Cléber

Schwache Hamburger unterliegen dem VfB Stuttgart verdient mit 0:1 (0:1)

So geht es nicht. So geht es definitiv nicht! Was ich da gestern Abend sehen musste, das treibt mir auch heute noch, also mit dem Abstand einer Nacht, die Zornesröte ins Gesicht. Das war ein Offenbarungseid des HSV in jeder Hinsicht: Taktisch, spielerisch, technisch und mental – überwiegend ungenügend bis mangelhaft. Und wenn ich nach dieser erschreckenden Vorstellung nach dem Spiel Statements lese, in denen allen Ernstes behauptet wird, man habe das Spiel auf unerklärliche Weise aus der Hand gegeben, dann wähne ich mich im falschen Film. Was der HSV da gestern Abend in seinem Heimspiel anbot, das gibt Anlass zu schlimmsten Befürchtungen. Wenn aus dieser desaströsen Leistung nicht schnell die richtigen Lehren gezogen werden, dann droht am Ende dieser Saison allen unbestreitbaren Verbesserungen zum Trotz der Abstieg.

Der Spielverlauf zu Beginn der Partie konnte kaum überraschen. Dass VfB-Trainer Stevens größten Wert auf defensive Stabilität legt, dies dürfte längst als allgemein bekannt gelten. Es konnte daher überhaupt nicht verwundern, dass sich die Schwaben in einem Auswärtsspiel zunächst tief in die eigene Hälfte zurückzogen. Ich interpretiere dies als Steven’schen Versuch, taktisch gleich drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Aus meiner Sicht wollte er:

1.) einen frühen Rückstand vermeiden;
2.) den HSV zu eben jener Aufgabe nötigen, die den Hamburgern unverändert schwer fällt, nämlich die Spielgestaltung, bzw. das Herausspielen von klaren Torchancen und
3.) vor allem über den schnellen Harnik zu eigenen Torchancen im Umschaltspiel kommen.

Folgerichtig standen die Stuttgarter zunächst tief in der eigenen Hälfte und verdichteten in Richtung des eigenen Strafraums zunehmend die Räume. Dem HSV gelang es daher zu Beginn der Partie, sein Spiel bis zur Spielfeldmitte relativ ungestört zu entwickeln. Dabei war das bereits bekannte Muster zu erkennen: Beide Außenverteidiger schoben weit nach vorne in Richtung Mittelfeld, und Behrami kippte zwischen die beiden weit auseinander geschobenen Innenverteidiger, während van der Vaart erneut als Verbindungsspieler fungieren sollte. In der Theorie. In der Praxis gelang den Hamburgern die Umsetzung dieses Schemas von Minute zu Minute schlechter, denn vor allem Harnik und Maxim pressten auf die ballführenden Hamburger Defensivspieler, während die Stuttgarter Sechser van der Vaart mannorientiert weitestgehend aus dem Spiel nahmen.

Die Hamburger kamen zwar zunächst mit Ball bis zur Mittellinie, fanden aber spätestens dort keine weiteren spielerischen Lösungen. Djourou verstolperte unter Druck eines attackierenden Stuttgarters bereits  der 8. Spielminute leichtfertig einen Ball. Zwar konnte er diese Situation selbst bereinigen, wirkte aber auf mich ab diesem Moment mental angeschlagen und unsicher. Ein mir unverständlicher Leistungseinbruch nach zuletzt guten bis sehr guten Spielen des Schweizers. Bei Behrami meinte ich erneut zu sehen, dass seine Stärken eindeutig in der Arbeit gegen Ball und Gegner liegen (Gelegentlich spielte er sogar eine Art „letzter Mann“ hinter beiden Innenverteidigern). Und so war es der vergleichsweise unerfahrene Cléber, der situativ über die linke Seite in freie Räume vorstieß. Er war erkennbar bemüht, das Offensivspiel der eigenen Mannschaft zu beleben, ließ sich aber im weiteren Verlauf der Begegnung von der zunehmenden Unsicherheit des Abwehrverbundes anstecken.

