Gideon Jung

Das Niedrigwasser beim Elbeduell legt Grundsätzliches frei

Das Beste aus Hamburger Sicht nach der gestrigen Partie gegen die SG Dynamo Dresden vorweg: Der HSV gewann sein Heimspiel mit 1:0 (0:0) und bleibt mit nunmehr 43 Punkten und einem Torverhältnis von 28:22 (+6) Tabellenführer der 2. Bundesliga.

Hoch verdienter Erfolg oder glücklich?

Beides, die nackten Zahlen als auch auch der Spielverlauf, nötigt mich zu einem kritischen Blick. Man darf diesen Sieg aufgrund der über weite Strecken vom HSV dominant und abgeklärt geführten Begegnung mit einiger Berechtigung als verdient bezeichen. Aufgrund des späten Zeitpunkts des Siegtreffers (84.) durch Holtby, sowie der Art und Weise seines Zustandekommens als Folge gleich mehrerer, kapitaler Fehler der gegnerischen Abwehr könnte man jedoch ebenfalls behaupten, der HSV habe am Ende doch glücklich gewonnen. Wie die Begegnung verlaufen wäre, hätte Pollersbeck in der 52. Minute nicht gegen den allein auf ihn zustürmenden Koné famos pariert, kann ebenfalls nachdenklich stimmen. Denn das Hamburger Publikum fing gerade merklich damit an, angesichts des oft uninspiriert wirkenden Offensivspiels seiner Mannnschaft hörbar seinen Unmut zu bekunden. Ob es dem HSV unter diesen Umständen gelungen wäre, gegen über weite Strecken sehr dizipliniert und geschlossen verteidigende Dresdner einen Rückstand zu egalisieren und am Ende sogar den Platz als Sieger zu verlassen, das kann man mindestens bezweifeln. Ob also verdient oder glücklich, man ist meiner Meinung nach bei aller Freude über den Sieg und die Tabellenführung gut beraten, tunlichst nicht die Augen vor den immer deutlicher zutage tretenden Mängeln zu verschließen.

Gideon Jung als Rechtsverteidiger

Trainer Hannes Wolf hatte sich für Gideon Jung als Ersatz für den rotgesperrten Sakai entschieden. Damit besetzte ein gelernter Innenverteidiger/Sechser die Position des Rechtsverteidigers. Ich war vor dem Spiel skeptisch, ob dies die richtige Entscheidung war und fühle mich, um dies vorweg zu nehmen, trotz des erfolgreichen Ausgangs aus Hamburger Sicht, keineswegs eines Besseren belehrt. Die Befürworter dieser Idee argumentierten, dass die Außenverteidiger unter Wolf ohnehin weit nach innen Richtung Spielfeldmitte einrücken, und Wolf selbst rechtfertigte seine Entscheidung im Vorfeld mit Hinweis auf die durch Jung verbesserte durchschnittliche Körpergröße seiner Mannschaft und die damit einhergehenden besseren Erfolgschancen bei Kopfballduellen.

Tatsächlich war zu beobachten, dass Jung bei eigenem Ballbesitz weit nach vorn aufrückte und teils neben Mangala als zweiter Sechser, öfter jedoch sogar noch offensiver im Achter-Raum agierte. Damit war er eine zusätzliche Anspieloption im vorderen Mittelfeld gegen eine Dresdner Mannschaft, die zu Beginn der Partie ca. 5 Meter hinter der Mittellinie in der eigenen Spielhälfte ihre erste Defensivreihe positionierte, während ihre zweite Reihe ca. 20 Meter dahinter vorgeschoben spielte. Damit verengten die Spieler der SGD über weite Strecken erfolgreich die bespielbaren Räume und hielten so den angreifenden HSV meist fern vom letzten Spielfeldrittel und damit außerhalb der gefährlichen Zone rund um und innerhalb des Strafraums.

