Fink

Von Narren, Dinos und Scheidewegen: 1. FSV Mainz 05 – Hamburger SV

Morgen ist es also soweit: Der HSV trifft im letzten Saisonspiel des regulären Spielplans auf Mainz 05. Und ehrlich gesagt bin ich erleichtert. Erleichtert, dass diese desaströse Saison aus Sicht der Hamburger nun endlich zu einem Ende kommt. Seit Wochen gleicht jedes Denken über die sportliche Situation des Dinos einem nie endenwollenden Horror vacui. Spieltag für Spieltag blieben viele, viel zu viele Fragen offen. Fast alle zwischenzeitlich vermeintlich gefundenden Antworten erwiesen sich binnen kürzester Zeit als untauglich und hinfällig. Mit Mirko Slomka beschäftigt man bekanntlich inzwischen (nach Thorsten Fink und Bert van Marwijk) den dritten Trainer in dieser Spielzeit.  Und man darf aus guten Gründen daran zweifeln, ob dieser Trainer, so er denn mit dem HSV absteigen sollte, auch in der zweiten Liga Trainer des Hamburger Sportvereins sein wird. Denn mit der Realität hat man es nicht so in Hamburg. Im Zweifel zählen die sprichwörtliche „Raute im Herzen“ oder das Image mehr als die fachliche Qualifikation. Man fühlt sich stets zu Höherem berufen und verpflichtet „Namen“. Als Ausdruck dieser Denke darf man getrost das vom Vorstandvorsitzenden Jarchow verkündete ursprüngliche Saisonziel, Platz 6 und der Einzug in das internationale Geschäft, werten. Eine nüchterne sportliche Analyse der Leistungen in der Vorsaison hätte meiner Meinung nach zur Vorsicht gemahnen müssen. Zwar wurde unter dem damaligen Trainer, Thorsten Fink,  Platz 7 erreicht, jedoch waren die Leistungen schon damals alles andere als berauschend, teilweise sogar desolat. Die Mannschaft spielte bereits damals äußerst wechselhaft. Vor allem gegen Ende der Saison wurde zunehmend deutlich, dass die von Fink verordnete Spielanlage, u.a. abkippender Sechser und einrückende offensive Außenbahnspieler, alles andere als sattelfest wirkte. Im Gegenteil! In der Theorie war Finks Taktik durchaus vielversprechend,  interessant und anspruchsvoll. In der Praxis spielte der HSV absolut schematisch und leicht vorhersehbar. So verwundert es nicht, dass die gegnerischen Trainer alsbald eine eigene taktische Lösung gegen den HSV fink’scher Prägung  gefunden hatten. Man stellte im Zentrum die Räume zu, attackierte konsequent bereits den Spielaufbau des HSVs und musste nur auf die vorhersehbaren Ballverluste der  Hamburger warten. Wahlweise konnte man dann über die entblößten Flügel oder sogar durch die Mitte kontern. (Um Missverständnisse zu vermeiden: Was sich vielleicht wie eine Abrechnung mit Fink liest, ist so nicht gemeint. Ich halte Finks System für unverändert interessant und glaube, dass man das mit einer anderen, einer individuell besseren Mannschaft durchaus erfolgreich spielen lassen kann.) Wenn man in Hamburg jedoch schon nicht die ganz großen Namen präsentieren kann, dann, darauf kommt es mir hier an, will man sich wenigstens umgehend den Abglanz der tatsächlich Großen holen. Ausdruck dessen sind für mich dann Namen wie Fink und auch Kreuzer, die dem Verein endlich das bayrische „Sieger-Gen“ verschaffen soll(t)en. Dabei wurde, so mein Eindruck, viel zu lange übersehen, dass der Erfolg der Münchner auf vielen Säulen beruht, die alle aufzuzählen ich mir hier erspare. Allein das viel zitierte „mia san mia“-Credo der Münchner ist es jedenfalls nicht, sondern vor allem fachliche Kompetenz im Verein auf allen Ebenen. In Hamburg hingegen blendet man sich traditionell mit bekannten Namen, Bert van Marwijk war auch so einer, und kündigt permanent Konzepte an, die oft schon nach wenigen Wochen wieder in Frage gestellt werden. Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln – auch das ist der Hamburger Sportverein. Dass sich der HSV einen grotesk aufgeblähten Aufsichtsrat bis heute leistet, dessen wesentliches Merkmal die Tatsache ist, dass Interna umgehend nach außen getragen werden, um sie in der örtlichen Boulevardpresse zu lancieren, und in welchem man sportliche Kompetenz seit Jahrzehnten mit der Lupe suchen musste, auch das begründet die Behauptung, dass die tatsächlichen Narren der Liga nicht beim kommenden Gegner in Mainz, sondern längst in der Hansestadt beheimatet sind.