Van der Vaart blieb spielerisch weitestgehend wirkungslos. Nur einmal, in der 12. Minute, spielte er einen guten Pass in die Schnittstelle zwischen zwei Stuttgarter Verteidiger auf Lasogga. Aber Ulreich im Tor der Gäste war früher am Ball als Hamburgs Stoßstürmer. Ansonsten trat der Niederländer nur bei Standards und mehrfach mit fragwürdiger Zweikampfführung in Erscheinung, die ihm in der zweiten Halbzeit dann die verdiente fünfte gelbe Karte eintrug. Er wird daher im nächsten Spiel gegen Schalke fehlen. Fast bin ich versucht, zu schreiben: Gott sei Dank. Das war auch vom Kapitän einmal mehr zu wenig.

Symptomatisch, dass es Djourou war, der in der 16. Spielminute einen Eckball verursachte, der durch verbesserte Kommunikation innerhalb der Abwehr vermeidbar erschien. Nach der Ausführung des Eckstoßes von der rechten Seite kam Stuttgarts Harnik am linken Eck des Fünfmeterraumes vor dem Hamburger Tor frei zum Schuss, jagte den Ball jedoch über das Tor. Glück, Glück, Glück für den HSV, denn das hätte das 0:1 sein müssen!

Sah das Spiel der Hamburger die ersten zwanzig Minuten noch halbwegs passabel wenn auch ungefährlich aus, so glaubten die Gäste spätestens jetzt an ihre Chance. Sie beschränkten sich nun zunehmend nicht nur auf vereinzelte, offensive Nadelstiche, sondern übernahmen Mitte der ersten Halbzeit das Kommando. Frei nach dem Motto: „gegen diese nervösen, ideenlosen Hamburger geht doch etwas!“.

Den Stuttgartern boten sich nun zahlreiche weitere, große Chancen, um in Führung zu gehen. Allein Harnik hätte den HSV schon frühzeitig chancenlos in Rückstand bringen müssen (23., 32. und 38. Minute). Da die Hamburger immer wieder weit aufrückten, boten sich ihm genau die Räume, die er für sein Spiel braucht.

Die offensichtlichste Großchance für den VfB hatte jedoch der aufgerückte Niedermeier. Nach einem weiteren Eckstoß von der rechten Angriffsseite des VfB kam er zum Kopfball, den jedoch Holtby auf der Linie klären konnte (35.).

Kurz vor der Pause wollte van der Vaart unbedingt Lasogga ins Spiel bringen und übersah den völlig frei auf dem Flügel mitlaufenden Marcos. Es kam, was nach dem Spielverlauf schon fast zwingend kommen musste: Der Pass wurde abgefangen. Behrami hatte den Konter der Gäste schon fast unterbunden, verstolperte den Ball jedoch in den Lauf des Stuttgarters Maxim. Dieser legte vor für Klein, der dann zur inzwischen mehr als verdienten 0:1-Führung für die Gäste abschloss (42.).

Unmittelbar vor der Halbzeitpause musste der offenbar angeschlagene Lasogga vom Feld. Er wurde durch Gouaida ersetzt. Und ähnlich wie bei van der Vaart frage ich mich, ob die Mannschaft ohne ihn auf Schalke nicht sogar besser ist. Hamburgs Wandstürmer strahlt derzeit kaum Torgefahr aus und kann, was ich noch viel schlimmer finde, vorne kaum Bälle behaupten.

Zur Halbzeit gab es Pfiffe des Hamburger Publikums. Und obwohl ich kein Freund des Auspfeifens bin – ich konnte diese Reaktion gut verstehen. Der HSV hatte das Spiel ordentlich begonnen, aber dann den Gegner systematisch durch eigenes Unvermögen aufgebaut. Grausam.

