1. FSV Mainz 05

Hamburg gewinnt gegen enttäuschende Mainzer: HSV – 1. FSV Mainz 05 2:1 (1:0)

Vor dem Spiel gegen den 1. FSV Mainz waren beim HSV die verletzungsbedingten Ausfälle von Behrami und Westermann zu beklagen. Der Schweizer Mittelfeldspieler hat sich bekanntlich binnen kürzester Zeit als Leistungsträger und echte Verstärkung der Mannschaft etabliert; Westermann zeigte zuletzt im Verbund mit Djourou durchweg ansprechende Leistungen als Innenverteidiger. Und so durfte man gespannt sein, wie HSV-Trainer Zinnbauer diese Ausfälle zu kompensieren gedachte.

Dass der junge Ronny Marcos nach seinem gelungenen Debüt in der Bundesliga eine erneute Bewährungschance bekommen würde, damit konnte man angesichts Zinnbauers jüngster Personalpolitik rechnen. Dieses Mal erhielt das Talent den Vorzug vor Ostrzolek und spielte auf der für ihn aus der U23 gewohnten Position des Linksverteidigers. Cleber ersetzte den verletzten Westermann, und Diekmeier kehrte nach seiner Sperre erwartungsgemäß ins Team zurück.

Im defensiven Mittelfeld spielte Jiracek für Behrami, während ganz vorne Lasogga und Rudnevs eine Doppelspitze bildeten.

Auf dem Spielberichtsbogen las sich daher die Aufstellung des HSV wie folgt:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Cléber, Marcos – Jiracek – van der Vaart (83. T. Arslan), N. Müller, Holtby – Lasogga (90+4. Gouaida), Rudnevs (90. Kacar)

Das Spiel: Hatte ich zuletzt Zinnbauers HSV als Wundertüte bezeichnet, so galt dies einmal mehr. Auch wenn manche personelle Änderungen nicht allzu sehr überraschten (Diekmeier für Götz, Cleber für Westermann, Jiracek für Behrami), so hatte sich der Trainer des HSV erneut einige interessante taktische Änderungen ausgedacht. Dieses Mal spielte der HSV nämlich nicht in dem Hybrid-System aus 4-1-4-1/4-2-3-1 der beiden vorangegangenen Partien, sondern überwiegend in einem 4-1-3-2.

Jiracek agierte in der ersten Halbzeit durchweg defensiver als der zentral spielende van der Vaart, der sich meist auf einer Höhe mit Holtby (LM) und Nicolai Müller (RM) aufhielt. Nur in den wenigen Fällen, in denen der HSV sein Spiel flach und kontrolliert aufbauen wollte, kam van der Vaart weit zurück, um sich den Ball aus der Abwehr abzuholen. Interessant fand ich aber, dass dies eher ausnahmsweise zu beobachten war. Meist wurde der Ball durch Drobny lang und hoch nach vorne gespielt, oder beide Außenverteidiger versuchten, durch schnelle vertikale Pässe die Linie entlang Raum zu gewinnen.

Ich habe diesen Mangel an Spielkultur in der Spieleröffnung hier in der Vergangenheit des Öfteren als (zu) leicht zu verteidigen kritisiert. Gegen Mainz schien mir dieses Vorgehen jedoch gewollter Bestandteil der Taktik Zinnbauers zu sein. Man war erkennbar bemüht, permanent Tempo in das Spiel zu bringen und nahm dabei das erhöhte Risiko für Fehlpässe billigend in Kauf. Denn in der vordersten Spitze setzten beide Stürmer, sofern sie nicht unmittelbar an den Ball aus der eigenen Abwehr kamen, sofort die ballführenden Abwehrspieler der Mainzer aggressiv unter Druck. Und durch die relativ höhere Position van der Vaarts (im Vergleich zu den letzten beiden Spielen) konnte man auch im Mittelfeld enormen Pressingdruck erzeugen. Im Ergebnis gewann der HSV mit zunehmender Spieldauer der ersten Halbzeit die entscheidenden Zweikämpfe. Zugleich erschwerte man den Mainzer Gästen den eigenen kontrollierten Spielaufbau, blockierte ihnen den direkten Weg durch die Spielfeldmitte und kam selbst zu den deutlich besseren Torchancen.

