Rudnevs

Es bleibt noch viel zu tun: FC Energie Cottbus – HSV 1:4 i.E.

Die Fußballweltmeisterschaft ist schon wieder nur eine schöne Erinnerung. Nach der vermutlich längsten Saisonvorbereitung der Vereinsgeschichte und der Verpflichtung von vier neuen Spielern (Matthias Ostrzolek, Valon Behrami, Nicolai Müller, Zoltán Stieber) durfte man gespannt sein, wie sich die Mannschaft des Hamburger Sportvereins in ihrem ersten Pflichtspiel präsentieren würde.

Die vorangegangenen Auftritte gegen Wolfsburg, M’Gladbach und Lazio Rom waren aus meiner Sicht Muster (fast) ohne Wert, da Trainer bei Testspielen gewöhnlich viel experimentieren, was sich regelmäßig u.a. in zahlreichen Personalwechseln widerspiegelt. Wer und wie lange jemand in diesen Tests zum Einsatz kommt, das ist nicht zuletzt auch eine Frage der körperlichen Verfassung zum Zeitpunkt „X“ und lässt nur sehr bedingt Rückschlüsse auf die spätere Stammformation in den Pflichtspielen zu. Einer von mehreren Gründen, warum ich in den letzten Wochen diese Spiele hier nicht kommentiert habe. Erkennbar war m.E. jedoch, dass die Mannschaft diese Spielzeit körperlich in einer anderen, besseren Verfassung bestreiten wird, was angesichts von gleich drei Trainingslagern allerdings auch nicht überraschen konnte.

In den Tests war gelegentlich auch schon zu erahnen, dass die Verantwortlichen mehr Tempo in das Spiel der Mannschaft bringen woll(t)en. Gerade die drei Neuzugänge, Ostrzolek, Stieber und Müller müssen in diesem Zusammenhang genannt werden. Zudem erhöht sich durch ihre Verpflichtung der Konkurrenzdruck im Kader, was ich nur begrüßen kann. Linksverteidiger Ostrzolek wird Druck auf Jansen und Jiracek ausüben, Müller wird hoffentlich im ROM den leider dauerverletzten Beister adäquat ersetzen (was die Einsatzchancen für Zoua nicht gerade verbessern dürfte), und mit dem nominellen Linksaußen Stieber (alternativ: Jansen) im Nacken muss nun auch Ilicevic endlich „liefern“. In das defensive Mittelfeld soll Valon Behrami jene Qualitäten einbringen, die dort nicht erst seit letzter Saison viel zu oft schmerzlich vermisst wurden: Führungsqualitäten, klare Pässe und kompromissloses Zweikampfverhalten. Schaut man sich die personellen Alternativen und die Restvertragslaufzeiten an, dann ist m.E. zu erwarten, dass noch der eine oder andere bisherige Stammspieler abgegeben werden wird. Mich würde jedenfalls ein Abgang von Badelj, Jiracek oder Jansen nicht überraschen.

Neben Beister und Rajkovic dürfte wohl Kacar der zur Zeit größte Pechvogel sein. Schien es lange Zeit, als sei er neben Djourou als zweiter Innenverteidiger so gut wie gesetzt und hätte Westermann erfolgreich verdrängt, so wird man nach seiner Verletzung endgültig einen weiteren, neuen Innenverteidiger holen. Das dürfte auch die zukünftige sportliche Perspektive Westermanns beim HSV erheblich beeinflussen. Wenn der Anschein nicht trügt, so könnten auch hier die Zeichen auf Abschied stehen. Ich schätze Charakter und Polyvalenz von HW4, glaube aber derzeit, dass dieses Kapitel spätestens mit Ablauf seines Vertrages im nächsten Sommer geschlossen wird.

Für das gestrige Pokalspiel standen Mirko Slomka jedenfalls weder Kacar, Stieber oder Müller zur Verfügung.  Von den Neuverpflichtungen schaffte es einzig Behrami in die Startelf. Ostrzolek, obwohl fit, hatte nur wenige Trainingseinheiten zusammen mit der Mannschaft absolviert, sodass er lediglich als Ersatzspieler auf dem Spielberichtsbogen auftauchte. Slomka vertraute also folgender Aufstellung: Adler – Diekmeier, Djourou, Westermann, Jiracek (46. Lasogga) – Badelj (61. Arslan), Behrami, Ilicevic (115. Zoua), van der Vaart, Jansen – Rudnevs

Spiel: Der HSV begann die Partie in dem bekannten  4-2-3-1 mit Rudnevs als einziger Spitze.

