Zoua

Eine Niederlage, die Anlass zu leiser Hoffnung gibt: HSV – FC Bayern München 1:4 (0:1)

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt – was wie ein vorweggenommenes Fazit klingt, galt schon vor dem Spiel. Hatte ich nach der Verletzung Zouas u.a. mit Maggio als vorderster Spitze gerechnet, so überraschte HSV-Trainer Slomka mit der Aufstellung gleich mehrfach:

Adler – Diekmeier (60. John), Westermann (76. Tah), Mancienne, Jiracek – Rincon, Tesche, Badelj, Calhanoglu – van der Vaart (67. Demirbay) – Ilicevic

Tesche ersetzte den gelbgesperrten Arslan; Rincon spielte statt Calhanoglu vor Diekmeier auf der rechten Außenbahn; Calhanoglu nahm stattdessen die Ilicevic-Rolle auf der anderen Seite, der linken Außenbahn ein, und Ilicevic ersetzte Zoua als vorderste Spitze. Nach den zuletzt gezeigten Leistungen erschien der Verzicht auf Maggio grundsätzlich als nachvollziehbar. Die daraus resultierenden Umstellungen waren angesichts der zuletzt gezeigten Leistungen folgerichtig. Für den Verzicht auf Jansen habe ich jedoch keine explizite Begründung gefunden. Nachdem ich hier aber bereits mehrfach festgestellt hatte, dass Marcels Spiel sehr stark von seiner körperlichen Verfassung abhängig ist, empfand ich auch diese Maßnahme Slomkas als absolut plausibel. Ein lediglich spielfähiger, aber nicht topfitter Jansen, das zeigte erst jüngst erneut das Spiel gegen die Wolfsburger, ist keine Verstärkung für die Mannschaft. Jiracek hingegen, auch wenn er kein gelernter Außenverteidiger ist, ist stets „bissig“ am Mann und somit ein passabler Ersatz.

Spielbericht: Wer auch dieses Mal mit einem frühen Rückstand für die Gastgeber gerechnet hatte, sah sich eines Besseren belehrt. Der HSV kam gut in die Partie und stand zunächst defensiv sicher. Endlich, endlich agierte man als ein geschlossenes Team. Nicht nur, dass die Abstände zwischen den einzelnen Spielern stimmten, auch die Mannschaftsteile blieben meist eng beieinander. Wahlweise presste man geschlossen offensiv (Oh, Wunder!), oder zog sich gemeinsam hinter den Ball und vor den eigenen Strafraum zurück. Vorne störten die lauffreudigen Ilicevic und van der Vaart immer wieder erfolgreich das Aufbauspiel des Gegners, ohne allein von den guten Wünschen ihrer Mannschaftskameraden begleitet zu werden. Im Ergebnis fanden die Bayern zunächst kaum Räume, um tatsächlich torgefährlich zu werden.

Gerade Ilicevic wirkte überaus engagiert. In der ersten Halbzeit suchte er aus jeder (un)denkbaren Lage den Torabschluss. Gelegentlich wirkte das etwas übermotiviert, aber wer will es ihm gegen einen Gegner verdenken, gegen den man gewöhnlich wenig Chancen erhält?! In der ersten Spielhälfte bot die Mannschaft m.E. die beste Teamleistung seit vielen Wochen. Das konnte sich wirklich sehen lassen. Immer wieder konnte das Spielgerät durch personelle Überzahl in Ballnähe oder gute Antizipation der Passwege des Gegners erobert und eigene Angriffsversuche gestartet werden. All dies war, ist und bleibt vor allem die logische Folge einer mannschaftlichen Geschlossenheit, der viel zitierten Kompaktheit (Wer in diesem Zusammenhang allein auf angeblich fehlenden Einsatzwillen einzelner Spieler abhebt, der sollte besser Hallen-Halma kommentieren.). Wenn man der Hamburger Mannnschaft für die erste Spielhälfte einen Vorwurf machen kann, dann ist es die Tatsache, dass die Mannschaft nach erfolgreicher Balleroberung offensiv wenig klare Möglichkeiten herausspielte. Aber hier ist dann eben auch zu berücksichtigen, welcher Gegner auf dem Feld stand.

