Meyer

Mit harten Bandagen und dem nötigen Glück. HSV – Leverkusen 1:0 (1:0)

Fußball, so sagt man, sei (auch) ein Kampfspiel. Selten schien mir diese Definition angebrachter als gestern Nachmittag beim Auftritt Bayer Leverkusens im Hamburger Volkspark. Vor allem in der ersten Halbzeit drohte die Partie zeitweilig völlig zu entgleisen. Kaum ein Spielzug, der nicht umgehend durch Foulspiel unterbrochen wurde. Zur Pause war ich mir sicher, dass beide Mannschaften diese Partie nicht vollzählig über die Bühne bringen würden, denn da waren bereits diverse Spieler mit der gelben Karte vorbelastet. Doch der Reihe nach.

Hatte ich hier zuletzt unter dem Eindruck der letzten, enttäuschenden Auftritte van der Vaarts dafür plädiert, den Niederländer zunächst nicht mehr in der Startformation zu berücksichtigen, so muss ich dies nach diesem Auftritt van der Vaarts revidieren. HSV-Trainer Zinnbauer änderte erstmalig die taktische Grundformation von einem 4-2-3-1 auf ein 4-1-4-1 bei eigenem Ballbesitz. Ein Wechsel zu einem System, über das ich angesichts des Hamburger Kaders hier auch schon spekuliert hatte. Der Charme dieser taktischen Lösung besteht für mich zum einen darin, dass beide Spieler gemeinsam zum Einsatz kommen können. Zugleich wird Holtby dadurch nicht auf die linke offensive Außenbahn verdrängt, sondern kann überwiegend im Zentrum des Spiels agieren. Zumal sich gerade für die linke offensive Planstelle ohnehin diverse andere Kandidaten anbieten (Jansen, Ilicevic, Stieber). Zinnbauer vertraute also der folgenden Aufstellung:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami – N. Müller, van der Vaart (62. Arslan), Holtby (92. Kacar), Jansen – Lasogga (80. Rudnevs)

Das Spiel: Der HSV hatte, dies ergab sich bereits aus dem Tabellenplatz vor der Begegnung (16. Platz), absolut nichts zu verschenken. Zumal es in meinen Augen galt, dem eigenen Anhang nach dem insgesamt schwachen Auftritt gegen Hertha dieses Mal eine deutlich verbesserte Leistung anzubieten. Die Rückkehr des zum Feindbild gewandelten ehemaligen Hamburger Hoffnungsträgers im Trikot der Leverkusener, Hakan Calhanoglu, brachte mindestens auf den Rängen zusätzliche Brisanz ins Spiel. Nebenbei bemerkt: Die Hass-Gesänge und manches mehr, was während der Partie von den Rängen kam, fand ich völlig überzogen und z.T. mehr als peinlich. Aber menschliches Verhalten im Schutz der Masse, das ist ein Thema für sich.

Von Anfang an entwickelte sich ein äußerst hart umkämpftes Spiel. Kaum eine gelungene Passfolge einer Mannschaft, die nicht vom jeweiligen Kontrahenten durch Foulspiel unterbunden wurde. In meinen Augen war es Hamburgs Aggressiv-Leader Behrami, der in der Anfangsphase an der linken Außenlinie nach einem Foulspiel zumindest den Verdacht einer Tätlichkeit an einem bereits am Boden  liegenden Leverkusener ermöglichte. Sauber sah das nicht aus. Allerdings kam Behrami ohne Verwarnung davon. Vor dem Hintergrund des ohnehin aufgeputschten Publikums gab es danach für beide Mannschaften kaum noch ein Halten. Auch manch anderer HSV-Spieler wälzte sich nach Fouls demonstrativ theatralisch, was die ohnehin hitzige Atmosphäre weiter zum kochen brachte. Was beide Mannschaften da boten, das war nicht schön anzusehen und bedeutete Schwerstarbeit für Schiedsrichter Meyer und sein Gespann. Und daran waren tatsächlich beide Mannschaften beteiligt. Da braucht sich keine Seite über die andere zu beschweren.

