Westermann

Verhaltene Freude und gedämpfter Optimismus: 1. FSV Mainz 05 – Hamburger SV 3:2 (1:1)

Wöchentlich grüßt das Murmeltier. Der HSV spielt, der HSV verliert und profitiert am Ende dennoch, weil die Mitkonkurrenten ebenfalls verlieren. Selten habe ich nach einer Niederlage der Hamburger in derart viele entspannte Gesichter seiner Anhänger geschaut. Dafür dürfte es zwei Gründe gegeben haben:

1.) war zu diesem Zeitpunkt längst bekannt, dass der HSV die Relegationsspiele erreicht hatte,
2.) hat die Mannschaft über weite Strecken eine wirklich gute Leistung geboten.

Wäre jedoch einem der Konkurrenten aus Nürnberg oder Braunschweig ein Sieg gelungen, hätten sie den HSV doch noch vom vorerst rettenden 16. Platz verdrängen können, der Katzenjammer wäre nach dieser Leistung der Hamburger zurecht groß gewesen. Doch der Reihe nach.

HSV-Trainer Slomka vertraute in Mainz der folgenden Aufstellung:
Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jiracek – Rincon, Tesche (74. Arslan), Badelj, Calhanoglu – van der Vaart (83. Jansen)  – Lasogga (67. Ilicevic)

Diese Formation war im Grunde logisch und zu erwarten, dürfte sie doch zum jetzigen Zeitpunkt mit zum Besten gehören, was der HSV überhaupt aufbieten kann. Jiracek für Jansen, Westermann anstelle von Djourou – das sind Fragen, die man unter anderem unter dem Gesichtspunkt der Fitnesszustände betrachten kann. Wie überaus wichtig Lasogga für die Mannschaft der Hamburger ist, muss man nicht näher ausführen. Mit ihm gewinnt die Mannschaft, das zeigte sich gestern erneut, sofort eine ganz andere Qualität. Hinter dem für alle und jeden Offensichtlichen möchte ich aber erneut auf einen Spieler hinweisen, mit dem in Hamburg eigentlich niemand mehr gerechnet hat. Die Rede ist von Robert Tesche.

Tesche wurde einst auf Betreiben des damaligen Trainers, Bruno Labbadia, verpflichtet. Und im Grunde, daran dürfte Tesche ein gerütteltes Maß an Mitschuld tragen, hat kaum jemand verstanden, warum. Oft, viel zu oft klaffte bei ihm eine riesige Lücke zwischen teils überragenden Trainingsleistungen und, zumindest daran gemessen, enttäuschenden Darbietungen in den folgenden Spielen. Derzeit aber, das muss man nach der gestrigen Partie unterstreichen, darf sich der HSV glücklich schätzen, einen Tesche zu haben. Arslan oder Tesche – beide verfügen unbestreitbar über großes Talent. Der entscheidende Unterschied derzeit (sic!) ist für mich jedoch: Tesche spielt wie ein gestandener Bundesligaspieler, Arslan wie ein Talent.

Spielbericht: Hatte ich vor der Partie mit grundsätzlich offensiven Mainzern und einem HSV gerechnet, der vor allem um defensive Stabilität bemüht sein würde, so schien mindestens die erste Spielhälfte das Gegenteil zu belegen. Der HSV legte los wie die sprichwörtliche Feuerwehr. Vom Anpfiff an wurde gerannt, gekämpft, und es wurden Torchancen erspielt. So verpasste der einschussbereite Rincon noch innerhalb der ersten Spielminute eine Flanke von Calhanoglu, weil der aufmerksame Mainzer Torwart, Karius, gerade noch die Hand dazwischen bekam. Überhaupt muss ich Rincon loben. Eigentlich kein Außenbahnspieler, weder offensiv noch defensiv, stellt er sich seit Wochen in den Dienst der Mannschaft und erledigt die ihm gestellte Aufgabe meist zuverlässig. Was ihn schon immer auszeichnete, sein unbändiger Kampfeswille, war auch gestern zu sehen. Er rannte vor allem in der ersten Halbzeit, als ginge es um sein Leben und schloss viele, viele Lücken. Einfach großartig. Auch ein Grund, warum die Mainzer zunächst kaum ins Spiel fanden. Der HSV knüpfte nahtlos an die über weite Strecken taktisch gute Leistung in der Vorwoche gegen die übermächtigen Bayern an. Man stand kompakt, die Abstände stimmten, und der ganzen Mannnschaft war anzumerken, dass sie tatsächlich begriffen hat, was die Stunde geschlagen hat.

