Leno

Mit harten Bandagen und dem nötigen Glück. HSV – Leverkusen 1:0 (1:0)

Fußball, so sagt man, sei (auch) ein Kampfspiel. Selten schien mir diese Definition angebrachter als gestern Nachmittag beim Auftritt Bayer Leverkusens im Hamburger Volkspark. Vor allem in der ersten Halbzeit drohte die Partie zeitweilig völlig zu entgleisen. Kaum ein Spielzug, der nicht umgehend durch Foulspiel unterbrochen wurde. Zur Pause war ich mir sicher, dass beide Mannschaften diese Partie nicht vollzählig über die Bühne bringen würden, denn da waren bereits diverse Spieler mit der gelben Karte vorbelastet. Doch der Reihe nach.

Hatte ich hier zuletzt unter dem Eindruck der letzten, enttäuschenden Auftritte van der Vaarts dafür plädiert, den Niederländer zunächst nicht mehr in der Startformation zu berücksichtigen, so muss ich dies nach diesem Auftritt van der Vaarts revidieren. HSV-Trainer Zinnbauer änderte erstmalig die taktische Grundformation von einem 4-2-3-1 auf ein 4-1-4-1 bei eigenem Ballbesitz. Ein Wechsel zu einem System, über das ich angesichts des Hamburger Kaders hier auch schon spekuliert hatte. Der Charme dieser taktischen Lösung besteht für mich zum einen darin, dass beide Spieler gemeinsam zum Einsatz kommen können. Zugleich wird Holtby dadurch nicht auf die linke offensive Außenbahn verdrängt, sondern kann überwiegend im Zentrum des Spiels agieren. Zumal sich gerade für die linke offensive Planstelle ohnehin diverse andere Kandidaten anbieten (Jansen, Ilicevic, Stieber). Zinnbauer vertraute also der folgenden Aufstellung:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami – N. Müller, van der Vaart (62. Arslan), Holtby (92. Kacar), Jansen – Lasogga (80. Rudnevs)

Das Spiel: Der HSV hatte, dies ergab sich bereits aus dem Tabellenplatz vor der Begegnung (16. Platz), absolut nichts zu verschenken. Zumal es in meinen Augen galt, dem eigenen Anhang nach dem insgesamt schwachen Auftritt gegen Hertha dieses Mal eine deutlich verbesserte Leistung anzubieten. Die Rückkehr des zum Feindbild gewandelten ehemaligen Hamburger Hoffnungsträgers im Trikot der Leverkusener, Hakan Calhanoglu, brachte mindestens auf den Rängen zusätzliche Brisanz ins Spiel. Nebenbei bemerkt: Die Hass-Gesänge und manches mehr, was während der Partie von den Rängen kam, fand ich völlig überzogen und z.T. mehr als peinlich. Aber menschliches Verhalten im Schutz der Masse, das ist ein Thema für sich.

Von Anfang an entwickelte sich ein äußerst hart umkämpftes Spiel. Kaum eine gelungene Passfolge einer Mannschaft, die nicht vom jeweiligen Kontrahenten durch Foulspiel unterbunden wurde. In meinen Augen war es Hamburgs Aggressiv-Leader Behrami, der in der Anfangsphase an der linken Außenlinie nach einem Foulspiel zumindest den Verdacht einer Tätlichkeit an einem bereits am Boden  liegenden Leverkusener ermöglichte. Sauber sah das nicht aus. Allerdings kam Behrami ohne Verwarnung davon. Vor dem Hintergrund des ohnehin aufgeputschten Publikums gab es danach für beide Mannschaften kaum noch ein Halten. Auch manch anderer HSV-Spieler wälzte sich nach Fouls demonstrativ theatralisch, was die ohnehin hitzige Atmosphäre weiter zum kochen brachte. Was beide Mannschaften da boten, das war nicht schön anzusehen und bedeutete Schwerstarbeit für Schiedsrichter Meyer und sein Gespann. Und daran waren tatsächlich beide Mannschaften beteiligt. Da braucht sich keine Seite über die andere zu beschweren.