Mit Hinblick auf die Offensive mag man daher die Partie von beiden Seiten als schwach bewerten. Defensiv jedoch ließen beide Mannschaften fast keine Torchancen des Gegners zu, was wiederum positiv zu bewerten ist. Auch wenn zahlreiche Freistöße gegen den HSV verhängt wurden, so muss man aus Hamburger Sicht lobend feststellen, dass die vorangegangenen Fouls praktisch nie zentral unmittelbar vor dem Strafraum und damit in jener Zone begangen wurden, die angesichts der Stärke Calhanoglus bei Standards als höchst gefährlich zu bewerten gewesen wäre. Erfreulich aus Sicht des HSV war ohnehin, dass dessen Standards insgesamt ungewohnt schwach blieben. Ich fühlte mich zeitweilig an den ehemaligen Tennisprofi Brad Gilbert und dessen Buch, „Winning Ugly. Wie man bessere Gegner schlägt. Mentale Kriegsführung im Tennis“ erinnert. In dem beschreibt er all die kleinen und größeren schmutzigen Tricks, mit denen man seinen Gegner erfolgreich mental aus dem Gleichgewicht bringen kann. Auch das gehört zum Wettkampfsport, auch wenn ich dieses Verhalten im absoluten Grenzbereich und jenseits des Regelwerks immer verabscheut habe.

Offensiv ähnelte die Ausrichtung des HSV wie bereits erwähnt einem 4-1-4-1, in welchem sich Holtby oder van der Vaart abwechselnd defensiv fallen ließen. Gegen den Ball ähnelte das System dem gewohnten 4-2-3-1, da Holtby, van der Vaart oder der ballfern positionierte offensive Außenbahnspieler (Jansen) neben Behrami auf die zweite Sechs rückten. Diese taktische Flexibilität hat mir gefallen. Dass dies so gut umgesetzt wurde, hat neben dem läuferischen und kämpferischen Einsatz dazu beigetragen, dass Leverkusen kaum direkt durchs Zentrum auf Kießling spielen konnte, denn das Zentrum blieb meist geschlossen.

In einer spielerisch an Höhepunkten armen ersten Hälfte genügte dem HSV eine einzige Situation, um in Führung zu gehen. Jansen erspähte nach einem hohen Ball, der in den Strafraum der Gäste segelte, ein Abstimmungsproblem zwischen Torhüter Leno und seiner Innenverteidigung. Er spritzte dazwischen und war mit dem Kopf klar vor Leno am Ball, der aus dem Tor geeilt war, um diesen mit der Faust zu klären. Da der Leverkusener Torhüter jedoch um Sekundenbruchteile zu spät kam, wurde Jansen durch den Kontakt umgestoßen. Es folgten wütende Proteste aller Hamburger, da der Elfmeterpfiff zunächst ausblieb. Nach Rücksprache mit seinem Linienrichter entschied Meyer dann korrekt auf Strafstoß für den HSV. Diesen verwandelte dann van der Vaart in der 26. Minute ganz sicher zum 1:0. Beim nachfolgenden Torjubel war zu erkennen, dass die Kritik der letzten Wochen nicht spurlos am Kapitän vorbeigegangen ist. Auch dies werte ich positiv.

