Kacar

Hamburg gewinnt gegen enttäuschende Mainzer: HSV – 1. FSV Mainz 05 2:1 (1:0)

Vor dem Spiel gegen den 1. FSV Mainz waren beim HSV die verletzungsbedingten Ausfälle von Behrami und Westermann zu beklagen. Der Schweizer Mittelfeldspieler hat sich bekanntlich binnen kürzester Zeit als Leistungsträger und echte Verstärkung der Mannschaft etabliert; Westermann zeigte zuletzt im Verbund mit Djourou durchweg ansprechende Leistungen als Innenverteidiger. Und so durfte man gespannt sein, wie HSV-Trainer Zinnbauer diese Ausfälle zu kompensieren gedachte.

Dass der junge Ronny Marcos nach seinem gelungenen Debüt in der Bundesliga eine erneute Bewährungschance bekommen würde, damit konnte man angesichts Zinnbauers jüngster Personalpolitik rechnen. Dieses Mal erhielt das Talent den Vorzug vor Ostrzolek und spielte auf der für ihn aus der U23 gewohnten Position des Linksverteidigers. Cleber ersetzte den verletzten Westermann, und Diekmeier kehrte nach seiner Sperre erwartungsgemäß ins Team zurück.

Im defensiven Mittelfeld spielte Jiracek für Behrami, während ganz vorne Lasogga und Rudnevs eine Doppelspitze bildeten.

Auf dem Spielberichtsbogen las sich daher die Aufstellung des HSV wie folgt:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Cléber, Marcos – Jiracek – van der Vaart (83. T. Arslan), N. Müller, Holtby – Lasogga (90+4. Gouaida), Rudnevs (90. Kacar)

Das Spiel: Hatte ich zuletzt Zinnbauers HSV als Wundertüte bezeichnet, so galt dies einmal mehr. Auch wenn manche personelle Änderungen nicht allzu sehr überraschten (Diekmeier für Götz, Cleber für Westermann, Jiracek für Behrami), so hatte sich der Trainer des HSV erneut einige interessante taktische Änderungen ausgedacht. Dieses Mal spielte der HSV nämlich nicht in dem Hybrid-System aus 4-1-4-1/4-2-3-1 der beiden vorangegangenen Partien, sondern überwiegend in einem 4-1-3-2.

Jiracek agierte in der ersten Halbzeit durchweg defensiver als der zentral spielende van der Vaart, der sich meist auf einer Höhe mit Holtby (LM) und Nicolai Müller (RM) aufhielt. Nur in den wenigen Fällen, in denen der HSV sein Spiel flach und kontrolliert aufbauen wollte, kam van der Vaart weit zurück, um sich den Ball aus der Abwehr abzuholen. Interessant fand ich aber, dass dies eher ausnahmsweise zu beobachten war. Meist wurde der Ball durch Drobny lang und hoch nach vorne gespielt, oder beide Außenverteidiger versuchten, durch schnelle vertikale Pässe die Linie entlang Raum zu gewinnen.

Ich habe diesen Mangel an Spielkultur in der Spieleröffnung hier in der Vergangenheit des Öfteren als (zu) leicht zu verteidigen kritisiert. Gegen Mainz schien mir dieses Vorgehen jedoch gewollter Bestandteil der Taktik Zinnbauers zu sein. Man war erkennbar bemüht, permanent Tempo in das Spiel zu bringen und nahm dabei das erhöhte Risiko für Fehlpässe billigend in Kauf. Denn in der vordersten Spitze setzten beide Stürmer, sofern sie nicht unmittelbar an den Ball aus der eigenen Abwehr kamen, sofort die ballführenden Abwehrspieler der Mainzer aggressiv unter Druck. Und durch die relativ höhere Position van der Vaarts (im Vergleich zu den letzten beiden Spielen) konnte man auch im Mittelfeld enormen Pressingdruck erzeugen. Im Ergebnis gewann der HSV mit zunehmender Spieldauer der ersten Halbzeit die entscheidenden Zweikämpfe. Zugleich erschwerte man den Mainzer Gästen den eigenen kontrollierten Spielaufbau, blockierte ihnen den direkten Weg durch die Spielfeldmitte und kam selbst zu den deutlich besseren Torchancen.

