Arslan

Der HSV macht einen Schritt in die richtige Richtung, unterliegt jedoch dennoch Eintracht Frankfurt mit 1:2 (0:1)

Ausgehend von meinen bisherigen Beobachtungen zu den taktischen Veränderungen beim HSV unter Zinnbauers Leitung, die bisher überwiegend das defensive Spiel der Mannschaft betrafen, interessierte mich vor dem Spiel gegen die Eintracht aus Frankfurt zweierlei:

1.) konnte das Defensivverhalten weiter stabilisiert werden?
2.) verbessert sich das Angriffsspiel, ohne dass dies zu Lasten der Abwehrarbeit geht?

Unmittelbar vor dem Spiel überraschte mich die Nachricht, dass der Trainer des HSV die Abwehr umstellen würde. Ich hatte damit ehrlich gesagt nicht gerechnet. Zinnbauer vertraute also der folgenden Aufstellung:

Drobny – Westermann, Djourou, Cléber, Ostrzolek – Behrami, Arslan (86. Rudnevs), N.Müller (90. Diekmeier), Holtby (86. Jiracek), Stieber – Lasogga

Cléber spielte ergo als linker Innenverteidiger und Partner für Djourou, und Westermann ersetzte Diekmeier auf der defensiven rechten Außenbahn. Zinnbauer sagte nach dem Spiel dazu, dass die Analyse ergeben habe, dass der HSV bei Zweikämpfen in der Luft etwas unterlegen gewesen sei, was man durch die Hereinnahme Clébers korrigieren wollte.

Spiel: Der HSV begann erneut offensiv und übernahm wie schon gegen Gladbach zunächst die Spielgestaltung. Frankfurt zog sich relativ weit zurück. Für mich etwas überraschend verzichtete man darauf, die neu formierte HSV-Abwehr im Spielaufbau früh zu pressen, wie es die Gegner in der jüngeren Vergangenheit meist getan hatten. Stattdessen positionierten sich alle Spieler der Gäste hinter dem Ball in der eigenen Hälfte. Selbst im Mittelfeld presste man nur ganz gelegentlich. Offenbar hatte Schaaf, um die Probleme des HSV im letzten, dem Angriffsdrittel wissend, die Parole ausgegeben, mögliche Passwege des Gegners vor dem Strafraum konsequent zu blockieren. So verteidigten die Gäste meist eher passiv und erweiterten ihre defensive Viererkette im Bedarfsfall zu einer Fünfer- oder gelegentlich sogar Sechserkette. Die verbleibenden Spieler sicherten vornehmlich den zentralen Raum davor und sollten offenbar aus der eigenen Hälfte im Gegenzug etwaige Konter starten. So verfingen sich die Angriffe der Hausherrn meist in der engmaschigen Verteidigung der Gäste im zentralen Raum vor dem Strafraum, oder das Angriffsspiel der Hamburger wurde durch die taktische Ausrichtung der Gäste auf die Flügel abgeleitet. Leider, auch dies stelle ich inzwischen zum wiederholten Male fest, fehlt es dem HSV bei Flanken und Standards unverändert an der notwendigen Präzision.

Cléber war m.E. mindestens während der ersten Halbzeit eine gewisse Nervosität anzumerken. Dies sah man u.a. zu Beginn der Partie, als ihm in unbedrängter Position ein Zuspiel auf Djourou vollkommen verunglückte. Allerdings zeigte Cléber, wie von Zinnbauer erhofft, seine Stärke bei Kopfbällen. So hatte er nach einem Eckstoß für den HSV mit seinem nachfolgenden Kopfball etwas Pech, da dieser leider zu mittig auf das Tor kam und dort mühelos von der neuen Frankfurter Nummer eins, Felix Wiedwald, gehalten werden konnte.

Der HSV hatte während der ersten Spielhälfte ein deutliches optisches Übergewicht, ohne dass daraus tatsächliche Torchancen  resultierten.  Für mich einmal mehr negativ auffällig war hier Tolgay Arslan, der sich wiederholt in Dribblings verzettelte, die meist prompt zum Ballverlust führten. Auch gelungene Pässe in die Schnittstellen der Frankfurter Abwehr suchte man bei ihm einmal mehr vergeblich. Womit ich bei einer Ursache für die bisherige Erfolglosigkeit der Mannschaft vor dem Tor wäre. Arslan ist sicher nicht dafür allein verantwortlich, aber es muss doch verstärkt kritisch festgestellt werden, dass er es in der letzten Saison (2013/14) bei 32 Einsätzen auf nur ein einziges Tor und, dies wiegt m.E. fast noch schwerer, auf nur drei Assists brachte. So gut er mir auch schon des Öfteren vor allem in der Rückwärtsbewegung gefallen hat – dass der Mann nach vorne kaum etwas tatsächlich Produktives bewegt, darauf deuten auch diese ernüchternden Zahlen. Es ist sicher etwas unfair, ihn mit Holtby zu vergleichen, schon allein weil dieser positionsbedingt weiter vorne spielt, aber Holtby hat allein in der zweiten Spielhälfte mehr erfolgreiche, offensive Schnittstellenpässe gespielt, als m.E. Arslan in allen bisherigen Spielen dieser Saison zusammengerechnet. Ich ziehe daraus den Schluss, dass Arslan, sollte er sich nicht bald ganz gewaltig steigern, in dem Moment aus der Mannschaft raus ist, in dem van der Vaart wieder auflaufen kann, da dann Holtby seinen Platz neben Behrami einnehmen dürfte.