Bei den Gegenstößen nach Ballverlusten des HSV wurde jedoch rasch offensichtlich, dass die große Mehrzahlt aller gefährlichen Situationen der Gäste über den rechten Flügel des HSV initiiert wurden. Weder ist Jung dribbelstark genug für ein Offensivspiel auf der Außenbahn, noch hatte er die Geschwindigkeit, um von seiner hohen Achterposition schnell genug die zwangsläufig entstehende Lücke im hinteren rechten Bereich zu zulaufen. In einigen Situationen konnte man ihm auch die mangelnde Erfahrung auf der Position deutlich anmerken. Mindestens einmal erfasste er eine Situation in senem Rücken deutlich später als ein geschulter Rechtsverteidiger, was prompt zu einer sehr gefährlichen Situation vor dem Gehäuse des HSV führte. Diese blieb, wie fast alle anderen, folgenlos, was aber allein der gestrigen Abschlussschwäche der Gäste zu verdanken ist.

Ballzirkulation. Wieder keine Pointe.

Man kann mit einiger Berechtigung den HSV dafür loben, dass er auf der Suche nach der Lücke im Defensivverbund der Dresdner den Ball geduldig zirkulieren ließ. Auch das ist schließlich ein Ausdruck von Reife. Man kann ihn auch dafür loben, dass er (meist nach langen Diagonalpässen) einige Male erfolgreich die Freiräume auf den Flügeln fand, was prompt zu torgefährlichen Szenen führte. Doch so sehr sich Lasogga und Co auch mühten, entweder wurde der letzte Pass zu unpräzise gespielt (Jatta), oder Dynamos Torhüter Schubert parierte glänzend, oder der Schiedsricher versagte den Strafstoß nach fragwürdiger Zweikampfführung (Wahlquist an Narey). So lief der Ball zwar meist sicher durch die Hamburger Reihen, ohnedass aber aus der Dominanz tatsächliches Kapital geschlagen werden konnte. Und hier zeigt sich, das eben belegt auch die Tordifferenz eindeutig, ein grundsätzlicher Mangel: es mangelt an Geschwindigkeit bei der Ballzirkulation, es werden zu häufig freie Spieler zu lange ignoriert (van Drongelen benötigte einige Male Ewigkeiten bis er die Situation erfasste und den freien Kollegen auf Linksaußen endlich anspielte), und Jung war zwar passsicher, spielte aber in etwa so kreativ, bzw. sachlich-dröge wie ein Steuerbescheid vom Finanzamt. Holtby eroberte zwar wichtige Bälle, verlor diese aber einige Male umgehend, weil er keine Anspielstationen fand. Auch der nach einer halben Stunde erfolgte Flügelwechsel, Jatta nun über rechts, Narey über links, war gut, brachte aber nicht den Durchbruch.

Fehlende Kreativität – ein Dauerpoblem

Da Aaron Hunt leider nicht zur Verfügung stand und Wolf lange auf Ito (kam in der 76. Minute für den lange unauffällig spielenden Öczan) verzichtete, fehlte es dem Spiel des HSV nicht nur an der bereits angesprochenen Geschwindigkeit bei der Ballzirkulation sondern viel zu häufig auch an Kreativität und den daraus resultierenden Überraschungsmomenten. Wenn diese Spieler außer Form sind oder verletzungsbedingt fehlen, ein Jatta nicht nur den Gegner sondern sich selbst zu oft überrascht…, dann bleibt das Offensivspiel trotz aller individuellen Klasse und spielerischen Dominanz zu oft ungefährlich. 28 Tor belegen dies eindeutig. In Sachen Handlungsgeschwindigkeit, Präzision und Abschluss (Ito) bleibt unverändert viel, viel Luft nach oben.

Leider musste auch noch Douglas Santos in der 60. Minute mit Oberschenkelproblemen das Feld verlassen. Damit fehlte dem Hamburger Spiel zusätzlich nun der fußballerisch eindeutig beste Spieler. Er wurde von Wolf durch Vagnoman ersetzt. Dadurch wurde meine taktische Überlegung, Jung als Rechtsverteidiger zu erlösen und stattdessen eben durch Vagnoman die rechte Außenbahn tatsächlich zu doppeln, hinfällig. Meines Erachtens hätte diese Variante den Vorzug gehabt, dass das Spielfeld gegen die kompakte Abwehr der Dresdner „breiter“ geworden wäre und beide Flügel gleichwertig mit Tempo besetzt gewesen wären. Dennn auch das war zu beobachten: Den Gästen gelang es immer wieder, das Spiel des HSV fast zum Stillstand zu bringen. Ein Douglas Santos, gleich wie weit die Außenverteidiger einrücken, schaltete sich immer wieder dynamisch ins Offensivspiel ein, ein Jung kann dies eben nicht.

