Jiracek

Auf dieser Leistung lässt sich aufbauen. HSV – FC Bayern München 0:0

Jede Aussage eines Trainers gegenüber den Medien hat gleich mehrere Adressaten: Da wäre zunächst natürlich die interessierte Öffentlichkeit, der man einen möglichst positiven Eindruck von sich und seiner Arbeit vermitteln möchte. Dann wären da die Vorgesetzten, die mit Argusaugen darüber wachen, welches Bild ihr Trainer von sich, seiner Arbeit und dem Verein zeichnet. Und schließlich wären da noch die Spieler, die sehr genau darauf achten, was ihr Trainer öffentlich über die Mannschaftsleistung und nicht zu letzt über sie persönlich äußert. Es lohnt daher, einige Äußerungen Zinnbauers aus den vergangenen Tagen genauer zu betrachten.

So sagte Zinnbauer z.B. auf seiner Antritts-PK, er habe der von ihm zuletzt betreuten U23 zum Abschied gesagt, seine Beförderung zum Cheftrainer der Bundesligamannschaft sei nicht nur ein Glücksfall für ihn persönlich, sondern sei auch gut für sie. Denn zukünftig wüssten sie einen Cheftrainer „ganz oben“, der jeden einzelnen von ihnen tatsächlich kennen und einschätzen könne. Später antwortete er auf eine entsprechende Frage, dass er, sollte es bei der Bundesligamannschaft nicht funktionieren, „kein Pardon“ kenne und nicht zögern würde, die betreffenden Profis  durch entsprechende U23-Spieler zu ersetzen. Er erhöhte also den Leistungsdruck im Bundesliga-Kader und setzte gleichzeitig Anreize für den Nachwuchs, nunmehr unter ihrem neuen Trainer, Daniel Petrowsky, keinesfalls nachzulassen, wodurch er seinem Nachfolger zweifellos den Einstieg erleichtert haben dürfte. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang nur an das Negativ-Beispiel Beckenbauer, der seinem Nachfolger bei der Nationalmannschaft, Berti Vogts, seinerzeit ein regelrechtes Kuckucksei ins Nest legte, indem er öffentlich in der ihm eigenen Art firlefranzte, dass die von ihm übergebene Mannschaft „auf Jahre hinaus unschlagbar“ sein werde.

Bereits in der zweiten, der von ihm bei den Profis geleiteten Trainingseinheiten demonstrierte Zinnbauer dann, dass er bei den von ihm angekündigten Konsequenzen auch nicht vor großen Namen zurückschreckt. Als mit Behrami  einer der vorgesehenen Führungsspieler der Mannschaft wiederholt einige Übungen erkennbar nicht mit vollem Einsatz absolvierte, durfte er sich den Rest des Trainings für diesen Tag von außen anschauen. In diesem Kontext muss man m.E. das Extra-Lob sehen, dass Zinnbauer nach der Partie gegen die Bayern an Behrami verteilte. Behrami hatte zweifellos ein gutes Spiel gemacht, ein besonderes Lob hat sich gestern aber, ginge es nach mir, ein anderer verdient (Dazu später mehr). Um bei Behrami zu bleiben – die Botschaft Zinnbauers erschien mir eindeutig: Wer  im Training voll mitzieht, wer gut spielt, der darf mit seiner Anerkennung, seiner Wertschätzung rechnen. Wer sich jedoch hängen lässt, für den brechen ggf. schwere Zeiten an. Da Behrami derzeit im Grunde alternativlos im Kader erscheint, macht es für mich aus Sicht des Trainers und vor dem Hintergrund der angesprochenen Disziplinierungsmaßnahme dennoch Sinn, ihn nach dem Spiel explizit öffentlich positiv hervorzuheben. Denn wer als Trainer nur Druck ausübt und ausschließlich negativ kritisiert, der wird m.E. auf längere Sicht keinen Erfolg haben.

In diesem Kontext passt ins Bild, dass Zinnbauer nach dem Spiel auch nicht vergaß, seinen Vorgänger, Mirko Slomka, für den nunmehr guten konditionellen Zustand der Mannschaft ausdrücklich zu loben. Dies, wie auch Zinnbauers Hinweis zur U23, dass er dort selbst ja weder Tore geschossen noch verhindert habe, deutet für mich darauf hin, dass er nicht nur um eine faire Beurteilung bemüht ist, sondern sich auch zugleich als Teil eines Teams sieht. Dies ist natürlich nur ein erster, flüchtiger Eindruck und sollte zum jetzigen Zeitpunkt nicht überbewertet werden, dennoch möchte ich dies nicht unerwähnt lassen. Denn es dürfte nicht wenige geben, die u.a. mangelhafte Teamarbeit als eine wesentliche Ursache für die Misserfolge der Vergangenheit ausgemacht haben wollen.

