Mancienne

Ein schmeichelhaftes Unentschieden: HSV – SpVgg Greuther Fürth 0:0 (0:0)

So ist das zur Zeit. Nach einer sorgenvollen, unruhigen Nacht schreibe ich meinen Spielbericht und stelle nur die Hälfte online. Die andere Hälfte verschwindet ungewollt und ungespeichert im virtuellen Nirwana. Es kommt derzeit alles zusammen. Also auf ein Neues!

HSV-Trainer Slomka musste kurzfristig die Mannschaft umbauen, da Adler nach dem Aufwärmen über Rückenschmerzen klagte. Für ihn kam Drobny zum Einsatz. Wohl dem, der so eine 1b-Lösung auf der Bank weiß. Überraschender und möglicherweise schon ein Fingerzeig für die Zukunft beim HSV war die Tatsache, dass Westermann ebenfalls auf der Bank Platz nehmen musste, weil Slomka auf Djourou vertraute. Er schickte also folgende Aufstellung zu Beginn auf das Feld:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Jiracek – Rincon (90. Westermann), Tesche (60. Jansen), Badelj, Calhanoglu – van der Vaart – Lasogga

Die Partie begann verhalten und ohne große Höhepunkte, da beide Mannschaften zunächst darauf bedacht schienen, defensiv stabil zu stehen. Die Partei glich zu Beginn mehr einem wechselseitigen Abtasten beider Mannschaften, die sich weitestgehend neutralisierten. So dauerte es bis zur 26. Minute, als der sehr agile  Fürther Angreifer, Ilir Azemi, sich mit einem schönen Trick durch den Strafraum der Hamburger spielte. Zum Glück für die Gastgeber kam er dabei am Ende etwas aus dem Tritt und traf den Ball nicht mehr absolut sauber. Drobny stand im kurzen Eck, Azemi schien ihn “tunneln” zu wollen, aber Hamburgs Torhüter bekam schnell genug die Beine zusammen und konnte diesen Schuss aus sieben Metern abwehren.

Insgesamt wirkten das Spiel der von Frank Kramer trainierten Gäste taktisch reifer, flüssiger, zielstrebiger, konsequenter und vor allem selbstbewusster. Der HSV spielte vergleichsweise altmodisch. Der Dreischritt, Ballannahme, schauen, passen, wurde regelmäßig zum Vierschritt erweitert: Ball annehmen, auf den richtigen Fuß legen, schauen, passen. Oder es wurde mit dem Ball gelaufen, weil man keine Anspielstation fand. So verwundert es nicht, dass auf diese Weise wertvolle Sekunden(–bruchteile) vergeudet wurden, die es den überaus lauffreudigen Gästen erlaubten, evtl. vorhandene Lücken im eigenen Defensivverbund rechtzeitig zu schließen. Es dauerte daher bis zur 44. Minute, bis Calhanoglu nach einer Einzelaktion aus 18 Metern auf das Tor der Gäste schoss. Aber dieser Ball verfehlte klar rechts das vom Ex-HSVer Hesl gehütete Gehäuse der Gäste. Mehr Chancen des Erstligisten? Fehlanzeige. Traurig, aber wahr.

In der 45. Minute kam erneut Azemi aus neun Metern rechts im Strafraum der Hamburger zum Schuss, aber wieder hatte der HSV Glück. Der Winkel war derart spitz, dass Drobny erneut parieren konnte.

Mein Zwischenfazit zur Halbzeitpause: Der HSV begann zu schwimmen, sobald die Fürther schnell, direkt und flüssig spielten. Greuther Fürth wirkte auf mich wie der tatsächliche Erstligist. Der HSV seinerseits war stets bemüht…

In der zweiten Spielhälfte gehörte die erste Torchance ebenfalls den Gästen. Nach einem Eckstoß von ihrer rechten Angriffsseite kam Azemi(?) aus fünf Metern zum Kopfball, konnte den Ball aber nicht entscheidend drücken. So segelte auch dieser Versuch folgenlos für den HSV über die Querlatte.

