Monat: Mai 2014

Eine Niederlage, die Anlass zu leiser Hoffnung gibt: HSV – FC Bayern München 1:4 (0:1)

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt – was wie ein vorweggenommenes Fazit klingt, galt schon vor dem Spiel. Hatte ich nach der Verletzung Zouas u.a. mit Maggio als vorderster Spitze gerechnet, so überraschte HSV-Trainer Slomka mit der Aufstellung gleich mehrfach:

Adler – Diekmeier (60. John), Westermann (76. Tah), Mancienne, Jiracek – Rincon, Tesche, Badelj, Calhanoglu – van der Vaart (67. Demirbay) – Ilicevic

Tesche ersetzte den gelbgesperrten Arslan; Rincon spielte statt Calhanoglu vor Diekmeier auf der rechten Außenbahn; Calhanoglu nahm stattdessen die Ilicevic-Rolle auf der anderen Seite, der linken Außenbahn ein, und Ilicevic ersetzte Zoua als vorderste Spitze. Nach den zuletzt gezeigten Leistungen erschien der Verzicht auf Maggio grundsätzlich als nachvollziehbar. Die daraus resultierenden Umstellungen waren angesichts der zuletzt gezeigten Leistungen folgerichtig. Für den Verzicht auf Jansen habe ich jedoch keine explizite Begründung gefunden. Nachdem ich hier aber bereits mehrfach festgestellt hatte, dass Marcels Spiel sehr stark von seiner körperlichen Verfassung abhängig ist, empfand ich auch diese Maßnahme Slomkas als absolut plausibel. Ein lediglich spielfähiger, aber nicht topfitter Jansen, das zeigte erst jüngst erneut das Spiel gegen die Wolfsburger, ist keine Verstärkung für die Mannschaft. Jiracek hingegen, auch wenn er kein gelernter Außenverteidiger ist, ist stets „bissig“ am Mann und somit ein passabler Ersatz.

Spielbericht: Wer auch dieses Mal mit einem frühen Rückstand für die Gastgeber gerechnet hatte, sah sich eines Besseren belehrt. Der HSV kam gut in die Partie und stand zunächst defensiv sicher. Endlich, endlich agierte man als ein geschlossenes Team. Nicht nur, dass die Abstände zwischen den einzelnen Spielern stimmten, auch die Mannschaftsteile blieben meist eng beieinander. Wahlweise presste man geschlossen offensiv (Oh, Wunder!), oder zog sich gemeinsam hinter den Ball und vor den eigenen Strafraum zurück. Vorne störten die lauffreudigen Ilicevic und van der Vaart immer wieder erfolgreich das Aufbauspiel des Gegners, ohne allein von den guten Wünschen ihrer Mannschaftskameraden begleitet zu werden. Im Ergebnis fanden die Bayern zunächst kaum Räume, um tatsächlich torgefährlich zu werden.

Gerade Ilicevic wirkte überaus engagiert. In der ersten Halbzeit suchte er aus jeder (un)denkbaren Lage den Torabschluss. Gelegentlich wirkte das etwas übermotiviert, aber wer will es ihm gegen einen Gegner verdenken, gegen den man gewöhnlich wenig Chancen erhält?! In der ersten Spielhälfte bot die Mannschaft m.E. die beste Teamleistung seit vielen Wochen. Das konnte sich wirklich sehen lassen. Immer wieder konnte das Spielgerät durch personelle Überzahl in Ballnähe oder gute Antizipation der Passwege des Gegners erobert und eigene Angriffsversuche gestartet werden. All dies war, ist und bleibt vor allem die logische Folge einer mannschaftlichen Geschlossenheit, der viel zitierten Kompaktheit (Wer in diesem Zusammenhang allein auf angeblich fehlenden Einsatzwillen einzelner Spieler abhebt, der sollte besser Hallen-Halma kommentieren.). Wenn man der Hamburger Mannnschaft für die erste Spielhälfte einen Vorwurf machen kann, dann ist es die Tatsache, dass die Mannschaft nach erfolgreicher Balleroberung offensiv wenig klare Möglichkeiten herausspielte. Aber hier ist dann eben auch zu berücksichtigen, welcher Gegner auf dem Feld stand.

