Djourou

Der HSV straft die meisten Prognosen und Kritiker Lügen und gewinnt in Dortmund mit 0:1 (0:1)

Als ich am Donnerstag in der Bundesliga-Vorschau auf meinsportradio.de auf das zu erwartende Ergebnis des HSV in Dortmund angesprochen wurde, habe ich optimistisch auf ein 2:2 und damit einen Punkt für die Hamburger getippt. Co-Moderator und BvB-Experte Sascha meinte hingegen, der BvB würde dem HSV klar mit 4:1 die Grenzen aufzeigen. In der Tat sprachen beinahe alle Vorzeichen für einen klaren Erfolg der Gastgeber. Warum also hielt ich vor dem Spiel mindestens einen Teilerfolg für die sieglosen Hamburger für absolut möglich?

Der Einfluss des Zufalls

Es ist für mich unbestreitbar: der BvB hat derzeit im direkten Vergleich den eindeutig besseren Kader und verfügt zudem über ein Spiel-System, das Jürgen Klopp mit seiner Mannschaft inzwischen über mehrere Jahre trainieren und perfektionieren konnte. Die grundsätzlich bessere Qualität des Dortmunder Kaders führt mich jedoch nur zu der Erwartung, dass sich die Dortmunder in der Abschlusstabelle dieser Saison deutlich, hier dem von Sascha getippten 4:1 durchaus entsprechend, vor dem HSV platzieren werden. Für ein einzelnes Spiel gilt m.E. jedoch anderes.

„Glück und Pech gleichen sich im Laufe einer Saison für alle Mannschaften aus.“ – diese Behauptung habe auch ich lange vertreten, sie ist dennoch falsch. Es handelt sich um einen Irrglauben, weil die Stichprobe bei 18 Mannschaften in einer Liga, die je 34 Spiele untereinander bestreiten, zu klein ist, damit sich alle Zufälle tatsächlich aufheben, bzw. über alle Mannschaften gleich verteilen. Der Einfluss zufälliger Faktoren reduziert sich auf eine ganze Saison gerechnet erheblich. Aus diesem Grund wird am Ende der Saison nicht irgendwer zufällig Deutscher Meister, sondern der mutmaßlich am besten aufgestellte Club, der FC Bayern. Dennoch erscheint gut möglich, dass zufällige Faktoren sogar die Position in der Abschluss-Tabelle um gleich mehrere Plätze nach oben oder unten beeinflussen können. Um also tatsächlich zutreffende Aussagen über Team- und Trainerleistung während einer Saison treffen zu können, muss man sogar nach einer ganzen Saison tiefer in die Analyse einsteigen, als nur einen Blick auf die Tabelle zu werfen.

Der Ausgang eines einzelnen Spiels aber, dies unterstellte ich daher auch für den Auftritt des HSV in Dortmund, kann ggf. ganz erheblich von der jeweiligen Tagesform und von Zufällen bestimmt werden. Ein unhaltbar abgefälschter Schuss, eine günstige (Fehl-)Entscheidung des Schiedsrichters und ein einziger, individueller Fehler des Gegners während der 90 Minuten – schon liegt man u.U. mit 0:2 in Führung (oder zurück). Es ändert sich sowohl die taktische Ausgangslage als auch die nervlich-emotionale Verfassung der Spieler. Wer nun meint, bei meinem Tipp habe es sich ja wohl um Wunschdenken gehandelt – das stimmt! Natürlich wünschte ich dem HSV ein Erfolgserlebnis, aber widerlegt dies meine grundsätzliche Argumentation? Wer hätte denn bspw. vor wenigen Spieltagen dem HSV zugetraut, dass er dem übermächtig erscheinenden Deutschen Meister aus München ein torloses Remis abringt? Und doch haben wir genau dies erlebt. [Anm: Diesen Teil schrieb ich übrigens vor dem Spiel]

Joe Zinnbauer, der sich vor dem Spiel vom Auftritt der Borussia in der CL durchaus beeindruckt zeigte, schenkte jedenfalls der folgenden Mannschaftsaufstellung sein Vertrauen:

Drobny – Diekmeier (66. Stieber), Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami, Arslan,  Müller (87. Rudnevs), Holtby, Jansen – Lasogga (83. Jiracek);
Bank: Zöllner, van der Vaart, Stieber, Cléber, Rudnevs, Kacar, Jiracek.

