Tesche

Das Bruderduell: Vorschau auf die Partie Hannover 96 – HSV

Vor zwei Wochen traf ich einen Bekannten, einen bekennenden „96“-Fan. Da den großen und den kleinen HSV bekanntlich eine Fan-Freundschaft verbindet, kamen wir natürlich schnell auf die Lage bei unseren jeweiligen Vereinen zu sprechen. Er äußerte sein Mitgefühl für uns und brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass uns der Klassenerhalt am Ende doch noch gelingen möge. Ich erzählte ihm, dass ich gerade das Restprogramm durchgetippt hätte. Das Ergebnis sei gewesen, dass es auch für „96“ noch einmal ganz, ganz eng werden könnte. Darauf er: „Ja, das ist so sch…-knapp dieses Jahr, das fürchte ich auch!“ Nun kommt es also am Samstag zum Aufeinandertreffen. Und ich kann mich gerade nicht erinnern, ob es je zuvor ein Bruderduell gegeben hat, dessen Ausgang Austragung unter derartig dramatischen Vorzeichen stand. Der HSV muss nach Möglichkeit durch einen weiteren Dreier in Hannover den Druck auf die anderen, gefährdeten Vereine hochhalten, die, das zeigten die vergangenen Wochen, keineswegs daran denken, die Waffen freiwillig und vorzeitig zu strecken. Hannover, das schon fast gerettet schien, verlor zuletzt vier Mal in Folge (0:3 gegen den BvB; 3:1 in Hoffenheim; 1:2 gegen Bremen; 3:0 in Braunschweig) und steckt nun wieder mittendrin im Abstiegskampf. Und auch rund um den Maschsee und die Leine zeigen sich bereits die üblichen Reflexe: ein Paar hundert Anhänger bepöbeln die eigene Mannschaft, während die Vereinsführung beteuert, man stünde unverändert hinter dem eigenen Trainer. Kenner der Bundesligahistorie spotten in diesem Zusammenhang gerne, dass es die Vorstände deswegen oft so eilig haben, sich hinter ihren jeweiligen Trainer zu stellen, da sie den dann von hinten besser aus dem gemeinsamen Boot kippen können – um es einmal vornehm auszudrücken. Besondere Ironie an dieser Geschichte: HSV-Trainer Slomka trainierte bekanntlich noch vor wenigen Monaten die Hannoveraner. So könnte also ausgerechnet ein Auswärtssieg der Hamburger zur Entlassung seines Nachfolgers in Hannover führen, auch wenn Hannovers Boss, Herr Kind, das Gegenteil beteuert.

