schweinsteiger?, wurde also ab diesem Zeitpunkt mit „beide“ beantwortet, denn Lahm ersetzte Mustafi nun als Rechtsverteidiger.

Bei Khedira wechselten im weiteren Verlauf Licht und Schatten. Einigen guten Vorlagen (80.; 82.) standen auch einige vermeidbare Ballverluste gegenüber, die zu höchst gefährlichen Gegenstößen der Algerier führten. Da Schweinsteiger gegen Ende der regulären Spielzeit zunehmend von Krämpfen geplagt wurde, kann ich durchaus nachvollziehen, warum Löw Lahm bisher als einen der beiden Sechser fest eingeplant hat, während er mit Rücksicht auf die mangelnde Fitness und Spielpraxis von Schweinsteiger und Khedira auf der zweiten Sechser-Position bisher ein Jobsharing betrieb.

Jedenfalls verstärkte sich in Folge der Umstellungen der Druck der Deutschen Nationalmannschaft auf den Gegner aus Algerien deutlich. Zwischen der 80. und der 90. Spielminute hatte sie einige Chancen, um das Spiel in der regulären Spielzeit zu ihren Gunsten zu entscheiden. Doch der zu Beginn unsicher wirkende M’Bolhi im Gehäuse der Nordafrikaner steigerte sich erheblich und vereitelte auch die besten Torchancen. Es blieb daher auch nach Ablauf der regulären Spielzeit beim torlosen Unentschieden.

Die Verlängerung von zweimal 15 Minuten hatte kaum begonnen, da gelang dann doch der ersehnte Führungstreffer für Deutschland. Müller setzte sich auf der  linken Seite des gegnerischen Strafraums durch und passte scharf quer nach innen. Schürrle war einen Tick schneller am Ball als alle anderen und lenkte den Ball mit der Hacke an M’Bolhi vorbei ins Netz. Das 1:0 für Deutschland in der 92. Minute.

Die tapfer kämpfenden Algerier waren nun natürlich gezwungen, ihre eigenen Angriffsbemühungen zu intensivieren, was bekanntlich regelmäßig zu Lasten der Defensive geht.

In der 96. Minute hätte Özil, der allein auf das Tor der Algerier zulief,  vorentscheidend die Führung für Deutschland ausbauen können, doch er wirkte zu zögerlich und vertändelte diese großartige Gelegenheit. Dies hätte sich fünf Minuten später beinahe gerächt, doch Mostefa vergab eine große Ausgleichschance für seine Mannschaft (101.; nach Fehler von Khedira).

Kur vor Ende der Verlängerung gelang dann Özil doch noch das beruhigende 2:0, nachdem zuvor ein Schuss von Schürrle durch Algeriens Defensive nur geblockt werden konnte (119).

Kurz vor Abpfiff gelang dann Algerien der 2:1- Anschlusstreffer durch Djabou, nachdem sich die Deutsche Defensive einmal mehr ungeordnet zeigte. Wenig später beendete Schiedsrichter Ricci die Begegnung.

Schiedsrichter: Sandro Ricci (Brasilien). Einige kleinere Fehlentscheidungen (u.a. falsche Abseitsentscheidung; kein Gelb nach taktischem Foul), aber die von einigen befürchtete Kartenflut gegen die Deutsche Mannschaft durch den Brasilianer blieb aus.

Fazit: Die Deutsche Auswahl musste Schwerstarbeit verrichten, um gegen beherzt kämpfende Algerier das Viertelfinale zu erreichen (Glückwunsch!). Der Deutsche Sieg geht aufgrund einer klaren Leistungssteigerung ab der 46. Spielminute und aufgrund Quantität und Qualität der Torchancen in Ordnung.

Algeriens Mannschaft hat wie zuvor Chile oder Costa Rica gezeigt, dass jeder Hochmut der „Großen“ fehl am Platze ist. Auch durch die Tatsache, dass ihnen der Anschlusstreffer gelang, kommt dies zum Ausdruck. Die Mannschaft kann erhobenen Hauptes nach Hause fahren. Respekt!

Die Deutsche Nationalmannschaft wird sich im Viertelfinale gegen Frankreich spielerisch steigern müssen, will sie auch diese Partie siegreich überstehen und in das Halbfinale einziehen.