Nach einer halben Stunde hatte Slomka genug gesehen und nahm den dieses Mal blassen Tesche zugunsten Jansens aus dem Spiel (60.). Jansen spielte nun links offensiv vor Jiracek.  Calhanoglu rückte von außen in die Zentrale und bemühte sich im Wechselspiel mit van der Vaart, das eigene Spiel anzukurbeln. Der HSV kam nun etwas besser ins Spiel. Nur fünf Minuten später erreichte Lasogga eine Flanke vom linken Flügel, doch sein Kopfball aus sieben Metern in Richtung langes Eck fehlte der Druck, sodass Hesl den Ball sogar fangen konnte.

Zwei Minuten später erschien es für einen Moment, als hätte der HSV das bis dahin aus seiner Sicht enttäuschend verlaufene Spiel erfolgreich gedreht, denn Lasogga hatte den Ball nach einer Freistoßflanke ins Netz befördert. Leider stand der  Schütze klar im Abseits. Dem vermeintlichen Führungstreffer  wurde daher vom Schiedsrichtergespann völlig zurecht die Anerkennung verweigert. Es blieb also beim Unentschieden.

In der 74. Minute flankte Fürth von linken Flügel aus 32 Metern vor das Hamburger Tor, aber der sehr auffällige Azemi beförderte den  Ball aus fünf Metern über das Hamburger Gehäuse. Nur zwei Minuten später war es erneut Azemi, der eine weitere scharfe Hereingabe vom linken Fürther Flügel um wenige Zentimeter verpasste (76.).

In der Schlussphase wurde es dann turbulent: In der 85. Spielminute rutschte einem Verteidiger der Franken im eigenen Strafraum eine Flanke Jiraceks von der linken Hamburger Angriffsseite über den Kopf. Lasogga stand goldrichtig am rechten Eck des Fünfmeterraumes, nahm den Ball volley, traf ihn aber nicht perfekt. So konnte Hesl die bis dato erste klar herausgespielte Tormöglichkeit des HSVs letztlich parieren.

In der letzten Minute der regulären Spielzeit entschloss sich Slomka zu seiner zweiten und letzten Auswechselung. Es kam Westermann für Rincon. Dahinter stand wohl der Gedanke, über den hochgewachsenen und kopfballstarken Westermann hinten wenigstens das Unentschieden zu sichern, bzw. evtl. bei einer eigenen Standardsituation doch noch zum Siegtreffer zu kommen. Fürths Trainer Kramer hat in der Schlussphase übrigens dreimal gewechselt. Dass Slomka auf seinen letzten Wechsel verzichtete, weil er ihm offenbar nicht mehr sinnvoll erschien, spricht Bände über den derzeitigen HSV-Kader.

In der zweiten Minute der Nachspielzeit (90+2.) flankte Diekmeier auf Höhe der Grundlinie vom rechten Flügel. Hesl unterlief zwar die Flanke, aber ein Fürther Abwehrspieler konnte den Ball gerade noch vor dem einschussbereiten Jansen am langen Pfosten klären. Eine Minute später stand van der Vaart am linken Eck des Fünfmeterraumes der Gäste nach Zuspiel  Calhanoglus frei, traf aber den Ball so schlecht, dass der aufmerksame Hesl erneut mühellos parieren konnte (90+3.).

Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin) leitete die Partie souverän und ohne größere Fehler.

Fazit: Zu loben ist zunächst das Publikum des HSVs. Es unterstützte seine Mannschaft lautstark während der gesamten Spielzeit. Aus Sicht der Hamburger muss das Unentschieden durchaus als glücklich bezeichnet werden. Die am gestrigen Tag eindeutig bessere Mannschaft kam für mich aus Fürth. Die Gäste zeigten schnörkellosen, modernen, variablen Fußball. Der HSV wirkte im unmittelbaren Vergleich höchstens in Ansätzen konkurrenzfähig. Wenn Lasogga nach dem Spiel davon sprach, die Gäste hätten sich ja nur hinten hineingestellt, um auf Konter zu spielen, dann verkennt er vollkommen die Realität. Fürth hat sehr wohl situationsabhängig auch Offensivpressing gespielt, rückte aber während der gesamten Spieldauer konsequent geschlossen nach hinten, wenn man den Ball nicht schnell genug zurückgewann.

