Holtby

Verdienter Punktgewinn für den HSV auf Schalke: FC Schalke 04 – HSV 0:0

In eigener Sache

Beginnen möchte ich mit einem Hinweis in eigener Sache: Die Bundesliga geht nun bekanntlich in die Winterpause. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es hier erst nach dem Rückrundenauftakt des HSV gegen den 1. FC Köln am 31. Januar weitergeht. Ich werde die Pause nutzen, um einige Themen aufzugreifen, auf die ich in Ermangelung von Zeit bisher bewusst nicht eingegangen bin. Wenn alles so klappt, wie ich es mir vorstelle, dann wird es auch während der Winterpause im Wochentakt mindestens einen Artikel geben, der sich dann allgemeinen oder grundsätzlichen Fragestellungen widmet (z.B. die Causa „Kühne“; Analyse des bisherigen Saisonverlaufs unter Zinnbauer; Perspektive der Spieler, deren Verträge auslaufen etc.).

Ersatzgeschwächt?

Der HSV auswärts gegen Schalke ohne Westermann, ohne van der Vaart und ohne Lasogga? – es dürfte nicht wenige vor dem Spiel gegeben haben, die einem derart personell geschwächten HSV eine sichere, deutliche Niederlage prophezeit hätten. Zugegeben, auch ich war sehr, sehr skeptisch vor der Partie. Meine geringe Erwartungshaltung fußte jedoch nicht auf den besagten personellen Ausfällen, sondern vor allem auf der äußerst schwachen Leistung der Hamburger im Spiel zuvor zu Hause gegen den VfB Stuttgart. Denn Lasogga spielte zuletzt alles andere als überzeugend, und bei van der Vaart darf man weiterhin getrost darüber streiten, ob sein Mitwirken für die Mannschaft nun mehr Segen oder Fluch darstellt. Und Westermanns Fehlen? Auch dies zeigte das Spiel gegen den 1. FSV Mainz 05, der HSV kann grundsätzlich auch ohne ihn erfolgreich sein. Wäre da nicht dieser schlimme Leistungseinbruch gegen die Stuttgarter gewesen, ich wäre vor dem Auftritt der Hamburger in Gelsenkirchen deutlich zuversichtlicher gewesen.

Zinnbauers Handschrift

Wer den HSV aufmerksam durch die bisherige Saison verfolgt hat, der sollte bemerkt haben, dass Joe Zinnbauer immer wieder für die eine oder andere personelle Überraschung, bzw. taktische Anpassung an den jeweiligen Gegner gut ist. Das ist übrigens der Hauptgrund, warum ich in dieser Halbserie auf Spielvorschauen verzichtet habe. Denn ich möchte meine Leser nicht mit höchst spekulativen Artikeln langweilen, deren Substanzgehalt bereits mit dem Anpfiff ad absurdum geführt wird.

Auch gegen den FC Schalke hatte sich der HSV-Trainer einiges einfallen lassen. So spielte der junge Götz für Diekmeier als Rechtsverteidiger, den ich zuletzt nicht so schlecht gesehen habe, dass sich hier ein Wechsel förmlich aufdrängte. Weniger überraschend kam für mich da schon die Rückkehr von Ostrzolek, denn der junge Marcos konnte zuletzt nicht vollends überzeugen. Die Frage vor dem Spiel für mich war, wie Zinnbauer auf den Ausfall Lasoggas reagieren würde. Nach dem sehr ordentlichen Auftritt Gouaidas im Spiel gegen die Stuttgarter, hatte ich mit ihm in der Startelf zwar gerechnet, dachte jedoch, dass er Müller auf der rechten offensiven Außenbahn ersetzen würde. Mit anderen Worten: Ich hatte Nicolai Müller als zweite Spitze neben Rudnevs in einem 4-4-2  erwartet. Zinnbauer hatte sich jedoch einmal mehr eine andere Lösung einfallen lassen: Der HSV agierte nämlich gegen den Ball überwiegend in einem 4-1-2-3.

