Jansen

Der HSV gewinnt das 101. Derby gegen den SV Werder Bremen mit 2:0 (0:0)

Vor dem Spiel war klar, dass für den Verlierer des Spiels unruhige Zeiten anbrechen. Dies galt insbesondere für den HSV, der  um Stabilität ringt. Angesichts der unverändert prekären finanziellen Lage des Clubs erscheint das schrittweise Heranführen von Talenten, wie es durch Zinnbauer erfolgt, weitestgehend als alternativlos. Wer aber auf Talente setzt, setzen muss, die aus der viertklassigen Regionalliga kommen, der muss Geduld haben. Gleichzeitig, auch das bleibt wahr, muss der Abstieg aus der Bundesliga möglichst vermieden werden. Die zweite Liga würde die ohnehin angespannten Finanzen des Clubs um einen weiteren zweistelligen Millionenbetrag belasten. Die nächsten ein einhalb Jahre werden aus Hamburger Sicht sportlich und finanziell vermutlich ein Tanz auf der Rasierklinge. Aus diesem Grund plädiere ich hier immer wieder für Vertrauen und Geduld. Aber beides gibt es natürlich nicht zum Nulltarif. Schon gar nicht für einen Trainer, der erst dabei ist, sich in der Bundesliga zu etablieren. So gesehen war das ewig junge Nordduell eine realistische Gelegenheit, um Erfolgserlebnisse zu sammeln. Zugleich aber, dies ergibt sich aus einer realistischen Einordnung der sportlichen Leistungsfähigkeit der Hamburger Mannschaft, steigt der Druck auf alle Beteiligten vor eben diesen Partien gegen derartige Gegner.

Zinnbauer vertraute vor dieser ungemein wichtigen Partie der folgenden Aufstellung: Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami- N. Müller (81. Götz), van der Vaart (86. T. Arslan), Holtby (67. Rudnevs), Gouaida – Lasogga

Das Spiel: Was das taktische Konzept angeht, so knüpfte der HSV an das Spiel gegen den VfL Wolfsburg an. Bei eigenem Ballbesitz schoben beide Hamburger Außenverteidiger nach vorn, während Behrami zwischen die weit auseinander stehenden Innenverteidiger abkippte, um aus dieser tiefen Position das eigene Spiel kontrolliert aufzubauen. Van der Vaart ließ sich regelmäßig auf die dadurch frei gewordene Sechser-Position fallen, um idealerweise dort als nächste Anspielstation und Bindeglied zur eigenen Offensive zu fungieren, was, um dies vorweg zu nehmen, nicht immer von ihm überzeugend umgesetzt wurde.

Da Jansen verletzt ausfiel (und weder Stieber noch Ilicevic im Kader waren), konnte das Debüt des jungen Mohamed Gouaida in der Startelf nicht grundsätzlich überraschen. Zinnbauer hatte ja bereits zu seinem Amtsantritt als Cheftrainer der Profis angekündigt, dass es unter seiner Leitung eine verbesserte Durchlässigkeit von der U23 zur Profimannschaft geben würde. Aus taktischer Sicht gab es hier eine interessante Neuerung zu beobachten, denn Gouaida spielte, obwohl Linksfuß und „gelernter“ Linksaußen, überwiegend auf der rechten offensiven Außenbahn. Auf der gegenüberliegenden, linken offensiven Außenbahn spielte dann mit Nicolai Müller der eigentliche Rechtsaußen. Mit anderen Worten: Zinnbauer verzichtete erstmals auf zwei klassische Außenbahnspieler und ließ stattdessen überwiegend mit zwei inversen, „falschen“ Flügelspielern spielen. Das erinnerte entfernt an die großen Bayern, wo ja mit Ribery und Robben ebenfalls zwei Spieler auf den Außenbahnen agieren, die meist auf Höhe des Strafraums nach innen ziehen, um von dort mit ihrem starken Fuß zum Abschluss zu kommen. Und ähnlich wie Ribery und Robben tauschten auch Müller und Gouaida mehrfach die Seiten, sodass sie zeitweilig eben doch auch auf dem „richtigen“ Flügel auftauchten.

