Gouaida

Hamburg gewinnt gegen enttäuschende Mainzer: HSV – 1. FSV Mainz 05 2:1 (1:0)

Vor dem Spiel gegen den 1. FSV Mainz waren beim HSV die verletzungsbedingten Ausfälle von Behrami und Westermann zu beklagen. Der Schweizer Mittelfeldspieler hat sich bekanntlich binnen kürzester Zeit als Leistungsträger und echte Verstärkung der Mannschaft etabliert; Westermann zeigte zuletzt im Verbund mit Djourou durchweg ansprechende Leistungen als Innenverteidiger. Und so durfte man gespannt sein, wie HSV-Trainer Zinnbauer diese Ausfälle zu kompensieren gedachte.

Dass der junge Ronny Marcos nach seinem gelungenen Debüt in der Bundesliga eine erneute Bewährungschance bekommen würde, damit konnte man angesichts Zinnbauers jüngster Personalpolitik rechnen. Dieses Mal erhielt das Talent den Vorzug vor Ostrzolek und spielte auf der für ihn aus der U23 gewohnten Position des Linksverteidigers. Cleber ersetzte den verletzten Westermann, und Diekmeier kehrte nach seiner Sperre erwartungsgemäß ins Team zurück.

Im defensiven Mittelfeld spielte Jiracek für Behrami, während ganz vorne Lasogga und Rudnevs eine Doppelspitze bildeten.

Auf dem Spielberichtsbogen las sich daher die Aufstellung des HSV wie folgt:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Cléber, Marcos – Jiracek – van der Vaart (83. T. Arslan), N. Müller, Holtby – Lasogga (90+4. Gouaida), Rudnevs (90. Kacar)

Das Spiel: Hatte ich zuletzt Zinnbauers HSV als Wundertüte bezeichnet, so galt dies einmal mehr. Auch wenn manche personelle Änderungen nicht allzu sehr überraschten (Diekmeier für Götz, Cleber für Westermann, Jiracek für Behrami), so hatte sich der Trainer des HSV erneut einige interessante taktische Änderungen ausgedacht. Dieses Mal spielte der HSV nämlich nicht in dem Hybrid-System aus 4-1-4-1/4-2-3-1 der beiden vorangegangenen Partien, sondern überwiegend in einem 4-1-3-2.

Jiracek agierte in der ersten Halbzeit durchweg defensiver als der zentral spielende van der Vaart, der sich meist auf einer Höhe mit Holtby (LM) und Nicolai Müller (RM) aufhielt. Nur in den wenigen Fällen, in denen der HSV sein Spiel flach und kontrolliert aufbauen wollte, kam van der Vaart weit zurück, um sich den Ball aus der Abwehr abzuholen. Interessant fand ich aber, dass dies eher ausnahmsweise zu beobachten war. Meist wurde der Ball durch Drobny lang und hoch nach vorne gespielt, oder beide Außenverteidiger versuchten, durch schnelle vertikale Pässe die Linie entlang Raum zu gewinnen.

Ich habe diesen Mangel an Spielkultur in der Spieleröffnung hier in der Vergangenheit des Öfteren als (zu) leicht zu verteidigen kritisiert. Gegen Mainz schien mir dieses Vorgehen jedoch gewollter Bestandteil der Taktik Zinnbauers zu sein. Man war erkennbar bemüht, permanent Tempo in das Spiel zu bringen und nahm dabei das erhöhte Risiko für Fehlpässe billigend in Kauf. Denn in der vordersten Spitze setzten beide Stürmer, sofern sie nicht unmittelbar an den Ball aus der eigenen Abwehr kamen, sofort die ballführenden Abwehrspieler der Mainzer aggressiv unter Druck. Und durch die relativ höhere Position van der Vaarts (im Vergleich zu den letzten beiden Spielen) konnte man auch im Mittelfeld enormen Pressingdruck erzeugen. Im Ergebnis gewann der HSV mit zunehmender Spieldauer der ersten Halbzeit die entscheidenden Zweikämpfe. Zugleich erschwerte man den Mainzer Gästen den eigenen kontrollierten Spielaufbau, blockierte ihnen den direkten Weg durch die Spielfeldmitte und kam selbst zu den deutlich besseren Torchancen.

Besonders bei Marcos fiel mir auf, dass er häufig sofort den langen, vertikalen Ball die Linie entlang zu spielen versuchte. Einige Male gelang hier ein Zuspiel auf den gewohnt fleißig agierenden Rudnevs, der dann von der linken Außenbahn nach innen passen konnte (z.B. in der 41. Minute auf Müller).