Die Hamburger begannen das Spiel deutlich passiver als zuletzt. Man stand erkennbar tiefer, nämlich mehrheitlich in der eigenen Spielhälfte. Rudnevs (zentral), Gouaida (links) und Müller (rechts) agierten als Dreierkette kurz vor der Mittellinie. Situativ löste sich derjenige aus dieser Kette, der dem ballführenden Schalker am nächsten stand, aber weniger, um tatsächlich aggressiv auf Balleroberung zu pressen, sondern vor allem, um das Aufbauspiel des Gegners zu stören und zu lenken. Danach kehrte der jeweilige Spieler sofort wieder auf seine Position in der Kette zurück.

Torgefahr durch Standards

Hinter dieser Dreierkette spielten zunächst Jiracek und Holtby auf den Halbpositionen, die wiederum durch Hamburgs „Chefabräumer“, Valon Behrami, defensiv zusätzlich abgesichert wurden. Durch diese taktische Variante konnten die Hamburger den Weg des Gegners durch das Zentrum meist geschlossen halten, waren aber in der ersten Halbzeit vor allem über ihre rechte Außenbahn anfällig. Angetrieben von Fuchs, Barnetta und dem sehr flexibel um Huntelaar herum spielenden Eric-Maxim Choupo-Moting kamen die Schalker über ihre linke Außenbahn, bzw. dem linken Halbraum zu zahlreichen Torchancen, die jedoch aus meiner Sicht überwiegend aus Standardsituationen resultierten. Diese Eck- oder Freistöße von Aogo oder Fuchs waren allerdings durchweg brandgefährlich. Als Hamburger können einem da nur die Augen tränen, wenn man das z.B. mit van der Vaarts Ecken vergleicht…

Bereits in der 2. Minute hatte der HSV nach einem Stellungsfehler von Djourou viel, viel Glück, als Huntelaar nach eben so einem Eckstoß von der linken Schalker Angriffsseite frei zum Kopfball kam und diesen nur an die Latte setzte. Und auch wenn Djourou und Cléber insgesamt eine respektable Leistung boten, so muss hier kritisch angemerkt werden, dass es nicht der einzige Stellungsfehler eines der beiden Innenverteidiger bleiben sollte. Nach fast jedem Standard für Schalke brannte es lichterloh im Hamburger Strafraum. Auch der ansonsten gewohnt zuverlässige, gute Drobny sah da nicht immer gut aus.

Das Aufbauspiel des HSV erschien mir etwas flüssiger, weniger schematisch als zuletzt. Unverändert unbefriedigend, da viel zu ungenau, blieb jedoch zunächst das eigene Passspiel im mittleren Drittel, bzw. im Angriffsdrittel. So konnte man sich trotz z.T. bester Ansätze kaum eigene Torchancen erarbeiten und brachte sich mehrfach durch vermeidbare Ballverluste defensiv in Schwierigkeiten. So beispielsweise in der 8. Minute, als man in der Vorwärtsbewegung auf der rechten Außenbahn einmal mehr den Ball verlor und Barnetta nach einer Schalker Flanke vom Flügel zum Kopfball kam. Wären die Schalker mit ihren zahlreichen Torchancen (2.; 8.; 9.; 17.; 20.; 36.) nicht derart verschwenderisch umgegangen, der HSV hätte sich über einen Rückstand zur Pause keinesfalls beklagen dürfen.

Die Hamburger kamen ihrerseits in der 23. Minute zu ihrer ersten Chance. Müller lief durch die Spielfeldmitte einen Konter, spielte nach rechts auf den Flügel zu Rudnevs, der wiederum im Strafraum sofort scharf nach innen passte. Leider kam der mitgelaufene Jiracek einen Schritt zu spät, sodass er den Ball im Rutschen nicht mehr kontrolliert auf das Tor bringen konnte.

Die größte Torchance für den HSV vergab Rudnevs, der von Müller wunderbar frei gespielt allein vor Fährmann den Ball links neben das Tor setzte (44.). Das musste die Führung für den HSV sein, auch wenn sie nach dem Spielverlauf bis zur Pause als unverdient anzusehen gewesen wäre. Denn in dieser ersten Halbzeit dominierten eindeutig die Gastgeber.

Aus Sicht der Hamburger war zudem die 5. gelbe Karte für Behrami negativ zu notieren, um die der Schweizer durch wiederholtes Meckern beim Schiedsrichter förmlich bettelte. Zumal die Entscheidung von Schmidt auf kein strafbares Handspiel bei Choupo-Moting korrekt gewesen ist.

