Azemi

Der Dino ist noch einmal davongekommen: SpVgg Greuther Fürth – HSV 1:1 (0:1)

In der langen Geschichte des Hamburger Sportvereins lassen sich gewiss viele Spiele finden, die für den Verein von überragender Bedeutung waren. Finalspiele um die Deutsche Meisterschaft (als die Meisterschaft noch mit einem Finale entschieden wurde), Endspiele um den DFB-Pokal, den Europapokal der Pokalsieger, oder jene inzwischen legendäre Nacht von Athen, als Felix Magath den HSV bekanntlich auf den Olymp des europäischen Fußballs beförderte. Unvergessen. Doch (fast) immer ging es um Erfolge. Eine Niederlage wäre zwar enttäuschend gewesen, letztlich wäre aber bereits die Teilnahme an diesen Endspielen als Ausdruck einer erfolgreichen Saison bewertet worden. Nicht so am gestrigen frühen Abend. Eine Niederlage gestern, und der HSV wäre wohl mindestens für mehrere Jahre in den Niederungen der Zweitklassigkeit verschwunden.

Das torlose Unentschieden am Ende des ersten Relegationsspiels habe ich hier aus Sicht der Hamburger als durchaus glücklich und schmeichelhaft bezeichnet. Die Fürther hatten sich in dieser Partie dem HSV in praktisch allen Belangen überlegen gezeigt. Spielerisch, taktisch (kollektiv), läuferisch (Geschwindigkeit) und auch im Luftkampf, jedenfalls wenn dieser im Mittelfeld oder Offensivbereich geführt werden musste. HSV-Trainer Slomka zog aus all dem seine Schlüsse und schenkte der folgenden Aufstellung sein Vertrauen:

Drobny – Diekmeier, Djourou (30. Mancienne), Westermann, Jiracek – Calhanoglu, Arslan (64. Rincon), Badelj, Jansen – van der Vaart (75. Tesche) – Lasogga

Für die Nominierung Westermanns dürfte neben seiner stets vorbildlichen Einstellung allein die Tatsache gesprochen haben, dass Westermann im Offensivbereich ein klein wenig torgefährlicher als Mancienne einzuschätzen ist. Für Arslan und gegen Tesche dürfte gesprochen haben, dass Tolgay im läuferischen Bereich zu den sprintschnellsten Spielern im Hamburger Kader gehört. Jedenfalls ist dies meine Erklärung für diese Startelf.

Spielbericht: Bereits nach einer knappen Viertelstunde stellte ich einigermaßen erleichtert fest, dass der HSV in dieser alles entscheidenden Partie besser ins Spiel gefunden hatte, als noch in der ersten Begegnung beider Mannschaften. Den Fürthern fehlte jene bedingungslose Bissigkeit im Zweikampf, diese enorme Wucht des Offensivspiels, das sie noch wenige Tage zuvor auswärts ausgezeichnet hatte. Der HSV seinerseits stand zunächst sicher, d.h. kompakt und vermied jenes Kleinklein im Passspiel, was schon oft genug in dieser Saison zu Ballverlusten geführt hatte. Slomka sprach nach der Partie davon, dass seine Mannschaft vor dem Spiel den Auftrag erhalten habe, längere Bälle zu spielen. Längere Bälle – gemeint haben kann er nur, dass die Mannschaft klarere(sic!) Bälle spielen sollte, also einfacher statt umständlich, denn von einem Kick and Rush, so könnte man diese Vorgabe ja auch verstehen, war zum Glück nichts zu sehen.