Besonders bei Marcos fiel mir auf, dass er häufig sofort den langen, vertikalen Ball die Linie entlang zu spielen versuchte. Einige Male gelang hier ein Zuspiel auf den gewohnt fleißig agierenden Rudnevs, der dann von der linken Außenbahn nach innen passen konnte (z.B. in der 41. Minute auf Müller).

Diekmeier konnte sich im Gegensatz zu Marcos einige Male durch eigene Vorstöße offensiv in Szene setzen. Beide Außenverteidiger suchten jedoch oft den riskanten Vertikalpass. Wie bereits erwähnt, unterstelle ich hier eine Anweisung Zinnbauers. Am Ende der Partie hatten beide jedenfalls eine bemerkenswert niedrige Pass-Quote von 41 (Diekmeier), bzw. 42 Prozent (Marcos).

Cléber überzeugt als Ersatz für Westermann

In der 32. Minute bekam der HSV einen Eckstoß von der rechten Seite zugesprochen. Der nach vorne geeilte Cléber kam dank einer akrobatischen Einlage mit dem Fuß an die Flanke. Müllers folgender Schussversuch wurde vom Mainzer Noveski zunächst geblockt. In der dann kurzzeitig bestehenden Konfusion im Strafraum schaltete Cléber am schnellsten und vollstreckte aus 13 Metern zum 1:0 für den HSV. Cléber wollte diesen Treffer unbedingt, das sah man. Er lieferte für mich ohnehin eine tadellose Leistung ab, was mich für ihn besonders freut. Das Tor wird ihm auch bei seiner weiteren Integration gut tun.

Die Führung für den HSV war zur Pause verdient, denn die Mainzer Mannschaft war bis dahin einfach fast alles schuldig geblieben und hatte nicht eine eigene, klare Torchance herausgespielt.

Auch in der zweiten Halbzeit war der HSV zunächst die aktivere Mannschaft. Immer wieder gelangen den Hamburgern Balleroberungen, weil sie oft erfolgreich personelle Überzahl in Ballnähe erreichten und aggressiv die Zweikämpfe bestritten.

In der 49. Minute traf Rudnevs nach guter Flanke von Diekmeier den Ball nicht sauber, sodass dieser weit das Tor verfehlte. Zwei Minuten später wurde der Lette auf der linken Außenbahn frei gespielt, benötigte jedoch leider etwas zu viel Zeit bei der Ballmitnahme. Seiner nachfolgenden Flanke auf Lasogga fehlte es zudem etwas an Genauigkeit. Auch wenn Rudnevs wieder einmal enorm fleißig war – es ist schade, dass er sich und die Mannschaft regelmäßig durch seine unbestreitbaren technischen Schwächen um noch größeren Lohn für seinen vorbildlichen Einsatz bringt.

In der 53. Minute wollte der Mainzer Noveski mit dem Kopf einen Flankenball des HSV klären, berührte dabei den Ball jedoch auch mit dem linken Arm. Da der Mainzer bei dieser Aktion innerhalb des eigenen Strafraums stand, entschied der Schiedsrichter auf Strafstoß für den HSV. Van der Vaart verlud Karius im Tor der Gäste und vollstreckte sicher zum 2:0 (54.).

Nur zwei Minuten später hatte Rudnevs eine weitere, klare Torchance zum dann entscheidenden 3:0, doch er scheiterte am guten Mainzer Torhüter.

Van der Vaart findet die Balance

Hjulmand stellte seine Mannschaft nun etwas um, und der HSV wurde mit der Führung im Rücken passiver. Mainz konnte nach einer Stunde stärker nach vorne spielen und erhielt ein klares optisches Übergewicht, konnte jedoch zunächst keine zwingenden Torchancen herausspielen. Van der Vaart agierte nun auf gleicher Höhe neben Jiracek oder gar defensiver. Er diente dabei den eigenen Verteidigern als weitere, ballsichere Anspielstation bei dem Versuch, sich spielerisch aus engen Situationen zu befreien. Aus meiner Sicht zeigte der Niederländer in diesem Spiel eine seiner besten Leistungen seit Monaten, denn er war fast immer dort, wo ihn seine Mannschaft benötigte. In der 80. Minute hätte er beinahe seine gute Leistung durch einen weiteren Treffer gekrönt. Lasogga lief mit Ball einen Konter auf der rechten Außenbahn. Rudnevs zeigte sich spielintelligent und ließ den Querpass passieren, sodass van der Vaart frei vor Karius zum Schuss kam. Leider traf Hamburgs Kapitän den Ball bei seinem Direktschuss so schlecht, dass dieser genau auf den Mainzer Torhüter kam. Karius hatte damit keine Mühe.