So dauerte es mehr als eine halbe Stunde, bis die Bayern die hamburger Defensive erfolgreich überwinden konnten. In der 32. Minute konnten Götze und Robben trotz personeller Überzahl der Hamburger im Strafraum der Gastgeber Doppelpass spielen. Am Ende stand Götze frei vor Adler und schob an ihm vorbei aus fünf Metern in lange Eck. Das früher erwartete 0:1 für den neuen Deutschen Meister. Ärgerlich daran fand ich allein die Entstehung (Überzahl). Das war zu einfach und hätte vermieden werden können.  Immerhin dauerte es bis zur  40. Minute, bis es erneut im Strafraum der Hamburger brannte: Eine Freistoß-Flanke der Bayern von halblinks segelte quer durch den Sechzehner der Gastgeber an den rechten Pfosten. Robben legte per Kopf parallel zur Torlinie quer auf die andere Seite, wo Müller den Ball dann denkbar knapp neben den linken Pfosten am Tor vorbei setzte.

In der 42. Minute dann die beste Möglichkeit des HSVs zum Ausgleich. Tesche(?) bediente van der Vaart am Strafraum der Münchner. Van der Vaart dreht sich um seinen Gegenspieler und zog aus der Drehung mit seinem starken linken Fuß ab. Leider kam der Ball zu zentral auf das Tor. So konnte Neuer gerade noch den Arm hochreißen und diesen fulminanten Schuss über die Querlatte lenken. Eine Minute später bediente Calhanoglu Ilicevic. Ilicevic stand halblinks an der Grenze zum Strafraum und visierte das lange, obere Eck des Gästetores an. Leider verfehlte auch dieser Schuss letztlich das Ziel. Dennoch, nur 0:1 zur Pause –  das war fast mehr, als ich vor dem Spiel zu hoffen gewagt hätte.

In der Halbzeitpause (und kurz nach Wiederanpfiff zur zweiten Spielhälfte) kam es auf der Nordtribüne zu unschönen Szenen. Offenbar hatte einige Wirrköpfe ein oder zwei Banner mit der Aufschrift „A.C.A.B.“ aufgehängt. Diese Kürzel steht bekanntlich für die pauschal beleidigende Behauptung, „all cops are bastards „. Der Einsatzleiter der Polizei kam in einer für mich absolut nicht nachvollziehbaren Abwägung der Verhältnismäßigkeit zu dem Ergebnis, dass er seine Männer mit der Sicherstellung der Banner beauftragen müsse. So versuchten also mehrere Trupps in die beiden Blöcke einzumarschieren. Und es kam, was kommen musste. Ein vollbesetztes Stadion, bei dessen überwiegendem Teil der Zuschauer die Nerven ohnehin angesichts des Rückstandes und der Tabellensituation zum zerreißen gepannt gewesen sein dürften, und dann der Versuch, zweifellos idiotische, beleidigende Banner ausgerechnet von der Nordtribüne, der Heimstatt der Ultras zu entfernen. Es kam also zu einer absolut vorhersehbaren Eskalation. Die betroffenen Blöcke wehrten sich gegen das Eindringen der Polizei. Die Ordnungskräfte wiederum versuchten mit Zwangsmaßnahmen, zu denen auch der ausgiebige Einsatz von Pfefferspray gehörte, den Einsatzbefehl des Einsatzleiters umzusetzen. Das Resultat der Geschichte: unnötiger Krawall und dutzende Verletzte auf beiden Seiten, darunter auch vollkommen unbeteiligte Zuschauer. Man muss sich diese Rechtsgüterabwägung durch die Einsatzleitung mal auf der Zunge zergehen lassen: Wenn Gefahr für den Leib droht, z.B. durch das unsägliche Abbrennen von Pyrotechnik, passiert oft genug nichts oder zu wenig. Wenn man sich aber beleidigt fühlt, dann schickt man unverzüglich Hundertschaften ins Gefecht. Ich frage mich, wem ich hier weniger Verstand bescheinigen soll: Den Schwachköpfen, die derartige Banner im Stadion aufhängen, aber außerhalb des Stadions „privat“ nach der Polizei plärren, wenn es ihnen gerade passt? Oder der Einsatzleitung der Polizei, die, um eine Beleidigung durch ein Paar Hirnlose zu unterbinden, billigend in Kauf nimmt, dass dutzende wenn nicht gar hunderte vollkommen unbeteiligte Zuschauer zu Schaden kommen? Rechtsgüterabwägung und Verhältnismäßigkeit gehen in meinen Augen jedenfalls anders.

