Lahm

Dank engagierter Abwehrleistung ins Halbfinale: Frankreich – Deutschland 0:1 (0:1)

Zuletzt schien es, als ließe sich Bundestrainer Löw von der anhaltenden Diskussion über die Aufstellung seines Teams nicht beirren und hielte unbeirrt an der umstrittenen Nominierung Lahms für das Defensive Mittelfeld fest. Nachdem sich Mustafi im Spiel gegen Algerien verletzt hatte und daher für den Rest des Turniers nicht mehr zur Verfügung steht, nahm diese Diskussion an Heftigkeit zu. Dennoch hatte wohl nicht nur ich erwartet, dass Lahm auch gegen die Franzosen auf der Sechs spielen würde, da Boateng nach der Genesung Hummels als Ersatz für Mustafi auf der rechten defensiven Außenbahn zur Verfügung stand. Offenbar aber hatte Löw für dieses Spiel einen anderen Plan. So fehlte vor Spielbeginn der Name Mertesacker in der Startelf, dessen Planstelle von eben jenem Boateng besetzt wurde. Daraus folgte dann endgültig die Rückkehr – zumindest für diese Partie – zu der mehrheitlich in den Medien favorisierten Aufstellung mit Lahm als Rechtsverteidiger und der Besetzung der Doppelsechs durch Schweinsteiger und Khedira. Löw schickte seine Mannschaft also in der folgenden Aufstellung auf das Feld: Neuer – Lahm, Boateng, Hummels, Höwedes – Schweinsteiger, Khedira, Müller, Kroos (90+2. Kramer),  Özil (83. Götze) – Klose (69. Schürrle)

Ich glaube, dass Löw mit der Neuformierung seiner Abwehrkette keineswegs dem öffentlichen Druck nachgegeben hat, sondern dass es sich hier um eine Anpassung an die quirligen, schnellen Angreifer der Franzosen handelte. Mertesacker besticht durch sein Kopfball- und Stellungsspiel. In der Spieleröffnung wählt er oft den einfachen, risikolosen Pass, wirkt aber in direkten Laufduellen gegen bewegliche Angreifer gelegentlich überfordert. Durch Boateng und vor allem Lahm wurde die Abwehrreihe sowohl läuferisch als auch in Sachen Beweglichkeit für diesen speziellen Gegner m.E. optimiert.

Spielverlauf:  Nach längerer Zeit  begann die Deutsche Nationalmannschaft also wieder eine Begegnung in der (früher) gewohnten Rollenverteilung, also mit Lahm als Rechtsverteidiger, dem Duo Schweinsteiger/Khedira auf der Doppel-Sechs und Klose als Sturmspitze in einem klaren 4-2-3-1. Bei  eigenem Ballbesitz verschob man erneut in Richtung gegnerische Hälfte, jedoch blieben beide Innenverteidiger in Erwartung von Kontern der Franzosen ein klein wenig defensiver positioniert.

Der Trainer der Franzosen, Deschamps, schickte seine Elf zunächst in einem 4-3-3 auf das Feld. Das Spiel Frankreichs erinnerte mich bei Ballbesitz an das der Deutschen in ihrem Achtelfinale gegen Algerien. Beide Außenverteidiger verschoben sich offensiv in Richtung Mittelfeld, wenngleich sie einen Tick defensiver agierten, als es Mustafi und Höwedes  gegen Algerien getan hatten. Aus dem Mittelfeld ließ sich immer wieder Cabaye zwischen die beiden Innenverteidiger fallen, um das eigene Spiel aufzubauen.

Beide Mannschaften begannen die Begegnung eher verhalten und waren in ihren Aktionen zunächst vor allem auf Sicherheit bedacht.

In der 12. Minute wurde Kroos in der Spielhälfte der Franzosen im linken Halbfeld gefoult. Den fälligen Freistoß flankte der Gefoulte selbst mit Schnitt zum Tor in den Strafraum des Gegners. Hummels konnte sich seinen Gegenspieler erfolgreich vom Leib halten und verwandelte diese Vorlage per Kopf rechts oben unter die Latte zur frühen 0:1-Führung für Deutschland.