Die klassische Besetzung der Flügel (rechtsfüßiger Rechtsaußen, linksfüßiger Linksaußen) hat den grundsätzlichen Vorteil, dass beide Außen öfter bis zur Grundlinie laufen, um von dort Flanken zu schlagen oder Pässe in den Rücken der gegnerischen Abwehr zu spielen. Dem Plus an Breite in der Spielanlage steht jedoch ein prinzipieller Nachteil beim Torabschluss durch die Außenbahnspieler gegenüber. Bei der durchgehenden Besetzung beider Außenbahnen durch inverse Flügelspieler werden diese selbst torgefährlicher, es droht jedoch ein Verlust an Breite. Insofern fand ich dieses mehrfach zu beobachtende Wechselspiel zwischen Gouaida und Müller sehr interessant, zumal die Breite durch die weit ins Mittelfeld  aufgerückten Außenverteidiger meist gewährleistet blieb.

Abgesehen von diesen taktischen Überlegungen hat mir Gouaidas Leistung gut gefallen. In der 11. Minute prüfte er Wolf im Tor der Bremer mit einem strammen Schuss, den der Bremer Torhüter jedoch parieren konnte. Auch später wählte er immer wieder intelligente Laufwege, spielte intelligente Pässe und bot sich permanent als Anspielstation an. Knapp 12 km Laufleistung,  36 Sprints, eine Passquote von 76 Prozent und zwei eigene Torschüsse – das ist schon sehr ordentlich. Allerdings muss er nach dieser ansprechenden Leistung nun nachlegen und dauerhaft beweisen, dass er es bei seinen nächsten Einsatzchancen genau so gut oder sogar noch besser kann.

Der HSV begann das Spiel offensiv-dominant, was aber auch durch die passiv-defensive Grundausrichtung der Bremer begünstigt wurde. Nachvollziehbar war für mich, dass Skripnik seine Mannschaft defensiv eingestellt hatte, da es dem HSV inzwischen schon traditionell schwer fällt, aus dem Ballbesitz offensiv tatsächlich gefährliche Situationen zu kreieren. Meines Erachtens agierten die Bremer aber zu passiv. Sobald sie nämlich situativ den Spielaufbau des HSV störten, zeigte sich, dass die Mechanismen beim HSV keineswegs sattelfest wirkten. Es gab diverse Situationen, in denen vor allem van der Vaart zu offensiv dachte und sich eben nicht ins bereits angesprochene Loch im defensiven Mittelfeld fallen ließ. Dadurch wurde der Passweg für Behrami nach vorne zu lang und damit zu riskant. Es folgten dann Querpässe meist zwischen Behrami und Westermann, die am Ende zu langen, hohen Bällen von Drobny führten. Dies langen, hohen  Bälle, ich schrieb es bereits mehrfach, sind für jeden Gegner leicht zu verteidigen. In dieser Anzahl gespielt, sind sie für mich ein Indiz für mangelnde spielerische Lösungen. Dass sich van der Vaart situativ  (zu) weit nach vorne orientiert, mag der Tatsache geschuldet sein, dass er sich an seine neue Rolle noch gewöhnen muss. Ich bleibe aber im Bezug auf diese taktische Variante skeptisch, auch wenn ich Verbesserungen für denkbar halte. Lieber würde ich hier einen Rollentausch zwischen dem derzeit offensiver agierenden Holtby und van der Vaart sehen. Zwar ist van der Vaart im Mittelfeld stärker ins Spiel einbezogen, jedoch fehlen der Mannschaft genau die Schnittstellenpässe im letzten Spielfelddrittel, die zu seinen ausgewiesenen Stärken gehören. Seine Standards fand ich zudem im direkten Vergleich mit dem Bremer Schützen Junuzovic erneut eher schwach. Ich bleibe dabei: van der Vaart, so sympathisch er mir persönlich auch ist, gehört für mich beim HSV zu den Auslaufmodellen, bei denen ich keine Perspektive über diese Saison hinaus erkenne.

Die erste Halbzeit war arm an Höhepunkten. Der HSV erspielte sich ein rein optisches Übergewicht, ohne jedoch spielerisch überzeugen zu können; Bremen spielte zu passiv und konnte im Grunde nur durch die gefährlichen Standards von Junuzovic Akzente setzen. Erneut gelang es dem HSV fast gar nicht, den unermüdlich arbeitenden Lasogga gegen einen tief stehenden Gegner gefährlich in Szene zu setzen. Vorne fehlte van der Vaart. Holtby hatte einen eher gebrauchten Tag erwischt und für beide Außenverteidiger, vor allem für Diekmeier!, gilt, dass die Präzision der Hereingaben unverändert  verbesserungswürdig bleibt.