In der 53. Minute zeigte der Stuttgarter Baumgartl Schwächen in der Ballannahme. Rudnevs spritzte dazwischen und lief mit Ball in Richtung des Strafraums der Gäste. Niedermeier zupfte, Rudnevs fiel (vor der Linie) und Dr. Brych entschied auf Freistoß für den HSV und Platzverweis für Niedermeier. Aus meiner Sicht war der Platzverweis eine harte, aber vertretbare Entscheidung. Bei dem nachfolgenden Freistoß durch van der Vaart hatte der HSV etwas Pech, denn der gut geschossene Ball wurde durch die Stuttgarter Mauer abgefälscht und traf nur die Querlatte des Tores.

Ich erspare mir und Euch eine genaue Darstellung des zweiten Spielabschnitts, zumal keine weiteren Tore fallen sollten. Stattdessen folgen hier nun einige Beobachtungen und Gedanken zu den Ursachen:

Das Offensivspiel des HSV wirkt unverändert schematisch und damit leicht zu dechiffrieren. Die Stuttgarter haben ihr Spiel ähnlich defensiv angelegt, wie vor Wochen die Werderaner. Denen hatte ich nach der damaligen Begegnung vorgeworfen, dass sie aus ihrer Sicht grundsätzlich zu passiv verteidigt hätten. Der VfB hat aus meiner Sicht genau dies besser gemacht. Man hat den Passweg von Behrami auf  van der Vaart konsequent verstellt, bzw. die beiden prinzipiell kreativsten Hamburger, Müller und van der Vaart, aggressiver verteidigt.

Hamburg spielte auch in Überzahl ideenlos und ungefährlich. Das liegt meines Erachtens auch an technisch-taktischen Defiziten. Alles dauert viel zu lange. So die Ballannahme und -verarbeitung und das Erfassen der Spielsituation. Pässe werden ohne Druck und damit zu oft ohne Geschwindigkeit gespielt. So kommt man nie zu einer schnellen Ballzirkulation und bringt die massierte Deckung eines Gegners in Unterzahl nicht in Bewegung. Als Folge ergeben sich kaum Lücken, die man erfolgreich bespielen könnte. Dieses Phänomen wird zudem davon begünstigt, was ich hier schon oft beklagt habe: Die Angreifer bewegen sich wenig und verharren z.T. im Deckungsschatten gegnerischer Spieler. Wer dann einen doppelt gedeckten Stürmer anspielt, in Ermangelung von Alternativen schon fast anspielen muss, der braucht sich über Ballverluste, Konter und Gegentore kaum wundern.

Das Zinnbauer in der 71. Minute Behrami durch den etwas offensiveren Arslan ersetzte, fand ich grundsätzlich richtig. Allerdings ist es ein Armutszeugnis für Tolgay, dass der junge Gouaida deutlich abgeklärter und damit effektiver spielte als er.  Grausam auch Arslans Ballverlust in der 81. Minute, als er in der Vorwärtsbewegung den Ball verstolperte. Hier trifft meines Erachtens jedoch den jungen Marcos eine Mitschuld, denn Arslan suchte erkennbar in dieser Situation nach einem Abnehmer. Marcos aber lief nicht nur in dieser Situation zur Unzeit in den Strafraum und nahm dem Spiel seiner Mannschaft eben jene Breite, die man gerade gegen einen derart defensiv agierenden Gegner gewährleisten muss. Sicher hatte Marcos erneut auch gute Szenen, das will ich gar nicht bestreiten. Ich frage mich aber langsam, was Ostrzolek „verbrochen“ hat. Weder sind Marcos Pässe oder Flanken besser, noch ist es sein taktisches Verhalten. Wäre es nach mir gegangen, ich hätte Marcos zur Halbzeit vom Feld genommen. Nicht um ihn abzustrafen, sondern weil die Mannschaft erkennbar nervös und konfus spielte. Ostrzolek ist der erfahrenere Mann, von dem ich mir mehr Klarheit in den Aktionen erwarten dürfen muss. Dass Zinnbauer dies offenbar  anders sah, verwundert mich.