Der Mainzer Manager, Heidel, schrieb es dem HSV vor Wochen in einem überaus lesenswerten Interview mit der FAZ ins Gebetbuch. Nachzulesen ist es hier:

http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/im-gespraech-mainz-manager-heidel-was-der-hsv-macht-ist-grundfalsch-12806212.html

Ich möchte daraus nur einen Gedanken aufgreifen: Heidel stellt m.E. zutreffend fest, dass der HSV eine vereinseigene Philosophie entwickeln müsse, die unabhängig von jeweils neuen Personal (u.a. Trainer, Sportdirektor) zu funktionieren habe. Die Realität beim HSV ist unverändert eine andere. Inzwischen ist Sportdirektor Kreuzer m.E. erkennbar darum bemüht, die z.T katastrophalen personellen Entscheidungen der Vergangenheit, z.B. die Aussortierung der Ex-Chelsea-Spieler (Fink), die Abgabe Rudnevs an Hannover 96 (Fink und van Marwijk), oder die Verpflichtung der nur eingeschränkt bundesligatauglichen Perspektivspieler, John und Bouy (van Marwijk), den ehemaligen Trainern in die Schuhe zu schieben. Natürlich, das sehe ich wohl, sollte man als sportliche Führung möglichst in inhaltlichen Bewertungen übereinstimmen. Dass aber ein Manager in Hamburg einen Trainer umgehend entlässt, weil dieser seiner Meinung nach nicht zur Vereinsphilosophie passt, so geschehen seinerzeit bei Jörn Andersens Entlassung durch Heidel in Mainz, das ist in Hamburg praktisch unvorstellbar. Denn eine tatsächliche Vereinsphilosophie hat der HSV, wenn wir mal von der relativ kurzen Ära Hoffmann/Beiersdorfer absehen, ebenso wenig, wie profifußballspezifische Kompetenz in seinen Gremien. Zu wahrer Meisterschaft hat es der HSV in den vergangenen Jahrzehnten meist nur im regelmäßig überhöhten Anspruch an sich selbst und in seinen diversen Possenspielen gebracht. Auch hier steht der HSV am Scheideweg: inzwischen ist der HSV auch aufgrund der vielen Fehlentscheidungen finanziell bekanntlich in einer derart prekären Lage, dass man, auch wenn man in Einzelpunkten das Ausgliederungsvorhaben der Initiative HSVPlus kritisch sehen mag, am 25. Mai entweder die notwendige Mehrheit von 75,1 Prozent der stimmberechtigten Vereinsmitglieder erreicht, oder  sich mindestens dauerhaft aus der ersten Liga verabschiedet. Dass die Ausgliederungsgegner trotz eines deutlichen Wählervotums bei der Mitgliederversammlung im Januar mit 54 (in Worten: vierundfünfzig!) einzelnen Anträgen noch diese Entscheidung verhindern wollen – mehr Narretei ist in meinen Augen fast unvorstellbar.

Vor dem kommenden Spiel  dürfte die tabellarische Ausgangslage hinlänglich bekannt sein. Jeder ist in der Lage, die Tabelle zu lesen und entsprechende Rechnungen anzustellen. Der HSV hat, das ist entscheidend, sein Schicksal in den eigenen Händen. Ermutigend erscheint mir, dass der schmerzlich vermisste Torjäger Lasogga wohl wieder zur Verfügung steht. Unklar erscheint mir jedoch, ob seine Fitness einen Einsatz von Beginn an zulassen wird. Gleiches scheint mir für beide nominellen Außenverteidiger, Diekmeier und Jansen, sowie für Djourou fraglich. Ich tippe mal auf die folgende Aufstellung:

Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jiracek (Jansen) – Calhanoglu, Badelj, Tesche, Ilicevic – van der Vaart – Lasogga

Bei Diekmeier stimmt mich allerdings nachdenklich, dass er zuletzt wenig mit der Mannschaft trainiert hat. Jansen hat laut Slomka nur „integrativ“, also nicht vollständig mit der Mannschaft trainieren können. An einen Startelfeinsatz glaube ich bei ihm daher nicht. Alternativ könnte ich mir auch in Anlehnung an das Spiel gegen den FCB und unter Berücksichtung der mutmaßlichen Fitnesszustände diese Aufstellung gut vorstellen:

Adler – Westermann, Djourou, Mancienne, Jiracek (Jansen) – Rincon, Badelj, Tesche (Arslan), Calhanoglu – van der Vaart – Ilicevic

Hier würden Westermann und Rincon die rechte Außenbahn bespielen. Auch wenn Rincon kein offensiver Außenbahnspieler ist, so hat er diese Position im Verbund mit Diekmeier zuletzt ordentlich gespielt, finde ich. Für einen Einsatz Arslans spräche, dass er nach seiner Sperre vollkommen ausgeruht sein dürfte. Angesichts der Bedeutung des Spiels und des damit einhergehenden nervlichen Drucks auf die Spieler wäre mir jedoch wohler, er bliebe zunächst auf der Bank. Es geht mir hier nicht darum, über diesen jungen Spieler den Stab endgültig zu brechen, aber in den letzten Spielen hat er aus meiner Sicht alles andere als überzeugt. Zu oft bot er Alibi-Fußball und zu naives taktisches Verhalten in meinen Augen. Aber vielleicht bringt ihn Slomka ja doch, und Tolgay straft mich Lügen. Ich hätte nichts dagegen. Denn dass er nicht nur Talent besitzt, sondern auch gute Spiele machen kann, auch das hat er vor allem in der Rückrunde bereits mehrfach bewiesen. Bei jungen Spielern ist einfach immer mit einer gewissen Leistungsschwankung zu rechnen. Auch ein Grund, warum ich derzeit dem erfahreneren Tesche bevorzugen würde. So oder so – sollte der wort case eintreten, dann dürfte es ohnehin der letzte Auftritt diverser Spieler im Dress des HSVs werden. Ich gehe ohnehin davon aus, dass wir mindestens van der Vaart, Jansen, Rincon und Lasogga in der nächsten Saison in anderen Trikots sehen werden. Schon allein aus finanziellen Gründen…

Tuchels Mainzer spielen in einer ähnlichen Grundformation wie der Hamburger Sportverein, also in einem 4-2-3-1. Der Mainzer Trainer ist bekannt dafür, dass er zu jedem Gegner einen ganz speziellen Match-Plan entwickelt. Das macht zwar in meinen Augen tatsächlich jeder Trainer, dennoch dürften wenige Übungsleiter in der Liga gegnerbedingt ggf. so viele personelle Umstellungen vornehmen, wie es der Mainzer regelmäßig exerziert. Ich erwarte, dass er seine Mannschaft grundsätzlich offensiv einstellen wird. Dazu gehört, dass man mindestens phasenweise mit konsequentem Offensivpressing das Nervenkostüm der Hamburger testen wird. Dass die Hamburger immer mal wieder für einen Aussetzer gut sind, davon kann sicher nicht nur der leidgeprüfte HSV-Anhang inzwischen ein Lied singen. Aus Sicht des HSV spricht zunächst wenig dafür, die eigene Defensive zugunsten eigener Angriffsbemühungen zu vernachlässigen. Sicher, so konnte man es bei der PK vor dem Spiel bei Slomka heraushören, wird man fortlaufend von den Spielständen bei der Konkurrenz unterrichtet und ggf. darauf reagieren. Insofern wäre auch denkbar, dass man, ähnlich wie gegen Bayern, zunächst eher auf Konter spielt, bzw. über die lauffreudigen Ilicevic und van der Vaart versucht, die Mainzer entscheidend zu attackieren. Lasogga bliebe dann als erste Option zunächst auf der Bank und käme nach seiner Verletzung erst im Laufe der zweiten Halbzeit ins Spiel, bzw. würde in Abhängigkeit vom jeweiligen Stand der Dinge frischen Elan bringen können.