Besonders bei Marcos fiel mir auf, dass er häufig sofort den langen, vertikalen Ball die Linie entlang zu spielen versuchte. Einige Male gelang hier ein Zuspiel auf den gewohnt fleißig agierenden Rudnevs, der dann von der linken Außenbahn nach innen passen konnte (z.B. in der 41. Minute auf Müller).

Diekmeier konnte sich im Gegensatz zu Marcos einige Male durch eigene Vorstöße offensiv in Szene setzen. Beide Außenverteidiger suchten jedoch oft den riskanten Vertikalpass. Wie bereits erwähnt, unterstelle ich hier eine Anweisung Zinnbauers. Am Ende der Partie hatten beide jedenfalls eine bemerkenswert niedrige Pass-Quote von 41 (Diekmeier), bzw. 42 Prozent (Marcos).

Cléber überzeugt als Ersatz für Westermann

In der 32. Minute bekam der HSV einen Eckstoß von der rechten Seite zugesprochen. Der nach vorne geeilte Cléber kam dank einer akrobatischen Einlage mit dem Fuß an die Flanke. Müllers folgender Schussversuch wurde vom Mainzer Noveski zunächst geblockt. In der dann kurzzeitig bestehenden Konfusion im Strafraum schaltete Cléber am schnellsten und vollstreckte aus 13 Metern zum 1:0 für den HSV. Cléber wollte diesen Treffer unbedingt, das sah man. Er lieferte für mich ohnehin eine tadellose Leistung ab, was mich für ihn besonders freut. Das Tor wird ihm auch bei seiner weiteren Integration gut tun.

Die Führung für den HSV war zur Pause verdient, denn die Mainzer Mannschaft war bis dahin einfach fast alles schuldig geblieben und hatte nicht eine eigene, klare Torchance herausgespielt.

Auch in der zweiten Halbzeit war der HSV zunächst die aktivere Mannschaft. Immer wieder gelangen den Hamburgern Balleroberungen, weil sie oft erfolgreich personelle Überzahl in Ballnähe erreichten und aggressiv die Zweikämpfe bestritten.

In der 49. Minute traf Rudnevs nach guter Flanke von Diekmeier den Ball nicht sauber, sodass dieser weit das Tor verfehlte. Zwei Minuten später wurde der Lette auf der linken Außenbahn frei gespielt, benötigte jedoch leider etwas zu viel Zeit bei der Ballmitnahme. Seiner nachfolgenden Flanke auf Lasogga fehlte es zudem etwas an Genauigkeit. Auch wenn Rudnevs wieder einmal enorm fleißig war – es ist schade, dass er sich und die Mannschaft regelmäßig durch seine unbestreitbaren technischen Schwächen um noch größeren Lohn für seinen vorbildlichen Einsatz bringt.

In der 53. Minute wollte der Mainzer Noveski mit dem Kopf einen Flankenball des HSV klären, berührte dabei den Ball jedoch auch mit dem linken Arm. Da der Mainzer bei dieser Aktion innerhalb des eigenen Strafraums stand, entschied der Schiedsrichter auf Strafstoß für den HSV. Van der Vaart verlud Karius im Tor der Gäste und vollstreckte sicher zum 2:0 (54.).

Nur zwei Minuten später hatte Rudnevs eine weitere, klare Torchance zum dann entscheidenden 3:0, doch er scheiterte am guten Mainzer Torhüter.