In die defensive Viererkette rückte nach der Verletzung Kacars, dem Abgang von Mancienne und Sobiech und dem fortdauernden Ausfall von Rajkovic fast zwangsläufig Westermann als zweiter Innenverteidiger neben Djourou. Hier galt also: Business as usual…

Ilicevic bespielte ungewohnterweise die rechte offensive Außenbahn. Dies war vermutlich der Tatsache geschuldet, dass Beister-Ersatz Nicolai Müller noch mit Adduktorenproblemen ausfiel. Die linke offensive Außenbahn bespielte Jansen, dem wiederum Jiracek als Linksverteidiger den Rücken frei halten sollte. Ich gebe zu, mich hat diese Aufstellung zunächst doch ein wenig überrascht, da ich Ilicevic, obwohl er Rechtsfuß ist,  auf der rechten (statt der linken) Außenbahn schwächer sehe. Slomka wird wohl, so vermute ich, nicht zuletzt hier die Geschwindigkeit favorisiert haben, was angesichts der Ausfälle auf dieser Seite für Ilicevic (und bspw. gegen Zoua) gesprochen haben dürfte. Mit dem durchaus eingespielten Gespann Jiracek/Jansen sollte zudem wohl auch das kämpferische Element gestärkt werden. Dies wäre m.E. eine im Vorfeld einer auswärts ausgetragenen Pokalpartie plausible Begründung für diese Personalauswahl.

Die beiden Sechser, Behrami und Badelj, schoben bei eigenem Ballbesitz relativ weit auseinander, wodurch das eigene Spiel vermutlich einerseits mehr Breite erhalten sollte, andererseits auf dem ballnahen Flügel eine weitere, zusätzliche Anspielstation/Absicherung erzeugt werden sollte. Ich hatte jedoch den Eindruck, dass Behrami grundsätzlich etwas häufiger als Badelj zentraler positioniert blieb, was man wohl auch als Fingerzeig für die zukünftige Führungsrolle des Schweizers werten könnte, die man sich von Seiten der Verantwortlichen von ihm allem Anschein nach verspricht.

Der HSV begann die Partie konzentriert, entwickelte jedoch enttäuschend wenig Ideen im Spielaufbau. Auch das für die kommende Saison favorisierte schnelle Umschaltspiel war kaum zu sehen. Immer wieder verfing man sich in der vielbeinigen Defensive der clever und engagiert verteidigenden Cottbusser.

In der 10. Spielminute wollte Westermann per Kopf auf Adler zurücklegen, doch der Ball geriet deutlich zu kurz. Jiracek sah vermutlich Adler aus seinem Gehäuse kommen und wollte den einlaufenden Cottbusser Angreifer wohl nur blocken. Adler kam jedoch zu spät an den Ball und rammte zuerst den Cottbusser Spieler (statt den Ball zu spielen). Der Angreifer ging zu Boden, und Schiedsrichter Kinhöfer zeigte folgerichtig auf den Punkt. Zeitz verwandelte den folgenden Strafstoß sicher. Das 1:0 für die Gastgeber, und der HSV durfte mal wieder einem Rückstand hinterherlaufen. Wie bereits geschrieben: Business as usual.

Aus meiner Sicht blieb dies leider nicht die einzige Unsicherheit Adlers, denn im weiteren Verlauf zeigte er auch zweimal haarsträubende Pässe bei der Spieleröffnung (mit dem Fuß), die beide direkt und problemlos vom Gegner abgefangen werden konnten. Hatte ich bei den vorangegangenen Testspielen noch die Hoffnung, er hätte zur Glanzform früherer Tage zurückgefunden, so war dies ein klarer Rückschritt. Daran können auch zwei später von ihm gehaltene Elfmeter nichts ändern, zumal mindestens der erste ganz, ganz schwach geschossen wurde.