Zurück zum Spiel: In der 55. Spielminute bekam der FCB einen Eckstoß auf ihrer rechten Angriffseite zugesprochen. Die Hamburger zogen sich alle in Erwartung einer Flanke tief in den eigenen Strafraum rund um den eigenen Fünfmeter-Raum zurück.  Am rechten Eck des Sechzehners stand Götze mutterseelenallein und hatte nach der Ballanahme alle Zeit der Welt. Ein Anfängerfehler der HSV-Defensive, wie man ihn normalerweise nur im unterklassigen Jugendfußball sieht. Als Tesche endlich herausrückte,  war es im Prinzip schon zu spät. Götzes Schuss wurde von Müller entscheidend abgefälscht – das 0:2. Wahnsinn! Da verteidigt der HSV endlich, endlich als Team und schaufelt sich die Gegentore im Grunde selbst hinein. Als Betrachter stelle ich mir die Frage, wie Bundesligaspieler(!) derart „verteidigen“ können. Fühlt sich in einer solchen Situation keiner verantwortlich, oder gibt es keinen, der den Hinweis auf den freien Mann und das  Kommando gibt? Möglicherweise ist dies ein weiteres Indiz für eine suboptimale Struktur in dieser Hamburger Mannschaft. Aber das ist lediglich eine Spekulation meinerseits.

Slomka reagierte und brachte zunächst John für Diekmeier (60.). Rincon rückte nun zurück auf die Rechtsverteidiger-Position. Zu loben ist,  dass sich die Mannschaft des Hamburger Sportvereins trotz des Zwei-Tore-Rückstandes weder aufgab, noch grundsätzlich in die alten Fehler (fehlende Kompaktheit) verfiel. In der 67. Minute schoss der erneut starke Calhanoglu aus 16 Metern auf das Tor der Bayern. Neuer rette mit Mühe. In der 67. brachte Slomka dann Demirbay für Hamburgs Kapitän van der Vaart. „Raffa“, der bis dahin (meist zusammen mit Ilicevic) unermüdlich versucht hattte, den Spielaufbaus der Bayern zu stören, schien mit seinen Kräften (Verletzungshistorie) zunehmend  am Ende.
Die Bayern überließen nun den Gastgebern untypischerweise ein wenig das Spiel. In der 72. Spielminute zeigten sie dann, dass sie unverändert auch kontern können. Robben lief den Hamburgern auf und davon. Seinen Schuss konnte Adler zwar noch mit Mühe parieren, doch der Abpraller kam zum aufgerückten Müller. Der passte zu Götze, der erneut völlig frei halbrechts im Strafraum stand. 0:3 – so einfach kann das gehen.

Nur zwei Minute später dann die Antwort der Hamburger: Der junge Demirbay lief über die rechte Hamburger Außenbahn und ließ erfolgreich hintereinander drei Bayern aussteigen. Sein Seitenwechsel fand Calhanoglu. Dieser zog von der linken Außenbahn am Sechzehner nach innen und schoss für Neuer unhaltbar ins lange Eck. „Nur“ noch 1:3 für den Favoriten (72.) Ein aus meiner Sicht gleich in mehrfacher Hinsicht ganz wichtiger Treffer. Zum einen legte er die Grundlage dafür,  dass sich so die Niederlage in Grenzen hielt, was mit Blick auf die Tabelle und dort die Tordifferenz von Bedeutung ist, zum anderen dürfte er damit den Frust des Hamburger Publikums ein wenig in Grenzen gehalten haben…

Nur drei Minuten später lief der gerade eingewechselte Pizarro Mancienne davon und schoss auf das Hamburger Tor. Adler konnte den Schuss mit äußerster Mühe gerade noch parieren, aber der Ball sprang nach vorne hoch weg – kein Vorwurf an dieser Stelle. Pizarro schaltete blitzschnell und netzte per Fallrückzieher aus ca. 8 Metern. Mit dem 1:4 (75.) war dann allen vielleicht gerade aufkeimenden Hoffnungen der Hamburger auf ein Unentschieden der Zahn gezogen. Zu diesem Zeitpunkt, eine Viertelstunde vor Schluss, befürchtete ich kurzfristig, dass dieses Spiel vielleicht doch noch in einem Debakel für den HSV enden könnte, was ich mit Blick auf die über weite Strecken gute Mannschaftsleistung des Hamburger Sportvereins als sehr schade empfunden hätte. Möglichkeiten dazu waren vorhanden:  In der 80. Minute hätte es m.E. Elfmeter für den FC Bayern geben können, nachdem Jiracek links außen, aber klar innerhalb des eigenen Strafraums, Bayern-Kapitän Lahm zu Fall brachte. Gab es aber nicht, zum Glück für den HSV. Und nur drei Minuten später (83.) düpierte der formidable Götze Badelj in Nähe der Eckfahne und Torauslinie, rechts vom Hamburger Tor aus gesehen,  mit einem Beinschuss. Die Bayern ließen für einen Moment ihr circensisches Können aufblitzen und kombinierten munter innerhalb des Hamburger Strafraums. Doch wieder hatte der HSV Glück. Ihr Abschluss rauschte am Ende folgenlos über das Tor ihrer Gastgeber.