Mainz wacht zu spät auf und wird dennoch fast belohnt

Das Spiel näherte sich dem Ende, da versuchten es die Mainzer mit der fußballerischen Brechstange. Eine Vielzahl an langen, hohen Bällen wurde in den Bereich in und rund um den Hamburger Strafraum geschlagen, die von Hamburgs Defensive zum Teil nur auf Kosten eines Eckstoßes geklärt werden konnten. In der 87. Minute verpasste der aufgerückte Mainzer Innenverteidiger Bell mit einem Kopfball nach eben so einem Eckstoß denkbar knapp den Anschlusstreffer. Kurz darauf war es dann aber soweit. Ein weiterer Eckstoß segelte in den Hamburger Strafraum. Der von Hjulmand eingewechselte Malli köpfte den Ball zu Okazaki, dessen Kopfball aus kürzester Distanz (3m) Drobny dann nicht mehr parieren konnte. Das 2:1 in der 89. Minute. Aus Hamburger Sicht begann nun spätestens das ganz große Zittern. Und beinahe wäre den Mainzern tatsächlich in der Nachspielzeit der Ausgleichstreffer gelungen, doch Mallis Torabschluss flog ganz knapp über die Querlatte des Hamburger Gehäuses (90+1.). So blieb es am Ende beim 2:1 Erfolg für den HSV.

Schiedsrichter: Stegemann. Diskutable Leistung. Ich mag es grundsätzlich, wenn Schiedsrichter ein Spiel laufen lassen anstatt jede Kleinigkeit abzupfeifen. Dieser Schiedsrichter war mir aber zu großzügig – hüben wie drüben. Eine eindeutige Benachteiligung der Mainzer, wie Allagui nach der Partie bei SKY im Interview behauptete, habe ich nicht gesehen.

Fazit: Der HSV siegte verdient, auch [Anm.: nachträglich eingefügt] weil der 1. FSV Mainz 05 lange Zeit zu wenig investierte.

Die Hamburger mussten nach der Niederlage gegen Augsburg unbedingt gewinnen und hielten dem Druck stand. Mit dem Sieg gegen den FSV konnte man nun schon zum dritten Mal in Folge vor heimischer Kulisse dreifach punkten. Allein dies deutet schon eine positive Veränderung unter Leitung von Joe Zinnbauer an. Die nun 18 Gegentreffer beweisen, dass die Hamburger Defensive nachweisbar an Stabilität gewonnen hat. Besser, d.h. weniger Gegentreffer, sind neben den außer Konkurrenz spielenden Bayern (3) nur Gladbach (12), Wolfsburg (13) und Augsburg (14).

Unverändert verbesserungswürdig bleibt die Zahl der selbst erzielten Treffer, jedoch gelangen der Mannschaft wie schon im Heimspiel zuvor gegen Bremen erneut zwei Treffer. Positiv festzuhalten ist auch, was manche inzwischen für schwer vorstellbar hielten: der HSV kann auch ohne Behrami und Westermann gewinnen.

Zinnbauer überzeugt erneut mit einer gelungenen taktischen Anpassung seiner Mannschaft an den Gegner. Zusammen mit der wieder einmal guten, sowohl läuferischen als auch kämpferischen Einstellung der Mannschaft war dies für mich die Basis des Erfolges. Verdienter Lohn ist der Sprung auf Tabellenplatz 13.

Spielerisch bleibt aus Sicht des HSV unverändert viel zu tun, aber dies kann nicht sonderlich überraschen. Das braucht einfach eine gewisse Zeit. Zumal zu berücksichtigen ist, dass Zinnbauer immer wieder Nachwuchsspielern wie Gouaida, Götz oder nun Marcos das Vertrauen schenkt. Und wo ich gerade wieder beim Nachwuchs bin: Marcos wusste auch als Linksverteidiger zu gefallen. Allerdings muss man kritisch bemerken, dass er nur 42 Prozent seiner Zweikämpfe gewinnen konnte. Das war der mit Abstand schwächste Wert in der Hamburger Defensive. Hier sollte er sich deutlich steigern, wenn er sich mittelfristig in der Bundesliga etablieren will.