Zweite Halbzeit, anderes Bild

In der Halbzeit nahmen beide Trainer leichte Anpassungen vor. So brachte di Matteo Ayhan für Fuchs, der von Aogo als Linksverteidiger (hatte zuvor im Mittelfeld gespielt) ersetzt wurde. Ayhan spielte fortan für Neustädter in der Abwehr, während dieser ins defensive Mittelfeld aufrückte.

Auch Zinnbauer reagierte auf den Spielverlauf. Gouaida ließ sich nun vermehrt ins (linke) Halbfeld neben Holtby fallen, während Jiracek nun vermehrt über die linke Außenbahn kam. Ein Schachzug, der sich bemerkbar machte.

Die Gastgeber spielten ihrerseits etwas passiver und wirkten mit zunehmender Spieldauer auch etwas müder. Dem HSV gelang es von Minute zu Minute besser, vor allem im Halbfeld in engen Situationen den Ball zu erobern, bzw. das eigene Spiel mit kontrollierten Pässen schnell(er) zu entwickeln. Außerordentlich gut gefiel mir Gouaida in dieser etwas tieferen Rolle, die er so ähnlich auch schon gegen den VfB gespielt hatte. Er zeigte genau das, was dem HSV viel zu oft bisher noch fehlt: Die Fähigkeit, Drucksituationen konstruktiv-spielerisch aufzulösen. Das hatte beinahe schon Spielmacherqualitäten.

Zunächst aber hatten erneut die Gastgeber über den außerordentlich agilen Choupo-Moting eine weitere Tormöglichkeit, als dieser sich in den Hamburger Strafraum durchspielen konnte. Doch Drobny war einmal mehr auf dem Posten (48.).

Zwei Minuten später hatte der gewohnt fleißige Holtby die Führung für die Hamburger auf dem Fuß, aber Fährmann konnte den gut platzierten Schuss gerade noch aus der Ecke fischen. Neun Minute später war es erneut Holtby, desser guten Eckstoß durch den Schalker Sechzehner segelte und von Freund und „Feind“ verpasst wurde (59.).

In der 77. Minute verpasste Gouaida nach schöner Vorarbeit von Jiracek den Führungstreffer, da er zu wenig Druck auf den halbhohen Ball bekam. Schade, denn die Hamburger zeigten in der zweiten Halbzeit eine klare Leistungssteigerung und dominierten die Schalker phasenweise – wer hätte dies vor der Begegnung für möglich gehalten?! – im eigenen Stadion.

Die letzten Torchancen hatte jedoch der FC Schalke 04. Erst prüfte erneut Choupo-Moting Drobny mit einem Distanzschuss, den Hamburgs Torhüter über die Querlatte lenkte. Und schließlich war es Neustädter, der nach einer Ecke am Pfosten des Hamburger Tores scheiterte (84.). Das Spiel endete daher leistungsgerecht mit einem Unentschieden.

Fazit

Schalke war in der ersten Halbzeit die überlegene Mannschaft, kam jedoch überwiegend nach Standards zu Torgelegenheiten, bei denen die HSV-Abwehr einige Schwächen offenbarte, jedoch auch das nötige Glück (Latte, Pfosten…) auf ihrer Seite hatte. Der HSV wusste in der zweiten Halbzeit zu gefallen und erspielte sich ein Übergewicht, sodass der Punktgewinn keineswegs unverdient wirkt.

Bester Mann auf dem Platz war in meinen Augen der Ex-Hamburger Eric-Maxim Choupo-Moting. Wie man (nicht nur) mit diesem Talent beim HSV umgegangen ist, wird mir wohl immer unverständlich bleiben. Bester Hamburger war m.E. Gouaida, der neben Holtby im Halbfeld dafür verantwortlich war, dass man endlich einige flüssige Spielzüge nach vorne sehen konnte.

Mit 17 Punkten verfehlt der HSV die von mir erhofften 19 Punkte. Der Punktgewinn auf Schalke ist jedoch psychologisch wichtig, da man ein Misserfolgserlebnis zum Ende der Halbserie vermeiden konnte.