Der HSV wäre nicht der HSV, jedenfalls nicht in dieser Saison, wenn er nicht immer mal wieder einen riesigen „Bock“ schießt. Es ist unfassbar! Da spielt mindestens in der ersten Halbzeit nur eine Mannschaft, nämlich die des Hamburger Sportvereins, und wer  geht in Führung? Der Gegner. Es segelte eine harmlose Flanke in den Hamburger Strafraum und Westermann, immerhin zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft gehörend, will innerhalb des eigenen Fünfmeterraums, d.h. in unmittelbarer Nähe zum eigenen Tor!, den Ball mit der Brust zu Adler legen. Der Mainzer Soto ließ sich nicht lange bitten, spritzte dazwischen und hatte keine Mühe, den Ball im Hamburger Gehäuse unterzubringen. Das 1:0 (7.). Adler, Westermann, Jansen – dass der HSV in dieser Saison gegen den Abstieg spielt, ist auch darauf zurückzuführen, dass auch den namhaftesten Leistungsträgern regelmäßig schwere Patzer unterlaufen.

Zum Glück für den HSV verfügt er (noch) über Pierre-Michel Lasogga. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie der HSV in der nächsten Saison ohne ihn auskommen soll. Denn dass der Mann vom HSV nicht zu halten ist, davon muss man leider ausgehen. Aber noch spielt er ja für Hamburg. Der HSV ließ sich durch den Rückstand nicht beirren. Man stand weiter kompakt, antizipierte oder erkämpfte eine Vielzahl an Bällen, erzeugte oft Überzahl in Ballnähe und zeigte durchaus sehenswerte Spielzüge. Lasogga beschäftigte oft mehr als einen Mainzer,  ließ dennoch meist geschickt Bälle zum eigenen Mann prallen und sorgte so mit dafür, dass die Mittelfeldspieler, angetrieben vom überaus spielfreudigen van der Vaart, Raum und Zeit fanden, um geplante Spielzüge aufzuziehen. So wurden auch beide Außenverteidiger, Jiracek und Diekmeier, immer wieder ins eigene Spiel miteinbezogen, bzw. fanden den Weg an die gegnerische Grundlinie, um von dort Flanken in den Strafraum der Gastgeber zu schlagen. Einer dieser Spielzüge endete bei van der Vaart, der aus halblinker Position und etwas außerhalb des Mainzer Sechzehners stehend abzog. Der ansonsten gute Karius ließ den Ball nach vorne prallen. Lassoga bedankte sich und staubte  mit dem Kopf ab. Der bereits zu diesem Zeitpunkt hochverdiente Ausgleich zum 1:1 (12.).

Fortan spielte in der ersten Halbzeit nur noch der HSV. Von Mainz war offensiv praktisch nichts mehr zu sehen. Und damit komme ich zu meiner Bemerkung zurück, dass es schien, als habe mich die Hamburger Mannschaft Lügen strafen wollen. Denn tatsächlich waren die Hamburger sehr wohl, dass belegt das kompakte Mannschaftsverhalten, um defensive Stabilität bemüht. Die Vielzahl an Tormöglichkeiten, die man vor allem in der ersten Spielhälfte herausspielen konnte,  waren logische Folge eben dieser defensiven Kompaktheit. Ich schrieb es hier vor Wochen: wer defensiv kompakt bleibt, egal ob man das Spiel geschlossen nach vorne oder nach hinten verlagert, der verdichtet nicht nur die Räume für den Gegner, sondern der hat die kürzeren Wege zum Ball, die besseren Möglichkeiten, in Ballnähe eigene personelle Überzahl zu erzeugen, und damit auch die besseren Chancen, das Spielgerät zu erobern. Wer dann auch noch zusätzlich die Zuspielversuche des Gegners gut antizipiert, erwischt diesen oft in seiner Vorwärtsbewegung und damit eben auch in defensiver Unordnung. Die letztendliche Folge all dessen sind dann Möglichkeiten zum eigenen Torerfolg. Defensivspiel, das gilt heute mehr denn je, beginnt vorne. Hinter der ballorientierten aggressiven Spielweise des BvBs etwa liegt auch ein defensiver Grundgedanke: wer den Ball schnell zurückerobert, der verhindert eben nicht nur, dass der Gegner zu eigenen Chancen kommt, sondern der schafft sich gleichzeitig seine eigenen Möglichkeiten.