Zur Pause reagierte Slomka und wechselte vom offensiv fast völlig wirkungslosen  4-2-3-1 auf ein 4-4-1-1 (mit flacher vier). Jansen gab nun wie gewohnt den Linksverteidiger für den ausgewechselten Jiracek; Ilicevic kehrte auf seine angestammte linke offensive Außenbahn zurück, während Rudnevs die nun verwaiste offensive rechte Planstelle besetzte. Ganz vorne, wie gehabt, spielte nun Lasogga vor dem leicht dahinter und um ihn herumspielenden van der Vaart. Der HSV kam zwar nach Wiederanpfiff etwas besser ins Spiel, ohne jedoch den ganz großen Druck auf das gegnerische Gehäuse erzeugen zu können. Es konnte daher nicht überraschen, dass HSV-Trainer Slomka in der 61. Spielminute den wenig überzeugend aufspielenden Badelj durch den offensiveren Arslan ersetzte. Arslan, da ich ihn ja häufig kritisiert habe, will ich das hier ausdrücklich festhalten, zeigte eine wirklich starke Leistung. Für mich zeigte er neben Djourou und van der Vaart die beste Leistung auf Seiten der Hamburger. Er war erkennbar darum bemüht, mit klugen raumöffnenden oder -nutzenden Pässen seine Mitspieler in Szene zu setzen, oder durch eigene Aktionen defensiv und offensiv Akzente zu setzen. Das hat mir wirklich  gefallen!

Der HSV spielte nun zunächst deutlich überlegen und kam folgerichtig zum verdienten Ausgleichstreffer. In der 70. Minute trat der ebenfalls deutlich formverbesserte van der Vaart einen guten Eckstoß. Westermann köpfte den Ball unhaltbar für Müller im Tor der Lausitzer ins Netz. Das 1:1.

Drei Minuten später hatte der HSV sogar die Chance zur Führung. Nach erneut starkem Pass von Arslan konnte Lasogga jedoch den Ball nicht über den Torwart lupfen. Die Nachschusschance für Ilicevic ist ob des dann doch arg spitz gewordenen Winkels m.E. nur ein Fall für die Statistik.

Eindeutige, weitere Torchancen waren nicht zu verzeichnen, sodass die Partie in die Verlängerung ging.

In der 96. Minute unterstrich van der Vaart seine gute Frühform und schoss sehenswert einen direkten Freistoß aus halbrechter Position über die Mauer der Gastgeber ins Netz. Die 1:2-Führung für den HSV.

Die Hamburger versäumten es nun, den sprichwörtlichen Sack zuzumachen. Statt weiter konsequent offensiv Druck auszuüben zog man sich unverständlicherweise zu sehr zurück. Eigene Unsicherheiten bei der Ballannahme und -verarbeitung (Behrami!) taten ein Übriges. So kamen die Lausitzer zunehmend stärker auf. Verdienter Lohn ihrer Bemühungen und Ausdruck einer durchaus starken Leistung (für einen Drittligisten mit fast vollständig neuer Mannschaft) war der erneute Ausgleich in der 105. Minute. Hier ließ sich praktisch die gesamte Hamburger Abwehr  (Djourou, Diekmeier und Westermann) düpieren.

Kurz vor Ablauf der Verlängerung brachte Slomka noch Zoua für Ilicevic. Zoua nahm  wie gewohnt den Platz auf der rechten offensiven Außenbahn ein, während Rudnevs nun auf die Ilicevic-Position auf dem linken Flügel rückte. Dieser Wechsel wirkte sich aber nicht mehr spielentscheidend aus. Es blieb also beim 2:2.

Nach Ablauf der Verlängerung musste daher das Elfmeterschießen über Ausscheiden oder Weiterkommen entscheiden. Hamburgs Schützen, van der Vaart, Djourou, Jansen und Rudnevs, verwandelten alle absolut sicher. Schon der erste Schütze der Cottbusser jedoch, Pawela, scheiterte mit einem äußerst schwach geschossenen Elfmeter an Adler. Den musste ein Bundesligatorhüter m.E. halten, daher kein Sonderlob für Adler an dieser Stelle. Beim insgesamt dritten Elfmeter für die Gastgeber (von Michel) ahnte Adler erneut die richtige Ecke und hatte zudem das Glück, dass der Cottbusser Michel den Ball halbhoch und damit dankbar für jeden Torhüter schoss.

Schiedsrichter: Thorsten Kinhöfer (Herne). Ohne größere Fehler.

Fazit: Der HSV setzte sich am Ende nach keineswegs überzeugender Leistung im Elfmeterschießen durch und zieht in die nächste Runde des DFB-Pokals ein. Kompliment an den Trainer des FC Energie, Krämer, und seine Mannschaft für eine starke Leistung.

Für HSV-Trainer Mirko Slomka bleibt viel zu tun. Nach wie vor ist das Aufbauspiel stark verbesserungswürdig. Jiracek wird es schwer haben, ins Team zu finden, sobald sich Ostrzolek mit der Mannschaft eingespielt hat, sofern Jansen beim HSV bleibt.