Diekmeier konnte sich im Gegensatz zu Marcos einige Male durch eigene Vorstöße offensiv in Szene setzen. Beide Außenverteidiger suchten jedoch oft den riskanten Vertikalpass. Wie bereits erwähnt, unterstelle ich hier eine Anweisung Zinnbauers. Am Ende der Partie hatten beide jedenfalls eine bemerkenswert niedrige Pass-Quote von 41 (Diekmeier), bzw. 42 Prozent (Marcos).

Cléber überzeugt als Ersatz für Westermann

In der 32. Minute bekam der HSV einen Eckstoß von der rechten Seite zugesprochen. Der nach vorne geeilte Cléber kam dank einer akrobatischen Einlage mit dem Fuß an die Flanke. Müllers folgender Schussversuch wurde vom Mainzer Noveski zunächst geblockt. In der dann kurzzeitig bestehenden Konfusion im Strafraum schaltete Cléber am schnellsten und vollstreckte aus 13 Metern zum 1:0 für den HSV. Cléber wollte diesen Treffer unbedingt, das sah man. Er lieferte für mich ohnehin eine tadellose Leistung ab, was mich für ihn besonders freut. Das Tor wird ihm auch bei seiner weiteren Integration gut tun.

Die Führung für den HSV war zur Pause verdient, denn die Mainzer Mannschaft war bis dahin einfach fast alles schuldig geblieben und hatte nicht eine eigene, klare Torchance herausgespielt.

Auch in der zweiten Halbzeit war der HSV zunächst die aktivere Mannschaft. Immer wieder gelangen den Hamburgern Balleroberungen, weil sie oft erfolgreich personelle Überzahl in Ballnähe erreichten und aggressiv die Zweikämpfe bestritten.

In der 49. Minute traf Rudnevs nach guter Flanke von Diekmeier den Ball nicht sauber, sodass dieser weit das Tor verfehlte. Zwei Minuten später wurde der Lette auf der linken Außenbahn frei gespielt, benötigte jedoch leider etwas zu viel Zeit bei der Ballmitnahme. Seiner nachfolgenden Flanke auf Lasogga fehlte es zudem etwas an Genauigkeit. Auch wenn Rudnevs wieder einmal enorm fleißig war – es ist schade, dass er sich und die Mannschaft regelmäßig durch seine unbestreitbaren technischen Schwächen um noch größeren Lohn für seinen vorbildlichen Einsatz bringt.

In der 53. Minute wollte der Mainzer Noveski mit dem Kopf einen Flankenball des HSV klären, berührte dabei den Ball jedoch auch mit dem linken Arm. Da der Mainzer bei dieser Aktion innerhalb des eigenen Strafraums stand, entschied der Schiedsrichter auf Strafstoß für den HSV. Van der Vaart verlud Karius im Tor der Gäste und vollstreckte sicher zum 2:0 (54.).

Nur zwei Minuten später hatte Rudnevs eine weitere, klare Torchance zum dann entscheidenden 3:0, doch er scheiterte am guten Mainzer Torhüter.

Van der Vaart findet die Balance

Hjulmand stellte seine Mannschaft nun etwas um, und der HSV wurde mit der Führung im Rücken passiver. Mainz konnte nach einer Stunde stärker nach vorne spielen und erhielt ein klares optisches Übergewicht, konnte jedoch zunächst keine zwingenden Torchancen herausspielen. Van der Vaart agierte nun auf gleicher Höhe neben Jiracek oder gar defensiver. Er diente dabei den eigenen Verteidigern als weitere, ballsichere Anspielstation bei dem Versuch, sich spielerisch aus engen Situationen zu befreien. Aus meiner Sicht zeigte der Niederländer in diesem Spiel eine seiner besten Leistungen seit Monaten, denn er war fast immer dort, wo ihn seine Mannschaft benötigte. In der 80. Minute hätte er beinahe seine gute Leistung durch einen weiteren Treffer gekrönt. Lasogga lief mit Ball einen Konter auf der rechten Außenbahn. Rudnevs zeigte sich spielintelligent und ließ den Querpass passieren, sodass van der Vaart frei vor Karius zum Schuss kam. Leider traf Hamburgs Kapitän den Ball bei seinem Direktschuss so schlecht, dass dieser genau auf den Mainzer Torhüter kam. Karius hatte damit keine Mühe.