Dem HSV fehlte mit zunehmender Spielzeit erneut die Kompaktheit. Praktisch allen eigenen langen, vertikalen Bälle fehlte die Genauigkeit. Entweder wurde sie irgendwo ins Nirgendwo gespielt, oder sie konnten mühellos durch die Defensive der Spielvereinigung abgefangen werden. Fürth konnte drei frische Leute im Laufe des Spiels einsetzen, der HSV nicht, jedenfalls aus Sicht des Trainers nicht sinnvoll. Die bekannt lauffreudigen Gäste wirkten auch deswegen zum Ende der Partie eindeutig frischer, während der eine oder andere HSV-Spieler stehend k.o. wirkte. Vergleicht man beide Mannschaften mit einem Vierzylinder-Auto, so wirkte allein der HSV so, als liefe sein Motor nur auf drei „Töpfen“. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass vor der nun kommenden, für die Klassenzugehörigkeit entscheidenden Partie die Vorteile eher auf Seiten des Zweitligisten liegen. Dessen Spieler zeigten sich auch nach der Partie entspannt und mit  der eigenen Leistung zufrieden, während beim HSV einmal mehr das Prinzip Hoffnung zu regieren scheint.

Der HSV wirkte über weite Strecken gelähmt von der eigenen Angst, Fehler zu begehen. Auch wenn man sein Heimspiel nicht gewinnen konnte, so ist immerhin positiv, dass man das torlose Remis über die Zeit brachte. Angesichts der Auswärtstor-Regelung könnte daher jedes Unentschieden mit einem oder mehreren Treffern  auf fremden Platz zum Klassenverbleib bereits reichen. Das ist zwar mathematisch ein Vorteil, aber wie schon Rummenigge wusste: Fußball ist bekanntlich keine Mathematik.

Das Momentum liegt aus meiner Sicht eindeutig auf Seiten der Fürther. Diese haben nicht zuletzt sich selbst mit einem couragierten Auftritt bewiesen, dass sie sich mindestens auf Augenhöhe mit dem namhaften Rivalen befinden. Mit dieser Überzeugung und dem mehrheitlich eigenen Publikum im Rücken wird der HSV eine gewaltige Leistungssteigerung benötigen, möchte man sich auch nach der Partie noch zu den Erstligisten zählen dürfen. Wer es bis jetzt immer noch nicht einsehen wollte – es ist, egal wie das Spiel am Sonntag auch ausgehen mag, die Notwendigkeit zu tiefgreifenden Veränderungen beim HSV mehr als evident. Die Mannschaft wird, neben einer taktisch außerordentlich disziplinierten Leistung und einem souveränen Torhüter (Bravo, Drobny!) auch eine gehörige Portion Glück brauchen, um die Klasse halten zu können. In diesem Sinne – der Worte sind genug gewechselt.

Verhaltene Freude und gedämpfter Optimismus: 1. FSV Mainz 05 – Hamburger SV 3:2 (1:1)

Wöchentlich grüßt das Murmeltier. Der HSV spielt, der HSV verliert und profitiert am Ende dennoch, weil die Mitkonkurrenten ebenfalls verlieren. Selten habe ich nach einer Niederlage der Hamburger in derart viele entspannte Gesichter seiner Anhänger geschaut. Dafür dürfte es zwei Gründe gegeben haben:

1.) war zu diesem Zeitpunkt längst bekannt, dass der HSV die Relegationsspiele erreicht hatte,
2.) hat die Mannschaft über weite Strecken eine wirklich gute Leistung geboten.