Schiedsrichter: Schmidt (Stuttgart). Ohne nennenswerte Fehler. Gut.

So spielte der HSV: Drobny – Götz, Djourou, Cléber, Ostrzolek – Behrami – Holtby, Jiracek , N. Müller, Gouaida – Rudnevs

Der HSV gewinnt das 101. Derby gegen den SV Werder Bremen mit 2:0 (0:0)

Vor dem Spiel war klar, dass für den Verlierer des Spiels unruhige Zeiten anbrechen. Dies galt insbesondere für den HSV, der  um Stabilität ringt. Angesichts der unverändert prekären finanziellen Lage des Clubs erscheint das schrittweise Heranführen von Talenten, wie es durch Zinnbauer erfolgt, weitestgehend als alternativlos. Wer aber auf Talente setzt, setzen muss, die aus der viertklassigen Regionalliga kommen, der muss Geduld haben. Gleichzeitig, auch das bleibt wahr, muss der Abstieg aus der Bundesliga möglichst vermieden werden. Die zweite Liga würde die ohnehin angespannten Finanzen des Clubs um einen weiteren zweistelligen Millionenbetrag belasten. Die nächsten ein einhalb Jahre werden aus Hamburger Sicht sportlich und finanziell vermutlich ein Tanz auf der Rasierklinge. Aus diesem Grund plädiere ich hier immer wieder für Vertrauen und Geduld. Aber beides gibt es natürlich nicht zum Nulltarif. Schon gar nicht für einen Trainer, der erst dabei ist, sich in der Bundesliga zu etablieren. So gesehen war das ewig junge Nordduell eine realistische Gelegenheit, um Erfolgserlebnisse zu sammeln. Zugleich aber, dies ergibt sich aus einer realistischen Einordnung der sportlichen Leistungsfähigkeit der Hamburger Mannschaft, steigt der Druck auf alle Beteiligten vor eben diesen Partien gegen derartige Gegner.

Zinnbauer vertraute vor dieser ungemein wichtigen Partie der folgenden Aufstellung: Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami- N. Müller (81. Götz), van der Vaart (86. T. Arslan), Holtby (67. Rudnevs), Gouaida – Lasogga

Das Spiel: Was das taktische Konzept angeht, so knüpfte der HSV an das Spiel gegen den VfL Wolfsburg an. Bei eigenem Ballbesitz schoben beide Hamburger Außenverteidiger nach vorn, während Behrami zwischen die weit auseinander stehenden Innenverteidiger abkippte, um aus dieser tiefen Position das eigene Spiel kontrolliert aufzubauen. Van der Vaart ließ sich regelmäßig auf die dadurch frei gewordene Sechser-Position fallen, um idealerweise dort als nächste Anspielstation und Bindeglied zur eigenen Offensive zu fungieren, was, um dies vorweg zu nehmen, nicht immer von ihm überzeugend umgesetzt wurde.

Da Jansen verletzt ausfiel (und weder Stieber noch Ilicevic im Kader waren), konnte das Debüt des jungen Mohamed Gouaida in der Startelf nicht grundsätzlich überraschen. Zinnbauer hatte ja bereits zu seinem Amtsantritt als Cheftrainer der Profis angekündigt, dass es unter seiner Leitung eine verbesserte Durchlässigkeit von der U23 zur Profimannschaft geben würde. Aus taktischer Sicht gab es hier eine interessante Neuerung zu beobachten, denn Gouaida spielte, obwohl Linksfuß und „gelernter“ Linksaußen, überwiegend auf der rechten offensiven Außenbahn. Auf der gegenüberliegenden, linken offensiven Außenbahn spielte dann mit Nicolai Müller der eigentliche Rechtsaußen. Mit anderen Worten: Zinnbauer verzichtete erstmals auf zwei klassische Außenbahnspieler und ließ stattdessen überwiegend mit zwei inversen, „falschen“ Flügelspielern spielen. Das erinnerte entfernt an die großen Bayern, wo ja mit Ribery und Robben ebenfalls zwei Spieler auf den Außenbahnen agieren, die meist auf Höhe des Strafraums nach innen ziehen, um von dort mit ihrem starken Fuß zum Abschluss zu kommen. Und ähnlich wie Ribery und Robben tauschten auch Müller und Gouaida mehrfach die Seiten, sodass sie zeitweilig eben doch auch auf dem „richtigen“ Flügel auftauchten.