Mainz wacht zu spät auf und wird dennoch fast belohnt

Das Spiel näherte sich dem Ende, da versuchten es die Mainzer mit der fußballerischen Brechstange. Eine Vielzahl an langen, hohen Bällen wurde in den Bereich in und rund um den Hamburger Strafraum geschlagen, die von Hamburgs Defensive zum Teil nur auf Kosten eines Eckstoßes geklärt werden konnten. In der 87. Minute verpasste der aufgerückte Mainzer Innenverteidiger Bell mit einem Kopfball nach eben so einem Eckstoß denkbar knapp den Anschlusstreffer. Kurz darauf war es dann aber soweit. Ein weiterer Eckstoß segelte in den Hamburger Strafraum. Der von Hjulmand eingewechselte Malli köpfte den Ball zu Okazaki, dessen Kopfball aus kürzester Distanz (3m) Drobny dann nicht mehr parieren konnte. Das 2:1 in der 89. Minute. Aus Hamburger Sicht begann nun spätestens das ganz große Zittern. Und beinahe wäre den Mainzern tatsächlich in der Nachspielzeit der Ausgleichstreffer gelungen, doch Mallis Torabschluss flog ganz knapp über die Querlatte des Hamburger Gehäuses (90+1.). So blieb es am Ende beim 2:1 Erfolg für den HSV.

Schiedsrichter: Stegemann. Diskutable Leistung. Ich mag es grundsätzlich, wenn Schiedsrichter ein Spiel laufen lassen anstatt jede Kleinigkeit abzupfeifen. Dieser Schiedsrichter war mir aber zu großzügig – hüben wie drüben. Eine eindeutige Benachteiligung der Mainzer, wie Allagui nach der Partie bei SKY im Interview behauptete, habe ich nicht gesehen.

Fazit: Der HSV siegte verdient, auch [Anm.: nachträglich eingefügt] weil der 1. FSV Mainz 05 lange Zeit zu wenig investierte.

Die Hamburger mussten nach der Niederlage gegen Augsburg unbedingt gewinnen und hielten dem Druck stand. Mit dem Sieg gegen den FSV konnte man nun schon zum dritten Mal in Folge vor heimischer Kulisse dreifach punkten. Allein dies deutet schon eine positive Veränderung unter Leitung von Joe Zinnbauer an. Die nun 18 Gegentreffer beweisen, dass die Hamburger Defensive nachweisbar an Stabilität gewonnen hat. Besser, d.h. weniger Gegentreffer, sind neben den außer Konkurrenz spielenden Bayern (3) nur Gladbach (12), Wolfsburg (13) und Augsburg (14).

Unverändert verbesserungswürdig bleibt die Zahl der selbst erzielten Treffer, jedoch gelangen der Mannschaft wie schon im Heimspiel zuvor gegen Bremen erneut zwei Treffer. Positiv festzuhalten ist auch, was manche inzwischen für schwer vorstellbar hielten: der HSV kann auch ohne Behrami und Westermann gewinnen.

Zinnbauer überzeugt erneut mit einer gelungenen taktischen Anpassung seiner Mannschaft an den Gegner. Zusammen mit der wieder einmal guten, sowohl läuferischen als auch kämpferischen Einstellung der Mannschaft war dies für mich die Basis des Erfolges. Verdienter Lohn ist der Sprung auf Tabellenplatz 13.

Spielerisch bleibt aus Sicht des HSV unverändert viel zu tun, aber dies kann nicht sonderlich überraschen. Das braucht einfach eine gewisse Zeit. Zumal zu berücksichtigen ist, dass Zinnbauer immer wieder Nachwuchsspielern wie Gouaida, Götz oder nun Marcos das Vertrauen schenkt. Und wo ich gerade wieder beim Nachwuchs bin: Marcos wusste auch als Linksverteidiger zu gefallen. Allerdings muss man kritisch bemerken, dass er nur 42 Prozent seiner Zweikämpfe gewinnen konnte. Das war der mit Abstand schwächste Wert in der Hamburger Defensive. Hier sollte er sich deutlich steigern, wenn er sich mittelfristig in der Bundesliga etablieren will.

Der HSV hat nun im nächsten Spiel gegen den SC Freiburg eine realistische Chance, sich noch weiter von den Abstiegsrängen zu entfernen. Man sollte den SC jedoch keinesfalls unterschätzen. Der SC hat zum Teil besser gespielt, als es sein derzeitiger Tabellenplatz auszudrücken scheint.