Der HSV hat nun im nächsten Spiel gegen den SC Freiburg eine realistische Chance, sich noch weiter von den Abstiegsrängen zu entfernen. Man sollte den SC jedoch keinesfalls unterschätzen. Der SC hat zum Teil besser gespielt, als es sein derzeitiger Tabellenplatz auszudrücken scheint.

Verhaltene Freude und gedämpfter Optimismus: 1. FSV Mainz 05 – Hamburger SV 3:2 (1:1)

Wöchentlich grüßt das Murmeltier. Der HSV spielt, der HSV verliert und profitiert am Ende dennoch, weil die Mitkonkurrenten ebenfalls verlieren. Selten habe ich nach einer Niederlage der Hamburger in derart viele entspannte Gesichter seiner Anhänger geschaut. Dafür dürfte es zwei Gründe gegeben haben:

1.) war zu diesem Zeitpunkt längst bekannt, dass der HSV die Relegationsspiele erreicht hatte,
2.) hat die Mannschaft über weite Strecken eine wirklich gute Leistung geboten.

Wäre jedoch einem der Konkurrenten aus Nürnberg oder Braunschweig ein Sieg gelungen, hätten sie den HSV doch noch vom vorerst rettenden 16. Platz verdrängen können, der Katzenjammer wäre nach dieser Leistung der Hamburger zurecht groß gewesen. Doch der Reihe nach.

HSV-Trainer Slomka vertraute in Mainz der folgenden Aufstellung:
Adler – Diekmeier, Westermann, Mancienne, Jiracek – Rincon, Tesche (74. Arslan), Badelj, Calhanoglu – van der Vaart (83. Jansen)  – Lasogga (67. Ilicevic)

Diese Formation war im Grunde logisch und zu erwarten, dürfte sie doch zum jetzigen Zeitpunkt mit zum Besten gehören, was der HSV überhaupt aufbieten kann. Jiracek für Jansen, Westermann anstelle von Djourou – das sind Fragen, die man unter anderem unter dem Gesichtspunkt der Fitnesszustände betrachten kann. Wie überaus wichtig Lasogga für die Mannschaft der Hamburger ist, muss man nicht näher ausführen. Mit ihm gewinnt die Mannschaft, das zeigte sich gestern erneut, sofort eine ganz andere Qualität. Hinter dem für alle und jeden Offensichtlichen möchte ich aber erneut auf einen Spieler hinweisen, mit dem in Hamburg eigentlich niemand mehr gerechnet hat. Die Rede ist von Robert Tesche.

Tesche wurde einst auf Betreiben des damaligen Trainers, Bruno Labbadia, verpflichtet. Und im Grunde, daran dürfte Tesche ein gerütteltes Maß an Mitschuld tragen, hat kaum jemand verstanden, warum. Oft, viel zu oft klaffte bei ihm eine riesige Lücke zwischen teils überragenden Trainingsleistungen und, zumindest daran gemessen, enttäuschenden Darbietungen in den folgenden Spielen. Derzeit aber, das muss man nach der gestrigen Partie unterstreichen, darf sich der HSV glücklich schätzen, einen Tesche zu haben. Arslan oder Tesche – beide verfügen unbestreitbar über großes Talent. Der entscheidende Unterschied derzeit (sic!) ist für mich jedoch: Tesche spielt wie ein gestandener Bundesligaspieler, Arslan wie ein Talent.