Kurz vor der Halbzeitpause dann der nächste Aufreger. Jansen lief nach Ballgewinn auf der linken Außenbahn mit Ball im vollen Sprint entlang der Linie, da kam Donati seitlich mit Tempo gelaufen und holte ihn mit einem rüden Foul von den Beinen. Für mich ein Foul, das einen Platzverweis zur Folge haben muss. Es kam, was angesichts der erhitzten Gemüter zu erwarten war. Diekmeier lief herbei, um dem Übeltäter die Meinung zu geigen. Donati wurde von seinem eigenen Mannschaftskameraden halb in Diekmeier geschubst. Folge all dessen war eine Rudelbildung, für die Diekmeier nachfolgend den gelben Karton sah. Dass Donati hier ebenfalls dann nur gelb sah, war für mich eine der wenigen Fehlentscheidungen Meyers. Auch beide Trainer verloren die Fassung und beschuldigten offenbar den jeweils anderen, bzw. dessen Mannschaft, verantwortlich für die üble Treterei dieser ersten Spielhälfte zu sein. Meyer bat beide Kapitäne zum Gespräch und machte wohl deutlich, dass die Begegnung bei unveränderter Spielweise nach der Halbzeitpause keinesfalls vollzählig über die Bühne gehen würde. Immerhin hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits sieben Verwarnungen verhängt.

Die Geschichte der zweiten Halbzeit ist kurz zusammengefasst. Beide Mannschaften bekämpften sich weiter erbittert und neutralisierten sich größtenteils, sodass beide Torhüter relativ wenig zu tun bekamen. Immerhin musste Meyer während der zweiten fünfundvierzig Minuten nur noch zwei Mal zum gelben Karton greifen, was eine etwas gemäßigtere Spielführung beider Teams belegt.

Die einzige, ganz große Torchance für die Gäste während der ganzen Partie ergab sich in der Nachspielzeit (90+4.), als  sich Bellarabi gegen den zuvor eingewechselten Kacar durchsetzen konnte und links im Strafraum zum Abschluss kam. Zum Glück für den HSV sprang sein Schuss vom Innenpfosten des langen Ecks zurück ins Spielfeld. Es blieb daher bei einem äußerst hart erkämpften, knappen Sieg der Hamburger. Außer dem Elfmeter konnte der HSV auch keine weiteren, ganz klaren Torchancen  erarbeiten, wenn man mal von der Kopfballchance Westermanns in der 60. Minute absieht.

Schiedsrichter: Meyer (Burgdorf). In meinen Augen hätte er Behrami bei dem erwähnten Vorfall mit gelb verwarnen müssen. Danach drohte ihm die Partie zeitweilig zu entgleiten, was er dann nur mit einer wahren Kartenflut verhindern konnte. Gut fand ich die Kommunikation im Gespann nicht nur vor der Strafstoßentscheidung. Ebenfalls gut fand ich seinen offenbar deutlichen Hinweis an beide Kapitäne. Bei Donatis Foul erfolgte der Angriff auf den Gegenspielern von der Seite, und der Ball war in der Nähe. Dies hat den Leverkusener vermutlich vor dem Platzverweis gerettet. Aufgrund der Dynamik des Angriffs wird m.E. jedoch eine schwere Verletzung des Gegenspielers billigend in Kauf genommen. Zugunsten des Schiedsrichters werte ich aber, dass beide Mannschaften praktisch ab Spielbeginn permanent  höchst unauber agierten. Wer aus der Entfernung seines Stadionsitzes ansonsten klare Fehlentscheidungen eindeutig erkannt haben will, dem gratuliere ich zu seinen guten Augen. Für mich lag Meyer mit den ausgesprochenen Verwarnungen richtig.

Fazit: der HSV erkämpft sich angesichts der Tatsache, dass auch Tabellennachbar Bremen dreifach punkten konnte, drei ganz wichtige Zähler und verlässt vorerst die Abstiegsränge. Die Niederlage gegen Hertha werte ich nach dieser kämpferisch und zum Teil auch taktisch guten Leistung der gesamten Mannschaft als Ausrutscher, wie er tagesformbedingt immer vorkommen kann. Die Mannschaft lebt, ist willig und scheint unter Joe Zinnbauer als Team zu wachsen. Denn u.a. gut gefallen hat mir auch die Kommunikation innerhalb des HSV. So eilte Diekmeier bei einem Freistoßchance für Leverkusen zum in der Mauer positionierten Behrami, um ihn auf seine Deckungsaufgabe im Strafraum aufmerksam zu machen. In der zweiten Hälfte sah man auch mal ein Abklatschen zwischen Müller und Holtby. Es sind auch diese kleinen Gesten, aus denen ich schließe, dass sich das Team unter Zinnbauer positiv entwickelt.

