Kacar

Es bleibt noch viel zu tun: FC Energie Cottbus – HSV 1:4 i.E.

Die Fußballweltmeisterschaft ist schon wieder nur eine schöne Erinnerung. Nach der vermutlich längsten Saisonvorbereitung der Vereinsgeschichte und der Verpflichtung von vier neuen Spielern (Matthias Ostrzolek, Valon Behrami, Nicolai Müller, Zoltán Stieber) durfte man gespannt sein, wie sich die Mannschaft des Hamburger Sportvereins in ihrem ersten Pflichtspiel präsentieren würde.

Die vorangegangenen Auftritte gegen Wolfsburg, M’Gladbach und Lazio Rom waren aus meiner Sicht Muster (fast) ohne Wert, da Trainer bei Testspielen gewöhnlich viel experimentieren, was sich regelmäßig u.a. in zahlreichen Personalwechseln widerspiegelt. Wer und wie lange jemand in diesen Tests zum Einsatz kommt, das ist nicht zuletzt auch eine Frage der körperlichen Verfassung zum Zeitpunkt „X“ und lässt nur sehr bedingt Rückschlüsse auf die spätere Stammformation in den Pflichtspielen zu. Einer von mehreren Gründen, warum ich in den letzten Wochen diese Spiele hier nicht kommentiert habe. Erkennbar war m.E. jedoch, dass die Mannschaft diese Spielzeit körperlich in einer anderen, besseren Verfassung bestreiten wird, was angesichts von gleich drei Trainingslagern allerdings auch nicht überraschen konnte.

In den Tests war gelegentlich auch schon zu erahnen, dass die Verantwortlichen mehr Tempo in das Spiel der Mannschaft bringen woll(t)en. Gerade die drei Neuzugänge, Ostrzolek, Stieber und Müller müssen in diesem Zusammenhang genannt werden. Zudem erhöht sich durch ihre Verpflichtung der Konkurrenzdruck im Kader, was ich nur begrüßen kann. Linksverteidiger Ostrzolek wird Druck auf Jansen und Jiracek ausüben, Müller wird hoffentlich im ROM den leider dauerverletzten Beister adäquat ersetzen (was die Einsatzchancen für Zoua nicht gerade verbessern dürfte), und mit dem nominellen Linksaußen Stieber (alternativ: Jansen) im Nacken muss nun auch Ilicevic endlich „liefern“. In das defensive Mittelfeld soll Valon Behrami jene Qualitäten einbringen, die dort nicht erst seit letzter Saison viel zu oft schmerzlich vermisst wurden: Führungsqualitäten, klare Pässe und kompromissloses Zweikampfverhalten. Schaut man sich die personellen Alternativen und die Restvertragslaufzeiten an, dann ist m.E. zu erwarten, dass noch der eine oder andere bisherige Stammspieler abgegeben werden wird. Mich würde jedenfalls ein Abgang von Badelj, Jiracek oder Jansen nicht überraschen.

Neben Beister und Rajkovic dürfte wohl Kacar der zur Zeit größte Pechvogel sein. Schien es lange Zeit, als sei er neben Djourou als zweiter Innenverteidiger so gut wie gesetzt und hätte Westermann erfolgreich verdrängt, so wird man nach seiner Verletzung endgültig einen weiteren, neuen Innenverteidiger holen. Das dürfte auch die zukünftige sportliche Perspektive Westermanns beim HSV erheblich beeinflussen. Wenn der Anschein nicht trügt, so könnten auch hier die Zeichen auf Abschied stehen. Ich schätze Charakter und Polyvalenz von HW4, glaube aber derzeit, dass dieses Kapitel spätestens mit Ablauf seines Vertrages im nächsten Sommer geschlossen wird.

Für das gestrige Pokalspiel standen Mirko Slomka jedenfalls weder Kacar, Stieber oder Müller zur Verfügung.  Von den Neuverpflichtungen schaffte es einzig Behrami in die Startelf. Ostrzolek, obwohl fit, hatte nur wenige Trainingseinheiten zusammen mit der Mannschaft absolviert, sodass er lediglich als Ersatzspieler auf dem Spielberichtsbogen auftauchte. Slomka vertraute also folgender Aufstellung: Adler – Diekmeier, Djourou, Westermann, Jiracek (46. Lasogga) – Badelj (61. Arslan), Behrami, Ilicevic (115. Zoua), van der Vaart, Jansen – Rudnevs

Spiel: Der HSV begann die Partie in dem bekannten  4-2-3-1 mit Rudnevs als einziger Spitze.