Mit der Führung im Rücken überließ die Deutsche Elf dem Gegner meist ungestört den eigenen Spielaufbau. Wenn im vorderen Drittel ein ballführender,  französischer Abwehrspieler angelaufen wurde, dann nicht mit letzter Konsequenz, sondern nur um das Aufbauspiel des Gegners zu lenken. Tatsächlich presste man die Franzosen erst im Mittelfeld. Hier verengten sich oft die Räume, da beide Mannschaften die Abstände zwischen ihren Ketten eng hielten. So sah man des Öfteren alle Feldspieler, Franzosen wie Deutsche, in einem Korridor von 15 Metern links und rechts der Mittellinie.

Schnell wurde das Konzept der Franzosen deutlich. Sie versuchten mit langen, oft diagonalen Bällen in den Rücken der Deutschen Abwehr zu kommen und Benzema in Schussposition zu bringen.  Eine Aktion sei hier  beispielhaft dargestellt: In der 33. Minute spielte Linksaußen Griezmann im Strafraum der Deutschen auf den Rechtsaußen Valbuena, doch dessen Abschluss konnte Neuer mit Mühe parieren. Den Nachschuss von Benzema aus vier-fünf Metern konnte Hummels (nach der Partie zum Man of the Match gewählt) in höchster Not über das Tor blocken.

Bei eigenem Ballbesitz lief das Spiel der deutschen Nationalmannschaft meist über die rechte Seite. Man merkte, dass hier mit Lahm und Müller ein im Verein eingespieltes und vielfach bewährtes Gespann agierte. Lahm fand im Vergleich mit der Deutschen Doppelsechs am schnellsten ins Spiel und wirkte vor allem zu Beginn der Partie auf mich wie der eigentliche Motor der deutschen Angriffsbemühungen, während Schweinsteiger und Khedira einige Zeit benötigten, um in die Begegnung zu finden.

Das Spiel der Franzosen wirkte auf mich gelegentlich etwas zu vorhersehbar. Immer wieder war es Cabaye, der mit langen Bällen versuchte, die eigenen Angreifer in Szene zu setzen. Dennoch verpasste es die deutsche Defensivreihe gelegentlich, sich in Erwartung des langen Balles der Franzosen rechtzeitig  von ihrem jeweiligen Gegenspieler zu lösen und nach hinten abzusetzen (um nicht Gefahr zu laufen, überlaufen zu werden). Aber, und dies ist die andere Seite der Medaille, läuferisch war diese Formation wohl das beste, was Löw derzeit zur Verfügung steht (wenn man sich auf gelernte Innenverteidiger beschränkt). Daher gelang es der Deutschen Abwehr dennoch meist, die Franzosen entscheidend zu stören und am Torschuss zu hindern.

Spielerisch wirkte die Deutsche Elf im Vergleich zum Algerien-Spiel verbessert, was vor allem daran gelegen haben dürfte, dass sich die Franzosen keineswegs hinten reinstellten und sich nicht allein aufs Kontern beschränkten. Dadurch ergaben sich für die Löw-Truppe schlicht mehr und größere Räume. Letztlich fehlte jedoch die letzte Genauigkeit und Konsequenz beim letzten oder vorletzten Pass.

Nach dem Seitenwechsel verstärkten die Franzosen ihre Angriffsbemühungen. Es häuften sich die brenzligen Situationen in und rund um den deutschen Strafraum. Dennoch hatte ich kaum je das Gefühl, dass die Franzosen ein Tor schießen könnten. Die nur aus Innenverteidigern bestehende Abwehrkette schloss wie von Löw erwartet das Zentrum, sodass die Franzosen meist aus eher ungünstigen Winkeln zum Schuss kamen. Der Einsatzwillen stimmte, und aus einer guten Formation ragten Lahm und Hummels heraus, die beide eine großartige Leistung zeigten.

In der 69. Minute wechselte Löw zum ersten Mal und brachte Edeljoker Schürrle für Klose, der defensiv viel gelaufen war, aber offensiv kaum in Erscheinung treten konnte.

Deschamps reagierte auf den Spielstand und die fortschreitende Spielzeit und verstärkte seinerseits die Offensive seiner Elf. In der 73. Minute kam mit Remy (für Cabaye) ein weiterer Angreifer. Einige Male schienen die Franzosen nun doch dicht vor dem Ausgleichstreffer zu stehen, doch letztlich überstand die Deutsche Abwehr diese Drangphase des Gegners (50.- 80. Spielminute) mit Glück und Geschick.