In der 22. Minute stand Tesche völlig frei, etwa 9 bis 10 Meter vor dem Mainzer Gehäuse.  Leider konnte er den den Flankenball nicht ausreichend mit der Stirn drücken. So setzte er den Kopfball leider knapp über das Tor. Nur zwei Minuten später hätte van der Vaart von der rechten Hamburger Angriffsseite mit seinem bekannt starken linken Fuß um ein Haar einen Eckstoß direkt ins Mainzer Tor gezirkelt. Leider stand am langen Pfosten ein Mainzer und konnte den Ball auf der Linie klären (24.). Nur eine Minute später warf Diekmeier einen langen Einwurf in den Strafraum der Mainzer. Tesche leitete den Ball per Kopf weiter zu van der Vaart, aber dessen Kopfball konnte Karius letztlich mühelos halten (25.). Wieder nur zwei Minuten später zirkelte erneut van der Vaart einen Freistoß mit Schnitt in Richtung Tor der Mainzer, aber wieder war es Karius, der in höchster Not vor dem  am langen Pfosten einschussbereiten Mancienne klären konnte (27.). In der 32. Minute flankte dann Jiracek von der linken Außenbahn. Lasogga kam aus ca. 6 Metern zum Kopfball, konnte aber ebenfalls den Ball nicht drücken und setzte ihn über das Tor. Auch die letzte nennenswerte Szene der ersten Halbzeit gehörte dem HSV: Tesche passte scharf von der rechten Seite in den Mainzer Strafraum, wo erneut Lasogga den Ball am langen Pfosten denkbar knapp verpasste (38.).

Wenn bei einem derartigen Spiel beim Spielstand von 1:1 nach dreißig Minuten bereits Gesänge der HSV-Fans angestimmt werden („Niemals zweite Liga! Niemals, niemals!“), dann zum einen, weil man die Spielstände der Konkurrenten kannte, zum anderen, weil wirklich für jeden Zuschauer erkennbar war, dass die gesamte Mannschaft der Hamburger ohne jeden Abstrich „wollte“. Ich jedenfalls war zur Halbzeit hochzufrieden, machte mir aber Sorgen, ob die Kräfte reichen würden. Denn man kennt das ja: eine Mannschaft macht das Spiel, vergibt Chance um Chance und am Ende triumphiert der Gegner. Und so kann man der Mannnschaft des HSVs nur einen Vorwurf machen: sie hätte zur Pause mindestens mit einem, wenn nicht gar mit zwei Toren führen müssen.

Zu Beginn der zweiten Hälfte kamen zunächst die Mainzer wie ausgewechselt aus der Kabine. Kurz nach Wiederanpfiff zeigten sie ihren bis dahin schönsten Spielzug. Zum Glück für den HSV setzten sie den Abschluss aus ca. 20 Metern knapp neben das Hamburger Tor (47.). Kurz darauf zog der Mainzer Geis aus 22 Metern ab, aber Adler konnte den Ball über die Querlatte pfausten (49.). Nicht nur in dieser Drangperiode der Mainzer fand ich Mancienne sehr stark. Obwohl nicht sonderlich groß gewachsen, ist er defensiv im Kopfball kaum zu schlagen. Zudem antizipiert er oft sehr gut die gegnerischen Zuspiele und ist so meist einen Schritt früher als der jeweilige Stürmer am Ball. Dass man ihn (auch), wie geschehen, beim HSV vom Hof jagen wollte (oder will?) ist mir unverständlich.