Auch Zinnbauers Coaching in dieser Partie finde ich diskutabel. Es ist ja schön, gut und grundsätzlich nachvollziehbar, wenn man in einem Heimspiel offensiv spielen lässt. Aber ich fand, dass das Gegentor „mit Ansage“ fiel, da die stetig zunehmende Unsicherheit ganz offensichtlich war. Natürlich sind seine Einwirkungsmöglichkeiten von der Seitenlinie während des laufenden Spiels begrenzt, dennoch hätte ich mir gewünscht, dass er frühzeitig eben darauf z.B. durch Umstellung vom 4-1-3-2 auf ein 4-4-2 bis zur Pause reagiert, um eben dort dann die Mannschaft neu einstellen zu können.

Wer kein Tempo durch schnelle Ballzirkulation und Laufwege erzeugt, wer keine Bälle in der vordersten Spitze behaupten kann, der erstarrt in seinen Offensivbemühungen fast zwangsläufig. Wenn allein Gouaida und mit Abstrichen Müller, Rudnevs und Cléber zu gefallen wussten, dann muss auch die Frage nach der Qualität des Personals erlaubt sein. In dieser Verfassung wird es für den HSV jedenfalls schwer, die Klasse zu halten. Ganz schwer.

Schiedsrichter: Dr. Felix Brych (München).
Der Platzverweis für Niedermeier bleibt diskussionswürdig, da man aus Stuttgarter Sicht begründet argumentieren kann, dass keine klare Torchance für Rudnevs vorgelegen hat. Übersah ein Handspiel eines Stuttgarters in der Nachspielzeit, was mir aber herzlich egal ist, denn der HSV hatte an diesem Tag nichts anderes verdient als eine Niederlage. Dass die Mannschaft erneut gekämpft hat, halte ich im Grundsatz für selbstverständlich.

In dieser Besetzung hat der HSV gespielt: Drobny – Diekmeier, Djourou, Cléber (83. Stieber), Ostrzolek – Behrami (72. T. Arslan) – N. Müller, van der Vaart, Holtby – Lasogga (45. Gouaida), Rudnevs

 

Hamburg gewinnt gegen enttäuschende Mainzer: HSV – 1. FSV Mainz 05 2:1 (1:0)

Vor dem Spiel gegen den 1. FSV Mainz waren beim HSV die verletzungsbedingten Ausfälle von Behrami und Westermann zu beklagen. Der Schweizer Mittelfeldspieler hat sich bekanntlich binnen kürzester Zeit als Leistungsträger und echte Verstärkung der Mannschaft etabliert; Westermann zeigte zuletzt im Verbund mit Djourou durchweg ansprechende Leistungen als Innenverteidiger. Und so durfte man gespannt sein, wie HSV-Trainer Zinnbauer diese Ausfälle zu kompensieren gedachte.

Dass der junge Ronny Marcos nach seinem gelungenen Debüt in der Bundesliga eine erneute Bewährungschance bekommen würde, damit konnte man angesichts Zinnbauers jüngster Personalpolitik rechnen. Dieses Mal erhielt das Talent den Vorzug vor Ostrzolek und spielte auf der für ihn aus der U23 gewohnten Position des Linksverteidigers. Cleber ersetzte den verletzten Westermann, und Diekmeier kehrte nach seiner Sperre erwartungsgemäß ins Team zurück.

Im defensiven Mittelfeld spielte Jiracek für Behrami, während ganz vorne Lasogga und Rudnevs eine Doppelspitze bildeten.

