Wolf

Der HSV gewinnt das 101. Derby gegen den SV Werder Bremen mit 2:0 (0:0)

Vor dem Spiel war klar, dass für den Verlierer des Spiels unruhige Zeiten anbrechen. Dies galt insbesondere für den HSV, der  um Stabilität ringt. Angesichts der unverändert prekären finanziellen Lage des Clubs erscheint das schrittweise Heranführen von Talenten, wie es durch Zinnbauer erfolgt, weitestgehend als alternativlos. Wer aber auf Talente setzt, setzen muss, die aus der viertklassigen Regionalliga kommen, der muss Geduld haben. Gleichzeitig, auch das bleibt wahr, muss der Abstieg aus der Bundesliga möglichst vermieden werden. Die zweite Liga würde die ohnehin angespannten Finanzen des Clubs um einen weiteren zweistelligen Millionenbetrag belasten. Die nächsten ein einhalb Jahre werden aus Hamburger Sicht sportlich und finanziell vermutlich ein Tanz auf der Rasierklinge. Aus diesem Grund plädiere ich hier immer wieder für Vertrauen und Geduld. Aber beides gibt es natürlich nicht zum Nulltarif. Schon gar nicht für einen Trainer, der erst dabei ist, sich in der Bundesliga zu etablieren. So gesehen war das ewig junge Nordduell eine realistische Gelegenheit, um Erfolgserlebnisse zu sammeln. Zugleich aber, dies ergibt sich aus einer realistischen Einordnung der sportlichen Leistungsfähigkeit der Hamburger Mannschaft, steigt der Druck auf alle Beteiligten vor eben diesen Partien gegen derartige Gegner.

Zinnbauer vertraute vor dieser ungemein wichtigen Partie der folgenden Aufstellung: Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami- N. Müller (81. Götz), van der Vaart (86. T. Arslan), Holtby (67. Rudnevs), Gouaida – Lasogga

Das Spiel: Was das taktische Konzept angeht, so knüpfte der HSV an das Spiel gegen den VfL Wolfsburg an. Bei eigenem Ballbesitz schoben beide Hamburger Außenverteidiger nach vorn, während Behrami zwischen die weit auseinander stehenden Innenverteidiger abkippte, um aus dieser tiefen Position das eigene Spiel kontrolliert aufzubauen. Van der Vaart ließ sich regelmäßig auf die dadurch frei gewordene Sechser-Position fallen, um idealerweise dort als nächste Anspielstation und Bindeglied zur eigenen Offensive zu fungieren, was, um dies vorweg zu nehmen, nicht immer von ihm überzeugend umgesetzt wurde.

Da Jansen verletzt ausfiel (und weder Stieber noch Ilicevic im Kader waren), konnte das Debüt des jungen Mohamed Gouaida in der Startelf nicht grundsätzlich überraschen. Zinnbauer hatte ja bereits zu seinem Amtsantritt als Cheftrainer der Profis angekündigt, dass es unter seiner Leitung eine verbesserte Durchlässigkeit von der U23 zur Profimannschaft geben würde. Aus taktischer Sicht gab es hier eine interessante Neuerung zu beobachten, denn Gouaida spielte, obwohl Linksfuß und „gelernter“ Linksaußen, überwiegend auf der rechten offensiven Außenbahn. Auf der gegenüberliegenden, linken offensiven Außenbahn spielte dann mit Nicolai Müller der eigentliche Rechtsaußen. Mit anderen Worten: Zinnbauer verzichtete erstmals auf zwei klassische Außenbahnspieler und ließ stattdessen überwiegend mit zwei inversen, „falschen“ Flügelspielern spielen. Das erinnerte entfernt an die großen Bayern, wo ja mit Ribery und Robben ebenfalls zwei Spieler auf den Außenbahnen agieren, die meist auf Höhe des Strafraums nach innen ziehen, um von dort mit ihrem starken Fuß zum Abschluss zu kommen. Und ähnlich wie Ribery und Robben tauschten auch Müller und Gouaida mehrfach die Seiten, sodass sie zeitweilig eben doch auch auf dem „richtigen“ Flügel auftauchten.

