Mangala

In Hamburg sagt man „tschüss“, HSV

Nach reiflicher Überlegung wird dies wohl mein letzter Blog-Eintrag zum HSV werden. Das Blog Viertermann.com wird noch bis Ende des Jahres online bleiben, dass es aber danach hier weiter geht, kann ich mir Stand heute nicht mehr vorstellen.

Seit Jahren, ja Jahrzehnten bin ich als Fan von meinem Verein, dem HSV, regelmäßig enttäuscht worden. Nun bin ich wahrlich kein Erfolgsfan und habe auch in schlechteren und ganz schlechten Zeiten immer zum Club gestanden. Aber in den letzten Monaten hat es den Anschein, als sei etwas in mir endgültig zerbrochen, nämlich die begründete Hoffnung, dass dieser einstmals ruhmreiche Club in absehbarer Zeit die richtigen Schlüsse aus dem seit mehr als vierzig Jahren währenden Niedergang ziehen wird.

Einst Nummer Zwei (2!) in Europa (hinter dem FC Liverpool) ist man inzwischen in den Niederungen der 2. Liga angekommen. Und auch hier wurde in der abgelaufenen Saison das sportliche Minimalziel, die sofortige Rückkehr in die 1. Bundesliga, notfalls über den Umweg „Relegation“, leichtfertig erneut verpasst. Ein Scheitern mit Ansage, wie ich finde. Da mochten die ehemals Verantwortlichen noch so sehr die angebliche Ausgeglichenheit der 2. Liga betonen, Tatsache ist, was die finanziellen Aufwendungen für den Kader betraf, so hatte der HSV nur einen ernsthaften Konkurrenten zu fürchten, den 1. FC Köln.

Geld schießt keine Tore, wird der eine oder andere an dieser Stelle einwenden und auf das Beispiel der jüngst aufgestiegenen Paderborner verweisen. Und doch bleibt festzustellen, dass finanzieller Aufwand und Ertrag beim HSV seit Jahren in einem ruinösen Missverhältnis stehen. Anders als bei anderen Vereinen. Auch wenn der Aufstieg der Paderborner einem kleinen sportlichen Wunder gleichkommt, so dürfte im Grunde jedem klar sein, dass diesem Verein, gerade weil er finanziell hoffnungslos unterlegen ist, vermutlich nur eine sehr kurze Stippvisite in der 1. Liga vergönnt sein wird. Merke: Geld allein schießt nicht die Tore, – gerade der HSV hat dies regelmäßig bewiesen! – aber unbestreitbar bleibt eben auch, dass Geld die unverzichtbare Voraussetzung ist, um die Chance des Zugriffs auf talentierte Spieler merklich zu erhöhen.

In der abgelaufenen Saison hatte nur ein Verein, der 1. FC Köln, finanziell gleiche, bzw. bessere Voraussetzungen. In der kommenden Spielzeit wird der HSV nun, sollte der VfB Stuttgart in der Relegation scheitern, mit gleich drei Bundesligisten (Hannover 96, 1. FC Nürnberg und eben dem VfB) konkurrieren müssen, die sicherlich mit aller Macht die sofortige Rückkehr in die 1. Liga anstreben dürften. Es werden also mehrere Mitkonkurrenten am Start sein, die über vergleichbare finanzielle Möglichkeiten verfügen. Dies spricht für die Annahme, dass sich der Wettbewerb, in dem der HSV in der abgelaufenen Saison gemessen an seinen Zielen total versagt hat, weiter verschärfen dürfte. Mit anderen Worten: Den Aufstieg in der kommenden Spielzeit zu erreichen dürfte weit schwieriger werden.

Wolf und Becker entlassen

Von Hannes Wolf als Trainer hat man sich bekanntlich allen Lippenbekenntnissen zu Durchhaltevermögen und Kontinuität anlässlich seiner damaligen Präsentation zum Trotz getrennt. Zur Begründung wurde auf „die unbefriedigende sportliche Entwicklung“ verwiesen. Nun kann man die Arbeit von Wolf sicher an einigen Punkten begründet kritisieren, jedoch sei auf zwei Punkte hingewiesen:

1.) Ihm war keine gemeinsame Sommervorbereitung mit der Mannschaft vergönnt;

2.) Der Kader, mit dem er arbeiten musste, wurde im Wesentlichen von anderen Personen geplant und zusammengestellt. Dass auch er sich hinsichtlich des Leistungsvermögens im Winter tiefgreifend verschätzt hat, hat er selbst eingeräumt.