Van der Vaart findet die Balance

Hjulmand stellte seine Mannschaft nun etwas um, und der HSV wurde mit der Führung im Rücken passiver. Mainz konnte nach einer Stunde stärker nach vorne spielen und erhielt ein klares optisches Übergewicht, konnte jedoch zunächst keine zwingenden Torchancen herausspielen. Van der Vaart agierte nun auf gleicher Höhe neben Jiracek oder gar defensiver. Er diente dabei den eigenen Verteidigern als weitere, ballsichere Anspielstation bei dem Versuch, sich spielerisch aus engen Situationen zu befreien. Aus meiner Sicht zeigte der Niederländer in diesem Spiel eine seiner besten Leistungen seit Monaten, denn er war fast immer dort, wo ihn seine Mannschaft benötigte. In der 80. Minute hätte er beinahe seine gute Leistung durch einen weiteren Treffer gekrönt. Lasogga lief mit Ball einen Konter auf der rechten Außenbahn. Rudnevs zeigte sich spielintelligent und ließ den Querpass passieren, sodass van der Vaart frei vor Karius zum Schuss kam. Leider traf Hamburgs Kapitän den Ball bei seinem Direktschuss so schlecht, dass dieser genau auf den Mainzer Torhüter kam. Karius hatte damit keine Mühe.

Mainz wacht zu spät auf und wird dennoch fast belohnt

Das Spiel näherte sich dem Ende, da versuchten es die Mainzer mit der fußballerischen Brechstange. Eine Vielzahl an langen, hohen Bällen wurde in den Bereich in und rund um den Hamburger Strafraum geschlagen, die von Hamburgs Defensive zum Teil nur auf Kosten eines Eckstoßes geklärt werden konnten. In der 87. Minute verpasste der aufgerückte Mainzer Innenverteidiger Bell mit einem Kopfball nach eben so einem Eckstoß denkbar knapp den Anschlusstreffer. Kurz darauf war es dann aber soweit. Ein weiterer Eckstoß segelte in den Hamburger Strafraum. Der von Hjulmand eingewechselte Malli köpfte den Ball zu Okazaki, dessen Kopfball aus kürzester Distanz (3m) Drobny dann nicht mehr parieren konnte. Das 2:1 in der 89. Minute. Aus Hamburger Sicht begann nun spätestens das ganz große Zittern. Und beinahe wäre den Mainzern tatsächlich in der Nachspielzeit der Ausgleichstreffer gelungen, doch Mallis Torabschluss flog ganz knapp über die Querlatte des Hamburger Gehäuses (90+1.). So blieb es am Ende beim 2:1 Erfolg für den HSV.

Schiedsrichter: Stegemann. Diskutable Leistung. Ich mag es grundsätzlich, wenn Schiedsrichter ein Spiel laufen lassen anstatt jede Kleinigkeit abzupfeifen. Dieser Schiedsrichter war mir aber zu großzügig – hüben wie drüben. Eine eindeutige Benachteiligung der Mainzer, wie Allagui nach der Partie bei SKY im Interview behauptete, habe ich nicht gesehen.

Fazit: Der HSV siegte verdient, auch [Anm.: nachträglich eingefügt] weil der 1. FSV Mainz 05 lange Zeit zu wenig investierte.

Die Hamburger mussten nach der Niederlage gegen Augsburg unbedingt gewinnen und hielten dem Druck stand. Mit dem Sieg gegen den FSV konnte man nun schon zum dritten Mal in Folge vor heimischer Kulisse dreifach punkten. Allein dies deutet schon eine positive Veränderung unter Leitung von Joe Zinnbauer an. Die nun 18 Gegentreffer beweisen, dass die Hamburger Defensive nachweisbar an Stabilität gewonnen hat. Besser, d.h. weniger Gegentreffer, sind neben den außer Konkurrenz spielenden Bayern (3) nur Gladbach (12), Wolfsburg (13) und Augsburg (14).