Aus taktischer Sicht könnte mit dem 4-1-4-1 in der gezeigten Variante ein wichtiger Zwischenschritt bei der Entwicklung eines stabilen Spielsystems erfolgreich absolviert worden sein.

Etwaige Konterchancen während der zweiten Halbzeit konnte der HSV über Lasogga nicht nutzen. Der für ihn daher folgerichtig eingewechselte Rudnevs vergab mindestens in einer Situation die große Chance, mit dem dann beruhigenden Ausbau der Führung Werbung in eigener Sache zu betreiben. Es ist also keineswegs durch diesen Sieg plötzlich alles positiv zu bewerten. Es bleibt gerade in Sachen Offensivspiel unverändert Vieles zu tun, bzw. manche Frage offen. Der Sieg erscheint angesichts des Pfostenschusses Bellarabis  als vom Glück begünstigt. Das belegt in meinen Augen einmal mehr den Einfluss des Zufalls, sowohl beim Ergebnis als auch nachfolgend in der Bilanz, die meist die dominierende wenn nicht gar alleinige Grundlage für die Bewertung der Trainer in der Öffentlichkeit bildet. Zinnbauer dürfte daher zunächst weiter in Ruhe arbeiten können. Erfreulich.

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Der HSV macht einen Schritt in die richtige Richtung, unterliegt jedoch dennoch Eintracht Frankfurt mit 1:2 (0:1)

Ausgehend von meinen bisherigen Beobachtungen zu den taktischen Veränderungen beim HSV unter Zinnbauers Leitung, die bisher überwiegend das defensive Spiel der Mannschaft betrafen, interessierte mich vor dem Spiel gegen die Eintracht aus Frankfurt zweierlei:

1.) konnte das Defensivverhalten weiter stabilisiert werden?
2.) verbessert sich das Angriffsspiel, ohne dass dies zu Lasten der Abwehrarbeit geht?

Unmittelbar vor dem Spiel überraschte mich die Nachricht, dass der Trainer des HSV die Abwehr umstellen würde. Ich hatte damit ehrlich gesagt nicht gerechnet. Zinnbauer vertraute also der folgenden Aufstellung:

Drobny – Westermann, Djourou, Cléber, Ostrzolek – Behrami, Arslan (86. Rudnevs), N.Müller (90. Diekmeier), Holtby (86. Jiracek), Stieber – Lasogga

Cléber spielte ergo als linker Innenverteidiger und Partner für Djourou, und Westermann ersetzte Diekmeier auf der defensiven rechten Außenbahn. Zinnbauer sagte nach dem Spiel dazu, dass die Analyse ergeben habe, dass der HSV bei Zweikämpfen in der Luft etwas unterlegen gewesen sei, was man durch die Hereinnahme Clébers korrigieren wollte.

Spiel: Der HSV begann erneut offensiv und übernahm wie schon gegen Gladbach zunächst die Spielgestaltung. Frankfurt zog sich relativ weit zurück. Für mich etwas überraschend verzichtete man darauf, die neu formierte HSV-Abwehr im Spielaufbau früh zu pressen, wie es die Gegner in der jüngeren Vergangenheit meist getan hatten. Stattdessen positionierten sich alle Spieler der Gäste hinter dem Ball in der eigenen Hälfte. Selbst im Mittelfeld presste man nur ganz gelegentlich. Offenbar hatte Schaaf, um die Probleme des HSV im letzten, dem Angriffsdrittel wissend, die Parole ausgegeben, mögliche Passwege des Gegners vor dem Strafraum konsequent zu blockieren. So verteidigten die Gäste meist eher passiv und erweiterten ihre defensive Viererkette im Bedarfsfall zu einer Fünfer- oder gelegentlich sogar Sechserkette. Die verbleibenden Spieler sicherten vornehmlich den zentralen Raum davor und sollten offenbar aus der eigenen Hälfte im Gegenzug etwaige Konter starten. So verfingen sich die Angriffe der Hausherrn meist in der engmaschigen Verteidigung der Gäste im zentralen Raum vor dem Strafraum, oder das Angriffsspiel der Hamburger wurde durch die taktische Ausrichtung der Gäste auf die Flügel abgeleitet. Leider, auch dies stelle ich inzwischen zum wiederholten Male fest, fehlt es dem HSV bei Flanken und Standards unverändert an der notwendigen Präzision.