Spielbericht: Hatte ich vor der Partie mit grundsätzlich offensiven Mainzern und einem HSV gerechnet, der vor allem um defensive Stabilität bemüht sein würde, so schien mindestens die erste Spielhälfte das Gegenteil zu belegen. Der HSV legte los wie die sprichwörtliche Feuerwehr. Vom Anpfiff an wurde gerannt, gekämpft, und es wurden Torchancen erspielt. So verpasste der einschussbereite Rincon noch innerhalb der ersten Spielminute eine Flanke von Calhanoglu, weil der aufmerksame Mainzer Torwart, Karius, gerade noch die Hand dazwischen bekam. Überhaupt muss ich Rincon loben. Eigentlich kein Außenbahnspieler, weder offensiv noch defensiv, stellt er sich seit Wochen in den Dienst der Mannschaft und erledigt die ihm gestellte Aufgabe meist zuverlässig. Was ihn schon immer auszeichnete, sein unbändiger Kampfeswille, war auch gestern zu sehen. Er rannte vor allem in der ersten Halbzeit, als ginge es um sein Leben und schloss viele, viele Lücken. Einfach großartig. Auch ein Grund, warum die Mainzer zunächst kaum ins Spiel fanden. Der HSV knüpfte nahtlos an die über weite Strecken taktisch gute Leistung in der Vorwoche gegen die übermächtigen Bayern an. Man stand kompakt, die Abstände stimmten, und der ganzen Mannnschaft war anzumerken, dass sie tatsächlich begriffen hat, was die Stunde geschlagen hat.

Der HSV wäre nicht der HSV, jedenfalls nicht in dieser Saison, wenn er nicht immer mal wieder einen riesigen „Bock“ schießt. Es ist unfassbar! Da spielt mindestens in der ersten Halbzeit nur eine Mannschaft, nämlich die des Hamburger Sportvereins, und wer  geht in Führung? Der Gegner. Es segelte eine harmlose Flanke in den Hamburger Strafraum und Westermann, immerhin zum erweiterten Kreis der Nationalmannschaft gehörend, will innerhalb des eigenen Fünfmeterraums, d.h. in unmittelbarer Nähe zum eigenen Tor!, den Ball mit der Brust zu Adler legen. Der Mainzer Soto ließ sich nicht lange bitten, spritzte dazwischen und hatte keine Mühe, den Ball im Hamburger Gehäuse unterzubringen. Das 1:0 (7.). Adler, Westermann, Jansen – dass der HSV in dieser Saison gegen den Abstieg spielt, ist auch darauf zurückzuführen, dass auch den namhaftesten Leistungsträgern regelmäßig schwere Patzer unterlaufen.

Zum Glück für den HSV verfügt er (noch) über Pierre-Michel Lasogga. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie der HSV in der nächsten Saison ohne ihn auskommen soll. Denn dass der Mann vom HSV nicht zu halten ist, davon muss man leider ausgehen. Aber noch spielt er ja für Hamburg. Der HSV ließ sich durch den Rückstand nicht beirren. Man stand weiter kompakt, antizipierte oder erkämpfte eine Vielzahl an Bällen, erzeugte oft Überzahl in Ballnähe und zeigte durchaus sehenswerte Spielzüge. Lasogga beschäftigte oft mehr als einen Mainzer,  ließ dennoch meist geschickt Bälle zum eigenen Mann prallen und sorgte so mit dafür, dass die Mittelfeldspieler, angetrieben vom überaus spielfreudigen van der Vaart, Raum und Zeit fanden, um geplante Spielzüge aufzuziehen. So wurden auch beide Außenverteidiger, Jiracek und Diekmeier, immer wieder ins eigene Spiel miteinbezogen, bzw. fanden den Weg an die gegnerische Grundlinie, um von dort Flanken in den Strafraum der Gastgeber zu schlagen. Einer dieser Spielzüge endete bei van der Vaart, der aus halblinker Position und etwas außerhalb des Mainzer Sechzehners stehend abzog. Der ansonsten gute Karius ließ den Ball nach vorne prallen. Lassoga bedankte sich und staubte  mit dem Kopf ab. Der bereits zu diesem Zeitpunkt hochverdiente Ausgleich zum 1:1 (12.).

