Arslan

Gedanken zu Transfers und einem zukünftigen Spielsystem beim HSV

Nachdem die Personalien im Kader des HSV bis vor wenigen Tagen lediglich im Konjunktiv zu diskutieren waren, steht nun nach Ende der Sommertransferperiode fest, mit welchen Spielern der Club in diese Saison startet. Zeit für mich, um Zu- und Abgänge einer ersten Bewertung zu unterziehen. Außerdem habe ich mir Gedanken zu den daraus resultierenden taktischen Möglichkeiten, aber auch denkbaren Schwachpunkten gemacht. Die eingefügte Darstellung [Anm.: zur Vergrößerung anklicken oder in einem neuen Tab öffnen] benennt personelle Alternativen und soll eine aus meiner Sicht denkbare taktische Ausrichtung skizzieren:

 

 

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Bevor ich auf einige Details eingehe, sei zunächst darauf hingewiesen, dass diese Skizze die aus meiner Sicht wahrscheinlichsten Alternativen enthält. Auffällig an diesem Kader ist zunächst, dass für mehrere Positionen z.T. gleich mehrere, annähernd gleichwertige Kandidaten zur Verfügung stehen. Selbst für einen Behrami, der bis auf Weiteres gesetzt sein dürfte, stehen in meinen Augen mit Kacar und Jiracek gleich zwei eher defensiv denkende Alternativen zur Verfügung. Allerdings würde ich bei einem Ausfall Behramis auf eine klare Doppel-Sechs umstellen, da mir weder Kacar noch Jiracek in der Lage erscheinen, das defensive Mittelfeld allein abzusichern.

Auf den offensiven Außenbahnen, das ist ebenfalls auf den ersten Blick zu erkennen, wurde der Kader durch Müller, Stieber und Green um weitere schnelle und flexible Spieler ergänzt. Spätestens zur Rückrunde, wenn Beister hoffentlich wieder völlig fit und in Topform zur Verfügung steht, sollte es hier ein Hauen und Stechen um die Plätze in der Startelf geben. Besonders wichtig erscheint mir hier die Verpflichtung von Nicolai Müller, der auf der viel zu lange nur provisorisch besetzten rechten Außenbahn zunächst favorisiert sein sollte. Aber selbst wenn auch Müller neben Beister ausfallen sollte, könnte man die rechte Seite weiterhin mit gelernten Flügelspielern besetzen. Schließlich stünden dann immer noch Green oder Ilicevic zur Verfügung.

Rudnevs halte ich für einen lauf- und kampfstarken Konterstürmer. Aufgrund seiner spielerischen und technischen Schwächen dürfte er es aber zukünftig schwer haben, ins Team zu kommen. Entweder bringt man ihn aus taktischen Gründen (bei eigener Führung, um Lasogga zu schonen) oder als zweiten Stürmer neben einem spielstarken, beweglichen Mann (Müller/Beister), sofern Lasogga gar nicht zur Verfügung steht.

Arslan dürfte zunächst gegenüber Holtby das Nachsehen haben. Von Holtby erhoffe ich mir die dringend erforderliche, verbesserte Anbindung im Zentrum zwischen Defensive und Offensive, bzw. mehr Kreativität und Torgefahr aus dem Mittelfeld. Zudem hoffe ich, dass Holtby konstanter und abgeklärter als Arslan spielt. Mangelnde Konstanz und gelegentliche Kopflosigkeit, dies war erst jüngst gegen Paderborn wieder zu sehen, sind unverändert Schwächen, an denen Tolgay mit Hochdruck arbeiten muss, wenn er zukünftig über Kurzeinsätze hinauskommen will.

Angesichts der nun vorhandenen Alternativen halte ich es für nachvollziehbar, dass man Tah (nach Düsseldorf) und Demirbay (nach Kaiserslautern) für jeweils ein Jahr ausgeliehen hat. Für beide waren derzeit kaum regelmäßige Einsatzchancen erkennbar. Dies dürfte jedenfalls für Demirbay kaum zu bestreiten sein. Die Ausleihe von Tah könnte man da schon eher kontrovers diskutieren, da für uns Außenstehende das Leistungsvermögen des neuen Innenverteidigers Cléber kaum einzuschätzen ist. Aber auch auf dieser Position beinhaltet der vorhandene Kader mit Rajkovic und Westermann zwei Spieler, die man zukünftig nicht wochenlang ohne jeden Einsatz auf der Bank versauern lassen darf. Das wäre beiden Spielern gegenüber nicht nur unfair, sondern könnte ansonsten – man kennt ja Mopo, HA und BILD…- unnötige Unruhe provozieren.