Ich hätte mir gewünscht, dass Löw spätestens ab der 75. Minute zu seiner für dieses Turnier favorisierten Formation zurückgekehrt wäre, also Lahm zurück in das Zentrum beordert hätte. Vor allem der vor dem Turnier lange verletzte Khedira schien mir mit dem Kräften merklich am Ende zu sein. Als Beleg mag eine Szene in eben jener Spielminute dienen: Khedira lief tief aus der eigenen Hälfte starten einen längeren Sprint mit Ball, wurde jedoch eingeholt und ließ sich dann, offenbar auf einen Freistoß spekulierend, kurz hinter der Mittellinie fallen (den Freistoß gab Pitana hier zurecht nicht, denn da war gar nichts – außer Khediras offensichtliche Erschöpfung).

Je mehr sich die reguläre Spielzeit dem Ende zuneigte, desto mehr waren die Franzosen nun gezwungen, ihre Abwehr zu entblößen, um doch noch den Ausgleichstreffer zu erzielen. In der 82. Minute lief der eher unauffällig spielende Özil bei einem Konter der Deutschen Elf auf dem linken Flügel auf und davon. Leider trat Müller nach dem feinen Rückpass Özils (von der Grundlinie diagonal durch den Strafraum der Franzosen) am Ball völlig vorbei. Dieser kam jedoch zum ebenfalls mitgelaufenen Schürrle. Schürrle wollte den Ball aus halbrechter Position gegen die Laufrichtung des Torhüters, Lloris, ins lange Eck schieben, traf aber ebenfalls den Ball nicht sauber, sodass der Torwart der Franzosen den Schuss mit den Beinen parieren konnte. Das hätte das 0:2 sein müssen.

Überhaupt möchte ich an dieser Stelle einmal eine Lanze für Özil brechen. Sicher hat er schon deutlich bessere Spiele abgeliefert als bei diesem Turnier. Schaut man sich jedoch u.a. seine Pass-Quote an, so verstehe ich absolut, warum der Bundestrainer an ihm festhält. Ich empfehle in diesem Zusammenhang die Lektüre des Artikels im Blog gegendenball: „http://gegendenball.com/vom-edeltechniker-zum-pruegelknaben-mesut-oezil/“. Spieler wie er (oder Boateng, früher auch Ballack) wirken in ihren Bewegungen mitunter aufreizend lässig, was ihnen m.E. irrtümlich als fehlendes Temperament oder mangelnden Einsatzwillen ausgelegt wird. Hier sollte man auch aufpassen, dass man sich als Zuschauer nicht von den TV-Kommentatoren beeinflussen lässt (Vergleiche hierzu: http://www.handelsblatt.com/sport/wm2014/anstoss-die-wm-kolumne-alltaegliche-stigmatisierung/10137194-2.html). Halten wir  bei aller angemessenen Kritik fest: Hätten Müller oder Schürrle diese Vorlage von Özil genutzt, so hätte Özil einen weiteren Assist auf seinem Konto.

In der 83. Spielminute ersetzte Götze Özil, was mich verwunderte. Denn es bestand ja mindestens theoretisch die Möglichkeit, dass sich die Franzosen dank eines späten Treffers noch in die Verlängerung retten würden. Insofern wäre Khedira schon allein aus konditionellen Gründen mein Favorit für eine Auswechselung gewesen. Löw aber, das ist jedenfalls meine Erklärung für seine Wechselstrategie, hoffte wohl über die beiden frischen Leute (Götze und Schürrle) das Spiel endgültig zugunsten Deutschlands entscheiden zu können. Tatsächlich hatte erneut Schürrle in der 88. Minute die Chance zum 0:2, aber dieses Mal schloss er überhastet ab und traf lediglich einen französischen Abwehrspieler.

Mit seinem letzten Wechsel (92., Kramer für Kroos) versuchte Löw m.E. hauptsächlich, Zeit von der Uhr zu nehmen. In der Nachspielzeit (90+3.)  zog der sehr auffällige Benzema aus halbrechter Position ab, aber Neuer konnte den Ball dank eines tollen Reflexes mit einer Hand entschärfen. Es blieb daher beim knappen, aber keineswegs unverdienten Sieg der Deutschen Nationalmannschaft.

Schiedsrichter: Nestor Pitana (Argentinien) leitete die Partie ordentlich, aber mit mehrfach falscher Bewertung von Abseitsstellungen. Versagte Deutschland in der 24. Minute zu Recht einen Elfmeter, den man aber gemessen am „Robben-Elfmeter“ bei dieser WM hätte geben können.

Fazit: Die Deutsche Mannschaft erreicht dank einer starken Teamleistung vor allem in der Defensive das Halbfinale der WM. Herzlichen Glückwunsch!

