Mancienne

Anschauungsunterricht vom kleinen Bruder: Hannover 96 – HSV 2:1 (1:0)

Langsam fällt es selbst mir schwer, positiv zu bleiben. Zu ernüchternd war das, was die Mannschaft des Hamburger Sportvereins gestern gegen Hannover 96 bot. Während ich zunehmend konsterniert das Geschehen auf dem Rasen verfolgte, schoss mir durch den Kopf: ohne Herz und Hirn kann man nicht gewinnen! Zu diesem Zeitpunkt stand es noch 1:1. Dann kam Rudnevs und sorgte dafür, dass der HSV am Ende vollkommen verdient verlor. Denn bis dahin hatte der kleine dem großen Bruder Anschauungsunterricht in Sachen Abstiegskampf und Fußball gegeben.

Der HSV begann wie erwartet mit der folgenden Aufstellung:

Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann(17. Ilicevic) – Calhanoglu, Rincon, Arslan (88. John), Jiracek – van der Vaart (46. Maggio) – Zoua

Spielverlauf:
Hannovers Trainer Korkut ließ den ball- und kombinationssicheren Bittencourt neben Ya Konan beginnen. Rudnevs blieb daher zunächst auf der Bank. Für mich eine von mehreren taktischen Maßnahmen beider Trainer, die den Spielverlauf entscheidend beinflussten. Hannover erwischte vom Anpfiff an den besseren Start in die Partie. Bereits in der 2. Minute ließ sich Westermann an der Außenlinie von Stindl den Ball abluchsen. Der folgende Fernschuss von Andreasen verfehlte jedoch das Hamburger Tor. Nur eine Minute später ging aus Hamburger Sicht erneut der Ball auf der Außenbahn verloren. Dieses Mal war es Stindl, dessen Schuss knapp am rechten Pfosten vorbei (3.) ins Toraus ging. Spätestens jetzt hätten die Hamburger hellwach und gewarnt sein müssen! Der HSV aber, vermutlich in dem Bemühen, auswärts abgeklärt und souverän zu agieren, spielte naiv, pomadig und – das schlimmste von allem – hirnlos. Hannover presste zunächst erst im Mittelfeld, dort jedoch konsequent. Einmal mehr trat zu Tage, dass das Zentrum des HSVs spielerische und taktische Defizite aufweist. Die Hamburger versuchten, wie gewohnt über die Außen ihr Spiel nach vorne zu tragen und liefen dort den von Korkut glänzend eingestellten Leinestädtern in die Falle. Immmer wieder gelang es den Gastgebern dort, den Ball durch entschlossenes Zweikampfverhalten und/oder personelle Überzahl zu erobern und schnell umzuschalten. Die beiden eigenen beweglichen Spitzen beschäftigten die Hamburger Innenverteidigung. Da auch das Mittelfeld der Gäste entschlossen nachrückte und sich an den Angriffsbemühungen beteiligte, liefen Rincon und Arslan von Anfang an der Musik hinterher. Der nominell rechts außen aufgebotene Stindl konnte immer wieder und wieder ungestört einrücken und zum Torabschluss kommen. In der 6. Spielminute hätte es eigentlich schon so weit sein müssen: Im defensiven Hamburger Mittelfeld klaffte ein riesiges Loch, durch das die Hannoveraner mit Tempo auf Hamburgs Viererkette zu liefen. Doch Stindls Fernschuss aus zentraler Position (ca. 20m) ging noch knapp am rechten Pfosten vorbei. Ein, wie sich zeigen sollte, letzter Warnschuss, den die Hamburger ebenfalls ignorierten. Drei Minuten später stand wieder Stindl völlig frei. Aus halb linker Position und acht Meter vor dem Gästetor kam er zu einem Kopfball, den er neben dem kurzen Pfosten im Tor unterbrachte. 1:0 für die Hausherrn. Stindl, Stindl, Stindel! Die Hamburger bekamen ihn während der kompletten ersten Spielhälfte überhaupt nicht in den Griff. Er allein hätte, etwas mehr Schussglück vorausgesetzt, den großen HSV schon zur Halbzeit hoffnungslos in Rückstand schießen können.