Den Schlusspunkt setzten dann Demirbay und Boateng. Der Hamburger war im Sechzehner der Gäste zu Fall gekommen. Es entwickelte sich ein Wortgefecht zwischen Kerem und Jerôme, an dessen Ende beide Kontrahenten Stirn an Stirn voreinander standen und vermutlich Nettigkeiten austauschten. Boateng ließ sich zu einer Schlagbewegung (Ohrfeige) hinreißen. Das Resultat: gelbe Karte für Demirbay und glatt Rot für Boateng (86.). Ab diesem Zeitpunkt waren die nun in Unterzahl spielenden Bayern verständlicherweise vorrangig um Ergebnissicherung bemüht. Bemerkenswerte Höhepunkte waren daher nicht mehr zu notieren.

Schiedsrichter: Fritz (Korb). Mit einer dem Spielfluss dienenden, großzügigen Regelauslegung. Der nicht gegebene Elfmeter für den FCB ist diskutabel.

Fazit: Im Fernduell der abstiegsgefährdeten Mannschaften darf sich der HSV getrost als Gewinner des Spieltages fühlen. Es ist zum verrücktwerden! Hätte der HSV als Mannschaft in dieser Saison häufiger derart kompakt gespielt, man hätte diverse Punkte mehr auf dem Konto.
Wenn dem HSV doch noch der Klassenverbleib gelingen sollte, dann nur deswegen, weil die Mitkonkurrenten, Braunschweig und Nürnberg, ebenfalls ihre Chancen verpassten. Besonders bitter bestraft wurden die Braunschweiger, die erst in der Schlussphase ihrer Partie gegen den FCA (beim Stand von 0:0!) eine eigene, große Torchance zu dem dann wahrscheinlichen Sieg vergaben, und die dann in der 90+5. Minute (!) durch das 0:1 für den FCA sogar noch als Verlierer vom Feld gingen.
Wider Erwarten hat der HSV also vor der letzen regulären Partie der Saison sein Schicksal in den eigenen Händen. Tritt er als Mannschaft so auf, wie vor allem in der ersten Spielhälfte, so könnte er durchaus auch auswärts gegen die „05er“ punkten. Das wird sicher kein leichter Gang, da Mainz mit 50 Punkten auf Platz sieben nur einen Punkt vor dem FCA steht und sicher diesen Platz, der bekanntlich zur Teilnahme an der EuroLeague berechtigt, mit Macht verteidigen will. Aber vor allem bei den tapferen Braunschweigern muss man damit rechnen, dass sie gegen die nicht mmer sattelfeste Hoffenheimer Defensive evtl. eine Überraschung schaffen könnten. Gelingt dem HSV jedoch in Mainz wenigstens ein Unentschieden, so dürfte selbst ein Sieg der Braunschweiger für den Dino folgenlos bleiben. Ansonsten bliebe alles wie es ist. Verlieren alle drei abstiegsgefährdeten Mannschaften, so hätte der HSV  – trotz erbärmlich schwacher Saisonausbeute von 27 Punkten! – das erste Etappenziel erreicht. Für mich ist und bleibt entscheidend, auch mit Blick auf etwaige Relegationsspiele, ob die Mannschaft die mannnschaftliche Geschlossenheit endlich nachhaltig auf den Platz bringen kann. Gelingt dies, so könnte der Abstieg doch noch vermieden werden. Gelingt dies nicht, so hat man auch nichts anders verdient.
Mein Eindruck ist, dass Tesche, auch wenn er beim 0:2  eindeutig mitbeteiligt war, klarere Bälle spielt als Arslan. Ginge es allein nach mir, so würde ich im Hinblick auf das entscheidende Spiel gegen Mainz, abhängig vom Fitnesszustand Jansens, höchstens einen Wechsel auf der Linksverteidiger-Position in Erwägung ziehen. Aber natürlich könnte Slomka auch durch Verletzungen anderer Spieler zu weiteren Umstellungen gezwungen sein.