Der erste Höhepunkt der zweiten Halbzeit war aus meiner Sicht ein kluger Pass von Gouaida in der 52. Minute auf Ostrzolek, dessen gute Flanke der Bremer Garcia gerade noch vor Lasogga zur Ecke klären konnte. Der nachfolgende Eckstoß (van der Vaart…) war einmal mehr leider harmlos.

In der 62. Minute zeigte Schiedsrichter Zwayer van der Vaart nach einem Check mit der Schulter den gelben Karton, was ich für eine harte Entscheidung hielt. Dafür erwies sich der Schiedsrichter jedoch aus Sicht des HSV wenige Minuten später als nachsichtig. Der zurückeilende, bereits in der ersten Halbzeit gelb verwarnte Westermann unterband mit einem weiteren Foul in höchster Not einen Bremer Angriff. Aus meiner Sicht ein klares taktisches Foul, das normalerweise zur zweiten gelben Karte und damit zum Platzverweis führt. Zum Glück für den HSV kam Westermann hier ungeschoren davon. Dies nur an die Adresse derjenigen, die sich als Hamburger notorisch durch die Schiedsrichter benachteiligt sehen.

Zinnbauer brachte in der 67. Minute Rudnevs für den glücklosen Holtby, der nur zwei Minuten später eine (kleinere) Torchance vergab, da er falsch zum Ball stand. Ehrlich gesagt habe ich mich zu diesem Zeitpunkt schon fast auf ein torloses Unentschieden eingestellt, denn Rudnevs ist für mich als reiner Konterstürmer auch aufgrund seiner deutlichen technischen Defizite kein optimaler Partner für Lasogga. Hier wäre ein kleiner, beweglicher, technisch starker Partner m.E. die Ideallösung. Einer wie bspw. der von Gladbach derzeit nach Kaiserslautern ausgeliehene Younes.

Bremen kam nun auch aufgrund diverser Wechsel und Umstellungen besser ins Spiel. In der 79. Minute hatten sie ihre wohl größte Torchance. Zunächst prüfte Garcia mit einem starken Kopfball ins lange Eck den erneut fehlerlosen Drobny, der den Ball gerade noch seitlich neben den Pfosten abklatschen konnte. Der dort positionierte Junuzovic verfehlte mit dem Nachschuss dann denkbar knapp das HSV-Tor.

In der 81. Minute brachte Zinnbauer Götz für Müller ins Spiel. Ein überraschender Tausch, wie ich fand. Aber Zinnbauer kennt natürlich gerade die Spieler aus der U23 besser als ich und weiß, auf welchen Positionen sie (auch noch) einsetzbar sind.  Wenig später warf Götz von der rechten Seite einen Einwurf im Diekmeier-Stil weit in den Bremer Strafraum. Lukimya stand schlecht zum Ball und verlängerte ihn per Kopf unfreiwillig vor das Tor, wo Rudnevs einmal  mehr das zeigte, was man ihm bei aller Kritik nicht absprechen darf: er ist handlungsschnell und hat den „Torriecher“. Rudnevs nutzte die kurze Konfusion in der Bremer Abwehr und schoss den Ball über die Linie zum 1:0 in der 84. Minute. Auch wenn ich die Perspektive des Letten aus den genannten Gründen beim HSV inzwischen sehr kritisch sehe – es gibt wenige Spieler, denen ich mehr Torerfolge gönne als ihm.