Das Spiel:  Wie würde Zinnbauer seine Mannschaft gegen die Dortmunder taktisch einstellen, das war die Frage vor der Partie. Um es kurz und leicht verständlich zu halten: Zinnbauer kopierte die gewohnte taktische Ausrichtung des BvB. Natürlich nicht eins zu eins, sondern abgewandelt und angepasst an die Möglichkeiten seiner Mannschaft. Mit anderen Worten: Die Hamburger begegneten dem bekannt aggressiven Offensivpressing der Dortmunder, indem sie ebenfalls jedem Ball hinterherjagten und versuchten, ihrerseits Druck auf die ballführenden Spieler der Gastgeber auszuüben. In der Folge entwickelte sich eine leidenschaftlich von beiden Seiten geführte Partie, die von zahlreichen, zum Teil hitzig und nicklig geführten Zweikämpfen geprägt war.

Der BvB entwickelte sein Spiel meist über seine rechte Seite, allerdings nur bis ins s.g. zweite Drittel des Spielfelds. Dann folgte, da Jansen (LM) und Ostrzolek (LV) ihren Flügel gut schlossen, der schnelle Seitenwechsel auf Schmelzer. Aber da auch Diekmeier und Müller dort meist rechtzeitig zur Stelle waren, konnte sich der BvB während der ersten Halbzeit keine klare Torchance erspielen – wer hätte das zuvor erwartet?!

Anders der HSV. Einen leichtfertigen Querpass von Ramos konnte Jansen mühelos abfangen. Der spielte seinerseits ins zentrale Mittelfeld. Beide Dortmunder Innenverteidiger, Sokratis und Hummels, orientierten sich in Richtung des dort positionierten Holtby. Der in unmittelbarer Nähe stehende Müller spritzte dazwischen, spitzelte den Ball an den Verteidigern vorbei und hatte plötzlich freie Bahn in Richtung des Dortmunder Tores. Der schnelle Durm kam noch heran, zupfte kurz an Müllers Trikot, musste aber loslassen, da er ansonsten wohl mit Rot vom Platz geflogen wäre. Weidenfeller verkürzte in Erwartung eines Torschusses von Müller den Winkel, dieser aber legte lehrbuchreif quer auf den mitgelaufenen Lasogga, der sich dann sogar den Luxus erlauben konnte, den Ball erst zu stoppen, bevor er ihn letztlich mühelos im Tor unterbrachte. Das 0:1 in der 35. Minute für den HSV entsprach dem Spielverlauf und war durchaus verdient.

Dass der HSV auswärts bei Dortmund zur Halbzeit in Führung liegt – allein dies war schon eine faustdicke Überraschung. Der HSV rannte, spielte und kämpfte, als ginge es bereits in dieser frühen Phase der Saison um das nackte Überleben. Das ließ sich sehen. Allerdings fragte ich mich mit zunehmender Spielzeit etwas besorgt, ob die Kraft der Mannschaft reichen würde, um den gleichen Aufwand auch in der zweiten Halbzeit und damit bis zum Spielende zu betreiben.

Auch in der zweiten Halbzeit war es zunächst ein ausgeglichenes Spiel. Natürlich verstärkte die Borussia ihre Angriffsbemühungen, aber der HSV setzte immer wieder Nadelstiche. So sah man nun Chancen auf beiden Seiten.

In der 66. Minute musste der gute Diekmeier nach einem s.g. Pferdekuss in der Kniekehle vom Feld. Zinnbauer brachte Stieber, der Jansens Part auf der linken offensiven Außenbahn einnahm. Jansen rückte eine Position zurück (LV), und Ostrzolek wechselte auf die gegenüberliegende Position (RV).  Dies wirkte sich jedoch nicht nennenswert negativ auf die defensive Stabilität der Hamburger aus.