Ich gehe also grundsätzlich von offensiven Mainzern und einer zunächst um defensive Stabilität bemühten Hamburger Mannschaft aus. Vermag es der HSV erneut kompakt zu agieren, ohne sich durch haarsträubende Aussetzer selbst um den Lohn zu bringen, dann wird dieses Spiel nur die erste Weggabelung auf dem Weg zum Klassenerhalt. Verfällt der Dino jedoch in seinen sattsam bekannten Kardinalsfehler, taktisch nicht als Team zu spielen, dann könnte man leider bereits zur Sportschau feststellen müssen, dass sich der Dino faktisch selbst ausgerottet hat. Und da ich inzwischen davon überzeugt bin, dass es mit Sicherheit in und rund um den Verein mehr als genug Narren gab und unverändert gibt, wäre sein Aussterben zwar allemal beklagenswert, aber eben vor allem selbst verschuldet. Morgen wird, hoffentlich, hoffentlich!, vorerst nur die sportliche Zukunft (vor)entschieden. Der HSV aber muss sich in diesen Tagen und Wochen endlich grundsätzlich entscheiden, was er zukünftig sein möchte: Ein selbstverliebter, realitätsleugnender Gernegroß, ein Maulheld nicht eingelöster Ankündigungen, oder ein Verein, der die vielfältigen Lektionen der letzten Jahre endlich gelernt hat. Wer es jetzt noch nicht begriffen hat, dem ist m.E. kaum noch zu helfen. Am Ende bekommt man nur das, was man sich verdient. So oder so. Dieser Dino wäre jedenfalls der erste, der nicht durch höhere Mächte, sondern durch eigenes Verhalten ausstirbt.

Die Partie wird geleitet von Schiedsrichter Kinhöfer.

Schlechte (und gute) Nachrichten

Was macht man dieser Tage als HSV-Anhänger? Man blickt wohl mit Bangem dem jeweils nächsten Spieltag entgegen. Immer wieder fällt der Blick auf das Restprogramm, und nach jedem Spiel sofort auf die Tabelle. Punkteabstände und Tordifferenzen werden begutachtet, Szenarien durchgespielt und wieder verworfen. Nach jedem Sieg (Leverkusen) steigt die Hoffnung, nur damit sie nach jeder Niederlage, besonders wenn sie so ernüchternd daherkommt wie gegen Hannover, wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Nur gut, dass auch die Konkurrenten regelmäßig Federn lassen. So gibt es unverändert eine Chance auf den Klassenerhalt, wenn auch der Druck auf alle Beteiligten stetig steigt.

Ich hatte jüngst gemutmaßt, dass Lassoga dem HSV frühestens zum Saisonfinale wieder zur Verfügung stünde. Inzwischen heißt es, Lasogga könnte, wenn überhaupt, in den Relegationsspielen zum Einsatz kommen, sofern der HSV am Ende wenigstens Platz 16 belegt. Das sind wahrlich keine guten Nachrichten. Überhaupt mangelt es derzeit nicht an schlechten Nachrichten:

Westermann ist angeschlagen, will aber unbedingt im nächsten Spiel auflaufen. Ich bin hin und hergerissen, ob ich das gut finden soll. Einerseits finde ich es absolut lobenswert, dass er sich in dieser für den HSV inzwischen fast beispiellos prekären sportlichen Lage zur Verfügung stellen will, andererseits brauchen wir fitte Spieler, um im Restprogramm bestehen zu können. Und nicht ausgeheilte, kleinere Verletzungen bergen ja immer die Gefahr, dass sich daraus etwas Schlimmeres entwickelt. Jansen steht aber noch nicht wieder zur Verfügung, Lam fällt bis zum Saisonende definitiv aus, so bliebe links außen in der Abwehrkette eben nur Jiracek als Alternative. Davor, also links offensiv, steht gerade wieder Ilicevic zur Verfügung, der aber ebenfalls unverändert angeschlagen ist, und bei dem aufgrund seiner Verletzungshistorie zumindest bezweifelt werden kann, ob er den Rest der Saison durchhält.
Badeljs Muskelfaserriss scheint ebenfalls nicht komplett ausgeheilt zu sein. Auch wenn hier wohl eine gewisse Hoffnung besteht, dass er gegen den VfL Wolfsburg eventuell spielen könnte – aus einem Faserriss entwickelt sich u.U. ein Muskelbündelriss, der dann ebenfalls das Saisonaus für Milan bedeuten würden. Wenn auch das Spiel gegen „96“ erneut aufgezeigt hat, dass das Duo Rincon/Arslan suboptimal funktioniert und nach Veränderung schreit, bin ich der Meinung, dass Badelj  derart wichtig für das Spiel des Hamburger Sportvereins ist, dass man einen längeren Ausfall mit Blick auf die verbleibenden Spiele nicht riskieren sollte. Aber zum Glück muss ich diese Entscheidung ja nicht fällen.
Nach Lage der Dinge ausgeschlossen soll ein Einsatz von van der Vaart im nächsten Spiel sein. Der Niederländer soll sich ebenfalls mit muskulären Problemen herumschlagen.

Es liegt in der Natur der Sache. Abstiegskampf bedeutet Existenzkampf, also Stress ohne Ende. Das trifft nicht nur die Spieler und Verantwortlichen im Verein, sondern auch die Anhängerschaft. Und so kann es nicht verwundern, dass längst Stimmen laut wurden, die den HSV bereits abgestiegen sehen. Generell gilt, dass Menschen unterschiedlich mit Stress umgehen. Dabei ist zu beachten, dass Stress, auch wenn er in der deutschen Sprache gewöhnlich mit negativem Unterton versehen ist, ansich nichts Schlimmes ist. Im Gegenteil! Es kommt allein auf dessen Ausmaß, bzw. die eigenen Fähigkeiten (Ressourcen) des Einzelnen an, mit denen er/sie ihm begegnet. Fühle ich mich dem Stress absolut  gewachsen, so ist er sogar positiv, da er leistungsfördernd wirkt. Nur wenn die stressende Situation als ausweglos und übermächtig empfunden wird, spricht man von Negativem Stress. Letzteres ist regelmäßig gemeint, wenn psychologische Laien über Stress klagen. Und in der Tat macht dieser Stress auf Dauer krank. Eine entscheidende Rolle spielt also die eigene Einstellung.

Es gibt viele Menschen, die eine spezielle Strategie im Umgang mit unangenehmen und ggf. angstauslösenden Dingen in ihrem Leben entwickelt haben. Sie tendieren dazu, jeweils den „worst case“ vorwegzunehmen, also das denkbar schlimmste Szenario. Auf den HSV übertragen hieße dies, ich erkläre den Verein als bereits abgestiegen, obwohl das unbestreitbar objektiv nicht zutrifft!, damit mich ein realer Abstieg emotional nicht mehr so trifft. Im Grunde handelt es sich hier also um so genanntes „Coping“. Ein Vorteil dieser Bewältigungsstrategie könnte sein, dass der Betreffende auch im Falle des realen Abstiegs handlungsfähig bleibt, da er sich ja schon seit Wochen mit diesem Szenario auseinandergesetzt und es als unvermeidlich akzeptiert hat. Diese Coping-Strategie hat aber auch diverse Nachteile:

1.) ich suche nicht länger nach Alternativen, um das Schlimmste zu vermeiden, da ich dessen Eintritt ja bereits im Kopf als vermeintlich alternativlos akzeptiert habe;
2.) ich mobiliere auch nicht mehr alle meine Kräfte, um mich gegen dieses fiktive(!) Szenario zu stemmen, denn ich meine ja zu wissen, dass es so kommen muss und wird, egal was ich noch versuche;
3.) weil ich das Negative im Kopf bereits vorwegnehme, steigt dessen Eintritts-Wahrscheinlichkeit (Teufelskreis). ERGÄNZUNG: Das hat dann ggf. den Vorteil, dass ich mich in meiner negativen „Expertise“ bestätigt sehe.