Werder musste nun angesichts des Rückstandes und der geringen verbleibenden Restspielzeit Risiko gehen. Damit eröffneten sich zwangsläufig Konterchancen für den HSV. In der 90+2. Minute verpasste Lasogga den entscheidenden zweiten Treffer, als er den mitgelaufenen Götz übersah und stattdessen selbst abschloss. Nur eine Minute später gab es eine kuriose Szene zu bestaunen: Gleich vier Hamburger liefen mit Ball allein auf Bremens Torhüter zu. Diese Mal passte Lasogga mustergültig quer auf den eingewechselten  T. Arslan, der das Kunststück fertig brachte aus zwei Metern (!) und völlig frei vor dem Tor stehend (!) den Ball an den linken Innenpfosten zu befördern. Unglaublich! Der Ball trudelte auf der Torlinie in Richtung des anderen Pfostens. Bremens Torhüter glitt der Ball beim folgenden Rettungsversuch durch die Hände, sodass dieser erst dadurch zum 2:0 hinter die Linie gedrückt wurde. Was für ein Dusel für den HSV, und was für ein peinlicher Torabschluss! Aber Tolgay, das schien mir seine Reaktion zu zeigen, weiß selbst, dass er hier nur um ein Haar an einer legendären Fehlleistung vorbeigeschrammt ist, wie sie, die älteren unter Euch werden sich erinnern, seinerzeit Frank Mill unterlaufen ist. Es bleibt bis auf Weiteres dabei, was auch seine persönliche Statistik nahelegt: Arslans Stärken liegen in der Defensive.

Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin). Das Leverkusen-Spiel ist bei den Schiedsrichtern anscheinend noch lebhaft und in unguter Erinnerung. Angesichts der grundsätzlichen sportlichen Rivalität zwischen beiden Nord-Vereinen und der für beide Clubs heiklen Tabellensituation pfiff Zwayer verständlicherweise eher kleinlich. Hätte den bereits gelb verwarnten Westermann in der 65. Minute nach einem weiteren Foul mit gelb-rot vom Platz schicken können. Der Platzverweis für den Bremer Fritz in der Schlussphase war korrekt.

Fazit: Endlich mal wieder ein Sieg im Duell mit dem Rivalen aus Ost-Delmenhorst. Bei mir überwiegt aber vor allem die Erleichterung, dass der HSV gegen einen Gegner auf Augenhöhe siegen konnte. Zwischen den Zeilen mancher Artikel konnte man schon erste Ansätze lesen, die Zinnbauer als Trainer in Frage stellten.

Das Niveau der Partie  entsprach m.E.  durchaus der Tabellenregion. Wirklich lobenswert aus Sicht des HSV fand ich einmal mehr, dass die Mannschaft unter Zinnbauer erkennbar leistungswillig ist. Man muss zudem berücksichtigen, dass das Spiel der Mannschaft einer „work in progress“ gleicht, da Zinnbauer die gemeinsame Saisonvorbereitung  mit dem Team fehlt. So bleiben bis auf weiteres die schrittweisen taktischen Neuerungen Zinnbauers, die kämpferische Leidenschaft der Truppe und die inzwischen zahlreichen Debütanten das Interessanteste, was der HSV derzeit zu bieten hat. Man könnte das vielleicht mit einem Blick über die Schulter des Chefmechanikers in einem Maschinenraum vergleichen, der im laufenden Betrieb gerade grundlegende Einstellungen vornimmt. Das ist eben mehr harte Arbeit als fußballerische Feinkost. Es bleibt zu hoffen, dass der HSV bis zur Winterpause noch das eine oder andere Erfolgserlebnis sammeln kann. Dann erst können, um im Bild zu bleiben, die Maschinen angehalten und gründlich neu justiert werden.

Aus meiner Sicht muss man von einem vom Glück begünstigten Arbeitssieg sprechen, was die Freude aber nicht schmälern soll. Auch wenn es  für mich spielerisch bis auf Weiteres oft unbefriedigend bleibt – unter Zinnbauer entwickelt sich etwas. Wenn man alle Rahmenbedingungen im Auge behält, dann erscheint mir der eingeschlagene Kurs derzeit unverändert alternativlos. Doch dazu an einem anderen Tag mehr.

Mit harten Bandagen und dem nötigen Glück. HSV – Leverkusen 1:0 (1:0)

Fußball, so sagt man, sei (auch) ein Kampfspiel. Selten schien mir diese Definition angebrachter als gestern Nachmittag beim Auftritt Bayer Leverkusens im Hamburger Volkspark. Vor allem in der ersten Halbzeit drohte die Partie zeitweilig völlig zu entgleisen. Kaum ein Spielzug, der nicht umgehend durch Foulspiel unterbrochen wurde. Zur Pause war ich mir sicher, dass beide Mannschaften diese Partie nicht vollzählig über die Bühne bringen würden, denn da waren bereits diverse Spieler mit der gelben Karte vorbelastet. Doch der Reihe nach.