Die erste wirklich nennenswerte Torchance gehörte dem HSV. Und genau genommen war es gleich eine Dreifachchance. In der 14. Spielminute setzte sich Lasogga an der rechten Angriffsseite der Hamburger im Strafraum der Fürther durch und legte zurück auf Calhanoglu. Hakan schoss sofort, traf aber nur den linken Außenpfosten. Der Ball sprang zu Jansen im linken Halbfeld des Fürther Strafraums, dessen Schuss durch ein Fürther Abwehrbein geblockt wurde. Dieser Abpraller flog aus dem Strafraum zu Arslan, dessen fulminanter Fernschuss zwar das Tor verfehlte, jedoch durch einen Abwehrspieler der Gastgeber zu einem Eckstoß für den HSV von dessen rechter Seite abgefälscht wurde. Van der Vaart, der gewöhnlich alle Ecken von dieser Seite ausführt, gelang eine gute Flanke. Lasogga konnte sich für einen Moment von seinem Gegenspieler in dessen Rücken absetzen. Der ohnehin im Vergleich zu Lasogga kleinere Fürstner sprang unter der Flanke hindurch. Lasogga hingegen traf den Ball mustergültig mit der Stirn. Sein Kopfball rauschte links oben in den Winkel. Für Hesl im Tor der Spielvereinigung blieb da keine Abwehrchance. Das 0:1 (14.) für den HSV war nicht nur für den weiteren Spielverlauf von Bedeutung, dürfte es doch zu einer gewissen Beruhigung der Nerven geführt haben. Noch viel wichtiger war, wie sich zeigen sollte, dass den Hamburgern damit ein Auswärtstor gelungen war. Somit stand schon früh fest, dass es weder eine Verlängerung noch ein Elfmeterschießen geben würde. Jedes Unentschieden, das war damit zementiert, hatte zur Folge, dass der Dino die Relegation schadlos überstehen würde. Dennoch wäre den Gastgebern beinahe postwendend der Ausgleich gelungen, aber ihr Fernschuss aus ca. 18 Metern verfehlte knapp links das erneut von Drobny tadellos gehütete Hamburger Gehäuse (15.). Es  blieb zunächst die einzige Torchancen für die Spielvereinigung.

Ab der 27. Spielminute folgten dann zunächst einige bange Minuten für die Hamburger. Djourou war bei einem Luftkampf mit einem Fürther unglücklich aber keineswegs spektakulär zu Boden gegangen und war plötzlich bewusstlos. Nach mehreren Minuten Behandlungspause wurde er mit Halsmanschette (vorsorglich) auf der Liege vom Platz getragen. Zum Glück stellte sich bei der nachfolgenden Untersuchung im Krankenhaus heraus, dass er „nur“ eine schwere Gehirnerschütterung erlitten hatte. Slomka musste also auswechseln und brachte für den Verletzten Mancienne.

Nach drei Minuten Unterbrechung konnte das Spiel fortgesetzt werden (30.). Die nächste, klare Torchance gehörte erneut den Hamburgern. Jansen, der wieder die linke offensive Außenbahn beackerte, lief diagonal von links nach rechts in den Strafraum der Gäste und legte den Ball mit der Hacke zurück auf Lasogga. Hamburger Torjäger schoss sofort, aber Hesl war blitzschnell am Boden und konnte den Schuss parieren (35.).

In der 40. Minute dann das erste Lebenszeichen des im Hinspiel noch überragenden Fürther Angreifers, Azemi. Dessen Schuss aus halblinker Position und 10 Metern verfehlte aber knapp rechts das Hamburger Tor. Drobny musste nicht eingreifen. Fünf Minuten später zog der Fürther Weilandt aus 17 Metern und ebenfalls halblinker Position ab, aber auch dieses Mal verfehlte der Schuss knapp sein Ziel. Ansonsten war von der hochgelobten Fürther Offensive überraschend wenig zu sehen, was man getrost auch als Kompliment für die Leistung des Dinos in der ersten Spielhälfte werten darf.

Zur Halbzeit war (auch) ich durchaus erleichtert, zumal ich einen gänzlich anderen Spielverlauf befürchtet hatte. Der HSV stand bis zu diesem Zeitpunkt defensiv erfreulich stabil und war die bessere Mannschaft bis zur Pause gewesen.

