Nogly

Am Ende haben fast alle verloren – Der HSV entlässt Mirko Slomka

Der Hamburger Sportverein hat am gestrigen Abend seinen Trainer, Mirko Slomka, mit sofortiger Wirkung entlassen. Diese Meldung wurde vom Mediendirektor des Vereins, Jörn Wolf, bestätigt.  Angeblich sollen auch die beiden Assistenten Slomkas, Bajramovic und El Maestro, den Dino verlassen.

Aus sportlicher Sicht betrachtet lassen sich durchaus Argumente für diese Entscheidung der Verantwortlichen finden.

Zunächst sind es die nackten Zahlen, die gegen eine Weiterbeschäftigung Slomkas sprachen. Schließlich fällt seine Bilanz mit nur 12 Punkten aus 16 Bundeligaspielen (3 Siege, 3 Unentschieden und 10 Niederlagen entsprechen 0,75 Punkte je Partie) äußerst bescheiden aus. Auch in der letztlich erfolgreich überstandenen Relegation gegen den Zweitligisten Fürth gelang dem Team unter seiner Führung kein Sieg, sodass der Klassenerhalt denkbar knapp und nur dank der Auswärtstor-Regel (0:0. in Hamburg; 1:1 in Fürth) gesichert werden konnte.

40 Punkte, so heißt es, benötige eine Mannschaft, um nicht abzusteigen. Bei 34 Spieltagen einer Saison folgt daraus, dass der Arbeitsplatz jedes Trainers, dessen Mannschaft je Spiel im Durchschnitt nur einen Punkt erreicht, gefährdet ist. Denn 34 Punkte können zwar u.U. zum Klassenerhalt reichen, verfehlen aber bereits deutlich jene als abstiegssicher geltende Zone der Tabelle jenseits der magischen 40-Punkte-Marke. Trainer aber wie Slomka (oder dessen Vorgänger van Marwijk), deren durchschnittliche Punkteausbeute sogar deutlich unterhalb des prinzipiell bereits ungenügenden einen Punktes je Spiel liegt, müssen grundsätzlich jederzeit mit ihrer Freistellung rechnen. So gesehen erscheint die gestrige Entscheidung des HSV zunächst unzweifelhaft richtig.

Zweifel sind in diesem Zusammenhang jedoch angebracht. Denn fraglich muss bereits erscheinen, ob ein anderer Trainer mit demselben Kader (der letzten Saison, die in die Berechnung maßgeblich einfließt) einen besseren Quotienten erreicht hätte. Tatsache ist, dass sich bereits vor Slomka die Trainer Fink (zu Beginn der vergangenen Spielzeit) und van Marwijk ähnlich erfolglos bemühten, den Club zurück in die Erfolgsspur zu führen. Dass hier möglicherweise auch fehlende Qualität des Personals eine ganz gewichtige Rolle gespielt hatte, zu dieser Schlussfolgerung war man offenbar auch in der Chefetage der Hamburger gekommen. Folgerichtig wurde die Zusammenstellung der Mannschaft durch zahlreiche Transfers in der diesjährigen Sommerpause tiefgreifend verändert.

Unbestreitbar dürfte ebenfalls sein, dass es Slomka gelungen ist, jene konditionellen Defizite des Hamburger Personals aufzuarbeiten, die zu den vielen Problemen der letzten Spielzeit zählten, die er nicht zu verantworten, gleichwohl aber auszubaden hatte.

Zu belegen ist ebenfalls, dass Slomka zu Saisonbeginn wichtige Spieler für ein neues Spielkonzept, z.B. Holtby und Nicolai Müller, gar nicht zur Verfügung standen. Holtby wurde bekanntlich erst nach dem zweiten Spieltag mit Ablauf der Transferperiode verpflichtet, Müller kam verletzt nach Hamburg und konnte bis zum Spiel gegen Hannover 96 kaum mit seinen neuen Kollegen trainieren. Wenn  man dann noch andere verletzungsbedingte Ausfälle mit ins Kalkül zieht (Jansen, Ilicevic – schon wieder! – und van der Vaart), erscheint höchst zweifelhaft, ob irgend ein Trainer in der Lage gewesen wäre, gegen Hannover zu punkten.