Kein Spiel des Hamburger Sportvereins ohne Hiobsbotschaften: Da Jansen noch nicht fit ist und daher nicht auf der Bank war, musste der aushilfsweise links verteidigenden Westermann bereits in der 17. Minute verletzungsbedingt ausgetauscht und durch den ebenfalls noch nicht völlig beschwerdefreien Ilicevic ersetzt werden. Jiracek rückte auf der linken Seite eine Position nach hinten und übernahm die Rolle Westermanns.

In der 25. Minute prüfte erneut Stindl Hamburgs Torhüter Adler, der aber zur Ecke klären konnte. Als der folgende Eckstoß in den Strafraum der Hamburger segelte, kam Ya Konan zum Kopfball Richtung langes Eck, doch van der Vaart konnte auf der Linie klären. Sechs Minuten später, in der 31. Spielminute, verlor Ilicevic durch gutes Pressing der Hannoveraner den Ball. Die „96er“ liefen in Überzahl (4 gegen 3) auf das Tor der Hamburger zu. Dieses Mal scheiterte Bittencourt mit seinem Schuss denkbar knapp am  Pfosten des Hamburger Gehäuses. Glück, Glück, Glück aus Sicht der Hamburger! Der HSV wirkte angesichts der erstklassigen taktischen Einstellung des kleinen Brudervereins über weite Strecken der ersten Spielhälfte hilflos und überfordert. Zumal die Gastgeber mit fortschreitender Spielzeit nun ihr Pressing weiter nach vorne verlagerten und schon das Aufbauspiel des HSVs durch entschlossenes Anlaufen der Innenverteidiger störten. Bei Ballbesitz versuchte der HSV daher meist, mit hohen Chip-Bällen Zoua zu erreichen, oder spielte prinzipiell leicht zu verteidigende, hohe und lange Bälle. Gepflegtes Passspiel? Fehlanzeige – Grausam! So blieb es erneut Stindl überlassen, den Schlusspunkt für diese Halbzeit zu setzen. Nach einer schönen Kombination der Hannoveraner über Hamburgs linke Abwehrseite konnte jedoch Adler Stindls Schuss mit Mühe entschärfen. Mancienne klärte dann endgültig.

Fazit zur Pause: Es spielte nur „96“. Van der Vaart war bis auf seine Rettungstat, man muss es dieses Mal so deutlich feststellen, ein Totalausfall. Echte Torchancen für den HSV gab es nicht, dafür eine Vielzahl davon für die Gastgeber. Bei konsequenter Chancennutzung durch die Hannoveraner hätte schon zur Halbzeitpause ein Debakel für die Gäste notiert werden müssen. So aber blieb es zunächst bei einer hochverdienten, jedoch denkbar knappen 1:0-Führung für die Gastgeber.