Mit Hinblick auf die Offensive mag man daher die Partie von beiden Seiten als schwach bewerten. Defensiv jedoch ließen beide Mannschaften fast keine Torchancen des Gegners zu, was wiederum positiv zu bewerten ist. Auch wenn zahlreiche Freistöße gegen den HSV verhängt wurden, so muss man aus Hamburger Sicht lobend feststellen, dass die vorangegangenen Fouls praktisch nie zentral unmittelbar vor dem Strafraum und damit in jener Zone begangen wurden, die angesichts der Stärke Calhanoglus bei Standards als höchst gefährlich zu bewerten gewesen wäre. Erfreulich aus Sicht des HSV war ohnehin, dass dessen Standards insgesamt ungewohnt schwach blieben. Ich fühlte mich zeitweilig an den ehemaligen Tennisprofi Brad Gilbert und dessen Buch, „Winning Ugly. Wie man bessere Gegner schlägt. Mentale Kriegsführung im Tennis“ erinnert. In dem beschreibt er all die kleinen und größeren schmutzigen Tricks, mit denen man seinen Gegner erfolgreich mental aus dem Gleichgewicht bringen kann. Auch das gehört zum Wettkampfsport, auch wenn ich dieses Verhalten im absoluten Grenzbereich und jenseits des Regelwerks immer verabscheut habe.

Offensiv ähnelte die Ausrichtung des HSV wie bereits erwähnt einem 4-1-4-1, in welchem sich Holtby oder van der Vaart abwechselnd defensiv fallen ließen. Gegen den Ball ähnelte das System dem gewohnten 4-2-3-1, da Holtby, van der Vaart oder der ballfern positionierte offensive Außenbahnspieler (Jansen) neben Behrami auf die zweite Sechs rückten. Diese taktische Flexibilität hat mir gefallen. Dass dies so gut umgesetzt wurde, hat neben dem läuferischen und kämpferischen Einsatz dazu beigetragen, dass Leverkusen kaum direkt durchs Zentrum auf Kießling spielen konnte, denn das Zentrum blieb meist geschlossen.

In einer spielerisch an Höhepunkten armen ersten Hälfte genügte dem HSV eine einzige Situation, um in Führung zu gehen. Jansen erspähte nach einem hohen Ball, der in den Strafraum der Gäste segelte, ein Abstimmungsproblem zwischen Torhüter Leno und seiner Innenverteidigung. Er spritzte dazwischen und war mit dem Kopf klar vor Leno am Ball, der aus dem Tor geeilt war, um diesen mit der Faust zu klären. Da der Leverkusener Torhüter jedoch um Sekundenbruchteile zu spät kam, wurde Jansen durch den Kontakt umgestoßen. Es folgten wütende Proteste aller Hamburger, da der Elfmeterpfiff zunächst ausblieb. Nach Rücksprache mit seinem Linienrichter entschied Meyer dann korrekt auf Strafstoß für den HSV. Diesen verwandelte dann van der Vaart in der 26. Minute ganz sicher zum 1:0. Beim nachfolgenden Torjubel war zu erkennen, dass die Kritik der letzten Wochen nicht spurlos am Kapitän vorbeigegangen ist. Auch dies werte ich positiv.

Kurz vor der Halbzeitpause dann der nächste Aufreger. Jansen lief nach Ballgewinn auf der linken Außenbahn mit Ball im vollen Sprint entlang der Linie, da kam Donati seitlich mit Tempo gelaufen und holte ihn mit einem rüden Foul von den Beinen. Für mich ein Foul, das einen Platzverweis zur Folge haben muss. Es kam, was angesichts der erhitzten Gemüter zu erwarten war. Diekmeier lief herbei, um dem Übeltäter die Meinung zu geigen. Donati wurde von seinem eigenen Mannschaftskameraden halb in Diekmeier geschubst. Folge all dessen war eine Rudelbildung, für die Diekmeier nachfolgend den gelben Karton sah. Dass Donati hier ebenfalls dann nur gelb sah, war für mich eine der wenigen Fehlentscheidungen Meyers. Auch beide Trainer verloren die Fassung und beschuldigten offenbar den jeweils anderen, bzw. dessen Mannschaft, verantwortlich für die üble Treterei dieser ersten Spielhälfte zu sein. Meyer bat beide Kapitäne zum Gespräch und machte wohl deutlich, dass die Begegnung bei unveränderter Spielweise nach der Halbzeitpause keinesfalls vollzählig über die Bühne gehen würde. Immerhin hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits sieben Verwarnungen verhängt.

Die Geschichte der zweiten Halbzeit ist kurz zusammengefasst. Beide Mannschaften bekämpften sich weiter erbittert und neutralisierten sich größtenteils, sodass beide Torhüter relativ wenig zu tun bekamen. Immerhin musste Meyer während der zweiten fünfundvierzig Minuten nur noch zwei Mal zum gelben Karton greifen, was eine etwas gemäßigtere Spielführung beider Teams belegt.