Für Mirko Slomka ist in seinem 223. Spiel als Bundesligatrainer der 100. Sieg möglich. Bis zum jetzigen Zeitpunkt holte er als Hamburger Trainer 1,4 Punkte je Partie im Durchschnitt. Dieser Quotient wäre wohl deutlich besser, wäre es den Hamburgern zuletzt gelungen, auch auswärts regelmäßig zu punkten. Aber da man gelegentlich die Auffassung hört (oder liest), es habe sich unter Slomka wenig bis nichts verändert – das gilt, wenn überhaupt, allein für den Tabellenstand. Erinnert sich jemand noch, wie unter Fink und van Marwijk die fehlenden Heimsiege angeprangert wurden? Es ist doch wohl kaum zu bestreiten, dass die Hamburger unter Slomka ordentliche bis gute Leistungen in der heimischen Arena gezeigt haben, oder? Ebenfalls unbestreitbar ist jedoch auch, dass aktuell die Auswärtserfolge fehlen. Wen wundert es noch, dass der heimische Boulevard flugs von einem „Auswärtsfluch“ für den HSV und seinen Trainer fabulierte. Ählich wie bei erfolglosen Stürmern, denen man die trefferlosen Minuten vorrechnet, werden nun bei Slomka die Auswärtsspiele seit dessem letzten Sieg in der Fremde addiert. Das Ziel ist klar: „Fluch“, uiuiui!, das hört sie bedrohlich an, das emotionalisiert. Und weil es emotionalisiert, regt es schlichtere Gemüter zum Kauf der Zeitungen mit den größeren und größten Buchstaben an. Allein mit tatsächlicher Information hat das allenfalls ganz am Rande zu tun. Zwar sind die fehlenden Erfolgserlebnisse faktisch nicht von der Hand zu weisen, jedoch kamen sie mit zwei völlig unterschiedlichen Mannschaften zustande. Nicht nur, dass beide Kader personell und taktisch unterschiedliche Möglichkeiten eröffnen, auch die Charaktere in beiden Teams dürften sich voneinander deutlich unterscheiden. Blieben also zunächst nur zwei sachliche Erklärungsmodelle für die Auswärtsschwäche: Entweder ist Slomka plötzlich nicht mehr ausreichend qualifiziert, um seine Mannschaften für Auswärtspartien erfolgreich ein- und aufzustellen (bliebe zu fragen, warum das der Fall sein sollte…?!), oder er ist „verhext“. Wer letzteres ernsthaft in Erwägung zieht, der sollte sich m.E. umgehend in psychiatrische Behandlung begeben. Wahrscheinlich ist, und damit wäre ich bei einem dritten Erklärungsversuch, das Folgende: es ist eine Mischung aus spezifischen Besonderheiten (u.a. Ausfälle beim HSV) und Zufall. Einen könnte die beide Kontrahenten jenseits ihrer prekären Platzierung in der Tabelle allenfalls, dass sie derzeit namhafte Ausfälle zu beklagen haben. Dem Hamburger SV fehlt bekanntlich seit Wochen der schnelle und torgefährliche Beister. Zudem musste man auch wiederholt ohne Ilicevic und Torjäger Lasogga auskommen. Hannovers Trainer, Tayfun Korkut, fehlen aktuell  u.a. die Stürmer Artur Sobiech und mehr noch Mame Diouf. Ich behaupte: hätten Slomka in Hamburg mindestens zwei der drei (immer mal wieder) verletzten Stürmer konstant zur Verfügung gestanden – der HSV hätte mit Slomka längst auch auswärts gepunktet.

Gerade rechtzeitig vor dem Spiel in Hannover gibt es aus Sicht der Hamburger einige erfreuliche Nachrichten: die zuletzt angeschlagenen van der Vaart und Zoua sind wieder einsatzbereit. Auch bei Ilicevic dürfte zumindest ein Kurzeinsatz möglich sein. Für Jansen kommt das Spiel noch zu früh. Angeblich soll er jedoch nächste Woche wieder ins Training einsteigen. Bedenkt man bei „Cello“ die Länge der Ausfallzeit, so wird es wohl mindestens weitere vierzehn Tage benötigen, um ihn an die volle Belastung heranzuführen. Immerhin könnte er vielleicht schon gegen den FC Augsburg am 32. Spieltag (27.4.)  wieder zur Verfügung stehen, sofern alles gut geht. Wenig erfreulich: Beim wiederholt mit muskulären Problemen kämpfenden Lasogga wird weiter mit Nachdruck an der Ursachenbehebung gearbeitet. Angeblich wurde bei einer zahnmedizinischen Untersuchung ein Entzündungsherd lokalisiert, dieser konnte jedoch noch nicht abschließend behandelt werden. Zwischenzeitlich war er zu einer Kontrolluntersuchung bei Dr. Müller-Wohlfahrt in München. Mit einem Einsatz gegen den kleinen HSV ist keinesfalls zu rechnen. Dem Vernehmen nach wird er sogar weitere zwei Wochen vollständig aus der Belastung genommen. Da er danach erst wieder „aufgebaut“ werde muss, wird er  wohl erst wieder im letzten Saisonspiel voll einsatzbereit sein. Definitiv ebenfalls ausfallen wird auch Badelj. Ich rechne daher aus Sicht des Hamburger Sportvereins mit folgender Aufstellung:

Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann – Calhanoglu, Rincon, Arslan, Jiracek (Ilicevic) – van der Vaart – Zoua

Erneut im Kader wird wohl U23-Stürmer Maggio sein, der von Slomka in der PK zum Spiel ausdrücklich für seinen Einsatzwillen gelobt wurde. Im Training bei den Profis hat er jedenfalls seine Treffsicherheit inzwischen mehrfach nachweisen können. Sollte Jiracek beginnen, wovon ich ausgehe, dürfte allerdings Ilicevic die erste Option bei einer offensiven Auswechselung darstellen. Ebenfalls gute Einsatzchancen im Laufe der Partie dürfte Tesche besitzen.