Slomka nahm den enttäuschenden Hamburger Kapitän zur Halbzeit aus der Partie und brachte Nachwuchsstürmer Maggio. Dieser besetzte nun die Sturmspitze, während Zoua vor allem auf den rechten Flügel auswich. Taktisch entprach das über weite Strecken der zweiten Hälfte einem 4-1-4-1, da wahlweise auch einer der beiden hamburger Sechser die Außenbahn mitunterstützte. Maggio  war kaum auf dem Feld, da hatte er für Hamburgs Offensive bereits mehr bewirkt als van der Vaart zuvor. Er wirkte deutlich schneller, spritziger und entschlossener. So bedrängte er kurz nach Wiederanpfiff Hannovers Linksverteidiger Pander, dem prompt zentral vor dem eigenen Strafraum ein Handspiel unterlief. In den linken Rand der Mauer der „96er“ schmuggelten sich drei Hamburger. Calhanoglu lief zum fälligen Freistoß an, die drei Hamburger machten den Weg frei, und der Ball zappelte neben dem linken Pfosten im Netz der Gastgeber. Ein uralter Freistoßtrick, den die Brasilianer bereits 1974 bei der WM in der damaligen Bundesrepublik  gezeigt haben. Meiner Meinung nach ein klarer Abwehrfehler, an dem der für die Positionierung der Mauer zuständige hannoveraner Torhüter Zieler durchaus mindestens mitbeteiligt war. Das 1:1 in der 47. Spielminute, und der Spielverlauf war vollkommen auf den Kopf gestellt.
In der Folge gelang es dem HSV durch die veränderte taktische Ausrichtung zunächst etwas besser, personelle Unterzahlsituationen vor allem auf den Flügeln zu vermeiden. Dann aber zeigten sich sattsam bekannte Schwächen: Hannover konnte in die Räume hinter die offensive Viererkette der Hamburger stoßen, in der nun ohnehin oft nur ein einziger Sechser stand und sich einer personellen Überzahl ausgesetzt sah. Das war auch deswegen für die Gastgeber einfach, weil die Hamburger – wieder einmal! Wie oft noch?! – vollkommen hirnlos (im Sinne fehlender taktischer und spielerischer Intelligenz) agierten. Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen wurden viel, viel zu groß! Bei Ballgewinn bemühten sich die Offensivspieler nach vorne, während die Defensive nur unzureichend nachschob, um den dahinter liegenden Raum zu verdichten. Zeitweilig, so meine ich es gesehen zu haben, lagen sechzig, siebzig Meter zwischen den Mannschaftsteilen. Das hatte nichts, aber auch rein gar nichts mehr mit der viel zitierten und unerlässlichen Kompaktheit zu tun. Es ist ja gut und schön, wenn man die Außen personell besser besetzt, aber wer dahinter, gerade in einem 4-1-4-1, dem Gegner riesige Räume anbietet, der handelt schon sträflich naiv. Und dann ist noch etwas schärfstens zu kritisieren: Wenn man schon erkennbar einen schlechteren Tag erwischt hat und denkbar glücklich und im Grunde vollkommen unverdient zum Ausgleich kommt, dann muss man zur Not mit einem Punkt zufrieden sein und wenigstens dessen Gewinn sicherstellen! Nicht so aber die aktuelle Mannschaft des Hamburger Sportvereins. Da will man, prinzipiell durchaus lobenswert, unbedingt das Siegtor erzielen und läuft dann naiv in die Konter. So kam, was im Grunde kommen musste: Hannover 96 hatte sich nach ca. einer Viertelstunde besser auf die neue taktische Ausrichtung eingestellt und übernahm wieder zunehmend das Kommando. Ebenfalls zu bemängeln aus hamburger Sicht ist eine Vielzahl an Standards, die man zuließ. Foulspiele, die den Gastgebern Freistöße ermöglichten, sind z.T. auch Indiz dafür, dass man wiederholt einen Schritt zu spät kam, weil eben die Abstände oft gar nicht mehr stimmten. Auch hier bleibt zu resümieren: Zum Glück für den HSV blieben die Standards des Gegners oft ungefährlich. An einem anderen Tag hätte allein diese Unzahl an gegnerischen Standards den Verlust der Partie zur Folgen haben können.
In der 83. Spielminute brachte Korkut Rudnevs für Pander. Eine Maßnahme, die sich schon wenig später auszahlen sollte. Die Hamburger verloren in der Vorwärtsbewegung im Mittelfeld nicht nur den Ball, sondern danach fünf (5!) Zweikämpfe in Folge gegen Andreasen und den bereits oft erwähnten, besten Mann auf dem Platz, Hannovers Kapitän Stindl. Rudnevs Schuss konnte in allerhöchster Not noch von Djourou von der Linie gekratzt werden. Da dies aber unkontrolliert erfolgte, hatte Ya Konan anschließend keine Mühe, zum 2:1 für die Gastgeber abzustauben.
Slomka blieb angesichts der geringen Restspielzeit und der personellen Lage gar nichts anderes mehr übrig und brachte John für Arslan (88.). Die letzten Möglichkeiten gehörten jedoch den Gastgebern. Erst machte Adler eine Doppelchance (89.) zunichte (Schuss von Andreasen, Nachschuss von Ya Konan), dann scheiterte erneut Ya Konan mit einem strammen Schuss aus ca. 17 Metern, den Adler mit Mühe über die Latte lenken konnte (90+1.). Danach erlöste der Schiedsrichter die Hamburger mit dem Schlusspfiff.