Nach Wiederanpfiff wirkten die Gastgeber etwas zielstrebiger, dennoch gehörte auch die nächste, eindeutige Torchance dem HSV: In der 52. Minute flankte Calhanoglu in den Sechzehner der Gastgeber. Lasogga drückte den Kopfball lehrbuchreif mit der Stirn zu einem schwer zu haltenden Aufsetzer, aber Hesl parierte diesen Ball überragend. Was für eine Chance!

Die 58. Minute sah Arslan völlig frei halbrechts kurz vor dem gegnerischen Strafraum stehend. Doch leider traf er den Ball ganz schlecht und so verfehlte sein Schuss klar das Tor. Fast im Gegenzug fußballerisch für mich die schönste Szene: Fürths Stieber erhielt den Ball in halbrechter Position an der Grenze des Hamburger Strafraums und zog mit Ball parallel zur Strafraumgrenze ins Zentrum. Hamburgs Linksverteidiger, Jiracek,  ließ sich dadurch locken und lief ebenfalls parallel. Fürstner lief im Rücken der Hamburger Innenverteidigung  diagonal, und Stieber hatte dann keine Mühe, an Mancienne vorbei Fürstner in dem entstandenen Abwehrloch zu bedienen. Letzterer konnte dann mühelos aus 7 Metern den Ausgleich für die Spielvereinigung erzielen. Das 1:1 in der 59. Minute.

Und dann kam, was ich befürchtet hatte. Plötzlich schien es vorbei mit jeglicher Hamburger Souveränität. Das angesichts der bis dahin eher harmlosen Offensivbemühungen ihrer Mannschaft relativ ruhige Fürther Publikum erwachte, die gastgebende Mannschaft witterte Morgenluft, und der HSV begann plötzlich zunehmend defensiv zu schwimmen. Nur drei Minuten nach dem Ausgleich musste Drobny einen sehenswerten Fernschuss der Gastgeber parieren (62.). Zum Glück wirkten die Fürther zunächst nur spielbestimmender, konnten sich aber noch keine weiteren, eindeutigen Torchancen herausspielen. Dass sich aber das Nervenkostüm der Hamburger zunehmend verschlechterte, dies sah man u.a. an einem vom Mancienne völlig unnötig verursachten Eckstoß für die Gastgeber (78.),  der aber zum  Glück für den HSV keine Fürther Torchance zur Folge hatte.

Kurz vor Ende der regulären Spielzeit warfen dann die Gastgeber in dem verzweifelten Bemühen, doch noch den Siegtreffer zu erzielen, alles nach vorne. In der 87. Minute hatten sie diesen praktisch auf dem Fuße, doch der HSV hat in dieser Saison „den Papst in der Tasche“. Westermann verstolperte den Ball im eigenen Strafraum zum Fürther Azemi. Dieser wollte dieses Geschenk zu einem weiteren, zentral und völlig frei im Hamburger Strafraum stehenden Mitspieler spielen, schoss sich aber wohl den Ball gegen das eigene Standbein, sodass ein Hamburger den Ball annehmen und diese brandgefährliche Situation gerade noch klären konnte. Was diesen Lapsus von Azemi verursacht hat – ehrlich gesagt, ich konnte es gar nicht genau sehen, da ich kurzfristig einen „Herzanfall“ überstehen musste. Diese Schlussphase war der finale Horror für jeden, der es gut mit dem Dino meint.

In der 90. Minute flankte Stieber einen Freistoß für die Gastgeber in den Hamburger Strafraum. Sukalos Kopfball konnte der erneut sehr sicher und souverän wirkende Drobny mit den Fingerspitzen über die Querlatte lenken. Die Nachspielzeit dauerte aus Hamburger Sicht eine gefühlte Ewigkeit. Hier zeigte sich m.E. erneut, dass es einigen jüngeren Spielern schlicht an Erfahrung fehlt. So versuchte sich bspw. Calhanoglu an einem Heber über Hesl, anstatt mit Ball zur Eckfahne zu laufen, dort einen Frei- oder Eckstoß zu provozieren, bzw. um dort in jedem Fall „Zeit von der Uhr“ zu nehmen. Bei allem Lob für eine gute Rückrunde Hakans – man darf nicht übersehen, dass es nicht zuletzt auch derartige schwere taktische Fehler vor allem auch von Arslan und Calhanoglu waren, die den HSV die reguläre Saison mit einer desaströsen Bilanz von nur 27 Punkten abschließen ließen. Am Ende pflückte Drobny erneut ganz sicher eine Flanke der Gastgeber aus der Luft. Dann hatte Kircher ein Einsehen und pfiff die Begegnung ab.