Die klassische Besetzung der Flügel (rechtsfüßiger Rechtsaußen, linksfüßiger Linksaußen) hat den grundsätzlichen Vorteil, dass beide Außen öfter bis zur Grundlinie laufen, um von dort Flanken zu schlagen oder Pässe in den Rücken der gegnerischen Abwehr zu spielen. Dem Plus an Breite in der Spielanlage steht jedoch ein prinzipieller Nachteil beim Torabschluss durch die Außenbahnspieler gegenüber. Bei der durchgehenden Besetzung beider Außenbahnen durch inverse Flügelspieler werden diese selbst torgefährlicher, es droht jedoch ein Verlust an Breite. Insofern fand ich dieses mehrfach zu beobachtende Wechselspiel zwischen Gouaida und Müller sehr interessant, zumal die Breite durch die weit ins Mittelfeld  aufgerückten Außenverteidiger meist gewährleistet blieb.

Abgesehen von diesen taktischen Überlegungen hat mir Gouaidas Leistung gut gefallen. In der 11. Minute prüfte er Wolf im Tor der Bremer mit einem strammen Schuss, den der Bremer Torhüter jedoch parieren konnte. Auch später wählte er immer wieder intelligente Laufwege, spielte intelligente Pässe und bot sich permanent als Anspielstation an. Knapp 12 km Laufleistung,  36 Sprints, eine Passquote von 76 Prozent und zwei eigene Torschüsse – das ist schon sehr ordentlich. Allerdings muss er nach dieser ansprechenden Leistung nun nachlegen und dauerhaft beweisen, dass er es bei seinen nächsten Einsatzchancen genau so gut oder sogar noch besser kann.

Der HSV begann das Spiel offensiv-dominant, was aber auch durch die passiv-defensive Grundausrichtung der Bremer begünstigt wurde. Nachvollziehbar war für mich, dass Skripnik seine Mannschaft defensiv eingestellt hatte, da es dem HSV inzwischen schon traditionell schwer fällt, aus dem Ballbesitz offensiv tatsächlich gefährliche Situationen zu kreieren. Meines Erachtens agierten die Bremer aber zu passiv. Sobald sie nämlich situativ den Spielaufbau des HSV störten, zeigte sich, dass die Mechanismen beim HSV keineswegs sattelfest wirkten. Es gab diverse Situationen, in denen vor allem van der Vaart zu offensiv dachte und sich eben nicht ins bereits angesprochene Loch im defensiven Mittelfeld fallen ließ. Dadurch wurde der Passweg für Behrami nach vorne zu lang und damit zu riskant. Es folgten dann Querpässe meist zwischen Behrami und Westermann, die am Ende zu langen, hohen Bällen von Drobny führten. Dies langen, hohen  Bälle, ich schrieb es bereits mehrfach, sind für jeden Gegner leicht zu verteidigen. In dieser Anzahl gespielt, sind sie für mich ein Indiz für mangelnde spielerische Lösungen. Dass sich van der Vaart situativ  (zu) weit nach vorne orientiert, mag der Tatsache geschuldet sein, dass er sich an seine neue Rolle noch gewöhnen muss. Ich bleibe aber im Bezug auf diese taktische Variante skeptisch, auch wenn ich Verbesserungen für denkbar halte. Lieber würde ich hier einen Rollentausch zwischen dem derzeit offensiver agierenden Holtby und van der Vaart sehen. Zwar ist van der Vaart im Mittelfeld stärker ins Spiel einbezogen, jedoch fehlen der Mannschaft genau die Schnittstellenpässe im letzten Spielfelddrittel, die zu seinen ausgewiesenen Stärken gehören. Seine Standards fand ich zudem im direkten Vergleich mit dem Bremer Schützen Junuzovic erneut eher schwach. Ich bleibe dabei: van der Vaart, so sympathisch er mir persönlich auch ist, gehört für mich beim HSV zu den Auslaufmodellen, bei denen ich keine Perspektive über diese Saison hinaus erkenne.

Die erste Halbzeit war arm an Höhepunkten. Der HSV erspielte sich ein rein optisches Übergewicht, ohne jedoch spielerisch überzeugen zu können; Bremen spielte zu passiv und konnte im Grunde nur durch die gefährlichen Standards von Junuzovic Akzente setzen. Erneut gelang es dem HSV fast gar nicht, den unermüdlich arbeitenden Lasogga gegen einen tief stehenden Gegner gefährlich in Szene zu setzen. Vorne fehlte van der Vaart. Holtby hatte einen eher gebrauchten Tag erwischt und für beide Außenverteidiger, vor allem für Diekmeier!, gilt, dass die Präzision der Hereingaben unverändert  verbesserungswürdig bleibt.