Routine schlägt Talent. Der HSV unterliegt beim FC Augsburg mit 3:1 (0:1)

Unter Zinnbauers Leitung ist nicht nur die Durchlässigkeit vom Nachwuchs in die Profimannschaft deutlich größer geworden, auch die taktische Ausrichtung erscheint flexibler. Vom Fink’schen 4-2-3-1 zu einem klaren 4-1-4-1. Es folgte ein Hybrid-System aus 4-2-3-1 und 4-1-4-1 mit der Rückkehr des abkippenden Sechsers. Zuletzt war dann die Einführung gleich zweier inverser Flügelspieler zu beobachten. So gleicht jedes Spiel des HSV für den außenstehenden Beobachter derzeit noch ein wenig einer Wundertüte. Man fragt sich, welche Spieler zum Einsatz kommen, und in welcher taktischen Formation der HSV das nächste Spiel bestreiten wird. Und auch dieses Mal überraschte der HSV-Trainer mit neuem Personal und einer taktischen Anpassung an den Gegner.

Zu erwarten war, dass Götz den gesperrten Diekmeier eins zu eins als Rechtsverteidiger ersetzen würde. Den Einsatz des jungen Ronny Marcos konnte man zwar erahnen, jedoch dürften die meisten damit gerechnet haben, dass dieser ggf. Ostrzolek als Linksverteidiger ersetzen würde. Beide zusammen in der Startelf – das war schon eine kleine Überraschung. Der Einsatz des Konterstürmers Rudnevs in einem Auswärtsspiel überraschte mich weniger, zumal sich dieser zuletzt in Training und Spiel formverbessert präsentierte. Ebenso wenig überraschte mich, dass neben dem Letten nicht Lasogga von Beginn an spielte. Diese beiden Stürmertypen ergänzen sich einfach nicht optimal. Da Rudnevs zudem unübersehbare technische Probleme u.a. in der Ballbehauptung besitzt, erschien eine Umstellung auf ein System mit zwei Sturmspitzen bei seinem Einsatz fast zwingend. Die Lösung mit dem ebenfalls sprintstarken, technisch beschlagenen, torgefährlichen Müller drängte sich förmlich auf, zumal Gouaida bei seinem Debüt gegen Bremen als „falscher“ Rechtsaußen zu gefallen wusste.

Zinnbauer wechselte also erneut das System und vertraute der folgenden Aufstellung: Drobny – Götz, Djourou, Westermann (35. Cleber), Ostrzolek – Behrami – Gouaida, van der Vaart (75. Green), Marcos – N. Müller (71. Lasogga) , Rudnevs

Das Spiel: Zinnbauers Umstellung auf ein 4-4-2 muss man als grundsätzlich gelungene taktische Lösung loben. Ronny Marcos bot, wie schon Gouaida eine Woche zuvor  bei seinem Debüt in der Bundesliga, eine sehr respektable Leistung. Der Linksverteidiger der U23 spielte auf für ihn eher ungewohnter Position im linken offensiven Mittelfeld mutig und blieb weitestgehend fehlerlos. Da vor allem beide Sturmspitzen als auch beide offensive Außenbahnspieler regelmäßig aggressiv offensiv pressten, kam das Augsburger Spiel in der ersten Halbzeit nicht wie gewohnt zur Entfaltung.

Bei eigenem Ballbesitz sah man in der Frühphase des Spiels erneut Behrami als zwischen die Innenverteidiger abkippenden Sechser. Im weiteren Verlauf wurde dies jedoch nicht zuletzt in Folge des späteren Rückstandes zunehmend aufgegeben.

Das Spiel des HSV wirkte auf mich weniger leicht auszurechnen als mit Lasogga als einziger Spitze. Die erste große Torchance für die Gastgeber notierte ich in der 27. Spielminute. Drobny konnte einen Freistoß, den Bobadilla aus ca. 23 Metern Entfernung und zentraler Position schoss, gerade noch um den Pfosten lenken. Alles andere der ersten Halbzeit, hüben wie drüben, fiel eher in die Kategorie „Halbchance“.

Leider verletzte sich Westermann am Knie und musste bereits in der 35. Spielminute vom Feld. Für mich einer von mehreren Gründen, warum der HSV am Ende als Verlierer vom Platz ging. Dies ist ausdrücklich nicht als Kritik an Cleber gemeint, der ihn ersetzte. Denn dem Brasilianer fehlt u.a. Spielpraxis. Ich möchte hier nur festhalten, dass deutliche Mängel bei der Feinabstimmung zwischen Djourou und Cleber zu bemerken waren.