Ungeachtet dessen habe ich Verständnis dafür, dass mit beiden Ausleihen bei einigen Kommentatoren die Angst verbunden ist, dass dem HSV hier erneut zwei große Talente von der Fahne gehen könnten. Etwaige Ängste sind nicht zuletzt aufgrund der in der Vergangenheit oft und berechtigt kritisierten Nachwuchsförderung des Clubs mehr als verständlich. Wie u.a. das Beispiel Beister jedoch zeigt, muss eine Ausleihe nicht zwingend dazu führen, dass Spieler nach Ablauf der Leihfrist nicht mehr zu ihrem Verein zurückkehren. Auch die Frage nach einer erteilten oder eben nicht erteilten Kaufoption für den aufnehmenden Verein halte ich für nachrangig und leicht überbewertet. Bei Lasogga fehlte diese Option bekanntlich damals, dennoch ist es dem HSV gelungen, ihn nun fest zu verpflichten. Und wie die Debatte um und mit dem derzeit von Leverkusen an M’Gladbach ausgeliehenen Kramer andeutete, gibt es keine Garantie, dass ein Spieler nach einer Ausleihe zurückkehren will, auch wenn zwischen den Vereinen keine Kaufoption vereinbart wurde. Viel bedeutsamer erscheint mir daher, ob der HSV beiden Spielern glaubhaft eine Perspektive für den Fall ihrer Rückkehr aufzeigen kann. Dass dies hier wahrscheinlich der Fall war, dafür stehen für mich nicht nur die Namen Beiersdorfer und Peters, sondern auch die Tatsache, dass im nächsten Sommer unverändert diverse Verträge auslaufen. So dürfte für Demirbays Entscheidungsfindung u.a. von großem Interesse sein, ob Kacars und/oder Arslans Verträge verlängert werden, bzw. ob Jiracek im kommenden Sommer den Club verlässt. Ähnliches ist für Tah anzunehmen, da derzeit unklar erscheint, ob der Club auch über den nächsten Sommer hinaus mit Westermann und/oder Rajkovic plant.

Den Transfer Badeljs nach Florenz, ich sagte das bereits im jüngsten HSV-Talk auf meinsportradio.de, sehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Weinend, weil Milan sicher fußballerisch einer der besten Spieler ist, die ich je beim HSV gesehen habe. Lachend, weil die kolportierten 4 Millionen Euro bei nur noch einem Jahr Restlaufzeit seines Vertrages m.E. ein ordentlicher Erlös sind. Zudem fehlte es Badelj m.M.n. an Torgefährlichkeit und läuferischer Explosivität. Auch hätte ich mir gewünscht, dass er lautstärker ordnend eingreift, als dies in der Regel der Fall war. Ich glaube, dass ein Arslan ggf. von Behrami ganz anders geführt wird, als von dem auf dem Feld doch arg introvertiert wirkenden Badelj.

Womit ich bei einem weiteren Kritikpunkt am alten Kader wäre. Neben dem eklatanten Mangel an Kreativität aus dem Zentrum, Geschwindigkeitsdefiziten (sowohl läuferisch als auch in Sachen Handlungsschnelligkeit – Zoua!), unbefriedigender Zweikampfbilanz vor allem im (defensiven) Mittelfeld, war mir der alte Kader zu uniform, zu lieb, bzw. leblos. Adler, Jansen, Westermann und van der Vaart – jeder hatte (und hat) ausreichend mit sich selbst zu tun. Den Rest der Truppe wirklich mitreißen, gerade wenn es mal nicht läuft, konnte von denen keiner. Das hatte sicherlich unterschiedliche Gründe, ist aber eben auch eine Frage des Typs oder der jeweiligen Persönlichkeit. Behrami hat in diesem Zusammenhang jedenfalls bei mir bisher einen anderen, deutlich besseren Eindruck hinterlassen.