Die einzige, ganz große Torchance für die Gäste während der ganzen Partie ergab sich in der Nachspielzeit (90+4.), als  sich Bellarabi gegen den zuvor eingewechselten Kacar durchsetzen konnte und links im Strafraum zum Abschluss kam. Zum Glück für den HSV sprang sein Schuss vom Innenpfosten des langen Ecks zurück ins Spielfeld. Es blieb daher bei einem äußerst hart erkämpften, knappen Sieg der Hamburger. Außer dem Elfmeter konnte der HSV auch keine weiteren, ganz klaren Torchancen  erarbeiten, wenn man mal von der Kopfballchance Westermanns in der 60. Minute absieht.

Schiedsrichter: Meyer (Burgdorf). In meinen Augen hätte er Behrami bei dem erwähnten Vorfall mit gelb verwarnen müssen. Danach drohte ihm die Partie zeitweilig zu entgleiten, was er dann nur mit einer wahren Kartenflut verhindern konnte. Gut fand ich die Kommunikation im Gespann nicht nur vor der Strafstoßentscheidung. Ebenfalls gut fand ich seinen offenbar deutlichen Hinweis an beide Kapitäne. Bei Donatis Foul erfolgte der Angriff auf den Gegenspielern von der Seite, und der Ball war in der Nähe. Dies hat den Leverkusener vermutlich vor dem Platzverweis gerettet. Aufgrund der Dynamik des Angriffs wird m.E. jedoch eine schwere Verletzung des Gegenspielers billigend in Kauf genommen. Zugunsten des Schiedsrichters werte ich aber, dass beide Mannschaften praktisch ab Spielbeginn permanent  höchst unauber agierten. Wer aus der Entfernung seines Stadionsitzes ansonsten klare Fehlentscheidungen eindeutig erkannt haben will, dem gratuliere ich zu seinen guten Augen. Für mich lag Meyer mit den ausgesprochenen Verwarnungen richtig.

Fazit: der HSV erkämpft sich angesichts der Tatsache, dass auch Tabellennachbar Bremen dreifach punkten konnte, drei ganz wichtige Zähler und verlässt vorerst die Abstiegsränge. Die Niederlage gegen Hertha werte ich nach dieser kämpferisch und zum Teil auch taktisch guten Leistung der gesamten Mannschaft als Ausrutscher, wie er tagesformbedingt immer vorkommen kann. Die Mannschaft lebt, ist willig und scheint unter Joe Zinnbauer als Team zu wachsen. Denn u.a. gut gefallen hat mir auch die Kommunikation innerhalb des HSV. So eilte Diekmeier bei einem Freistoßchance für Leverkusen zum in der Mauer positionierten Behrami, um ihn auf seine Deckungsaufgabe im Strafraum aufmerksam zu machen. In der zweiten Hälfte sah man auch mal ein Abklatschen zwischen Müller und Holtby. Es sind auch diese kleinen Gesten, aus denen ich schließe, dass sich das Team unter Zinnbauer positiv entwickelt.

Aus taktischer Sicht könnte mit dem 4-1-4-1 in der gezeigten Variante ein wichtiger Zwischenschritt bei der Entwicklung eines stabilen Spielsystems erfolgreich absolviert worden sein.

Etwaige Konterchancen während der zweiten Halbzeit konnte der HSV über Lasogga nicht nutzen. Der für ihn daher folgerichtig eingewechselte Rudnevs vergab mindestens in einer Situation die große Chance, mit dem dann beruhigenden Ausbau der Führung Werbung in eigener Sache zu betreiben. Es ist also keineswegs durch diesen Sieg plötzlich alles positiv zu bewerten. Es bleibt gerade in Sachen Offensivspiel unverändert Vieles zu tun, bzw. manche Frage offen. Der Sieg erscheint angesichts des Pfostenschusses Bellarabis  als vom Glück begünstigt. Das belegt in meinen Augen einmal mehr den Einfluss des Zufalls, sowohl beim Ergebnis als auch nachfolgend in der Bilanz, die meist die dominierende wenn nicht gar alleinige Grundlage für die Bewertung der Trainer in der Öffentlichkeit bildet. Zinnbauer dürfte daher zunächst weiter in Ruhe arbeiten können. Erfreulich.