Ich möchte es so formulieren: Wolf war als Trainer hauptverantwortlich für die Musikauswahl, das Orchester aber, mit dem diese gespielt werden musste, haben im Wesentlichen andere zu verantworten. Der Spielplan, das Ziel sofortiger Aufstieg, war ihm ohnehin von der Intendanz, Bernd Hoffmann, vorgegeben worden.

Am gestrigen Tag verkündete der HSV dann die sofortige Freistellung von Sportvorstand Ralf Becker und präsentierte als dessen Nachfolger Jonas Boldt. Auch Becker sind m.E. Fehler anzulasten, so zum Beispiel sein fragwürdiges Krisenmanagement oder sein naiver Umgang mit einer einschlägig beleumundeten Boulevard-Zeitung, der er (vielleicht) die Freistellung von Wolf nach Saisonende verriet. Aber auch Becker kam erst, nachdem der Kader im Wesentlichen bereits feststand. Und auch Becker arbeitete unter der Zielvorgabe Hoffmanns.

Der AR bewertet da formal zuständig, aber auf Grundlage welcher Qualifikation?

Die Bewertung der unbefriedigenden sportlichen Entwicklung habe den Aufsichtsrat zur Freistellung Beckers veranlasst, verkündete dessen Vorsitzender Köttgen auf der gestrigen PK. Da das von Hoffmann ausgegebene Ziel, sofortiger Aufstieg, verpasst wurde, scheint dies zunächst plausibel und nachvollziehbar. Denn der „Vorstand Sport“ trägt die Gesamtverantwortung für den sportlichen Bereich. Eben so begründet erscheint auch auf den ersten Blick, dass der Vorsitzende des Kontrollgremiums, das formal für die Berufung und Abberufung eines Vorstands zuständig ist, diese Entscheidung auch öffentlich vertritt und begründet. Mehr als fragwürdig ist aber, wer in diesem Gremium über die sportfachliche Qualifikation verfügt, um eine sportliche Entwicklung unter Berücksichtigung aller relevanten Gesichtspunkte sachgerecht zu beurteilen. Die bloße Feststellung, dass das gesetzte Ziel kläglich verfehlt wurde, bedarf im Grunde gar keiner Qualifikation, denn dies ist für jeden Laien mehr als offensichtlich. Anders verhält es sich aber bei der differenzierten Bewertung der dafür maßgeblichen Faktoren.

Traditionell verpasste Ziele

In Hamburg könne man nichts anderes als den sofortigen Wiederaufstieg verkaufen, meint Bernd Hoffmann. Und auch Becker sagte vor einiger Zeit, er könne nicht von Platz 5 (als Zielsetzung) reden. Allen im Detail durchaus unterschiedlichen Ansätzen ehemaliger und aktueller Führungskräfte zum Trotz zeigt sich hier eine bemerkenswert gleichförmige Tradition beim HSV. Es wurden und werden stets hohe und höchste Ziele ausgegeben und vor allem Fantasien verkauft. Eine keineswegs abschließende Auswahl:

  • Jarchows 5-Jahresplan bis zur CL
  • „Aufstellen für Europa“ (HSVPlus)
  • Das unter der Ägide von Beiersdorfer für viel Geld erarbeitete Leitbild spricht ebenfalls unverändert vom europäischen Wettbewerb
  • Beiersdorfer / Bruchhagen: in Hamburg müsse man unbedingt „Stars“ präsentieren
  • Sofortiger Aufstieg

Spöttisch formuliert zeigt sich Kontinuität beim HSV einzig im Primat des vollmundigen Marketings vor sachgerechter, sportfachlich qualifizierter, nachhaltiger Arbeit. Daraus abgeleitet ergeben sich fast zwangsläufig weitere, unrühmliche Kostante:

  • regelmäßiges Nichterreichen des gesetzten Saisonziels.;
  • beständiger Austausch von Entscheidungsträgern;
  • Umbruch als Dauerzustand

Ein fatales Missverständnis in Sachen Zielsetzung

Ziele müssten ambitioniert sein, da andernfalls Stagnation und sogar Rückentwicklung drohten. Mit dieser oberfächlich betrachtet zweifellos korrekten Aussage wird dieser Kurs beständig falscher Ankündigungen und Ziele regelmäßig vereins – und fanseitig gerechtfertigt.

Nüchtern festzustellen ist hier aber zunächst, dass der HSV seine Saisonziele in den letzten Jahrzehnten nur im absoluten Ausnahmefall erreichte. Dies lässt sich sogar für die heute rückblickend von Vielen verklärte Periode unter dem damaligen Duo Hoffmann, Beiersdorfer empirisch zweifelsfrei nachweisen. Ein „ambitioniertes“ sportliches Ziel ist aber grundsätzlich eines, dass im Optimalfall erreicht und gelegentlich sogar übertroffen werden kann. Wer aber derart beständig seine Ziele wie der HSV verfehlt, der muss sich fragen lassen, ob es nicht seine Ambitionen sind, die sich in unrealistischen Zielsetzungen manifestierten, was nebenbei die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns dann signifikant erhöht. Abgesehen davon bleibt es eine bisher absolut unbelegte Behauptung, dass man bei Fans, Sponsoren und Medien kein Verständnis für einen sachlicheren Kurs fände. Ich behaupte sogar, dass man durch die damit einhergehenden permanenten Enttäuschungen den Druck selbst verschuldet erhöht. Eben diesen Druck, den man beständig zirkelschlüssig als Begründung für seine kurzatmigen sportlichen und personellen Entscheidungen bemüht.

Keine Zielsetzung ohne Analyse!

Nun also soll es Jonas Boldt richten. Doch wie sieht der Ist-Zustand aus?

  • Boldt wird von Mutzel in den aktuellen Stand der Kaderplanung eingeweiht und sich zunächst einarbeiten müssen.
  • Die Wahl des zukünftigen Trainers steht unverändert aus. Dies ist schon deswegen problematisch, weil der neue Trainer in die Kaderzusammenstellung unbedingt eingebunden werden sollte.
  • Abgänge: Mangala, Hwang, Holtby, Lasogga, Lacroix und Arp sind weg. Douglas Santos soll und will gehen. Weitere Abgänge könnten sein: Ito, Sakai, Pollersbeck, Köhlert, Vagnoman und Papadopoulos u.v.m.
  • Zugänge bisher: Kinsombi, Gyamerah, Dudziak, Hinterseer

Alle anderen Kandidaten möchte ich nicht kommentieren. Ziel bei der Kaderzusammenstellung soll aber die Etablierung einer neuen Achse, einer neuen Strucktur bei den Führungsspielern sein, so hieß es. Dies ist aus meiner Sicht grundsätzlich richtig, notwendig und überfällig, wie ein Blick auf die alte Achse zeigt:

Eine neue Mannschaftsstruktur war auch sportlich unumgänglich

Holtby ist zweifellos ein technisch guter Spieler, der aber bei jedem Trainer der vergangenen Jahre als Stammspieler startete und im weiteren Verlauf zum Ergänzungsspieler mutierte. Der einzige Trainer, unter dem er tatsächlich konstant gute Leistung lieferte, war Christian Titz. Ein Führungsspieler muss aber durch Konstanz den Führungsanspruch untermauern, andernfalls fehlt die Akzeptanz. Dass Holtby in dieser Funktion nicht funktionierte, durfte nicht wirklich überraschen;

Papadopoulos hat eine längst allseits bekannte erhebliche Verletzungshistorie. Seinen langfristigen Ausfall „Pech“ zuzuschreiben, wäre mehr als törricht. Auch der kam praktisch mit Ansage;