In die defensive Viererkette rückte nach der Verletzung Kacars, dem Abgang von Mancienne und Sobiech und dem fortdauernden Ausfall von Rajkovic fast zwangsläufig Westermann als zweiter Innenverteidiger neben Djourou. Hier galt also: Business as usual…

Ilicevic bespielte ungewohnterweise die rechte offensive Außenbahn. Dies war vermutlich der Tatsache geschuldet, dass Beister-Ersatz Nicolai Müller noch mit Adduktorenproblemen ausfiel. Die linke offensive Außenbahn bespielte Jansen, dem wiederum Jiracek als Linksverteidiger den Rücken frei halten sollte. Ich gebe zu, mich hat diese Aufstellung zunächst doch ein wenig überrascht, da ich Ilicevic, obwohl er Rechtsfuß ist,  auf der rechten (statt der linken) Außenbahn schwächer sehe. Slomka wird wohl, so vermute ich, nicht zuletzt hier die Geschwindigkeit favorisiert haben, was angesichts der Ausfälle auf dieser Seite für Ilicevic (und bspw. gegen Zoua) gesprochen haben dürfte. Mit dem durchaus eingespielten Gespann Jiracek/Jansen sollte zudem wohl auch das kämpferische Element gestärkt werden. Dies wäre m.E. eine im Vorfeld einer auswärts ausgetragenen Pokalpartie plausible Begründung für diese Personalauswahl.

Die beiden Sechser, Behrami und Badelj, schoben bei eigenem Ballbesitz relativ weit auseinander, wodurch das eigene Spiel vermutlich einerseits mehr Breite erhalten sollte, andererseits auf dem ballnahen Flügel eine weitere, zusätzliche Anspielstation/Absicherung erzeugt werden sollte. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass Behrami grundsätzlich etwas häufiger als Badelj zentraler positioniert blieb, was man wohl auch als Fingerzeig für die zukünftige Führungsrolle des Schweizers werten könnte, die man sich von Seiten der Verantwortlichen von ihm allem Anschein nach verspricht.

Der HSV begann die Partie konzentriert, entwickelte jedoch enttäuschend wenig Ideen im Spielaufbau. Auch das für die kommende Saison favorisierte schnelle Umschaltspiel war kaum zu sehen. Immer wieder verfing man sich in der vielbeinigen Defensive der clever und engagiert verteidigenden Cottbusser.

In der 10. Spielminute wollte Westermann per Kopf auf Adler zurücklegen, doch der Ball geriet deutlich zu kurz. Jiracek sah vermutlich Adler aus seinem Gehäuse kommen und wollte den einlaufenden Cottbusser Angreifer wohl nur blocken. Adler kam jedoch zu spät an den Ball und rammte zuerst den Cottbusser Spieler (statt den Ball zu spielen). Der Angreifer ging zu Boden, und Schiedsrichter Kinhöfer zeigte folgerichtig auf den Punkt. Zeitz verwandelte den folgenden Strafstoß sicher. Das 1:0 für die Gastgeber, und der HSV durfte mal wieder einem Rückstand hinterherlaufen. Wie bereits geschrieben: Business as usual.

Aus meiner Sicht blieb dies leider nicht die einzige Unsicherheit Adlers, denn im weiteren Verlauf zeigte er auch zweimal haarsträubende Pässe bei der Spieleröffnung (mit dem Fuß), die beide direkt und problemlos vom Gegner abgefangen werden konnten. Hatte ich bei den vorangegangenen Testspielen noch die Hoffnung, er hätte zur Glanzform früherer Tage zurückgefunden, so war dies ein klarer Rückschritt. Daran können auch zwei später von ihm gehaltene Elfmeter nichts ändern, zumal mindestens der erste ganz, ganz schwach geschossen wurde.