Bei den Franzosen gefiel mir besonders Benzema. Frankreich hat nach einer desaströsen Phase wieder eine starke und vor allem geschlossene Mannschaft, mit der bei den kommenden Turnieren vermehrt zu rechnen sein wird.

Im anderen Spiel des Tages, dem des Gastgebers Brasilien gegen Kolumbien, setzte sich Brasilien mit 2:1 durch. Die Deutsche Elf trifft also im Halbfinale auf den Gastgeber. Dieser geht aber mit dem Handicap in das Spiel, dass ihr Superstar, Neymar (Bruch eines Lendenwirbels. Gute Besserung!), ausfallen wird. Zudem muss die Seleçao auf ihren Kapitän, Thiago Silva (gelbgesperrt) verzichten. Für mich geht daher das Deutsche Team trotz Heimvorteil der Brasilianer als leichter Favorit in das kommende Spiel.

Großartig fand ich, wie Mertesacker seine Nichtberücksichtigung kommentiert hat. Dieser Teamgeist ist nicht nur als vorbildlich zu loben, sondern er erscheint auch als unverzichtbar, will die Deutsche Mannschaft ihr selbstgestecktes Ziel, den Titel, erreichen.

Werbeanzeigen

Nach einer taktisch reifen Leistung im Achtelfinale: USA – Deutschland 0:1 (0:0)

Ich gebe zu, ich bin nicht gerade davon begeistert, dass Jogi Löw in den bisherigen Spielen eine defensive Viererkette mit gleich vier gelernten Innenverteidigern aufgeboten hat. Es entspricht einfach nicht meiner Vorstellung vom modernen Fußball. Ich respektiere die Entscheidung Löws, zumal ihm der bisherige Erfolg recht zu geben scheint, aber mir ist es grundsätzlich lieber, wenn eine Mannschaft mit gelernten (auch offensiv starken) Außenverteidigern antritt. Löw argumentierte, dass die umfunktionierten Innenverteidiger aufgrund ihrer Stammposition im Verein eher darauf achten würden, dass das Zentrum geschlossen bleibt. Dieser Gedanke ist zweifellos nachvollziehbar, jedoch bin ich der Meinung, dass hier zugunsten des geschlossenen Zentrums offensives Potenzial geopfert wird. Ich aber sehe gerne offensiven Fußball, auch wenn ich mich an einer taktisch disziplinierten Defensive durchaus erfreuen kann. Allerdings weiß ich aus eigener Erfahrung, dass Turniere kaum Fehler verzeihen, sofern man am Ende erfolgreich sein möchte. Und mir ist natürlich bewusst, dass nicht ich sondern Löw den Kopf hinhalten muss, wenn die Mannschaft nicht die Erwartungen erfüllt. Insofern gilt in diesem Zusammenang für mich: Verständnis ja, Begeisterung nein.

Eher schon kann ich mich mit der s.g. Falschen Neun anfreunden, zumal wenn sie so hervorragend interpretiert wird, wie dies Müller im ersten Gruppenspiel gegen Portugal gelang. Aber auch hier ist es so, dass mir ein klassischer Stürmer lieber wäre. Allerdings nicht jeder. Ein Kießling, gewiss ein überdurchschnittlich treffsicherer, überdurchschnittlicher Stürmer, ist m.E. zurecht nicht nominiert worden. Dies ist in meinen Augen auch keine Kritik an seiner generellen Qualität, sondern eine Entscheidung für eine bestimmte Spielphilosophie, in die er nicht hineinpasst. Kießling ist schnell und unbestreitbar abschlussstark. Qualitäten, die ihn für ein Konterspiel Leverkusener Prägung prädestinieren. Die Nationalmannschaft (unter Löw) spielt jedoch einen anderen Fußball. Der ist m.E. näher am Ballbesitzfußball van Gaals (zu Bayern-Zeiten) oder an dem Fußball Guardiolas orientiert, in welchem polyvalente Spieler tendenziell jede Position je nach Erfordernis (aufgrund der Spielsituation) bespielen müssen, was in der Konsequenz mindestens die Aufweichung fester Rollenzuteilungen zur Folge hat. In beiden Philosophien aber braucht man pass- und spielstarke „Stürmer“. Und genau hier liegen die Vorzüge des von Löw nominierten Offensivpersonals und die Nachteile z.B. eines Kießlings. Dennoch wäre mir ein klarer Stürmer lieber, schrieb ich. Und damit meine ich einen wie Klose. Leider, und darin liegt bei dieser WM die Krux, ist der gute Miroslav inzwischen bekanntlich nicht mehr der Jüngste. Daher reicht es wohl einfach nicht für volle neunzig Minuten (mehrfach hintereinander). Aber wäre Klose noch jünger, er wäre bei mir fast gesetzt. Denn er ist ball- und passsicher und ausgesprochen mannschaftsdienlich. Und dennoch besitzt er die klassischen Stürmertugenden: Er hat das Näschen für die Torgefahr, ist nervenstark im Abschluss, kann mit dem Rücken zum Tor den Ball behaupten und ist zudem kopfballstark, also jederzeit ein ernstzunehmender Abnehmer für hohe Bälle von außen. Womit sich der Kreis zu meiner oben angesprochenen Vorliebe für gelernte Außenverteidiger in gewisser Weise schließt. Zudem ist gerade bei dieser WM zu beobachten, dass viele Tore aus Standards erzielt werden. Was mich wiederum schlussfolgern lässt, dass hohe Bälle (und damit die Verwerter derselben) auch im modernen Fußball weiterhin von Bedeutung sind (und bleiben).