Grob gesagt kann man ganz allgemein Menschen in zwei Gruppen unterteilen: in s.g. „lageorientierte“ und „handlungsorientierte“ Menschen. Während die Lageorientierten angesichts einer Problemstellung zum Nachdenken bis zum Grübeln neigen, agieren die Handlungsorientierten, d.h. sie gehen das Problem unverzüglich an. Beides hat Vor- und Nachteile. Der Lageorientierte prüft sorgfältig alle erdenklichen Lösungsalternativen, vergisst dabei aber unter Umständen, dass das Nachdenken allein ohne konkrete Handlungsschritte das Problem nicht löst. Der Handlungsorientierte hingegen ist auf dem Weg zur Problemlösung zunächst erfolgreicher, da er unmittelbar etwas unternimmt, läuft aber ggf. Gefahr, die bessere Alternative zu seinem spontanen Lösungsansatz zu übersehen.

Fußball ist als schnelle Mannschaftssportart für lageorientierte Menschen eher ungeeignet. Wer zu lange abwägt, ob er diesen oder jenen Mitspieler anspielen, ob er den Torwart umspielen oder überlupfen soll, dem geht der Ball verloren, bzw. der versiebt mit größter Wahrscheinlichkeit die Torchance. Das Spiel selbst erfordert, dass man sofort und  intuitiv die richtige Lösung wählt. Diesem unmittelbaren Handlungsdruck sind wir Betrachter jedoch nicht ausgesetzt. Also bewerten wir gewöhnlich das Spiel und nachfolgend die sich daraus ergebende sportliche Situation entsprechend unseren generellen Orientierung (Handlung vs. Lage), bzw. auch in Abhängigkeit von unseren vorhandenen oder nicht vorhandenen Erfahrungen mit Wettkampfsport, also ggf. vorhandenem Hintergrundwissen.

Ich denke, ich gehe nicht zu weit wenn ich unterstelle, dass die Mehrzahl der Zuschauer kaum je in ihrem Leben sportliche Wettkämpfe auf höherem Niveau bestritten haben. Es fehlt also grundsätzlich an eigener unmittelbarer Erfahrung. Dazu gesellt sich, dass man gewöhnlich auf die mediale Berichterstattung angewiesen ist und sich kaum ein eigenes Bild jenseits der Beobachtung der Spiele verschaffen kann. Jede Einschätzung der Situation bleibt also mit vielen, vielen Unsicherheiten behaftet. Unsicherheit oder offene Fragen führen jedoch schnell zu der Empfindung, etwas sei chaotisch. Das menschliche Gehirn aber, das ist evolutionär bedingt, versucht permanent Chaos zu vermeiden, indem es Antworten/Gründe sucht. Dabei erscheint es sogar völlig unbedeutend, ob die Antwort tatsächlich sinnhaft ist. Um ein jüngst andernorts zitiertes Beispiel aufzugreifen:

Schon die Aufforderung „Lassen Sie mich bitte vor, weil ich etwas kopieren muss!“ führt, obwohl sie ansich völlig unverschämt und weitestgehend sinnfrei ist (der andere will ja auch kopieren) dazu, dass man meist den Vortritt erhält. Warum? Weil unser Gehirn unbedingt  Antworten „will“. Die Prüfung, ob eine Antwort tatsächliche Substanz enthält, findet oft gar nicht statt.

Um zur medialen Berichterstattung zurückzukehren, auf die die meisten von uns angewiesen sind: Der SPIEGEL nahm jüngst das angebliche Gehalt von Ilicevic und dessen relativ wenige Einsätze für den HSV zum Anlass, um den Tenor seiner HSV-Geschichte zu würzen: Seht her, für so einen, der so wenig spielt, bezahlen die Idioten in dem Verein so viel Gehalt! Kein Wort darüber, dass der Spieler nicht leistungsbedingt sondern aufgrund diverser Verletzungen auf diese Einsatzzahlen kam. Kein Wort darüber, dass noch kurz vor der damaligen Vertragsunterschrift namhafte Mitkonkurrenten ebenfalls um den Spieler buhlten. Warum auch?! – das hätte doch nur die vermeintliche Schlüssigkeit des Artikels in Frage gestellt. Denn selbst wenn man im Nachhinein zu der Feststellung käme, dass sich das Investment des Vereins nicht gerechnet habe, so ist dies eben eine stets wohlfeile ex-post Analyse. Maßgeblich für die Sinnhaftigkeit oder Unsinnigkeit dieses Vertrages können nur die Bedingungen zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses sein. Und zu jenem Zeitpunkt dürften wohl nicht einmal die sich stets allwissend generierenden Damen und Herren des SPIEGELS gewusst haben, dass der Spieler immer wieder verletzt sein würde. Wetten, dass?! Aber so wird eben Meinung gemacht, bzw. zur Meinungsbildung beigetragen. Auch das beeinflusst uns (notgedrungen), wenn wir die Situation des HSVs einschätzen.