Unverändert verbesserungswürdig bleibt die Zahl der selbst erzielten Treffer, jedoch gelangen der Mannschaft wie schon im Heimspiel zuvor gegen Bremen erneut zwei Treffer. Positiv festzuhalten ist auch, was manche inzwischen für schwer vorstellbar hielten: der HSV kann auch ohne Behrami und Westermann gewinnen.

Zinnbauer überzeugt erneut mit einer gelungenen taktischen Anpassung seiner Mannschaft an den Gegner. Zusammen mit der wieder einmal guten, sowohl läuferischen als auch kämpferischen Einstellung der Mannschaft war dies für mich die Basis des Erfolges. Verdienter Lohn ist der Sprung auf Tabellenplatz 13.

Spielerisch bleibt aus Sicht des HSV unverändert viel zu tun, aber dies kann nicht sonderlich überraschen. Das braucht einfach eine gewisse Zeit. Zumal zu berücksichtigen ist, dass Zinnbauer immer wieder Nachwuchsspielern wie Gouaida, Götz oder nun Marcos das Vertrauen schenkt. Und wo ich gerade wieder beim Nachwuchs bin: Marcos wusste auch als Linksverteidiger zu gefallen. Allerdings muss man kritisch bemerken, dass er nur 42 Prozent seiner Zweikämpfe gewinnen konnte. Das war der mit Abstand schwächste Wert in der Hamburger Defensive. Hier sollte er sich deutlich steigern, wenn er sich mittelfristig in der Bundesliga etablieren will.

Der HSV hat nun im nächsten Spiel gegen den SC Freiburg eine realistische Chance, sich noch weiter von den Abstiegsrängen zu entfernen. Man sollte den SC jedoch keinesfalls unterschätzen. Der SC hat zum Teil besser gespielt, als es sein derzeitiger Tabellenplatz auszudrücken scheint.

Verdiente Niederlage gegen einen in fast allen Belangen überlegenen Gegner: VfL Wolfsburg – HSV 2:0 (1:0)

Nach Hoffenheim und Gladbach wurde in letzter Zeit der VfL Wolfsburg als einer der Vereine in den Medien hervorgehoben, die angeblich in dieser Saison den FC Bayern „jagen“. Angesichts des bereits erneut stattlichen Punktepolsters der Münchener wirkt dies auf mich zum jetzigen Zeitpunkt sowohl alarmierend als auch unfreiwillig komisch. Alarmierend, weil bei dieser Aufzählung der BvB fehlt, der meiner Meinung nach normalerweise stärker als die drei genannten Vereine einzuschätzen ist. Auch wenn sich die Dortmunder momentan wohl nur in einer temporären sportlichen Krise befinden dürften und man jederzeit damit rechnen muss, dass sie eine Siegesserie starten können, so dürften sie sich angesichts ihres Punkte-Rückstandes bereits jetzt aus dem Rennen um die diesjährige Meisterschaft endgültig verabschiedet haben. Bei allem Respekt vor der hervorragenden Arbeit in Hoffenheim, Mönchengladbach und Wolfsburg – der Bundesliga droht erneut, dass die wichtigste Entscheidung, die zum Titel, weit vorfristig, nämlich bereits kurz nach Beginn der Rückrunde fällt. Die drei Verfolger, zu denen eben auch der VfL zu rechnen ist, werden den Serienmeister aus Bayern am Ende der Saison wahrscheinlich nur noch mit dem Fernglas erkennen können. Diese „Jagd“, darin sehe ich die Komik, dürfte dann doch eher in einem Hinterherhecheln münden.

