Müller

Es bleibt noch viel zu tun: FC Energie Cottbus – HSV 1:4 i.E.

Die Fußballweltmeisterschaft ist schon wieder nur eine schöne Erinnerung. Nach der vermutlich längsten Saisonvorbereitung der Vereinsgeschichte und der Verpflichtung von vier neuen Spielern (Matthias Ostrzolek, Valon Behrami, Nicolai Müller, Zoltán Stieber) durfte man gespannt sein, wie sich die Mannschaft des Hamburger Sportvereins in ihrem ersten Pflichtspiel präsentieren würde.

Die vorangegangenen Auftritte gegen Wolfsburg, M’Gladbach und Lazio Rom waren aus meiner Sicht Muster (fast) ohne Wert, da Trainer bei Testspielen gewöhnlich viel experimentieren, was sich regelmäßig u.a. in zahlreichen Personalwechseln widerspiegelt. Wer und wie lange jemand in diesen Tests zum Einsatz kommt, das ist nicht zuletzt auch eine Frage der körperlichen Verfassung zum Zeitpunkt „X“ und lässt nur sehr bedingt Rückschlüsse auf die spätere Stammformation in den Pflichtspielen zu. Einer von mehreren Gründen, warum ich in den letzten Wochen diese Spiele hier nicht kommentiert habe. Erkennbar war m.E. jedoch, dass die Mannschaft diese Spielzeit körperlich in einer anderen, besseren Verfassung bestreiten wird, was angesichts von gleich drei Trainingslagern allerdings auch nicht überraschen konnte.

In den Tests war gelegentlich auch schon zu erahnen, dass die Verantwortlichen mehr Tempo in das Spiel der Mannschaft bringen woll(t)en. Gerade die drei Neuzugänge, Ostrzolek, Stieber und Müller müssen in diesem Zusammenhang genannt werden. Zudem erhöht sich durch ihre Verpflichtung der Konkurrenzdruck im Kader, was ich nur begrüßen kann. Linksverteidiger Ostrzolek wird Druck auf Jansen und Jiracek ausüben, Müller wird hoffentlich im ROM den leider dauerverletzten Beister adäquat ersetzen (was die Einsatzchancen für Zoua nicht gerade verbessern dürfte), und mit dem nominellen Linksaußen Stieber (alternativ: Jansen) im Nacken muss nun auch Ilicevic endlich „liefern“. In das defensive Mittelfeld soll Valon Behrami jene Qualitäten einbringen, die dort nicht erst seit letzter Saison viel zu oft schmerzlich vermisst wurden: Führungsqualitäten, klare Pässe und kompromissloses Zweikampfverhalten. Schaut man sich die personellen Alternativen und die Restvertragslaufzeiten an, dann ist m.E. zu erwarten, dass noch der eine oder andere bisherige Stammspieler abgegeben werden wird. Mich würde jedenfalls ein Abgang von Badelj, Jiracek oder Jansen nicht überraschen.

Neben Beister und Rajkovic dürfte wohl Kacar der zur Zeit größte Pechvogel sein. Schien es lange Zeit, als sei er neben Djourou als zweiter Innenverteidiger so gut wie gesetzt und hätte Westermann erfolgreich verdrängt, so wird man nach seiner Verletzung endgültig einen weiteren, neuen Innenverteidiger holen. Das dürfte auch die zukünftige sportliche Perspektive Westermanns beim HSV erheblich beeinflussen. Wenn der Anschein nicht trügt, so könnten auch hier die Zeichen auf Abschied stehen. Ich schätze Charakter und Polyvalenz von HW4, glaube aber derzeit, dass dieses Kapitel spätestens mit Ablauf seines Vertrages im nächsten Sommer geschlossen wird.