Löw steht in meinen Augen bei dieser WM vor der Herausforderung, dass der Fußball, den er wohl grundsätzlich favorisiert, schon aufgrund der klimatischen Bedingungen zu kräfteraubend erscheint, will man ihn über mehrere Partien in relativ kurzer Zeit (wie bei einem Turnier üblich) zeigen. Dazu gesellen sich die Tatsache, dass die reguläre Saison für die Spitzenspieler außerordentlich lang und kräfteraubend ist und der Umstand, dass die Deutsche Elf bereits mit einigen angeschlagenen, bzw. nicht völlig ausgeruhten (Lahm) und topfitten Spielern (Khedira, Schweinsteiger) anreiste, was ein Job-Sharing vor allem im Defensiven Mittelfeld nahelegt.

Sei es, wie es sei – Löw wählte gegen die kampfstarken USA die folgende Aufstellung: Neuer – Boateng, Mertesacker, Hummels, Höwedes –  Lahm, Schweinsteiger (76. Götze), Kroos, Özil (89. Schürrle), Podolski (46. Klose) – Müller

Spielverlauf: die Deutsche Elf kam gut in das Spiel. Das lag auch daran, dass sich die von Jürgen Klinsmann gecoachten USA zunächst auf die Defensive und hier auf das Blockieren möglicher Passwege für Deutschland beschränkten. Nominell in einem 4-2-3-1 agierend, waren die Nordamerikaner erkennbar um Kompaktheit bemüht und wollten ganz offensichtlich über Konter (Neu-Fußballdeutsch: schnelles Umschaltspiel) ihrerseits zu einem Torerfolg kommen. Mit anderen  Worten: sie überließen über weite Strecken der erste Spielhälfte der deutschen Nationalmannschaft einen Großteil des Feldes und die alleinige Spielgestaltung.

Die deutsche Abwehr stand demzufolge meist sehr hoch (fast an der Mittellinie). Sehr schnell wurde eins augenfällig: Während der auch offensiv sehr aktive rechte Außenverteidiger Deutschlands, Boateng, sich immer wieder in das eigene Angriffsspiel einzuschalten versuchte, beschränkte sich sein Pendant auf der linken defensiven Seite, Höwedes, fast ausschließlich auf seine defensiven Aufgaben. Resultat war eine deutliche Asymmetrie bei den deutschen Angriffsbemühungen über die Flügel. Während gerade zu Beginn fast jeder Spielzug eine scharfe Hereingabe Boatengs in den Strafraum der USA beinhaltete (die meist denkbar knapp vom zentral vor dem gegnerischen Tor  lauernden Müller verpasst wurde), kam Podolski über die linke Seite nur selten zum Zuge, was z.T. aber auch an der mangelnden Unterstützung u.a. durch Höwedes gelegen haben könnte.

Auffällig im deutschen Spiel der ersten Hälfte war für mich Schweinsteiger, der immer wieder intelligente Pässe oder Laufwege zeigte. Auch Özil zeigte sich, meist auf dem von ihm eher ungeliebten rechten Flügel agierend, in aufsteigender Form. Boateng war offensiv sehr aktiv, wirkte jedoch bei der Wahrnehmung seiner defensiven Aufgaben gelegentlich nicht ganz konzentriert. Zudem fehlte seinen langen Bälle mehrfach die nötige Präzision.