Wäre diese Begegnung aus Deutscher Sicht verloren gegangen, so hätte sich m.M.n. Löw den Vorwurf gefallen lassen müssen, angesichts der gewählten offensiven Taktik mit seiner rein aus gelernten Innenverteidigern bestehenden Abwehrformation falsch gelegen zu haben. Zwei Fragen seien erlaubt:
1.) Wenn die klimatischen Bedingungen als ein wesentlicher Grund für den Verzicht auf gelernte Außenverteidiger angeführt wurden, so konnte dies für Porto Alegre keinesfalls gelten. Die Temperaturen vor Ort waren für eine Deutsche Mannschaft weder außergewöhnlich noch ungewohnt. Mit welcher Begründung blieb man also bei der bekannten Formation?
2.) Wann, wenn nicht in einem derartigen Spiel gegen erwartungsgemäß schnell umschaltende Algerier, will man Leuten wie dem schnellen Durm oder Großkreutz Spielpraxis gewähren? Angesichts von möglichen Sperren und Verletzungen in der Stammformation hat man hier m.E. die Gelegenheit verpasst.

Konditionell, wenn man von Khedira und Schweinsteiger absieht, scheint die Deutsche Mannschaft bestens gerüstet. Für die Begegnung gegen Frankreich dürfte Hummels wieder zur Verfügung stehen, sodass Boateng wieder auf die rechte defensive Außenbahn zurückkehren könnte. Boateng erschien jedoch in der Partie gegen Algerien der einzige zu sein, der läuferisch gegen schnelle Angreifer ohne Probleme mithalten konnte. Insgesamt bleibe ich in Sachen Abwehrformation skeptisch.

Ein Dämpfer zur rechten Zeit: Deutschland – Ghana 2:2 (0:0)

Wer nach dem Auftaktsieg gegen Portugal gedacht hatte, die deutsche Mannschaft würde durch das Turnier spazieren, wurde gestern Abend eines Besseren belehrt. Vor dem Spiel wurde ausgiebig über die nach der Eröffnungspartie angeschlagenen Spieler (Hummels, Boateng) berichtet. Und mancher Kommentar las sich, als könnte man getrost auf die „alten“ Männer, Schweinsteiger und Klose, verzichten. Der angeblich designierte Torschützenkönig der WM, Thomas Müller, und Weltklasse-Kloos würden es schon richten. Ghana, von vielen als die bestes Mannschaft Afrikas bezeichnet, schien nur ein besserer Sparringspartner. Weit gefehlt.

Ich gebe zu, mich nervt diese Überheblichkeit, insbesondere wenn sie von den Medienschaffenden aufgenommen und verstärkt wird, kolossal. Schon beim Spiel Uruguay – Costa Rica meinte Tom Bartels in Richtung der Costa Ricaner Mitleid heuchelnd, es täte ihm ja leid, aber so könne man einfach nicht spielen. Zu dumm, dass Costa Rica gegen das höher eingeschätzte Uruguay am Ende mit 1:3  als Sieger vom Platz ging und nach dem folgenden 1:0-Sieg gegen Italien inzwischen bereits für die Zwischenrunde qualifiziert ist. Gestern nun befand Herr Bartels in der 2. Hälfte, die Deutsche Mannschaft mache nun „Ernst“ und da sei die Mannschaft aus Ghana doch überfordert. Ja wie denn, was denn, wo denn?! Hat die deutsche Mannschaft in der 1. Spielhälfte denn nur „Spaß“ gemacht?! Diese Mischung aus marktschreierischem Populismus, Besserwisserei und gönnerhaftem Chauvinismus, mit dem keineswegs nur Tom Bartels die Spiele kommentiert, mit dem sogar banalste Begebenheiten wie ein Einwurf für die deutsche Mannschaft lautstark bejubelt werden, finde ich inzwischen schwer erträglich. Wenn das so weiter geht, dann ist Aale-Dieter vom Hamburger Fischmarkt bald ein arbeitsloser Flüster-Propagandist. Aale-Tom und Fan-Kommentator Gottlob (sprach tatsächlich neulich von „wir“, als er die deutsche Mannschaft meinte, als stünde er selbst auch auf dem Platz) – schlimm. Und über allem schwebt der Gute-Laune-Onkel Opdenhövel, dieses männliche Pendant der ARD zu Katrin Müller-Hohenstein vom ZDF. Man sollte das Wort „banal“ im Deutschen vielleicht zukünftig wie folgt steigern: banal, Opdenhövel, Müller-Hohenstein. Gewiss, die Sender haben viel, viel Geld für die Übertragungsrechte zahlen müssen und daher wäre es Irrsinn, das „Produkt Fußball“ schlechtzureden. Aber von den gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen darf man doch wohl noch etwas mehr Substanz und journalistische Distanz erwarten, oder? Aber genug der Medienschelte und zum Wesentlichen.