Ein Trainer ist immer nur so stark, wie der Rückhalt, den er bei seiner Clubführung genießt. Das weiß jeder, der einmal als Trainer in Vereinen gearbeitet hat, und das belegen auch zahlreiche Aussagen etablierter Bundesligatrainer. Slomka muss daher auch zugute gehalten werden, dass seine Autorität bereits vor Wochen (ohne jede Not!) durch ein Interview von Klaus-Michael Kühne im Hamburger Abendblatt in aller Öffentlichkeit untergraben wurde. Da passte es ins Bild, dass sich plötzlich auch  ein einfaches Mitglied des neu gebildeten Aufsichtsrates (Nogly) bemüßigt fühlte, die Trainingsmethoden Slomkas öffentlich in Frage zu stellen. Da muss man sich nicht wundern, wenn das kickende Personal derartige Steilvorlagen nutzt, um ebenfalls medienwirksam angebliche Fehler des Trainers zu lancieren., bzw. ureigenste Interessen zu verfolgen.

Natürlich hat auch Slomka Fehler gemacht. So erscheint, ich habe dies hier schon ausführlich thematisiert, der unvermittelte Torwartwechsel von Adler zu Drobny nicht plausibel. Fragwürdig erscheint auch, dass er durch den kurzfristigen Einsatz von Cléber, der bislang kaum Zeit hatte, sich an Land, Leute und Liga zu gewöhnen, das Risiko in Kauf nahm, die ohnehin wackelige HSV-Defensive ggf. weiter zu destabilisieren. Unverständlich auch, dass Müller, der erst am Freitag vor dem Spiel mit der Mannschaft erstmalig trainieren konnte, von Beginn an auflaufen durfte. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Müller bis zum Schlusspfiff durchhielt. Insgesamt wirkte Slomkas Aufstellung gegen Hannover 96 auf mich wie ein überschießendes, trotziges Statement zu entsprechenden Äußerungen aus der Clubführung: Ihr wollt jetzt die neuen Leute sehen??! – LMAA, hier habt ihr sie! – Aber das ist nur mein subjektiver Eindruck.

Durchaus bemerkenswert ist, dass sich Aufsichtsratschef  und  Kühne-Vertrauter Gernandt nach der Niederlage gegen Hannover öffentlich mit der Aussage zitieren ließ, man werde nun zu 120 Prozent keinen kurzfristigen Trainerwechsel vornehmen. Das scheint mir dreierlei zu zeigen: erstens ist offensichtlich nicht alles verlässlich, was Herr Gernandt äußert; zweitens war dieses Statement offenbar nicht mit Dietmar Beiersdorfer abgesprochen; drittens scheint Gernandt immer noch nicht verstanden zu haben, wie das Geschäft Profifußball funktioniert.

Ebenfalls bemerkenswert: Grundsätzlich mag es als harmlose, zu vernachlässigende Petitesse erscheinen, für die rein praktische Gründe sprechen, aber dass man über den „Kopf“ des Trainers in den Büroräumen von Kühne&Nagel konferiert, wirkt vor dem Hintergrund des bereits angesprochenen Kühne-Interviews zu Slomka und den mindestens wiederholt als unglücklich zu bewertenden öffentlichen Äußerungen Gernandts so, als bewege sich der HSV am Gängelband seines wichtigsten Geldgebers und sei tatsächlich nicht wirklich frei in seinen Entscheidungen. Das mag sachlich nicht richtig sein, jedoch wirkt es so. Allein das ist schon fatal, denn es gießt weiter Wasser auf die Mühlen derjenigen, die exakt diese Gefahr erkannt zu haben glaubten.

Äußerst fragwürdig ist ohnehin der Zeitpunkt der Entscheidung. Wenn man aufgrund der letzten Saison Zweifel an Slomkas Arbeit hatte, dann hätte man diesen bereits zusammen mit Kreuzer entlassen können, um einen unbelasteten Neubeginn zu forcieren. Spätestens aber nach dem ernüchternden Spiel gegen Paderborn aber, auf das die zweiwöchige Länderspielpause folgte, hätte es die Möglichkeit gegeben, einen neuen Trainer zu installieren, der dann auch etwas Zeit zur Umsetzung seiner eigenen Ideen gehabt hätte. Diese hat der jetzt kommende Trainer nun nicht. Im Gegenteil! Der Neue hat das zweifelhafte Vergnügen nun mit einer gleich im mehrfachen Sinne neuen Mannschaft gegen die Bayern und dann gegen M’Gladbach anzutreten…