Im Grunde war zu erwarten, dass Zinnbauer angesichts der Kürze der ihm zur Verfügung stehenden Zeit die zuletzt überzogen wirkenden personellen Veränderungen Slomkas gegen Hannover teilweise zurücknehmen würde. So ersetzte Westermann Cléber, und auch Arslan kehrte in die Startaufstellung zurück:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami, Arslan (67. Jiracek), N. Müller (87. Steinmann), Holtby, Stieber – Lasogga (76. Green)

In der Torwartfrage gab es auch meiner Meinung nach keinen triftigen Grund, nun erneut die Rolle rückwärts zu vollziehen. Zum einen war Drobnys Leistung gegen Hannover nicht ursächlich für die Niederlage, zum anderen wäre Adler endgültig „verbrannt“, wären ihm gegen die Bayern Fehler dergestalt unterlaufen, wie man sie leider in der letzten Saison eindeutig zu oft von ihm gesehen hat. So bitter das für Adler im Augenblick auch sein mag – er wird nun wohl mindestens bis zur Winterpause warten müssen. Es sei denn, Drobny schwächelt mehrfach. Im Mannschaftssport, so ist das nun einmal, steht der Erfolg eines Teams über etwaigen sportlichen Einzelschicksalen.

Das Spiel: Obwohl die Mannschaftsaufstellung der Hamburger als taktisches System ein 4-2-3-1 mit einer klaren Doppel-Sechs durch Behrami und Arslan suggerierte, konnte man bereits nach wenigen Minuten eine andere taktische Formation bemerken. Tatsächlich agierte man gegen den Ball mit einem grundsätzlich offensiv orientierten 4-4-2. Vor allem Holtby presste während der ersten Halbzeit im Verbund mit der nominell einzigen Hamburger Spitze, Lasogga, sehr hoch, während sich Arslan und Behrami meist dahinter in eine vordere Viererkette mit Stieber und Nicolai Müller einreihten. Auch die defensive Viererkette schob – endlich, endlich! – weit genug heraus, sodass kaum jene gefährlich freien Räume zwischen den Ketten entstanden, die ich hier im Blog in der Vergangenheit oft kritisiert habe. Da sich die Mannschaft des HSV zeitgleich auch ballorientiert seitlich deutlicher verschob, als dies m.M.n. in der Vergangenheit der Fall gewesen ist, wurden gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen:

1.) Der Spielaufbau der Bayern konnte des Öfteren entscheidend gestört werden, sodass sie häufiger zu langen, prinzipiell leichter zu verteidigenden Bällen gezwungen wurden;
2.) In Ballnähe erreichte der HSV vermehrt eine personelle Überzahl, was auch die Zweikampfführung gegen individuell überlegene Bayern-Spieler erleichterte;
3.) Das Zentrum des Spiels wurde durch die Hamburger meist erfolgreich geschlossen, sodass der Gegner sein Spiel mit dem grundsätzlich längeren Weg über die jeweils freie Außenbahn entwickeln musste.

Nicht unbemerkt soll zudem bleiben, dass sich der HSV tatsächlich aggressiv in der Zweikampfführung zeigte. Im Ergebnis standen am Ende der ersten Spielhälfte nur zwei Torschüsse (20. Minute, Pizarro, weit über das Tor) der Bayern und eine einzige Parade Drobnys (33., nach Schuss von Bernat) zu Buche. Und das gegen die zuvor hoch favorisierten Bayern!

Man darf es wohl durchaus auch als Kompliment für den HSV werten, dass Guardiola, der die Bayern zunächst in einem offensiven 3-4-3 auf das Feld schickte, im Verlauf der Partie nicht nur in der Abwehr auf eine Viererkette umstellte, sondern mit den zu Beginn noch geschonten Xabi Alonso, Götze und Lewandowski drei Hochkaräter brachte, die den Sieg für seine Mannschaft erzwingen sollten. Denn es dürfte eher ungewöhnlich sein, dass ein Trainer bereits in der 66. Minute seine letzte Auswechselmöglichkeit ausschöpft.