Totgesagte leben länger! HSV – Bayer 04 Leverkusen 2:1 (1:0)

+++ Aktualisierung: Leverkusen entlässt Hyypiä. Nachfolger ist Sascha Lewandowski +++

Was für ein Spiel, welch ein Spektakel! Der von Vielen schon als sicherer Absteiger abgeschriebene HSV erkämpft sich drei ganz wichtige Punkte gegen den Favoriten aus Leverkusen. Wann hat man zuletzt ein Spiel mit Hamburger Beteiligung gesehen, das so reich an Höhepunkten war, und in dem am Ende der HSV den Platz als Sieger verließ?! Ich kann mich gerade nicht erinnern. Bis es aber soweit war, glich das Spiel einer einzigen emotionalen Achterbahnfahrt: Hoffen, Jubel, Entsetzen, Bangen und Erlösung – das volle Programm, würde Dittsche sagen.

Der HSV begann in der von mir prognostizierten Aufstellung, während Hyypiä diverse Wechsel in der Startformation vornahm. So kam u.a. Julian Brandt auf dem rechten Flügel zum Einsatz.

Aufstellung: Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann – Calhanoglu, Arslan, Badelj (33. Rincon), Jiracek – van der Vaart (68. Tesche) – Zoua (77. Maggio)

Spielverlauf: Der HSV begann die Partie furios. Es war zu spüren, dass die Mannschaft von Beginn an um ihre „letzte“ Chance kämpfte. Da wurde gerannt, gekämpft und sich gegenseitig geholfen, als gäbe es kein morgen. Das von mir erwartete, starke Offensivpressing der Gäste auf unsere Innenverteidigung im Spielaufbau fand zunächst kaum statt. Offenbar hatte auch hier Hyypiä seiner Mannschaft eine andere taktische Marschroute ausgegeben.
Bereits in der 4. Minute kam es zur Führung des HSVs. Kapitän van der Vaart, der in der ersten Spielhälfte als leidenschaftlich kämpfendes Vorbild voranging, legte einen Ball auf Calhanoglu ab. Hakan, der immer mehr zum absoluten Leistungsträger wird, fackelte nicht lange und schoss knallhart flach ins linke untere Eck des Gästetores. 1:0 für den HSV – ein Auftakt nach Maß!
Drei Minuten später trat Adler erstmals in Erscheinung. Er konnte gerade noch einen Schuss aus zentraler Position der Leverkusener parieren. Gut, dass wir diesen Mann im Kasten haben, dachte ich mir..
In der 20. Minute setzte dann der aufgerückte Mancienne(!) für den HSV einen Fallrückzieher knapp neben das Gehäuse der Gäste, während auf der anderen Seite Kießling, am linken Eck des Fünfmeter-Raumes stehend, den Ball am langen Pfosten vorbei schoss (22.). Nicht anders erging es Westermann (29.), der, nach einer Freistoßflanke von Calhanoglu, den Ball aus ca. fünf Metern links am Tor von Bayer vorbei beförderte. Was für Chancen hüben wie drüben! Zwischen den Chancen kämpften die Hamburger leidenschaftlich um jeden Ball und jeden Meter. Ich sah das mit einer Mischung aus Stolz und Sorge. Stolz, weil die Mannschaft ganz offensichtlich gewillt war, alle Unkenrufer Lügen zu strafen. Und Sorge, weil ich mir dachte: wenn das heute wieder nicht belohnt wird, dann könnte das mental der Genickbruch für die Truppe sein.
Dann kam Teil Eins dessen, was in dieser Seuchensaison des Hamburger Sportvereins wohl kommen muss: Badelj verletzte sich die Oberschenkelmuskulatur bei einem Torschussversuch und musste in der 33. Minute vom Feld. Für ihn kam „der General“ Rincon, die personifizierte „Kampfsau“ beim HSV.
In der 35. Minute kam der Ex-Hamburger und heutige Leverkusener Son aus fünf Metern zum Kopfball, aber Adler parierte einmal mehr überragend.
Die erste Hälfte endete in der Nachspielzeit mit gleich zwei Torgelegenheiten für den HSV. Erst schoss Calhanoglu mit Vollspann eine Bogenlampe auf das Tor der Gäste, die von Leno gerade noch über die Latte gelenkt werden konnte (45+1.), dann verpasste Jiracek denkbar knapp einen Ball, den der Gästetorwart abprallen ließ (45+2.). Kurz vor der Pause lag Zoua am Boden. Er hatte sich, so sah es jedenfalls aus, im Zweikampf eine Schienbeinprellung zugezogen. Beim Betrachten der Bilder schwante mir Übles, doch Zoua kam zur zweiten Hälfte zurück und konnte die Partie zunächst fortsetzen.