Erst in der 72. Minute kam der BvB zu seiner bis dahin besten Torchance. Drobny vereitelte diese Gelegenheit (Schuss von Aubameyang) mit einer tollen Parade. Der HSV hätte seinerseits durch Jansens Drehschuss nach Ecke von Holtby (76.) die Führung ausbauen können, aber der Schuss wurde durch die vielbeinige Dortmunder Abwehr erfolgreich geblockt. Dies hätte sich beinahe postwendend gerächt, denn der eingewechselte Immobile tauchte in der 78. Minute frei vor Drobny auf. Zum Glück für den HSV verfehlte Immobiles Schuss jedoch knapp das Tor des HSV.

Die letzten 20 Minuten des Spiels drückten die Dortmunder mit Macht auf den Ausgleich, aber die Hamburger kämpften defensiv aufopferungsvoll, um die Führung über die Zeit zu retten. Da der BvB immer mehr Risiko gehen musste, eröffneten sich für den HSV einige Konterchancen. So hätte bspw. Holtby, der in der 83. Minute bereits Weidenfeller umspielt hatte, dabei aber nach links abgedrängt worden war, beinahe aus spitzem Winkel das dann wohl entscheidende 0:2 erzielt. Auch der eingewechselte Rudnevs hatte eine Konterchance, die er aber aufgrund technischer Mängel nicht nutzen konnte. So blieb es am Ende beim knappen Auswärtssieg des HSV.

Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin). Leitete eine hitzig geführte Partie und bot in meinen Augen eine gute Leistung. Verhängte individuelle Strafen, wenn dies geboten schien. Beruhigte die Gemüter mehrfach durch seine persönliche Ansprache an die Spieler. Zweifelhaft erschien mir allerdings die gelbe Karte gegen Ostrzolek, da beide, Ostrzolek und Schmelzer, mit hohem Bein in den Zweikampf gingen.

Fazit: Auch ich habe mit meiner Prognose daneben gelegen. Erfreulicherweise erscheint mir der knappe Sieg des HSV weder unverdient noch rein zufällig. Die Hamburger zeigten im Vergleich mit ihrem Gegner in der ersten Halbzeit die etwas bessere Leistung. Unbestreitbar gehörten vor allem die letzten zwanzig Minuten des Spiels den Gastgebern, die jedoch für mich überraschend wenig klare Torchancen herausspielten. Zudem sollte man nicht übersehen, dass der HSV bei einigen Konterchancen die Möglichkeit besaß, die Führung auszubauen und damit das Spiel vorzeitig für sich zu entscheiden. Am Ende erzählt eben jedes Spiel seine eigene Geschichte. Papierform nützt nichts, wenn man sie nicht auf den Platz bringt.

Ich gratuliere der gesamten Mannschaft zu einer sehr guten, engagierten und taktisch disziplinierten Teamleistung. Hervorheben möchte ich aus gutem Grund nur einen Spieler: Der oft (zurecht) gescholtene Djourou machte vielleicht sein bisher bestes Spiel für den HSV. Und dies, obwohl bei ihm kurz nach Wiederanpfiff zur zweiten Halbzeit eine Gehirnerschütterung befürchtet werden musste. Was er alles antizipierte und nachfolgend klärte – großartig.

Der HSV war (und ist es wohl auch noch nach diesem Spiel) in meinen Augen die am weitesten unterbewertete „Aktie“ am Bundesliga-Markt. Eine rein quantitative Analyse, die sich zudem bisher fast ausschließlich auf fehlende Siege und Tore bezieht, und die psychologisch durch die desaströse letzte Saison grob verzerrt wird, führt in die Irre. Zweikampfverhalten, Passquote oder Laufleistung – die jeweiligen Werte dieser Saison deuteten bereits an, dass sich der HSV im Vergleich zur Vorsaison verbessert hat. Dass bisher Tore und Siege fehlten, dafür gibt es m.E. vernünftige, plausible Begründungen.