Hatte ich hier zuletzt unter dem Eindruck der letzten, enttäuschenden Auftritte van der Vaarts dafür plädiert, den Niederländer zunächst nicht mehr in der Startformation zu berücksichtigen, so muss ich dies nach diesem Auftritt van der Vaarts revidieren. HSV-Trainer Zinnbauer änderte erstmalig die taktische Grundformation von einem 4-2-3-1 auf ein 4-1-4-1 bei eigenem Ballbesitz. Ein Wechsel zu einem System, über das ich angesichts des Hamburger Kaders hier auch schon spekuliert hatte. Der Charme dieser taktischen Lösung besteht für mich zum einen darin, dass beide Spieler gemeinsam zum Einsatz kommen können. Zugleich wird Holtby dadurch nicht auf die linke offensive Außenbahn verdrängt, sondern kann überwiegend im Zentrum des Spiels agieren. Zumal sich gerade für die linke offensive Planstelle ohnehin diverse andere Kandidaten anbieten (Jansen, Ilicevic, Stieber). Zinnbauer vertraute also der folgenden Aufstellung:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami – N. Müller, van der Vaart (62. Arslan), Holtby (92. Kacar), Jansen – Lasogga (80. Rudnevs)

Das Spiel: Der HSV hatte, dies ergab sich bereits aus dem Tabellenplatz vor der Begegnung (16. Platz), absolut nichts zu verschenken. Zumal es in meinen Augen galt, dem eigenen Anhang nach dem insgesamt schwachen Auftritt gegen Hertha dieses Mal eine deutlich verbesserte Leistung anzubieten. Die Rückkehr des zum Feindbild gewandelten ehemaligen Hamburger Hoffnungsträgers im Trikot der Leverkusener, Hakan Calhanoglu, brachte mindestens auf den Rängen zusätzliche Brisanz ins Spiel. Nebenbei bemerkt: Die Hass-Gesänge und manches mehr, was während der Partie von den Rängen kam, fand ich völlig überzogen und z.T. mehr als peinlich. Aber menschliches Verhalten im Schutz der Masse, das ist ein Thema für sich.

Von Anfang an entwickelte sich ein äußerst hart umkämpftes Spiel. Kaum eine gelungene Passfolge einer Mannschaft, die nicht vom jeweiligen Kontrahenten durch Foulspiel unterbunden wurde. In meinen Augen war es Hamburgs Aggressiv-Leader Behrami, der in der Anfangsphase an der linken Außenlinie nach einem Foulspiel zumindest den Verdacht einer Tätlichkeit an einem bereits am Boden  liegenden Leverkusener ermöglichte. Sauber sah das nicht aus. Allerdings kam Behrami ohne Verwarnung davon. Vor dem Hintergrund des ohnehin aufgeputschten Publikums gab es danach für beide Mannschaften kaum noch ein Halten. Auch manch anderer HSV-Spieler wälzte sich nach Fouls demonstrativ theatralisch, was die ohnehin hitzige Atmosphäre weiter zum kochen brachte. Was beide Mannschaften da boten, das war nicht schön anzusehen und bedeutete Schwerstarbeit für Schiedsrichter Meyer und sein Gespann. Und daran waren tatsächlich beide Mannschaften beteiligt. Da braucht sich keine Seite über die andere zu beschweren.

Mit Hinblick auf die Offensive mag man daher die Partie von beiden Seiten als schwach bewerten. Defensiv jedoch ließen beide Mannschaften fast keine Torchancen des Gegners zu, was wiederum positiv zu bewerten ist. Auch wenn zahlreiche Freistöße gegen den HSV verhängt wurden, so muss man aus Hamburger Sicht lobend feststellen, dass die vorangegangenen Fouls praktisch nie zentral unmittelbar vor dem Strafraum und damit in jener Zone begangen wurden, die angesichts der Stärke Calhanoglus bei Standards als höchst gefährlich zu bewerten gewesen wäre. Erfreulich aus Sicht des HSV war ohnehin, dass dessen Standards insgesamt ungewohnt schwach blieben. Ich fühlte mich zeitweilig an den ehemaligen Tennisprofi Brad Gilbert und dessen Buch, „Winning Ugly. Wie man bessere Gegner schlägt. Mentale Kriegsführung im Tennis“ erinnert. In dem beschreibt er all die kleinen und größeren schmutzigen Tricks, mit denen man seinen Gegner erfolgreich mental aus dem Gleichgewicht bringen kann. Auch das gehört zum Wettkampfsport, auch wenn ich dieses Verhalten im absoluten Grenzbereich und jenseits des Regelwerks immer verabscheut habe.