Tatsächlich spielten die Bayern während des zweiten Durchgangs flüssiger und zielgerichteter. Zunächst aber hatte Nicolai Müller in der 48. Minute tatsächlich eine Torchance für den HSV. Er spitzelte den Ball erfolgreich aus halblinker Position an dem aus seinem Tor geeilten Neuer vorbei. Leider verfehlte sein Schuss mit dem rechten Fuß knapp das Tor.

In der 53. Minute rettete Drobny seine Mannschaft vor dem Rückstand, als er mit den Beinen einen Schuss von Lahm nach Vorarbeit von Rafinha parierte. Zu diesem Zeitpunkt die bis dato wohl größte Torchance für die Bayern.

Die Bayern bauten nun vermehrt ihr Spiel über ihre rechte Seite auf, um hernach auf die linke Seite zu verlagern. Aber Diekmeier und Nicolai Müller waren meist zur Stelle, um etwaige Lücken rechtzeitig zu schließen.

Um auf meine Bemerkung im Zusammenhang mit Behrami zurückzukommen: Neben Behrami verdienen m.E. besonders der defensiv enorm fleißige Holtby, aber vor allem der oft gescholtene Heiko Westermann ein Extra-Lob. Westermann spielte auf Seiten des HSV einfach überragend. Nicht ein „Wackler“, 89 Prozent gewonnene Zweikämpfe und 67 Prozent angekommene Pässe belegen dies. Ich denke, man konnte sehen, dass Westermann durchaus sehr, sehr wertvoll sein kann, wenn er sich in einer taktisch funktionierenden Mannschaft auf seine Kernkompetenzen konzentrieren kann. Denn seine allseits bekannten Stockfehler resultierten oft genug auch daraus, dass sich andere Spieler der Mannschaft in der Vergangenheit viel zu oft versteckt haben. So wurde Westermann oft genug dafür bestraft, dass er einer der wenigen war, die durchweg Verantwortung übernahmen, während andere nach dem Motto verfuhren: hier hast Du den Ball – viel Glück damit!

Djourou zeigte eine durchaus ordentliche Leistung, zerstörte aber letztlich ein wenig den positiven Gesamteindruck, als er kurz vor Spielende (88.) einen eklatanten Fehler bei der Ballannahme produzierte und so Thomas Müller zu einem Torschuss einlud, den dieser zum Glück für den HSV knapp neben das Tor setzte. So blieb es letztlich beim torlosen Remis.

In der Nachspielzeit (90+4.) vertändelte der wieder einmal weit aus seinem Tor geeilte Manuel Neuer den Ball fast auf Höhe der Mittellinie und blockte dort absichtlich einen Schuss der Hamburger mit der Hand. Der folgende Torschuss von Ostrzolek verfehlte das von Neuer verlassene Tor. Der Treffer hätte aber ohnehin nicht gezählt, da Schiedsrichter Dingert bereits das Handspiel gepfiffen hatte.

Schiedsrichter: Dingert (Lebecksmühle): Bot für einen so jungen Schiedsrichter in einer vor allem von Hamburger Seite aggressiv geführten Partie eine gute Leistung. Die gelbe Karte für Neuer geht vollkommen in Ordnung, da nicht jedes Handspiel eines Torwarts außerhalb seines Strafraums zum Feldverweis führt. Maßgebend ist hier, ob der Torhüter eine klare, eindeutige Torchance für den Gegner verhindert. Davon kann beim besten Willen aufgrund der seitlich versetzen Position von Schütze und Ball und der Entfernung zum Tor (fast Mittellinie!) keine Rede sein.

Fazit: Der HSV, so möchte ich es formulieren, hat dem zuvor übermächtig erscheinenden Gegner aus München aufgrund einer engagierten und taktisch disziplinierten Mannschaftsleistung durchaus verdient den einen Punkt abgerungen. Endlich blieb man über weite Strecken des Spiels als Mannschaft kompakt und konnte vermehrt auch jene Dreiecksbildungen auf den Positionen beobachten, die zuvor viel zu oft schmerzlich vermisst wurden. Ich stimme Heiko Westermann zu, der nach dem Spiel von der besten Mannschaftsleistung des HSV sprach, seit er in Hamburg sei.

Defensiv war das eine großartige Leistung der Hamburger Mannschaft, auch wenn offensiv kaum etwas ging. Mit zunehmender Spielzeit auffälliger wurde hier, dass Lasogga, obgleich gewohnt fleißig und einsatzwillig wirkend, läuferisch unverändert schwerfällig agiert. Hier bleibt zu hoffen, dass es Zinnbauer in den kommenden Wochen gelingt, Lasoggas Form mittelfristig durch dosierte Belastungen in Training und Wettkampf zu verbessern.