Fortan spielte in der ersten Halbzeit nur noch der HSV. Von Mainz war offensiv praktisch nichts mehr zu sehen. Und damit komme ich zu meiner Bemerkung zurück, dass es schien, als habe mich die Hamburger Mannschaft Lügen strafen wollen. Denn tatsächlich waren die Hamburger sehr wohl, dass belegt das kompakte Mannschaftsverhalten, um defensive Stabilität bemüht. Die Vielzahl an Tormöglichkeiten, die man vor allem in der ersten Spielhälfte herausspielen konnte,  waren logische Folge eben dieser defensiven Kompaktheit. Ich schrieb es hier vor Wochen: wer defensiv kompakt bleibt, egal ob man das Spiel geschlossen nach vorne oder nach hinten verlagert, der verdichtet nicht nur die Räume für den Gegner, sondern der hat die kürzeren Wege zum Ball, die besseren Möglichkeiten, in Ballnähe eigene personelle Überzahl zu erzeugen, und damit auch die besseren Chancen, das Spielgerät zu erobern. Wer dann auch noch zusätzlich die Zuspielversuche des Gegners gut antizipiert, erwischt diesen oft in seiner Vorwärtsbewegung und damit eben auch in defensiver Unordnung. Die letztendliche Folge all dessen sind dann Möglichkeiten zum eigenen Torerfolg. Defensivspiel, das gilt heute mehr denn je, beginnt vorne. Hinter der ballorientierten aggressiven Spielweise des BvBs etwa liegt auch ein defensiver Grundgedanke: wer den Ball schnell zurückerobert, der verhindert eben nicht nur, dass der Gegner zu eigenen Chancen kommt, sondern der schafft sich gleichzeitig seine eigenen Möglichkeiten.

In der 22. Minute stand Tesche völlig frei, etwa 9 bis 10 Meter vor dem Mainzer Gehäuse.  Leider konnte er den den Flankenball nicht ausreichend mit der Stirn drücken. So setzte er den Kopfball leider knapp über das Tor. Nur zwei Minuten später hätte van der Vaart von der rechten Hamburger Angriffsseite mit seinem bekannt starken linken Fuß um ein Haar einen Eckstoß direkt ins Mainzer Tor gezirkelt. Leider stand am langen Pfosten ein Mainzer und konnte den Ball auf der Linie klären (24.). Nur eine Minute später warf Diekmeier einen langen Einwurf in den Strafraum der Mainzer. Tesche leitete den Ball per Kopf weiter zu van der Vaart, aber dessen Kopfball konnte Karius letztlich mühelos halten (25.). Wieder nur zwei Minuten später zirkelte erneut van der Vaart einen Freistoß mit Schnitt in Richtung Tor der Mainzer, aber wieder war es Karius, der in höchster Not vor dem  am langen Pfosten einschussbereiten Mancienne klären konnte (27.). In der 32. Minute flankte dann Jiracek von der linken Außenbahn. Lasogga kam aus ca. 6 Metern zum Kopfball, konnte aber ebenfalls den Ball nicht drücken und setzte ihn über das Tor. Auch die letzte nennenswerte Szene der ersten Halbzeit gehörte dem HSV: Tesche passte scharf von der rechten Seite in den Mainzer Strafraum, wo erneut Lasogga den Ball am langen Pfosten denkbar knapp verpasste (38.).

Wenn bei einem derartigen Spiel beim Spielstand von 1:1 nach dreißig Minuten bereits Gesänge der HSV-Fans angestimmt werden („Niemals zweite Liga! Niemals, niemals!“), dann zum einen, weil man die Spielstände der Konkurrenten kannte, zum anderen, weil wirklich für jeden Zuschauer erkennbar war, dass die gesamte Mannschaft der Hamburger ohne jeden Abstrich „wollte“. Ich jedenfalls war zur Halbzeit hochzufrieden, machte mir aber Sorgen, ob die Kräfte reichen würden. Denn man kennt das ja: eine Mannschaft macht das Spiel, vergibt Chance um Chance und am Ende triumphiert der Gegner. Und so kann man der Mannnschaft des HSVs nur einen Vorwurf machen: sie hätte zur Pause mindestens mit einem, wenn nicht gar mit zwei Toren führen müssen.

Zu Beginn der zweiten Hälfte kamen zunächst die Mainzer wie ausgewechselt aus der Kabine. Kurz nach Wiederanpfiff zeigten sie ihren bis dahin schönsten Spielzug. Zum Glück für den HSV setzten sie den Abschluss aus ca. 20 Metern knapp neben das Hamburger Tor (47.). Kurz darauf zog der Mainzer Geis aus 22 Metern ab, aber Adler konnte den Ball über die Querlatte pfausten (49.). Nicht nur in dieser Drangperiode der Mainzer fand ich Mancienne sehr stark. Obwohl nicht sonderlich groß gewachsen, ist er defensiv im Kopfball kaum zu schlagen. Zudem antizipiert er oft sehr gut die gegnerischen Zuspiele und ist so meist einen Schritt früher als der jeweilige Stürmer am Ball. Dass man ihn (auch), wie geschehen, beim HSV vom Hof jagen wollte (oder will?) ist mir unverständlich.