Entscheidung kurz vor Schleusenschließung

Mit zunehmender Spieldauer vor allem in der zweiten Hälfte konnte der HSV die wie eingangs erwähnt hoch stehende Abwehr der Gäste immer weiter zurückdrängen und unter Druck setzen. Kurz vor Spielende (84.) kam es dann zu einer folgenschweren Verkettung gleich mehrerer fataler Fehler: Dresdens Wahlquist spielt ohne Not, da ohne wirklichen Gegnerdruck aus kurzer Entfernung an der eigenen Strafraumgrenze stehend zu seinem Torhüter Schubert, dem der aufspringende Ball zunächst durch die Bein rutschte. Sein folgender Befreiungsschlag durch die Mitte traf aus Hamburger Sicht glücklicherweise den anstürmenden Holtby, der sich sofort gedankenschnell um die eigene Achse drehte und den Ball neben dem linken Pfosten zum Siegtreffer im Tor der SGD unterbrachte.

Dass auch noch Jann-Fiete Arp eingewechselt wurde (84., für Jatta), blieb ohne Auswirkungen auf das Spiel. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang nur, dass ihn das heimische Publikum bei seiner Einwechselung nach dem völlig unnötigen jüngsten Theater um seine Vertragslage ohne jegliche Pfiffe empfing und in gewohnter Manier feierte.

Fazit: Der HSV bleibt der große Minimalist oder, wenn man so will, effektiv. Weder der Sieg noch die Tabellenführung dürfen über die Schwächen hinwegtäuschen. Tatsächlich souverän ist die Mannschaft (noch) nicht. Wer so wenig Tore schießt, für den bleibt fast jede Partie bis zu ihrem jeweiligen Ende eine Zitterpartie. Will man am Ende aufsteigen, sollte sich hier zukünftig eine Verbesserung nachweisen lassen.

Mannschaftsaufstellung: Pollersbeck, Jung, Bates, van Drongelen, Douglas Santos (ab 60. Vagnoman), Mangala, Holtby, Narey, Özcan (ab.76. Ito), Jatta (ab 84. Arp), Lasogga

Schiedsrichter: Frank Willenborg (Osnabrück). Nicht fehlerfrei. Sicher kein Heimschiedsrichter.

Werbeanzeigen

Auf der Suche nach dem Schuldigen

Der Hamburger SV hat gestern sein Auswärtsspiel gegen die Arminia aus Bielefeld mit 2:0 (2:0) verloren. Er bot dabei mindestens in der ersten Halbzeit eine über weite Strecken enttäuschende Leistung. Eine Steigerung war nach der Pause zwar erkennbar, jedoch reichte die bei Weitem nicht, um eigene Torerfolge zu erzwingen und dadurch die sich anbahnende Niederlage abzuwenden.

Zur Geschichte der Partie gehört, dass die Hamburger bereits nach 12 Minuten in Unterzahl gerieten, nachdem Schiedsrichter Siebert dem als letzten Mann nach hinten eilenden Gotoku Sakai nach einem Foul wegen einer Notbremse völlig zurecht des Feldes verwies.

Man könnte es sich bereits an dieser Stelle sehr einfach machen, und die Schuld an der Niederlage Sakai zuschieben. Schließlich hätte er unschwer „weg bleiben“ und damit die fällige Rote Karte vermeiden können.

Dafür spräche, dass der HSV höchstwahrscheinlich früh in Rückstand geraten wäre, aber noch viel Zeit zur Verfügung gehabt hätte, das Ergebnis in voller personeller Besetzung mindestens zu egalisieren. Nur wird dabei ein wenig übersehen, dass das Tore verhindern in der fußballerischen DNA eines Abwehrspielers als vordringlichste Aufgabe fest verankert ist. Notfalls auf Kosten der eigenen Gesundheit oder persönlicher Strafen durch den Schiedsrichter. Sakai hätte also eine unbestreitbar bessere Handlungsalternative gehabt, dafür jedoch in Sekundenbruchteilen und im Adrenalinrausch nüchtern abwägen und sich von einem fest verankerten Handlungs- und Entscheidungsmuster lösen müssen. Man kann von einem erfahrenen Profi derartige Übersicht einfordern, sein Verhalten bleibt dennoch verständlich, da nur all zu menschlich.