Insgesamt wirkte das Spiel des HSV auf mich flüssiger als zuletzt. Man konnte meist die Angriffsbemühungen der Gastgeber erfolgreich neutralisieren, da man situativ die Staffelung wechselte. So sah man des Öfteren eine Dreierkette im (offensiven) nachschiebenden Mittelfeld, oder die Abwehrkette wurde im Bedarfsfall um einen weiteren Spieler erweitert. Unbefriedigend blieb, wie bereits gewohnt, dass man gute Ansätze für eigene Angriffe zu oft im letzten Drittel des Spielfeldes verschenkte.

In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit konnte N. Müller endlich einmal mit Ball und Tempo in den freien Raum starten – prompt wurde es gefährlich. Müller passte auf Rudnevs, der den Ball mustergültig direkt und flach quer passte. Van der Vaart ließ sich nicht lange bitten und bedankte sich mit einem Torschuss ins lange Eck zum 0:1 für die Hamburger (45+1.).

Zur Halbzeit empfand ich die Führung des HSV als keineswegs unverdient. Feststellbar war, dass die Angriffe des HSV mehrheitlich über die mit zwei nominellen Linksverteidigern besetzte linke Außenbahn erfolgten. Das Gespann auf der Gegenseite (Gouaida, Götz) agierte offensiv weniger auffällig.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit verstärkten die Gastgeber ihre eigenen Angriffsbemühungen. Sie spielten nun ihrerseits aggressiver und erhöhten das Tempo. Götz, der ansonsten eine durchaus ordentliche Partie ablieferte, leistete sich im Bemühen, das eigene Spiel zu beschleunigen, gleich zwei vermeidbare Fehlpässe genau zum Gegner, die einem so normalerweise in der Bundesliga nicht unterlaufen sollten. Dies ist nur eine nüchterne Feststellung an die Adresse derjenigen, die jeden U23-Spieler des HSV schon jetzt für besser halten als die Profis. Es ist ausdrücklich kein Vorwurf an Götz, dem man (wie allen anderen Talenten), eine gewisse Lernphase zubilligen muss.

Auch beim Ausgleichstreffer war Götz nicht ganz schuldlos. Ostrzoleks Foul führte zum Freistoß für den FCA. Werner flankte in den Strafraum, wo sich die mangelnde Feinabstimmung in der Viererkette bemerkbar machte. Cleber stand am kurzen Pfosten. Djourou hatte es gleich mit zwei Augsburgern zu tun, da Götz nicht weit genug nach innen eingerückt war. Drobny blieb auf der Linie, obwohl die Flanke an den Fünfmeter-Raum kam. Im Resultat konnte Djurdjic den Ball per Kopf unfreiwillig quer legen, sodass Altintop letztlich keine Mühe mit dem erfolgreichen Torschuss aus kurzer Distanz hatte. Das frühe 1:1 in der 49. Spielminute.

Es ist m.E. kein Zufall, dass der Führungstreffer über die rechte Seite des HSV fiel. Götz konnte Augsburgs Werner nicht entscheidend behindern. Dieser spielte einen seher guten, temperierten Pass genau in den Lauf des durchgestarteten Baba. Dessen Vorsprung an Metern und Geschwindigkeit konnte Gouaida verständlicherweise nicht mehr egalisieren, sodass Baba fast ungestört vom Flügel nach innen passen konnte. Die umgestellte Innenverteidigung des HSV (s.o.) stand erneut nicht optimal gestaffelt, da zu sehr auf einer Linie, und Ostrzolek konnte Bobadilla nicht halten. So kam es trotz einer drei eins Überzahl im Strafraum zur 2:1-Führung für die Gastgeber in der 62. Minute.

Danach versuchte der HSV unverdrossen nach vorne zu spielen, musste aber nach einer äußert strittigen Entscheidung des ansonsten guten Schiedsrichters den nächsten Nackenschlag hinnehmen. Götz wollte im Strafraum einen Ball klären, doch Djurdjic war für Bruchteile einer Sekunde früher am Ball. Dr. Drees entschied zum Entsetzen aller Hamburger auf Strafstoß für den FCA, den Augsburgs Kapitän Verhaegh dann sicher verwandelte (69.)