Der erste Höhepunkt der zweiten Halbzeit war aus meiner Sicht ein kluger Pass von Gouaida in der 52. Minute auf Ostrzolek, dessen gute Flanke der Bremer Garcia gerade noch vor Lasogga zur Ecke klären konnte. Der nachfolgende Eckstoß (van der Vaart…) war einmal mehr leider harmlos.

In der 62. Minute zeigte Schiedsrichter Zwayer van der Vaart nach einem Check mit der Schulter den gelben Karton, was ich für eine harte Entscheidung hielt. Dafür erwies sich der Schiedsrichter jedoch aus Sicht des HSV wenige Minuten später als nachsichtig. Der zurückeilende, bereits in der ersten Halbzeit gelb verwarnte Westermann unterband mit einem weiteren Foul in höchster Not einen Bremer Angriff. Aus meiner Sicht ein klares taktisches Foul, das normalerweise zur zweiten gelben Karte und damit zum Platzverweis führt. Zum Glück für den HSV kam Westermann hier ungeschoren davon. Dies nur an die Adresse derjenigen, die sich als Hamburger notorisch durch die Schiedsrichter benachteiligt sehen.

Zinnbauer brachte in der 67. Minute Rudnevs für den glücklosen Holtby, der nur zwei Minuten später eine (kleinere) Torchance vergab, da er falsch zum Ball stand. Ehrlich gesagt habe ich mich zu diesem Zeitpunkt schon fast auf ein torloses Unentschieden eingestellt, denn Rudnevs ist für mich als reiner Konterstürmer auch aufgrund seiner deutlichen technischen Defizite kein optimaler Partner für Lasogga. Hier wäre ein kleiner, beweglicher, technisch starker Partner m.E. die Ideallösung. Einer wie bspw. der von Gladbach derzeit nach Kaiserslautern ausgeliehene Younes.

Bremen kam nun auch aufgrund diverser Wechsel und Umstellungen besser ins Spiel. In der 79. Minute hatten sie ihre wohl größte Torchance. Zunächst prüfte Garcia mit einem starken Kopfball ins lange Eck den erneut fehlerlosen Drobny, der den Ball gerade noch seitlich neben den Pfosten abklatschen konnte. Der dort positionierte Junuzovic verfehlte mit dem Nachschuss dann denkbar knapp das HSV-Tor.

In der 81. Minute brachte Zinnbauer Götz für Müller ins Spiel. Ein überraschender Tausch, wie ich fand. Aber Zinnbauer kennt natürlich gerade die Spieler aus der U23 besser als ich und weiß, auf welchen Positionen sie (auch noch) einsetzbar sind.  Wenig später warf Götz von der rechten Seite einen Einwurf im Diekmeier-Stil weit in den Bremer Strafraum. Lukimya stand schlecht zum Ball und verlängerte ihn per Kopf unfreiwillig vor das Tor, wo Rudnevs einmal  mehr das zeigte, was man ihm bei aller Kritik nicht absprechen darf: er ist handlungsschnell und hat den „Torriecher“. Rudnevs nutzte die kurze Konfusion in der Bremer Abwehr und schoss den Ball über die Linie zum 1:0 in der 84. Minute. Auch wenn ich die Perspektive des Letten aus den genannten Gründen beim HSV inzwischen sehr kritisch sehe – es gibt wenige Spieler, denen ich mehr Torerfolge gönne als ihm.

Werder musste nun angesichts des Rückstandes und der geringen verbleibenden Restspielzeit Risiko gehen. Damit eröffneten sich zwangsläufig Konterchancen für den HSV. In der 90+2. Minute verpasste Lasogga den entscheidenden zweiten Treffer, als er den mitgelaufenen Götz übersah und stattdessen selbst abschloss. Nur eine Minute später gab es eine kuriose Szene zu bestaunen: Gleich vier Hamburger liefen mit Ball allein auf Bremens Torhüter zu. Diese Mal passte Lasogga mustergültig quer auf den eingewechselten  T. Arslan, der das Kunststück fertig brachte aus zwei Metern (!) und völlig frei vor dem Tor stehend (!) den Ball an den linken Innenpfosten zu befördern. Unglaublich! Der Ball trudelte auf der Torlinie in Richtung des anderen Pfostens. Bremens Torhüter glitt der Ball beim folgenden Rettungsversuch durch die Hände, sodass dieser erst dadurch zum 2:0 hinter die Linie gedrückt wurde. Was für ein Dusel für den HSV, und was für ein peinlicher Torabschluss! Aber Tolgay, das schien mir seine Reaktion zu zeigen, weiß selbst, dass er hier nur um ein Haar an einer legendären Fehlleistung vorbeigeschrammt ist, wie sie, die älteren unter Euch werden sich erinnern, seinerzeit Frank Mill unterlaufen ist. Es bleibt bis auf Weiteres dabei, was auch seine persönliche Statistik nahelegt: Arslans Stärken liegen in der Defensive.

Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin). Das Leverkusen-Spiel ist bei den Schiedsrichtern anscheinend noch lebhaft und in unguter Erinnerung. Angesichts der grundsätzlichen sportlichen Rivalität zwischen beiden Nord-Vereinen und der für beide Clubs heiklen Tabellensituation pfiff Zwayer verständlicherweise eher kleinlich. Hätte den bereits gelb verwarnten Westermann in der 65. Minute nach einem weiteren Foul mit gelb-rot vom Platz schicken können. Der Platzverweis für den Bremer Fritz in der Schlussphase war korrekt.

Fazit: Endlich mal wieder ein Sieg im Duell mit dem Rivalen aus Ost-Delmenhorst. Bei mir überwiegt aber vor allem die Erleichterung, dass der HSV gegen einen Gegner auf Augenhöhe siegen konnte. Zwischen den Zeilen mancher Artikel konnte man schon erste Ansätze lesen, die Zinnbauer als Trainer in Frage stellten.

Das Niveau der Partie  entsprach m.E.  durchaus der Tabellenregion. Wirklich lobenswert aus Sicht des HSV fand ich einmal mehr, dass die Mannschaft unter Zinnbauer erkennbar leistungswillig ist. Man muss zudem berücksichtigen, dass das Spiel der Mannschaft einer „work in progress“ gleicht, da Zinnbauer die gemeinsame Saisonvorbereitung  mit dem Team fehlt. So bleiben bis auf weiteres die schrittweisen taktischen Neuerungen Zinnbauers, die kämpferische Leidenschaft der Truppe und die inzwischen zahlreichen Debütanten das Interessanteste, was der HSV derzeit zu bieten hat. Man könnte das vielleicht mit einem Blick über die Schulter des Chefmechanikers in einem Maschinenraum vergleichen, der im laufenden Betrieb gerade grundlegende Einstellungen vornimmt. Das ist eben mehr harte Arbeit als fußballerische Feinkost. Es bleibt zu hoffen, dass der HSV bis zur Winterpause noch das eine oder andere Erfolgserlebnis sammeln kann. Dann erst können, um im Bild zu bleiben, die Maschinen angehalten und gründlich neu justiert werden.

Aus meiner Sicht muss man von einem vom Glück begünstigten Arbeitssieg sprechen, was die Freude aber nicht schmälern soll. Auch wenn es  für mich spielerisch bis auf Weiteres oft unbefriedigend bleibt – unter Zinnbauer entwickelt sich etwas. Wenn man alle Rahmenbedingungen im Auge behält, dann erscheint mir der eingeschlagene Kurs derzeit unverändert alternativlos. Doch dazu an einem anderen Tag mehr.

Am Ende haben fast alle verloren – Der HSV entlässt Mirko Slomka

Der Hamburger Sportverein hat am gestrigen Abend seinen Trainer, Mirko Slomka, mit sofortiger Wirkung entlassen. Diese Meldung wurde vom Mediendirektor des Vereins, Jörn Wolf, bestätigt.  Angeblich sollen auch die beiden Assistenten Slomkas, Bajramovic und El Maestro, den Dino verlassen.

Aus sportlicher Sicht betrachtet lassen sich durchaus Argumente für diese Entscheidung der Verantwortlichen finden.

Zunächst sind es die nackten Zahlen, die gegen eine Weiterbeschäftigung Slomkas sprachen. Schließlich fällt seine Bilanz mit nur 12 Punkten aus 16 Bundeligaspielen (3 Siege, 3 Unentschieden und 10 Niederlagen entsprechen 0,75 Punkte je Partie) äußerst bescheiden aus. Auch in der letztlich erfolgreich überstandenen Relegation gegen den Zweitligisten Fürth gelang dem Team unter seiner Führung kein Sieg, sodass der Klassenerhalt denkbar knapp und nur dank der Auswärtstor-Regel (0:0. in Hamburg; 1:1 in Fürth) gesichert werden konnte.