Cléber war m.E. mindestens während der ersten Halbzeit eine gewisse Nervosität anzumerken. Dies sah man u.a. zu Beginn der Partie, als ihm in unbedrängter Position ein Zuspiel auf Djourou vollkommen verunglückte. Allerdings zeigte Cléber, wie von Zinnbauer erhofft, seine Stärke bei Kopfbällen. So hatte er nach einem Eckstoß für den HSV mit seinem nachfolgenden Kopfball etwas Pech, da dieser leider zu mittig auf das Tor kam und dort mühelos von der neuen Frankfurter Nummer eins, Felix Wiedwald, gehalten werden konnte.

Der HSV hatte während der ersten Spielhälfte ein deutliches optisches Übergewicht, ohne dass daraus tatsächliche Torchancen  resultierten.  Für mich einmal mehr negativ auffällig war hier Tolgay Arslan, der sich wiederholt in Dribblings verzettelte, die meist prompt zum Ballverlust führten. Auch gelungene Pässe in die Schnittstellen der Frankfurter Abwehr suchte man bei ihm einmal mehr vergeblich. Womit ich bei einer Ursache für die bisherige Erfolglosigkeit der Mannschaft vor dem Tor wäre. Arslan ist sicher nicht dafür allein verantwortlich, aber es muss doch verstärkt kritisch festgestellt werden, dass er es in der letzten Saison (2013/14) bei 32 Einsätzen auf nur ein einziges Tor und, dies wiegt m.E. fast noch schwerer, auf nur drei Assists brachte. So gut er mir auch schon des Öfteren vor allem in der Rückwärtsbewegung gefallen hat – dass der Mann nach vorne kaum etwas tatsächlich Produktives bewegt, darauf deuten auch diese ernüchternden Zahlen. Es ist sicher etwas unfair, ihn mit Holtby zu vergleichen, schon allein weil dieser positionsbedingt weiter vorne spielt, aber Holtby hat allein in der zweiten Spielhälfte mehr erfolgreiche, offensive Schnittstellenpässe gespielt, als m.E. Arslan in allen bisherigen Spielen dieser Saison zusammengerechnet. Ich ziehe daraus den Schluss, dass Arslan, sollte er sich nicht bald ganz gewaltig steigern, in dem Moment aus der Mannschaft raus ist, in dem van der Vaart wieder auflaufen kann, da dann Holtby seinen Platz neben Behrami einnehmen dürfte.

In der 44. Spielminute verlor Westermann den Ball in der Vorwärtsbewegung. Der folgende Diagonalball der Frankfurter erreichte Chandler auf der rechten Außenbahn. Stieber, der Richtung Mitte eingerückt war, da sich das Spielgeschehen ja ursprünglich auf dem anderen Flügel abspielte, stand im Halbfeld und reagierte für meinen Geschmack etwas spät. So erhielt er keinen Zugriff auf Chandler, der sofort mit Tempo auf der Außenbahn nach vorne stürmte. Beide Sechser konnten in diesem Augenblick positionsbedingt nicht helfen.  Linksverteidiger Ostrzolek stand m.E. viel zu weit weg (von Stieber) und wich immer weiter zurück, statt den heranstürmenden Chandler zu stellen. Im Ergebnis wurde daher absolut kein Druck auf Chandler ausgeübt. Dieser passte den Ball scharf quer zur Torlinie. Cléber trat in der Laufbewegung über den Ball. Dieser erreichte Seferovic, der am langen Pfosten lauerte und sofort gegen die Laufrichtung von Djourou und Drobny abschloss.  Es passte zum unglücklichen Auftritt Clébers, dass er den Torschuss um ein Haar auf der Torlinie noch geklärt hätte, letztlich aber dem Ball nicht mehr die entscheidende Richtungsänderung geben konnte. Meiner Meinung nach trifft Cléber hier sicherlich eine Teilschuld am Gegentor, allein verantwortlich ist er aber keinesfalls. Vielmehr hat man es hier mit einer ganzen Kette von Fehlern zu tun. Meiner Meinung nach hat hier auch die gesamte Raumaufteilung nicht gestimmt. Sei es, wie es sei – der HSV lag einmal mehr mit 0:1 zurück.