Die gestrige Entscheidung mag grundsätzlich begründet erscheinen, tatsächlich aber beschädigt sie fast alle:

1). Slomka gilt nach seinem letzten, ebenfalls erfolglosen Jahr in Hannover nun als ein Trainer, der innerhalb weniger Monate auch in Hamburg gescheitert ist;
2.) Die Glaubwürdigkeit des AR-Vorsitzenden Gernandt ist nachhaltig beschädigt;
3.) Beiersdorfer mag durch die Entscheidung demonstriert haben, dass am Ende er (und nicht Gernandt oder Kühne) das Sagen hat, muss sich aber fragen lassen, ob er seinen „Laden“  tatsächlich im Griff hat;
4.) Kühne wirkt zunehmend wie ein Edel-Fan, der sich dank seines Geldes das Privileg erkauft zu haben scheint, „seinem“ Club jederzeit ins operative Geschäft hineinzupfuschen;
5.) Der Charakter derjenigen Spieler im Kader (offenbar sind darunter einige der verbliebenen „Leistungsträger“), die jetzt selbstgerecht den Trainer kritisierten und Interna nach außen durchsteckten, ist nachhaltig in Zweifel zu ziehen.

Einmal mehr verliert jedoch der HSV, der seinen Ruf zementiert, dass seine Trainer auf dem Schleudersessel sitzen.

Man kann den Verantwortlichen jetzt nur ein glückliches Händchen bei der Auswahl des nächsten Trainers wünschen. Schon im eigenen Interesse. Die 86,9 Prozent Zustimmung zur Ausgliederung waren nicht nur ein überwältigender Vertrauensvorschuss, sie definieren zugleich auch eine enorme Fallhöhe…

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Der neue AR und das nahende Ende der Schonfrist – Ein Kommentar zur Nachrichtenlage

Ursprünglich wollte ich heute meine Vorschau zum kommenden Spiel gegen Hannover schreiben. Da sich aber einiges angesammelt hat, verschiebe ich dies auf den nächsten Blogeintrag. Hier also mein Kommentar zu den letzten Pressemeldungen rund um den HSV:

Damit war ja leider zu rechnen. Nach der zweifellos misslungenen Heimpremiere gegen Paderborn rumort es schon wieder kräftig im Blätterwald.

Karl Gernandt forderte via BILD, den neuen Spielern eine Chance zu geben.

Inhaltlich ist dies aus meiner Sicht zunächst nicht zu bemängeln. Natürlich hat der Verein die neuen Spieler nicht verpflichtet, damit sie wochenlang auf der Bank versauern. Aber sowohl den Zeitpunkt als auch den Weg über die Öffentlichkeit halte ich für problematisch. Wenn man sich diesbezüglich im Aufsichtsrat sorgt, dann sollte man dies intern mit dem Trainer ansprechen.

Was ist denn passiert? Die Transfers von Holtby und Green wurden erst nach dem Spiel gegen Paderborn abgeschlossen. Müller stand Slomka verletzungsbedingt gar nicht zur Verfügung. Der neue brasilianische Innenverteidiger, Cléber Reis, war erst kurz zuvor aus dem Flieger geklettert. Er spricht kein Deutsch und muss sich auf einem neuen Kontinent, in einer neuen Kultur und in einer anderen Art Fußball zu spielen zurechtfinden. Stieber war in der Woche vor dem Spiel angeschlagen. Bliebe nur Ostrzolek, den Slomka von Anfang an gegen die Paderborner hätte aufstellen können. Die beiden Letztgenannten wurden zudem im Laufe der Partie von Slomka eingewechselt. Wo also ist der Fehler, Herr Gernandt, der ein derartiges Statement erforderlich machte?

Der neue Vorsitzende des Aufsichtsrates sollte sich m.M.n. grundsätzlich davor hüten, weiterhin den Verdacht zu nähren, er mische sich wie seine Vorgänger im alten AR in konkrete sportliche Fragestellungen ein. HSVPlus wurde nicht zuletzt auch gewählt, damit das endlich aufhört. Zumal höchst zweifelhaft sein dürfte, was Karl Gernandt zur Beurteilung sportlicher Fragen qualifizieren sollte…

Nogly meldet (ebenfalls) via BILD Zweifel an der Trainingsgestaltung an

Ich frage mich, was Peter Nogly da geritten hat?!  Einst war er ein von mir hochgeschätzter Fußballspieler. Jetzt ist er einfaches Mitglied des Aufsichtsrates. Mit Betonung auf einfach. Selbstverständlich hat er ein Recht auf seine Meinung. Noch viel mehr als für Gernandt, den Sprecher des Aufsichtsrates, gilt daher für ihn, dass er seine Meinung, sofern sie das operative Geschäft und/oder die Aufgabenbereiche des jeweiligen Trainers betrifft, ausschließlich intern zu äußern hat. Punkt.