Für das gestrige Pokalspiel standen Mirko Slomka jedenfalls weder Kacar, Stieber oder Müller zur Verfügung.  Von den Neuverpflichtungen schaffte es einzig Behrami in die Startelf. Ostrzolek, obwohl fit, hatte nur wenige Trainingseinheiten zusammen mit der Mannschaft absolviert, sodass er lediglich als Ersatzspieler auf dem Spielberichtsbogen auftauchte. Slomka vertraute also folgender Aufstellung: Adler – Diekmeier, Djourou, Westermann, Jiracek (46. Lasogga) – Badelj (61. Arslan), Behrami, Ilicevic (115. Zoua), van der Vaart, Jansen – Rudnevs

Spiel: Der HSV begann die Partie in dem bekannten  4-2-3-1 mit Rudnevs als einziger Spitze.

In die defensive Viererkette rückte nach der Verletzung Kacars, dem Abgang von Mancienne und Sobiech und dem fortdauernden Ausfall von Rajkovic fast zwangsläufig Westermann als zweiter Innenverteidiger neben Djourou. Hier galt also: Business as usual…

Ilicevic bespielte ungewohnterweise die rechte offensive Außenbahn. Dies war vermutlich der Tatsache geschuldet, dass Beister-Ersatz Nicolai Müller noch mit Adduktorenproblemen ausfiel. Die linke offensive Außenbahn bespielte Jansen, dem wiederum Jiracek als Linksverteidiger den Rücken frei halten sollte. Ich gebe zu, mich hat diese Aufstellung zunächst doch ein wenig überrascht, da ich Ilicevic, obwohl er Rechtsfuß ist,  auf der rechten (statt der linken) Außenbahn schwächer sehe. Slomka wird wohl, so vermute ich, nicht zuletzt hier die Geschwindigkeit favorisiert haben, was angesichts der Ausfälle auf dieser Seite für Ilicevic (und bspw. gegen Zoua) gesprochen haben dürfte. Mit dem durchaus eingespielten Gespann Jiracek/Jansen sollte zudem wohl auch das kämpferische Element gestärkt werden. Dies wäre m.E. eine im Vorfeld einer auswärts ausgetragenen Pokalpartie plausible Begründung für diese Personalauswahl.

Die beiden Sechser, Behrami und Badelj, schoben bei eigenem Ballbesitz relativ weit auseinander, wodurch das eigene Spiel vermutlich einerseits mehr Breite erhalten sollte, andererseits auf dem ballnahen Flügel eine weitere, zusätzliche Anspielstation/Absicherung erzeugt werden sollte. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass Behrami grundsätzlich etwas häufiger als Badelj zentraler positioniert blieb, was man wohl auch als Fingerzeig für die zukünftige Führungsrolle des Schweizers werten könnte, die man sich von Seiten der Verantwortlichen von ihm allem Anschein nach verspricht.

Der HSV begann die Partie konzentriert, entwickelte jedoch enttäuschend wenig Ideen im Spielaufbau. Auch das für die kommende Saison favorisierte schnelle Umschaltspiel war kaum zu sehen. Immer wieder verfing man sich in der vielbeinigen Defensive der clever und engagiert verteidigenden Cottbusser.

In der 10. Spielminute wollte Westermann per Kopf auf Adler zurücklegen, doch der Ball geriet deutlich zu kurz. Jiracek sah vermutlich Adler aus seinem Gehäuse kommen und wollte den einlaufenden Cottbusser Angreifer wohl nur blocken. Adler kam jedoch zu spät an den Ball und rammte zuerst den Cottbusser Spieler (statt den Ball zu spielen). Der Angreifer ging zu Boden, und Schiedsrichter Kinhöfer zeigte folgerichtig auf den Punkt. Zeitz verwandelte den folgenden Strafstoß sicher. Das 1:0 für die Gastgeber, und der HSV durfte mal wieder einem Rückstand hinterherlaufen. Wie bereits geschrieben: Business as usual.