Beide fraglichen Kandidaten, Hummels und Boateng, wurden rechtzeitig fit, und so vertraute Löw auf dieselbe Aufstellung, wie schon gegen Portugal:  Neuer – Boateng (46. Mustafi), Mertesacker, Hummels, Höwedes – Lahm, Khedira (69. Schweinsteiger), Götze (69. Klose), Kroos – Müller

Spielbericht: Beide Mannschaften begannen das Spiel verhalten. Für die deutsche Elf boten sich insbesondere im vordersten Drittel relativ wenig Räume, um ihr Angriffsspiel aufzuziehen. Der direkte Weg durch das Zentrum wurde von der taktisch diszipliniert spielenden Mannschaft Ghanas meist erfolgreich blockiert. Wenn offensiv etwas aus deutscher Sicht ging, dann meist über die rechte Außenbahn. So legte Müller, der als bekannter Meister der (freien) Räume immer wieder auch auf diese Seite auswich, in der 11. Spielminute im gegenerischen Sechzehner zurück auf Kroos, doch dessen Schuss von der Strafraumgrenze wurde von dem Bein eines Abwehrspielers gerade noch geblockt.
In der 21. Minute war es Özil, der von rechtsaußen an der Grundlinie quer zu Müller passte. Müller lief, bedrängt vom einem Abwehrspieler Ghanas, zentral vor das Tor, doch der fällige Torschuss aus sechs Metern konnte von eben jenem Abwehrspieler gerade noch verhindert werden.
Auch die nächste, nennenswerte deutsche Angriffsszene in der 29. Minute entwickelte sich über die rechte Seite. Dieses Mal war es Götze, der über den rechten Flügel kommend auf Müller spielen wollte, aber wieder wurde der Abschluss durch die Abwehr verhindert.
Die Nationalmannschaft Ghanas hatte durchaus auch ihre Möglichkeiten. Sie standen defensiv diszipliniert und kompakt. Im direkten Zweikampf zeigten sie die Afrikaner kompromisslos und waren ihrerseits bemüht, bei Balleroberung schnell, direkt und schnörkellos nach vorn zu spielen. Nachdem Neuer in der 32. Minute einen fulminanten Fernschuss aus 26 Metern parieren musste, drang der auffällig agierende Gyan Asamoah aus halblinker Position tief in den deutschen Strafraum ein. Neuer kam zum Glück schnell genug aus seinem Tor und konnte erfolgreich den Winkel verkürzen. So schoss Ghanas Angreifer letztlich links neben das deutsche Tor.
Bei beiden Mannschaften wurden vielversprechende Angriffszüge oft im letzten Moment von der jeweiligen gegnerische Abwehr geblockt, oder man verlegte sich auf Schussversuche aus der Distanz. So scheiterte Götze in der 38. Minute aus halbrechter Position mit einem Schuss aus siebzehn Metern, der genau auf den Torwart Ghanas kam.

Zur Halbzeit sah ich ein ausgeglichenes Spiel mit bestenfalls leichten Vorteilen für Deutschland.

In der Pause nahm Löw Boateng aus dem Spiel, der über muskuläre Probleme klagte. Für ihn kam Mustafi, der dann erneut die rechte Außenbahn verteidigte. Übrigens wurde kurz nach Wiederbeginn auch der andere Boateng, Kevin-Prince auf Seiten Ghanas, von seinem Trainer ausgewechselt. Für ihn kam Ayew, was Folgen haben sollte.

Sechs Minuten nach Wiederanpfiff, als ich gerade dachte, mit einem knappen 1:0-Sieg könne die deutsche Elf am Ende zufrieden sein, schien mich die Mannschaft Lügen strafen zu wollen. Müller flankte aus dem rechten Halbfeld ins Zentrum des gegnerischen Strafraums. Der kleine Götze war mit dem Kopf schneller am Ball als sein Gegenspieler. Die 1:0-Führung (51.).

Der Jubel war kaum verklungen, da schlug Ghana zurück. Eine Flanke ebenfalls aus dem rechten Halbfeld (nur auf der anderen Seite, logisch) erwischte Ayew mit dem Kopf. Der Ausgleich zu 1:1 (54.). Mustafi stand zwar bei dem Torschützen, konnte ihn aber nicht entscheidend am Torabschluss hindern , da er nach eigener Aussage den Ball zu spät gesehen hatte.