Schiedsrichter: Kircher (Rottenburg). Beruhigte die Gemüter angesichts der überragenden Bedeutung der Partie für beide Mannschaften. Souverän.

Fazit: Die Spielvereinigung Greuther Fürth war für mich in 120 von in der Addition gespielten 180 Minuten die bessere Mannschaft. Die Mannschaft hat, auch wenn sie kurz vor Schluss den Aufstieg verpasst hat, eine großartige Saison gespielt. Ein Kompliment an Trainer Frank Kramer und die ganze Fürther Truppe. Wenn man ihnen einen (kleinen) Vorwurf machen kann, dann den, dass sie im Hinspiel in Hamburg nicht mindestens einen Treffer erzielt haben, obwohl sie dort klar überlegen wirkten. So profitiert der HSV von der Auswärtstor-Regel und bleibt, obwohl ihm erneut kein Sieg gelang, der Dino der ersten Liga. Lasogga, dessen Verbleib beim HSV ich für sehr,  sehr unwahrscheinlich halte, geht somit in die Annalen des Vereins als der Retter ein.

Ein großes Kompliment erneut an Jaroslav Drobny. Seinerzeit als Stammtorhüter oft genug auch vom eigenen Anhang geschmäht, war er in beiden Relegationsspielen ein absolut souveräner Ruhepol und blieb fehlerfrei. In diesem Fall war es goldwert, dass sich der HSV den Luxus einer finanziell nicht günstigen 1b-Lösung auf der Bank gönnte.

Ein weiteres Kompliment möchte ich all den Spielern des Hamburger Sportvereins machen, die man bereits „aussortiert“ hatte, und mit denen der Verein z.T. haarsträubend umgesprungen ist. Gemeint sind: Rajkovic (Weiter gute Besserung, Boban!), Mancienne, aber auch Tesche. Sie, die (menschlich gesehen!) kaum einen Anlass hatten, sich für diesen Verein noch ins Zeug zu legen, waren da, als sie gebraucht wurden. Wer hier noch von charakterlosen Söldnern spricht oder schreibt, der sollte sich schämen.

Und natürlich gilt mein Dank auch den Spielern, z.B. Jansen, Rincon, Lasogga und van der Vaart, für die dieses Spiel möglicherweise der letzte Einsatz mit der Raute auf der Brust war.

Das größte Kompliment möchte ich aber dem Trainer,  Mirko Slomka, machen. Im Grunde erst geholt, als es schon fast zu spät war, mit einer Kaderzusammenstellung konfrontiert, für die andere vor ihm verantwortlich sind, und mit einer Mannschaft, die in allen Belangen, sowohl taktisch als auch konditionell, erhebliche Defizite aufwies. Er hat vieles, vieles richtig gemacht. Der abenteuerliche, peinliche Unsinn mit dem s.g. Geistheiler sei ihm verziehen.