Aus meiner Sicht blieb dies leider nicht die einzige Unsicherheit Adlers, denn im weiteren Verlauf zeigte er auch zweimal haarsträubende Pässe bei der Spieleröffnung (mit dem Fuß), die beide direkt und problemlos vom Gegner abgefangen werden konnten. Hatte ich bei den vorangegangenen Testspielen noch die Hoffnung, er hätte zur Glanzform früherer Tage zurückgefunden, so war dies ein klarer Rückschritt. Daran können auch zwei später von ihm gehaltene Elfmeter nichts ändern, zumal mindestens der erste ganz, ganz schwach geschossen wurde.

Zur Pause reagierte Slomka und wechselte vom offensiv fast völlig wirkungslosen  4-2-3-1 auf ein 4-4-1-1 (mit flacher vier). Jansen gab nun wie gewohnt den Linksverteidiger für den ausgewechselten Jiracek; Ilicevic kehrte auf seine angestammte linke offensive Außenbahn zurück, während Rudnevs die nun verwaiste offensive rechte Planstelle besetzte. Ganz vorne, wie gehabt, spielte nun Lasogga vor dem leicht dahinter und um ihn herumspielenden van der Vaart. Der HSV kam zwar nach Wiederanpfiff etwas besser ins Spiel, ohne jedoch den ganz großen Druck auf das gegnerische Gehäuse erzeugen zu können. Es konnte daher nicht überraschen, dass HSV-Trainer Slomka in der 61. Spielminute den wenig überzeugend aufspielenden Badelj durch den offensiveren Arslan ersetzte. Arslan, da ich ihn ja häufig kritisiert habe, will ich das hier ausdrücklich festhalten, zeigte eine wirklich starke Leistung. Für mich zeigte er neben Djourou und van der Vaart die beste Leistung auf Seiten der Hamburger. Er war erkennbar darum bemüht, mit klugen raumöffnenden oder -nutzenden Pässen seine Mitspieler in Szene zu setzen, oder durch eigene Aktionen defensiv und offensiv Akzente zu setzen. Das hat mir wirklich  gefallen!

Der HSV spielte nun zunächst deutlich überlegen und kam folgerichtig zum verdienten Ausgleichstreffer. In der 70. Minute trat der ebenfalls deutlich formverbesserte van der Vaart einen guten Eckstoß. Westermann köpfte den Ball unhaltbar für Müller im Tor der Lausitzer ins Netz. Das 1:1.

Drei Minuten später hatte der HSV sogar die Chance zur Führung. Nach erneut starkem Pass von Arslan konnte Lasogga jedoch den Ball nicht über den Torwart lupfen. Die Nachschusschance für Ilicevic ist ob des dann doch arg spitz gewordenen Winkels m.E. nur ein Fall für die Statistik.

Eindeutige, weitere Torchancen waren nicht zu verzeichnen, sodass die Partie in die Verlängerung ging.

In der 96. Minute unterstrich van der Vaart seine gute Frühform und schoss sehenswert einen direkten Freistoß aus halbrechter Position über die Mauer der Gastgeber ins Netz. Die 1:2-Führung für den HSV.

Die Hamburger versäumten es nun, den sprichwörtlichen Sack zuzumachen. Statt weiter konsequent offensiv Druck auszuüben zog man sich unverständlicherweise zu sehr zurück. Eigene Unsicherheiten bei der Ballannahme und -verarbeitung (Behrami!) taten ein Übriges. So kamen die Lausitzer zunehmend stärker auf. Verdienter Lohn ihrer Bemühungen und Ausdruck einer durchaus starken Leistung (für einen Drittligisten mit fast vollständig neuer Mannschaft) war der erneute Ausgleich in der 105. Minute. Hier ließ sich praktisch die gesamte Hamburger Abwehr  (Djourou, Diekmeier und Westermann) düpieren.

Kurz vor Ablauf der Verlängerung brachte Slomka noch Zoua für Ilicevic. Zoua nahm  wie gewohnt den Platz auf der rechten offensiven Außenbahn ein, während Rudnevs nun auf die Ilicevic-Position auf dem linken Flügel rückte. Dieser Wechsel wirkte sich aber nicht mehr spielentscheidend aus. Es blieb also beim 2:2.