Hannover 96 spielte unter Korkut in den letzten Wochen durchweg in einem flachen 4-4-2. Die Stärken der Mannschaft liegen unverändert im Umschaltspiel. Das erscheint wenig verwunderlich, da der Stil der Mannschaft über mehrere Jahre maßgeblich vom heutigen HSV-Trainer Slomka und dessen 10-Sekunden-Regel (von der Balleroberung bis zum Tor-Abschluss) geprägt wurde. Interessant wird sein, wie Tayfun Korkut die linke Seite besetzt. Für das linke Mittelfeld fällt der trickreiche Huszti definitiv aus (5. gelbe Karte). Zuletzt spielte mit Edgar Prib ein gelernter Mittelfeldspieler dahinter, also als Linksverteidiger. Ich könnte mir vorstellen, dass Prib nun nach vorn gezogen wird. Da mit Pocognoli ein Linksverteidiger mit Leistenproblemen fehlt, wäre Christian Pander m.E. die logische Besetzung. Dieser stand zuletzt aufgrund einer Innenbanddehnung im Knie zwei Monate, von Mitte Januar bis Mitte März, nicht zur Verfügung, sollte aber inzwischen normalerweise wieder voll einsatzfähig sein. Sollte Korkut trotz der jüngsten Niederlagenserie unverändert an einem System mit zwei Stürmern festhalten, so dürfte neben Ya Konan der vom HSV ausgeliehene Rudnevs zum Einsatz kommen. „Rudi“ ist ja in Hamburg bestens bekannt. Ein extrem lauffreudiger und kampfstarker Stürmer, der auch in Hannover bereits nachgewiesen hat, dass er weiß, wo das Tor steht. Da beide Stürmer der Niedersachsen eher klein gewachsen sind (Ya Konan, 1,74m; Rudnevs 1,82m), dürfte normalerweise Torgefahr aus Kopfbällen nur bei Standards für Hannover vor allem durch die aufgerückten Innenverteidiger entstehen. Ein weiterer Punkt, der grundsätzlich  für eine auf schnelles Umschaltspiel angelegte taktische Ausrichtung des kleinen Bruders spricht. Für die Hamburger gilt es also erneut, Geduld zu bewahren. Ballverluste in der Vorwärtsbewegung sind tunlichst zu vermeiden, um die „96er“ nicht zum kontern einzuladen. Ansonsten freue ich mich auf Leon Andreasen, einem überaus sympathischen Spieler, der in seiner Karriere vom Verletzungspech verfolgt wurde, der aber zu außergewöhnlichen Leistungen fähig ist.