Zinnbauer reagierte folgerichtig und brachte mit Lasogga und Green kurz hintereinander zwei frische Angreifer. Bei eigenem Ballbesitz verzichtete man nun endgültig auf den abkippenden Sechser, um im Mittelfeld und Angriff mehr Optionen zu haben. Lobenswert einmal mehr, dass der Mannschaft jederzeit der Willen, vielleicht doch noch wenigstens zu einem Punkt zu kommen, anzumerken war. So kam man gegen Ende der Partie u.a. zu mehreren Eckbällen, aus denen man jedoch leider kein Kapital schlagen konnte. Auch dem eingewechselten Lasogga blieb ein Treffer versagt, da Augsburgs Callsen-Bracker für den bereits geschlagenen Torhüter Manninger auf der Linie (86.) klären konnte. Es blieb daher beim 3:1-Erfolg für den FCA.

Schiedsrichter: Dr. Drees (Münster-Sarmsheim). Bot lange Zeit eine tadellose, gute Leistung.  Besonders gut gefielen mir seine Körpersprache und seine erläuternden Ansprachen an die Spieler nach strittigen Entscheidungen. Es gibt unangenehmere, arrogantere Unparteiische.
Die Entscheidung auf Strafstoß für den FCA in der 69. Spielminute bleibt jedoch objektiv regeltechnisch falsch. Zwar ist Djurdjic tatsächlich früher am Ball als Götz und wird von diesem am Fuß getroffen, jedoch kommt der Augsburger nur deswegen früher an den Ball, weil er mit gestrecktem Bein und offener Sohle zum Ball und in die bereits begonnene Schussbewegung von Götz sprintet. Damit liegt hier ein s.g. gefährliches Spiel des Augsburgers vor. Dieses ist zeitlich vor dem prinzipiell strafbaren Kontakt von Götz einzuordnen und hätte daher als solches abgepfiffen werden müssen. Selbst wenn man behauptet, dass auch Götz strafbar mit gestrecktem Bein agiert habe, so steht der Hamburger günstiger zum Ball und „wartet“ allein darauf, dass das Spielgerät auf spielbare Höhe fällt, während der Augsburger nur durch seinen Regelverstoß zum und an den Ball kommt. Aufgrund der Geschwindigkeit des Ablaufs und der Positionierung des Schiedsrichters war dies aber für ihn schwer zu erkennen. Für mich ist daher der regeltechnische Fehler Folge eines entschuldbaren Wahrnehmungsfehlers.

Fazit: Der Sieg der Augsburger geht aufgrund der deutlich stärkeren zweiten Halbzeit in Ordnung, fällt  jedoch gefühlt um ein Tor zu hoch aus.

Ich bewundere Zinnbauers Mut, auf die Talente aus der viertklassig spielenden U23 in der Bundesliga zu setzen. Man kann mit Recht fragen, ob hier nicht mitunter zu viel des Gutes probiert wird. Im Detail sind nämlich unverändert verständliche Anpassungsprobleme zu bemerken. In der Summe fehlt es der Mannschaft an Qualität. Hier meine ich nicht Talent, sondern die Routine, die man erst durch Erfahrung erwirbt. Diese Routine können die U23-Spieler ganz einfach (noch) nicht haben. Ein tatsächlicher Bundesligaspieler wird man nicht bereits durch ein, zwei mehr oder minder gelungene Einsätze. Der erzwungene Wechsel in der Innenverteidigung war für mich die entscheidende Schwächung. In der Summe (anderes System, drei U23-Spieler, und mit Cleber, der aus ganz anderen, vielfältigen Gründen noch Akklimatisierungsbedarf haben dürfte) wäre ein Sieg des HSV eine faustdicke Überraschung gewesen. Mir ist es aber lieber, dass Zinnbauer jetzt den Talenten Spielpraxis und Erfahrung verschafft, bevor er diese Spieler in der tatsächlich heißen Phase der Saison ins kalte Wasser verwerfen muss. Wirklich enttäuscht hat bisher keines von ihnen, auch Götz nicht.

Wie Zinnbauer finde auch ich lobenswert, dass man mindestens in der ersten Halbzeit sehen konnte, dass die Mannschaft des HSV Fortschritte macht, was nicht zuletzt der schön herausgespielte Führungstreffer belegt. Mit einer etwas erfahreneren Mannschaft wäre der taktische Plan des Hamburger Trainers möglicherweise voll aufgegangen. Der FC Augsburg war am Ende aber die reifere, die routiniertere Mannschaft. Dies ist auch Folge einer kontinuierlichen, systematischen Arbeit unter Leitung von Weinzierl.

Die entscheidende Frage aus Sicht des HSV bleibt, ob sich seine Talente schnell genug entwickeln können. Das aber müssen zum Glück andere be- und verantworten.