40 Punkte, so heißt es, benötige eine Mannschaft, um nicht abzusteigen. Bei 34 Spieltagen einer Saison folgt daraus, dass der Arbeitsplatz jedes Trainers, dessen Mannschaft je Spiel im Durchschnitt nur einen Punkt erreicht, gefährdet ist. Denn 34 Punkte können zwar u.U. zum Klassenerhalt reichen, verfehlen aber bereits deutlich jene als abstiegssicher geltende Zone der Tabelle jenseits der magischen 40-Punkte-Marke. Trainer aber wie Slomka (oder dessen Vorgänger van Marwijk), deren durchschnittliche Punkteausbeute sogar deutlich unterhalb des prinzipiell bereits ungenügenden einen Punktes je Spiel liegt, müssen grundsätzlich jederzeit mit ihrer Freistellung rechnen. So gesehen erscheint die gestrige Entscheidung des HSV zunächst unzweifelhaft richtig.

Zweifel sind in diesem Zusammenhang jedoch angebracht. Denn fraglich muss bereits erscheinen, ob ein anderer Trainer mit demselben Kader (der letzten Saison, die in die Berechnung maßgeblich einfließt) einen besseren Quotienten erreicht hätte. Tatsache ist, dass sich bereits vor Slomka die Trainer Fink (zu Beginn der vergangenen Spielzeit) und van Marwijk ähnlich erfolglos bemühten, den Club zurück in die Erfolgsspur zu führen. Dass hier möglicherweise auch fehlende Qualität des Personals eine ganz gewichtige Rolle gespielt hatte, zu dieser Schlussfolgerung war man offenbar auch in der Chefetage der Hamburger gekommen. Folgerichtig wurde die Zusammenstellung der Mannschaft durch zahlreiche Transfers in der diesjährigen Sommerpause tiefgreifend verändert.

Unbestreitbar dürfte ebenfalls sein, dass es Slomka gelungen ist, jene konditionellen Defizite des Hamburger Personals aufzuarbeiten, die zu den vielen Problemen der letzten Spielzeit zählten, die er nicht zu verantworten, gleichwohl aber auszubaden hatte.

Zu belegen ist ebenfalls, dass Slomka zu Saisonbeginn wichtige Spieler für ein neues Spielkonzept, z.B. Holtby und Nicolai Müller, gar nicht zur Verfügung standen. Holtby wurde bekanntlich erst nach dem zweiten Spieltag mit Ablauf der Transferperiode verpflichtet, Müller kam verletzt nach Hamburg und konnte bis zum Spiel gegen Hannover 96 kaum mit seinen neuen Kollegen trainieren. Wenn  man dann noch andere verletzungsbedingte Ausfälle mit ins Kalkül zieht (Jansen, Ilicevic – schon wieder! – und van der Vaart), erscheint höchst zweifelhaft, ob irgend ein Trainer in der Lage gewesen wäre, gegen Hannover zu punkten.

Ein Trainer ist immer nur so stark, wie der Rückhalt, den er bei seiner Clubführung genießt. Das weiß jeder, der einmal als Trainer in Vereinen gearbeitet hat, und das belegen auch zahlreiche Aussagen etablierter Bundesligatrainer. Slomka muss daher auch zugute gehalten werden, dass seine Autorität bereits vor Wochen (ohne jede Not!) durch ein Interview von Klaus-Michael Kühne im Hamburger Abendblatt in aller Öffentlichkeit untergraben wurde. Da passte es ins Bild, dass sich plötzlich auch  ein einfaches Mitglied des neu gebildeten Aufsichtsrates (Nogly) bemüßigt fühlte, die Trainingsmethoden Slomkas öffentlich in Frage zu stellen. Da muss man sich nicht wundern, wenn das kickende Personal derartige Steilvorlagen nutzt, um ebenfalls medienwirksam angebliche Fehler des Trainers zu lancieren., bzw. ureigenste Interessen zu verfolgen.

Natürlich hat auch Slomka Fehler gemacht. So erscheint, ich habe dies hier schon ausführlich thematisiert, der unvermittelte Torwartwechsel von Adler zu Drobny nicht plausibel. Fragwürdig erscheint auch, dass er durch den kurzfristigen Einsatz von Cléber, der bislang kaum Zeit hatte, sich an Land, Leute und Liga zu gewöhnen, das Risiko in Kauf nahm, die ohnehin wackelige HSV-Defensive ggf. weiter zu destabilisieren. Unverständlich auch, dass Müller, der erst am Freitag vor dem Spiel mit der Mannschaft erstmalig trainieren konnte, von Beginn an auflaufen durfte. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Müller bis zum Schlusspfiff durchhielt. Insgesamt wirkte Slomkas Aufstellung gegen Hannover 96 auf mich wie ein überschießendes, trotziges Statement zu entsprechenden Äußerungen aus der Clubführung: Ihr wollt jetzt die neuen Leute sehen??! – LMAA, hier habt ihr sie! – Aber das ist nur mein subjektiver Eindruck.