Um zu meiner skizzierten Aufstellung zurückzukehren: Wie man hoffentlich sehen kann, favorisiere ich derzeit eine asymmetrische Variante. Ich habe mich bei meinen Überlegungen zunächst von dem Gedanken leiten lassen, dass Lasogga (als einziger Keilstürmer) und Behrami für die Startelf gesetzt sein dürften. Gleiches ist zunächst für Holtby und van der Vaart anzunehmen. Wenn man van der Vaart und Holtby auf dieselbe und“richtige“ (linke) Seite stellen würde, droht m.E. ein zu großes Loch im rechten Halbfeld (Kreis Nr.2). Da van der Vaart ohnehin meist mit dem linken Fuß abschließt, könnte er aus dieser hier leicht nach rechts versetzten Position zum einen sofort abschließen, zum anderen kämen seine Flanken mit Schnitt zum Tor, was für die gegnerische Abwehr und vor allem deren Torwart unangenehm(er) zu verteidigen ist. Zugleich möchte ich so die Laufwege und Räume von Holtby und van der Vaart entzerren. Ich habe versucht,  die sich daraus ergebenden  Interaktionen und Laufwege durch die Pfeile anzudeuten.

Um die Gefahr einer Deckungslücke im rechten Halbfeld möglichst gering zu halten, habe ich Behrami ebenfalls leicht nach rechts verschoben. In meiner Vorstellung würde er eher horizontal agieren.  Hinter Holtby, den ich aus Gründen der verbesserten Anbindung der Offensive an die Defensive vor Behrami positioniert habe, könnte sich ebenfalls eine gefährliche Deckungslücke im linken Halbfeld (Kreis Nr. 1) ergeben. Wie ich mir eine Absicherung dieses Raumes vorstellen könnte, wird durch entsprechende Pfeile ebenfalls angedeutet. Erkennbar sollte sein, dass ich mir daher Holtby als vertikale Ergänzung zu den überwiegend horizontalen Laufwegen Behramis vorstelle. Wichtig erscheint in jedem Fall, dass die oft zitierte Kompaktheit der Mannschaft als Ganzes möglichst immer gewahrt bleibt. 70 Meter freier Raum für den Gegner, zuletzt beim von Arslan verschuldeten 0:1 gegen Paderborn zu sehen, dürfen prinzipiell dem Gegner nicht derart auf dem Präsentierteller angeboten werden. Unabhängig von der Torheit Arslans stimmte hier aber auch die Absicherung nicht. Jede (Innen-)Verteidigung der Welt kann fast nur schlecht aussehen, wenn der Gegner sie in vollem Lauf in ein eins gegen eins zwingen kann.

Ich denke, dass sich auf der linken Seite ein interessantes, variables Wechselspiel zwischen Holtby, dem jeweiligen LOM und auch v.d. Vaart entstehen könnte. Ähnliches halte ich auf der anderen Seite auch zwischen Behrami, dem jeweiligen ROM und van der Vaart für vorstellbar. Da praktisch alle offensiven Außen auch auf der jeweils gegenüberliegenden Seite spielen können, könnte es situationsabhängig auch zu ganz anderen personellen Konstellationen kommen. Mit Müller, Beister aber auch Green (und Rudnevs) könnte man bei eigenem Ballbesitz auch schnell durch die Mitte kontern. Also hat der Trainer auch hier künftig einige (zusätzliche) Optionen.

Dies alles sind natürlich nur meine Vorstellungen davon, wie man „auf dem Papier“ und ohne mikrotaktische Anpassungen an einen konkreten Gegner mit dem derzeitigen Kader spielen lassen könnte.

Denkbar bleibt natürlich unverändert auch, dass Slomka den HSV in einem 4-4-2, einem 4-2-3-1 oder gar in einem 4-3-3  antreten lässt. Letzteres halte ich jedoch bis auf Weiteres für unwahrscheinlich, da daraus defensiv schnell Probleme in der Abdeckung der Breite des Feldes entstehen können.