Andere Medienschaffende plärren seit Monaten, dass der HSV zu wenig trainiere. Denn so meint es so mancher Laie zu wissen: Viel hilft immer viel. Diese Behauptung ist zwar in dieser Pauschalität gröbster trainingsmethodischer Unfug, aber darauf kommt es gar nicht an. Worauf es ankommt, ist, dass man genügend „Käufer“ für die These findet. Und diese Behauptung hat einen Vorteil: Sie knüpft an vermeintlich sicheres Alltagswissen der Konsumenten an. Das ersetzt zwar nicht deren fehlende sport-fachliche Qualifikation, liefert aber was? Die so dringend herbeigesehnte Antwort (s.o.). Und dann ist es nicht mehr weit zu folgender Sichtweise:

„Der HSV verliert und steigt ab, weil das alles Söldner sind, denen das Schicksal des Vereins völlig gleichgültig ist, was man u.a. daran sieht, dass die so wenig laufen. Und (ein wenig will der schwelende Sozialneid ja auch mal raus) dafür werden die auch noch so hoch bezahlt?!“

Ach, wenn es doch so einfach wäre! Ähnlich verhält es sich in meinen Augen mit der gegenläufigen These, dass Slomkas Training ursächlich für die inzwischen sich häufenden Verletzungen sei. Zwar ist die Häufung der muskulären Verletzungen in der Tat bemerkenswert, jedoch könnte es dafür andere, ebenfalls plausible Gründe geben. Interessiert aber offenbar nicht. Denn dann könnte man nicht über den Umweg einer fachlichen Dikreditierung des Trainers diejenigen angreifen, die man tatsächlich treffen möchte. Nämlich die Urheber der „Fink und van Marwijk haben die Söldner durch zu lasches Training falsch trainiert“-These.

Wie man es auch dreht und wendet – alle diese Argumentationsmuster haben vor allem einen Vorteil: Tatsächliche Wissenslücken werden unverzüglich überbrückt und sollen die vermeintliche Schlüssigkeit der eigenen Sichtweise untermauern.

Objektiv ist der HSV keinesfalls bereits abgestiegen. Objektiv machen die diversen verletzungsbedingten Ausfälle die unverändert anstehende Aufgabe, den Abstieg zu vermeiden, nicht einfacher. Aber möglich ist dies unverändert. Ob es am Ende gelingen wird, das weiß ich auch nicht. Was ich aber weiß, ist, dass wir mit Sicherheit absteigen werden, wenn wir vorzeitig die Flinte ins Korn werfen, oder uns jetzt auf die Jagd nach den Schuldigen machen, anstatt uns auf diese zweifellos schwierige Aufgabe zu fokussieren. Für den Verein mag es sogar von Vorteil sein, wenn es uns erst im allerletzten Moment, im Rückspiel der Relegation, z.B. durch einen Treffer von Lasogga, gelänge, dieses Ziel zu erreichen. Denn dann dürften wohl selbst die größten Träumer begriffen haben, dass es so mit dem Verein nicht weiter gehen darf. Auch wenn ich mir mitunter wie ein einsamer Rufer in der Wüste vorkomme: Die Hoffnung und der Glaube dürfen erst dann aufgegeben werden, wenn der Klassenerhalt objektiv, d.h. rechnerisch nicht mehr möglich ist. Es bleibt menschlich, wenn man dazu nicht in der Lage ist. Da sagt allerdings dann mehr über den eigenen Umgang mit der Realität als über die Realität ansich aus.