So dauerte es mehr als eine halbe Stunde, bis die Bayern die hamburger Defensive erfolgreich überwinden konnten. In der 32. Minute konnten Götze und Robben trotz personeller Überzahl der Hamburger im Strafraum der Gastgeber Doppelpass spielen. Am Ende stand Götze frei vor Adler und schob an ihm vorbei aus fünf Metern in lange Eck. Das früher erwartete 0:1 für den neuen Deutschen Meister. Ärgerlich daran fand ich allein die Entstehung (Überzahl). Das war zu einfach und hätte vermieden werden können.  Immerhin dauerte es bis zur  40. Minute, bis es erneut im Strafraum der Hamburger brannte: Eine Freistoß-Flanke der Bayern von halblinks segelte quer durch den Sechzehner der Gastgeber an den rechten Pfosten. Robben legte per Kopf parallel zur Torlinie quer auf die andere Seite, wo Müller den Ball dann denkbar knapp neben den linken Pfosten am Tor vorbei setzte.

In der 42. Minute dann die beste Möglichkeit des HSVs zum Ausgleich. Tesche(?) bediente van der Vaart am Strafraum der Münchner. Van der Vaart dreht sich um seinen Gegenspieler und zog aus der Drehung mit seinem starken linken Fuß ab. Leider kam der Ball zu zentral auf das Tor. So konnte Neuer gerade noch den Arm hochreißen und diesen fulminanten Schuss über die Querlatte lenken. Eine Minute später bediente Calhanoglu Ilicevic. Ilicevic stand halblinks an der Grenze zum Strafraum und visierte das lange, obere Eck des Gästetores an. Leider verfehlte auch dieser Schuss letztlich das Ziel. Dennoch, nur 0:1 zur Pause –  das war fast mehr, als ich vor dem Spiel zu hoffen gewagt hätte.

In der Halbzeitpause (und kurz nach Wiederanpfiff zur zweiten Spielhälfte) kam es auf der Nordtribüne zu unschönen Szenen. Offenbar hatte einige Wirrköpfe ein oder zwei Banner mit der Aufschrift „A.C.A.B.“ aufgehängt. Diese Kürzel steht bekanntlich für die pauschal beleidigende Behauptung, „all cops are bastards „. Der Einsatzleiter der Polizei kam in einer für mich absolut nicht nachvollziehbaren Abwägung der Verhältnismäßigkeit zu dem Ergebnis, dass er seine Männer mit der Sicherstellung der Banner beauftragen müsse. So versuchten also mehrere Trupps in die beiden Blöcke einzumarschieren. Und es kam, was kommen musste. Ein vollbesetztes Stadion, bei dessen überwiegendem Teil der Zuschauer die Nerven ohnehin angesichts des Rückstandes und der Tabellensituation zum zerreißen gepannt gewesen sein dürften, und dann der Versuch, zweifellos idiotische, beleidigende Banner ausgerechnet von der Nordtribüne, der Heimstatt der Ultras zu entfernen. Es kam also zu einer absolut vorhersehbaren Eskalation. Die betroffenen Blöcke wehrten sich gegen das Eindringen der Polizei. Die Ordnungskräfte wiederum versuchten mit Zwangsmaßnahmen, zu denen auch der ausgiebige Einsatz von Pfefferspray gehörte, den Einsatzbefehl des Einsatzleiters umzusetzen. Das Resultat der Geschichte: unnötiger Krawall und dutzende Verletzte auf beiden Seiten, darunter auch vollkommen unbeteiligte Zuschauer. Man muss sich diese Rechtsgüterabwägung durch die Einsatzleitung mal auf der Zunge zergehen lassen: Wenn Gefahr für den Leib droht, z.B. durch das unsägliche Abbrennen von Pyrotechnik, passiert oft genug nichts oder zu wenig. Wenn man sich aber beleidigt fühlt, dann schickt man unverzüglich Hundertschaften ins Gefecht. Ich frage mich, wem ich hier weniger Verstand bescheinigen soll: Den Schwachköpfen, die derartige Banner im Stadion aufhängen, aber außerhalb des Stadions „privat“ nach der Polizei plärren, wenn es ihnen gerade passt? Oder der Einsatzleitung der Polizei, die, um eine Beleidigung durch ein Paar Hirnlose zu unterbinden, billigend in Kauf nimmt, dass dutzende wenn nicht gar hunderte vollkommen unbeteiligte Zuschauer zu Schaden kommen? Rechtsgüterabwägung und Verhältnismäßigkeit gehen in meinen Augen jedenfalls anders.