Psychologisch sehe ich den Hamburger Sportverein im Vorteil. Das Hinspiel konnte man mit 3:1 für sich entscheiden. Zwar fand das damalige Spiel unter gänzlich anderen Voraussetzungen statt (Trainerwechsel), dennoch hat es gezeigt, dass man die Niedersachsen durchaus schlagen kann. Hannover wähnte sich zwischenzeitlich schon im gesicherten Mittelfeld, steht nun aber unvermittelt unter erheblichem Druck. Eine weitere Niederlage und man schwebte in höchster Abstiegsgefahr. Natürlich werden sich die Hannoveraner mit Macht gegen den negativen Trend stemmen und ihren Zwei-Punkte-Vorsprung in der Tabelle verteidigen wollen. Nach der Niederlagenserie dürfte dennoch eine gewisse Unsicherheit und Unruhe auch in der Mannschaft  vorhanden sein, die sich noch weiter steigern könnte, sollte es dem HSV gelingen, auswärts in Führung zu gehen. Ich schrieb es schon mehrfach: Wer von hinten kommt, ist mental oft demjenigen gegenüber im Vorteil, der einen Vorsprung verteidigen will und muss. Der HSV hat, betrachtet man die Details, nicht nur unter Slomka eine positive Entwicklung genommen, sondern scheint, nimmt man vor allem das letzte Spiel gegen Leverkusen zum Maßstab, trotz aller personeller Ausfälle endgültig im Abstiegskampf angekommen zu sein. Drucksituationen, und Abstiegskampf ist Existenzkampf und damit Druck pur!, werden im Kopf gemeistert (oder eben nicht). Hier sehe ich den Hamburger SV durch Slomka mindestens auf Augenhöhe, wenn nicht sogar klar im Vorteil gegenüber den anderen Konkurrenten. Fachlich gesehen kann man eine Mannschaft und ihr Umfeld kaum besser einstellen, als er dies seit Amtsantritt in Hamburg macht: positiv bleiben und sich auf den jeweils nächsten Schritt fokussieren. Man sieht, finde ich, besonders an Spielern wie Djourou oder Zoua, wie leistungsfördernd es sich auswirken kann, wenn die Spieler einen gewissen Rückhalt auch durch den Trainer verspüren, statt öffentlich ans Kreuz genagelt zu werden. Auch Arslan und Calhanoglu sind klar im Aufwind. Insbesondere Letzterer ist nach einer verständlichen Anspassungszeit an das höhere Niveau in der Ersten Liga angekommen und entwickelt sich – hoffen wir, gerade noch rechtzeitig – zu einem absoluten Leistungsträger, um den uns jetzt schon der eine oder andere Verein beneiden dürfte. Slomkas persönliche Auswärtsbilanz hin oder her – es gibt aus Hamburger Sicht keinen Grund, diesem Spiel mit etwas anderem als Zuversicht entgegenzusehen. Um den Bogen zu meinem Einstieg in diesen Artikel zu schließen: nach der Partie drücke ich auch dem kleinen Bruder die Daumen, dass sie den Abstiegskampf ebenfalls erfolgreich meistern können. In diesem Spiel aber sitzt mir das Hemd näher als die Hose.

Die Partie wird geleitet von Schiedsrichter Hartmann aus Wangen.

Ps. ich werde mich zum jetzigen Zeitpunkt hier weder an Debatten über die Strukturreform noch an angeblichen Transferabsichten beteiligen. Diese erfolgen derzeit zur absoluten Unzeit. Bis zum Saisonende gilt nur eins: die Klasse erhalten! Nach der Saison ist noch ausreichend Zeit vorhanden, um diese zweifellos auch wichtigen Themen angemessen zu behandeln.

Totgesagte leben länger! HSV – Bayer 04 Leverkusen 2:1 (1:0)

+++ Aktualisierung: Leverkusen entlässt Hyypiä. Nachfolger ist Sascha Lewandowski +++

Was für ein Spiel, welch ein Spektakel! Der von Vielen schon als sicherer Absteiger abgeschriebene HSV erkämpft sich drei ganz wichtige Punkte gegen den Favoriten aus Leverkusen. Wann hat man zuletzt ein Spiel mit Hamburger Beteiligung gesehen, das so reich an Höhepunkten war, und in dem am Ende der HSV den Platz als Sieger verließ?! Ich kann mich gerade nicht erinnern. Bis es aber soweit war, glich das Spiel einer einzigen emotionalen Achterbahnfahrt: Hoffen, Jubel, Entsetzen, Bangen und Erlösung – das volle Programm, würde Dittsche sagen.

Der HSV begann in der von mir prognostizierten Aufstellung, während Hyypiä diverse Wechsel in der Startformation vornahm. So kam u.a. Julian Brandt auf dem rechten Flügel zum Einsatz.