Westermann wie gehabt mit Licht und Schatten. Behrami ist in dieser Verfassung noch nicht überzeugend, obgleich man seine Qualitäten durchaus des Öfteren aufblitzen sieht.

Rudnevs zeigte auf beiden Außenbahnen  eine ansprechende Leistung und scheint für Slomka hinter Nicolai Müller hier die erste Alternative zu sein.  Die Einsatzchancen für Zoua dürften daher, Stand gestern, überschaubar sein.

Bei Stieber, auch wenn er gestern gar nicht spielte, schien mir bei seinen bisherigen Einsätzen noch die Bindung zur Mannschaft zu fehlen.

Selbst mit einem Lasogga, der verletzungsbedingt noch nicht in Topform sein konnte, erhielt das Angriffsspiel des HSVs sofort eine andere Qualität. Anders formuliert: es fehlt bisher unverändert eine wirklich überzeugende Alternative. Allerdings könnte sich die gesamte Spielanlage des Hamburger Sportvereins entscheidend verändern, sobald man die schnellen neuen Leute erfolgreich integriert hat, sodass dann auch ein Rudnevs besser zur Geltung kommen könnte.

Man wird abwarten müssen, ob und wie sich der Kader bis zum Ablauf der Transferperiode verändern wird. Auch wird man den Neuen einige Wochen einräumen müssen, bis sie endgültig ins Team integriert sind. Auch wenn  spielerisch/taktisch und personell noch diverse Baustellen vorhanden sind, so gehe ich davon aus, dass sich vor allem Ostrzolek, Behrami und Müller als tatsächliche Verstärkungen erweisen werden. Entscheidend wird m.E. sein, dass man zu Saisonbeginn einige Erfolgserlebnisse sammelt, damit dieser Integrationsprozess einigermaßen störungsfrei vollzogen werden kann und man nicht frühzeitig unter (medialen) Druck gerät. Sollte dies gelingen, dann halte ich am Ende eine Platzierung rund um den zehnten Platz herum für durchaus möglich. Für eine deutlich bessere Platzierung werden weitere Umbauten im Kader, also weitere Transferperioden notwendig sein. Demut, Geduld und Realismus bleiben also aus hamburger Sicht unverändert gefragt. Selbst in dem Fall, dass der Saisonstart überraschend positiv verlaufen sollte.

Saisonbilanz der Führungskräfte des Hamburger Sportvereins

Der Aufsichtsrat:

Club der Ahnungslosen“ und „Club der Schwätzer“. Die sportliche Ahnungslosigkeit wurde nur vom Geltungs- und Mitteilungsbedürfnis dieses Gremiums übertroffen. Selbst wenn es gar nichts mitzuteilen gab, wurde darauf gepocht, dass nur der Vorsitzende des Rates (statt des Mediendirektors) dies der wartenden Presse mitteilen dürfe. Was einzelnen Mitgliedern an Sachverstand, offensichtlich auch an Charakter und Anstand fehlte, machten sie mühelos mit der Geschwindigkeit ihrer Finger bei Kurzmitteilungen wett, mit welchen sie Interna noch aus laufenden Sitzungen nach außen durchsteckten. Erschütternd, skandalös.

Manfred Ertel,  ehemaliger AR-Vorsitzender, machte ungeniert Wahlkampf für die s.g. HSV-Reform von der, warum wohl, warum?!, inzwischen selbst die meisten ihrer ehemaligen prominenten Befürworter nichts mehr wissen wollen.  Abenteuerliche Behauptungen („Der HSV als beneidetes Vorbild in Europa“), irrwitzige Lösungsansätze („Verkauf des Stadions oder Stadionnamens“, „Sanierung über die Teilnahme an der EL“) oder unglaubliche Verharmlosung, bzw. schlichte Irreführung („Der HSV hat kein Schuldenproblem, allenfalls ein Liquiditätsproblem“) – Ertels Amtszeit steht sinnbildlich für das Grundproblem des Hamburger Sportvereins in seiner noch bestehenden Struktur. Katastrophal.

Jens Meier, sein Nachfolger als Vorsitzender, ruinierte seinen zuvor tadellosen Ruf in Windeseile, nachdem durchsickerte, dass Teile des Rates hinter den Kulissen satzungswidrig ins operative Geschäft eingreifen und Magath installieren wollten. Dieses Gremium verfehlt seit vielen Jahren jedes Jahr erneut deutlich das Klassenziel. Im Grunde sind alle Namen für zukünftige Posten im Verein verbrannt. Ich hoffe, dass man wenigstens jetzt so viel Anstand besitzt und geschlossen zurücktritt.