Zurück zum Spiel: In der 55. Spielminute bekam der FCB einen Eckstoß auf ihrer rechten Angriffseite zugesprochen. Die Hamburger zogen sich alle in Erwartung einer Flanke tief in den eigenen Strafraum rund um den eigenen Fünfmeter-Raum zurück.  Am rechten Eck des Sechzehners stand Götze mutterseelenallein und hatte nach der Ballanahme alle Zeit der Welt. Ein Anfängerfehler der HSV-Defensive, wie man ihn normalerweise nur im unterklassigen Jugendfußball sieht. Als Tesche endlich herausrückte,  war es im Prinzip schon zu spät. Götzes Schuss wurde von Müller entscheidend abgefälscht – das 0:2. Wahnsinn! Da verteidigt der HSV endlich, endlich als Team und schaufelt sich die Gegentore im Grunde selbst hinein. Als Betrachter stelle ich mir die Frage, wie Bundesligaspieler(!) derart „verteidigen“ können. Fühlt sich in einer solchen Situation keiner verantwortlich, oder gibt es keinen, der den Hinweis auf den freien Mann und das  Kommando gibt? Möglicherweise ist dies ein weiteres Indiz für eine suboptimale Struktur in dieser Hamburger Mannschaft. Aber das ist lediglich eine Spekulation meinerseits.

Slomka reagierte und brachte zunächst John für Diekmeier (60.). Rincon rückte nun zurück auf die Rechtsverteidiger-Position. Zu loben ist,  dass sich die Mannschaft des Hamburger Sportvereins trotz des Zwei-Tore-Rückstandes weder aufgab, noch grundsätzlich in die alten Fehler (fehlende Kompaktheit) verfiel. In der 67. Minute schoss der erneut starke Calhanoglu aus 16 Metern auf das Tor der Bayern. Neuer rette mit Mühe. In der 67. brachte Slomka dann Demirbay für Hamburgs Kapitän van der Vaart. „Raffa“, der bis dahin (meist zusammen mit Ilicevic) unermüdlich versucht hattte, den Spielaufbaus der Bayern zu stören, schien mit seinen Kräften (Verletzungshistorie) zunehmend  am Ende.
Die Bayern überließen nun den Gastgebern untypischerweise ein wenig das Spiel. In der 72. Spielminute zeigten sie dann, dass sie unverändert auch kontern können. Robben lief den Hamburgern auf und davon. Seinen Schuss konnte Adler zwar noch mit Mühe parieren, doch der Abpraller kam zum aufgerückten Müller. Der passte zu Götze, der erneut völlig frei halbrechts im Strafraum stand. 0:3 – so einfach kann das gehen.

Nur zwei Minute später dann die Antwort der Hamburger: Der junge Demirbay lief über die rechte Hamburger Außenbahn und ließ erfolgreich hintereinander drei Bayern aussteigen. Sein Seitenwechsel fand Calhanoglu. Dieser zog von der linken Außenbahn am Sechzehner nach innen und schoss für Neuer unhaltbar ins lange Eck. „Nur“ noch 1:3 für den Favoriten (72.) Ein aus meiner Sicht gleich in mehrfacher Hinsicht ganz wichtiger Treffer. Zum einen legte er die Grundlage dafür,  dass sich so die Niederlage in Grenzen hielt, was mit Blick auf die Tabelle und dort die Tordifferenz von Bedeutung ist, zum anderen dürfte er damit den Frust des Hamburger Publikums ein wenig in Grenzen gehalten haben…