Beinahe wäre der Mannschaft noch innerhalb der ersten Halbzeit der Ausgleich gelungen. Aber Behrami setzte in der Nachspielzeit (45+1.) nach schöner Flanke vom linken Flügel einen fulminanten Kopfball knapp neben das Frankfurter Gehäuse. Es blieb also bei der Führung der Gäste zur Pause.

Um es vorwegzunehmen: Mein „Man of the Match“ war Holtby, der vor allem in der zweiten Halbzeit stark spielte. Die 53. Minute sah einen bemerkenswert guten Pass Westermanns in die Schnittstelle zwischen Innenverteidigung und Linksverteidiger der Frankfurter. Leider wurde der dadurch frei gespielte Holtby etwas zu weit durch den aus seinem Tor herausstürmenden Wiedwald nach rechts abgedrängt, sodass sein Torschuss aus spitzem Winkel letztlich nur das Seitennetz des Tores traf.

In der 58. Minute konnte man dann Holtbys Handlungsschnelligkeit, gute Technik und sein Spielverständnis beobachten. Einen halbhohen Ball vor dem Frankfurter Strafraum passte er sofort durch die Schnittstelle der Gäste-Abwehr zu Nicolai Müller. Dem war es schließlich vorbehalten, die Torflaute des HSV zu beenden. Mit etwas Glück rutschte sein Schuss unter Wiedwald hindurch zum 1:1 ins Netz.

Wiedwald, der erstmalig den verletzten Trapp im Tor vertrat, wirkte auf mich keineswegs immer sicher. Dies konnte man auch in der 76. Minute beobachten, als Anderson und er nach dem in Fußballerkreisen durchaus bekannten Motto verfuhren: Nimm Du ihn, ich hab ihn sicher…! Als Folge dieser Uneinigkeit kam der offensiv pressende Lasogga an den Ball. Leider war dessen Schuss mit der Pike zu harmlos, sodass ihn der junge Frankfurter Torhüter dann letztlich doch mühelos entschärfen konnte.

In der Schlussphase der Partie wechselte Zinnbauer gleich drei Mal. Jiracek führte sich zunächst durch eine großartige Grätsche ein, als er einen stürmenden Frankfurter gerade noch entscheidend behinderte. Leider unterlief ihm dann kurz darauf in der Schlussminute ein hartes und auch unnötiges Foul, als er dreißig Meter vor dem eigenen Tor mit gestrecktem Bein in einen Frankfurter Spieler rutschte. Den folgenden Freistoß aus leicht nach links versetzter Position jagte der eingewechselte Piazon ins rechte obere Eck des Hamburger Tores, also ins Dreiangel der s.g. Torwartseite. Man muss hier zu Drobnys Gunsten die inzwischen für den Torwart grundsätzlich schwer zu berechnenden Flugkurven moderner Bälle berücksichtigen. Gänzlich unhaltbar schien mir dieser zweifellos wunderschöne Treffer (90.), der zugleich den Sieg für die Gäste bedeutete, jedoch nicht zu sein.

Schiedsrichter: Florian Meyer (Burgdorf). Einige „enge“ Entscheidungen könnte man auch anders treffen. War aber gewiss nicht schuld an der Niederlage.