Lasogga lieferte, wenn man nur auf Tore oder seine Quote fokussiert. Dabei wird jedoch übersehen, dass die Zeit der reinen Strafraumstürmer vor Jahren bereits abgelaufen war (Stichwort: B. Romeo). So wie ein Verteidiger heute selbstverständlich auch seinen Beitrag für die Offensive leisten muss, so muss ein Stürmer heute läuferisch auch stark zurückarbeiten. Lasoggas technische Defizite und seine klar erkennbare läuferische Unterlegenheit verunmöglichten ein schnelles Umschaltspiel durch das Zentrum und zwangen grundsätzlich zu einem Spiel über außen. Auch wenn das letzte Saisonspiel gegen Duisburg sportlich bedeutungslos war, so kam es nicht gänzlich von ungefähr, dass man mit schnelleren und technisch besseren Spielern wie Köhlert und Arp auch auf engerem Raum plötzlich Lösungen fand;

Dass Hunt in seinem Alter nicht robuster wird und daher mit Ausfallzeiten durchaus zu rechnen sein musste, hätte bei umsichtigerer Planung auch ins Kalkül gezogen werden können. Lediglich die Aneinanderreihung von gleich drei Muskelfaserrissen kann man hier als Pech bezeichnen.

Ableitung aus dem Ist-Zustand

Wie bereits oben erwähnt, stehen weitere erhebliche personelle Veränderungen im Kader bevor. Zu den derzeit noch ungeklärten Variablen gehört der neue Trainer, dessen Spielsystem und sein konkreter Umgang mit dem Kader. Von den feststehenden vier Neuzugängen einmal abgesehen ist weiterhin völlig offen, wie dieser Kader nicht nur rein fußballerisch zusammengestellt sein wird. Völlig offen und wohl am meisten unterschätzt ist die Frage, wie die unterschiedlichen Charaktäre und Persönlichkeiten dieses Kaders dann unter Druck miteinander umgehen werden. Es ist das eine, beispielweise einen Hinterseer als neuen Führungsspieler zu holen. Ob er die Akzeptanz seiner Kollegen tatsächlich finden wird, hängt jedoch nicht nur von seinem Verhalten im Mannschaftskreis sondern auch von seinen Leistungen auf dem Platz ab. Es sei in diesem Zusammenhang warnend daran erinnert, dass in der Vergangenheit viele neue Spieler des HSV die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen konnten. Eine funktionierende Hierarchie kann man nicht kaufen, deren Herausbildung benötigt Zeit. Hier lässt sich daher feststellen, dass der HSV bislang lediglich dabei ist, die Voraussetzungen für eine neue Struktur zu schaffen. Gleichwohl halte ich Skepsis und Zurückhaltung aus den genannten Gründen für angebracht. Die Kader der letzten Spielzeiten wiesen regelmäßig schwere Defizite auf, was die jeweils Verantwortlichen durch Nachverpflichtungen wie Spahic, Behrami und Mavraj jeweils kompensieren mussten und wollten. Der „Erfolg“ dürfte bekannt sein.

Der HSV hat also aktuell weder einen Trainer noch einen fixen Kader. Noch ist klar, ob und wie die Mannschaft zusammenwächst. Die so wichtige intakte Hierarchie kann und wird sich erst im Laufe der Saison entwickeln müssen. Nach einer desaströsen Rückrunde, die mindestens zu Saisonbeginn in den Köpfen der weiterhin beim HSV verbleibenden Spieler noch nachwirken wird, steht ein kompletter Neuaufbau unter erschwerten Konkurrenzbedingungen (s.o.) bevor. Ich bin völlig bei Hannes Wolf , dass unter diesen Bedingungen eine Konsolidierung im oberen Tabellenbereich sachlich begründet und angemessen wäre. Dies bedeutet eben nicht die grundsätzliche Preisgabe des Ziels Aufstieg und das Einrichten im grauen Mittelmaß der 2. Liga! Ein erneuter Platz 4 oder 5 mag zwar jene enttäuschen, die eine zügige Rückkehr in die Bundesliga sehnlichst erwarten, es wäre unter den Umständen jedoch ein erfolgreicher Zwischenschritt, den man als solchen auch erklären könnte. Damit würde man auch den nicht zuletzt selbstverschuldeten Druck etwas reduzieren. Denn eins ist auch unbestreitbar: Von Kontinuität wird vom HSV unverändert nur geredet. Die Fakten beweisen das exakte Gegenteil! Finanziell unterlegene Vereine, wie Paderborn oder Union sind aber auch nicht zu letzt deswegen erfolgreich, weil sie auch davon weniger reden sondern entsprechend konsequent handeln.