Fazit: Ein hochverdienter Sieg des kleineren Bruders, darüber kann es keine geteilten Meinungen geben. Ein Punktgewinn für den großen HSV lag zwar im Bereich des Möglichen und wäre sehr, sehr wichtig gewesen, so aber steht man einmal mehr mit leeren Händen da. Das ist bitter, lässt aber die Defizite schonungslos hervortreten. Hannover war in allen Bereichen überlegen: Entschlossenheit in der Zweikampfführung, mannschaftliche Geschlossenheit, taktische Disziplin und Spielintelligenz. Wenn Calhanoglu nach Abpfiff davon sprach, dass die Mannschaft daraus lernen müsse, dann sei drauf hingewiesen, dass die Zeit abläuft, in der man Grundtugenden noch erlernen kann. Der kleine Bruder hat dem größeren mehr als eine Lektion erteilt. Wenn die Mannschaft des  Hamburger Sportvereins es jetzt nicht begriffen hat, dann steigt sie ab.

4-4-2, 4-2-3-1, 4-2-4-0 oder 4-1-4-1 – taktische Systeme sind, das zeigte auch dieses Spiel, wichtig und ggf. spielentscheidend. Zugleich aber gibt es die klaren Formationen im Grunde oft nur so lange das Spiel ruht, bzw. das Tempo nicht beschleunigt wird. Danach entstehen situativ andere Formationen. Egal in welcher Formation man sich gerade befindet – die Kompaktheit ist das A und O! Wer kompakt bleibt, der hat kürzere Weg zum Ball und bessere Chancen auf personelle Überzahl und Ballgewinne.
Van der Vaart, egal ob das nun wieder eine echte oder taktische Verletzung ist, ähnelt immer mehr einem anderen personellen Missverständnis. Vor Jahren holte man einen Jörg Albertz, der bei seiner ersten Station in Hamburg überzeugt hatte, mit großen Erwartungen zurück. Resultat: „Ali“ Albertz war dem Tempo der Bundesliga nicht mehr gewachsen. „Raffa“ ist nicht vorzuwerfen, dass man ihn in Hamburg fälschlich für einen Spielmacher hielt. Und seine kämpferische Einstellung halte ich für tadellos. Angesichts seiner anhaltenden Formschwäche und seiner läuferischen Unterlegenheit (Geschwindigkeit)  wird er aber zunehmend zum Problem. Jedenfalls dann, wenn er nicht wirklich vollkommen fit ist.
Es fehlen dem HSV vor allem im Defensiven Mittelfeld Spieler, die z.B. auch verbal wachrütteln, organisieren und so sicherstellen, dass in einem derartigen Spiel die Mannnschaft nicht auseinanderfällt. Rincon, Badelj, Arslan – alles tadellose Jungs, aber keiner dabei, der erkennbar Kommandos gibt. Slomka hat durch seine taktische Umstellung dazu beigetragen, dass die zweite Spielhälfte etwas besser lief und ein Debakel verhindert werden konnte. Von einer Bundesliga-Mannschaft muss man aber erwarten dürfen, dass sie irgendwann Grundlektionen verinnerlicht und nicht immer wieder dieselben Kardinalfehler begeht. Auf dem Platz stehen die Spieler, nicht der Trainer!
Zum Glück für den Hamburger Sportverein sind die Ergebnisse der ebenfalls gegen den Abstieg spielenden Konkurrenz einigermaßen glücklich günstig ausgefallen. So bleibt man auf dem Relegationsplatz und hat weiter alle Möglichkeiten, zumindest den Relegationsplatz am Ende zu belegen. Da aber die verbleibenden Spieler immer weniger werden, steigt auch der Erfolgsdruck. Ich bleibe dabei, dass u.a. Slomkas psychologische Arbeit über alle Zweifel erhaben ist und daher sich noch als großes Plus erweisen könnte. Die taktischen und individuellen Defizite der Mannschaft sind personell, z.T. auch durch nachvollziehbare Reifungsprozesse, bedingt. Slomka ist ja inzwischen der dritte Trainer in dieser Saison, der sich damit konfrontiert sieht und dies abzustellen versucht. Die Mannschaft ist nun gefordert, nachzuweisen, dass sie tatsächlich die Lektion gelernt hat. Viele Chancen bleiben ihr nicht mehr.