Nach einer Viertelstunde bekam der HSV die Partie zunächst wieder in den Griff. So kam dieses Mal Calhanoglu völlig frei aus 6 Metern zum Kopfball. Hakan machte im Grunde fast alles richtig, denn er setzte den Kopfball erkennbar entgegengesetzt zur Laufrichtung des Torwartes. Leider verfehlte auch dieser Kopfball knapp das Tor (61.).

In der 65. Spielminute drehte sich der Südkoreaner Koo an der linken Seitenauslinie (aus Mainzer Sicht) um Rincon herum und konnte diesem enteilen. Hier mag eine Rolle gespielt haben, dass Rincon unbedingt eine gelbe Karte vermeiden wollte (oder sollte!), da er ansonsten für die Relegationsspiele gesperrt gewesen wäre. Jedenfalls passte Koo mustergültig zurück an die Strafraumgrenze der Hamburger, wo der starke Mainzer Malli frei stand. Dieser hatte keine Mühe, Adler zu überwinden. Sein Flachschuss rauschte neben dem kurzen Pfosten ins Hamburger Gehäuse zur Führung für die Gastgeber. Das 2:1.

Zwei Minuten später nahm Slomka Lasogga vom Feld, der ja bekanntermaßen wochenlang verletzt gewesen ist, und brachte Ilicevic. Man hatte also nun annäherend die Formation auf dem Feld, die gegen die Bayern gespielt hatte. Auf Hamburger Seite nahm jedoch die mannschaftliche Geschlossenheit nun zunehmend ab. Das mag zum einen an dem unglaublichen kämpferischen und läuferischen Aufwand gelegen haben, den die Mannschaft vor allem in der ersten Halbzeit betrieben hat, und der nun seinen Tribut forderte. Zum anderen spielte die Mannschaft zu viele ungenaue lange Bälle, die postwendend von den Mainzern abgefangen werden konnten. In Folge dessen eröffneten sich die bekannten Löcher zu den Offensivspielern, die bei nachlassenden Kräften nicht mehr schnell genug zurückkamen. Eine Minute später konnte Westermann in höchster Not den Torschuss eines Mainzers am Hamburger Fünfmeterraum gerade noch verhindern, indem er diesen am Rande des Erlaubten aus dem Tritt brachte (68.).

Das Spiel verlief nun eine Weile ohne weitere Höhepunkte. Der HSV war zunächst nicht mehr in der Lage, kontrollierte, planvolle Angriffszüge zu spielen. Zumal nun die Mainzer mit der eigenen Führung im Rücken kaum Räume für ein schnelles, vertikales Konterspiel des HSVs  über den eingewechselten Ilicevic anboten. Wer genau aufgepasst hat, der konnte erkennen, dass sich der für Tesche eingewechselte Arslan in einer Situation erneut wieder zu spät vom Ball getrennt hat. In der 83. Minute, auch das Folge des sich auflösenden Hamburger Mannschaftsverbundes, konnte Okazaki vom rechten Flügel ungestört mit Tempo auf die Hamburger Defensive zulaufen. Der Japaner hatte dabei den Vorteil, dass er agierte, während Mancienne nur (auf ihn) reagieren konnte. Gegen einen technisch starken Angreifer sieht fast jeder Verteidiger der Welt in solchen Situationen schlecht aus. Jiracek kam zu spät und so konnte der Mainzer Stürmer auch noch Adler ausgucken. Er lupfte den Ball an Adler vorbei zum vorentscheidenden 3:1 ins Netz der Gäste (82.).

Der Schlusspunkt der Partie, der allerdings nur noch für die Statistik von Belang ist, war dem HSV vorbehalten. Jiracek flankte von links außen. Ilicevic sprang der Ball an den Arm, was aber für das Schiedsrichtergespann aufgrund der Gesamtsituation kaum zu erkennen gewesen sein dürfte. Der Ball fiel jedenfalls vor Ivos Füße. Und so hatte er keine Mühe, ihn aus 6 Metern neben dem rechten Pfosten im Tor unterzubringen. Das 3:2.