DAS RESTPROGRAMM

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -23):
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -30)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -29):
1899 Hoffenheim (A)

Dem Dino droht der direkte Abstieg: FC Augsburg – HSV 3:1 (3:1)

Ich hätte große Lust, an dieser Stelle jetzt eine gnadenlose Abrechnung mit all den vielen, vielen Einzelpersonen und Fraktionen zu beginnen, die m.E. für den  inzwischen galoppierenden Niedergang des Hamburger Sportereins verantwortlich sind. Ich werde dieses prall gefüllte, große Fass jedoch nicht aufmachen. Noch nicht. Aber der Zeitpunkt, an dem abgerechnet wird, rückt näher. Wenigstens zwei Spieltage jedoch werde ich versuchen, mich allein auf die sportliche Situation zu beschränken, denn alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt für den Verein kontraproduktiv. Davon bin ich und bleibe ich überzeugt.

Spielverlauf und Resultat eines Fußballspiels sind von vielen, vielen Dingen abhängig. Ich denke, das gestrige Spiel hat einige dieser Faktoren sehr deutlich zu Tage treten lassen. Normalerweise schreibe ich einen ausführlichen Spielbericht vor allem für diejenigen unter Euch, die das Spiel nicht mit eigenen Augen verfolgen konnten. Das würde ich mir heute nur zu gern ersparen, denn es zwingt mich jedes Mal, das trostlose Gekicke der Mannschaft meines Herzens erneut minutiös zu durchleiden. Aber mag es mir auch schwerfallen, so werden vielleicht einige der Faktoren erkennbar, die zum Ergebnis beitrugen. Und das erscheint mir als Kontrapunkt in der allgemeinen Berichterstattung über den HSV wichtig. Will uns der Boulevard in seinen s.g. Expertisen doch beständig nach Niederlagen einreden, es habe hauptsächlich an der richtigen Einstellung gemangelt. Dieses Spiel hat jedoch einmal  mehr schonungslos offengelegt, dass Erklärungsversuche deutlich differenzierter ausfallen müssen. Es ist eben nicht die mangelhafte Einstellung der Profis, jedenfalls nicht hauptsächlich oder allein, die den Dino in höchst akute Abstiegsgefahr gebracht hat.

Die Mannschaft war, ich erwähnte dies in meiner Vorschau, vorzeitig nach Augsburg gereist. Zum einen wollte man tatsächlich ausgeruht in dieses eminent wichtige Spiel gehen, zum anderen wollte man sich fokussieren und als Team noch enger zusammenrücken. Vor Ort fand dann noch eine Trainingseinheit statt. Als Resultat schickte Mirko Slomka die folgende Mannschaft ins Rennen gegen die Augsburger:

Aufstellung: Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jansen (69. Jiracek) – Rincon, Badelj (75. Demirbay), Arslan, Ilicevic – Calhanoglu – Maggio (61. Zoua)

Spielbericht: Kaum noch ein Spiel des Hamburger Sportvereins, bei dem der Betrachter nicht bereits kurz nach dem Anpfiff ein ungutes déja vu erleben würde. Das Spiel war gerade einmal sechs Minuten alt, da lag der HSV bereits 0:1 zurück. Wieder einmal. Hatte ich im Vorbericht die Augsburger Kompaktheit gepriesen und als Vorbild für den HSV ausgegeben, so war Hamburgs linke Seite zum ersten aber keineswegs zum letzten Mal offen wie ein Scheunentor. Der schnelle Hahn marschierte über den Flügel und passte scharf nach innen auf Höhe der Strafraumgrenze. Dort rutschten mehrere Hamburger Spieler auf dem seifigen Rasen aus. Augsburgs Altintop erwies sich jedoch als standfest und kam fast unbedrängt in zentraler Position vor dem Gäste-Tor zum Schuss. Adler war chancenlos. Das 1:0 (6.) für die Hausherrn.

In der 16. Minute schoss Hahn Hamburgs Mancienne aus kürzester Distanz im Hamburger Strafraum den Ball an die Hand. Schiedsrichter Welz verweigerte zurecht den Elfmeterpfiff.