Aufstellung: Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann – Calhanoglu, Arslan, Badelj (33. Rincon), Jiracek – van der Vaart (68. Tesche) – Zoua (77. Maggio)

Spielverlauf: Der HSV begann die Partie furios. Es war zu spüren, dass die Mannschaft von Beginn an um ihre „letzte“ Chance kämpfte. Da wurde gerannt, gekämpft und sich gegenseitig geholfen, als gäbe es kein morgen. Das von mir erwartete, starke Offensivpressing der Gäste auf unsere Innenverteidigung im Spielaufbau fand zunächst kaum statt. Offenbar hatte auch hier Hyypiä seiner Mannschaft eine andere taktische Marschroute ausgegeben.
Bereits in der 4. Minute kam es zur Führung des HSVs. Kapitän van der Vaart, der in der ersten Spielhälfte als leidenschaftlich kämpfendes Vorbild voranging, legte einen Ball auf Calhanoglu ab. Hakan, der immer mehr zum absoluten Leistungsträger wird, fackelte nicht lange und schoss knallhart flach ins linke untere Eck des Gästetores. 1:0 für den HSV – ein Auftakt nach Maß!
Drei Minuten später trat Adler erstmals in Erscheinung. Er konnte gerade noch einen Schuss aus zentraler Position der Leverkusener parieren. Gut, dass wir diesen Mann im Kasten haben, dachte ich mir..
In der 20. Minute setzte dann der aufgerückte Mancienne(!) für den HSV einen Fallrückzieher knapp neben das Gehäuse der Gäste, während auf der anderen Seite Kießling, am linken Eck des Fünfmeter-Raumes stehend, den Ball am langen Pfosten vorbei schoss (22.). Nicht anders erging es Westermann (29.), der, nach einer Freistoßflanke von Calhanoglu, den Ball aus ca. fünf Metern links am Tor von Bayer vorbei beförderte. Was für Chancen hüben wie drüben! Zwischen den Chancen kämpften die Hamburger leidenschaftlich um jeden Ball und jeden Meter. Ich sah das mit einer Mischung aus Stolz und Sorge. Stolz, weil die Mannschaft ganz offensichtlich gewillt war, alle Unkenrufer Lügen zu strafen. Und Sorge, weil ich mir dachte: wenn das heute wieder nicht belohnt wird, dann könnte das mental der Genickbruch für die Truppe sein.
Dann kam Teil Eins dessen, was in dieser Seuchensaison des Hamburger Sportvereins wohl kommen muss: Badelj verletzte sich die Oberschenkelmuskulatur bei einem Torschussversuch und musste in der 33. Minute vom Feld. Für ihn kam „der General“ Rincon, die personifizierte „Kampfsau“ beim HSV.
In der 35. Minute kam der Ex-Hamburger und heutige Leverkusener Son aus fünf Metern zum Kopfball, aber Adler parierte einmal mehr überragend.
Die erste Hälfte endete in der Nachspielzeit mit gleich zwei Torgelegenheiten für den HSV. Erst schoss Calhanoglu mit Vollspann eine Bogenlampe auf das Tor der Gäste, die von Leno gerade noch über die Latte gelenkt werden konnte (45+1.), dann verpasste Jiracek denkbar knapp einen Ball, den der Gästetorwart abprallen ließ (45+2.). Kurz vor der Pause lag Zoua am Boden. Er hatte sich, so sah es jedenfalls aus, im Zweikampf eine Schienbeinprellung zugezogen. Beim Betrachten der Bilder schwante mir Übles, doch Zoua kam zur zweiten Hälfte zurück und konnte die Partie zunächst fortsetzen.