Ungeachtet ihrer mutmaßlichen Chancenlosigkeit auf den Titelgewinn sollte man anerkennen, dass der VfL Wolfsburg zu eben jenen Vereinen gehört, die am HSV in den letzten Jahren vorbeigezogen sind. Demzufolge war der HSV für mich vor der Partie der klare Außenseiter, denn es ist beeindruckend, was in Wolfsburg entstanden ist:

Im Tor der Wölfe steht mit Benaglio ein überdurchschnittlicher Torhüter. Naldo davor gehört im Kopfballspiel zum besten, was die Liga zu bieten hat. Behrami mag als kampfstarker Zerstörer im defensiven Mittelfeld des HSV derzeit unersetzlich erscheinen, hat aber m.E. gegenüber einem Luiz Gustavo nicht nur spielerisch deutliche Nachteile. Neben dem Brasilianer in Diensten des VfL spielte gestern Joshua Guilavogui. Der französische Nationalspieler hat laut Transfermarkt.de einen Marktwert von 10 Millionen Euro. Als Alternative steht Hecking der junge Malanda (20) zur Verfügung, dessen Marktwert an gleicher Stelle mit 7 Millionen Euro angegeben wird. Auch wenn die Marktwerte der Spieler auf Transfermarkt.de als fiktiv anzusehen sind und keineswegs mit den real am Markt zu erlösenden Summen im Transferfall verwechselt werden sollten, können sie als ein Indiz für Qualität dienen. Vergleicht man die drei wertvollsten defensiven Mittelfeldspieler beider Mannschaften, so ergibt sich folgendes Bild:

Gustavo (22 Mio), Guilavogui (10 Mio) und Malanda (7 Mio) bringen es zusammen auf einen fiktiven Marktwert von 39 Millionen Euro. Dem steht beim HSV mit dem bereits fast unersetzlichen Behrami (6 Mio) nur ein gestandener Spieler entgegen. Kacar (750 tsd) spielt offenbar auch in dieser Saison praktisch keine Rolle, Matti Steinmann (150 tsd.) und Gideon Jung (200 tsd) sind Talente, die ihr Leistungsvermögen auf Bundesliganiveau erst noch dauerhaft nachweisen müssen. Selbst wenn man Arslan (2,5 Mio) und Jiracek (2 Mio) dem defensiven Mittelfeld des HSV zuschlägt, stehen den 39 Millionen auf Wolfsburger Seite gerade einmal 10,5 Millionen Euro an Marktwerten auf Hamburger Seite gegenüber.

Prunkstück der Niedersachsen bleibt aber die Offensive, in welcher der auch in Hamburg bestens bekannte Olic als vorderste Spitze trotz Knorpelschaden im Knie unermüdlich wirbelt. Während in Hamburg Lasogga an gleicher Position praktisch gesetzt und ohne Konkurrenz ist, verfügt der VfL mit Bast Dost und Bendtner über tatsächliche Alternativen. Für  das offensive Mittelfeld stehen Wölfe-Trainer Hecking zudem hochbegabte wie Kevin de Bruyne und Maximilian Arnold zur Verfügung. Auch Perisic und Hunt sind Spieler, die ihre Qualität in der Liga längst nachgewiesen haben.

Aus all dem lässt sich meiner Meinung nach sowohl individuell-qualitativ als auch strukturell (Alternativen je Position) ableiten, warum der VfL Wolfsburg auch ohne jede Berücksichtigung ihrer derzeitigen Erfolgsserie bereits theoretisch deutlich stärker als der HSV einzuschätzen war.

HSV-Trainer Zinnbauer hatte nach dem hart erkämpften Sieg gegen ebenfalls favorisierte Leverkusener keine Veranlassung, die Mannschaft zu verändern und vertraute daher erstmals einer unveränderten Aufstellung:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami – N. Müller (79. Green), van der Vaart (79. Nafiu), Holtby, Jansen (70. Stieber) – Lasogga

Das Spiel: Der HSV begann das Spiel erneut in jenem Hybrid-System aus 4-1-4-1 und 4-2-3-1, in welchem gegen Leverkusen gewonnen werden konnte. Allerdings standen die Hamburger zu Beginn der Partie tiefer, ließen die Gastgeber im ersten Drittel meist ungestört agieren und beschränkten sich auf ein Mittelfeldpressing. Den Spielverlauf in der ersten Viertelstunde deutete ich als von Zinnbauer vorgegebene taktische Marschroute: aus einer kompakten, stabilen Defensive wenn möglich nach vorne spielen.