„Was glaubst Du, wird der HSV den Abstieg noch vermeiden können?“, das ist wohl die Frage, die mir in den vergangenen Wochen am häufigsten gestellt wurde. Ich fand es regelmäßig problematisch, darauf zu antworten, da mir grundsätzlich die Kraft des positiven (und negativen) Denkens bewusst ist. Zudem waren die Leistungen der Mannschaft in den vergangenen Wochen alles andere als geeignet, um immer noch eine begründete, optimistische Prognose abzugeben. Optimismus braucht schließlich eine Grundlage, will man nicht als notorischer Schönredner missverstanden werden. Meine Antwort lautete daher: „wenn sie es doch noch schaffen sollten, dann hoffe ich darauf, dass der Abstieg wirklich erst in der Schlussphase des Rückspiels der Relegation vermieden wird! Denn dann, aber auch erst dann!, dürfte der eine oder andere rund um den Verein, der noch in einer Fantasiewelt lebt und die Realität beharrlich leugnet, vielleicht endlich, endlich begreifen, dass es so einfach nicht mehr weitergehen kann…“.  Nun, der Horror dieser Saison hat ein Ende und Teil eins meines Wunsches wurde erhört. Ob das jetzt tatsächlich dazu führt, dass ein Teil der Träumer erwacht, wage ich zu bezweifeln. Alle anderen aber, die nicht im Wolkenkuckucksheim leben, dürfte die Teilnahme des HSV an der Relegation und deren Verlauf noch einmal eindringlich vor Augen geführt haben, dass sich beim Dino Vieles verändern muss, andernfalls wäre das Aussterben des letzten seiner Art nur um ein Jahr aufgeschoben.

Der HSV muss, so denn die Verpflichtung von Lasogga scheitern sollte, dringend einen Ersatz finden. Rudnevs  kehrt bekanntlich zurück. Er, Zoua und Maggio werden es, sofern man denn überhaupt mit ihnen plant, offensiv nicht richten können. Bei Arslan muss jetzt dringend der nächste Schritt folgen. Stabilisiert er seine Leistung nicht im ersten Halbjahr der kommenden Saison, bzw. gewöhnt sich gewisse Mätzchen endgültig ab, dann muss in der kommenden Winterpause Klartext gesprochen werden… Überhaupt sollte man über beide Stammsechser, Badelj und Arslan,  gründlich nachdenken. Wenn Skejlbred ebenfalls zurückkehren sollte, dann sollte man m.E. mindestens ihm eine ernsthafte Chance im zentralen (defensiven) Mittelfeld einräumen, anstatt ihn auf der rechten offensiven Außenbahn verhungern zu lassen. Bei Hertha BSC hat er hinlänglich bewiesen, dass er dort spielen kann. Da alle personellen Überlegungen unter dem Vorbehalt ihrer finanziellen Realisierbarkeit stehen, sollte man vielleicht nicht so sehr in die Ferne schweifen. Gerade in derartigen Zeiten bräuchte man ansonsten ein gutes Scouting. Der HSV aber, dies war zuletzt mehrfach zu vernehmen, spart auch hier…

Ich meine, dass inzwischen unstrittig sein dürfte, dass die Gestaltung der Saisonvorbereitung (Sommer und Winter) keineswegs optimal verlaufen ist. Der HSV braucht eindeutig mehr Geschwindigkeit in seinem Spiel. Ich denke, man sollte unbedingt mindestens mittelfristig Slomka vertrauen und die (nicht nur aber auch) für die Grundlagenausdauer so eminent wichtige Sommervorbereitung durchziehen lassen. Die Mannschaft braucht nicht nur allem Anschein nach eine andere Vorbereitung und die ein oder andere personelle Veränderung, sondern sie braucht endlich einen Trainer, der ihr seine Handschrift und damit eine klare Spielidee über längere Zeit so vermitteln kann, dass sie absolut verinnerlicht und damit auch unter (Wettkampf-)Stress abrufbar bleibt. Der HSV 2013/14 spielte nicht Fisch, nicht Fleisch, also genau jene fatale, unsichere Mixtur, die diverse Trainer der letzten Jahre mit ihren jeweils höchst unterschiedlichen Vorstellungen hinterlassen haben.