Zur Pause reagierte Slomka und wechselte vom offensiv fast völlig wirkungslosen  4-2-3-1 auf ein 4-4-1-1 (mit flacher vier). Jansen gab nun wie gewohnt den Linksverteidiger für den ausgewechselten Jiracek; Ilicevic kehrte auf seine angestammte linke offensive Außenbahn zurück, während Rudnevs die nun verwaiste offensive rechte Planstelle besetzte. Ganz vorne, wie gehabt, spielte nun Lasogga vor dem leicht dahinter und um ihn herumspielenden van der Vaart. Der HSV kam zwar nach Wiederanpfiff etwas besser ins Spiel, ohne jedoch den ganz großen Druck auf das gegnerische Gehäuse erzeugen zu können. Es konnte daher nicht überraschen, dass HSV-Trainer Slomka in der 61. Spielminute den wenig überzeugend aufspielenden Badelj durch den offensiveren Arslan ersetzte. Arslan, da ich ihn ja häufig kritisiert habe, will ich das hier ausdrücklich festhalten, zeigte eine wirklich starke Leistung. Für mich zeigte er neben Djourou und van der Vaart die beste Leistung auf Seiten der Hamburger. Er war erkennbar darum bemüht, mit klugen raumöffnenden oder -nutzenden Pässen seine Mitspieler in Szene zu setzen, oder durch eigene Aktionen defensiv und offensiv Akzente zu setzen. Das hat mir wirklich  gefallen!

Der HSV spielte nun zunächst deutlich überlegen und kam folgerichtig zum verdienten Ausgleichstreffer. In der 70. Minute trat der ebenfalls deutlich formverbesserte van der Vaart einen guten Eckstoß. Westermann köpfte den Ball unhaltbar für Müller im Tor der Lausitzer ins Netz. Das 1:1.

Drei Minuten später hatte der HSV sogar die Chance zur Führung. Nach erneut starkem Pass von Arslan konnte Lasogga jedoch den Ball nicht über den Torwart lupfen. Die Nachschusschance für Ilicevic ist ob des dann doch arg spitz gewordenen Winkels m.E. nur ein Fall für die Statistik.

Eindeutige, weitere Torchancen waren nicht zu verzeichnen, sodass die Partie in die Verlängerung ging.

In der 96. Minute unterstrich van der Vaart seine gute Frühform und schoss sehenswert einen direkten Freistoß aus halbrechter Position über die Mauer der Gastgeber ins Netz. Die 1:2-Führung für den HSV.

Die Hamburger versäumten es nun, den sprichwörtlichen Sack zuzumachen. Statt weiter konsequent offensiv Druck auszuüben zog man sich unverständlicherweise zu sehr zurück. Eigene Unsicherheiten bei der Ballannahme und -verarbeitung (Behrami!) taten ein Übriges. So kamen die Lausitzer zunehmend stärker auf. Verdienter Lohn ihrer Bemühungen und Ausdruck einer durchaus starken Leistung (für einen Drittligisten mit fast vollständig neuer Mannschaft) war der erneute Ausgleich in der 105. Minute. Hier ließ sich praktisch die gesamte Hamburger Abwehr  (Djourou, Diekmeier und Westermann) düpieren.

Kurz vor Ablauf der Verlängerung brachte Slomka noch Zoua für Ilicevic. Zoua nahm  wie gewohnt den Platz auf der rechten offensiven Außenbahn ein, während Rudnevs nun auf die Ilicevic-Position auf dem linken Flügel rückte. Dieser Wechsel wirkte sich aber nicht mehr spielentscheidend aus. Es blieb also beim 2:2.

Nach Ablauf der Verlängerung musste daher das Elfmeterschießen über Ausscheiden oder Weiterkommen entscheiden. Hamburgs Schützen, van der Vaart, Djourou, Jansen und Rudnevs, verwandelten alle absolut sicher. Schon der erste Schütze der Cottbusser jedoch, Pawela, scheiterte mit einem äußerst schwach geschossenen Elfmeter an Adler. Den musste ein Bundesligatorhüter m.E. halten, daher kein Sonderlob für Adler an dieser Stelle. Beim insgesamt dritten Elfmeter für die Gastgeber (von Michel) ahnte Adler erneut die richtige Ecke und hatte zudem das Glück, dass der Cottbusser Michel den Ball halbhoch und damit dankbar für jeden Torhüter schoss.