Nur drei Minuten später lief der gerade eingewechselte Pizarro Mancienne davon und schoss auf das Hamburger Tor. Adler konnte den Schuss mit äußerster Mühe gerade noch parieren, aber der Ball sprang nach vorne hoch weg – kein Vorwurf an dieser Stelle. Pizarro schaltete blitzschnell und netzte per Fallrückzieher aus ca. 8 Metern. Mit dem 1:4 (75.) war dann allen vielleicht gerade aufkeimenden Hoffnungen der Hamburger auf ein Unentschieden der Zahn gezogen. Zu diesem Zeitpunkt, eine Viertelstunde vor Schluss, befürchtete ich kurzfristig, dass dieses Spiel vielleicht doch noch in einem Debakel für den HSV enden könnte, was ich mit Blick auf die über weite Strecken gute Mannschaftsleistung des Hamburger Sportvereins als sehr schade empfunden hätte. Möglichkeiten dazu waren vorhanden:  In der 80. Minute hätte es m.E. Elfmeter für den FC Bayern geben können, nachdem Jiracek links außen, aber klar innerhalb des eigenen Strafraums, Bayern-Kapitän Lahm zu Fall brachte. Gab es aber nicht, zum Glück für den HSV. Und nur drei Minuten später (83.) düpierte der formidable Götze Badelj in Nähe der Eckfahne und Torauslinie, rechts vom Hamburger Tor aus gesehen,  mit einem Beinschuss. Die Bayern ließen für einen Moment ihr circensisches Können aufblitzen und kombinierten munter innerhalb des Hamburger Strafraums. Doch wieder hatte der HSV Glück. Ihr Abschluss rauschte am Ende folgenlos über das Tor ihrer Gastgeber.

Den Schlusspunkt setzten dann Demirbay und Boateng. Der Hamburger war im Sechzehner der Gäste zu Fall gekommen. Es entwickelte sich ein Wortgefecht zwischen Kerem und Jerôme, an dessen Ende beide Kontrahenten Stirn an Stirn voreinander standen und vermutlich Nettigkeiten austauschten. Boateng ließ sich zu einer Schlagbewegung (Ohrfeige) hinreißen. Das Resultat: gelbe Karte für Demirbay und glatt Rot für Boateng (86.). Ab diesem Zeitpunkt waren die nun in Unterzahl spielenden Bayern verständlicherweise vorrangig um Ergebnissicherung bemüht. Bemerkenswerte Höhepunkte waren daher nicht mehr zu notieren.

Schiedsrichter: Fritz (Korb). Mit einer dem Spielfluss dienenden, großzügigen Regelauslegung. Der nicht gegebene Elfmeter für den FCB ist diskutabel.