Wäre jedoch einem der Konkurrenten aus Nürnberg oder Braunschweig ein Sieg gelungen, hätten sie den HSV doch noch vom vorerst rettenden 16. Platz verdrängen können, der Katzenjammer wäre nach dieser Leistung der Hamburger zurecht groß gewesen. Doch der Reihe nach.

HSV-Trainer Slomka vertraute in Mainz der folgenden Aufstellung:
Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jiracek – Rincon, Tesche (74. Arslan), Badelj, Calhanoglu – van der Vaart (83. Jansen)  – Lasogga (67. Ilicevic)

Diese Formation war im Grunde logisch und zu erwarten, dürfte sie doch zum jetzigen Zeitpunkt mit zum Besten gehören, was der HSV überhaupt aufbieten kann. Jiracek für Jansen, Westermann anstelle von Djourou – das sind Fragen, die man unter anderem unter dem Gesichtspunkt der Fitnesszustände betrachten kann. Wie überaus wichtig Lasogga für die Mannschaft der Hamburger ist, muss man nicht näher ausführen. Mit ihm gewinnt die Mannschaft, das zeigte sich gestern erneut, sofort eine ganz andere Qualität. Hinter dem für alle und jeden Offensichtlichen möchte ich aber erneut auf einen Spieler hinweisen, mit dem in Hamburg eigentlich niemand mehr gerechnet hat. Die Rede ist von Robert Tesche.

Tesche wurde einst auf Betreiben des damaligen Trainers, Bruno Labbadia, verpflichtet. Und im Grunde, daran dürfte Tesche ein gerütteltes Maß an Mitschuld tragen, hat kaum jemand verstanden, warum. Oft, viel zu oft klaffte bei ihm eine riesige Lücke zwischen teils überragenden Trainingsleistungen und, zumindest daran gemessen, enttäuschenden Darbietungen in den folgenden Spielen. Derzeit aber, das muss man nach der gestrigen Partie unterstreichen, darf sich der HSV glücklich schätzen, einen Tesche zu haben. Arslan oder Tesche – beide verfügen unbestreitbar über großes Talent. Der entscheidende Unterschied derzeit (sic!) ist für mich jedoch: Tesche spielt wie ein gestandener Bundesligaspieler, Arslan wie ein Talent.

Spielbericht: Hatte ich vor der Partie mit grundsätzlich offensiven Mainzern und einem HSV gerechnet, der vor allem um defensive Stabilität bemüht sein würde, so schien mindestens die erste Spielhälfte das Gegenteil zu belegen. Der HSV legte los wie die sprichwörtliche Feuerwehr. Vom Anpfiff an wurde gerannt, gekämpft, und es wurden Torchancen erspielt. So verpasste der einschussbereite Rincon noch innerhalb der ersten Spielminute eine Flanke von Calhanoglu, weil der aufmerksame Mainzer Torwart, Karius, gerade noch die Hand dazwischen bekam. Überhaupt muss ich Rincon loben. Eigentlich kein Außenbahnspieler, weder offensiv noch defensiv, stellt er sich seit Wochen in den Dienst der Mannschaft und erledigt die ihm gestellte Aufgabe meist zuverlässig. Was ihn schon immer auszeichnete, sein unbändiger Kampfeswille, war auch gestern zu sehen. Er rannte vor allem in der ersten Halbzeit, als ginge es um sein Leben und schloss viele, viele Lücken. Einfach großartig. Auch ein Grund, warum die Mainzer zunächst kaum ins Spiel fanden. Der HSV knüpfte nahtlos an die über weite Strecken taktisch gute Leistung in der Vorwoche gegen die übermächtigen Bayern an. Man stand kompakt, die Abstände stimmten, und der ganzen Mannnschaft war anzumerken, dass sie tatsächlich begriffen hat, was die Stunde geschlagen hat.