In der zweiten Spielhälfte war es erneut Calhanoglu, der aus halbrechter Position mit einem sehenswerten Schuss (54.) das lange obere Eck des Leverkusener Tores anvisierte. Aber auch hier war Leno auf dem Posten. Schade!
Nur eine Minute später trennte der Leverkusener Can im eigenen Strafraum Zoua mit äußerst robustem Körpereinsatz (55.) gerade noch vom Ball. Das hätte einen Strafstoß für den HSV geben können, gab es aber nicht. Angesichts der anderen, vom Schiedsrichter zugunsten des HSVs entschiedenen Strafraumszenen, sollte man sich aber aus Hamburger Sicht keinesfalls über diese Entscheidung beschweren…
Es kam die 58. Spielminute: der junge Julian Brandt nahm sein Herz in beide Hände und schoss aus 16 bis 17 Metern auf das Tor der Hamburger. Der Ball kam fast genau „auf den Mann“ und alles sah danach aus, als würde Adler den Ball mühelos fangen können. Weit gefehlt, leider! Der Ball sprang Adler aus den Armen, rotierte über dessen linken Unterarm und kullerte nebem dem linken Pfosten ins Tor der Hausherrn. 1:1  – ein klarer, eklatanter Torwartfehler. Darüber kann es keine Diskussion geben! Ich dachte sofort an das Braunschweig-Spiel und schickte umgehend eine SMS an den Fußballgott. Inhalt: Bitte erspare uns, dass uns ausgerechnet ein Fehler des ansonsten famosen Adlers am Ende die Punkte kostet!

Dann kam die nächste Hiobsbotschaft aus Sicht des HSVs: van der Vaart musste in der 68. Minute mit muskulären Problemen angeschlagen aus dem Spiel genommen werden. Es kam „Fußball-Gott“ Robert Tesche. Wer hätte vor wenigen Wochen noch gedacht, dass man sich als Hamburger noch glücklich schätzen würde, dass wir mit Tesche noch einen gestandenen Bundesligaprofi auf der Bank haben?

In der Folge übernahm eindeutig Bayer 04 das Kommando. Der unerwartete Ausgleich und die Umstellung hatten Spuren hinterlassen. Die Gäste drückten nun mit Macht auf den nächsten Treffer, während die Hamburger kaum noch Zugriff auf das Spiel, vor allem im Mittelfeld, bekamen. Plötzlich sah man nun auch das Offensivpressing der Leverkusener. Die Folge: Die Bälle wurden vom HSV mit Befreiungsschlägen einfach aus dem eigenen Strafraum herausgeschlagen, bzw. zu ungenau bei Konterversuchen hergeschenkt und kamen postwendend zurück. Das sah gar nicht gut aus, wenn man es mit dem Hamburger Sportverein hält, denn die Ordnung ging streckenweise verloren. Es wirkte so, als wäre der Führungstreffer für Leverkusen nur eine Frage der Zeit. An dieser Stelle ist aber nicht nur der bedingungslose Einsatz der gesamten Truppe zu loben, sondern auf zwei Dinge hinzuweisen:

1. Die hamburger Defensivspieler, allen voran beide Innenverteidiger, aber auch die beiden Sechser (Arslan!), antizipierten über weite Strecken des Spiels großartig die Anspielversuche der Leverkusener. So konnte Vieles schon im Ansatz entschärft werden. Bravo!;
2. Adler zeigte sich vollkommen unbeeindruckt von seinem schweren Fehler und setzte das Spiel fort, als wäre nichts geschehen. Er hielt, was zu halten war. Das ist mentale Stärke, das war einfach großartig!