Der Dino ist dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen. Viele, viele fatale, z.T. groteske Fehlentscheidungen der Verantwortlichen haben ihn mit mehr als einem Bein an den Rand des Aussterbens gebracht. Das ist vor allem vom HSV selbst verschuldet. Ich werde mich hier in den kommenden Tagen ausführlich mit alle jenen beschäftigen, die aus meiner Sicht den einstmals großen HSV an den Rand des Ruins abgewirtschaftet haben. Diese beschämende Spielzeit gemahnt den Hamburger Sportverein zu Demut und zu ernsthafter, schonungsloser Selbstkritik. Der HSV hat einmal mehr nur Glück, viel, viel Glück gehabt, dass der Dilettantismus auf allen Ebenen des Vereins nicht den im Grunde absolut verdienten Absturz in die Zweitklassigkeit zur Folge hatte. Die Wahrheit scheint mir: der Dino ist längst eine graue Maus, die zudem seit Monaten den Spielern keine Gehälter mehr hätte bezahlen können, hätte man nicht die Mittel der s.g. Campus-Anleihe im Grunde zweckentfremdet. Mit dem Klassenverbleib wurde das grundsätzliche Desaster dieser Saison lediglich in Grenzen gehalten. Doch davon mehr an einem anderen Tag.

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Ein schmeichelhaftes Unentschieden: HSV – SpVgg Greuther Fürth 0:0 (0:0)

So ist das zur Zeit. Nach einer sorgenvollen, unruhigen Nacht schreibe ich meinen Spielbericht und stelle nur die Hälfte online. Die andere Hälfte verschwindet ungewollt und ungespeichert im virtuellen Nirwana. Es kommt derzeit alles zusammen. Also auf ein Neues!

HSV-Trainer Slomka musste kurzfristig die Mannschaft umbauen, da Adler nach dem Aufwärmen über Rückenschmerzen klagte. Für ihn kam Drobny zum Einsatz. Wohl dem, der so eine 1b-Lösung auf der Bank weiß. Überraschender und möglicherweise schon ein Fingerzeig für die Zukunft beim HSV war die Tatsache, dass Westermann ebenfalls auf der Bank Platz nehmen musste, weil Slomka auf Djourou vertraute. Er schickte also folgende Aufstellung zu Beginn auf das Feld:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Jiracek – Rincon (90. Westermann), Tesche (60. Jansen), Badelj, Calhanoglu – van der Vaart – Lasogga

Die Partie begann verhalten und ohne große Höhepunkte, da beide Mannschaften zunächst darauf bedacht schienen, defensiv stabil zu stehen. Die Partei glich zu Beginn mehr einem wechselseitigen Abtasten beider Mannschaften, die sich weitestgehend neutralisierten. So dauerte es bis zur 26. Minute, als der sehr agile  Fürther Angreifer, Ilir Azemi, sich mit einem schönen Trick durch den Strafraum der Hamburger spielte. Zum Glück für die Gastgeber kam er dabei am Ende etwas aus dem Tritt und traf den Ball nicht mehr absolut sauber. Drobny stand im kurzen Eck, Azemi schien ihn “tunneln” zu wollen, aber Hamburgs Torhüter bekam schnell genug die Beine zusammen und konnte diesen Schuss aus sieben Metern abwehren.

Insgesamt wirkten das Spiel der von Frank Kramer trainierten Gäste taktisch reifer, flüssiger, zielstrebiger, konsequenter und vor allem selbstbewusster. Der HSV spielte vergleichsweise altmodisch. Der Dreischritt, Ballannahme, schauen, passen, wurde regelmäßig zum Vierschritt erweitert: Ball annehmen, auf den richtigen Fuß legen, schauen, passen. Oder es wurde mit dem Ball gelaufen, weil man keine Anspielstation fand. So verwundert es nicht, dass auf diese Weise wertvolle Sekunden(–bruchteile) vergeudet wurden, die es den überaus lauffreudigen Gästen erlaubten, evtl. vorhandene Lücken im eigenen Defensivverbund rechtzeitig zu schließen. Es dauerte daher bis zur 44. Minute, bis Calhanoglu nach einer Einzelaktion aus 18 Metern auf das Tor der Gäste schoss. Aber dieser Ball verfehlte klar rechts das vom Ex-HSVer Hesl gehütete Gehäuse der Gäste. Mehr Chancen des Erstligisten? Fehlanzeige. Traurig, aber wahr.