Schiedsrichter: Hartmann (Wangen). Übersah, dass Rudnevs knapp im Abseits stand. Der Siegtreffer für die „96er“ hätte also gar nicht fallen dürfen. Dennoch sollte man als Hamburger keinesfalls die Schiedsrichterleistung als Grund für eine grundsätzlich mehr als verdiente Niederlage anführen.

DAS RESTPROGRAMM

13. Hannover 96 (32 Pkt; -17):
Eintracht Frankfurt (A)
VfB Stuttgart (H)
1. FC Nürnberg (A)
SC Freiburg (H)

14. SC Freiburg  (32 Pkt; -17):
Borussia M’Gladbach (H)
VfL Wolfsburg (A)
FC Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)

15. VfB Stuttgart (28 Pkt; -13):
Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -16):
VfL Wolfburg (H)
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -23)
Bayer Leverkusen (H)
1. FSV Mainz 05 (A)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -24):
Bayern München (H)
Hertha BSC (A)
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)

Totgesagte leben länger! HSV – Bayer 04 Leverkusen 2:1 (1:0)

+++ Aktualisierung: Leverkusen entlässt Hyypiä. Nachfolger ist Sascha Lewandowski +++

Was für ein Spiel, welch ein Spektakel! Der von Vielen schon als sicherer Absteiger abgeschriebene HSV erkämpft sich drei ganz wichtige Punkte gegen den Favoriten aus Leverkusen. Wann hat man zuletzt ein Spiel mit Hamburger Beteiligung gesehen, das so reich an Höhepunkten war, und in dem am Ende der HSV den Platz als Sieger verließ?! Ich kann mich gerade nicht erinnern. Bis es aber soweit war, glich das Spiel einer einzigen emotionalen Achterbahnfahrt: Hoffen, Jubel, Entsetzen, Bangen und Erlösung – das volle Programm, würde Dittsche sagen.

Der HSV begann in der von mir prognostizierten Aufstellung, während Hyypiä diverse Wechsel in der Startformation vornahm. So kam u.a. Julian Brandt auf dem rechten Flügel zum Einsatz.