Schiedsrichter: Kinhöfer leitete die Partie im Großen und Ganzen sicher. Grenzwertig war Westermanns Zweikampfverhalten im eigenen Strafraum (68.). Klar irregulär, jedoch aufgrund der Positionierung des Gespanns und der Spieler schwer zu erkennen, war der Anschlusstreffer der Hamburger.

Fazit: Die Mainzer freuten sich über den Einzug in  das internationale Geschäft (Glückwunsch!), müssen sich jedoch wohl um einen neuen Trainer kümmern, da Tuchel seinen Vertrag (bis 2015) in Mainz nicht mehr erfüllen möchte. Insofern dürfte dort die Freude getrübt sein. Der HSV verliert erneut, bleibt aber auf dem zunächst rettenden Platz 16, was allein schon für Erleichterung in Hamburg sorgt, auch wenn die ursprünglichen Zielsetzungen mehr als deutlich verfehlt wurden. Klassenziel war zuletzt nur noch die Vermeidung des Abstiegs. Wer während des Jahres zu oft ungenügende Leistungen bringt, der wird normalerweise nicht versetzt. Jämmerliche 27 Punkte als Saisonausbeute hätten normalerweise zwingend zum direkten Abstieg des Hamburger Sportvereins aus der ersten Liga führen müssen. Aber zum Glück für den HSV, anders kann man es in dieser Saison nicht bewerten, waren zwei Mannschaften noch schlechter als die Hamburger.
Unverständlich bleibt mir, dass eine Profimannschaft der Bundesliga erst unmittelbar kurz vor dem endgültigen Toreschluss zu begreifen scheint, dass man auf dem Spielfeld jederzeit als Mannschaft agieren muss. Dazu gehört, dass jeder einzelne Spieler, gerade wenn kein dominanter Taktgeber im Mittelfeld vorhanden ist, fortwährend die Abstände überprüft und ggf. zur kollektiven Ordnung beiträgt.
HSV-Trainer Slomka ist nicht zu beneiden. Ohne den Wandstürmer Lasogga fehlt es, jedenfalls wenn man nicht kontern kann, vorne an Durchschlagskraft. Dazu gesellen sich unverändert regelmäßig schwerste Aussetzer der Spieler, die der Mannschaft eigentlich ein stabiles Gerüst verleihen müssten. Geradezu grotesk wirkt, dass mit Mancienne (und zuvor Rajkovic) und Tesche ausgerechnet Spieler den Karren mit aus dem Dreck ziehen sollen, mit denen man als Verein zuvor auf beschämende Weise umgesprungen ist.
Im Hinblick auf die nun folgenden Relegationsspiele weckt vor allem die Rückkehr von Lasogga Hoffnungen. Aber die letzten beiden Spiele der Hamburger haben auch gezeigt, dass nicht nur die Moral der Mannschaft absolut intakt erscheint, sondern dass sie grundsätzlich endlich auch um die absolut unverzichtbare Kompaktheit bemüht ist. Während ich diese Zeilen schreibe, steht der Gegner noch nicht fest. Eins scheint mir aber sicher: Bringt die Mannschaft in beiden Spielen nicht eine ähnliche Leistung wie zuletzt, so könnte es sowohl gegen Fürth als auch gegen Paderborn doch noch ein böses Erwachen geben. Schützenhilfe durch die Konkurrenz gibt es ab sofort bekanntlich nicht mehr.
Es überwiegt also auch bei mir nach dieser Niederlage verhaltene Freude, dass der direkte Abstieg vermieden werden konnte, auch wenn die krassen individuellen Fehler, mit denen man sich regelmäßig um den Lohn bringt, ein stetes Ärgernis bleiben. Und ich sehe den beiden kommenden Endspielen mit gedämpftem Optimismus entgegen. Der HSV muss nicht, der HSV darf dank äußerst günstiger Umstände nachsitzen. Es liegt allein an ihm, ob er diese letzte Chance nutzen kann.