Natürlich, darüber darf auch dieser überraschende Sieg in Dortmund nicht hinwegtäuschen, ist nun nicht alles rosarot beim HSV. Die Mannschaft ist weiter in der Entwicklung und wird wahrscheinlich den einen oder anderen Rückschlag hinnehmen müssen. Entscheidend bleibt aber, dass die generelle Tendenz der Entwicklung stimmt. Ungeachtet des Resultats gegen die Dortmunder lässt sich meiner Meinung nach feststellen, dass dieser Hamburger Kader besser ist, als er bisher von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Diese Mannschaft hat das Potenzial, um nichts mit dem Abstieg zutun haben zu müssen. Und sie macht unter Joe Zinnbauer eindeutig Fortschritte, was sich aber wohl bisher nur denjenigen erschloss, die eine quantitative Bewertung (Tabellenstand; Addition von Punkten) durch eine qualitative Analyse ergänzen (können).

Auf dieser Leistung lässt sich aufbauen. HSV – FC Bayern München 0:0

Jede Aussage eines Trainers gegenüber den Medien hat gleich mehrere Adressaten: Da wäre zunächst natürlich die interessierte Öffentlichkeit, der man einen möglichst positiven Eindruck von sich und seiner Arbeit vermitteln möchte. Dann wären da die Vorgesetzten, die mit Argusaugen darüber wachen, welches Bild ihr Trainer von sich, seiner Arbeit und dem Verein zeichnet. Und schließlich wären da noch die Spieler, die sehr genau darauf achten, was ihr Trainer öffentlich über die Mannschaftsleistung und nicht zu letzt über sie persönlich äußert. Es lohnt daher, einige Äußerungen Zinnbauers aus den vergangenen Tagen genauer zu betrachten.

So sagte Zinnbauer z.B. auf seiner Antritts-PK, er habe der von ihm zuletzt betreuten U23 zum Abschied gesagt, seine Beförderung zum Cheftrainer der Bundesligamannschaft sei nicht nur ein Glücksfall für ihn persönlich, sondern sei auch gut für sie. Denn zukünftig wüssten sie einen Cheftrainer „ganz oben“, der jeden einzelnen von ihnen tatsächlich kennen und einschätzen könne. Später antwortete er auf eine entsprechende Frage, dass er, sollte es bei der Bundesligamannschaft nicht funktionieren, „kein Pardon“ kenne und nicht zögern würde, die betreffenden Profis  durch entsprechende U23-Spieler zu ersetzen. Er erhöhte also den Leistungsdruck im Bundesliga-Kader und setzte gleichzeitig Anreize für den Nachwuchs, nunmehr unter ihrem neuen Trainer, Daniel Petrowsky, keinesfalls nachzulassen, wodurch er seinem Nachfolger zweifellos den Einstieg erleichtert haben dürfte. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang nur an das Negativ-Beispiel Beckenbauer, der seinem Nachfolger bei der Nationalmannschaft, Berti Vogts, seinerzeit ein regelrechtes Kuckucksei ins Nest legte, indem er öffentlich in der ihm eigenen Art firlefranzte, dass die von ihm übergebene Mannschaft „auf Jahre hinaus unschlagbar“ sein werde.

Bereits in der zweiten, der von ihm bei den Profis geleiteten Trainingseinheiten demonstrierte Zinnbauer dann, dass er bei den von ihm angekündigten Konsequenzen auch nicht vor großen Namen zurückschreckt. Als mit Behrami  einer der vorgesehenen Führungsspieler der Mannschaft wiederholt einige Übungen erkennbar nicht mit vollem Einsatz absolvierte, durfte er sich den Rest des Trainings für diesen Tag von außen anschauen. In diesem Kontext muss man m.E. das Extra-Lob sehen, dass Zinnbauer nach der Partie gegen die Bayern an Behrami verteilte. Behrami hatte zweifellos ein gutes Spiel gemacht, ein besonderes Lob hat sich gestern aber, ginge es nach mir, ein anderer verdient (Dazu später mehr). Um bei Behrami zu bleiben – die Botschaft Zinnbauers erschien mir eindeutig: Wer  im Training voll mitzieht, wer gut spielt, der darf mit seiner Anerkennung, seiner Wertschätzung rechnen. Wer sich jedoch hängen lässt, für den brechen ggf. schwere Zeiten an. Da Behrami derzeit im Grunde alternativlos im Kader erscheint, macht es für mich aus Sicht des Trainers und vor dem Hintergrund der angesprochenen Disziplinierungsmaßnahme dennoch Sinn, ihn nach dem Spiel explizit öffentlich positiv hervorzuheben. Denn wer als Trainer nur Druck ausübt und ausschließlich negativ kritisiert, der wird m.E. auf längere Sicht keinen Erfolg haben.