Das erste wirkliche Ausrufezeichen aus Hamburger Sicht war in der 18. Spielminute zu notieren. Ilicevic zog endlich einmal efolgreich vom linken Flügel nach innen und wurde von Augsburgs Innenverteidiger, Callsen-Bracker, vier Meter vor der Strafraumgrenze und mittig zum Tor gefoult. Calhanoglu hob den folgenden Freistoß sehenswert über die Mauer. Leider erwies sich Hitz im Tor der Gastgeber als sicherer Rückhalt. Er tauchte blitzschnell in die Ecke und konnte den Ball gerade noch parieren. Der HSV war trotz des erneut frühen Rückstandes gut im Spiel. Die Mannschaft wirkte durchaus willig und engagiert. Man gewann fast 60 Prozent der Zweikämpfe und erreichte ein optisches Übergewicht. Das sah zunächst gar nicht schlecht aus. Leider fehlten klar herausgespielte Torchancen. So kam man, wenn überhaupt, nur mit Fernschüssen zum Abschluss, die jedoch letztendlich ungefährlich blieben.

In der 25.  Minute flankte Calhanoglu einen Freistoß von links in den Augsburger Strafraum. Der aufgerückte Westermann kam im Fünfmeter-Raum, bedrängt von einem Augsburger, an den Ball, schob diesen jedoch knapp am rechten Pfosten vorbei. Sechs Minuten später (31.) herrschte erneut Alarm im Strafraum der Gastgeber. Leider traf Badelj den hüfthohen und daher schwer zu nehmenden Ball nicht richtig. Nur eine Minute später war erneut die linke Abwehrseite des HSVs offen. Hahn marschierte erneut und passte dann scharf aus dem Lauf nach innen. Dieses Mal war Badelj nicht schnell genug zurückgeeilt. Altintop kam wieder fast unbedrängt aus neun Metern zentral vor Adler zum Schuss – das 2:0 für den FCA als logische Konsequenz. Spätestens jetzt sah ich mich in meiner Befürchtung bestätigt,  die ich hier an gleicher Stelle in der Vorschau ganz bewusst unterschlagen hatte. Beide zuletzt verletzten Spieler, Jansen und Badelj, waren zwar spielfähig, wirkten jedoch alles andere als wirklich fit. Dass HSV-Trainer Slomka sie dennoch meinte bringen zu müssen, zeigt, wie dünn die Personaldecke des Vereins inzwischen ist. Im Grunde stellt sich die Mannschaft fast von alleine auf.

Wenn von Hamburger Seite etwas offensiv ging, dann meist über die rechte Seite. Dort mühte sich Rincon im Zusammenspiel mit Diekmeier redlich auf einer für ihn sicher suboptimalen Position. Hier wurde aber auch ein weiteres Manko deutlich: Diekmeier konnte gefühlt fünfzehn Flanken von rechts nach innen schlagen, aber diese segelten in aller Regel vollkommen ungefährlich an Freund und „Feind“ vorbei. Das lag aber nur zum Teil daran, dass sie einfach ganz schlecht, da zu hoch und/oder zu lang, geschlagen waren. Slomka hatte sich nach wohl durchaus überzeugenden Trainingsleistungen für Maggio (statt Zoua) als Sturmspitze entschieden. Der junge Nachwuchsspieler lief viel, aber Training und realer Wettkampf sind zwei Paar Schuhe. Er blieb blass und konnte zu keiner Zeit nennenswert in Erscheinung treten. Auch hier kein Vorwurf meinerseits an Slomka, denn ob ein Nachwuchsspieler wirklich unter Wettkampfbedingungen funktioniert, das kann man nur herausfinden, wenn man ihm ein gewisses Vertrauen schenkt. Es fehlte den Flanken also an Qualität und an einem Abnehmer.

In der 35. Minute kam Arslan nach schöner Einzelleistung aus 25 Metern zum Abschluss. Aber auch der Ball rauschte über das Gehäuse der Gastgeber. Es war in meinen Augen Tolgays beste Szene. Im weiteren Spielverlauf fiel er allenfalls durch umständliches und schlampiges Pass-Spiel auf. Womit ich beim nächsten Faktor wäre: der eine Sechser (Badelj) nicht im Vollbesitz seiner Kräfte und verletzungsbedingt mit fehlendem Spielrhythmus, der andere mit großen Leistungsschwankungen.