Nachtrag: Der 1. FC Köln und der SC Paderborn 07 steigen in die Erste Bundesliga auf. Herzlichen Glückwunsch! Gegner des Hamburger Sportvereins in der Relegation ist somit die SpVgg Greuther Fürth.

Strahlkraft aus Tradition vs. gekaufte Strahlkraft: HSV – VfL Wolfsburg

+++ AKTUALISIERUNG: Westermann wird spielen. Laut HSV.de hat es bei Badelj doch nicht gereicht. Er ist angeblich nicht im Kader. Außerdem hatte ich in meiner erwarteten Aufstellung Zoua gleich zweimal drin. Da das den guten Jacques überfordert, habe ich die Prognose korrigiert. Sorry! +++

Bevor ich mich hier mit der kommenden Partie beschäftige – einen herzlichen Glückwunsch an Tayfun Korkut und Hannover 96! Die „96er“ haben die Gunst der Stunde nach dem Sieg über den Hamburger Sportverein nutzen können und legten gestern Abend mit einem 2:3 Auswärtssieg bei der Eintracht aus Frankfurt nach. Mit nunmehr 35 Punkten sollte der Abstieg der Niedersachsen aus der Eliteliga kein Thema mehr sein.

Der HSV empfängt am Samstagabend einen anderen Verein aus Niedersachsen,  den VfL Wolfsburg. Das gibt mir die Gelegenheit, mich zu einer Thematik zu äußern, die unter Fußballfans in Deutschland regelmäßig zu Kontroversen führt: Traditionsvereine vs. Kunstprodukte. Wobei Anhänger der „Wölfe“ vermutlich jetzt schon wütend aufheulen, wenn ich ihren Verein in diesen Zusammenhang stelle.

Ich gestehe, ich kann mich zu dieser Thematik nicht échauffieren. Natürlich sind es Marketinggründe, wenn sich ein Verein wie die TSG Hoffenheim auf eine Tradition beruft, die angeblich bis 1899 zurückreicht. Tatsächlich, das ist m.E. unbestreitbar, ist der Verein bundesweit erst durch das Engagement des SAP-Mitgründers, Dietmar Hopp, nennenswert in Erscheinung getreten. Erst die Millionen, die Hopp in den Verein investierte, erlaub(t)en den Hoffenheimern im Konzert der Großen mitzuspielen. Ohne dessen Moos – nichts los im beschaulichen Sinnsheim. Aber, und das finde ich an dem Projekt „TSG“ spannend, man hat das Geld von Hopp meist klug und nachhaltig investiert. Mit Ralf Rangnick, einem wenn nicht gar dem größten Visionär unter den deutschsprachigen Trainern, gelang der TSG seinerzeit der Durchmarsch in die Bundesliga. Dazu hatte man den Mut, mit dem ehemaligen Hockey-Nationaltrainer, Bernhard Peters, einen Nicht-Fußballer ins Boot zu holen. Ich behaupte, beide Personalien zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie dem traditionell erzkonservativen deutschen Fußball wichtige Impulse gegeben haben. Rangnick etwa hatte schon mit dem SSV Ulm bewiesen, was bis dato als unmöglich galt: dass man mit einer deutschen Fußball-Mannschaft sehr wohl erfolgreich die Viererkette spielen lassen kann. Der kongeniale Peters dürfte n.v.m. mitbewirkt haben, dass ein im Feldhockey längst bekanntes taktisches System, das 4-1-4-1, auch im Fußball Einzug fand. Auch trainingsmethodisch kamen aus Sinnsheim wichtige Anregungen. So ließ man u.a. die eigenen Stürmer immer wieder neue, unvorhergesehene „Probleme lösen“, statt ihnen feste Spielzüge vorzugeben. Auch der Blick über den Tellerrand des Fußballs, z.B. zum Futsal, oder durch die konsequente Einbeziehung der Sportpsychologie, war bei den Hoffenheimern längst Usus, während die etablierten Traditionsvereine z.T. noch mit Konditionsgebolze ohne Ball in der Steinzeit der Trainigsmethodik verweilten. Was mich also für einen Emporkömmling wie die TSG einnimmt, ist der Inhalt, nicht die Verpackung. Und seien wir ehrlich – ein Bißchen mogeln gehört bei der Geburtszahl dazu. Der Hamburger SV beruft sich bei seinem angeblichen Gründungsdatum 1887 auch auf einen Vorgängerverein. (Der HSV wurde tatsächlich erst am 2. Juni 1919 gegründet.) Im Übrigen ist Tradition etwas, was im Laufe der Zeit entsteht und nicht per se gegeben ist. Wenn etwas aber erst entstehen muss, dann muss es prinzipiell auch einen Anfang nehmen dürfen. Das reine Gejammer, die Anderen hätten keine Tradition, ist die Klage von Besitzstandswahrern, die verkennen, dass sich auch ihre Tradition erst entwickeln musste.