Auf dem Spielberichtsbogen las sich daher die Aufstellung des HSV wie folgt:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Cléber, Marcos – Jiracek – van der Vaart (83. T. Arslan), N. Müller, Holtby – Lasogga (90+4. Gouaida), Rudnevs (90. Kacar)

Das Spiel: Hatte ich zuletzt Zinnbauers HSV als Wundertüte bezeichnet, so galt dies einmal mehr. Auch wenn manche personelle Änderungen nicht allzu sehr überraschten (Diekmeier für Götz, Cleber für Westermann, Jiracek für Behrami), so hatte sich der Trainer des HSV erneut einige interessante taktische Änderungen ausgedacht. Dieses Mal spielte der HSV nämlich nicht in dem Hybrid-System aus 4-1-4-1/4-2-3-1 der beiden vorangegangenen Partien, sondern überwiegend in einem 4-1-3-2.

Jiracek agierte in der ersten Halbzeit durchweg defensiver als der zentral spielende van der Vaart, der sich meist auf einer Höhe mit Holtby (LM) und Nicolai Müller (RM) aufhielt. Nur in den wenigen Fällen, in denen der HSV sein Spiel flach und kontrolliert aufbauen wollte, kam van der Vaart weit zurück, um sich den Ball aus der Abwehr abzuholen. Interessant fand ich aber, dass dies eher ausnahmsweise zu beobachten war. Meist wurde der Ball durch Drobny lang und hoch nach vorne gespielt, oder beide Außenverteidiger versuchten, durch schnelle vertikale Pässe die Linie entlang Raum zu gewinnen.

Ich habe diesen Mangel an Spielkultur in der Spieleröffnung hier in der Vergangenheit des Öfteren als (zu) leicht zu verteidigen kritisiert. Gegen Mainz schien mir dieses Vorgehen jedoch gewollter Bestandteil der Taktik Zinnbauers zu sein. Man war erkennbar bemüht, permanent Tempo in das Spiel zu bringen und nahm dabei das erhöhte Risiko für Fehlpässe billigend in Kauf. Denn in der vordersten Spitze setzten beide Stürmer, sofern sie nicht unmittelbar an den Ball aus der eigenen Abwehr kamen, sofort die ballführenden Abwehrspieler der Mainzer aggressiv unter Druck. Und durch die relativ höhere Position van der Vaarts (im Vergleich zu den letzten beiden Spielen) konnte man auch im Mittelfeld enormen Pressingdruck erzeugen. Im Ergebnis gewann der HSV mit zunehmender Spieldauer der ersten Halbzeit die entscheidenden Zweikämpfe. Zugleich erschwerte man den Mainzer Gästen den eigenen kontrollierten Spielaufbau, blockierte ihnen den direkten Weg durch die Spielfeldmitte und kam selbst zu den deutlich besseren Torchancen.

Besonders bei Marcos fiel mir auf, dass er häufig sofort den langen, vertikalen Ball die Linie entlang zu spielen versuchte. Einige Male gelang hier ein Zuspiel auf den gewohnt fleißig agierenden Rudnevs, der dann von der linken Außenbahn nach innen passen konnte (z.B. in der 41. Minute auf Müller).

Diekmeier konnte sich im Gegensatz zu Marcos einige Male durch eigene Vorstöße offensiv in Szene setzen. Beide Außenverteidiger suchten jedoch oft den riskanten Vertikalpass. Wie bereits erwähnt, unterstelle ich hier eine Anweisung Zinnbauers. Am Ende der Partie hatten beide jedenfalls eine bemerkenswert niedrige Pass-Quote von 41 (Diekmeier), bzw. 42 Prozent (Marcos).

Cléber überzeugt als Ersatz für Westermann

In der 32. Minute bekam der HSV einen Eckstoß von der rechten Seite zugesprochen. Der nach vorne geeilte Cléber kam dank einer akrobatischen Einlage mit dem Fuß an die Flanke. Müllers folgender Schussversuch wurde vom Mainzer Noveski zunächst geblockt. In der dann kurzzeitig bestehenden Konfusion im Strafraum schaltete Cléber am schnellsten und vollstreckte aus 13 Metern zum 1:0 für den HSV. Cléber wollte diesen Treffer unbedingt, das sah man. Er lieferte für mich ohnehin eine tadellose Leistung ab, was mich für ihn besonders freut. Das Tor wird ihm auch bei seiner weiteren Integration gut tun.