Welches System auch immer Slomka bevorzugen mag – er steht vor dem Problem, möglichst schnell Punkte sammeln zu müssen, obwohl sich die Mannschaft mit den neuen Spielern kaum einspielen konnte. Teils wurde dies durch Verletzungen (Lasogga, Müller) verhindert, teils ist es dem relativ späten Zeitpunkt der Verpflichtung anderer Spieler (Cléber, Holtby, Green)  geschuldet. Selbst Ostrzolek, Stieber und sogar ein Behrami werden vermutlich erst in einigen Wochen endgültig in Hamburg angekommen sein. Bei einer derartigen Vielzahl neuer Spieler bedarf es einfach einer gewissen Zeit, bis jeder die Abläufe wirklich verinnerlicht und seinen Platz in der teaminternen „Hackordnung“ gefunden hat.

Ob Drobny oder Adler im Tor stehen sollte – dazu enthalte ich mich. Dazu müsste ich regelmäßig das Training gesehen haben UND tatsächlich nah an der Mannschaft dran sein. Beides bin ich nicht.

Ähnlich verhält es sich mit der konkreten Frage, ob man bspw. Ostrzolek für Jansen oder Stieber für Ilicevic beginnen lässt. Gleichwohl glaube ich, dass es mehr als nur eines Holtby und Behrami bedarf, um der Mannschaft die dringend erforderlichen Impulse zu geben, die sie ganz offensichtlich benötigt. Mit dem Einsatz gleich mehrerer neuer Spieler in den nächsten Partien mag ein Mangel an Eingespieltheit einhergehen, gleichzeitig könnte man sich dadurch aber auch noch einen gewissen Kredit beim Publikum verschaffen. Dass dieser bedenklich zu schwinden droht, das sollte man spätestens ab der 69. Minute gegen Paderborn bemerkt haben. Nach der letzten,  katastrophalen Saison wird kaum jemand im Anhang der Hamburger sportliche Wunder in dieser Spielzeit erwarten. Was aber gegen Paderborn einmal mehr „abgeliefert“ wurde, ist für einen HSV einfach unwürdig und zu wenig. Viel, viel zu wenig.

Schlecht spielen – das ist immer möglich, denn da spielen Menschen, keine Roboter. Kämpfen aber kann man immer. Zumal es sich beim Fußball nicht nur um ein Lauf-, sondern eben auch ein Kampfspiel handelt. Ich erwarte also, völlig ungeachtet etwaiger Personalwechsel, dass die Mannschaft in Sachen Disziplin, Einssatzwillen in den Zweikämpfen und Laufbereitschaft zukünftig ein anderes Gesicht zeigt. Theoretisch enthält der jetzt vorhandene Kader jedenfalls einige interessante Optionen, wie ich hier deutlich machen wollte. Hoffen wir, dass man dies auch möglichst bald auf dem Platz erkennen kann.

Von Rucksäcken, Baustellen und Blumentöpfen: Der HSV verpatzt die Heimpremiere.

AKTUALISIERUNG: Badelj verlässt den HSV und wechselt zum AC Florenz. Green wird für ein Jahr ohne Kaufoption, Holtby für ein Jahr mit Kaufoption ausgeliehen.

Ich gebe zu, auch nach einer Nacht des Überschlafens steckt mir das gestrige Spiel noch in den Kleidern. Ich beginne daher zunächst mit etwas Positivem.

Vor dem ersten Heimspiel der Hamburger gegen den Aufsteiger SC Paderborn 07 verdichteten sich die Meldungen, dass sich der HSV weiterhin um die Verpflichtung zweier neuer Spieler bemüht: Julian Green und Lewis Holtby.

Der hochtalentierte Außenbahnspieler, Julian Green (19), stammt aus der Jugend des FC Bayern München, besitzt dort einen Vertrag bis 2017 und soll leihweise für ein Jahr für den HSV auflaufen. Er ist gelernter Linksaußen, schießt jedoch beidfüßig und kann auch auf der rechten Außenbahn und im Sturm eingesetzt werden. Eine Verpflichtung, die mir aus gleich mehreren Gründen sinnvoll erscheint. Denn ich sehe im derzeitigen Kader unverändert zwei Problemzonen. Eine davon ist beinahe schon traditionell die rechte offensive Außenbahn. Nicolai Müller, der als Konkurrent/Ersatz für den langzeitverletzten Maxi Beister vom 1. FSV Mainz 05 verpflichtet wurde, verpasste einen Großteil der Vorbereitung mit der hamburger Mannschaft und plagt sich bekanntlich mit einer hartnäckigen Adduktorenverletzung, sodass er unverändert nicht zur Verfügung steht. Arslan und Rudnevs können zwar ebenfalls auf dieser Seite spielen, doch bleibt dies in beiden Fällen eine Notlösung. Ilicevic erscheint mir, ich schrieb das erst neulich, auf der linken Außenbahn stärker. Zudem habe ich den Eindruck, dass Ilicevic derzeit ein gutes Stück von seiner Bestform entfernt ist.