Der HSV wäre nicht der HSV, jedenfalls nicht in dieser Saison, wenn er nicht immer mal wieder einen riesigen „Bock“ schießt. Es ist unfassbar! Da spielt mindestens in der ersten Halbzeit nur eine Mannschaft, nämlich die des Hamburger Sportvereins, und wer  geht in Führung? Der Gegner. Es segelte eine harmlose Flanke in den Hamburger Strafraum und Westermann, immerhin zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft gehörend, will innerhalb des eigenen Fünfmeterraums, d.h. in unmittelbarer Nähe zum eigenen Tor!, den Ball mit der Brust zu Adler legen. Der Mainzer Soto ließ sich nicht lange bitten, spritzte dazwischen und hatte keine Mühe, den Ball im Hamburger Gehäuse unterzubringen. Das 1:0 (7.). Adler, Westermann, Jansen – dass der HSV in dieser Saison gegen den Abstieg spielt, ist auch darauf zurückzuführen, dass auch den namhaftesten Leistungsträgern regelmäßig schwere Patzer unterlaufen.

Zum Glück für den HSV verfügt er (noch) über Pierre-Michel Lasogga. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie der HSV in der nächsten Saison ohne ihn auskommen soll. Denn dass der Mann vom HSV nicht zu halten ist, davon muss man leider ausgehen. Aber noch spielt er ja für Hamburg. Der HSV ließ sich durch den Rückstand nicht beirren. Man stand weiter kompakt, antizipierte oder erkämpfte eine Vielzahl an Bällen, erzeugte oft Überzahl in Ballnähe und zeigte durchaus sehenswerte Spielzüge. Lasogga beschäftigte oft mehr als einen Mainzer,  ließ dennoch meist geschickt Bälle zum eigenen Mann prallen und sorgte so mit dafür, dass die Mittelfeldspieler, angetrieben vom überaus spielfreudigen van der Vaart, Raum und Zeit fanden, um geplante Spielzüge aufzuziehen. So wurden auch beide Außenverteidiger, Jiracek und Diekmeier, immer wieder ins eigene Spiel miteinbezogen, bzw. fanden den Weg an die gegnerische Grundlinie, um von dort Flanken in den Strafraum der Gastgeber zu schlagen. Einer dieser Spielzüge endete bei van der Vaart, der aus halblinker Position und etwas außerhalb des Mainzer Sechzehners stehend abzog. Der ansonsten gute Karius ließ den Ball nach vorne prallen. Lassoga bedankte sich und staubte  mit dem Kopf ab. Der bereits zu diesem Zeitpunkt hochverdiente Ausgleich zum 1:1 (12.).

Fortan spielte in der ersten Halbzeit nur noch der HSV. Von Mainz war offensiv praktisch nichts mehr zu sehen. Und damit komme ich zu meiner Bemerkung zurück, dass es schien, als habe mich die Hamburger Mannschaft Lügen strafen wollen. Denn tatsächlich waren die Hamburger sehr wohl, dass belegt das kompakte Mannschaftsverhalten, um defensive Stabilität bemüht. Die Vielzahl an Tormöglichkeiten, die man vor allem in der ersten Spielhälfte herausspielen konnte,  waren logische Folge eben dieser defensiven Kompaktheit. Ich schrieb es hier vor Wochen: wer defensiv kompakt bleibt, egal ob man das Spiel geschlossen nach vorne oder nach hinten verlagert, der verdichtet nicht nur die Räume für den Gegner, sondern der hat die kürzeren Wege zum Ball, die besseren Möglichkeiten, in Ballnähe eigene personelle Überzahl zu erzeugen, und damit auch die besseren Chancen, das Spielgerät zu erobern. Wer dann auch noch zusätzlich die Zuspielversuche des Gegners gut antizipiert, erwischt diesen oft in seiner Vorwärtsbewegung und damit eben auch in defensiver Unordnung. Die letztendliche Folge all dessen sind dann Möglichkeiten zum eigenen Torerfolg. Defensivspiel, das gilt heute mehr denn je, beginnt vorne. Hinter der ballorientierten aggressiven Spielweise des BvBs etwa liegt auch ein defensiver Grundgedanke: wer den Ball schnell zurückerobert, der verhindert eben nicht nur, dass der Gegner zu eigenen Chancen kommt, sondern der schafft sich gleichzeitig seine eigenen Möglichkeiten.