Schiedsrichter: Thorsten Kinhöfer (Herne). Ohne größere Fehler.

Fazit: Der HSV setzte sich am Ende nach keineswegs überzeugender Leistung im Elfmeterschießen durch und zieht in die nächste Runde des DFB-Pokals ein. Kompliment an den Trainer des FC Energie, Krämer, und seine Mannschaft für eine starke Leistung.

Für HSV-Trainer Mirko Slomka bleibt viel zu tun. Nach wie vor ist das Aufbauspiel stark verbesserungswürdig. Jiracek wird es schwer haben, ins Team zu finden, sobald sich Ostrzolek mit der Mannschaft eingespielt hat, sofern Jansen beim HSV bleibt.

Westermann wie gehabt mit Licht und Schatten. Behrami ist in dieser Verfassung noch nicht überzeugend, obgleich man seine Qualitäten durchaus des Öfteren aufblitzen sieht.

Rudnevs zeigte auf beiden Außenbahnen  eine ansprechende Leistung und scheint für Slomka hinter Nicolai Müller hier die erste Alternative zu sein.  Die Einsatzchancen für Zoua dürften daher, Stand gestern, überschaubar sein.

Bei Stieber, auch wenn er gestern gar nicht spielte, schien mir bei seinen bisherigen Einsätzen noch die Bindung zur Mannschaft zu fehlen.

Selbst mit einem Lasogga, der verletzungsbedingt noch nicht in Topform sein konnte, erhielt das Angriffsspiel des HSVs sofort eine andere Qualität. Anders formuliert: es fehlt bisher unverändert eine wirklich überzeugende Alternative. Allerdings könnte sich die gesamte Spielanlage des Hamburger Sportvereins entscheidend verändern, sobald man die schnellen neuen Leute erfolgreich integriert hat, sodass dann auch ein Rudnevs besser zur Geltung kommen könnte.

Man wird abwarten müssen, ob und wie sich der Kader bis zum Ablauf der Transferperiode verändern wird. Auch wird man den Neuen einige Wochen einräumen müssen, bis sie endgültig ins Team integriert sind. Auch wenn  spielerisch/taktisch und personell noch diverse Baustellen vorhanden sind, so gehe ich davon aus, dass sich vor allem Ostrzolek, Behrami und Müller als tatsächliche Verstärkungen erweisen werden. Entscheidend wird m.E. sein, dass man zu Saisonbeginn einige Erfolgserlebnisse sammelt, damit dieser Integrationsprozess einigermaßen störungsfrei vollzogen werden kann und man nicht frühzeitig unter (medialen) Druck gerät. Sollte dies gelingen, dann halte ich am Ende eine Platzierung rund um den zehnten Platz herum für durchaus möglich. Für eine deutlich bessere Platzierung werden weitere Umbauten im Kader, also weitere Transferperioden notwendig sein. Demut, Geduld und Realismus bleiben also aus hamburger Sicht unverändert gefragt. Selbst in dem Fall, dass der Saisonstart überraschend positiv verlaufen sollte.

Spielbericht: Hamburger SV – Hertha BSC Berlin

Tore: 0:1 (15.) Allagui, 0:2 (23.) Ramos, 0:3  (38.) Ramos

Schiedsrichter: Aytekin

Aufstellung HSV: Adler, Lam, Djourou, Westermann, Jansen, Badejl, Bouy (46. Arslan), John, van der Vaart, Calhanoglu (61. Ilicevic), Zoua