Aufstellung: Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann – Calhanoglu, Arslan, Badelj (33. Rincon), Jiracek – van der Vaart (68. Tesche) – Zoua (77. Maggio)

Spielverlauf: Der HSV begann die Partie furios. Es war zu spüren, dass die Mannschaft von Beginn an um ihre „letzte“ Chance kämpfte. Da wurde gerannt, gekämpft und sich gegenseitig geholfen, als gäbe es kein morgen. Das von mir erwartete, starke Offensivpressing der Gäste auf unsere Innenverteidigung im Spielaufbau fand zunächst kaum statt. Offenbar hatte auch hier Hyypiä seiner Mannschaft eine andere taktische Marschroute ausgegeben.
Bereits in der 4. Minute kam es zur Führung des HSVs. Kapitän van der Vaart, der in der ersten Spielhälfte als leidenschaftlich kämpfendes Vorbild voranging, legte einen Ball auf Calhanoglu ab. Hakan, der immer mehr zum absoluten Leistungsträger wird, fackelte nicht lange und schoss knallhart flach ins linke untere Eck des Gästetores. 1:0 für den HSV – ein Auftakt nach Maß!
Drei Minuten später trat Adler erstmals in Erscheinung. Er konnte gerade noch einen Schuss aus zentraler Position der Leverkusener parieren. Gut, dass wir diesen Mann im Kasten haben, dachte ich mir..
In der 20. Minute setzte dann der aufgerückte Mancienne(!) für den HSV einen Fallrückzieher knapp neben das Gehäuse der Gäste, während auf der anderen Seite Kießling, am linken Eck des Fünfmeter-Raumes stehend, den Ball am langen Pfosten vorbei schoss (22.). Nicht anders erging es Westermann (29.), der, nach einer Freistoßflanke von Calhanoglu, den Ball aus ca. fünf Metern links am Tor von Bayer vorbei beförderte. Was für Chancen hüben wie drüben! Zwischen den Chancen kämpften die Hamburger leidenschaftlich um jeden Ball und jeden Meter. Ich sah das mit einer Mischung aus Stolz und Sorge. Stolz, weil die Mannschaft ganz offensichtlich gewillt war, alle Unkenrufer Lügen zu strafen. Und Sorge, weil ich mir dachte: wenn das heute wieder nicht belohnt wird, dann könnte das mental der Genickbruch für die Truppe sein.
Dann kam Teil Eins dessen, was in dieser Seuchensaison des Hamburger Sportvereins wohl kommen muss: Badelj verletzte sich die Oberschenkelmuskulatur bei einem Torschussversuch und musste in der 33. Minute vom Feld. Für ihn kam „der General“ Rincon, die personifizierte „Kampfsau“ beim HSV.
In der 35. Minute kam der Ex-Hamburger und heutige Leverkusener Son aus fünf Metern zum Kopfball, aber Adler parierte einmal mehr überragend.
Die erste Hälfte endete in der Nachspielzeit mit gleich zwei Torgelegenheiten für den HSV. Erst schoss Calhanoglu mit Vollspann eine Bogenlampe auf das Tor der Gäste, die von Leno gerade noch über die Latte gelenkt werden konnte (45+1.), dann verpasste Jiracek denkbar knapp einen Ball, den der Gästetorwart abprallen ließ (45+2.). Kurz vor der Pause lag Zoua am Boden. Er hatte sich, so sah es jedenfalls aus, im Zweikampf eine Schienbeinprellung zugezogen. Beim Betrachten der Bilder schwante mir Übles, doch Zoua kam zur zweiten Hälfte zurück und konnte die Partie zunächst fortsetzen.

In der zweiten Spielhälfte war es erneut Calhanoglu, der aus halbrechter Position mit einem sehenswerten Schuss (54.) das lange obere Eck des Leverkusener Tores anvisierte. Aber auch hier war Leno auf dem Posten. Schade!
Nur eine Minute später trennte der Leverkusener Can im eigenen Strafraum Zoua mit äußerst robustem Körpereinsatz (55.) gerade noch vom Ball. Das hätte einen Strafstoß für den HSV geben können, gab es aber nicht. Angesichts der anderen, vom Schiedsrichter zugunsten des HSVs entschiedenen Strafraumszenen, sollte man sich aber aus Hamburger Sicht keinesfalls über diese Entscheidung beschweren…
Es kam die 58. Spielminute: der junge Julian Brandt nahm sein Herz in beide Hände und schoss aus 16 bis 17 Metern auf das Tor der Hamburger. Der Ball kam fast genau „auf den Mann“ und alles sah danach aus, als würde Adler den Ball mühelos fangen können. Weit gefehlt, leider! Der Ball sprang Adler aus den Armen, rotierte über dessen linken Unterarm und kullerte nebem dem linken Pfosten ins Tor der Hausherrn. 1:1  – ein klarer, eklatanter Torwartfehler. Darüber kann es keine Diskussion geben! Ich dachte sofort an das Braunschweig-Spiel und schickte umgehend eine SMS an den Fußballgott. Inhalt: Bitte erspare uns, dass uns ausgerechnet ein Fehler des ansonsten famosen Adlers am Ende die Punkte kostet!