Dieses Spiel ist aus Hamburger Sicht als erster Schritt in die richtige Richtung zu bewerten. Noch aber ist das allenfalls ein sehr erfreulicher Achtungserfolg, den man zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht überbewerten sollte. Ob das dieses Mal deutlich verbesserte taktische Verhalten der ganzen Mannschaft nachhaltig zu beobachten sein wird, das bleibt abzuwarten. Schon das nächste Spiel gegen M’Gladbach wird hier weitere, hoffentlich erfreuliche Erkenntnisse liefern.

Interessant wird zu beobachten sein, wie Zinnbauer zukünftig den von ihm angekündigten offensiv-dominanten Fußball mit diesem Kader des HSV umsetzen will. Die Bayern, Zinnbauer sagte dies auf der PK vor dem Spiel bereits, waren hierfür der falsche Gegner. Perspektivisch könnte ich mir vorstellen, dass sich das Spiel des HSV in den kommenden Wochen und Monaten stärker zu einem 4-1-4-1 entwickelt, aber auch das muss man letztlich abwarten.

Übersehen wir nicht, dass die Mannschaft immer noch kein einziges Tor geschossen hat und bisher auch unverändert kein Spiel gewinnen konnte.  Gestern könnte ein Grundstein gelegt worden sein, mehr aber noch nicht. Eins scheint mir eindeutig: Sollte die Mannschaft kontinuierlich an die gestrige Leistung anknüpfen können, dann wird sie mit dem Abstieg in dieser Saison nichts zu tun haben. Zu Euphorie besteht also unverändert kein Anlass, wohl aber zu Zuversicht.

Festhalten möchte ich zum Schluss, dass Zinnbauer der erste Trainer beim HSV ist, der Jiracek endlich dort einsetzte, wo er m.E. ohnehin hingehört: als Alternative zu Arslan und Pendant von Behrami im Zentrum. Der Wechsel für den zuvor bereits  gelbverwarnten Arslan machte für mich daher doppelt Sinn. Auch dass er mit Matti Steinmann (1,88m) eine echte „Kante“ debütieren ließ, als es den Anschein hatte, dem HSV fehle nach der Auswechselung Lasoggas etwas die körperliche Wucht, fand ich durchaus nachvollziehbar. Eins ist Zinnbauer jedenfalls bereits gelungen: ich bin sehr gespannt, ob sich die Mannschaft in diesem rasanten Tempo tatsächlich weiter unter seiner Leitung entwickelt. Zu wünschen wäre es.

Neue Spieler ergeben noch keine neue Mannschaft. Der HSV unterliegt Hannover 96 mit 0:2 (0:2)

Er hat es also wirklich getan. HSV-Trainer Slomka hat gegen Hannover nicht nur zahlreiche neue Feldspieler eingesetzt, sondern auch einen Wechsel auf der Torhüter-Position vorgenommen. Jaroslav Drobny ersetzte  René Adler.

Dass Slomka im Vorfeld der Partie verbal auch den Druck auf  Adler erhöhte, konnte ich grundsätzlich nachvollziehen. Weder waren dessen Leistungen zuletzt derart überragend, dass man ihn von jeder Kritik ausklammern musste, noch funktionierte die Mannschaft des HSV. Und der Torhüter ist natürlich Teil dieser Mannschaft. So gesehen muss man einem Trainer zubilligen, dass er auch seinen Stammtorhüter nachdrücklich an die Gültigkeit des Leistungsprinzips erinnert, zumal wenn man einen Drobny als Alternative in seinem Kader weiß. Einerseits.

Andererseits sprachen m.E. gleich mehrere Argumente gegen einen Torwart-Wechsel – bei allem Respekt vor Drobny. Sicher, dieser hatte einen großen Anteil daran, dass der HSV die Relegation schadlos überstehen konnte. Aber gegen Köln hatte Adler seinen Kasten „sauber“ gehalten. Von den drei Gegentreffern gegen Paderborn mag ein Torhüter in Bestform den einen oder anderen verhindern – letztlich haben diese Niederlage m.M.n. jedoch  andere zu verantworten.

Es war ja vor der Partie bekannt, dass die Viererkette in der Abwehr durch den erstmaligen Einsatz von Cléber und Ostrzolek umgebaut werden würde. Schon aufgrund dieser Tatsache musste man damit rechnen, dass es in der Abwehr zu Abstimmungsproblemen kommen könnte. Das fragile Gebilde der Defensive dann auch noch durch den Einsatz eines neuen Torhüters zu belasten – mir erschließt sich dies auch mit einer Nacht des Überschlafens nicht. Auch wenn, das sei betont, Drobny zweifellos keine Schuld an der erneuten Niederlage in Hannover trifft.