Bei Ballbesitz des HSV konnte man einige Änderungen bemerken, die ich derart ausgeprägt seit Zinnbauers Amtsantritt bisher noch nicht gesehen habe. Das erinnerte mich zeitweilig an den Fußball unter Fink. Behrami kippte als Sechser im Spielaufbau zwischen die beiden weit auseinander geschobenen Innenverteidiger. In die dadurch drohende Lücke im zentral-defensiven Mittelfeld ließ sich meist van der Vaart zurückfallen, um als Schaltstation zur Offensive zu fungieren. Bei Ballverlust zogen sich bis auf Lasogga zunächst alle Hamburger hinter den Ball zurück. Daraus ergab sich eine personelle Überzahl in der Defensive, die das Zentrum geschlossen hielt. Gleichzeitig verschob die Hamburger Mannschaft, wie schon mehrfach unter Zinnbauer gesehen, stark in Richtung des ballnahen Flügels. Insgesamt wurde das Spiel der Wolfsburger durch den HSV auf die Außenbahnen gelenkt.

Offenbar hatte Hecking etwas sehr ähnliches von Seiten des HSV erwartet und seine Mannschaft bestens eingestellt. Der ungemein präsente, lauffreudige de Bruyne, aber auch Aaron Hunt tauchten immer wieder auf den Flügeln auf und sorgten dafür, dass die Wolfsburger zeitweilig die Außenbahnen personell erfolgreich überladen konnten. Dieser Effekt wurde zusätzlich durch sehr schnelle und präzise Spielverlagerungen begünstigt und verstärkt, denn die ballnah stark verschobenen Hamburger benötigten naturgemäß einige Sekunden, um auf die jeweils andere Seite kollektiv zu verschieben und dem Ball zu folgen. Aus beidem, den variablen Laufwegen von de Bruyne und Hunt sowie den zügigen Seitenwechseln der Wolfsburger (oftmals über Gustavo oder Guilavogui), folgte,  dass beide Hamburger Außenverteidiger schnell unter Druck standen und bereits früh mit dem gelben Karton verwarnt wurden (18. Diekmeier; 21. Ostrzolek). Ich fand das schon fast lehrbuchreif, wie die Wolfsburger auf die Spielanlage des HSV reagierten. Respekt. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass der HSV den Gastgebern in der ersten Halbzeit dennoch kaum klare Torchancen ermöglichte.

Ärgerlich fand ich die vielen, schnellen Ballverluste, die dem HSV nach Balleroberung unterliefen. Dafür gab es aus meiner Sicht gleich mehrere Gründe:

1. Die Wolfsburger störten immer wieder bereits den Spielaufbau ihrer Gäste, was zu überhasteten, ungenauen Zuspielen der Hamburger führte;
2. Die dadurch provozierten langen, hohen Bälle aus der Abwehr konnten durch Lasogga kaum festgemacht werden. Zwar kämpfte Hamburgs Sturmspitze gewohnt verbissen, jedoch waren seine Ablagen dieses Mal erschreckend schwach, da entweder falsch temperiert oder viel zu ungenau.
3. Der VfL dominierte dank seiner qualitativen Überlegenheit im defensiven Mittelfeld (s.o.) die Spielfeldmitte. Auch körperlich (1, 87 m, Luiz Gustavo; 1,88 m, Guilavogui) war man dort dem HSV überlegen, was für mich auch ein Grund ist, warum die Gastgeber die klare Mehrzahl der s.g. zweiten Bälle eroberten.