Konsequent unbelehrbar

Der HSV verkauft seit Jahren unbeirrbar und offenbar unbelehrbar Mogelpackungen. Gestern Europa, heute der Aufstieg. Die berühmt-berüchtigte Uhr, sie ist vor einem Jahr abgelaufen. Statt sie zu entsorgen, hat man sie mittels eines Taschenspielertricks einfach umgestellt. Als wäre im Grunde nichts geschehen. Bei „Hamburg, meine Perle“ werden unverändert in jeder Strophe Gegner verspottet, mit denen man in Wahrheit schon lange nicht mehr auf Augenhöhe ist. Die Realität, sie heißt Bochum, Bielefeld, Heidenheim, Aue oder Kiel, aber gesanglich zieht man ungerührt und offenbar unbelehrbar den Bayern die Lederhosen aus. Das, wie auch die ewig überhöhten Ankündigungen, beschreibt den Club leider treffender als alles, was die Verantwortlichen in den letzten Jahren angekündigt haben.

Da der HSV aus meiner Sicht reinem Marketing-Denken und effektheischenden statt sachlich-fachlich begründeten Zielen verhaftet bleibt, letztlich substanzlose Ankündigungen das Handeln seiner Entscheidungsträger bestimmen, vermag ich inzwischen nicht mehr an eine nachhaltige Besserung beim HSV zu glauben. Boldt, dem ich wie dem neuen Trainer selbstverständlich nur das Beste wünsche, bleibt für mich bis zum Beweis des Gegenteils nur ein weiterer auf der langen Liste der Hoffnungsträger. Und zwar ein weiterer auf Abruf.

Der HSV, ich schrieb es hier unlängst, geht einer höchst ungewissen Zukunft entgegen. Ich werde diese ab sofort nur noch aus der Ferne begleiten. In Hamburg sagt man „tschüss!“

Nachtrag: Ich möchte mich an dieser Stelle herzlichst bei Euch bedanken, dass Ihr mir über all die Jahre immer wieder einige Minuten eurer Zeit geschenkt habt, um meinen Gedanken zu folgen. Dafür und für die durchweg wertschätzenden Kommentare bin ich sehr dankbar!

Der HSV spielt gegen Ingolstadt wie ein Absteiger

Hamburger SV – FC Ingolstadt 04 0:3 (0:1)

Nach den zuletzt enttäuschenden Leistungen hatte der HSV vor der Partie gegen den FC Ingolstadt 04 kurzfristig ein Trainingslager bezogen. Da Holtby unlängst aus bekannten Gründen suspendiert wurde, Aaron Hunt aufgrund von Rückenproblemen erneut ausfiel, und Gideon Jung zuletzt formschwach auftrat, kam die Rückkehr von Sakai ins Team für mich wenig überraschend. Auch mit der Nominierung von Wintzheimer konnte man grundsätzlich rechnen, da HSV-Trainer Wolf unlängst ungewöhnlich offen unbefriedigende Trainigsleistungen und nachlassende Laufleistungen einiger Spieler öffentlich kritisiert hatte, was nicht zuletzt auch Lasogga gegolten hat, wie man hörte. Einigermaßend überraschend hatte sich Jann-Fiete Arp im Trainingslager offenbar zumindest für einen Platz auf der Ersatzbank empfehlen können. Das Sturmtalent war vor Wochen ebenfalls aufgrund mangelnden Trainingseifers zur U21 abgeschoben worden und kehrte nun erstmals wieder in den Kader zurück. er sollte jdoch ohne Einsatz bleiben.