Fazit: Im Fernduell der abstiegsgefährdeten Mannschaften darf sich der HSV getrost als Gewinner des Spieltages fühlen. Es ist zum verrücktwerden! Hätte der HSV als Mannschaft in dieser Saison häufiger derart kompakt gespielt, man hätte diverse Punkte mehr auf dem Konto.
Wenn dem HSV doch noch der Klassenverbleib gelingen sollte, dann nur deswegen, weil die Mitkonkurrenten, Braunschweig und Nürnberg, ebenfalls ihre Chancen verpassten. Besonders bitter bestraft wurden die Braunschweiger, die erst in der Schlussphase ihrer Partie gegen den FCA (beim Stand von 0:0!) eine eigene, große Torchance zu dem dann wahrscheinlichen Sieg vergaben, und die dann in der 90+5. Minute (!) durch das 0:1 für den FCA sogar noch als Verlierer vom Feld gingen.
Wider Erwarten hat der HSV also vor der letzen regulären Partie der Saison sein Schicksal in den eigenen Händen. Tritt er als Mannschaft so auf, wie vor allem in der ersten Spielhälfte, so könnte er durchaus auch auswärts gegen die „05er“ punkten. Das wird sicher kein leichter Gang, da Mainz mit 50 Punkten auf Platz sieben nur einen Punkt vor dem FCA steht und sicher diesen Platz, der bekanntlich zur Teilnahme an der EuroLeague berechtigt, mit Macht verteidigen will. Aber vor allem bei den tapferen Braunschweigern muss man damit rechnen, dass sie gegen die nicht mmer sattelfeste Hoffenheimer Defensive evtl. eine Überraschung schaffen könnten. Gelingt dem HSV jedoch in Mainz wenigstens ein Unentschieden, so dürfte selbst ein Sieg der Braunschweiger für den Dino folgenlos bleiben. Ansonsten bliebe alles wie es ist. Verlieren alle drei abstiegsgefährdeten Mannschaften, so hätte der HSV  – trotz erbärmlich schwacher Saisonausbeute von 27 Punkten! – das erste Etappenziel erreicht. Für mich ist und bleibt entscheidend, auch mit Blick auf etwaige Relegationsspiele, ob die Mannschaft die mannnschaftliche Geschlossenheit endlich nachhaltig auf den Platz bringen kann. Gelingt dies, so könnte der Abstieg doch noch vermieden werden. Gelingt dies nicht, so hat man auch nichts anders verdient.
Mein Eindruck ist, dass Tesche, auch wenn er beim 0:2  eindeutig mitbeteiligt war, klarere Bälle spielt als Arslan. Ginge es allein nach mir, so würde ich im Hinblick auf das entscheidende Spiel gegen Mainz, abhängig vom Fitnesszustand Jansens, höchstens einen Wechsel auf der Linksverteidiger-Position in Erwägung ziehen. Aber natürlich könnte Slomka auch durch Verletzungen anderer Spieler zu weiteren Umstellungen gezwungen sein.

DAS RESTPROGRAMM

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -23):
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -30)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -29):
1899 Hoffenheim (A)

Abschied für längere Zeit? HSV – FC Bayern München

Der HSV empfängt am Samtag den neuen Deutschen Meister, den FC Bayern München. Es ist das letzte Heimspiel in dieser Saison. Und es könnte für längere Zeit auch das letzte Heimspiel der Hamburger als Erstligist sein.

Was waren das früher für Duelle?! Es gab eine Zeit, da war der Hamburger SV tatsächlich auf Augenhöhe mit den Großen der Liga, sogar mit dem längst unumstrittenen Branchenprimus aus München. Wer erinnerte sich nicht, bspw. an das legendäre 3:4 in München? Während ich dies schreibe, wird mir erneut bewusst, wie viel Zeit seit damals verstrichen ist. Damals, 1982, war ich ein junger Mann. Das Abitur war erfolgreich bestanden und die Welt schien mir offen, so dachte ich wenigstens.

Mein Schulfreund, Sebastian, hatte anfang der Achtziger in den Ferien zwei Jungs aus München kennengelernt. Die waren im selben Alter wie wir. Als er zurückkehrte, da erzählte er mir voller Begeisterung von dieser Begegnung. Man hatte natürlich die Telefonnummern und Adressen ausgetauscht, und sich wechselseitig versichert, man müsste sich unbedingt bald wiedersehen. Und so dauerte es nicht lang. Eines Tages klingelte in Hamburg ein Telefon. Ein gewisser Reiner war am Apperat und kündigte seinen Besuch für das kommende Wochenende an. Ich weiß noch genau, wie ich Sebastian zum Hamburger Hauptbahnhof begleitete, um eben diesen Reiner in Empfang zu nehmen. Kurze Zeit später saßen wir unweit des Bahnhofs am Eingang der Langen Reihe im legendären Max und Consorten, aßen Croque Monsieurs und tranken Bier. Und dann geschah etwas Magisches, etwas, was einem im Leben nur selten begegnet: Je länger wir dort saßen und uns unterhielten, desto klarer wurde Reiner und mir, dass wir Brüder waren. Schrieb ich gerade „Brüder“?! Eineiige Zwillinge! Nach der Geburt getrennt und nur durch eine Laune der Natur oder widrige Umstände getrennt aufgewachsen. Das schien die einzig vernünftige Erklärung zu sein. Egal welches Thema wir anschlugen, ob wir über Musik, Literatur, Politik, Sport oder Philosophie sprachen – der jeweils andere dachte fast dasselbe. Er begeisterte sich für dieselbe Musik, mochte dieselben Autoren oder sah die politische Lage sehr ähnlich.