Der Vorstand:

Carl-Edgar Jarchow war erst Übergangslösung, erhielt dann aber einen langfristigen Vertrag. Begründung: Er habe „Ruhe in den Verein“ gebracht. Wer um den schon lange schwelenden, zum Teil mit äußerst harten Bandagen ausgefochtenen Richtungsstreit innerhalb des Vereins wusste, konnte bereits damals darüber bestenfalls nur lachen. Jeder wäre wohl an dieser Aufgabe gescheitert. Hier hilft nur eine grundsätzliche, demokratische Richtungsentscheidung, wie sie die Mitglieder prinzipiell bereits im Januar getroffen haben. Die zwischenzeitliche Ruhe war trügerisch, keinesfalls das Verdienst Jarchows, was man ihm aber aus besagten Gründen auch nicht vorwerfen darf. Vorwerfbar bleibt aber vor allem, dass Jarchow drei Jahre in Folge das negative Eigenkapital insgesamt um über 450 (in Worten: vierhundertundfünfzig!) Prozent auf über 20 Millionen Euro gesteigert hat. Dafür trägt vor allem er die Verantwortung, wenn auch nicht allein. Allein dieses desaströse finanzielle Ergebnis wäre in der freien Wirtschaft Anlass genug, um unverzüglich von seinen Aufgaben entbunden zu werden. Zudem fiel er immer wieder mit absolut die Realität verkennenden und daher unqualifizierten Kommentaren zur sportlichen Zielsetzung und Lage auf. So wähnte er den HSV auf Augenhöhe mit dem FC Schalke 04, oder setzte, obwohl es gute Gründe genug gegeben hätte, den Ball sportlich flach zu halten, seinen damaligen Trainer mit der Zielvorgabe („Platz 6“) unter Druck. Schon damit legte er den Grundstein für die schnell aufkommende und sich stetig steigernde Unruhe, als der Saisonauftakt verpatzt wurde. Den daraus früh resultierenden Handlungsdruck, den er dann als Begründung für die Entlassung Finks anführte, den hat er im Wesentlichen selbst zu verantworten. Gescheitert.

Joachim Hilke: War und ist für das Marketing zuständig. Die Aufgabe, angesichts eines desolaten Saisonverlaufs den im Grunde zu erwartenden, folgerichtigen Einbruch der Erträge in diesem Bereich einzudämmen, hat er allem Anschein nach gemeistert. In der Öffentlichkeit einer der wenigen in leitender Position, die sich angenehm zurücknahmen. Hatte als erster und bis dahin einziger im Vorstand den Mut, den Mitgliedern des Vereins im Januar durch eine bemerkenswerte Rede reinen Wein einzuschenken. Allein dafür schon gebührt ihm mein Dank.

Oliver Kreuzer: Als Sportdirektor mindestens zunächst heillos überfordert. Holte bereits in der Saisonvorbereitung, zu diesem Zeitpunkt also ohne jede tatsächliche Not, alle schweren verbalen Geschütze aus dem Arsenal. Als es dann wirklich ernst wurde, mochte ihm praktisch schon keiner mehr zuhören. Hatte die Aufgabe, die Kaderkosten deutlich zu reduzieren. Verfehlte (auch) dieses Ziel deutlich. Setzte mit Bert van Marwijk auf einen großen Namen, dessen Trainingsauffassung in der Branche allseits bekannt ist. Verantwortet damit nicht nur dessen (dem Vernehmen nach) großzügige Abfindungszahlung von angeblich rund 2 Millionen Euro, sondern verpflichtete stets, was die jeweiligen Trainer wünschten: Zoua, Bouy und John. Wo da das eigene Netzwerk, die eigene Expertise war, das darf man getrost fragen. Verfehlte mit dieser Arbeitsweise, was zukünftig oberstes sportliches Gesetz in Hamburg sein muss: Der Verein muss die Vorgabe, die sportliche Philosophie bestimmen, nicht das jeweils gerade handelnde Personal. Stemmte sich auch nicht erkennbar gegen die Asienreise, obwohl bereits damals die sportliche Situation höchst alarmierend wirkte und eine konzentrierte Rückrundenvorbereitung mehr als angebracht gewesen wäre. Trägt damit eine Mitschuld an der schlechten körperlichen und taktischen Verfassung der Mannschaft. Klassenziel verfehlt.