Bei Holtby (23) ging ich bisher davon aus, dass seine mögliche Verpflichtung aus finanziellen Gründen von einem kurzfristigen Abgang van der Vaarts oder Badeljs abhängig sei. Offenbar habe ich mich getäuscht, denn Beiersdorfer scheint einen anderen Finanzierungsweg gefunden zu haben. Wenn die Verpflichtung des Ex-Schalkers denn klappen sollte, dann kann ich dies gerade auch unter dem Eindruck des gestrigen Spiels nur begrüßen. Denn die zweite Baustelle, das wurde m.E. einmal mehr offensichtlich, ist das zentral-offensive Mittelfeld. Womit ich beim gestrigen Spiel wäre.

Die Vorzeichen schienen ach so günstig! Vom Interesse der Hamburger an den beiden genannten Spielern hatte der örtliche Boulevard erfreulicherweise wieder einmal erst im letzten Moment erfahren, was mir unverändert lobenswert erscheint, denn als Anhänger des HSV war man ja jahrelang ganz anderes gewohnt. Das Stadion war überraschenderweise fast ausverkauft. Und dies nach einer absoluten Horror-Saison und gegen einen, die Paderborner mögen mir dies verzeihen, für Erstligaverhältnisse namenlosen Gegner. Das nach dem Rückzug der CFHH befürchtete Stimmungstief beim Support des Teams konnte ich mindestens bis zur Halbzeit ebenfalls nicht ausmachen. Dass man als Zuschauer, die vorangegangene Saison noch allzu gut  im Gedächtnis, angesichts der erneut absolut enttäuschenden Darbietung der Heimmannschaft nach einem 0:2-Rückstand ab der 69. Minute in Schweigen verfällt, halte ich für vollkommen nachvollziehbar und durch die Mannschaft selbstverschuldet.

Slomka vertraute zu Beginn der Partie derselben Mannschaftsaufstellung, die in der Vorwoche gegen den 1. FC Köln eine ordentliche Leistung abgeliefert und ein torloses Remis erreicht hatte:

Adler – Diekmeier, Djourou Westermann, Jansen (71. Ostrzolek) – Behrami, Badelj, Arslan (46. Stieber), Ilicevic – van der Vaart (37. Rudnevs) – Lasogga

Dass Slomka erneut, von Behrami einmal abgesehen, auf den Einbau der neuen Spieler zu Beginn verzichtete, halte ich bei aller verständlichen Neugier und Ungeduld mancher Fans für ebenfalls nachvollziehbar. Gerade beim Brasilianer Cléber wird man einige Wochen Geduld aufbringen müssen, bis er trotz mangelnder Sprachkenntnisse die Abläufe so verinnerlicht hat, dass sein Einsatz kein allzu großes Risiko darstellt. Man stelle sich vor, Cléber hätte gleich bei seinem ersten Einsatz aufgrund eines Missverständnisses in der seit Jahren umstrittenen Innenverteidigung ein Gegentor verschuldet – davon haben sich in Hamburg schon ältere, gestandene Spieler wie Gravgard und Rozehnal nicht mehr erholt. Was Stieber und Ostrzolek angeht, so ist zunächst die Tatsache, dass sie neu sind, für sich allein genommen kein Argument für einen Einsatz von Beginn an. Sie müssen, das halte ich für ganz normal, entweder im Training klar besser sein als ihre Konkurrenten, oder sich über Kurzeinsätze empfehlen. Dass Slomka hier zunächst die etablierten Spieler, Jansen und Ilicevic, favorisierte, ist ohne Kenntnis der täglichen Trainingsleistungen m.E. nicht zu beanstanden.