Die Führung für den HSV war zur Pause verdient, denn die Mainzer Mannschaft war bis dahin einfach fast alles schuldig geblieben und hatte nicht eine eigene, klare Torchance herausgespielt.

Auch in der zweiten Halbzeit war der HSV zunächst die aktivere Mannschaft. Immer wieder gelangen den Hamburgern Balleroberungen, weil sie oft erfolgreich personelle Überzahl in Ballnähe erreichten und aggressiv die Zweikämpfe bestritten.

In der 49. Minute traf Rudnevs nach guter Flanke von Diekmeier den Ball nicht sauber, sodass dieser weit das Tor verfehlte. Zwei Minuten später wurde der Lette auf der linken Außenbahn frei gespielt, benötigte jedoch leider etwas zu viel Zeit bei der Ballmitnahme. Seiner nachfolgenden Flanke auf Lasogga fehlte es zudem etwas an Genauigkeit. Auch wenn Rudnevs wieder einmal enorm fleißig war – es ist schade, dass er sich und die Mannschaft regelmäßig durch seine unbestreitbaren technischen Schwächen um noch größeren Lohn für seinen vorbildlichen Einsatz bringt.

In der 53. Minute wollte der Mainzer Noveski mit dem Kopf einen Flankenball des HSV klären, berührte dabei den Ball jedoch auch mit dem linken Arm. Da der Mainzer bei dieser Aktion innerhalb des eigenen Strafraums stand, entschied der Schiedsrichter auf Strafstoß für den HSV. Van der Vaart verlud Karius im Tor der Gäste und vollstreckte sicher zum 2:0 (54.).

Nur zwei Minuten später hatte Rudnevs eine weitere, klare Torchance zum dann entscheidenden 3:0, doch er scheiterte am guten Mainzer Torhüter.

Van der Vaart findet die Balance

Hjulmand stellte seine Mannschaft nun etwas um, und der HSV wurde mit der Führung im Rücken passiver. Mainz konnte nach einer Stunde stärker nach vorne spielen und erhielt ein klares optisches Übergewicht, konnte jedoch zunächst keine zwingenden Torchancen herausspielen. Van der Vaart agierte nun auf gleicher Höhe neben Jiracek oder gar defensiver. Er diente dabei den eigenen Verteidigern als weitere, ballsichere Anspielstation bei dem Versuch, sich spielerisch aus engen Situationen zu befreien. Aus meiner Sicht zeigte der Niederländer in diesem Spiel eine seiner besten Leistungen seit Monaten, denn er war fast immer dort, wo ihn seine Mannschaft benötigte. In der 80. Minute hätte er beinahe seine gute Leistung durch einen weiteren Treffer gekrönt. Lasogga lief mit Ball einen Konter auf der rechten Außenbahn. Rudnevs zeigte sich spielintelligent und ließ den Querpass passieren, sodass van der Vaart frei vor Karius zum Schuss kam. Leider traf Hamburgs Kapitän den Ball bei seinem Direktschuss so schlecht, dass dieser genau auf den Mainzer Torhüter kam. Karius hatte damit keine Mühe.