In der 45. Minute kam erneut Azemi aus neun Metern rechts im Strafraum der Hamburger zum Schuss, aber wieder hatte der HSV Glück. Der Winkel war derart spitz, dass Drobny erneut parieren konnte.

Mein Zwischenfazit zur Halbzeitpause: Der HSV begann zu schwimmen, sobald die Fürther schnell, direkt und flüssig spielten. Greuther Fürth wirkte auf mich wie der tatsächliche Erstligist. Der HSV seinerseits war stets bemüht…

In der zweiten Spielhälfte gehörte die erste Torchance ebenfalls den Gästen. Nach einem Eckstoß von ihrer rechten Angriffsseite kam Azemi(?) aus fünf Metern zum Kopfball, konnte den Ball aber nicht entscheidend drücken. So segelte auch dieser Versuch folgenlos für den HSV über die Querlatte.

Nach einer halben Stunde hatte Slomka genug gesehen und nahm den dieses Mal blassen Tesche zugunsten Jansens aus dem Spiel (60.). Jansen spielte nun links offensiv vor Jiracek.  Calhanoglu rückte von außen in die Zentrale und bemühte sich im Wechselspiel mit van der Vaart, das eigene Spiel anzukurbeln. Der HSV kam nun etwas besser ins Spiel. Nur fünf Minuten später erreichte Lasogga eine Flanke vom linken Flügel, doch sein Kopfball aus sieben Metern in Richtung langes Eck fehlte der Druck, sodass Hesl den Ball sogar fangen konnte.

Zwei Minuten später erschien es für einen Moment, als hätte der HSV das bis dahin aus seiner Sicht enttäuschend verlaufene Spiel erfolgreich gedreht, denn Lasogga hatte den Ball nach einer Freistoßflanke ins Netz befördert. Leider stand der  Schütze klar im Abseits. Dem vermeintlichen Führungstreffer  wurde daher vom Schiedsrichtergespann völlig zurecht die Anerkennung verweigert. Es blieb also beim Unentschieden.

In der 74. Minute flankte Fürth von linken Flügel aus 32 Metern vor das Hamburger Tor, aber der sehr auffällige Azemi beförderte den  Ball aus fünf Metern über das Hamburger Gehäuse. Nur zwei Minuten später war es erneut Azemi, der eine weitere scharfe Hereingabe vom linken Fürther Flügel um wenige Zentimeter verpasste (76.).

In der Schlussphase wurde es dann turbulent: In der 85. Spielminute rutschte einem Verteidiger der Franken im eigenen Strafraum eine Flanke Jiraceks von der linken Hamburger Angriffsseite über den Kopf. Lasogga stand goldrichtig am rechten Eck des Fünfmeterraumes, nahm den Ball volley, traf ihn aber nicht perfekt. So konnte Hesl die bis dato erste klar herausgespielte Tormöglichkeit des HSVs letztlich parieren.

In der letzten Minute der regulären Spielzeit entschloss sich Slomka zu seiner zweiten und letzten Auswechselung. Es kam Westermann für Rincon. Dahinter stand wohl der Gedanke, über den hochgewachsenen und kopfballstarken Westermann hinten wenigstens das Unentschieden zu sichern, bzw. evtl. bei einer eigenen Standardsituation doch noch zum Siegtreffer zu kommen. Fürths Trainer Kramer hat in der Schlussphase übrigens dreimal gewechselt. Dass Slomka auf seinen letzten Wechsel verzichtete, weil er ihm offenbar nicht mehr sinnvoll erschien, spricht Bände über den derzeitigen HSV-Kader.

In der zweiten Minute der Nachspielzeit (90+2.) flankte Diekmeier auf Höhe der Grundlinie vom rechten Flügel. Hesl unterlief zwar die Flanke, aber ein Fürther Abwehrspieler konnte den Ball gerade noch vor dem einschussbereiten Jansen am langen Pfosten klären. Eine Minute später stand van der Vaart am linken Eck des Fünfmeterraumes der Gäste nach Zuspiel  Calhanoglus frei, traf aber den Ball so schlecht, dass der aufmerksame Hesl erneut mühellos parieren konnte (90+3.).

Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin) leitete die Partie souverän und ohne größere Fehler.

Fazit: Zu loben ist zunächst das Publikum des HSVs. Es unterstützte seine Mannschaft lautstark während der gesamten Spielzeit. Aus Sicht der Hamburger muss das Unentschieden durchaus als glücklich bezeichnet werden. Die am gestrigen Tag eindeutig bessere Mannschaft kam für mich aus Fürth. Die Gäste zeigten schnörkellosen, modernen, variablen Fußball. Der HSV wirkte im unmittelbaren Vergleich höchstens in Ansätzen konkurrenzfähig. Wenn Lasogga nach dem Spiel davon sprach, die Gäste hätten sich ja nur hinten hineingestellt, um auf Konter zu spielen, dann verkennt er vollkommen die Realität. Fürth hat sehr wohl situationsabhängig auch Offensivpressing gespielt, rückte aber während der gesamten Spieldauer konsequent geschlossen nach hinten, wenn man den Ball nicht schnell genug zurückgewann.

Dem HSV fehlte mit zunehmender Spielzeit erneut die Kompaktheit. Praktisch allen eigenen langen, vertikalen Bälle fehlte die Genauigkeit. Entweder wurde sie irgendwo ins Nirgendwo gespielt, oder sie konnten mühellos durch die Defensive der Spielvereinigung abgefangen werden. Fürth konnte drei frische Leute im Laufe des Spiels einsetzen, der HSV nicht, jedenfalls aus Sicht des Trainers nicht sinnvoll. Die bekannt lauffreudigen Gäste wirkten auch deswegen zum Ende der Partie eindeutig frischer, während der eine oder andere HSV-Spieler stehend k.o. wirkte. Vergleicht man beide Mannschaften mit einem Vierzylinder-Auto, so wirkte allein der HSV so, als liefe sein Motor nur auf drei „Töpfen“. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass vor der nun kommenden, für die Klassenzugehörigkeit entscheidenden Partie die Vorteile eher auf Seiten des Zweitligisten liegen. Dessen Spieler zeigten sich auch nach der Partie entspannt und mit  der eigenen Leistung zufrieden, während beim HSV einmal mehr das Prinzip Hoffnung zu regieren scheint.

Der HSV wirkte über weite Strecken gelähmt von der eigenen Angst, Fehler zu begehen. Auch wenn man sein Heimspiel nicht gewinnen konnte, so ist immerhin positiv, dass man das torlose Remis über die Zeit brachte. Angesichts der Auswärtstor-Regelung könnte daher jedes Unentschieden mit einem oder mehreren Treffern  auf fremden Platz zum Klassenverbleib bereits reichen. Das ist zwar mathematisch ein Vorteil, aber wie schon Rummenigge wusste: Fußball ist bekanntlich keine Mathematik.

Das Momentum liegt aus meiner Sicht eindeutig auf Seiten der Fürther. Diese haben nicht zuletzt sich selbst mit einem couragierten Auftritt bewiesen, dass sie sich mindestens auf Augenhöhe mit dem namhaften Rivalen befinden. Mit dieser Überzeugung und dem mehrheitlich eigenen Publikum im Rücken wird der HSV eine gewaltige Leistungssteigerung benötigen, möchte man sich auch nach der Partie noch zu den Erstligisten zählen dürfen. Wer es bis jetzt immer noch nicht einsehen wollte – es ist, egal wie das Spiel am Sonntag auch ausgehen mag, die Notwendigkeit zu tiefgreifenden Veränderungen beim HSV mehr als evident. Die Mannschaft wird, neben einer taktisch außerordentlich disziplinierten Leistung und einem souveränen Torhüter (Bravo, Drobny!) auch eine gehörige Portion Glück brauchen, um die Klasse halten zu können. In diesem Sinne – der Worte sind genug gewechselt.