Der Notbremse ging ein Ballverlust des weit nach vorne aufgerückten Gideon Jung (laut HA) voraus. Wenn es denn Jung gewesen sein sollte (ich konnte dies nicht verifizieren), dann träfe ihn die Hauptverantwortung. Nur sollte man sich erinnern, dass es Jung aufgrund seiner langwierigen Verletzungspause an Wettkamfpraxis mangelt.

Ein weiterer angeblich Schuldiger am enttäuschenden Spielausgang aus hamburger Sicht war mit dem Schiedsricher, Daniel Siebert (Berlin), schnell ausgemacht. Denn tatsächlich hätte der Führungstreffer zum 1:0 durch Vogelsammer nicht zählen dürfen, da dieser mit gestrecktem Bein in Kopfhöhe eines Gegenspielers, in diesem Fall Mangala, den Ball über die Torlinie bugsierte, dabei Mangala aber sogar im Bereich von Schulter/Hals ebenfalls traf. „Gefährliches Spiel“, Aberkennung des Treffers und Freistoß für den HSV wäre hier eindeutig die korrekte Entscheidung gewesen. Und zwar unabhängig davon, ob es zum Kontakt mit dem Gegner gekommen ist. Denn diese Regel soll bereits die reine Gefährdung der Gesundheit verhindern. Siebert war sich wohl selbst seiner eigenen Wahrnehmung nicht sicher, denn er soll den Torschützen sogar gefragt haben, ob er Mangala berührt habe. Ärgerlich, da m.E. damit gleich mehrfach falsch. Von einem Torschützen vor heimischen Publikum zu verlangen, dass er ggf. durch seine Antwort die Aberkennung des Tores riskiert, ist naiv und völlig wirklichkeitsfremd. Auf eine derartige Antwort darf man seine eigene Verantwortung als Schiedsrichter niemals stützen oder abwälzen.

Und doch ist der unglücklich agierende Schiedsrichter, den manche während des Spiels bereits mit seinem berühmt-berüchtigten Kollegen Hoyzer verglichen, in meinen Augen keineswegs schuld an der Niederlage. Denn mögen seine Entscheidungen mehrheitlich wahrlich nicht zugunsten des HSV gewesen sein – besseres Fußballspielen hat er dem HSV weder verboten noch hat er dies grundsätzlich verhindert.

Bliebe also noch ein weiterer, in Misserfolgsfällen immer gern genommener Sündenbock, der Trainer. Hannes Wolf habe, so las ich, dieses Spiel durch falsche Entscheidungen vercoacht.

Festhalten möchte ich zunächst, dass die ursprünglich von ihm gewählte taktische Formation (Jatta in der Spitze und Vagnoman als dessen Ersatz im LOM) angesichts der personellen Ausfälle von Hunt, Lasogga und Hwang zwar ungewohnt aber für ein Auswärtsspiel keinswegs absurd erschien. Vielmehr kam der HSV in meinen Augen bis zu jenem verhängnisvollen Ballverlust in der Vorwärtsbewegung gut in das Spiel. Danach, also nach dem Platzverweis, ließ die Mannschaft jedoch jede Souveränität vermissen, verlor Zweikämpfe in Serie, lief „der Musike“ stets hinterher und verschenkte eigene Ballgewinne leichtfertigst. Das 2:0 für die Gastgeber war dann nur die verdiente Konsequenz.

Zur Pause musste dann mit Gideon Jung ein weiterer, relativ erfahrener Spieler aufgrund muskulärer Probleme ersetzt werden. Und hier scheiden sich offenbar die Geister, denn Wolf hatte nach dem Platzverweis Sakais Vagnoman aus dem LOM abgezogen und fortan als Rechtsverteidiger spielen lassen. Dies war zunächst eine absolut nachvollziehbare, ja sogar die sich förmlich aufdrängende Reaktion auf die personelle Unterzahl: einen Platz im offensiven Mittelfeld zugunsten einer personell vollständigen Defensive opfern. Ein Fehler? Mitnichten.