Einmal mehr durfte sich der überragende Hahn auf Augsburger Seite ungestört von Hamburgs Defensive in Szene setzen. In der 42. Minute kam er aus halbrechter Position und ca. 20 Metern frei zum Abschluss. Der Ball kam auf den kurzen Pfosten. Dort stand Adler und wollte den Schuss mit beiden Armen abwehren, boxte sich den Ball jedoch neben den Posten ins eigene Netz. Das 3:0 für den FC Augsburg. Für einen Bundesligatorhüter, zumal einen Nationalspieler, ein kapitaler Fehler. Und leider ist es inzwischen wohl der siebte folgenschwere Fehler,  der René in dieser Spielzeit unterläuft. Auch hier lässt sich eine Feststellung treffen: In der letzten Saison war es ein überragender Adler, der dem HSV viele Punkte fast im Alleingang gesichert hat. Das hat über viele, bereits damals im Prinzip  vorhandene und erkennbare Defizite hinweggetäuscht. Ohne einen famosen Adler in Bestform jedoch treten diese Defizite nun jedoch schonungslos zu Tage.

Kurz vor der Pause dann ein kleiner Hoffnungsschimmer aus Sicht der HSV-Anhänger. Calhanoglu flankte einen Freistoß für den HSV wieder vom linken Flügel mit Schnitt zum Tor. Dem erneut aufgerückte Westermann fiel der Ball auf die Schulter. Von dort wurde er für Hintz unhaltbar in lange Eck abgefälscht. Der Anschlusstreffer zum 3:1 in der 44. Minute.

Zur Halbzeit habe ich mir das folgende Zwischenfazit notiert: entscheidende Pässe des HSVs werden zu ungenau, z.T. in den Rücken des Mitspielers, gespielt. Dadurch gehen immer wieder Tempo und Spielfluss verloren, was dem Gegner die wenigen Sekunden verschafft, die er benötigt, um etwaige defensive Lücken zu schließen. Torgefahr entsteht, wenn überhaupt!, allein durch Calhanoglu. Ilicevics Spielweise ähnelt der des bayrischen Robben, erreicht aber nicht ansatzweise dessen Qualität. Absolut vorhersehbar zieht er an der Strafraumgrenze vom linken Flügel nach innen und verliert spätestens dann fast immer den Ball.

Den Spielbericht der zweiten Halbzeit versuche ich kurz zu halten, da ohehin keine weiteren Tore fielen. Bemerkenswert erscheint mir eine Szene aus der 60. Minute: Es gab einen Eckstoß für Augsburg von links (aus Hamburger Sicht). Alle Hamburger versammelten sich in Erwartung einer Flanke rund um den eigenen Fünfmeter-Raum. Am linken Strafraumeck stand ein Augsburger mutterseelenallein. Unglaublich! Dieser wurde dann vom Eckenschützen – Überraschung! – angepielt und konnte kontrolliert, da nicht unter Druck gesetzt, flanken. Adler kam raus und wollte klären, wurde aber vom eigenen Mann, Westermann, behindert. Am Ende hatte das keine Folgen. Sicher kommen derartige Szenen immer mal wieder vor (Torhüter vom eigenen Mann behindert), in der Gesamtansicht steht diese Szene jedoch für mich sinnbildlich für das zum Teil groteske Defensivverhalten des HSVs.

Eine Minute später, also in der 61., hatte der HSV einen Eckstoß von der linken Seite. Calhanoglu (wer sonst?!) flankte, Westermann köpfte (wer sonst?!), aber verfehlte erneut das Tor der Gastgeber (was sonst?!). Der Ball strich knapp am rechten Pfosten vorbei ins Toraus. Das ist übrigens bereits die vorletzte Torchance gewesen, die ich für den HSV notiert habe…
Praktisch im Gegenzug konnte Adler einen sehenswerten Fernschuss mit Mühe gerade noch parieren. Eine Minute später setzte der starke Altintop einen Kopfball denkbar knapp links neben das Tor der Hamburger.

Der eingewechselte Zoua belebte ein wenig das Hamburger Spiel, da er erkennbar um Spielfluss bemüht war. Aber einmal mehr konnte das Hamburger Mittelfeld, allen voran die beiden Sechser (s.o.), spielerisch nicht überzeugen. Wo die Augsburger als Mannschaft kombinierten, da zeigten der HSV Stückwerk. Immer wieder wurde umständlich der Ball auf den anderen Fuß gelegt, bzw. mussten schlecht gespielte Pässe der Mitspieler erst mühsam unter Kontrolle gebracht werden. Das war ganz, ganz schwach. Und dann ist es eben auch nicht ausreichend, wenn man unbedingt „will“, was sich u.a. aus der positiven Zweikampfquote für den HSV (56% gewonnen) ablesen lässt.