Die deutsche Elf erspielte sich zwar die eindeutige Feldüberlegenheit und ein kleines  Chancenplus (wenn man die wirklich klaren Torchancen betrachtet), jedoch fehlte die ganz, ganz große Torgefahr. Löw reagierte früh und entschied sich, den  fast wirkungslosen Podolski auszuwechseln. Für ihn kam der einzige klassische Stürmer des Kaders (s.o.), Klose. Dieser übernahm nun die Position der vordersten Spitze, während sich Müller in die offensive Dreierkette dahinter einreihte. Da das Personal der Dreierkette fortan munter auf den Positionen rochierte, wirkte die Abwehr der Amerikaner nun deutlich unsicherer.

In der 55. Spielminute war es dann soweit. Nach einer von der deutschen Elf kurz ausgeführten Ecke von rechts flankte der ansonsten unauffällige Kroos an den Fünfmeterraum. Mertesackers Kopfball konnte Howard im Tor der US-Boys gerade nach parieren, aber er ließ den Ball nach vorne prallen. Müller kam aus halblinker Position an der Strafraumgrenze zum Nachschuss und schlenzte den Ball überlegt ins lange Eck. Der erhoffte Führungstreffer aus deutscher Sicht.

In der Folge verflachte das Spiel deutlich. Die deutsche Elf dominierte das Spiel, beschränkte sich jedoch mit zunehmender Spieldauer auf die Verwaltung der Führung. Die USA blieben trotz mehrfacher Personalwechsel Klinsmanns im Grunde harmlos. Angesichts des Zwischenstandes in der parallel stattfindenden Partie Portugal-Ghana (Endstand 2:1) muss man Verständnis dafür haben, dass die deutsche Mannschaft mit dem Führungstreffer im Rücken offensiv nicht mehr höheres Risiko eingehen wollte. Safety first schien da die verständliche Devise. Dennoch ist zu bemängeln, dass eine Vielzahl an im Ansatz vielversprechenden Möglichkeiten durch schlecht getimte Flanken oder ungenaue Pässe verschenkt wurden. Dies mag aber auch zu einem Teil dem durch den Dauerregen glitschigen Rasen geschuldet gewesen sein.

Die beste Torchance für die USA ergab sich, und das ist bezeichnend für den Spielverlauf, in der Nachspielzeit. In der  93. Minute konnte Kapitän Lahm den Torschuss der Amerikaner nach einem Konter über ihre rechte Angriffsseite gerade noch blocken. Er rettete damit seiner Mannschaft endgültig den Sieg und krönte seine eigene, dieses Mal wieder tadellose Leistung.

Schiedsrichter: Ravshan Irmatov (Usbekistan). Bevorzugte m.E. gelegentlich die deutsche Elf, ohne damit jedoch spielentscheidend einzugreifen.

Fazit: Ich bin mir nicht sicher, ob Klinsmann seiner Mannnschaft mit der eher passiven, defensiven Ausrichtung wirklich einen Gefallen getan hat. Immerhin aber, das muss man ja auch anerkennen, hat auch seine Mannschaft die Vorrunde nun erfolgreich überstanden.

Erneut zeigt sich, dass Löw über eine Vielzahl an Alternativen verfügt. Schweinsteiger (statt Khedira) ordnete zusammen mit Lahm das Spiel und hatte einige hübsche Ideen. Es zeigte sich auch wieder, dass sich u.a. durch Klose das Angriffsspiel entscheidend variieren lässt, auch wenn er selbst dieses Mal leer ausging.
Auch wenn Höwedes defensiv seine Aufgabe durchaus ordentlich gelöst hat, so würde ich mir mindestens auf dieser Position mehr Mut zum Risiko, mehr Engagement nach vorn wünschen. Spielerisch mag die Mannschaft in der zweiten Hälfte einiges schuldig geblieben sein. Aus taktischer Sicht hat sie jedoch durchaus clever agiert. Die Verwaltung von Minimalvorsprüngen ist ja normalerweise eine der Stärken, die man nicht den deutschen sondern den italienischen Mannschaften nachsagt. So gesehen war das eine reife Leistung  der  deutschen Elf.

Die deutsche Mannschaft beendet also die Vorrunde als Gruppensieger und hat das Achtelfinale erreicht. Glückwunsch! Beide wahrscheinlichen Gegner dort, Russland oder Algerien, erscheinen nach den bisherigen Eindrücken als durchaus lösbare Aufgaben.