In der 22. Minute stand Tesche völlig frei, etwa 9 bis 10 Meter vor dem Mainzer Gehäuse.  Leider konnte er den den Flankenball nicht ausreichend mit der Stirn drücken. So setzte er den Kopfball leider knapp über das Tor. Nur zwei Minuten später hätte van der Vaart von der rechten Hamburger Angriffsseite mit seinem bekannt starken linken Fuß um ein Haar einen Eckstoß direkt ins Mainzer Tor gezirkelt. Leider stand am langen Pfosten ein Mainzer und konnte den Ball auf der Linie klären (24.). Nur eine Minute später warf Diekmeier einen langen Einwurf in den Strafraum der Mainzer. Tesche leitete den Ball per Kopf weiter zu van der Vaart, aber dessen Kopfball konnte Karius letztlich mühelos halten (25.). Wieder nur zwei Minuten später zirkelte erneut van der Vaart einen Freistoß mit Schnitt in Richtung Tor der Mainzer, aber wieder war es Karius, der in höchster Not vor dem  am langen Pfosten einschussbereiten Mancienne klären konnte (27.). In der 32. Minute flankte dann Jiracek von der linken Außenbahn. Lasogga kam aus ca. 6 Metern zum Kopfball, konnte aber ebenfalls den Ball nicht drücken und setzte ihn über das Tor. Auch die letzte nennenswerte Szene der ersten Halbzeit gehörte dem HSV: Tesche passte scharf von der rechten Seite in den Mainzer Strafraum, wo erneut Lasogga den Ball am langen Pfosten denkbar knapp verpasste (38.).

Wenn bei einem derartigen Spiel beim Spielstand von 1:1 nach dreißig Minuten bereits Gesänge der HSV-Fans angestimmt werden („Niemals zweite Liga! Niemals, niemals!“), dann zum einen, weil man die Spielstände der Konkurrenten kannte, zum anderen, weil wirklich für jeden Zuschauer erkennbar war, dass die gesamte Mannschaft der Hamburger ohne jeden Abstrich „wollte“. Ich jedenfalls war zur Halbzeit hochzufrieden, machte mir aber Sorgen, ob die Kräfte reichen würden. Denn man kennt das ja: eine Mannschaft macht das Spiel, vergibt Chance um Chance und am Ende triumphiert der Gegner. Und so kann man der Mannnschaft des HSVs nur einen Vorwurf machen: sie hätte zur Pause mindestens mit einem, wenn nicht gar mit zwei Toren führen müssen.

Zu Beginn der zweiten Hälfte kamen zunächst die Mainzer wie ausgewechselt aus der Kabine. Kurz nach Wiederanpfiff zeigten sie ihren bis dahin schönsten Spielzug. Zum Glück für den HSV setzten sie den Abschluss aus ca. 20 Metern knapp neben das Hamburger Tor (47.). Kurz darauf zog der Mainzer Geis aus 22 Metern ab, aber Adler konnte den Ball über die Querlatte pfausten (49.). Nicht nur in dieser Drangperiode der Mainzer fand ich Mancienne sehr stark. Obwohl nicht sonderlich groß gewachsen, ist er defensiv im Kopfball kaum zu schlagen. Zudem antizipiert er oft sehr gut die gegnerischen Zuspiele und ist so meist einen Schritt früher als der jeweilige Stürmer am Ball. Dass man ihn (auch), wie geschehen, beim HSV vom Hof jagen wollte (oder will?) ist mir unverständlich.

Nach einer Viertelstunde bekam der HSV die Partie zunächst wieder in den Griff. So kam dieses Mal Calhanoglu völlig frei aus 6 Metern zum Kopfball. Hakan machte im Grunde fast alles richtig, denn er setzte den Kopfball erkennbar entgegengesetzt zur Laufrichtung des Torwartes. Leider verfehlte auch dieser Kopfball knapp das Tor (61.).