Die klassische Besetzung der Flügel (rechtsfüßiger Rechtsaußen, linksfüßiger Linksaußen) hat den grundsätzlichen Vorteil, dass beide Außen öfter bis zur Grundlinie laufen, um von dort Flanken zu schlagen oder Pässe in den Rücken der gegnerischen Abwehr zu spielen. Dem Plus an Breite in der Spielanlage steht jedoch ein prinzipieller Nachteil beim Torabschluss durch die Außenbahnspieler gegenüber. Bei der durchgehenden Besetzung beider Außenbahnen durch inverse Flügelspieler werden diese selbst torgefährlicher, es droht jedoch ein Verlust an Breite. Insofern fand ich dieses mehrfach zu beobachtende Wechselspiel zwischen Gouaida und Müller sehr interessant, zumal die Breite durch die weit ins Mittelfeld  aufgerückten Außenverteidiger meist gewährleistet blieb.

Abgesehen von diesen taktischen Überlegungen hat mir Gouaidas Leistung gut gefallen. In der 11. Minute prüfte er Wolf im Tor der Bremer mit einem strammen Schuss, den der Bremer Torhüter jedoch parieren konnte. Auch später wählte er immer wieder intelligente Laufwege, spielte intelligente Pässe und bot sich permanent als Anspielstation an. Knapp 12 km Laufleistung,  36 Sprints, eine Passquote von 76 Prozent und zwei eigene Torschüsse – das ist schon sehr ordentlich. Allerdings muss er nach dieser ansprechenden Leistung nun nachlegen und dauerhaft beweisen, dass er es bei seinen nächsten Einsatzchancen genau so gut oder sogar noch besser kann.

Der HSV begann das Spiel offensiv-dominant, was aber auch durch die passiv-defensive Grundausrichtung der Bremer begünstigt wurde. Nachvollziehbar war für mich, dass Skripnik seine Mannschaft defensiv eingestellt hatte, da es dem HSV inzwischen schon traditionell schwer fällt, aus dem Ballbesitz offensiv tatsächlich gefährliche Situationen zu kreieren. Meines Erachtens agierten die Bremer aber zu passiv. Sobald sie nämlich situativ den Spielaufbau des HSV störten, zeigte sich, dass die Mechanismen beim HSV keineswegs sattelfest wirkten. Es gab diverse Situationen, in denen vor allem van der Vaart zu offensiv dachte und sich eben nicht ins bereits angesprochene Loch im defensiven Mittelfeld fallen ließ. Dadurch wurde der Passweg für Behrami nach vorne zu lang und damit zu riskant. Es folgten dann Querpässe meist zwischen Behrami und Westermann, die am Ende zu langen, hohen Bällen von Drobny führten. Dies langen, hohen  Bälle, ich schrieb es bereits mehrfach, sind für jeden Gegner leicht zu verteidigen. In dieser Anzahl gespielt, sind sie für mich ein Indiz für mangelnde spielerische Lösungen. Dass sich van der Vaart situativ  (zu) weit nach vorne orientiert, mag der Tatsache geschuldet sein, dass er sich an seine neue Rolle noch gewöhnen muss. Ich bleibe aber im Bezug auf diese taktische Variante skeptisch, auch wenn ich Verbesserungen für denkbar halte. Lieber würde ich hier einen Rollentausch zwischen dem derzeit offensiver agierenden Holtby und van der Vaart sehen. Zwar ist van der Vaart im Mittelfeld stärker ins Spiel einbezogen, jedoch fehlen der Mannschaft genau die Schnittstellenpässe im letzten Spielfelddrittel, die zu seinen ausgewiesenen Stärken gehören. Seine Standards fand ich zudem im direkten Vergleich mit dem Bremer Schützen Junuzovic erneut eher schwach. Ich bleibe dabei: van der Vaart, so sympathisch er mir persönlich auch ist, gehört für mich beim HSV zu den Auslaufmodellen, bei denen ich keine Perspektive über diese Saison hinaus erkenne.