Dann kam die nächste Hiobsbotschaft aus Sicht des HSVs: van der Vaart musste in der 68. Minute mit muskulären Problemen angeschlagen aus dem Spiel genommen werden. Es kam „Fußball-Gott“ Robert Tesche. Wer hätte vor wenigen Wochen noch gedacht, dass man sich als Hamburger noch glücklich schätzen würde, dass wir mit Tesche noch einen gestandenen Bundesligaprofi auf der Bank haben?

In der Folge übernahm eindeutig Bayer 04 das Kommando. Der unerwartete Ausgleich und die Umstellung hatten Spuren hinterlassen. Die Gäste drückten nun mit Macht auf den nächsten Treffer, während die Hamburger kaum noch Zugriff auf das Spiel, vor allem im Mittelfeld, bekamen. Plötzlich sah man nun auch das Offensivpressing der Leverkusener. Die Folge: Die Bälle wurden vom HSV mit Befreiungsschlägen einfach aus dem eigenen Strafraum herausgeschlagen, bzw. zu ungenau bei Konterversuchen hergeschenkt und kamen postwendend zurück. Das sah gar nicht gut aus, wenn man es mit dem Hamburger Sportverein hält, denn die Ordnung ging streckenweise verloren. Es wirkte so, als wäre der Führungstreffer für Leverkusen nur eine Frage der Zeit. An dieser Stelle ist aber nicht nur der bedingungslose Einsatz der gesamten Truppe zu loben, sondern auf zwei Dinge hinzuweisen:

1. Die hamburger Defensivspieler, allen voran beide Innenverteidiger, aber auch die beiden Sechser (Arslan!), antizipierten über weite Strecken des Spiels großartig die Anspielversuche der Leverkusener. So konnte Vieles schon im Ansatz entschärft werden. Bravo!;
2. Adler zeigte sich vollkommen unbeeindruckt von seinem schweren Fehler und setzte das Spiel fort, als wäre nichts geschehen. Er hielt, was zu halten war. Das ist mentale Stärke, das war einfach großartig!

Und weil es wohl dieses Jahr nicht genug Hiobsbotschaften aus Sicht des Hamburger Sportvereins geben kann, musste der bereits angeschlagene Zoua in der 77. Minute ebenfalls vom Feld und wurde vom U23-Stürmer Maggio ersetzt. Maggio konnte kaum wirkliche Akzente setzen, aber man sah sofort, dass er mindestens in Sachen Sprintgeschwindigkeit wettbewerbsfähig ist.
In der 78. Minute verpassten sowohl Maggio als auch Jiracek eine scharfe Hereingabe von Calhanoglu denkbar knapp vor dem Gehäuse der Gäste. Hyypiä ging nun angesichts der verbleibenden Spielzeit volles Risiko und brachte mit Derdiyok für Lars Bender (MIT) einen weiteren Stürmer. Und dann, als Hamburger glaubt man es ja kaum noch, hatte der Fußballgott ein Einsehen: Rincon schalltete schnell und richtig und passte zu dem aufgerückten Diekmeier auf den rechten Flügel. Dessen Hereingabe nahm, wer hätte das gedacht?!, ausgerechnet Westermann volley und drosch das Leder humorlos ins linke obere Eck. Leno war da vollkommen chancenlos. 2:1 für den HSV! Natürlich habe ich mich für die gesamte Mannschaft gefreut, aber das gerade dem oft zu unrecht gescholtenen Westermann dieser sehenswerte und unerhört wichtige Treffer gelang – das hat mich ganz besonders berührt…
In der Nachspielzeit (92.) wäre um ein Haar der erneute Ausgleich gefallen. Aber Adler konnte mit den Beinen einen Schussversuch Cans aus kürzester Distanz parieren. Welch ein Herzschlagfinale! So aber blieb es beim Sieg des Hamburger Sportvereins. Der Rest war kollektiver Jubel.