In diesem Kontext passt ins Bild, dass Zinnbauer nach dem Spiel auch nicht vergaß, seinen Vorgänger, Mirko Slomka, für den nunmehr guten konditionellen Zustand der Mannschaft ausdrücklich zu loben. Dies, wie auch Zinnbauers Hinweis zur U23, dass er dort selbst ja weder Tore geschossen noch verhindert habe, deutet für mich darauf hin, dass er nicht nur um eine faire Beurteilung bemüht ist, sondern sich auch zugleich als Teil eines Teams sieht. Dies ist natürlich nur ein erster, flüchtiger Eindruck und sollte zum jetzigen Zeitpunkt nicht überbewertet werden, dennoch möchte ich dies nicht unerwähnt lassen. Denn es dürfte nicht wenige geben, die u.a. mangelhafte Teamarbeit als eine wesentliche Ursache für die Misserfolge der Vergangenheit ausgemacht haben wollen.

Im Grunde war zu erwarten, dass Zinnbauer angesichts der Kürze der ihm zur Verfügung stehenden Zeit die zuletzt überzogen wirkenden personellen Veränderungen Slomkas gegen Hannover teilweise zurücknehmen würde. So ersetzte Westermann Cléber, und auch Arslan kehrte in die Startaufstellung zurück:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami, Arslan (67. Jiracek), N. Müller (87. Steinmann), Holtby, Stieber – Lasogga (76. Green)

In der Torwartfrage gab es auch meiner Meinung nach keinen triftigen Grund, nun erneut die Rolle rückwärts zu vollziehen. Zum einen war Drobnys Leistung gegen Hannover nicht ursächlich für die Niederlage, zum anderen wäre Adler endgültig „verbrannt“, wären ihm gegen die Bayern Fehler dergestalt unterlaufen, wie man sie leider in der letzten Saison eindeutig zu oft von ihm gesehen hat. So bitter das für Adler im Augenblick auch sein mag – er wird nun wohl mindestens bis zur Winterpause warten müssen. Es sei denn, Drobny schwächelt mehrfach. Im Mannschaftssport, so ist das nun einmal, steht der Erfolg eines Teams über etwaigen sportlichen Einzelschicksalen.

Das Spiel: Obwohl die Mannschaftsaufstellung der Hamburger als taktisches System ein 4-2-3-1 mit einer klaren Doppel-Sechs durch Behrami und Arslan suggerierte, konnte man bereits nach wenigen Minuten eine andere taktische Formation bemerken. Tatsächlich agierte man gegen den Ball mit einem grundsätzlich offensiv orientierten 4-4-2. Vor allem Holtby presste während der ersten Halbzeit im Verbund mit der nominell einzigen Hamburger Spitze, Lasogga, sehr hoch, während sich Arslan und Behrami meist dahinter in eine vordere Viererkette mit Stieber und Nicolai Müller einreihten. Auch die defensive Viererkette schob – endlich, endlich! – weit genug heraus, sodass kaum jene gefährlich freien Räume zwischen den Ketten entstanden, die ich hier im Blog in der Vergangenheit oft kritisiert habe. Da sich die Mannschaft des HSV zeitgleich auch ballorientiert seitlich deutlicher verschob, als dies m.M.n. in der Vergangenheit der Fall gewesen ist, wurden gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen:

1.) Der Spielaufbau der Bayern konnte des Öfteren entscheidend gestört werden, sodass sie häufiger zu langen, prinzipiell leichter zu verteidigenden Bällen gezwungen wurden;
2.) In Ballnähe erreichte der HSV vermehrt eine personelle Überzahl, was auch die Zweikampfführung gegen individuell überlegene Bayern-Spieler erleichterte;
3.) Das Zentrum des Spiels wurde durch die Hamburger meist erfolgreich geschlossen, sodass der Gegner sein Spiel mit dem grundsätzlich längeren Weg über die jeweils freie Außenbahn entwickeln musste.