Durchaus bemerkenswert ist, dass sich Aufsichtsratschef  und  Kühne-Vertrauter Gernandt nach der Niederlage gegen Hannover öffentlich mit der Aussage zitieren ließ, man werde nun zu 120 Prozent keinen kurzfristigen Trainerwechsel vornehmen. Das scheint mir dreierlei zu zeigen: erstens ist offensichtlich nicht alles verlässlich, was Herr Gernandt äußert; zweitens war dieses Statement offenbar nicht mit Dietmar Beiersdorfer abgesprochen; drittens scheint Gernandt immer noch nicht verstanden zu haben, wie das Geschäft Profifußball funktioniert.

Ebenfalls bemerkenswert: Grundsätzlich mag es als harmlose, zu vernachlässigende Petitesse erscheinen, für die rein praktische Gründe sprechen, aber dass man über den „Kopf“ des Trainers in den Büroräumen von Kühne&Nagel konferiert, wirkt vor dem Hintergrund des bereits angesprochenen Kühne-Interviews zu Slomka und den mindestens wiederholt als unglücklich zu bewertenden öffentlichen Äußerungen Gernandts so, als bewege sich der HSV am Gängelband seines wichtigsten Geldgebers und sei tatsächlich nicht wirklich frei in seinen Entscheidungen. Das mag sachlich nicht richtig sein, jedoch wirkt es so. Allein das ist schon fatal, denn es gießt weiter Wasser auf die Mühlen derjenigen, die exakt diese Gefahr erkannt zu haben glaubten.

Äußerst fragwürdig ist ohnehin der Zeitpunkt der Entscheidung. Wenn man aufgrund der letzten Saison Zweifel an Slomkas Arbeit hatte, dann hätte man diesen bereits zusammen mit Kreuzer entlassen können, um einen unbelasteten Neubeginn zu forcieren. Spätestens aber nach dem ernüchternden Spiel gegen Paderborn aber, auf das die zweiwöchige Länderspielpause folgte, hätte es die Möglichkeit gegeben, einen neuen Trainer zu installieren, der dann auch etwas Zeit zur Umsetzung seiner eigenen Ideen gehabt hätte. Diese hat der jetzt kommende Trainer nun nicht. Im Gegenteil! Der Neue hat das zweifelhafte Vergnügen nun mit einer gleich im mehrfachen Sinne neuen Mannschaft gegen die Bayern und dann gegen M’Gladbach anzutreten…

Die gestrige Entscheidung mag grundsätzlich begründet erscheinen, tatsächlich aber beschädigt sie fast alle:

1). Slomka gilt nach seinem letzten, ebenfalls erfolglosen Jahr in Hannover nun als ein Trainer, der innerhalb weniger Monate auch in Hamburg gescheitert ist;
2.) Die Glaubwürdigkeit des AR-Vorsitzenden Gernandt ist nachhaltig beschädigt;
3.) Beiersdorfer mag durch die Entscheidung demonstriert haben, dass am Ende er (und nicht Gernandt oder Kühne) das Sagen hat, muss sich aber fragen lassen, ob er seinen „Laden“  tatsächlich im Griff hat;
4.) Kühne wirkt zunehmend wie ein Edel-Fan, der sich dank seines Geldes das Privileg erkauft zu haben scheint, „seinem“ Club jederzeit ins operative Geschäft hineinzupfuschen;
5.) Der Charakter derjenigen Spieler im Kader (offenbar sind darunter einige der verbliebenen „Leistungsträger“), die jetzt selbstgerecht den Trainer kritisierten und Interna nach außen durchsteckten, ist nachhaltig in Zweifel zu ziehen.

Einmal mehr verliert jedoch der HSV, der seinen Ruf zementiert, dass seine Trainer auf dem Schleudersessel sitzen.

Man kann den Verantwortlichen jetzt nur ein glückliches Händchen bei der Auswahl des nächsten Trainers wünschen. Schon im eigenen Interesse. Die 86,9 Prozent Zustimmung zur Ausgliederung waren nicht nur ein überwältigender Vertrauensvorschuss, sie definieren zugleich auch eine enorme Fallhöhe…