Das Spiel: Der HSV kam zunächst gut in das Spiel. In der ersten Viertelstunde lief der Ball flüssig durch die hamburger Reihen, die wie von Slomka auf der PK angekündigt, erkennbar bemüht waren, offensiv und druckvoll zu agieren. Man stand in der Abwehr hoch und war bemüht, das Spielgeschehen in die gegnerische Hälfte zu verlagern. Leider fehlte es, wie schon gegen Köln,  spätestens im letzten Drittel eklatant an Durchschlagskraft.

Der SC Paderborn war vor allem zu Beginn der Partie darum bemüht,  durch aggressiv-offensives Anlaufen der Abwehr bereits den Spielaufbau ihrer Gastgeber zu stören. Dennoch gelang es dem HSV zunächst, das Spiel in die Hälfte der Gäste zu verlagern. Dort angekommen traf man aber mit fortschreitender Spielzeit auf einen Gegner, der die Außenbahnen geschickt doppelte und sein aggressives Pressing ins Mittelfeld verlagerte. Resultat: weder über die Außenbahnen noch durch die Mitte konnte sich der HSV durchsetzen. Das Spiel der Hamburger wirkte von Minute zu Minute zunehmend hilf- und harmlos.

Auffällig aus hamburger Sicht, wie schnell sich der HSV im heimischen Stadion von den mutig aufspielenden Paderbornern den Schneid abkaufen ließ. Die Ostwestfalen wirkten, daran ändert auch die nach dem Spiel ausgeglichene Zweikampfstatistik (51 zu 49 %) nichts, griffiger, engagierter. Insbesondere bei den s.g. Zweiten Bällen hatten die Hausherrn meist das Nachsehen. Beides war enttäuschend, denn sowohl die Zweikampfstärke der Paderborner als auch die Bedeutung der Zweiten Bälle waren laut Slomka Gegenstand der Vorbesprechung vor der Partie. Enttäuschend auch, weil man von der Mannschaft der Hamburger nach der letzten Saison zumindest kämpferisch eine andere, bessere Einstellung erwarten konnte.

Nach der durchaus ordentlichen ersten Viertelstunde verfiel der HSV in alte Muster. Ganz vorne stand man zwar zeitweilig mit vier Leuten auf einer Linie, doch es fehlten Staffelung und vor allem Bewegung. Da sich die vordersten Leute fast durchweg im Deckungsschatten aufhielten, fehlte es dem jeweils ballführenden HSVer viel zu oft an möglichen Abnehmern. In Kombination mit der giftigen, entschlossenen Zweikampfführung der Gäste war es daher zunehmend nur eine Frage der Zeit, bis die Bälle aus Sicht des HSV verloren gingen. Auffällig auch, dass mit fortschreitender Spielzeit vor allem Behrami um Ordnung und Konstruktivität bemüht war. Badelj, der nach meinem Verständnis den offensiveren Part im Mittelfeld einnehmen sollte, und der daher in erster Linie für die Anbindung der Spitzen zuständig gewesen wäre, habe ich in dieser Funktion kaum positiv wahrgenommen. Es ist ein Jammer! Fußballerisch ist Milan sicher einer der stärksten Spieler im Kader der Hamburger, aber ihm fehlt derzeit viel, zu viel. Keine Explosivität, kaum Ideen, kein Selbstvertrauen. Stoisch verrichtet er, so wirkt es jedenfalls auf mich, sein Tagewerk. Statt neben einem Behrami entlastet aufzublühen, scheint er mir derzeit völlig abzutauchen. Aber, darauf sei noch einmal hingewiesen, wen will man auch anspielen, wenn sich kaum keiner bewegt?

Bereits in der 17. Minute hatte Stoppelkamp nach einem feine Lupfer von Vrancic die Doppelchance zum Führungstreffer für die Gäste, aber Adler konnte den Rückstand noch mit Mühe verhindern. Sechs Minuten später verpasste auch der exzellente Kachunga aus 7m und halblinker Position den Torerfolg. Mit Glück, Geschick und vereinten Kräften konnten dieses Mal Adler und Westermann gerade noch den Rückstand verhindern (23.). Mir schien es, als hätten diese beiden großen Chancen der Gäste den Hamburgern jegliches Selbstvertrauen geraubt. Zunehmend wirkte es, als bettelte man förmlich um das Gegentor.