Wenige Wochen später fuhr ich zum Gegenbesuch zum ersten Mal nach München und lernte seine dortigen Freunde kennen. Ich erspare Euch an dieser Stelle weitere Details, denn sie sind in diesem Zusammenhang nicht wichtig. Wichtig ist hier allein: Wir waren jung, meinten noch, wir könnten diese Erde fast im Alleingang zu einem besseren Planeten machen und sprachen auch, natürlich, natürlich!, über Fußball. So erfuhr ich damals quasi aus erster Hand, dass die Münchner damals nicht nur mit Respekt, sondern sogar mit ein wenig Neid nach Hamburg blickten. Lang, lang ist das her.

Viele Jahre später, Reiner und ich hatten uns längst aus den Augen verloren und die Vereine eine unterschiedliche Entwicklung genommen, da gab es erneut eine Phase, da gab es für die Münchner gegen den HSV wenig zu bestellen. Das war die Zeit, als Atouba auf Hamburger Seite es wagte, gleich drei Münchner mit tolldreisten Tricks schwindelig zu spielen. Als Zuschauer war man hin und hergerissen. Selten lagen in Hamburg Genie und Wahnsinn so eng beieinander, wie bei Timothy. Und wenn auch am Ende der Saison meist die Bayern Meister wurden, während der HSV bestenfalls ins internationale Geschäft einzog, zwei Mal im Jahr wurde es schwer für den FCB. Auch das ist nur noch Erinnerung.

Nun kommen sie wieder, die Bayern. Und ich fürchte, es wird für mehrere Jahre das letzte Mal sein, dass sie uns in derselben Spielklasse begegnen. Dass sie unter der Woche im Halbfinale der ChampionsLeague gegen Real Madrid ausschieden, macht die Aufgabe für den HSV gewiss nicht leichter. Zwar ätze Beckenbauer via Boulevard, der HSV spiele gegen eine angeschlagene Mannschaft, aber mal ehrlich: wer nimmt Firlefranz noch wirklich ernst?

Natürlich, gänzlich ausgeschlossen ist es nicht, dass der HSV zumindest einen Punkt erkämpft. Aber da müsste schon alles, wirklich alles zugunsten der Hamburger laufen. Zu groß erscheinen die Unterschiede in der individuellen Qualität der Spieler beider Mannschaften, zu sattelfest erscheint allen Unkenrufen zum Trotz das Spielsystem der Bayern. Während HSV-Trainer Slomka z.B. nur die Wahl hat, ohne jeden Stürmer anzutreten, oder dem U23-Nachwuchsspieler, Maggio, erneut zu vertrauen, kann Guardiola aus dem Vollen schöpfen. In Hamburg wäre man derzeit schon glücklich, stünde dem HSV wenigstens der inzwischen in die Jahre gekommene Pizarro von der Bayern-Bank zur Verfügung.

Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass nach einer 0:4-Klatsche im eigenen Stadion und dem damit einhergehenden Verpassen des CL-Finales bei den erfolgsverwöhnten Bayern wieder die Alarmsirenen heulen. Schließlich dürfte für die dortigen Verantwortlichen nicht nur das Ausscheiden ansich, sondern vor allem die Art und  Weise eine herbe Enttäuschung sein. Man wird also nicht nur um Wiedergutmachung bemüht sein, vielmehr gilt es, rechtzeitig vor dem DFB-Pokal-Finale die aufflammende Diskussion um das Spielsystem und  Trainer Guardiola bereits im Keim zu ersticken. Den Verantwortlichen dort dürfte zugutekommen, dass sie Druck von der Bank erzeugen können. Schließlich wird jeder ihrer Spieler wenigstens im Finale in Berlin spielen wollen, um hernach den Gewinn des DFB-Pokals als tatsächlich selbst errungen feiern zu dürfen.