In der 65. Spielminute drehte sich der Südkoreaner Koo an der linken Seitenauslinie (aus Mainzer Sicht) um Rincon herum und konnte diesem enteilen. Hier mag eine Rolle gespielt haben, dass Rincon unbedingt eine gelbe Karte vermeiden wollte (oder sollte!), da er ansonsten für die Relegationsspiele gesperrt gewesen wäre. Jedenfalls passte Koo mustergültig zurück an die Strafraumgrenze der Hamburger, wo der starke Mainzer Malli frei stand. Dieser hatte keine Mühe, Adler zu überwinden. Sein Flachschuss rauschte neben dem kurzen Pfosten ins Hamburger Gehäuse zur Führung für die Gastgeber. Das 2:1.

Zwei Minuten später nahm Slomka Lasogga vom Feld, der ja bekanntermaßen wochenlang verletzt gewesen ist, und brachte Ilicevic. Man hatte also nun annäherend die Formation auf dem Feld, die gegen die Bayern gespielt hatte. Auf Hamburger Seite nahm jedoch die mannschaftliche Geschlossenheit nun zunehmend ab. Das mag zum einen an dem unglaublichen kämpferischen und läuferischen Aufwand gelegen haben, den die Mannschaft vor allem in der ersten Halbzeit betrieben hat, und der nun seinen Tribut forderte. Zum anderen spielte die Mannschaft zu viele ungenaue lange Bälle, die postwendend von den Mainzern abgefangen werden konnten. In Folge dessen eröffneten sich die bekannten Löcher zu den Offensivspielern, die bei nachlassenden Kräften nicht mehr schnell genug zurückkamen. Eine Minute später konnte Westermann in höchster Not den Torschuss eines Mainzers am Hamburger Fünfmeterraum gerade noch verhindern, indem er diesen am Rande des Erlaubten aus dem Tritt brachte (68.).

Das Spiel verlief nun eine Weile ohne weitere Höhepunkte. Der HSV war zunächst nicht mehr in der Lage, kontrollierte, planvolle Angriffszüge zu spielen. Zumal nun die Mainzer mit der eigenen Führung im Rücken kaum Räume für ein schnelles, vertikales Konterspiel des HSVs  über den eingewechselten Ilicevic anboten. Wer genau aufgepasst hat, der konnte erkennen, dass sich der für Tesche eingewechselte Arslan in einer Situation erneut wieder zu spät vom Ball getrennt hat. In der 83. Minute, auch das Folge des sich auflösenden Hamburger Mannschaftsverbundes, konnte Okazaki vom rechten Flügel ungestört mit Tempo auf die Hamburger Defensive zulaufen. Der Japaner hatte dabei den Vorteil, dass er agierte, während Mancienne nur (auf ihn) reagieren konnte. Gegen einen technisch starken Angreifer sieht fast jeder Verteidiger der Welt in solchen Situationen schlecht aus. Jiracek kam zu spät und so konnte der Mainzer Stürmer auch noch Adler ausgucken. Er lupfte den Ball an Adler vorbei zum vorentscheidenden 3:1 ins Netz der Gäste (82.).

Der Schlusspunkt der Partie, der allerdings nur noch für die Statistik von Belang ist, war dem HSV vorbehalten. Jiracek flankte von links außen. Ilicevic sprang der Ball an den Arm, was aber für das Schiedsrichtergespann aufgrund der Gesamtsituation kaum zu erkennen gewesen sein dürfte. Der Ball fiel jedenfalls vor Ivos Füße. Und so hatte er keine Mühe, ihn aus 6 Metern neben dem rechten Pfosten im Tor unterzubringen. Das 3:2.

Schiedsrichter: Kinhöfer leitete die Partie im Großen und Ganzen sicher. Grenzwertig war Westermanns Zweikampfverhalten im eigenen Strafraum (68.). Klar irregulär, jedoch aufgrund der Positionierung des Gespanns und der Spieler schwer zu erkennen, war der Anschlusstreffer der Hamburger.