Nach Ablauf der Verlängerung musste daher das Elfmeterschießen über Ausscheiden oder Weiterkommen entscheiden. Hamburgs Schützen, van der Vaart, Djourou, Jansen und Rudnevs, verwandelten alle absolut sicher. Schon der erste Schütze der Cottbusser jedoch, Pawela, scheiterte mit einem äußerst schwach geschossenen Elfmeter an Adler. Den musste ein Bundesligatorhüter m.E. halten, daher kein Sonderlob für Adler an dieser Stelle. Beim insgesamt dritten Elfmeter für die Gastgeber (von Michel) ahnte Adler erneut die richtige Ecke und hatte zudem das Glück, dass der Cottbusser Michel den Ball halbhoch und damit dankbar für jeden Torhüter schoss.

Schiedsrichter: Thorsten Kinhöfer (Herne). Ohne größere Fehler.

Fazit: Der HSV setzte sich am Ende nach keineswegs überzeugender Leistung im Elfmeterschießen durch und zieht in die nächste Runde des DFB-Pokals ein. Kompliment an den Trainer des FC Energie, Krämer, und seine Mannschaft für eine starke Leistung.

Für HSV-Trainer Mirko Slomka bleibt viel zu tun. Nach wie vor ist das Aufbauspiel stark verbesserungswürdig. Jiracek wird es schwer haben, ins Team zu finden, sobald sich Ostrzolek mit der Mannschaft eingespielt hat, sofern Jansen beim HSV bleibt.

Westermann wie gehabt mit Licht und Schatten. Behrami ist in dieser Verfassung noch nicht überzeugend, obgleich man seine Qualitäten durchaus des Öfteren aufblitzen sieht.

Rudnevs zeigte auf beiden Außenbahnen  eine ansprechende Leistung und scheint für Slomka hinter Nicolai Müller hier die erste Alternative zu sein.  Die Einsatzchancen für Zoua dürften daher, Stand gestern, überschaubar sein.

Bei Stieber, auch wenn er gestern gar nicht spielte, schien mir bei seinen bisherigen Einsätzen noch die Bindung zur Mannschaft zu fehlen.

Selbst mit einem Lasogga, der verletzungsbedingt noch nicht in Topform sein konnte, erhielt das Angriffsspiel des HSVs sofort eine andere Qualität. Anders formuliert: es fehlt bisher unverändert eine wirklich überzeugende Alternative. Allerdings könnte sich die gesamte Spielanlage des Hamburger Sportvereins entscheidend verändern, sobald man die schnellen neuen Leute erfolgreich integriert hat, sodass dann auch ein Rudnevs besser zur Geltung kommen könnte.

Man wird abwarten müssen, ob und wie sich der Kader bis zum Ablauf der Transferperiode verändern wird. Auch wird man den Neuen einige Wochen einräumen müssen, bis sie endgültig ins Team integriert sind. Auch wenn  spielerisch/taktisch und personell noch diverse Baustellen vorhanden sind, so gehe ich davon aus, dass sich vor allem Ostrzolek, Behrami und Müller als tatsächliche Verstärkungen erweisen werden. Entscheidend wird m.E. sein, dass man zu Saisonbeginn einige Erfolgserlebnisse sammelt, damit dieser Integrationsprozess einigermaßen störungsfrei vollzogen werden kann und man nicht frühzeitig unter (medialen) Druck gerät. Sollte dies gelingen, dann halte ich am Ende eine Platzierung rund um den zehnten Platz herum für durchaus möglich. Für eine deutlich bessere Platzierung werden weitere Umbauten im Kader, also weitere Transferperioden notwendig sein. Demut, Geduld und Realismus bleiben also aus hamburger Sicht unverändert gefragt. Selbst in dem Fall, dass der Saisonstart überraschend positiv verlaufen sollte.