Fazit: Der HSV sendet ein kräftiges Lebenszeichen an die Konkurrenz. Der Sieg erscheint keineswegs völlig unverdient, wenn man an die diversen Ausfälle, die prekäre Ausgangslage und die grandiose kämpferische Leistung der Mannschaft denkt. Allerdings hatte die Truppe dieses Mal das nötige Glück auf ihrer Seite. Ich fühle mich in meiner Annahme (s.h. Vorschau zum Spiel) bestätigt, dass die vergangenen, relativ erfolglosen Wochen Spuren bei den Leverkusenern hinterlassen hatten. Die Mannschaft wirkte gerade zu Beginn der Partie nicht so sicher, wie man das eigentlich gewohnt ist. Ein Indiz dafür scheint mir auch zu sein, dass man nicht so aggressiv presste, wie man das schon von Bayer 04 gesehen hat. Der HSV springt zunächst auf Platz 15 auf Platz 16. Unabhängig vom Ausgang der Spiele der anderen, vom Abstieg gleichfalls bedrohten Mannschaften, erzeugt dies also Druck auf die Konkurrenz. Außerdem zeigte sich einmal mehr, hoffentlich auch so manchem Betrachter…!, dass auf Hamburger Seite keineswegs seelenlose, desinteressierte Söldner am Werk sind, sondern eine Mannschaft, die absolut gewillt ist, dem Verein die Schmach eines Abstiegs zu ersparen. Gelingt es nun, auswärts in Hannover nachzulegen, dann hält man alle Karten wieder selbst in der Hand. Aber auch wenn dies nicht gelingen sollte, zeigt sich erneut, dass man immer eine Chance auf weitere Siege hat, wenn man an sich glaubt und seine Hausaufgaben erledigt. Totgesagte leben bekanntlich länger – glauben wir dran!

Schiedsrichter: Dankert (Rostock). Hätte mindestens dreimal auf Elfmeter entscheiden können, wenn nicht gar müssen (Handspiel Djourou; Foul von Can an Zoua 55. Minute; Foul an Son in 73. Minute).  Wer sich als Hamburger gerne vom Schiedsrichter benachteiligt sieht – mit wesentlichen Entscheidungen Dankerts hat der HSV dieses Mal eindeutig Glück gehabt.

 

 

DAS RESTPROGRAMM


13. Hannover 96 (29 Pkt; -18):

Hamburger SV (H)
Eintracht Frankfurt (A)
VfB Stuttgart (H)
1. FC Nürnberg (A)
SC Freiburg (H)

14. SC Freiburg  (29 Pkt; -19):
Eintracht Braunschweig (H)
Borussia M’Gladbach (H)
VfL Wolfsburg (A)
FC Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)

15. VfB Stuttgart (27 Pkt; -13):
Borussia M’Gladbach (A)
Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -15):
Hannover 96 (A)
VfL Wolfburg (H)
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -20)
VfL Wolfsburg (A)
Bayer Leverkusen (H)
1. FSV Mainz 05 (A)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -22):
SC Freiburg (A)
Bayern München (H)
Hertha BSC (A)
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)