HSV-Trainer Wolf nominierte für das so wichtige Heimspiel gegen den FC Ingolstadt 04 die folgende Startelf: Pollersbeck – Sakai (63. Vagnoman) , Lacroix, van Drongelen, Douglas Santos – Narey, Mangala (78. Janjicic), Özcan, Jatta – Wintzheimer, Hwang (63. Lasogga)

In der taktischen Ausrichtung ergab sich auf dem Papier aus Sicht des HSV ein 4-4-2 mit Witzheimer und Hwang als Doppelspitze. Im Verlauf der ersten Halbzeit war jedoch bereits zu sehen, dass sich Hwang oft ins Mittelfeld fallen ließ, auch weil wie bereits leider gewohnt das Anspiel der beiden Stürmer aus dem Mittelfeld überhaupt nicht funktionierte. Mangala sicherte meist das defensiven Mittelfeld, sodass das 4-4-2 in der ersten Halbzeit oft in ein 4-1-4-1 überführt wurde. Die Gäste aus Ingolstadt agierten ihrerseits in einem 4-4-2, bzw. in einem 4-3-3 sobald Pledl nach vorne rückte. Dabei störten sie von Anpfiff an zunächst konsequent das bekanntlich fehleranfällige Aufbauspiel des HSV und sorgten für erste Anzeichen für Nervosität und Unruhe in der Mannschaft der Gastgeber. Besonders der zuletzt von mir gelobte Lacroix zeigte schon in den ersten Minuten erste Anzeichen grober Schwächen als ihn sein Gegenspieler mit einer simplen Körpertäuschung aus dem Spiel nehmen konnte, was allerdings noch folgenlos blieb. Wenige Minuten später, in der 8. Minute, trat er sehr hoch ins Mittelfeld aufgerückt über den Ball. Da in der Situation van Drongelen ebenfalls hoch aufgerückt war, konnte der Ingolstädter Lezcano in Richtung des HSV-Tores allein auf und davon ziehen. Zwar wurde er von beiden Hamburger Innenverteidigern noch eingeholt, da aber beide passiv blieben (und nicht einer von ihnen den Stürmer attackierte), kam der Ingolstädter zum Abschluss. Das 0:1, aus meiner Sicht unhaltbar für Pollersbeck.

In der Folge wirkte die Mannschaft des HSV noch unsicherer. Alle waren bemüht, weitere Fehler zu vermeiden, was sich zunächst in einer wahren Orgie an Sicherheits-, Quer- und Rückpässen zeigte. Es fehlten sowohl Tiefe als auch Breite in ihrem Spiel. Bot beispielsweise der weit ins Mittelfeld aufgerückte Sakai Läufe in die Tiefe an, so wurde er gleich mehrfach übersehen, bzw. ignoriert. Narey und Jatta auf den Außénbahnen zogen (zu) häufig nach innen, sodass dem HSV-Spiel auch jede wirkliche Breite fehlte. Da auch Hwang, sofern er sich ins Mittelfeld zurückfallenließ, fast kein Wechselspiel mit Narey über außen zeigte, verpufften jegliche Hamburger Angriffsbemühungen im zentralen Raum vor der massierten Ingolstädter Abwehrmitte. Die Gäste kamen so meist relativ einfach zu ihren Ballgewinnen und konnten immer wieder ihrerseits für Entlastung und weitere Unruhe sorgen

Der HSV fand gegen die stark mannorientierte Verteidigung seiner nominellen Kreativspieler, Mangala und Douglas Santos, wie schon zuletzt mehrfach gesehen und kritisiert erneut keine Lösung. Eine Vielzahl von prinzipiell leicht zu verteidigenden langen Bällen nach vorne, die auch praktisch ohne jede Wirkung blieben, zeigte dies ebenfalls sehr deutlich. Mein Zwischenresümée zur Halbzeit war daher:

Das ist leider ein Klassenunterschied bisher. Der HSV spielt bisher wie ein Abstiegskandidat und liegt völlig zurecht zurück.