In der 63. Minute dann die Führung für Ghana: Lahm spielte einen folgenschweren Fehlpass in die Spielmitte. En Ghanaer spritzte dazwischen und spielte einen sehenswerten, perfekte Steilpass. Die deutsche Elf wurde in der Vorwärtsbewegung überrascht. Mertesacker konnte Gyan nicht folgen. Der ghanaische Stürmer schoss aus halbrechter Position und acht Metern überlegt ins lange Eck. Das 1:2 für Ghana.

Nur vier Minuten später sogar die große Chance für Ghana, die Führung weiter auszubauen, aber Ayew rutschte ein Flankenball, zentral und nur acht Meter vor dem deutschen Tor stehend, über den Kopf (67.)

Löw reagierte mit einem Doppelwechsel in der 69. Minute. Schweinsteiger ersetzte Khedira im defensiven Mittelfeld neben Lahm. Und mit Klose kam ein klassischer Stürmer für Götze. Beide Wechsel sollten sich auszahlen. Schweinsteiger brachte mehr Ordnung in das deutsche Spiel. Klose ging wie erwartet ins Sturmzentrum, und Müller wich auf die rechte Außenbahn aus. Özil  tauche nun vermehrt auf dem linken Flügel auf, sodass die bis dahin festzustellende Rechtslastigkeit der deutschen Angriffsbemühungen aufgehoben wurde.

Zwei Minuten später hätte bereits Schweinsteiger nach Flanke von Özil beinahe den Ausgleich erzielt, aber der Ball wurde zunächst zur Ecke geklärt. Der nachfolgende Eckstoß von links fand dann den Kopf von Höwedes, der den Ball in Richtung des langen Pfostens verlängerte. Dort rutschte Klose mit dem langen Bein in den Ball und drückte ihn mit der Sohle neben dem Pfosten ins Tor. Das 2:2 in 71. Minute.

Die Schlussphase ähnelte einem offenen Schlagabtausch mit leichten Vorteilen für die deutsche Elf, denn dass die deutsche Mannschaft den Gegner klar dominiert hätte, hielte ich für übertrieben.

In der 86. Minute zeigte die deutsche Mannschaft, wozu sie spielerisch in der Lage ist, wenn man sie gwähren lässt. Einem sehenswerten Lupfer in den Lauf von Özil am linken Strafraumrand Ghanas folgte dessen Versuch eines Zuspiels auf Klose. Doch wieder spritzte die aufmerksame Abwehr Ghanas dazwischen und konnte zur Ecke klären (die nichts einbrachte).

In der 90. Minute hatte Klose nach schönem vertikalen Pass doch noch die Chance auf den Siegtreffer für Deutschland, aber er verfehlte aus elf Metern knapp das Tor. So blieb es bei einer durchaus verdienten Punkteteilung.

Schiedsrichter: Sandro Ricci (Brasilien). Vom ARD-Co-Kommentator Elber hörte ich, Ricci sei von den brasilianischen Erstliga-Profis zum „schlechtesten Schiedsrichter Brasiliens“ gewählt worden. Davon war m.E. nichts zu sehen. Eine Abseitsentscheidung gegen Ghana war falsch. Ansonsten ordentlich.

Fazit: Nach dem Auftaktsieg gegen Portugal, der, wir erinnern uns, nach optimalem Spielverlauf und gegen einen frühzeitig dezimierten Gegner errungen wurde, erwies sich die „beste Mannschaft Afrikas“ als äußert unangenehmer Gegner. Wer schon im Überschwang der Gefühle die Deutschen zur Übermannschaft des Turniers ausrief, wurde eines Besseren belehrt. Zu Hoch- oder Übermut besteht gar kein Anlass. So gesehen könnten Spielverlauf und Ergebnis ein Dämpfer zur rechten Zeit gewesen sein.

Lahm erneut mit einem Fehler, wie man ihn normalerweise nicht von ihm sieht…

Es zeigt sich einmal mehr, dass die deutsche Elf, auch wenn mancher Spieler nicht topfit ist, über hochkarätige Alternativen auf der Bank verfügt. Hatte man Löw einst vorgeworfen, er habe das Spiel gegen Italien damals vercoacht, so hat er dieses Mal mit dem Doppelwechsel den entscheidenden Impuls gegeben und alles richtig gemacht.

Gegen die von Klinsmann gecoachte Mannschaft der USA erwarte ich ein ähnlich hart umkämpftes, enges Spiel.