Auffällig: Als Reaktion auf die ausgiebigen medialen Spekulationen über dessen Vertragsinhalte nahm Trainer Bert van Marwijk den erst siebzehnjährigen Tah aus der Manschaft. Er begründete dies mit dem Eindruck, den er während eines Vier-Augen-Gesprächs mit dem Spieler von dessen Verfassung gewonnen hatte. In der abgelaufenen Woche waren angebliche Details aus dem Vertrag Tahs vom Boulevard veröffentlicht worden. Dabei wurde u.a. ausgiebig öffentlich darüber spekuliert, wer das Arbeitspapier der Presse zugespielt haben könnte und zwar unter Einbeziehung des unmittelbaren familiären Umfeldes des Spielers. Man muss sich grundsätzlich vergegenwärtigen, dass sich dieser noch sehr junge Spieler mit erst 17 Jahren in der Adoleszenz befindet und seine erste Profi-Saison spielt. Er besucht unverändert die Schule, was ihn ohnehin zusätzlich fordert. Außerdem dürfte es das erste Mal gewesen sein, dass er sich und seine Bezugspersonen als Gegenstand einer s.g. „Berichterstattung“ im grellen Scheinwerferlicht der Boulevard-Medien erleben musste, was eine zusätzliche, außerordentliche Belastung darstellt. Ich halte diese Entscheidung des Trainers für absolut nachvollziehbar und bewerte sie als verantwortungsbewusst und daher außerordentlich positiv.
Lasogga saß auf der Bank, wurde aber nicht eingewechselt. Ich denke, dass dies zwei Gründen geschuldet gewesen ist. Zum einen bestand offenbar ein erhebliches (Rest-)Risiko, dass die Muskelverletzung (Faserriss) bei einem Einsatz hätte aufbrechen und ggf. zu einer noch längeren Ausfallzeit (evtl. Bündelriss) hätte führen können. Zum anderen ist im Normalfall der Bundesliga ein 0:3 Rückstand ohnehin kaum aufzuholen. Angesichts der sportlichen Situation, den nun folgenden Endspielen und der Bedeutung Lasoggas für die Torgefährlichkeit der Mannschaft, halte ich auch diese Maßahme für absolut richtig.

Das Spiel: Der HSV begann läuferisch und kämpferisch engagiert. Man merkte der Mannschaft an, dass sie sich viel vorgenommen hatte. Positionell und im Passspiel zeigte sie sich leicht verbessert. Vor allem Jansen wusste während der gesamten Spieldauer durch sein Engagement zu gefallen. Lam, sein Pendant auf der anderen Seite, hatte dieses Mal läuferisch und körperlich erkennbare Probleme mit seinem schnellen Gegenspieler. (Dass er dennoch nicht von Diekmeier abgelöst wurde, könnte ebenfalls medizinischen Gründe (s.o. Lasogga) haben.)
John begann auf der rechten Außenbahn und knüpfte zunächst an die desolate Leistung aus dem Hoffenheim-Spiel an. Nach wenigen Minuten stellte van Marwijk um und ließ ihn und Calhanoglu die Seiten wechseln. John setzte sich in der Folge einige Male auf der linken Außenbahn durch, seine Flanken/Pässe in den Strafraum fanden jedoch keinen Abnehmer. Hier hätte man sich einen gesunden Lasogga gewünscht. Zoua, als dessen Vertreter im Sturmzentrum, agierte durchgehend glücklos. Bis auf einen einzigen Kopfball kam er praktisch nie wirklich zum Abschluss. Seine Kopfbälle verfehlten meist deutlich das Tor, oder er traf die falsche Entscheidung und legte ab, statt selbst abzuschließen. Bouy, als Partner Badejls, trat erneut kaum in Erscheinung. Offenbar fehlt ihm unverändert noch die Bindung zur Mannschaft. Dies kann sich prinzipiell aber nur durch Einsätze verbessern. Das Geburtstagskind Calhanoglu kam auf der rechten Außenbahn besser zurecht als John, war aber kaum im Spiel. Auffällig wurde er erst, als er alle Freistöße trat. Diese Flanken wirkten gefährlicher, als alles, was van der Vaart aus den ruhenden Bälle zustande brachte.

Es kam mal wieder, wie man es inzwischen leider gewohnt ist. In der eigenen Vorwärtsbewegung wurde der Ball vom Gegner abgefangen. Westermann versuchte in höchster Not den enteilenden Gegenspieler vor dem Eindringen in den Strafraum mit einem langen Bein zu stoppen und kam Sekundenbruchteile zu spät. Ob das Foul knapp außerhalb des Strafraum oder auf der Linie war, könnte man diskutieren. Dass der Schiedsrichter hier auf Elfmeter entschied ist aber m.E. keine klare, eklatante Fehlentscheidung.