In der zweiten Spielhälfte war es erneut Calhanoglu, der aus halbrechter Position mit einem sehenswerten Schuss (54.) das lange obere Eck des Leverkusener Tores anvisierte. Aber auch hier war Leno auf dem Posten. Schade!
Nur eine Minute später trennte der Leverkusener Can im eigenen Strafraum Zoua mit äußerst robustem Körpereinsatz (55.) gerade noch vom Ball. Das hätte einen Strafstoß für den HSV geben können, gab es aber nicht. Angesichts der anderen, vom Schiedsrichter zugunsten des HSVs entschiedenen Strafraumszenen, sollte man sich aber aus Hamburger Sicht keinesfalls über diese Entscheidung beschweren…
Es kam die 58. Spielminute: der junge Julian Brandt nahm sein Herz in beide Hände und schoss aus 16 bis 17 Metern auf das Tor der Hamburger. Der Ball kam fast genau „auf den Mann“ und alles sah danach aus, als würde Adler den Ball mühelos fangen können. Weit gefehlt, leider! Der Ball sprang Adler aus den Armen, rotierte über dessen linken Unterarm und kullerte nebem dem linken Pfosten ins Tor der Hausherrn. 1:1  – ein klarer, eklatanter Torwartfehler. Darüber kann es keine Diskussion geben! Ich dachte sofort an das Braunschweig-Spiel und schickte umgehend eine SMS an den Fußballgott. Inhalt: Bitte erspare uns, dass uns ausgerechnet ein Fehler des ansonsten famosen Adlers am Ende die Punkte kostet!

Dann kam die nächste Hiobsbotschaft aus Sicht des HSVs: van der Vaart musste in der 68. Minute mit muskulären Problemen angeschlagen aus dem Spiel genommen werden. Es kam „Fußball-Gott“ Robert Tesche. Wer hätte vor wenigen Wochen noch gedacht, dass man sich als Hamburger noch glücklich schätzen würde, dass wir mit Tesche noch einen gestandenen Bundesligaprofi auf der Bank haben?

In der Folge übernahm eindeutig Bayer 04 das Kommando. Der unerwartete Ausgleich und die Umstellung hatten Spuren hinterlassen. Die Gäste drückten nun mit Macht auf den nächsten Treffer, während die Hamburger kaum noch Zugriff auf das Spiel, vor allem im Mittelfeld, bekamen. Plötzlich sah man nun auch das Offensivpressing der Leverkusener. Die Folge: Die Bälle wurden vom HSV mit Befreiungsschlägen einfach aus dem eigenen Strafraum herausgeschlagen, bzw. zu ungenau bei Konterversuchen hergeschenkt und kamen postwendend zurück. Das sah gar nicht gut aus, wenn man es mit dem Hamburger Sportverein hält, denn die Ordnung ging streckenweise verloren. Es wirkte so, als wäre der Führungstreffer für Leverkusen nur eine Frage der Zeit. An dieser Stelle ist aber nicht nur der bedingungslose Einsatz der gesamten Truppe zu loben, sondern auf zwei Dinge hinzuweisen:

1. Die hamburger Defensivspieler, allen voran beide Innenverteidiger, aber auch die beiden Sechser (Arslan!), antizipierten über weite Strecken des Spiels großartig die Anspielversuche der Leverkusener. So konnte Vieles schon im Ansatz entschärft werden. Bravo!;
2. Adler zeigte sich vollkommen unbeeindruckt von seinem schweren Fehler und setzte das Spiel fort, als wäre nichts geschehen. Er hielt, was zu halten war. Das ist mentale Stärke, das war einfach großartig!

Und weil es wohl dieses Jahr nicht genug Hiobsbotschaften aus Sicht des Hamburger Sportvereins geben kann, musste der bereits angeschlagene Zoua in der 77. Minute ebenfalls vom Feld und wurde vom U23-Stürmer Maggio ersetzt. Maggio konnte kaum wirkliche Akzente setzen, aber man sah sofort, dass er mindestens in Sachen Sprintgeschwindigkeit wettbewerbsfähig ist.
In der 78. Minute verpassten sowohl Maggio als auch Jiracek eine scharfe Hereingabe von Calhanoglu denkbar knapp vor dem Gehäuse der Gäste. Hyypiä ging nun angesichts der verbleibenden Spielzeit volles Risiko und brachte mit Derdiyok für Lars Bender (MIT) einen weiteren Stürmer. Und dann, als Hamburger glaubt man es ja kaum noch, hatte der Fußballgott ein Einsehen: Rincon schalltete schnell und richtig und passte zu dem aufgerückten Diekmeier auf den rechten Flügel. Dessen Hereingabe nahm, wer hätte das gedacht?!, ausgerechnet Westermann volley und drosch das Leder humorlos ins linke obere Eck. Leno war da vollkommen chancenlos. 2:1 für den HSV! Natürlich habe ich mich für die gesamte Mannschaft gefreut, aber das gerade dem oft zu unrecht gescholtenen Westermann dieser sehenswerte und unerhört wichtige Treffer gelang – das hat mich ganz besonders berührt…
In der Nachspielzeit (92.) wäre um ein Haar der erneute Ausgleich gefallen. Aber Adler konnte mit den Beinen einen Schussversuch Cans aus kürzester Distanz parieren. Welch ein Herzschlagfinale! So aber blieb es beim Sieg des Hamburger Sportvereins. Der Rest war kollektiver Jubel.