Die erste Halbzeit war arm an Höhepunkten. Der HSV erspielte sich ein rein optisches Übergewicht, ohne jedoch spielerisch überzeugen zu können; Bremen spielte zu passiv und konnte im Grunde nur durch die gefährlichen Standards von Junuzovic Akzente setzen. Erneut gelang es dem HSV fast gar nicht, den unermüdlich arbeitenden Lasogga gegen einen tief stehenden Gegner gefährlich in Szene zu setzen. Vorne fehlte van der Vaart. Holtby hatte einen eher gebrauchten Tag erwischt und für beide Außenverteidiger, vor allem für Diekmeier!, gilt, dass die Präzision der Hereingaben unverändert  verbesserungswürdig bleibt.

Der erste Höhepunkt der zweiten Halbzeit war aus meiner Sicht ein kluger Pass von Gouaida in der 52. Minute auf Ostrzolek, dessen gute Flanke der Bremer Garcia gerade noch vor Lasogga zur Ecke klären konnte. Der nachfolgende Eckstoß (van der Vaart…) war einmal mehr leider harmlos.

In der 62. Minute zeigte Schiedsrichter Zwayer van der Vaart nach einem Check mit der Schulter den gelben Karton, was ich für eine harte Entscheidung hielt. Dafür erwies sich der Schiedsrichter jedoch aus Sicht des HSV wenige Minuten später als nachsichtig. Der zurückeilende, bereits in der ersten Halbzeit gelb verwarnte Westermann unterband mit einem weiteren Foul in höchster Not einen Bremer Angriff. Aus meiner Sicht ein klares taktisches Foul, das normalerweise zur zweiten gelben Karte und damit zum Platzverweis führt. Zum Glück für den HSV kam Westermann hier ungeschoren davon. Dies nur an die Adresse derjenigen, die sich als Hamburger notorisch durch die Schiedsrichter benachteiligt sehen.

Zinnbauer brachte in der 67. Minute Rudnevs für den glücklosen Holtby, der nur zwei Minuten später eine (kleinere) Torchance vergab, da er falsch zum Ball stand. Ehrlich gesagt habe ich mich zu diesem Zeitpunkt schon fast auf ein torloses Unentschieden eingestellt, denn Rudnevs ist für mich als reiner Konterstürmer auch aufgrund seiner deutlichen technischen Defizite kein optimaler Partner für Lasogga. Hier wäre ein kleiner, beweglicher, technisch starker Partner m.E. die Ideallösung. Einer wie bspw. der von Gladbach derzeit nach Kaiserslautern ausgeliehene Younes.

Bremen kam nun auch aufgrund diverser Wechsel und Umstellungen besser ins Spiel. In der 79. Minute hatten sie ihre wohl größte Torchance. Zunächst prüfte Garcia mit einem starken Kopfball ins lange Eck den erneut fehlerlosen Drobny, der den Ball gerade noch seitlich neben den Pfosten abklatschen konnte. Der dort positionierte Junuzovic verfehlte mit dem Nachschuss dann denkbar knapp das HSV-Tor.

In der 81. Minute brachte Zinnbauer Götz für Müller ins Spiel. Ein überraschender Tausch, wie ich fand. Aber Zinnbauer kennt natürlich gerade die Spieler aus der U23 besser als ich und weiß, auf welchen Positionen sie (auch noch) einsetzbar sind.  Wenig später warf Götz von der rechten Seite einen Einwurf im Diekmeier-Stil weit in den Bremer Strafraum. Lukimya stand schlecht zum Ball und verlängerte ihn per Kopf unfreiwillig vor das Tor, wo Rudnevs einmal  mehr das zeigte, was man ihm bei aller Kritik nicht absprechen darf: er ist handlungsschnell und hat den „Torriecher“. Rudnevs nutzte die kurze Konfusion in der Bremer Abwehr und schoss den Ball über die Linie zum 1:0 in der 84. Minute. Auch wenn ich die Perspektive des Letten aus den genannten Gründen beim HSV inzwischen sehr kritisch sehe – es gibt wenige Spieler, denen ich mehr Torerfolge gönne als ihm.