In der 14. Minute trat Ramos vom Elfmeterpunkt an. Sein schwach geschossener Strafstoß konnte aber vom gut aufgelegten Adler abgewehrt werden. Wer dachte, dies könnte das Momentum auf die Seite des HSVs bewegen, sah sich schon wenige Sekunden später eines besseren belehrt. Bei der nachfolgenden Ecke kam der überragende Ramos zu diesem Zeitpunkt zum bereits wiederholten Mal unbedrängt zum Kopfball. Den Abstauber versenkte Allagui für Adler unhaltbar. Wieder Deckungsfehler, wieder ein Rückstand – grausam.

In der 23. Minute war es wieder Ramos, der nach einer Freistoßflanke fast unbedrängt einköpfen konnte. Auffällig hier, dass praktisch die gesamte Vierkette stehen blieb und nicht aktiv versuchte, die Flanke zu klären. Einzig Djourou machte hier Anstalten, kam aber sowohl zu spät als auch nicht wirklich zum Luftzweikampf. Grausam hoch 2.

Die Enstehungsgeschichte des 0:3 (38.) ist schnell erzählt. Der Ball wurde von der Hertha zentral erobert. Der Pass kaum auf unsere rechte Seite. Der ungünstig positionierte Lam konnte den dann folgenden langen Diagonalpass in die Spitze auf Ramos nicht unterbinden. Der m.E. völlig indisponierte Djourou stand zwar prinzipiell besser, da näher zum Passgeber, lief dann aber mehr Geleitschutz, als dass er tatsächlich mit letztem Einsatz versucht hätte, Ramos an Ballerorberung und Torabschluss zu hindern. Katastrophal!

Im Grunde war der Drops ab diesem Zeitpunkt gelutscht. 0:3 zur Halbzeit und das zu Hause – halleluja.

In der zweiten Halbzeit begnügte sich die Hertha mit Ergebnisverwaltung. Der HSV verfiel zunehmend in den bekannten Fehler, dass sich die Offensivspieler bei eigenem Ballbesitz auf einer Linie vorne positionierten und ungenügend bewegten. Das führte dazu, dass der Ballführende kaum Anspielstationen hatte. Immerhin, man wird ja sarkastisch-bescheiden, fing man sich kein weiteres Gegentor. Und das eine komplette Halbzeit lang – herzlichen Glückwunsch!

Deutlich zu erkennen ist, dass Badejl alleine überfordert ist, das Spiel aus dem defensiven Mittelfeld zu lenken. Es fehlt oft an Bewegung und Kreativität aus dem Mittelfeld. Einzig der eingewechselte Ilicevics war erkennbar um Torgefahr bemüht. Diese resultierte dann aber aus seinen Einzelaktionen.

Beide Innenverteidiger boten ein ganz schwaches Spiel. Deutlich weniger als 30 Prozent gewonnene Zweikämpfe sind für Westermann indiskutabel. Djourou zeigte sich inzwischen zum wiederholten Male als Sicherheitsrisiko. Auffällig schein mir, dass sein Kopfballspiel unkontrolliert wirkt. Man hatte oft den Eindruck, dass er zum Unterlaufen des Balles neigt, der ihm dann von oben auf den Kopf fällt. Eine aktive Sprungbewegung, bzw. ein aktives Spielen des hohen Balles mit der Stirn fehlte des öfteren. Nach nunmehr diversen Spielen muss man sich grundsätzliche Gedanken über diesen Spieler machen.

Fazit und Ausblick: Übergreifend sechs verlorene Spiele in Folge lassen die Hoffnungen schwinden und die Nerven blank liegen. Es bleiben theoretisch zwei Möglichkeiten. Entweder entlässt man den Trainer und hofft, dass der Nachfolger durch neue Impulse deutliche Veränderungen herbeiführt, oder man hält ggf. bis zum bitteren Ende an van Marwijk fest. Zu beachten ist auch hier die finanzielle Lage des Vereins. Zwar ist ein Abstieg teurer als alles andere, andererseits muss der Verein zwingend die Anforderungen des anstehenden Lizenzierungsverfahrens erfüllen. Außerdem wäre die Frage zu stellen, welcher auf dem Markt befindliche Trainer diese Mannschaft erfolgreicher coachen soll. Slomka wurden zuletzt in Hannover ähnlich wie bei van Marwijk Defizite in der konditionellen Arbeit nachgesagt. Schaaf ist ein erfahrener Mann, gilt aber nicht als ausgewiesener Verfechter defensiver Stabilität. Magath könnte möglicherweise für mehr Disziplin sorgen. Zu diesem Zeitpunkt der Saison könnte m.E. aber auch ein Magath nicht jene läuferische Defizite, die evtl. mangelnder Fitness geschuldet sind, wie einige wissen wollen, ausgleichen. Außerdem kollidiert nach meiner Auffassung die Person Magaths, mit ihrem ausgeprägten Hang zur Autokratie, mit der teamorientierten Ansatz von HSVPlus…