Nicht unbemerkt soll zudem bleiben, dass sich der HSV tatsächlich aggressiv in der Zweikampfführung zeigte. Im Ergebnis standen am Ende der ersten Spielhälfte nur zwei Torschüsse (20. Minute, Pizarro, weit über das Tor) der Bayern und eine einzige Parade Drobnys (33., nach Schuss von Bernat) zu Buche. Und das gegen die zuvor hoch favorisierten Bayern!

Man darf es wohl durchaus auch als Kompliment für den HSV werten, dass Guardiola, der die Bayern zunächst in einem offensiven 3-4-3 auf das Feld schickte, im Verlauf der Partie nicht nur in der Abwehr auf eine Viererkette umstellte, sondern mit den zu Beginn noch geschonten Xabi Alonso, Götze und Lewandowski drei Hochkaräter brachte, die den Sieg für seine Mannschaft erzwingen sollten. Denn es dürfte eher ungewöhnlich sein, dass ein Trainer bereits in der 66. Minute seine letzte Auswechselmöglichkeit ausschöpft.

Tatsächlich spielten die Bayern während des zweiten Durchgangs flüssiger und zielgerichteter. Zunächst aber hatte Nicolai Müller in der 48. Minute tatsächlich eine Torchance für den HSV. Er spitzelte den Ball erfolgreich aus halblinker Position an dem aus seinem Tor geeilten Neuer vorbei. Leider verfehlte sein Schuss mit dem rechten Fuß knapp das Tor.

In der 53. Minute rettete Drobny seine Mannschaft vor dem Rückstand, als er mit den Beinen einen Schuss von Lahm nach Vorarbeit von Rafinha parierte. Zu diesem Zeitpunkt die bis dato wohl größte Torchance für die Bayern.

Die Bayern bauten nun vermehrt ihr Spiel über ihre rechte Seite auf, um hernach auf die linke Seite zu verlagern. Aber Diekmeier und Nicolai Müller waren meist zur Stelle, um etwaige Lücken rechtzeitig zu schließen.

Um auf meine Bemerkung im Zusammenhang mit Behrami zurückzukommen: Neben Behrami verdienen m.E. besonders der defensiv enorm fleißige Holtby, aber vor allem der oft gescholtene Heiko Westermann ein Extra-Lob. Westermann spielte auf Seiten des HSV einfach überragend. Nicht ein „Wackler“, 89 Prozent gewonnene Zweikämpfe und 67 Prozent angekommene Pässe belegen dies. Ich denke, man konnte sehen, dass Westermann durchaus sehr, sehr wertvoll sein kann, wenn er sich in einer taktisch funktionierenden Mannschaft auf seine Kernkompetenzen konzentrieren kann. Denn seine allseits bekannten Stockfehler resultierten oft genug auch daraus, dass sich andere Spieler der Mannschaft in der Vergangenheit viel zu oft versteckt haben. So wurde Westermann oft genug dafür bestraft, dass er einer der wenigen war, die durchweg Verantwortung übernahmen, während andere nach dem Motto verfuhren: hier hast Du den Ball – viel Glück damit!

Djourou zeigte eine durchaus ordentliche Leistung, zerstörte aber letztlich ein wenig den positiven Gesamteindruck, als er kurz vor Spielende (88.) einen eklatanten Fehler bei der Ballannahme produzierte und so Thomas Müller zu einem Torschuss einlud, den dieser zum Glück für den HSV knapp neben das Tor setzte. So blieb es letztlich beim torlosen Remis.

In der Nachspielzeit (90+4.) vertändelte der wieder einmal weit aus seinem Tor geeilte Manuel Neuer den Ball fast auf Höhe der Mittellinie und blockte dort absichtlich einen Schuss der Hamburger mit der Hand. Der folgende Torschuss von Ostrzolek verfehlte das von Neuer verlassene Tor. Der Treffer hätte aber ohnehin nicht gezählt, da Schiedsrichter Dingert bereits das Handspiel gepfiffen hatte.