Wer das Spiel gegen den FC Augsburg gesehen hat, speziell die letzte halbe Stunde,  der dürfte bemerkt haben, dass sogar der FCA in der Lage war, sich den HSV nach allen Regeln der Kunst zurechtzulegen. Wenn man dann an die ungleich höhere Qualität der Bayern denkt, dann muss man schon über einen unerschütterlichen Optimismus verfügen, um auch nur von einem Punktgewinn des Hamburger Sportvereins zu träumen. Realistischer erscheint da schon eher die Hoffnung, dass sich die Niederlage in Grenzen hält, damit wenigstens der Vorteil in der Tordifferenz  zu den anderen abstiegsgefährdeten Mitkonkurrenten nicht gänzlich aufgezehrt wird. So weit ist es mit dem HSV gekommen. Bitter!

Aber auch wenn sogar ein Punkterfolg nüchtern betrachtet vollkommen unrealistisch erscheint, so muss auch dieses Spiel erst einmal gespielt werden. Als Zuschauer erwarte ich vom HSV in diesem Spiel wenig bis fast nichts. Was ich aber erwarte, was ich mit Nachdruck verlange!, ist, dass sich die Mannschaft mit dem Mute der Verzweiflung von der ersten Minute an gegen das gegen diesen Gegner allzeit drohende Debakel stemmt. Denn selbst nach einer Niederlage und gleichzeitigen Punktgewinnen der Konkurrenten muss noch ein kleiner Funken Hoffnung auf den Klassenverbleib vorhanden sein. Alles andere ist im Grunde inakzeptabel. Am Ende des letzten Spieltages kann jedes einzelne geschossene oder kassierte Tor den entscheidenden Unterschied ausmachen.

Ich gehe aufgrund der Nachrichtenlage von der folgenden Aufstellung des HSVs aus:

Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jansen – Calhanoglu, Arslan Rincon, Badelj, Ilicevic – van der Vaart – Maggio

Auch wenn die Jahre ins Land zogen, auch wenn die Haare langsam grau werden, auch wenn der einst große HSV inzwischen nur noch zu einem traurigen Abklatsch seiner selbst heruntergewirtschaftet wurde, so hoffe ich inständig, dass sich, wenn es denn so kommen sollte, der Verein wenigstens mit Anstand aus der Ersten Liga verabschiedet. Auch wenn wir inzwischen sportlich kaum konkurrenzfähig und fast chancenlos erscheinen –  wahre Größe erweist sich in der Niederlage.

Unterstützen wir also unsere Mannschaft bis zum allerletzten Abpfiff! Mag der Frust über die inkompetenten Versager in den Gremien in den letzten Jahren Jahrzehnten auch noch so groß sein – Haltung bewahren ist fast das Einzige, was uns noch bleibt. Und während ich das schreibe, soviel sei verraten, laufen mir, der ich weiß Gott nicht sonderlich nah am Wasser gebaut habe, Tränen ohnmächtiger Wut über das Gesicht. Nicht einmal in meinen schlimmsten Träumen hätte ich mir vorstellen können, dass ein Appell an „Haltung“ das Letzte ist, was einem als HSV-Anhänger vernünftigerweise noch bleibt. Wo ist nur die schöne Zeit geblieben?!

 

DAS RESTPROGRAMM

15. VfB Stuttgart (32 Pkt; -11):
VfL Wolfsburg (H)
Bayern München (A)

16. Hamburger Sportverein (27 Pkt; -20):
Bayern München (H)
1. FSV Mainz 05 (A)

17. 1.FC Nürnberg (26 Pkt; -28)
Hannover 96 (H)
FC Schalke 04 (A)

18. Eintracht Braunschweig (25 Pkt; -28):
FC Augsburg (H)
1899 Hoffenheim (A)