Nach einer Viertelstunde bekam der HSV die Partie zunächst wieder in den Griff. So kam dieses Mal Calhanoglu völlig frei aus 6 Metern zum Kopfball. Hakan machte im Grunde fast alles richtig, denn er setzte den Kopfball erkennbar entgegengesetzt zur Laufrichtung des Torwartes. Leider verfehlte auch dieser Kopfball knapp das Tor (61.).

In der 65. Spielminute drehte sich der Südkoreaner Koo an der linken Seitenauslinie (aus Mainzer Sicht) um Rincon herum und konnte diesem enteilen. Hier mag eine Rolle gespielt haben, dass Rincon unbedingt eine gelbe Karte vermeiden wollte (oder sollte!), da er ansonsten für die Relegationsspiele gesperrt gewesen wäre. Jedenfalls passte Koo mustergültig zurück an die Strafraumgrenze der Hamburger, wo der starke Mainzer Malli frei stand. Dieser hatte keine Mühe, Adler zu überwinden. Sein Flachschuss rauschte neben dem kurzen Pfosten ins Hamburger Gehäuse zur Führung für die Gastgeber. Das 2:1.

Zwei Minuten später nahm Slomka Lasogga vom Feld, der ja bekanntermaßen wochenlang verletzt gewesen ist, und brachte Ilicevic. Man hatte also nun annäherend die Formation auf dem Feld, die gegen die Bayern gespielt hatte. Auf Hamburger Seite nahm jedoch die mannschaftliche Geschlossenheit nun zunehmend ab. Das mag zum einen an dem unglaublichen kämpferischen und läuferischen Aufwand gelegen haben, den die Mannschaft vor allem in der ersten Halbzeit betrieben hat, und der nun seinen Tribut forderte. Zum anderen spielte die Mannschaft zu viele ungenaue lange Bälle, die postwendend von den Mainzern abgefangen werden konnten. In Folge dessen eröffneten sich die bekannten Löcher zu den Offensivspielern, die bei nachlassenden Kräften nicht mehr schnell genug zurückkamen. Eine Minute später konnte Westermann in höchster Not den Torschuss eines Mainzers am Hamburger Fünfmeterraum gerade noch verhindern, indem er diesen am Rande des Erlaubten aus dem Tritt brachte (68.).

Das Spiel verlief nun eine Weile ohne weitere Höhepunkte. Der HSV war zunächst nicht mehr in der Lage, kontrollierte, planvolle Angriffszüge zu spielen. Zumal nun die Mainzer mit der eigenen Führung im Rücken kaum Räume für ein schnelles, vertikales Konterspiel des HSVs  über den eingewechselten Ilicevic anboten. Wer genau aufgepasst hat, der konnte erkennen, dass sich der für Tesche eingewechselte Arslan in einer Situation erneut wieder zu spät vom Ball getrennt hat. In der 83. Minute, auch das Folge des sich auflösenden Hamburger Mannschaftsverbundes, konnte Okazaki vom rechten Flügel ungestört mit Tempo auf die Hamburger Defensive zulaufen. Der Japaner hatte dabei den Vorteil, dass er agierte, während Mancienne nur (auf ihn) reagieren konnte. Gegen einen technisch starken Angreifer sieht fast jeder Verteidiger der Welt in solchen Situationen schlecht aus. Jiracek kam zu spät und so konnte der Mainzer Stürmer auch noch Adler ausgucken. Er lupfte den Ball an Adler vorbei zum vorentscheidenden 3:1 ins Netz der Gäste (82.).

Der Schlusspunkt der Partie, der allerdings nur noch für die Statistik von Belang ist, war dem HSV vorbehalten. Jiracek flankte von links außen. Ilicevic sprang der Ball an den Arm, was aber für das Schiedsrichtergespann aufgrund der Gesamtsituation kaum zu erkennen gewesen sein dürfte. Der Ball fiel jedenfalls vor Ivos Füße. Und so hatte er keine Mühe, ihn aus 6 Metern neben dem rechten Pfosten im Tor unterzubringen. Das 3:2.