Fazit: Der HSV verliert diese Partie gegen keineswegs unschlagbare Frankfurter schon allein aufgrund des späten Siegtreffers unglücklich.

Gegen Gladbach am Mittwoch gaben die Hamburger 14 Torschüsse ab, verfehlten jedoch ganze 13 mal das Gehäuse. Mit anderen Worten: Gladbachs Torwart Sommer musste am Mittwoch nur einen einzigen Schuss tatsächlich parieren. Die meisten Torschussversuche dieser vorangegangenen Partie wurden zudem außerhalb des Strafraums abgegeben, was statistisch betrachtet die Wahrscheinlichkeit eines daraus resultierenden Treffers signifikant senkt. Mit anderen Worten: Gegen Gladbach war es dem HSV fast gar nicht gelungen, in den Strafraum des Gegners einzudringen, um dort zu klaren Torchancen zu kommen.

Gegen die Frankfurter Eintracht erschien mir das Offensivspiel vor allem während der zweiten Spielhälfte deutlich verbessert. Wenn man das vom HSV erzielte Tor  einrechnet, wurden erneut 14 Torschüsse abgegeben, von denen immerhin sechs tatsächlich auf das Tor gingen (fünf gehaltene Schüsse). Auch gelang es deutlich häufiger innerhalb des Strafraums zum Abschluss zu kommen, was auf eine bessere Qualität der eigenen Torchancen hindeutet. Dies ist natürlich absolut kein Beweis für ein konstant verbessertes Offensivspiel der Hamburger, jedoch eine interessante Momentaufnahme.

Die Hamburger Mannschaft  muss sich jedoch erneut vorwerfen lassen, dass sie vor allem in der ersten Spielhälfte viel zu selten konkret und präzise spielte, sodass aus rein optischer Überlegenheit nichts Zählbares resultierte. Im Gegenteil! Durch eine ganze Fehlerkette geriet man sogar in Rückstand.

Unverändert, aber das erscheint mir zum jetzigen Zeitpunkt noch normal und nicht vorzuwerfen, sind auch Abstimmungsprobleme bei Pass- und Laufwegen zu beobachten. Bis hier die Fehlerquote deutlich gesenkt werden kann, dies benötigt schlicht Zeit. Wer glaubt, dies ginge quasi auf Knopfdruck und über Nacht, der irrt. Schwer.

Erfreulich erscheint mir, dass sich die Form der beiden noch mit konditionellen Rückständen behafteten Spieler, Müller und Lasogga, stetig zu verbessern scheint,  auch wenn hier weiter Luft nach oben verbleibt. Auch Stieber und Ostrzolek harmonieren zunehmend besser und zeigten ansteigende Form. Holtby war  sehr präsent. Im Zusammenspiel mit einem van der Vaart könnte da nach dessen Rückkehr etwas entstehen.

Insgesamt meine ich, dass der HSV, so seltsam sich das nach dieser erneuten Niederlage für den einen oder anderen lesen mag, leistungsmäßig einen weiteren Schritt in die richtige Richtung gemacht hat. Daher kann ich jener medialen Berichterstattung, die schon von einem Verpuffen des Trainerwechsels wissen will, rein gar nichts abgewinnen. Rein tabellarisch, bzw. wenn man allein aufgrund von Ergebnissen urteilt, mag dies stimmen. Doch eine Analyse, die auch nur ansatzweise diese Bezeichnung verdient, benötigt dann doch etwas mehr, als die Fähigkeit, die Tabelle und die Spiel-Ergebnisse lesen zu können.

Ein Kompliment an das Hamburger Publikum: Die Mannschaft wurde allen diesbezüglichen Zweifeln zum Trotz lautstark unterstützt. Dass man trotz der Niederlage nach dem Schlusspfiff der Mannschaft sogar Beifall zollte, bestärkt mich in der Hoffnung, dass man wenigstens mittelfristig auch weiterhin Geduld haben wird.