Nach der Pause begannen die Hamburger die zweite Halbzeit spielerisch zunächst leicht verbessert. Die Mannschaft versuchte nun erkennbar mehr die Breite des Feldes zu nutzen, um die Ingolstädter Abwehr auseinanderzuziehen. In der ersten Viertelstunde wurde nun insbesondere Jatta auf dem linken Flügel mehrfach freigepielt, der dann wahlweise Flanken aus dem Halbraum schlug, oder den Ball an die Strafraumgrenze zum nachrückenden Mangala zurücklegte. Offenbar hatte Wolf in seiner Halbzeitansprache auch mehr Abschlüsse aus der zweiten Reihe eingefordert. Leider verfingen sich diese Abschlüsse regelmäßig in der vielbeinigen Ingolstädter Abwehr oder verfehlten zu klar das Tor. In der Summe verlebte Ingolstadts Torhüter Tschauner jedenfalls einen viel zu ruhigen Nachmittag und wurde über die gesamte Spieldauer kaum je geprüft.

In der 63. Minute entschloss sich Wolf angesichts der fortdauernden Gästeführung zu einem Doppelwechsel: Der erneut praktisch völlig wirkungs – und bindungslos spielende Hwang wurde durch den langsameren aber robusteren und kopfballstärkeren Lasogga ersetzt. Zusätzlich sollte durch Vagnoman für Sakai offenbar nun auch mehr Tempo über den rechten Flügel kommen.

Fünf Minuten später gab es einen Eckball für den HSV. Da beide Hamburger Innenverteidiger als Kopfballadressaten des Eckballs im Strafraum der Gäste positioniert waren, spielte der junge Vagnoman den s.g. „letzten Mann“. Leider sprang ihm der abgewehrte Eckball bei der Ballannahme gleich mehrere Meter vom Fuß. Der Ingolstädter Pledl spritze dazwischen und lief tief aus der eigenen Hälfte kommend und vom unglücklichen Vagnoman verfolgt allein auf Pollersbeck zu. Sein Abschluss war dann so platziert, dass Pollersbeck erneut ohne Abwehrchance blieb. Das vorentscheidende 0:2 (68.) nach einem weiteren, schweren individuellen Fehler.

Nur wenige Minuten später landete ein Kopfball von Lacroix direkt vor den Füßen des Ingolstädters Gaus, dessen Schuss zusätzlich noch abgefälscht vom stürzenden Vagnoman für Pollerbeck ebenfalls unhaltbar zum 0:3 (73.) abgefälscht wurde. Um es in der Boxersprache auszudrücken: Der K.O. für den HSV.

In der Restpielzeit durften sich die erkennbar resignierenden Hamburger allein bei Pollersbeck bedanken, dass die Niederlage nicht noch höher ausfiel.

Fazit: Der HSV verliert auch in der Höhe völlig verdient. Über weite Strecken des Spiels glich das Hamburger Spiel einem spielerischen Offenbarungseid. Die von mir hier schon oft kritisierte Fehleranfälligkeit im Aufbauspiel, die Ideenarmut im Mittelfeld beim Übergang ins Angriffsdrittel – alles unverändert. In dieser Verfassung hat man nicht nur nichts in der 1. Bundesliga zu suchen sondern wäre über eine ganze Saison gesehen sogar klarer Abstiegskandidat aus der 2. Liga. Platz 16 in der Rückrundentabelle spricht hier ebenfalls Bände.

Kurztrainingslager gepaart mit öffentlicher Kritik an Einstellung und Trainingsleistungen, das wirkte auf mich schon vor der Begegnung mehr aktionistisch als tatsächlich erfolgversprechend.

Angeblich, so eine bliebte Legende unter HSVern, ist der HSV immer am besten, wenn der Druck hoch genug ist. Dieses Spiel könnte das Gegenteil belegen. Die Mannschaft wirkte nicht nur in diesem Spiel auch nervlich überfordert. Eine Vielzahl von schweren individuellen Fehlern in den letzten Wochen ist meines Erachtens auch Folge dieser mangelhaften mentalen Einstellung.