Mainz wacht zu spät auf und wird dennoch fast belohnt

Das Spiel näherte sich dem Ende, da versuchten es die Mainzer mit der fußballerischen Brechstange. Eine Vielzahl an langen, hohen Bällen wurde in den Bereich in und rund um den Hamburger Strafraum geschlagen, die von Hamburgs Defensive zum Teil nur auf Kosten eines Eckstoßes geklärt werden konnten. In der 87. Minute verpasste der aufgerückte Mainzer Innenverteidiger Bell mit einem Kopfball nach eben so einem Eckstoß denkbar knapp den Anschlusstreffer. Kurz darauf war es dann aber soweit. Ein weiterer Eckstoß segelte in den Hamburger Strafraum. Der von Hjulmand eingewechselte Malli köpfte den Ball zu Okazaki, dessen Kopfball aus kürzester Distanz (3m) Drobny dann nicht mehr parieren konnte. Das 2:1 in der 89. Minute. Aus Hamburger Sicht begann nun spätestens das ganz große Zittern. Und beinahe wäre den Mainzern tatsächlich in der Nachspielzeit der Ausgleichstreffer gelungen, doch Mallis Torabschluss flog ganz knapp über die Querlatte des Hamburger Gehäuses (90+1.). So blieb es am Ende beim 2:1 Erfolg für den HSV.

Schiedsrichter: Stegemann. Diskutable Leistung. Ich mag es grundsätzlich, wenn Schiedsrichter ein Spiel laufen lassen anstatt jede Kleinigkeit abzupfeifen. Dieser Schiedsrichter war mir aber zu großzügig – hüben wie drüben. Eine eindeutige Benachteiligung der Mainzer, wie Allagui nach der Partie bei SKY im Interview behauptete, habe ich nicht gesehen.

Fazit: Der HSV siegte verdient, auch [Anm.: nachträglich eingefügt] weil der 1. FSV Mainz 05 lange Zeit zu wenig investierte.

Die Hamburger mussten nach der Niederlage gegen Augsburg unbedingt gewinnen und hielten dem Druck stand. Mit dem Sieg gegen den FSV konnte man nun schon zum dritten Mal in Folge vor heimischer Kulisse dreifach punkten. Allein dies deutet schon eine positive Veränderung unter Leitung von Joe Zinnbauer an. Die nun 18 Gegentreffer beweisen, dass die Hamburger Defensive nachweisbar an Stabilität gewonnen hat. Besser, d.h. weniger Gegentreffer, sind neben den außer Konkurrenz spielenden Bayern (3) nur Gladbach (12), Wolfsburg (13) und Augsburg (14).

Unverändert verbesserungswürdig bleibt die Zahl der selbst erzielten Treffer, jedoch gelangen der Mannschaft wie schon im Heimspiel zuvor gegen Bremen erneut zwei Treffer. Positiv festzuhalten ist auch, was manche inzwischen für schwer vorstellbar hielten: der HSV kann auch ohne Behrami und Westermann gewinnen.

Zinnbauer überzeugt erneut mit einer gelungenen taktischen Anpassung seiner Mannschaft an den Gegner. Zusammen mit der wieder einmal guten, sowohl läuferischen als auch kämpferischen Einstellung der Mannschaft war dies für mich die Basis des Erfolges. Verdienter Lohn ist der Sprung auf Tabellenplatz 13.

Spielerisch bleibt aus Sicht des HSV unverändert viel zu tun, aber dies kann nicht sonderlich überraschen. Das braucht einfach eine gewisse Zeit. Zumal zu berücksichtigen ist, dass Zinnbauer immer wieder Nachwuchsspielern wie Gouaida, Götz oder nun Marcos das Vertrauen schenkt. Und wo ich gerade wieder beim Nachwuchs bin: Marcos wusste auch als Linksverteidiger zu gefallen. Allerdings muss man kritisch bemerken, dass er nur 42 Prozent seiner Zweikämpfe gewinnen konnte. Das war der mit Abstand schwächste Wert in der Hamburger Defensive. Hier sollte er sich deutlich steigern, wenn er sich mittelfristig in der Bundesliga etablieren will.

Der HSV hat nun im nächsten Spiel gegen den SC Freiburg eine realistische Chance, sich noch weiter von den Abstiegsrängen zu entfernen. Man sollte den SC jedoch keinesfalls unterschätzen. Der SC hat zum Teil besser gespielt, als es sein derzeitiger Tabellenplatz auszudrücken scheint.