Oliver Scheel: Die Pflege der Mitgliederbelange in einem derart großen Verein mit so unterschiedlichen Strömungen ist immer problematisch. Angesichts des längst offen ausgebrochenen Richtungsstreits halte ich mich daher mit einer Bewertung zurück.

Die Trainer:

Thorsten Fink hatte zu Beginn seiner Amtszeit die Aufgabe, den Verein vor dem Abstieg zu retten. Nachdem ihm dies gelang, sollte er den Verein in der Folgesaison im Mittelfeld der Tabelle stabilisieren, was ihm mit Platz 7 ebenfalls gelang. Verpatzte mit seiner Mannschaft den Saisonauftakt und wurde nach nur einem Punkt aus fünf Spielen entlassen. Fink muss sich fragen lassen, ob seine taktisch anspruchsvolle Spielanlage mit diesem Kader wirklich erfolgreich gespielt werden kann. Zwar wird er dies vermutlich unverändert behaupten, dennoch war schon in der Rückrunde der vorangegangenen Saison, spätestens aber zum Saisonauftakt zu sehen, dass das Spiel der Hamburger arg schematisch war. Es verwundert daher nicht, dass die gegnerischen Trainer keine größeren Probleme hatten, diese Spielanlage mühelos und erfolgreich zu dechiffrieren. War für die enorm wichtige Sommervorbereitung verantwortlich. Dass diese, vorsichtig formuliert, nicht optimal gewesen sein kann, belegt neben vielem anderen mehr die körperliche Verfassung der Spieler. Sollte besser selbstkritisch reflektieren, anstatt trotzige und selbstgerechte Interviews zu geben. Bleibt ein Trainer mit einem interessanten Ansatz, ist aber keineswegs frei von jeder Schuld, wie er suggerieren möchte.

Bert van Marwijk: Kam als namhafter Retter und setzte vor allem auf intensive Verbesserung des Passspiels. Eine Arbeit im mentalen Bereich fand, jedenfalls von außen erkennbar, nicht statt. Nach kurzem Aufschwung war es vorbei mit der Herrlichkeit. Wirkte schnell desillusioniert (angesichts der Verhältnisse). Gab sein Einverständnis für die Asienreise und trägt damit als für die sportlichen Belange unmittelbar zuständiger Trainer die Hauptverantwortung. Wehrte sich in meinen Augen zurecht gegen symbolische bzw. aktionistische Maßnahmen (Straftraining), konnte der Mannschaft augenscheinlich aber auch keine Lösungswege aufzeigen. Zum Teil gröbste spieltaktische Fehler einzelner Spieler (Arslan, Calhanoglu etc.) liegen auch im Zuständigkeits- und Verantwortungsbereich der Trainer. So etwas kann man grundsätzlich abstellen, wenn man daran arbeitet… Trägt auch einen Teil der Verantwortung für schwerste personelle Fehlentscheidungen (Rudnevs), die dann weitere Fehlentscheidungen fast zwangsläufig nach sich zogen (John und Bouy).

Mirko Slomka: Geholt als letzte Patrone, um den HSV doch noch zu retten. Fand einen Kader vor, dessen personelle Zusamensetzung  er nicht zu verantworten hat. Für die schlechte körperliche und mentale Verfassung der Spieler war er ebenfalls nicht verantwortlich. Kommunizierte vorbildlich und strahlte in einem zunehmend hektischen und ängstlichen Umfeld stets Zuversicht und Ruhe aus. Ließ wettkampf- und problemorientiert trainieren. Er setzte fort, was van Marwijk schon in Ansätzen gemacht hatte: Er holte jene zurück, die vor allem von Sportdirektor Kreuzer („Kein zurück, andernfalls machen wir uns ja lächerlich“) eigentlich endgültig aussortiert worden waren. Rajkovics, Mancienne, aber auch Tesche haben ihren Anteil daran, dass dem HSV mit viel, viel Glück doch noch die Rettung vor dem Abstieg gelang. Kleines Manko bei Slomkas Bewertung bleibt für mich allerdings unverändert seine Nähe zum Hokuspokus des s.g. Geistheilers. Insgesamt, auch wenn der Boulevard ihm die sieglosen Auswärtsspiele unverändert vorrechnet, wirkt Mirko Slomka jedoch so, als könne sich hier erstmalig nach längerer Zeit ein Trainer in dem zur Hysterie neigenden hamburger Umfeld für längere Zeit behaupten. Hat als einer von ganz wenigen Führungskräften (s.o.) mindestes eine weitere Amtszeit verdient.