Slomka äußerte in diesem Zusammenhang, er habe diese Entscheidung zunächst nur für diese eine Partie getroffen. Für mich verliert sie dadurch zusätzlich an Plausibilität. Denn Torhüter benötigen einen besonderen Rückhalt, damit sie gute Leistungen bringen können. Ein permanentes Wechselspiel auf dieser Position hat sich meines Wissens nach noch nie leistungsfördernd  ausgewirkt. Zumal es zudem die Feinabstimmung zwischen dem jeweiligen Torhüter und den Abwehrspielern zusätzlich erschwert. Wenn Slomka Drobny für dessen gute Trainingsleistungen belohnen wollte, dann hätte er dies durch dessen Einsatz im DFB-Pokal gegen die Bayern schon in Kürze ebenfalls zum Ausdruck bringen können. Vor allem hätte ein solcher Einsatz im Pokal nicht die mediale Aufmerksamkeit erregt, die den HSV nun unweigerlich die nächsten Wochen begleiten wird.

Diese ganze Angelegenheit ist auch nicht mit jenen Torhüterwechseln zu vergleichen, die Slomka auf seinen bisherigen Stationen vorgenommen hat. Denn anders als etwa Neuer seinerzeit bei Schalke, ist der gute Drobny kein Torwart mit Perspektive. Schon dessen chronische Knieprobleme sprechen für diese Annahme. Ich will nicht soweit gehen und hier von einem Fehler des Trainers schreiben. Möglicherweise gab es für ihn ja andere Gründe, die ihn zu dieser Entscheidung bewogen haben. Bei mir bleibt jedoch ein Unbehagen.

Auch einen Startelf-Einsatz von Nicolai Müller sah ich im Vorfeld der Partie kritisch. Hier fühle ich mich nachträglich bestätigt. Von einer großen, vergebenen  Torchance abgesehen, habe ich ihn jedenfalls kaum wahrgenommen. Dass Müller sich bestenfalls spielfähig, aber deutlich von seiner Bestform entfernt präsentieren würde, damit musste man aufgrund der Vorgeschichte rechnen. Auch ohne einen Müller (von Anfang an) standen bereits zahlreiche neue Spieler in der Startformation. Dass einer derart neu formierten Mannschaft die notwendigen Automatismen, die Abstimmung untereinander fehlen würde – auch das war zu erwarten. Aber wer aus dem Rathaus kommt…

Sei es, wie es sei. Slomka setzte auf folgende Aufstellung gegen Hannover 96: Drobny – Diekmeier, Djourou, Cléber, Ostrzolek (60. Jiracek) – Behrami (78. Arslan), Holtby, Green (46. Rudnevs), Müller, Stieber – Lasogga

Spiel: Hannover trat, wie von mir im Vorbericht als Variante bereits angedacht, mit Arthur Sobiech als zweiter Spitze neben Joselu in einem 4-4-2 an. Kiyotake rutschte aus dem Zentrum auf die linke offensive Außenbahn. Nur dass Albornoz Pander als Linksverteidiger ersetzen könnte, hatte ich bei meinen Gedankenspielen übersehen.

Beim HSV spielte Müller zentral-offensiv, da ja bekanntlich van der Vaart verletzungsbedingt ersetzt werden musste. Auf der rechten offensiven Außenbahn spielte erstmalig Green, während auf der anderen Seite Stieber den kurzfristig als verletzt gemeldeten Ilicevic ersetzen sollte.

Holtby, der wohl neben, bzw. leicht vor Behrami im Zentrum spielen sollte, also auf der s.g. sechs oder acht, spielte mindestens in der ersten Halbzeit tatsächlich mehr im Achter- oder Zehnerraum. So ähnelte die taktische Formation des HSV zeitweilig mehr einem 4-1-4-1, als einem 4-2-3-1 mit eindeutiger Doppel-Sechs, was sich aber möglicherweise auch auf den relativ frühen Rückstand zurückführen lässt.

Schon zu Beginn der Partie war zu spüren, dass auf Hamburger Seite eine vollkommen neu formierte Mannschaft auf dem Platz stand. Bevor sich diese Mannschaft auch nur ansatzweise finden konnte, hätte sie beinahe schon nach drei Minuten mit 0:2 zurückgelegen. Joselu verfehlte sowohl in der zweiten als auch in der dritten Minute bereits denkbar knapp das Tor.