Hannes Wolfs gebetsmühlenartig eingeforderte „Schärfe“ kann nicht verdecken, dass es ihm erkennbar nicht gelungen ist, der Mannschaft offensiv stabile Lösungen zu vermitteln. Wenn Spieler immer wieder im Deckungsschatten verharren und sich nicht konsequent anbieten, auch deswegen gar nicht angespielt werden können (Özcan, Hwang, Narey), wenn gegen eine massierte Abwehr kopf- und erwartbar erfolglos penetrant-systematisch durch die Mitte gespielt wird anstatt die Breite des Feldes zu nutzen, dann kann man den Trainer nicht gänzlich aus jeder Verantwortung nehmen. Auch für die Einstellung der Spieler beim Training ist der Trainer zwar nicht allein aber eben auch mitverantwortlich zu machen. Zweifellos muss Hannes Wolf mit dem Nachteil arbeiten, dass er keine gemeinsame Sommervorbereitung mit der Mannnschaft hatte. Zweifellos hat er mit verletzungsbedingten Ausfällen (Jairo, Hunt) und strukturellen Problemen des Kaders (u.a. Abhängigkeit von Lasogga offensiv, schwankendes Leistungsbild vorgesehener Führungsspieler u.v.m.) zu kämpfen. Unter dem Strich steht jedoch inzwischen eine desaströse Rückrunde. Unter dem Strich wirkt die Mannschaft unter Wolf zu oft wie eine Ansammlung von Einzelakteuren aber eben nicht wie ein funktionierendes Kollektiv. Das soll nicht bedeuten, dass ich hier die Entlassung Wolfs fordere. Aber spätestens nach dieser erneut äußerst schwachen Leistung der Mannschaft und unter Berücksichtigung aller Gesichtspunkte muss man darüber nachdenken dürfen, ob man die nächste Spielzeit tatsächlich mit einem Trainer angehen will, der nunmehr wenig Kredit genießen wird und sofort massiv unter Druck geraten würde, sollte der Saisonauftakt in der nächsten Spielzeit nicht wie gewünscht verlaufen.

Schiedsrichter: Markus Schmidt (Stuttgart). An ihm lag es nicht.

Einzelkritik:

Pollersbeck: Schuld- und chancenlos bei den Gegentoren. Verhindert eine noch höhere Niederlage.

Sakai: Bot in der ersten Halbzeit mehrfach Läufe in die Tiefe an und wurde mehrfach von seinen Kollegen sträflich übersehen.

Lacroix: Leitete mit seinem schweren individuellen Fehler die Niederlage ein. Mehrfach mit ganz schwachen Zweikampfverhalten und Stellungsspiel. Ob man ihn nach dieser „Leistung“ nach der Saison tatsächlich fest verpflichten will, muss überdacht werden.

van Drongelen: Mehrfach mit ungewohnten Schwächen beim Kopfball- und gewohnte Schwächen beim Aufbauspiel. Wirkte neben dem unsicheren Lacroix überfordert.

Douglas Santos: Versuchte Viel. Vieles gelang leider auch nicht.

Mangala: Unbestreitbar ein großes Talent. Seine Klasse blitzte aber nur bei wenigen offensiven Pässen wirklich auf. Ansonsten viel zu viel Quer- und Sicherheitspässe, kaum Ideen.

Özcan: Nicht zu sehen.

Narey: Kam erst in der zweiten Hälfte über den rechten Flügel. Zog zu schnell und häufig nach innen. Verzettelte sich zu häufig in Einzelaktionen.

Jatta: Wurde erst zu Beginn der 2. Halbzeit mehrfach links außen gesucht und gefunden. Kaum mit Wirkung.

Hwang: Ließ sich häufig ins Mittelfeld fallen, auch weil aus dem Mittelfeld keine Bälle in die Spitze kamen. Wenn auf rechts außen, machte er das Spiel eng statt breit. Ohne Bindung.

Wintzheimer: Bekam wenig Bälle. Bemüht, mehr nicht.

Vagnoman: Schwerer Fehler bei der Ballannahme vor dem vorentscheidenden 0:2.

Lasogga: Ohne jede Wirkung.

Janjicic: Durfte Musste auch noch mitspielen.