Nach einer taktisch reifen Leistung im Achtelfinale: USA – Deutschland 0:1 (0:0)

Ich gebe zu, ich bin nicht gerade davon begeistert, dass Jogi Löw in den bisherigen Spielen eine defensive Viererkette mit gleich vier gelernten Innenverteidigern aufgeboten hat. Es entspricht einfach nicht meiner Vorstellung vom modernen Fußball. Ich respektiere die Entscheidung Löws, zumal ihm der bisherige Erfolg recht zu geben scheint, aber mir ist es grundsätzlich lieber, wenn eine Mannschaft mit gelernten (auch offensiv starken) Außenverteidigern antritt. Löw argumentierte, dass die umfunktionierten Innenverteidiger aufgrund ihrer Stammposition im Verein eher darauf achten würden, dass das Zentrum geschlossen bleibt. Dieser Gedanke ist zweifellos nachvollziehbar, jedoch bin ich der Meinung, dass hier zugunsten des geschlossenen Zentrums offensives Potenzial geopfert wird. Ich aber sehe gerne offensiven Fußball, auch wenn ich mich an einer taktisch disziplinierten Defensive durchaus erfreuen kann. Allerdings weiß ich aus eigener Erfahrung, dass Turniere kaum Fehler verzeihen, sofern man am Ende erfolgreich sein möchte. Und mir ist natürlich bewusst, dass nicht ich sondern Löw den Kopf hinhalten muss, wenn die Mannschaft nicht die Erwartungen erfüllt. Insofern gilt in diesem Zusammenang für mich: Verständnis ja, Begeisterung nein.

Eher schon kann ich mich mit der s.g. Falschen Neun anfreunden, zumal wenn sie so hervorragend interpretiert wird, wie dies Müller im ersten Gruppenspiel gegen Portugal gelang. Aber auch hier ist es so, dass mir ein klassischer Stürmer lieber wäre. Allerdings nicht jeder. Ein Kießling, gewiss ein überdurchschnittlich treffsicherer, überdurchschnittlicher Stürmer, ist m.E. zurecht nicht nominiert worden. Dies ist in meinen Augen auch keine Kritik an seiner generellen Qualität, sondern eine Entscheidung für eine bestimmte Spielphilosophie, in die er nicht hineinpasst. Kießling ist schnell und unbestreitbar abschlussstark. Qualitäten, die ihn für ein Konterspiel Leverkusener Prägung prädestinieren. Die Nationalmannschaft (unter Löw) spielt jedoch einen anderen Fußball. Der ist m.E. näher am Ballbesitzfußball van Gaals (zu Bayern-Zeiten) oder an dem Fußball Guardiolas orientiert, in welchem polyvalente Spieler tendenziell jede Position je nach Erfordernis (aufgrund der Spielsituation) bespielen müssen, was in der Konsequenz mindestens die Aufweichung fester Rollenzuteilungen zur Folge hat. In beiden Philosophien aber braucht man pass- und spielstarke „Stürmer“. Und genau hier liegen die Vorzüge des von Löw nominierten Offensivpersonals und die Nachteile z.B. eines Kießlings. Dennoch wäre mir ein klarer Stürmer lieber, schrieb ich. Und damit meine ich einen wie Klose. Leider, und darin liegt bei dieser WM die Krux, ist der gute Miroslav inzwischen bekanntlich nicht mehr der Jüngste. Daher reicht es wohl einfach nicht für volle neunzig Minuten (mehrfach hintereinander). Aber wäre Klose noch jünger, er wäre bei mir fast gesetzt. Denn er ist ball- und passsicher und ausgesprochen mannschaftsdienlich. Und dennoch besitzt er die klassischen Stürmertugenden: Er hat das Näschen für die Torgefahr, ist nervenstark im Abschluss, kann mit dem Rücken zum Tor den Ball behaupten und ist zudem kopfballstark, also jederzeit ein ernstzunehmender Abnehmer für hohe Bälle von außen. Womit sich der Kreis zu meiner oben angesprochenen Vorliebe für gelernte Außenverteidiger in gewisser Weise schließt. Zudem ist gerade bei dieser WM zu beobachten, dass viele Tore aus Standards erzielt werden. Was mich wiederum schlussfolgern lässt, dass hohe Bälle (und damit die Verwerter derselben) auch im modernen Fußball weiterhin von Bedeutung sind (und bleiben).