So  dauerte es bis zur 13. Minute. Auf der rechten Hamburger Abwehrseite wurde auf Albornoz keinerlei Druck ausgeübt. Der bedankte sich mit einer guten Flanke in den HSV-Strafraum. Dort musste der eher kleingewachsenen Ostrzolek (1,78m) ins Kopfballduell gegen Andreasen (1,88m) und war wie zu erwarten chancenlos. Das 1:0 – unhaltbar für Drobny. Hier stimmte die komplette Zuordnung in der neu formierten HSV-Defensive nicht.

Nur elf Minuten später klaffte im defensiven Zentrum des HSV, sowohl im Mittelfeld als auch in der Abwehr, erneut eine große Deckungslücke. Am Ende konnte Hannovers Sobiech den Ball in einem Gewühl über die Linie stochern. Das 2:0 in der 24. Minute, und einmal mehr Tristesse pur aus Sicht aller Hamburger.

Die größte Chance des HSV zu einem Treffer ergab sich in der 35. Minute: Erst verpasste Lasogga einen Querpass von Müller, dann wurde der folgende Schussversuch von Green geblockt. Den Nachschuss aus der Distanz setzte dann Holtby knapp neben das Tor von „96“.

Bemerkenswert fand ich noch eine Szene in der Nachspielzeit der ersten Hälfte. Nach einem Foul von Bittencourt kam es zu einer Rudelbildung, bei der von Seiten des HSV Cléber und vor allem Hannovers Marcelo beteiligt waren. Die von Schiedsrichter Schmidt nachfolgend verhängte Gelbe Karte haben wohl die meisten Zuschauer daher Marcelo zugeordnet. Tatsächlich aber, wie sich später zur allgemeinen Verwunderung herausstellte, verwarnte Schmidt Bittencourt.

Slomka reagierte zur Pause auf den Zwei-Tore-Rückstand und brachte Rudnevs. Für ihn musste Green den Platz verlassen.

Kurz nach Wiederanpfiff stand plötzlich Müller allein vor Zieler, verfehlte aber mit seinem Schuss aus ca. 12 Metern knapp das Tor (47.). Was für eine Chance! Die kann, die muss man normalerweise nutzen.

Insgesamt wirkte das Spiel nun etwas ausgeglichener. Hannover war mit der deutlichen Führung im Rücken verständlicherweise nicht mehr gezwungen, konsequent offensiv zu spielen; bei der neu formierten HSV-Elf griffen nun die sprichwörtlichen Rädchen etwas besser in einander.

In der 63. Minute konnte Drobny mit einer  tollen Flugparade einen fulminanten Schuss von Hannovers Schulz gerade noch um den Pfosten drehen. Auf der Gegenseite flankte kurz darauf Stieber auf Rudnevs, der den schwer zu verarbeitenden Ball aber rechts neben Zielers Tor setzte (66.).

Es folgte Teil zwei der Gelbe-Karten-Konfusion. Als Marcelo in der 69. Minute den gelben Karton sah, da dachten wohl die meisten, dies sei bereits die zweite. Also gelb-rot und Platzverweis. Aber wie schon erwähnt, es war dann doch die erste Verwarnung. Marcelo blieb also auf dem Platz und Hannover vollzählig.

Den Schlusspunkt der Partie setzte Rudnevs für den HSV, der nach schöner Flanke von Holtby an die Querlatte des gegnerischen Gehäuses köpfte (90.). Leider sprang der Ball von dort klar vor die Torlinie, also kein Tor.

Schiedsrichter: Schmidt (Stuttgart). Mit einigen strittigen Entscheidungen. Unverständliche Gelbe Karte gegen Bittencourt, als eigentlich Marcelo Gelb sehen muss. Die spätere Verwarnung für Marcelo hätte m.E. Gelb-Rot und Platzverweis zur Folge haben müssen.

Fazit: Der Sieg von Hannover 96 geht vollkommen in Ordnung, auch wenn der HSV die eine oder andere Gelegenheit zum Torerfolg besaß.

Der Unterschied zwischen beiden Mannschaften bestand zunächst in der Tatsache, dass „96“ mit einer eingespielten und selbstbewussten Mannschaft antrat. Korkut setzte zuletzt auf eine klare Stammformation, die er lediglich moderat veränderte. Inbesondere der gesamte Defensivverbund, Torhüter, Abwehr und defensives Mittelfeld, spielte in den letzten Partien nahezu unverändert, aber auch Bittencourt und Joselu standen bislang in jeder Begegnung auf dem Platz. Es daher leicht nachvollziehbar, dass die Entwicklung der  Mannschaft Hannovers im Vergleich zum HSV deutlich fortgeschritten ist.