Schiedsrichter: Kinhöfer leitete die Partie im Großen und Ganzen sicher. Grenzwertig war Westermanns Zweikampfverhalten im eigenen Strafraum (68.). Klar irregulär, jedoch aufgrund der Positionierung des Gespanns und der Spieler schwer zu erkennen, war der Anschlusstreffer der Hamburger.

Fazit: Die Mainzer freuten sich über den Einzug in  das internationale Geschäft (Glückwunsch!), müssen sich jedoch wohl um einen neuen Trainer kümmern, da Tuchel seinen Vertrag (bis 2015) in Mainz nicht mehr erfüllen möchte. Insofern dürfte dort die Freude getrübt sein. Der HSV verliert erneut, bleibt aber auf dem zunächst rettenden Platz 16, was allein schon für Erleichterung in Hamburg sorgt, auch wenn die ursprünglichen Zielsetzungen mehr als deutlich verfehlt wurden. Klassenziel war zuletzt nur noch die Vermeidung des Abstiegs. Wer während des Jahres zu oft ungenügende Leistungen bringt, der wird normalerweise nicht versetzt. Jämmerliche 27 Punkte als Saisonausbeute hätten normalerweise zwingend zum direkten Abstieg des Hamburger Sportvereins aus der ersten Liga führen müssen. Aber zum Glück für den HSV, anders kann man es in dieser Saison nicht bewerten, waren zwei Mannschaften noch schlechter als die Hamburger.
Unverständlich bleibt mir, dass eine Profimannschaft der Bundesliga erst unmittelbar kurz vor dem endgültigen Toreschluss zu begreifen scheint, dass man auf dem Spielfeld jederzeit als Mannschaft agieren muss. Dazu gehört, dass jeder einzelne Spieler, gerade wenn kein dominanter Taktgeber im Mittelfeld vorhanden ist, fortwährend die Abstände überprüft und ggf. zur kollektiven Ordnung beiträgt.
HSV-Trainer Slomka ist nicht zu beneiden. Ohne den Wandstürmer Lasogga fehlt es, jedenfalls wenn man nicht kontern kann, vorne an Durchschlagskraft. Dazu gesellen sich unverändert regelmäßig schwerste Aussetzer der Spieler, die der Mannschaft eigentlich ein stabiles Gerüst verleihen müssten. Geradezu grotesk wirkt, dass mit Mancienne (und zuvor Rajkovic) und Tesche ausgerechnet Spieler den Karren mit aus dem Dreck ziehen sollen, mit denen man als Verein zuvor auf beschämende Weise umgesprungen ist.
Im Hinblick auf die nun folgenden Relegationsspiele weckt vor allem die Rückkehr von Lasogga Hoffnungen. Aber die letzten beiden Spiele der Hamburger haben auch gezeigt, dass nicht nur die Moral der Mannschaft absolut intakt erscheint, sondern dass sie grundsätzlich endlich auch um die absolut unverzichtbare Kompaktheit bemüht ist. Während ich diese Zeilen schreibe, steht der Gegner noch nicht fest. Eins scheint mir aber sicher: Bringt die Mannschaft in beiden Spielen nicht eine ähnliche Leistung wie zuletzt, so könnte es sowohl gegen Fürth als auch gegen Paderborn doch noch ein böses Erwachen geben. Schützenhilfe durch die Konkurrenz gibt es ab sofort bekanntlich nicht mehr.
Es überwiegt also auch bei mir nach dieser Niederlage verhaltene Freude, dass der direkte Abstieg vermieden werden konnte, auch wenn die krassen individuellen Fehler, mit denen man sich regelmäßig um den Lohn bringt, ein stetes Ärgernis bleiben. Und ich sehe den beiden kommenden Endspielen mit gedämpftem Optimismus entgegen. Der HSV muss nicht, der HSV darf dank äußerst günstiger Umstände nachsitzen. Es liegt allein an ihm, ob er diese letzte Chance nutzen kann.

Nachtrag: Der 1. FC Köln und der SC Paderborn 07 steigen in die Erste Bundesliga auf. Herzlichen Glückwunsch! Gegner des Hamburger Sportvereins in der Relegation ist somit die SpVgg Greuther Fürth.