Löw steht in meinen Augen bei dieser WM vor der Herausforderung, dass der Fußball, den er wohl grundsätzlich favorisiert, schon aufgrund der klimatischen Bedingungen zu kräfteraubend erscheint, will man ihn über mehrere Partien in relativ kurzer Zeit (wie bei einem Turnier üblich) zeigen. Dazu gesellen sich die Tatsache, dass die reguläre Saison für die Spitzenspieler außerordentlich lang und kräfteraubend ist und der Umstand, dass die Deutsche Elf bereits mit einigen angeschlagenen, bzw. nicht völlig ausgeruhten (Lahm) und topfitten Spielern (Khedira, Schweinsteiger) anreiste, was ein Job-Sharing vor allem im Defensiven Mittelfeld nahelegt.

Sei es, wie es sei – Löw wählte gegen die kampfstarken USA die folgende Aufstellung: Neuer – Boateng, Mertesacker, Hummels, Höwedes –  Lahm, Schweinsteiger (76. Götze), Kroos, Özil (89. Schürrle), Podolski (46. Klose) – Müller

Spielverlauf: die Deutsche Elf kam gut in das Spiel. Das lag auch daran, dass sich die von Jürgen Klinsmann gecoachten USA zunächst auf die Defensive und hier auf das Blockieren möglicher Passwege für Deutschland beschränkten. Nominell in einem 4-2-3-1 agierend, waren die Nordamerikaner erkennbar um Kompaktheit bemüht und wollten ganz offensichtlich über Konter (Neu-Fußballdeutsch: schnelles Umschaltspiel) ihrerseits zu einem Torerfolg kommen. Mit anderen  Worten: sie überließen über weite Strecken der erste Spielhälfte der deutschen Nationalmannschaft einen Großteil des Feldes und die alleinige Spielgestaltung.

Die deutsche Abwehr stand demzufolge meist sehr hoch (fast an der Mittellinie). Sehr schnell wurde eins augenfällig: Während der auch offensiv sehr aktive rechte Außenverteidiger Deutschlands, Boateng, sich immer wieder in das eigene Angriffsspiel einzuschalten versuchte, beschränkte sich sein Pendant auf der linken defensiven Seite, Höwedes, fast ausschließlich auf seine defensiven Aufgaben. Resultat war eine deutliche Asymmetrie bei den deutschen Angriffsbemühungen über die Flügel. Während gerade zu Beginn fast jeder Spielzug eine scharfe Hereingabe Boatengs in den Strafraum der USA beinhaltete (die meist denkbar knapp vom zentral vor dem gegnerischen Tor  lauernden Müller verpasst wurde), kam Podolski über die linke Seite nur selten zum Zuge, was z.T. aber auch an der mangelnden Unterstützung u.a. durch Höwedes gelegen haben könnte.

Auffällig im deutschen Spiel der ersten Hälfte war für mich Schweinsteiger, der immer wieder intelligente Pässe oder Laufwege zeigte. Auch Özil zeigte sich, meist auf dem von ihm eher ungeliebten rechten Flügel agierend, in aufsteigender Form. Boateng war offensiv sehr aktiv, wirkte jedoch bei der Wahrnehmung seiner defensiven Aufgaben gelegentlich nicht ganz konzentriert. Zudem fehlte seinen langen Bälle mehrfach die nötige Präzision.

Die deutsche Elf erspielte sich zwar die eindeutige Feldüberlegenheit und ein kleines  Chancenplus (wenn man die wirklich klaren Torchancen betrachtet), jedoch fehlte die ganz, ganz große Torgefahr. Löw reagierte früh und entschied sich, den  fast wirkungslosen Podolski auszuwechseln. Für ihn kam der einzige klassische Stürmer des Kaders (s.o.), Klose. Dieser übernahm nun die Position der vordersten Spitze, während sich Müller in die offensive Dreierkette dahinter einreihte. Da das Personal der Dreierkette fortan munter auf den Positionen rochierte, wirkte die Abwehr der Amerikaner nun deutlich unsicherer.