Man mag darüber trefflich streiten, ob Treppenläufe mit Bleiweste an einem Mittwoch – das Spiel fand bekanntlich erst am Samstag statt – sinnvoll sind. Die Niederlage aber an fehlender „Spritzigkeit“ aufgrund falschem Trainings festzumachen, halte ich für falsch. Es stand, von Behrami einmal abgesehen, die alte Mannschaft auf dem Platz. Warum dies der Fall gewesen ist, dies lässt sich (s.o.) erklären. Mit dieser Mannschaft aber, das kann man inzwischen getrost als erwiesen ansehen, ließ sich kaum ein Blumentopf gewinnen. Auch deswegen wurde schließlich personell massiv nachgebessert, oder etwa nicht?! Ich behaupte daher: auch ohne Treppenläufe hätte diese Truppe verloren. Krasse individuelle Fehler (wie Arslans Ballverlust vor dem 0:1; Rudnevs Fehlpass vor dem 0:2) und kollektiv-taktische Fehler (u.a. fehlende Absicherung) hat man von dieser Mannschaft wiederholt gesehen – ohne zuvor absolvierte Treppenläufe.

Das Training war zu lasch, nun ist es angeblich zu hart. Jeder gibt seinen Senf dazu. Mich nervt ’s! Lasst den Trainer, egal wie der heißt, seine Arbeit machen! Wenn Ihr Slomka nicht vertraut, liebe Leute beim HSV,  dann war es in meinen Augen schon ein schwerer Fehler, mit ihm überhaupt in die neue Saison zu starten. Euer Fehler, wohlgemerkt! Schon den aufkommenden Verdacht, dass hier ein Trainer via BILD langsam sturmreif geschossen werden soll, halte ich jedenfalls für fatal.

Selbstverständlich, etwas anderes anzunehmen wäre ja sträflich naiv, muss (auch) ein Slomka bald Punkte holen. Aber zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison habe ich kein Verständnis für derartige Äußerungen.

Der neue Aufsichtsrat sollte tunlichst beachten, dass die Schonfrist für neue Amtsinhaber üblicherweise auf 100 Tage begrenzt ist. Wenn das in dieser Form mit den öffentlichen Äußerungen so weitergeht, dürfte man nicht nur bei mir eine Menge Kredit innerhalb kürzester Zeit verspielt haben.

Der Sponsor Emirates und der Druck, den er angeblich jetzt auf den HSV ausübt

Der AR war in diesem Zusammenhang nicht involviert. Ich möchte diese Artikel dennoch kurz kommentieren.

Da äußert ein Sponsor, dass man eher nicht mit dem HSV in die 2. Liga gehen würde. Und dass man (der Vertrag läuft im kommenden Sommer aus) nun die sportliche Entwicklung abwarten wolle, schon heißt es in der Presse, der Sponsor setze den HSV unter Druck. Herrschaftszeiten! Glaubt wirklich irgendjemand, dass Sponsoring unabhängig von der öffentlichen Wahrnehmung des Vereins funktioniert? Glaubt irgendjemand, dass Unternehmen ihr Engagement im Profifußball nicht vom sportlichen Erfolg abhängig machen? Unfug! Diese Art Druck ist für jeden Verein der Liga grundsätzlich allgegenwärtig. Druck, der tatsächlichen Nachrichtenwert besäße, würde nur  aufgebaut, wenn das Unternehmen Emirates etwa geäußert hätte: „Sollte der HSV am Ende dieser Spielzeit nicht Tabellenplatz „X“ erreichen, werden wir in keinem Fall den Vertrag verlängern“ – dies aber war mitnichten zu vernehmen! Mit anderen Worten: Hier wurden aus selbstverständlichen Äußerungen mehr oder minder reißerische Artikel konstruiert. Das sagt am Ende mehr über die beteiligten Medien aus, als über die Beziehung zwischen Emirates und dem HSV.