Kachunga ließ sich jedenfalls nicht lange bitten und vollstreckte erneut nur sechs Minuten später  im Nachschuss zum 0:1, nachdem Adler den ersten Schuss von Koc gerade noch parieren konnte. Vorausgegangen war ein Ballverlust von Arslan in der Vorwärtsbewegung, der den Konter der Paderborner einleitete. Da sich auch Diekmeier in der Vorwärtsbewegung befand, war zunächst die rechte Hamburger Seite offen wie ein Scheunentor, sodass Djourou ins Eins gegen Eins musste. Ob er dabei zu passiv blieb, kann man sicher diskutieren. Verantwortlich für den Rückstand bleiben aber Arslans Ballverlust, die fehlende Absicherung und die keineswegs optimale Rückwärtsbewegung der Hamburger.

Vom HSV war offensiv während der gesamten ersten Hälfte erschreckend wenig zu sehen, was auch, aber das kann letztlich nicht als alleinige Begründung dienen!, am frühzeitigen Ausfall von van der Vaart lag, der bereits in der 37. Minute mit Wadenproblemen das Feld verlassen musste.

Zur Halbzeit musste Arslan in der Kabine bleiben. Für ihn kam Stieber, der wie erwartet die linke Außenbahn bespielte, während der bemühte, aber oft glücklos agierende Ilicevic wie schon gegen Köln auf die rechte Außenbahn wechselte. Mit anderen Worten: Slomka wechselte von einem 4-4-1-1 auf ein 4-4-2 mit Rudnevs neben Lasogga als zweiter Spitze.

Zunächst schien es, als würde sich diese Umstellung auszahlen. Zwischen der 55. und der 63. Spielminute kam der HSV nun zu einigen, wenigen Torgelegenheiten, die aber allesamt vergeben wurden. Lasogga war wie immer fleißig, aber ihm fehlt verständlicherweise noch die Explosivität und auch die Form, sodass er, in der 61. Minute zentral vor dem gegnerischen Tor stehend, einen feinen Querpass von Jansen nicht verwerten konnte. Nur zwei Minuten später traf Ilicevic einmal mehr(!) beim Abschluss den Ball nicht sauber, und auch Rudnevs kam anschließend am langen Pfosten nicht an den „Querschläger“. Nicht nur bei Ilicevic habe ich den Eindruck, dass ihm die Misserfolge der letzten Saison wichtiges Selbstvertrauen geraubt haben. Derzeit befindet er sich auf dem Weg zum Chancentod. Allerdings ist auch lobend festzuhalten, dass er derzeit einer der wenigen Spieler beim HSV ist, der sich überhaupt Chancen erarbeitet.

In der 69. Minute, der HSV hatte im eigenen Strafraum den Ball erobert und setzte  gerade zum Konter an, wollte Rudnevs vor dem eigenen Sechzehner quer auf Lasogga spielen. Abgesehen davon, dass man Querpässe vor dem eigenen Strafraum tunlichst vermeiden sollte, und abgesehen davon, dass Rudnves Passversuch sowohl Präzision als auch der nötige Druck fehlte, hatte ich grundsätzlich den Eindruck, dass das Freilaufen nach Balleroberung viel zu langsam und unentschlossen erfolgte. Mehrfach war zu beobachten, dass Adler das Spiel gerne beschleunigt hätte, aber den Versuch abbrechen musste, weil sich offensichtlich niemand anbot. Aber hier mögen die Fernsehbilder möglicherweise einen falschen Eindruck erweckt haben. Jedenfalls bedankte sich Vrancic für dieses Geschenk, umkurvte Adler und vollstreckte zum vorentscheidenden 0:2.

In der 71. Minute kam mit Ostrzolek (für Jansen) der nächste Neue auf Seiten der Hamburger auf das Feld. Beide, Stieber und Ostrzolek haben m.M.n. andeuteten können, warum der Verein sie geholt hat, auch wenn sie keine ganz großen Glanzpunkte setzen konnten. Zu begrüßen ist in jedem Fall, dass sich der Konkurrenzkampf im Team weiter verschärft. Insbesondere im zentral-offensiven Bereich dürfte sich dies, sofern die Verpflichtung von Holtby tatsächlich gelingt, leistungsfördernd auswirken.