In der noch verbleibenden halben Stunde spielte im Grunde nur noch der FCA. Ich verzichte darauf, alle Torchancen aufzuzählen, die Adler noch parierte, oder die der FCA anderweitig verschenkte. Zeitweise, ich muss das so deutlich schreiben, war das mehr als ein Klassenunterschied zwischen beiden Kontrahenten. Die Augsburger konnten sich den HSV in aller Ruhe zurecht legen und hätten im Grunde noch mehr als zwei weitere Tore erzielen können, wenn nicht gar müssen!

Zwei Szenen noch und dann ist dieser Bericht des Grauens überstanden:
In der 81. Minute ließ sich der ansonsten tadellose Mancienne als letzter Mann vom eingewechselten Südkoreaner, Dong-Won Ji, viel zu leicht übertölpeln. Ein zweifellos kapitaler Bock, der nicht verschwiegen werden soll, der aber zum Glück folgenlos blieb, da Adler einmal mehr seine Klasse im 1:1 unter Beweis stellte.
In der Nachspielzeit (90+1.) zog Rincon mit dem Vollspann volley ab, doch Hitz im Tor der Gastgeber war einmal mehr auf dem Posten und konnte diesen Schuss, der wahrlich einen Treffer verdient gehabt hätte, gerade noch über die Latte des Tores lenken. Kurz darauf erlöste Schiedsrichter Welz alle, denen der HSV am Herzen liegt.

Schiedsrichter: Welz (Wiesbaden). Hatte alles im Griff. Schlichtete nach Schubser von Rincon an die Brust eines Gegenspielers (der daraufhin umfiel) ohne Karte. Gut.

Fazit: Den Sieg des FC Augsburg kann ich nur als hochverdient bezeichnen. Beeindruckend, was Trainer Markus Weinzierl in dieser Saison mit seiner Mannschaft leistet.
„Er/sie war stets bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden….“ – man kennt diese Formel aus dem Zeugnisjargon. Gemeint ist, dass der Bewertete letztlich nicht die Qualität besitzt, um die geforderte Leistung tatsächlich zu erbringen. Ich denke, dies traf mindestens in diesem Spiel auf den HSV zu. Die Mannschaft wollte, aber es fehlt(e) an Qualität.
Adler, auch wenn er ansonsten gut hält, immer wieder mit schlimmen Fehlern. Jansen und Badelj nur spielfähig aber nicht wirklich fit – das ist insbesondere bei Jansen, der sehr von seiner Physis, seiner Dynamik lebt, ein schweres Problem. Der für ihn eingewechselte Jiracek wirkte deutlich spritziger. Aber wenn man aus dem Rathaus kommt…
Arslan erneut, vor allem in der letzten halben Stunde, oft nur mit Alibi-Pässen oder schlampigen Zuspielen. Diekmeier mit überwiegend schlechten Flanken, die zudem keinen Abnehmer finden konnten, da auch falsch gelaufen wurde. Torgefahr entsteht im Grunde nur durch Calhanoglu. Das ist für jeden Gegner überaus leicht zu erkennen und daher zu wenig.
Nach dieser Niederlage muss man größte Zweifel haben, ob der HSV überhaupt den Notausgang Relegation erreicht. Nächste Woche dürfte es in dieser Verfassung für den FC Bayern auch in Hamburg ein Kinderspiel werden. Alles andere als die nächste, deutliche Niederlage wäre schon fast ein Wunder. So muss man hoffen, dass die Konkurrenz nicht schon nächste Woche vorbeizieht. Aber selbst wenn man dies dann am letzten Spieltag gegen Mainz 05 theoretisch noch korrigieren könnte – das, was der HSV derzeit abliefert, ist nicht erstligareif. Das ist die bittere Wahrheit. Natürlich hoffe (auch) ich bis zum Schluss, dass der Gang in die Zweitklassigkeit doch noch vermieden werden kann. Wenn der Abstiegsfall jedoch eintreten sollte, dann ist das objektiv gesehen ein Folge zahlreicher eigener schwerer Mängel und Versäumnisse. Zwar stehen die Spieler auf dem Feld, aber diese Mannschaft ist nur das vorläufige Endprodukt kapitaler Fehleinschätzungen, die zum Teil über viele, viele Jahre zurückreichen. So gesehen wäre ein Abstieg keine Überraschung, sondern die mehr als verdiente Quittung.

 

DAS RESTPROGRAMM

15. VfB Stuttgart (32 Pkt; -11):
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -20):
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -28)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -28):
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)