Etwas anders verhält es sich aus meiner Sicht mit Vereinen wie RB Leipzig oder dem VfL Wolfsburg. Mag man sich in der Region um Leipzig noch auf eine ruhmreiche Tradition vornehmlich aus Vorkriegs- (VfB Leipzig) oder DDR-Zeiten (1. FC Lokomotive Leipzig) berufen, so ist der VfL in meinen Augen ein tatsächliches Beispiel für einen „Plastikclub“. Um es auf eine kurze Formel zu bringen: Ohne den VW-Konzern gäbe es die ganze Stadt in dieser Form gar nicht und auch nicht den Verein. Ohne VW wäre nordöstlich von Braunschweig „tote Hose“, Tristesse pur. Bis Anfang der 1990er Jahre dümpelte man in der relativen sportlichen Bedeutungslosigkeit der damaligen Oberliga Nord. Erst als der VW-Konzern aus marketingtechnischen Gründen entschied, sich verstärkt finanziell im VfL zu engagieren, gelang den Wolfsburgern der Aufstieg in den bezahlten Fußball. Der Volkswagenkonzern ist es, der das ganze Konstrukt am Leben erhält. Mit VW im Rücken konnte man sich Magath und dessen berühmt-berüchtigten Einkaufsorgien leisten, ohne umgehend Insolvenz anmelden zu müssen. Die Meisterschaft 2008/09 – ein Geschenk des Automobilkonzerns an „seine“ Stadt. Der sportliche Erfolg war zweifellos verdient und soll nicht in Abrede gestellt werden. Er ist aber dahingehend zu relativieren, dass er dem Verein aus eigener Kraft höchstwahrscheinlich niemals gelungen wäre.

Natürlich, auch der Hamburger Sportverein ist Werbeträger für seine diversen Partner, schon lange. Und natürlich bleibt die Finanzierung eines wettbewerbsfähigen Kaders auch in Hamburg von externen Geldern abhängig – wer wüsste das nicht, in Zeiten der Debatte über eine Strukturveränderung. Aber der HSV war nie (und wird es auch hoffentlich in Zukunft nie sein!) abhängig allein von den konzernstrategischen Entscheidungen der Vorstandsetage eines einzigen Konzerns. Tradition steht in Hamburg, so könnte man es wohl formulieren, auf mehreren Füßen, nicht auf einem. Und es ist die Strahlkraft der Stadt Hamburg in Verbindung mit der Vereinsgeschichte, die den Verein für Werbepartner interessant macht. In Wolfsburg hingegen entsteht Strahlkraft des Vereins, einer grundsätzlichen grauen Maus, allein, weil es der Volkswagenkonzern so entschieden hat. Ähnliches trifft auf internationaler Ebene z.B. auch auf das Kunstprodukt PSG (gegründet 1970) aus Paris zu. Allein durch den  Einstieg des Investors, der QTA (Tourismusbehörde Katars), kann man sich dort Stars wie Ibrahimovic leisten und spielt urplötzlich in der Bellétage des Fußballs, der ChampionsLeague, eine ernstzunehmende Rolle. Vor QTA war PSG eher ein Synonym für Misswirtschaft, Inkompetenz und dümpelte in der sportlichen Bedeutungslosigkeit. Insofern verwundert es schon, wenn manche Traditionalisten in Deutschland die TSG 1899 Hoffenheim schmähen, gleichzeitig aber PSG die Daumen drücken, weil der Ibrahimovic ein toller Kicker ist.