In der 27. Minute kam es zu einem folgenschweren Missverständnis zwischen Behrami und Drobny, was zu einem durch Behrami unnötig verursachten Eckstoß für die Gastgeber führte. Den folgenden Eckball konnten die Hamburger noch aus dem Strafraum befördern, jedoch kam de Bruyne aus ca. 26 Metern und zentraler Position zum Abschluss. Der Schuss hätte wohl das Tor verfehlt, doch Olic erwies sich einmal mehr als reaktionsschnell und gab dem Ball die entscheidende Richtungsänderung zur 1:0-Führung für die Gastgeber.

Der HSV war in Sachen Offensive harmlos. Jansen wirkte auf mich zu steif und technisch limitiert, um sich auf engstem Raum erfolgreich durchsetzen zu können. Holtby mühte sich, konnte aber erneut keine Überraschungsmomente kreieren. Und auch Müller kam nicht zum Zuge, da entweder schon der Spielaufbau des HSV zu lange dauerte, oder den Pässen die Genauigkeit fehlte (s.o. Lasoggas Ablagen).

In der 63. Minute bekam der HSV einen Freistoß am rechten Sechzehner-Eck der Wölfe zugesprochen. Van der Vaarts Freistoß verfing sich in der Mauer und leitete den Konter der Gastgeber ein. Bemerkenswert hier: Behrami konnte ohne Ball den ballführenden de Bruyne nicht einholen. De Bruyne sprintete siebzig Meter über das Feld. Ostrzolek, der sah, dass Behrami nicht an den Ball kommen würde, rückte heraus, um den jungen Belgier zu stellen, doch dieser passte genau im richtigen Moment und präzise auf die andere Seite zu Hunt. Der Ex-Bremer „wackelte“ dann Drobny aus und vollstreckte ins kurze Eck zum 2:0. Beides, Geschwindigkeit, Timing und Präzision de Bruynes einerseits und die Routine Hunts beim Torschuss andererseits, belegt ebenfalls die Qualität des Wolfsburger Personals.

Ich hatte den Eindruck, dass der HSV nach dem 2:0 den Glauben an eine Wende mehrheitlich verloren hatte. Zinnbauer reagierte folgerichtig durch Auswechselungen, ohne dass dies tatsächlich zu Verbesserungen führte. Auch in diesem Zusammenhang lässt sich feststellen, dass der Wolfsburger Kader derzeit als eindeutig stärker einzuschätzen ist. Hecking konnte mit Arnold und Bendtner nachgewiesene Qualität einwechseln, Zinnbauer muss sich meist, ohne dass ich damit den Spielern zu nahe treten möchte, mit Talenten wie bspw. Nafiu oder Green behelfen.

Stieber vergab aus meiner Sicht die vielleicht größte Torchance des HSV (wenn man von den Kopfbällen Westermanns in der 50. und Lasoggas in der 59. Minute absieht), als er nach einem furiosen Lauf Diekmeiers entlang der Außenlinie in der 83. Minute relativ unbedrängt zentral vor dem gegnerischen Strafraum den Ball deutlich über das Tor schoss. Es blieb daher beim ungefährdeten Sieg der Heimmannschaft.

Schiedsrichter: Kircher (Rottenburg). Hatte keine nennenswerten Probleme mit der Leitung der Partie.

Fazit: Zwar kann man, der HSV hat es erst jüngst gegen Leverkusen erneut bewiesen, auch gegen eindeutig favorisierte Gegner punkten, dennoch wird sich im Regelfall der Favorit durchsetzen. So erfreulich die Punkte gegen Bayern, Dortmund, Hoffenheim und Leverkusen auch sein mögen – realistischerweise muss man m.E. zum jetzigen Zeitpunkt immer auch damit rechnen, dass es ggf. heftige Niederlagen setzt. Es dauert, bis sich eine neuformierte Mannschaft wie die der Hamburger endgültig gefunden hat. Es braucht Zeit, bis die taktischen Vorgaben Zinnbauers derart verinnerlicht worden sind, dass sie unter Wettkampfdruck stabil abgerufen werden können. So gesehen  bin ich bei den Spielen gegen grundsätzlich stärker einzuschätzende Mannschaften derzeit noch damit zufrieden, wenn sich der HSV mit einer respektablen Leistung aus der Affäre zieht. Etwaige Punkte aus Begegnungen gegen Favoriten sind für mich Bonus. Die tatsächlich entscheidenden Spiele sind für mich jene, in denen es gegen Gegner geht, die sich in Reichweite der Hamburger befinden, z.B. schon am nächsten Spieltag beim Aufeinandertreffen mit Bremen. Im Übrigen ist dies für mich auch der Grund, warum ich die Niederlage in Berlin besonders ärgerlich fand.