Offensiv ähnelte die Ausrichtung des HSV wie bereits erwähnt einem 4-1-4-1, in welchem sich Holtby oder van der Vaart abwechselnd defensiv fallen ließen. Gegen den Ball ähnelte das System dem gewohnten 4-2-3-1, da Holtby, van der Vaart oder der ballfern positionierte offensive Außenbahnspieler (Jansen) neben Behrami auf die zweite Sechs rückten. Diese taktische Flexibilität hat mir gefallen. Dass dies so gut umgesetzt wurde, hat neben dem läuferischen und kämpferischen Einsatz dazu beigetragen, dass Leverkusen kaum direkt durchs Zentrum auf Kießling spielen konnte, denn das Zentrum blieb meist geschlossen.

In einer spielerisch an Höhepunkten armen ersten Hälfte genügte dem HSV eine einzige Situation, um in Führung zu gehen. Jansen erspähte nach einem hohen Ball, der in den Strafraum der Gäste segelte, ein Abstimmungsproblem zwischen Torhüter Leno und seiner Innenverteidigung. Er spritzte dazwischen und war mit dem Kopf klar vor Leno am Ball, der aus dem Tor geeilt war, um diesen mit der Faust zu klären. Da der Leverkusener Torhüter jedoch um Sekundenbruchteile zu spät kam, wurde Jansen durch den Kontakt umgestoßen. Es folgten wütende Proteste aller Hamburger, da der Elfmeterpfiff zunächst ausblieb. Nach Rücksprache mit seinem Linienrichter entschied Meyer dann korrekt auf Strafstoß für den HSV. Diesen verwandelte dann van der Vaart in der 26. Minute ganz sicher zum 1:0. Beim nachfolgenden Torjubel war zu erkennen, dass die Kritik der letzten Wochen nicht spurlos am Kapitän vorbeigegangen ist. Auch dies werte ich positiv.

Kurz vor der Halbzeitpause dann der nächste Aufreger. Jansen lief nach Ballgewinn auf der linken Außenbahn mit Ball im vollen Sprint entlang der Linie, da kam Donati seitlich mit Tempo gelaufen und holte ihn mit einem rüden Foul von den Beinen. Für mich ein Foul, das einen Platzverweis zur Folge haben muss. Es kam, was angesichts der erhitzten Gemüter zu erwarten war. Diekmeier lief herbei, um dem Übeltäter die Meinung zu geigen. Donati wurde von seinem eigenen Mannschaftskameraden halb in Diekmeier geschubst. Folge all dessen war eine Rudelbildung, für die Diekmeier nachfolgend den gelben Karton sah. Dass Donati hier ebenfalls dann nur gelb sah, war für mich eine der wenigen Fehlentscheidungen Meyers. Auch beide Trainer verloren die Fassung und beschuldigten offenbar den jeweils anderen, bzw. dessen Mannschaft, verantwortlich für die üble Treterei dieser ersten Spielhälfte zu sein. Meyer bat beide Kapitäne zum Gespräch und machte wohl deutlich, dass die Begegnung bei unveränderter Spielweise nach der Halbzeitpause keinesfalls vollzählig über die Bühne gehen würde. Immerhin hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits sieben Verwarnungen verhängt.

Die Geschichte der zweiten Halbzeit ist kurz zusammengefasst. Beide Mannschaften bekämpften sich weiter erbittert und neutralisierten sich größtenteils, sodass beide Torhüter relativ wenig zu tun bekamen. Immerhin musste Meyer während der zweiten fünfundvierzig Minuten nur noch zwei Mal zum gelben Karton greifen, was eine etwas gemäßigtere Spielführung beider Teams belegt.