Nur der vollständigkeitshalber sei das 0:3 in der 87. Minute erwähnt, als sich der HSV einmal mehr über seine linke Seite auskontern ließ. Stoppelkamp vollstreckte aus halbrechter Position humorlos ins lange Eck. Dieser letzte Gegentreffer mag für manchen Zuschauer das Fass zum überlaufen gebracht haben, er ist aber in meinen Augen der geringen verbleibenden Restspielzeit und eben dem Rückstand geschuldet. Das ist also aus meiner Sicht nur ein Fall für die Statistik.

Schiedsrichter: Dankert (Rostock). Versagte dem SC Paderborn 07 in meinen Augen einen regulären Treffer (zum 0:2) wegen angeblicher Abseitsstellung. Hatte ansonsten keine Mühe mit der Spielleitung.

Fazit: Der HSV verliert hochverdient sein Auftaktspiel gegen einen diszipliniert und engagiert auftretenden  Aufsteiger mit 0:3 (0:1). Glückwunsch an Trainer André Breitenreiter und den SC Paderborn 07! In dieser Form werden auch noch andere etablierte Erstligisten ihre liebe Müh‘ und Not gegen die Ostwestfalen haben.

Der HSV ist fast alles schuldig geblieben. Von dem druckvollen Offensivfußball, den Slomka zuvor angekündigt hatte, war einmal mehr nichts zu sehen. Das Bemühen will ich der Mannschaft nicht absprechen, aber der Rucksack der Verunsicherung, mangelnde Kreativität, und Geschwindigkeitsdefizite in der Spielentwicklung sind offensichtlich.

Individuelle Fehler (Arslan, Rudnevs) sind prinzipiell nicht völlig zu vermeiden. Was mich wirklich verärgert hat, ist, dass man ohne Gelbe Karte aus einem Heimspiel kommt, obwohl man um die Bissigkeit der Paderborner in den Zweikämpfen wusste, und obwohl man nach der letzten Saison dem heimischen Publikum mindestens eine Top-Leistung in kämpferischer Hinsicht schuldig war. Sich nicht mit dem absoluten Willen in einen Zweikampf zu begeben – das kann man nicht mit fehlendem Selbstvertrauen aus der letzten Saison entschuldigen. Das ist eine Frage der Einstellung!

Was der SC Paderborn 07 geboten hat, das war ohne Frage gut, aber bei allem Respekt eben auch kein Fußball von einem anderen Planeten. Diszipliniert die Räume verengen, Lauf- und Kampfbereitschaft, all dies sind unverzichtbare Grundlagen, kein Hexenwerk.

Dieses Spiel ist für mich nicht aufgrund der Niederlage enttäuschend, sondern aufgrund der Art und Weise ihres Zustandekommens. Es besteht für mich derzeit kein Grund, eine Trainerdiskussion zu beginnen,  oder mich an einer solchen zu beteiligen. Gleichwohl erwarte ich (s.o, meine Einleitung), dass sich der verschärfte Konkurrenzkampf in den nächsten Wochen deutlich leistungsfördernd auswirkt, auch wenn man in diesem Zusammenhang nicht sofort Wunder erwarten darf.

In meinen Augen gibt es einige Kandidaten, die für einen Bankplatz in Frage kämen. Für weitere Einsätze empfehlen konnten sich die Wenigsten. Insbesondere für Badelj, Arslan und Rudnevs dürften meiner Meinung nach, sollten Holtby und Green kommen und Müller fit werden, härtere Zeiten anbrechen. Aber auch Diekmeier täte es vielleicht ganz gut, wenn er den Atem eines Konkurrenten im Nacken spüren würde, denn Flanken dürfen auch mal ankommen…

Es bleibt bei der Erkenntnis der letzten Saison: Mit einer solchen Leistung, wie sie der HSV in diesem Spiel einmal mehr abgeliefert hat, kann man in der Ersten Bundesliga keinen Blumentopf gewinnen. Nicht einmal gegen, dabei bleibe ich, den größten Außenseiter. Zu den absoluten Grundvoraussetzungen gehören Kampf und Konzentration. Wer das in dieser Mannschaft immer noch nicht verstanden hat, der ist bald raus. Und das ist gut so.