Schiedsrichter: Dingert (Lebecksmühle): Bot für einen so jungen Schiedsrichter in einer vor allem von Hamburger Seite aggressiv geführten Partie eine gute Leistung. Die gelbe Karte für Neuer geht vollkommen in Ordnung, da nicht jedes Handspiel eines Torwarts außerhalb seines Strafraums zum Feldverweis führt. Maßgebend ist hier, ob der Torhüter eine klare, eindeutige Torchance für den Gegner verhindert. Davon kann beim besten Willen aufgrund der seitlich versetzen Position von Schütze und Ball und der Entfernung zum Tor (fast Mittellinie!) keine Rede sein.

Fazit: Der HSV, so möchte ich es formulieren, hat dem zuvor übermächtig erscheinenden Gegner aus München aufgrund einer engagierten und taktisch disziplinierten Mannschaftsleistung durchaus verdient den einen Punkt abgerungen. Endlich blieb man über weite Strecken des Spiels als Mannschaft kompakt und konnte vermehrt auch jene Dreiecksbildungen auf den Positionen beobachten, die zuvor viel zu oft schmerzlich vermisst wurden. Ich stimme Heiko Westermann zu, der nach dem Spiel von der besten Mannschaftsleistung des HSV sprach, seit er in Hamburg sei.

Defensiv war das eine großartige Leistung der Hamburger Mannschaft, auch wenn offensiv kaum etwas ging. Mit zunehmender Spielzeit auffälliger wurde hier, dass Lasogga, obgleich gewohnt fleißig und einsatzwillig wirkend, läuferisch unverändert schwerfällig agiert. Hier bleibt zu hoffen, dass es Zinnbauer in den kommenden Wochen gelingt, Lasoggas Form mittelfristig durch dosierte Belastungen in Training und Wettkampf zu verbessern.

Dieses Spiel ist aus Hamburger Sicht als erster Schritt in die richtige Richtung zu bewerten. Noch aber ist das allenfalls ein sehr erfreulicher Achtungserfolg, den man zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht überbewerten sollte. Ob das dieses Mal deutlich verbesserte taktische Verhalten der ganzen Mannschaft nachhaltig zu beobachten sein wird, das bleibt abzuwarten. Schon das nächste Spiel gegen M’Gladbach wird hier weitere, hoffentlich erfreuliche Erkenntnisse liefern.

Interessant wird zu beobachten sein, wie Zinnbauer zukünftig den von ihm angekündigten offensiv-dominanten Fußball mit diesem Kader des HSV umsetzen will. Die Bayern, Zinnbauer sagte dies auf der PK vor dem Spiel bereits, waren hierfür der falsche Gegner. Perspektivisch könnte ich mir vorstellen, dass sich das Spiel des HSV in den kommenden Wochen und Monaten stärker zu einem 4-1-4-1 entwickelt, aber auch das muss man letztlich abwarten.

Übersehen wir nicht, dass die Mannschaft immer noch kein einziges Tor geschossen hat und bisher auch unverändert kein Spiel gewinnen konnte.  Gestern könnte ein Grundstein gelegt worden sein, mehr aber noch nicht. Eins scheint mir eindeutig: Sollte die Mannschaft kontinuierlich an die gestrige Leistung anknüpfen können, dann wird sie mit dem Abstieg in dieser Saison nichts zu tun haben. Zu Euphorie besteht also unverändert kein Anlass, wohl aber zu Zuversicht.

Festhalten möchte ich zum Schluss, dass Zinnbauer der erste Trainer beim HSV ist, der Jiracek endlich dort einsetzte, wo er m.E. ohnehin hingehört: als Alternative zu Arslan und Pendant von Behrami im Zentrum. Der Wechsel für den zuvor bereits  gelbverwarnten Arslan machte für mich daher doppelt Sinn. Auch dass er mit Matti Steinmann (1,88m) eine echte „Kante“ debütieren ließ, als es den Anschein hatte, dem HSV fehle nach der Auswechselung Lasoggas etwas die körperliche Wucht, fand ich durchaus nachvollziehbar. Eins ist Zinnbauer jedenfalls bereits gelungen: ich bin sehr gespannt, ob sich die Mannschaft in diesem rasanten Tempo tatsächlich weiter unter seiner Leitung entwickelt. Zu wünschen wäre es.