In der 55. Spielminute war es dann soweit. Nach einer von der deutschen Elf kurz ausgeführten Ecke von rechts flankte der ansonsten unauffällige Kroos an den Fünfmeterraum. Mertesackers Kopfball konnte Howard im Tor der US-Boys gerade nach parieren, aber er ließ den Ball nach vorne prallen. Müller kam aus halblinker Position an der Strafraumgrenze zum Nachschuss und schlenzte den Ball überlegt ins lange Eck. Der erhoffte Führungstreffer aus deutscher Sicht.

In der Folge verflachte das Spiel deutlich. Die deutsche Elf dominierte das Spiel, beschränkte sich jedoch mit zunehmender Spieldauer auf die Verwaltung der Führung. Die USA blieben trotz mehrfacher Personalwechsel Klinsmanns im Grunde harmlos. Angesichts des Zwischenstandes in der parallel stattfindenden Partie Portugal-Ghana (Endstand 2:1) muss man Verständnis dafür haben, dass die deutsche Mannschaft mit dem Führungstreffer im Rücken offensiv nicht mehr höheres Risiko eingehen wollte. Safety first schien da die verständliche Devise. Dennoch ist zu bemängeln, dass eine Vielzahl an im Ansatz vielversprechenden Möglichkeiten durch schlecht getimte Flanken oder ungenaue Pässe verschenkt wurden. Dies mag aber auch zu einem Teil dem durch den Dauerregen glitschigen Rasen geschuldet gewesen sein.

Die beste Torchance für die USA ergab sich, und das ist bezeichnend für den Spielverlauf, in der Nachspielzeit. In der  93. Minute konnte Kapitän Lahm den Torschuss der Amerikaner nach einem Konter über ihre rechte Angriffsseite gerade noch blocken. Er rettete damit seiner Mannschaft endgültig den Sieg und krönte seine eigene, dieses Mal wieder tadellose Leistung.

Schiedsrichter: Ravshan Irmatov (Usbekistan). Bevorzugte m.E. gelegentlich die deutsche Elf, ohne damit jedoch spielentscheidend einzugreifen.

Fazit: Ich bin mir nicht sicher, ob Klinsmann seiner Mannnschaft mit der eher passiven, defensiven Ausrichtung wirklich einen Gefallen getan hat. Immerhin aber, das muss man ja auch anerkennen, hat auch seine Mannschaft die Vorrunde nun erfolgreich überstanden.

Erneut zeigt sich, dass Löw über eine Vielzahl an Alternativen verfügt. Schweinsteiger (statt Khedira) ordnete zusammen mit Lahm das Spiel und hatte einige hübsche Ideen. Es zeigte sich auch wieder, dass sich u.a. durch Klose das Angriffsspiel entscheidend variieren lässt, auch wenn er selbst dieses Mal leer ausging.
Auch wenn Höwedes defensiv seine Aufgabe durchaus ordentlich gelöst hat, so würde ich mir mindestens auf dieser Position mehr Mut zum Risiko, mehr Engagement nach vorn wünschen. Spielerisch mag die Mannschaft in der zweiten Hälfte einiges schuldig geblieben sein. Aus taktischer Sicht hat sie jedoch durchaus clever agiert. Die Verwaltung von Minimalvorsprüngen ist ja normalerweise eine der Stärken, die man nicht den deutschen sondern den italienischen Mannschaften nachsagt. So gesehen war das eine reife Leistung  der  deutschen Elf.

Die deutsche Mannschaft beendet also die Vorrunde als Gruppensieger und hat das Achtelfinale erreicht. Glückwunsch! Beide wahrscheinlichen Gegner dort, Russland oder Algerien, erscheinen nach den bisherigen Eindrücken als durchaus lösbare Aufgaben.