Und weil es wohl dieses Jahr nicht genug Hiobsbotschaften aus Sicht des Hamburger Sportvereins geben kann, musste der bereits angeschlagene Zoua in der 77. Minute ebenfalls vom Feld und wurde vom U23-Stürmer Maggio ersetzt. Maggio konnte kaum wirkliche Akzente setzen, aber man sah sofort, dass er mindestens in Sachen Sprintgeschwindigkeit wettbewerbsfähig ist.
In der 78. Minute verpassten sowohl Maggio als auch Jiracek eine scharfe Hereingabe von Calhanoglu denkbar knapp vor dem Gehäuse der Gäste. Hyypiä ging nun angesichts der verbleibenden Spielzeit volles Risiko und brachte mit Derdiyok für Lars Bender (MIT) einen weiteren Stürmer. Und dann, als Hamburger glaubt man es ja kaum noch, hatte der Fußballgott ein Einsehen: Rincon schalltete schnell und richtig und passte zu dem aufgerückten Diekmeier auf den rechten Flügel. Dessen Hereingabe nahm, wer hätte das gedacht?!, ausgerechnet Westermann volley und drosch das Leder humorlos ins linke obere Eck. Leno war da vollkommen chancenlos. 2:1 für den HSV! Natürlich habe ich mich für die gesamte Mannschaft gefreut, aber das gerade dem oft zu unrecht gescholtenen Westermann dieser sehenswerte und unerhört wichtige Treffer gelang – das hat mich ganz besonders berührt…
In der Nachspielzeit (92.) wäre um ein Haar der erneute Ausgleich gefallen. Aber Adler konnte mit den Beinen einen Schussversuch Cans aus kürzester Distanz parieren. Welch ein Herzschlagfinale! So aber blieb es beim Sieg des Hamburger Sportvereins. Der Rest war kollektiver Jubel.

Fazit: Der HSV sendet ein kräftiges Lebenszeichen an die Konkurrenz. Der Sieg erscheint keineswegs völlig unverdient, wenn man an die diversen Ausfälle, die prekäre Ausgangslage und die grandiose kämpferische Leistung der Mannschaft denkt. Allerdings hatte die Truppe dieses Mal das nötige Glück auf ihrer Seite. Ich fühle mich in meiner Annahme (s.h. Vorschau zum Spiel) bestätigt, dass die vergangenen, relativ erfolglosen Wochen Spuren bei den Leverkusenern hinterlassen hatten. Die Mannschaft wirkte gerade zu Beginn der Partie nicht so sicher, wie man das eigentlich gewohnt ist. Ein Indiz dafür scheint mir auch zu sein, dass man nicht so aggressiv presste, wie man das schon von Bayer 04 gesehen hat. Der HSV springt zunächst auf Platz 15 auf Platz 16. Unabhängig vom Ausgang der Spiele der anderen, vom Abstieg gleichfalls bedrohten Mannschaften, erzeugt dies also Druck auf die Konkurrenz. Außerdem zeigte sich einmal mehr, hoffentlich auch so manchem Betrachter…!, dass auf Hamburger Seite keineswegs seelenlose, desinteressierte Söldner am Werk sind, sondern eine Mannschaft, die absolut gewillt ist, dem Verein die Schmach eines Abstiegs zu ersparen. Gelingt es nun, auswärts in Hannover nachzulegen, dann hält man alle Karten wieder selbst in der Hand. Aber auch wenn dies nicht gelingen sollte, zeigt sich erneut, dass man immer eine Chance auf weitere Siege hat, wenn man an sich glaubt und seine Hausaufgaben erledigt. Totgesagte leben bekanntlich länger – glauben wir dran!

Schiedsrichter: Dankert (Rostock). Hätte mindestens dreimal auf Elfmeter entscheiden können, wenn nicht gar müssen (Handspiel Djourou; Foul von Can an Zoua 55. Minute; Foul an Son in 73. Minute).  Wer sich als Hamburger gerne vom Schiedsrichter benachteiligt sieht – mit wesentlichen Entscheidungen Dankerts hat der HSV dieses Mal eindeutig Glück gehabt.

 

 

DAS RESTPROGRAMM


13. Hannover 96 (29 Pkt; -18):

Hamburger SV (H)
Eintracht Frankfurt (A)
VfB Stuttgart (H)
1. FC Nürnberg (A)
SC Freiburg (H)

14. SC Freiburg  (29 Pkt; -19):
Eintracht Braunschweig (H)
Borussia M’Gladbach (H)
VfL Wolfsburg (A)
FC Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)

15. VfB Stuttgart (27 Pkt; -13):
Borussia M’Gladbach (A)
Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -15):
Hannover 96 (A)
VfL Wolfburg (H)
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -20)
VfL Wolfsburg (A)
Bayer Leverkusen (H)
1. FSV Mainz 05 (A)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -22):
SC Freiburg (A)
Bayern München (H)
Hertha BSC (A)
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)