Nach dem elften Spieltag der vorangegangenen Saison hatte der HSV 12 Punkte und ein Torverhältnis von 23:24. Derzeit steht er unverändert bei 9 Punkten und einem Torverhältnis von 4:14. Das zeigt für mich zweierlei:

1. Was die defensive Stabilität betrifft, so scheint man auf dem richtigen Weg. Hier eine deutliche Verbesserung zu erzielen, war nach den abenteuerlich vielen Gegentoren der Vorsaison (75!) zwingend notwendig;
2. Die weniger kassierten Gegentore gehen (noch?) zu Lasten der schon in der abgelaufenen Saison keineswegs überzeugenden offensiven Durchschlagskraft. Nur vier eigene Treffer sind ein besorgniserregend niedriger Wert. Harmloser als der HSV spielt offensiv derzeit keine andere Mannschaft der Liga.

Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Meisterschaften, heißt es. So gesehen verstehe ich, dass Zinnbauer zunächst um eine stabile defensive Grundordnung bemüht ist. Allerdings müsste nun langsam auch das Offensivspiel verbessert werden. Denn die vielen leichtfertigen Ballverluste in der Offensive verhindern nicht nur etwaige Torerfolge, sondern bewirken zudem, dass man die Abwehr nicht ausreichend entlastet. Auch für das Selbstvertrauen der Spieler wäre es hilfreich, wenn man mal zu mehreren, klar herausgespielten Toren käme. Wenn eine Mannschaft nach elf Spielen nur vier eigene Tore erzielen konnte, woher soll der Glauben an eine Wende nach einem Rückstand kommen?

Ich habe versucht, hier die Qualität des VfL herauszuarbeiten. Diese belegt für mich eben einmal mehr, wie sehr der HSV sportlich im Vergleich zur Konkurrenz in Rückstand geraten ist. Machen wir uns nichts vor! Auch wenn ich mit Blick auf den Klassenerhalt unverändert zuversichtlich bleibe – diese Saison, vielleicht gilt dies sogar für die nächste Spielzeit noch weit mehr, wird schwierig. Der HSV hat nicht das Geld, um massiv personell nachzubessern. Man muss eigene Talente gerade im Hinblick auf die Tatsache entwickeln, dass vermutlich am Ende dieser Spielzeit ein Großteil jener etablierten Profis, deren Verträge am Ende der Saison auslaufen, den Verein verlassen werden. Talententwicklung benötigt jedoch Zeit. Bei aller Freude über die Siegesserie der U23 darf nicht übersehen werden, dass Spieler wie Steinmann, Nafiu, Ahmet Arslan etc. nicht nur eine, sondern gleich mehrere Klassen tiefer spielen.

Die Verantwortlichen des HSV sind angesichts  der unverändert prekären finanziellen Lage des Clubs nicht zu beneiden. Der eingeschlagene Weg erscheint weitestgehend alternativlos. Die Überlegenheit der Konkurrenten ist auch Folge systematischer, kontinuierlicher Arbeit ihrer jeweiligen sportlichen Leitung.

Dem HSV und Zinnbauer bleibt zu wünschen, dass man vor allem gegen Gegner „auf Augenhöhe“ bis zur Winterpause die wirklich wichtigen Punkte holt. Der VfL Wolfsburg gehört derzeit nicht dazu.