Werder musste nun angesichts des Rückstandes und der geringen verbleibenden Restspielzeit Risiko gehen. Damit eröffneten sich zwangsläufig Konterchancen für den HSV. In der 90+2. Minute verpasste Lasogga den entscheidenden zweiten Treffer, als er den mitgelaufenen Götz übersah und stattdessen selbst abschloss. Nur eine Minute später gab es eine kuriose Szene zu bestaunen: Gleich vier Hamburger liefen mit Ball allein auf Bremens Torhüter zu. Diese Mal passte Lasogga mustergültig quer auf den eingewechselten  T. Arslan, der das Kunststück fertig brachte aus zwei Metern (!) und völlig frei vor dem Tor stehend (!) den Ball an den linken Innenpfosten zu befördern. Unglaublich! Der Ball trudelte auf der Torlinie in Richtung des anderen Pfostens. Bremens Torhüter glitt der Ball beim folgenden Rettungsversuch durch die Hände, sodass dieser erst dadurch zum 2:0 hinter die Linie gedrückt wurde. Was für ein Dusel für den HSV, und was für ein peinlicher Torabschluss! Aber Tolgay, das schien mir seine Reaktion zu zeigen, weiß selbst, dass er hier nur um ein Haar an einer legendären Fehlleistung vorbeigeschrammt ist, wie sie, die älteren unter Euch werden sich erinnern, seinerzeit Frank Mill unterlaufen ist. Es bleibt bis auf Weiteres dabei, was auch seine persönliche Statistik nahelegt: Arslans Stärken liegen in der Defensive.

Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin). Das Leverkusen-Spiel ist bei den Schiedsrichtern anscheinend noch lebhaft und in unguter Erinnerung. Angesichts der grundsätzlichen sportlichen Rivalität zwischen beiden Nord-Vereinen und der für beide Clubs heiklen Tabellensituation pfiff Zwayer verständlicherweise eher kleinlich. Hätte den bereits gelb verwarnten Westermann in der 65. Minute nach einem weiteren Foul mit gelb-rot vom Platz schicken können. Der Platzverweis für den Bremer Fritz in der Schlussphase war korrekt.

Fazit: Endlich mal wieder ein Sieg im Duell mit dem Rivalen aus Ost-Delmenhorst. Bei mir überwiegt aber vor allem die Erleichterung, dass der HSV gegen einen Gegner auf Augenhöhe siegen konnte. Zwischen den Zeilen mancher Artikel konnte man schon erste Ansätze lesen, die Zinnbauer als Trainer in Frage stellten.

Das Niveau der Partie  entsprach m.E.  durchaus der Tabellenregion. Wirklich lobenswert aus Sicht des HSV fand ich einmal mehr, dass die Mannschaft unter Zinnbauer erkennbar leistungswillig ist. Man muss zudem berücksichtigen, dass das Spiel der Mannschaft einer „work in progress“ gleicht, da Zinnbauer die gemeinsame Saisonvorbereitung  mit dem Team fehlt. So bleiben bis auf weiteres die schrittweisen taktischen Neuerungen Zinnbauers, die kämpferische Leidenschaft der Truppe und die inzwischen zahlreichen Debütanten das Interessanteste, was der HSV derzeit zu bieten hat. Man könnte das vielleicht mit einem Blick über die Schulter des Chefmechanikers in einem Maschinenraum vergleichen, der im laufenden Betrieb gerade grundlegende Einstellungen vornimmt. Das ist eben mehr harte Arbeit als fußballerische Feinkost. Es bleibt zu hoffen, dass der HSV bis zur Winterpause noch das eine oder andere Erfolgserlebnis sammeln kann. Dann erst können, um im Bild zu bleiben, die Maschinen angehalten und gründlich neu justiert werden.

Aus meiner Sicht muss man von einem vom Glück begünstigten Arbeitssieg sprechen, was die Freude aber nicht schmälern soll. Auch wenn es  für mich spielerisch bis auf Weiteres oft unbefriedigend bleibt – unter Zinnbauer entwickelt sich etwas. Wenn man alle Rahmenbedingungen im Auge behält, dann erscheint mir der eingeschlagene Kurs derzeit unverändert alternativlos. Doch dazu an einem anderen Tag mehr.