Fazit: Der HSV sendet ein kräftiges Lebenszeichen an die Konkurrenz. Der Sieg erscheint keineswegs völlig unverdient, wenn man an die diversen Ausfälle, die prekäre Ausgangslage und die grandiose kämpferische Leistung der Mannschaft denkt. Allerdings hatte die Truppe dieses Mal das nötige Glück auf ihrer Seite. Ich fühle mich in meiner Annahme (s.h. Vorschau zum Spiel) bestätigt, dass die vergangenen, relativ erfolglosen Wochen Spuren bei den Leverkusenern hinterlassen hatten. Die Mannschaft wirkte gerade zu Beginn der Partie nicht so sicher, wie man das eigentlich gewohnt ist. Ein Indiz dafür scheint mir auch zu sein, dass man nicht so aggressiv presste, wie man das schon von Bayer 04 gesehen hat. Der HSV springt zunächst auf Platz 15 auf Platz 16. Unabhängig vom Ausgang der Spiele der anderen, vom Abstieg gleichfalls bedrohten Mannschaften, erzeugt dies also Druck auf die Konkurrenz. Außerdem zeigte sich einmal mehr, hoffentlich auch so manchem Betrachter…!, dass auf Hamburger Seite keineswegs seelenlose, desinteressierte Söldner am Werk sind, sondern eine Mannschaft, die absolut gewillt ist, dem Verein die Schmach eines Abstiegs zu ersparen. Gelingt es nun, auswärts in Hannover nachzulegen, dann hält man alle Karten wieder selbst in der Hand. Aber auch wenn dies nicht gelingen sollte, zeigt sich erneut, dass man immer eine Chance auf weitere Siege hat, wenn man an sich glaubt und seine Hausaufgaben erledigt. Totgesagte leben bekanntlich länger – glauben wir dran!

Schiedsrichter: Dankert (Rostock). Hätte mindestens dreimal auf Elfmeter entscheiden können, wenn nicht gar müssen (Handspiel Djourou; Foul von Can an Zoua 55. Minute; Foul an Son in 73. Minute).  Wer sich als Hamburger gerne vom Schiedsrichter benachteiligt sieht – mit wesentlichen Entscheidungen Dankerts hat der HSV dieses Mal eindeutig Glück gehabt.

 

 

DAS RESTPROGRAMM


13. Hannover 96 (29 Pkt; -18):

Hamburger SV (H)
Eintracht Frankfurt (A)
VfB Stuttgart (H)
1. FC Nürnberg (A)
SC Freiburg (H)

14. SC Freiburg  (29 Pkt; -19):
Eintracht Braunschweig (H)
Borussia M’Gladbach (H)
VfL Wolfsburg (A)
FC Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)

15. VfB Stuttgart (27 Pkt; -13):
Borussia M’Gladbach (A)
Schalke 04 (H)
Hannover 96 (A)
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -15):
Hannover 96 (A)
VfL Wolfburg (H)
FC Augsburg (A)
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -20)
VfL Wolfsburg (A)
Bayer Leverkusen (H)
1. FSV Mainz 05 (A)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -22):
SC Freiburg (A)
Bayern München (H)
Hertha BSC (A)
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)