Die einzige, ganz große Torchance für die Gäste während der ganzen Partie ergab sich in der Nachspielzeit (90+4.), als  sich Bellarabi gegen den zuvor eingewechselten Kacar durchsetzen konnte und links im Strafraum zum Abschluss kam. Zum Glück für den HSV sprang sein Schuss vom Innenpfosten des langen Ecks zurück ins Spielfeld. Es blieb daher bei einem äußerst hart erkämpften, knappen Sieg der Hamburger. Außer dem Elfmeter konnte der HSV auch keine weiteren, ganz klaren Torchancen  erarbeiten, wenn man mal von der Kopfballchance Westermanns in der 60. Minute absieht.

Schiedsrichter: Meyer (Burgdorf). In meinen Augen hätte er Behrami bei dem erwähnten Vorfall mit gelb verwarnen müssen. Danach drohte ihm die Partie zeitweilig zu entgleiten, was er dann nur mit einer wahren Kartenflut verhindern konnte. Gut fand ich die Kommunikation im Gespann nicht nur vor der Strafstoßentscheidung. Ebenfalls gut fand ich seinen offenbar deutlichen Hinweis an beide Kapitäne. Bei Donatis Foul erfolgte der Angriff auf den Gegenspielern von der Seite, und der Ball war in der Nähe. Dies hat den Leverkusener vermutlich vor dem Platzverweis gerettet. Aufgrund der Dynamik des Angriffs wird m.E. jedoch eine schwere Verletzung des Gegenspielers billigend in Kauf genommen. Zugunsten des Schiedsrichters werte ich aber, dass beide Mannschaften praktisch ab Spielbeginn permanent  höchst unauber agierten. Wer aus der Entfernung seines Stadionsitzes ansonsten klare Fehlentscheidungen eindeutig erkannt haben will, dem gratuliere ich zu seinen guten Augen. Für mich lag Meyer mit den ausgesprochenen Verwarnungen richtig.

Fazit: der HSV erkämpft sich angesichts der Tatsache, dass auch Tabellennachbar Bremen dreifach punkten konnte, drei ganz wichtige Zähler und verlässt vorerst die Abstiegsränge. Die Niederlage gegen Hertha werte ich nach dieser kämpferisch und zum Teil auch taktisch guten Leistung der gesamten Mannschaft als Ausrutscher, wie er tagesformbedingt immer vorkommen kann. Die Mannschaft lebt, ist willig und scheint unter Joe Zinnbauer als Team zu wachsen. Denn u.a. gut gefallen hat mir auch die Kommunikation innerhalb des HSV. So eilte Diekmeier bei einem Freistoßchance für Leverkusen zum in der Mauer positionierten Behrami, um ihn auf seine Deckungsaufgabe im Strafraum aufmerksam zu machen. In der zweiten Hälfte sah man auch mal ein Abklatschen zwischen Müller und Holtby. Es sind auch diese kleinen Gesten, aus denen ich schließe, dass sich das Team unter Zinnbauer positiv entwickelt.

Aus taktischer Sicht könnte mit dem 4-1-4-1 in der gezeigten Variante ein wichtiger Zwischenschritt bei der Entwicklung eines stabilen Spielsystems erfolgreich absolviert worden sein.

Etwaige Konterchancen während der zweiten Halbzeit konnte der HSV über Lasogga nicht nutzen. Der für ihn daher folgerichtig eingewechselte Rudnevs vergab mindestens in einer Situation die große Chance, mit dem dann beruhigenden Ausbau der Führung Werbung in eigener Sache zu betreiben. Es ist also keineswegs durch diesen Sieg plötzlich alles positiv zu bewerten. Es bleibt gerade in Sachen Offensivspiel unverändert Vieles zu tun, bzw. manche Frage offen. Der Sieg erscheint angesichts des Pfostenschusses Bellarabis  als vom Glück begünstigt. Das belegt in meinen Augen einmal mehr den Einfluss des Zufalls, sowohl beim Ergebnis als auch nachfolgend in der Bilanz, die meist die dominierende wenn nicht gar alleinige Grundlage für die Bewertung der Trainer in der Öffentlichkeit bildet. Zinnbauer dürfte daher zunächst weiter in Ruhe arbeiten können. Erfreulich.