Fazit: Die Mainzer freuten sich über den Einzug in  das internationale Geschäft (Glückwunsch!), müssen sich jedoch wohl um einen neuen Trainer kümmern, da Tuchel seinen Vertrag (bis 2015) in Mainz nicht mehr erfüllen möchte. Insofern dürfte dort die Freude getrübt sein. Der HSV verliert erneut, bleibt aber auf dem zunächst rettenden Platz 16, was allein schon für Erleichterung in Hamburg sorgt, auch wenn die ursprünglichen Zielsetzungen mehr als deutlich verfehlt wurden. Klassenziel war zuletzt nur noch die Vermeidung des Abstiegs. Wer während des Jahres zu oft ungenügende Leistungen bringt, der wird normalerweise nicht versetzt. Jämmerliche 27 Punkte als Saisonausbeute hätten normalerweise zwingend zum direkten Abstieg des Hamburger Sportvereins aus der ersten Liga führen müssen. Aber zum Glück für den HSV, anders kann man es in dieser Saison nicht bewerten, waren zwei Mannschaften noch schlechter als die Hamburger.
Unverständlich bleibt mir, dass eine Profimannschaft der Bundesliga erst unmittelbar kurz vor dem endgültigen Toreschluss zu begreifen scheint, dass man auf dem Spielfeld jederzeit als Mannschaft agieren muss. Dazu gehört, dass jeder einzelne Spieler, gerade wenn kein dominanter Taktgeber im Mittelfeld vorhanden ist, fortwährend die Abstände überprüft und ggf. zur kollektiven Ordnung beiträgt.
HSV-Trainer Slomka ist nicht zu beneiden. Ohne den Wandstürmer Lasogga fehlt es, jedenfalls wenn man nicht kontern kann, vorne an Durchschlagskraft. Dazu gesellen sich unverändert regelmäßig schwerste Aussetzer der Spieler, die der Mannschaft eigentlich ein stabiles Gerüst verleihen müssten. Geradezu grotesk wirkt, dass mit Mancienne (und zuvor Rajkovic) und Tesche ausgerechnet Spieler den Karren mit aus dem Dreck ziehen sollen, mit denen man als Verein zuvor auf beschämende Weise umgesprungen ist.
Im Hinblick auf die nun folgenden Relegationsspiele weckt vor allem die Rückkehr von Lasogga Hoffnungen. Aber die letzten beiden Spiele der Hamburger haben auch gezeigt, dass nicht nur die Moral der Mannschaft absolut intakt erscheint, sondern dass sie grundsätzlich endlich auch um die absolut unverzichtbare Kompaktheit bemüht ist. Während ich diese Zeilen schreibe, steht der Gegner noch nicht fest. Eins scheint mir aber sicher: Bringt die Mannschaft in beiden Spielen nicht eine ähnliche Leistung wie zuletzt, so könnte es sowohl gegen Fürth als auch gegen Paderborn doch noch ein böses Erwachen geben. Schützenhilfe durch die Konkurrenz gibt es ab sofort bekanntlich nicht mehr.
Es überwiegt also auch bei mir nach dieser Niederlage verhaltene Freude, dass der direkte Abstieg vermieden werden konnte, auch wenn die krassen individuellen Fehler, mit denen man sich regelmäßig um den Lohn bringt, ein stetes Ärgernis bleiben. Und ich sehe den beiden kommenden Endspielen mit gedämpftem Optimismus entgegen. Der HSV muss nicht, der HSV darf dank äußerst günstiger Umstände nachsitzen. Es liegt allein an ihm, ob er diese letzte Chance nutzen kann.

Nachtrag: Der 1. FC Köln und der SC Paderborn 07 steigen in die Erste Bundesliga auf. Herzlichen Glückwunsch! Gegner des Hamburger Sportvereins in der Relegation ist somit die SpVgg Greuther Fürth.