Ich las, die Einwechselung von Bates zur Pause sei ein Trainer-Fehler. Mit anderen Worten: einen verletzten Innenverteidiger 1:1 durch einen Innenverteidiger zu ersetzen, sei falsch! Als Begründung dieser Behauptung wurde angeführt, bei einem Rückstand von zwei Toren, müsse ein Trainer „offensiv“ wechseln. Das kann man meinen, man müsste dann aber konsequenterweise all jenen Trainern komplette Ahnungslosigkeit und Unfähigkeit unterstellen, die kurz vor Spielende bei Rückstand durch die Einwechselung eines Innverteidigers vermeintlich die Defensive stärken, wo doch augenscheinlich totale Offensive benötigt wird. Nur ein Beispiel von Unzähligen dazu: ohne die last-minute Kopfballtore ihres einstigen Innenverteidigers, Naldo, hätte Schalke 04 so manche Partie unbestreitbar verloren.

Trotz des Rückstandes Gideon Jung durch Bates zu ersetzen, kann schon deswegen kein nachweisbarer Fehler gewesen sein, da die Mannschaft trotz der unverzüglich durch Wolf erfolgten und oben bereits angesprochenen taktischen Umstellung augenscheinlich vollkommen den Faden verloren hatte, vor allem defensiv (Stichwort: Zweikampfverhalten) vogelwild agierte und sogar Gefahr lief, noch weit mehr Gegentore zu kassieren!

In der 61. Minute wechselte Wolf dann gezwungenermaßen offensiv(er). Er brachte Neuzugang Öczan für Vagnoman, der keineswegs enttäuscht hat. Wirklich torgefährlicher wurde der HSV dadurch aber nicht.

Diskutabel bleibt, warum Wolf sehr lange an Ito festhielt, dem es u.a. an Durchsetzungsvermögen mangelte. Seine Begründung, so vermute ich, dürfte sein, dass er gehofft hat, dessen Fähigkeiten im Dribbling könnten zu einem Torerfolg führen. Wer aber das Theater verlassen hat, hat das Stück gewöhnlich bereits gesehen. Diese Rechnung ging zwar nicht auf, aber nachvollziehbar bleibt sie dennoch. Und daher ist sie m.E. ebenfalls nicht „falsch“.

Verwundert war auch ich, dass Arp sich nach seiner Einwechselung vermehrt als Linksaußen versuchte. Im offensiven Zentrum fehlte dadurch ein Vollstrecker. In diesem Zusammenhang sei aber bemerkt, dass der durch ihn ersetzte Jatta zuvor auch bereits auffällig häufig auf den Flügel ausgewichen war. Diese Beobachtung könnte man daher auch als Folge des am gestrigen Tage guten Defensivspiels der Arminia und eben nicht als falsche Taktik Wolfs plausibel erklären.

Der Mensch neigt grundsätzlich dazu, unverzüglich Antworten/Gründe für das ihm Unerklärliche zu suchen. Dann hat der HSV verloren, weil angeblich der Schiedsrichter ein „Schieber“ war, Sakai schon immer ein „Blinder“, die Mannschaft ohnehin nicht gut genug ist und sollte sie aufsteigen, keine Chance auf den Klassenerhalt in der 1. Bundesliga besäße, Arp und andere Nachwuchsgewächse nicht genügend Vertrauen bekommen, Jatta ein „Leichathlet“ und kein Fußballspieler ist, die Niederlage auf die Kappe des Trainers geht, der sich total vercoacht hat usw. usf.

All diesen Begründungsmustern ist gemeinsam, dass es sich um legitime Meinungen handelt. Um Behauptungen, die den Vorteil besitzen, dass sie nie zu falszifizieren sind, denn der Nachweis kann praktisch nicht erbracht werden. Oder wie will jemand tatsächlich beweisen, dass der HSV, um nur bei diesem Beispiel zu bleiben, das Spiel gestern erfolgreicher bestritten hätte, hätte Wolf Jung durch einen anderen Spieler ersetzt?

Mein Fazit: Der HSV hat nach dem Platzverweis völlig den Faden verloren und über weite Strecken schlicht zu schlecht Fußball gespielt. Und er hatte es am gestrigen Tag bei der Arminia mit einem Gegner zu tun, der seine Möglichkeiten an diesem Tag deutlich besser ausgeschöpft hat. Dass Siebert mindestens beim 1:0 falsch lag, ist korrekt, war aber nur eine Variable. Und die Korrelation von Variablen, man kann es nicht oft genug besingen, besagt nichts über Kausalität! Einfacher ausgedrückt: Der Schiri war nicht schuld!