Ich kann unverändert keinen klaren, fachlichen Fehler Bert van Marwijks erkennen, dem man ihm zweifelsfrei nachweisen könnte, bzw. für den man ihn allein verantwortlich machen müsste. Die im Winter verpflichteten Spieler konnten auch deswegen günstig ausgeliehen werden, weil ihnen Wettkampfpraxis fehlte. Diese können sie aber nur erhalten, wenn man an ihnen festhält. Dass er Tah aus der Schusslinie nehmen wollte, halte ich für eine grundsätzlich absolut richtige Entscheidung. Dass die Wahl auf Djourou als Vertreter fiel, ist zunächst logisch. Mancienne, Rajkovic, Sobiech und Kacar fehlt Wettkampfpraxis, bzw. sie konnten bisher  (Sobiech) die Erwartungen nicht erfüllen. Zudem war es Kreuzer, der u.a. betont hatte, dass die Aussortierten nie wieder für den HSV auflaufen würden. Eine absolut törichte Aussage, wie ich unverändert finde. Wie bereits angedeutet denke ich, dass Djourou die Mannschaft eher schwächt, als dass er ihr weiterhilft. Es ist m.E. an der Zeit, sich grundsätzliche Gedanken zu machen und alle noch vorhandenen Optionen ernsthaft und erneut zu prüfen, auch unter Einbeziehung der „Aussortierten“. Westermann wirkt zunehmend überfordert und braucht, so Tah nicht spielt, einen anderen Partner.

John zeigt Ansätze, Bouy braucht weitere Praxis, so man grundsätzlich von ihm überzeugt ist.

Ich bleibe bei meiner jünsten Einschätzung, dass das Hauptproblem der Mannschaft im mentalen Bereich zu verorten ist. Und ich halte Bert van Marwijk für geeignet, dies in den Griff zu bekommen, auch wenn es nach dieser für den HSV beispiellosen Niederlagenserie zweifellos schwer vorstellbar scheint. Konditionelle Mängel, so sie denn tatsächlich vorhanden sein sollten, sind ohnehin während derr laufenden Rückrunde kaum zu beheben. Lasogga, Diekmeier, Westermann, Lam, Bouy und John müssen in den Spiel-Rhythmus kommen und/oder Bindung zur Mannschaft bekommen. Aus meiner Sicht sollte sich das Thema Djourou erledigt haben.

Ich weiß, dass viele Leser insbesondere die Trainer-Frage anders beurteilen werden. Das ist völlig legitim. Die Lage scheint(!) hoffnungslos. Allerdings ist(!) die Lage rein tabellarisch keineswegs hoffnungslos. Entmutigend sind allein die tradierten individuellen Fehler, bzw. die fortdauernden Misserfolge. Aber hier gilt: wer die Hoffnung fahren lässt und zu kämpfen aufhört, der hat bereits verloren! Man kann von der Mannschaft als Fan keinen bedingungslosen Einsatz fordern, seinen eigenen jedoch an Bedingungen knüpfen. Auch wenn ich es für absolut verständlich halte, sollte jemand nicht länger bereit sein, für derartige Darbietungen Geld, Freizeit und Laune zu opfern.

Ich halte Fan-Blockaden und Gepöbel für nachvollziehbar, aber angesichts meiner Grundannahme, dass die Probleme überwiegend im mentalen Bereich liegen, für absolut kontraproduktiv. Einer deprimierten und verunsicherten Mannschaft hilft man nicht, indem man den ohnehin vorhandenen und stetig steigenden Druck erhöht, bzw. indem man besinnungslos, wie dies andernorts geschieht, auf sie eindrischt. Und noch einmal: es ist leicht zu fordern, wenn man selbst nicht in der Verantwortung steht.