Zurück zum kommenden Gegner, dem VfL Wolfsburg. Sportlich, das respektiere ich, hat man nach der missglückten Rückholaktion mit dem ehemaligen Meistermacher Magath die Kurve bekommen. Dieter Hecking ist ein Trainer, den ich mir grundsätzlich auch beim HSV vorstellen könnte. Unter Hecking ist der VfL dabei, sich in der Spitzengruppe der Bundesliga dauerhaft zu etablieren. Waren es bislang der FCB, BvB, Bayer04 und Schalke, die die vordersten Plätze ausspielten, so klopfen mit der Borussia aus ‚Gladbach und dem VfL Wolfsburg zwei weitere Vereine mit Nachdruck an die Tür und begehren Einlass in den illustren Kreis. Auch etwas, was man als Hamburger tunlichst bedenken sollte, wenn man meint, der HSV müsse ins internationale Geschäft.

Hecking lässt den VfL gewöhnlich in einem 4-2-3-1 antreten. Ganz vorne spielt der auch beim HSV bestens bekannte Olic. Dahinter links Perisic, zentral das deutsche Supertalent, Maximilian Arnold und rechts der ebenfalls hochbegabte Belgier, Kevin De Bruyne. Der eine Sechser, der Brasilianer Luiz Gustavo, hat internationale Klasse. Sein Partner war zuletzt der junge Belgier Malanda, der aber zum Glück für den HSV mit einer Kreuzbandzerrung ausfällt. Seinen Platz könnten  Marcel Schäfer oder Daniel Caligiuri einnehmen. Die Stärken des VfL liegen, darauf wies Slomka zurecht in der PK zum Spiel hin, eindeutig in der Offensive. Insbesondere die vier Offensivspieler sind sehr lauffreudig und rochieren auf den Positionen. Die Hamburger werden defensiv also konsequent und diszipliniert verschieben müssen. Und vor allem müssen die Räume eng gehalten werden, damit man überhaupt Zugriff auf das Spiel bekommt. Auch sollte man Freistöße für den VfL vor allem im zentralen Raum vor dem Tor unbedingt vermeiden. Arnold und vor allem der vom BvB verpflichtete Innenverteidiger Naldo  können hart und präzise aus der Distanz schießen. Wer einen der Beiden ab 25 Meter vor dem Tor zum Abschluss kommen lässt, ist selber schuld.

Keine Frage, das wird ein hartes Stück Arbeit für den bekanntlich angeschlagenen HSV. Wenn ich die jüngsten Meldungen aus Hamburg richtig deute, dann werden Badelj und Westermann beide auflaufen, wenn es denn irgendwie geht. Erfreulicherweise steht mit Kerem Demirbay eine Alternative für Badelj grundsätzlich wieder zur Verfügung. Da der Spieler aber eine lange Verletzungshistorie hinter sich und demzufolge keine Spielpraxis hat, gehe ich nicht davon aus, dass ihn Slomka in die Startelf stellen wird, sollte es bei Badelj doch nicht reichen (Entscheidung fällt heute). Ich gehe also von folgender Aufstellung des Hamburger Sportvereins aus:

Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann – Calhanoglu, Badelj (Rincon), Arslan, Jiracek – Ilicevic – Zoua

Abhängig vom Spielverlauf dürften sich  Maggio, Tesche und Demirbay Hoffnungen auf einen (Kurz-)Einsatz machen.

Hoffen wir, dass es dem HSV erneut zu Hause gelingt, gegen einen auf dem Papier stärkeren Gegner zu punkten. Möglich ist es! Das haben die Siege gegen den BvB und Leverkusen bewiesen.

Schiedsrichter der Partie ist Herr Sippel aus München.