Beim HSV beginnt in meinen Augen mit dem Spiel in Hannover eine andere Zeitrechnung. Dass eine annähernd komplett neue  Mannschaft einige Zeit benötigt, damit sie sich als homogen funktionierende Einheit präsentiert, müsste im Grunde selbstverständlich sein. Leider, das ist die Kehrseite des medialen Hypes rund um den Profifußball, interessiert das offenbar zunehmend niemanden. Bereits am dritten Spieltag wird das Wort „Krise“ bemüht.  Man schaue derzeit nach Stuttgart, Schalke, Berlin oder eben Hamburg.

Gelegentlich gewinnt man den Eindruck, als erschöpfe sich der traditionelle Sportjournalismus in den ewig gleichen Ritualen. Man betrachte nur einmal die höchst oberflächlichen Fragen, die den Trainern gewöhnlich auf den PKs  gestellt werden. Tatsächliche Sachkunde, ein tieferes Verständnis der Materie, sucht man in der Regel vergeblich in den Fragen. Stattdessen werden mehr oder minder sinnlose Statistiken bemüht, nach des Trainers Einschätzung zur Frisur seines Spielers X gefragt, oder man fragt eben, ob Trainer Y meint, dass er am kommenden Samstag noch immer auf der Bank seines Vereins sitzen wird.

Slomka und die sportliche Leitung des HSV haben sich unter dem Eindruck einer einmal mehr miserablen Leistung der alten Formation zu einem radikalen Neuanfang mit neuen Spielern entschlossen. Nun bleibt nichts, als dieser neu formierten Mannschaft ein Mindestmaß an Zeit zu gewähren, damit sich die Spieler tatsächlich auch als Mannschaft finden können. Wer glaubt, dies sei allein durch das gemeinsame Training gewährleistet, der verkennt den Unterschied zwischen Training und Wettkampfsituation. Realistisch erscheint mir die Annahme, dass dieser Prozess mehrere Wochen wenn nicht gar bis zur Winterpause benötigt, bevor man tatsächlich einigermaßen verlässliche Aussagen über das Leistungsvermögen des neu gestalteten Kaders treffen kann. Mich interessiert daher ab sofort weniger, was an den ersten beiden Spieltagen geschehen ist. Noch weniger interessiert mich die saisonübergreifende Statistik, mit der die üblichen Medien „vorrechnen“, wie viele Spiele der HSV nun  schon ohne Sieg geblieben ist. Was für mich zählt, ist seit gestern die Entwicklung der kommenden Wochen und Monate.

Bedauerlicherweise wird man die beiden kommenden Gegner, Bayern und M’Gladbach, als klar favorisiert im Vergleich mit dem HSV sehen müssen. Zwei weitere Niederlagen sind also leicht vorstellbar. Für mich besteht aber zu diesem frühen Zeitpunkt in der Saison kein Anlass zu Pessimismus oder gar Aktionismus. Man schaue bspw. Richtung SC Freiburg. Dort sah man in der letzten Saison lange wie ein sicherer Absteiger aus, widerstand jedoch allem Krisen-Gerede und jeglicher medial befeuerten Trainer-Diskussion. Warum? Nicht zu letzt, weil man in Freiburg zum Glück realistisch blieb. Am Ende landeten die Freiburger bekanntlich auf einem Platz, den auch der HSV in dieser Saison anstrebt, nämlich im Mittelfeld fernab jeder Abstiegsgefahr.

Natürlich ist Slomka wie jeder andere Trainer auch an Erfolgen zu messen. Schließlich ist er es, der die Mannschaft trainiert und aufstellt. Gleichwohl ist die Arbeit eines Trainers nur ein Teil dessen, was den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage, zwischen Erfolg und Misserfolg ausmacht. Pfosten, Latte oder Tor – dazwischen liegen mitunter Zentimeter. Diese Zentimeter lassen sich m.E. nur schwer als Beleg für gute oder weniger gute Arbeit eines Trainers heranziehen. Am Ende sind sie jedoch Teil medial verbreiteter „Statistiken“, die vermeintlich belegen, was der Konsument ohnehin bereits zu wissen glaubte: Trainer X erreicht seine Mannschaft nicht mehr. Dabei, das dürfte inzwischen hinlänglich belegt sein, führt die Mehrzahl aller Trainerwechsel keineswegs zu einer Leistungsverbesserung:

Der niederländische Ökonom Bas ter Weel fand heraus, dass die Leistung des typischen Vereins dramatisch abnimmt, bis sie in der Woche vor der Trainerentlassung nur noch 50 Prozent des Potenzials erreicht. Ab dem vierten Spiel unter dem neuen Trainer liegt die Leistung im Schnitt aber dann wieder bei 95 Prozent, die Fans sind zufrieden, im Vorstand klopft man sich auf die Schulter. Neue Besen kehren anscheinend gut. Doch auch diese schöne Theorie wird leider von der Realität umgegrätscht. Mit der Zeit pendeln sich die Leistungen wieder am Mittelwert ein: ter Weel verglich die Daten der Clubs, die ihren Trainer entließen, mit denen, die ähnlich schlecht spielten, den Trainer aber nicht auf die Straße setzten. Interessanterweise erholten sich die Leistungen dieser Kontrollgruppe auch ohne Trainerwechsel – mindestens genauso stark wie die der Vereine, die den Coach feuerten. Die Ergebnisse korrigieren sich nach einer Zeit von selbst, weil verletzte Spieler wieder spielen, Schüsse nicht mehr am Pfosten landen, das Glück zurückkehrt. Statistisch gesagt: Es gibt eine Regression zur Mitte. Die Entlassung eines Trainers ist kein Allheilmittel, sondern eine teure Illusion. (Chris Anderson im Zeit-Magazin : http://www.zeit.de/zeit-magazin/2014/35/fussball-fragen-spieler-antworten/seite-2)

Oft genug scheint mir nur das Prinzip Hoffnung zu regieren, wenn eine öffentliche Trainer-Diskussion beginnt. Dass Fans so reagieren, verstehe ich durchaus. Eine sportliche Leitung aber, die darf sich in ihren Entscheidungen nicht von Emotionen treiben lassen, egal wie nachvollziehbar sie auch erscheinen mögen.

Natürlich, bisher ist wenig zu sehen von einer neuen Spielidee unter Slomka. Bisher aber musste er auch weitestgehend mit unverändertem Personal spielen lassen. Das war, das sei mit Nachdruck in Erinnerung gerufen, mehr oder minder der Kader, an dem vor ihm bereits Fink und van Marwijk gescheitert sind. Alle Behauptungen, mit einem Thomas Tuchel etwa würde zwingend alles besser beim HSV, fußen, bei allem Respekt vor Tuchel, überwiegend auf dem Prinzip Hoffnung. Diejenigen, die z.B. Tuchel jetzt zunehmend vehement fordern, sind übrigens oft genug identisch mit denjenigen, die vor Monaten ganz sicher zu wissen glaubten, dass Magath ein Erfolgsgarant sei. Wer es mit den Fakten statt dem Glauben hält, der schaue hingegen mal, wenn er/sie es nicht ohnehin weiß,  wo sich Fulham FC derzeit befindet…

Neue Spieler bilden nicht sofort eine neue, funktionierende Mannschaft. Ausnahmen bestätigen hier nur die Regel. Das gilt auch für den HSV. Entscheidend bleibt für mich in den nächsten Wochen also, ob Fortschritte im Gesamtprozess erkennbar sind. Ansätze dafür meine ich gesehen zu haben. Stieber hatte einige gute Aktionen, gleiches gilt auch für Holtby. Müller ließ zumindest bei seiner großen Torchance erahnen, wozu er mit etwas mehr Spielpraxis in der Lage ist. Zwischen Cléber und Djourou stimmte unter Druck gelegentlich noch nicht die Abstimmung, aber auch das wird sich sicherlich mit mehr gemeinsamer Spielpraxis verbessern. Für einen ersten Einsatz fand ich Clébers Auftritt jedenfalls durchaus in Ordnung. Green, so schien mir, braucht möglicherweise noch etwas länger, um sich vollständig zu akklimatisieren, aber da könnte ich mich auch irren. Überhaupt ist es m.E. viel zu früh für definitive Einschätzungen. Soweit es mich betrifft, gilt dies auch für die Trainerfrage.

Eins sollte sich jedoch tunlichst nicht wiederholen, und das ist ein vollkommen blutleerer Auftritt wie gegen den SC Paderborn. Aber auch in Sachen Einsatzwillen meine ich gegen Hannover 96 eine andere Mannschaft gesehen zu haben. Auch wenn es aus Fan-Sicht angesichts fortwährender Enttäuschungen inzwischen fast als Zumutung erscheint – Geduld bleibt weiterhin gefragt in Hamburg.