In der 44. Spielminute verlor Westermann den Ball in der Vorwärtsbewegung. Der folgende Diagonalball der Frankfurter erreichte Chandler auf der rechten Außenbahn. Stieber, der Richtung Mitte eingerückt war, da sich das Spielgeschehen ja ursprünglich auf dem anderen Flügel abspielte, stand im Halbfeld und reagierte für meinen Geschmack etwas spät. So erhielt er keinen Zugriff auf Chandler, der sofort mit Tempo auf der Außenbahn nach vorne stürmte. Beide Sechser konnten in diesem Augenblick positionsbedingt nicht helfen.  Linksverteidiger Ostrzolek stand m.E. viel zu weit weg (von Stieber) und wich immer weiter zurück, statt den heranstürmenden Chandler zu stellen. Im Ergebnis wurde daher absolut kein Druck auf Chandler ausgeübt. Dieser passte den Ball scharf quer zur Torlinie. Cléber trat in der Laufbewegung über den Ball. Dieser erreichte Seferovic, der am langen Pfosten lauerte und sofort gegen die Laufrichtung von Djourou und Drobny abschloss.  Es passte zum unglücklichen Auftritt Clébers, dass er den Torschuss um ein Haar auf der Torlinie noch geklärt hätte, letztlich aber dem Ball nicht mehr die entscheidende Richtungsänderung geben konnte. Meiner Meinung nach trifft Cléber hier sicherlich eine Teilschuld am Gegentor, allein verantwortlich ist er aber keinesfalls. Vielmehr hat man es hier mit einer ganzen Kette von Fehlern zu tun. Meiner Meinung nach hat hier auch die gesamte Raumaufteilung nicht gestimmt. Sei es, wie es sei – der HSV lag einmal mehr mit 0:1 zurück.

Beinahe wäre der Mannschaft noch innerhalb der ersten Halbzeit der Ausgleich gelungen. Aber Behrami setzte in der Nachspielzeit (45+1.) nach schöner Flanke vom linken Flügel einen fulminanten Kopfball knapp neben das Frankfurter Gehäuse. Es blieb also bei der Führung der Gäste zur Pause.

Um es vorwegzunehmen: Mein „Man of the Match“ war Holtby, der vor allem in der zweiten Halbzeit stark spielte. Die 53. Minute sah einen bemerkenswert guten Pass Westermanns in die Schnittstelle zwischen Innenverteidigung und Linksverteidiger der Frankfurter. Leider wurde der dadurch frei gespielte Holtby etwas zu weit durch den aus seinem Tor herausstürmenden Wiedwald nach rechts abgedrängt, sodass sein Torschuss aus spitzem Winkel letztlich nur das Seitennetz des Tores traf.

In der 58. Minute konnte man dann Holtbys Handlungsschnelligkeit, gute Technik und sein Spielverständnis beobachten. Einen halbhohen Ball vor dem Frankfurter Strafraum passte er sofort durch die Schnittstelle der Gäste-Abwehr zu Nicolai Müller. Dem war es schließlich vorbehalten, die Torflaute des HSV zu beenden. Mit etwas Glück rutschte sein Schuss unter Wiedwald hindurch zum 1:1 ins Netz.

Wiedwald, der erstmalig den verletzten Trapp im Tor vertrat, wirkte auf mich keineswegs immer sicher. Dies konnte man auch in der 76. Minute beobachten, als Anderson und er nach dem in Fußballerkreisen durchaus bekannten Motto verfuhren: Nimm Du ihn, ich hab ihn sicher…! Als Folge dieser Uneinigkeit kam der offensiv pressende Lasogga an den Ball. Leider war dessen Schuss mit der Pike zu harmlos, sodass ihn der junge Frankfurter Torhüter dann letztlich doch mühelos entschärfen konnte.

In der Schlussphase der Partie wechselte Zinnbauer gleich drei Mal. Jiracek führte sich zunächst durch eine großartige Grätsche ein, als er einen stürmenden Frankfurter gerade noch entscheidend behinderte. Leider unterlief ihm dann kurz darauf in der Schlussminute ein hartes und auch unnötiges Foul, als er dreißig Meter vor dem eigenen Tor mit gestrecktem Bein in einen Frankfurter Spieler rutschte. Den folgenden Freistoß aus leicht nach links versetzter Position jagte der eingewechselte Piazon ins rechte obere Eck des Hamburger Tores, also ins Dreiangel der s.g. Torwartseite. Man muss hier zu Drobnys Gunsten die inzwischen für den Torwart grundsätzlich schwer zu berechnenden Flugkurven moderner Bälle berücksichtigen. Gänzlich unhaltbar schien mir dieser zweifellos wunderschöne Treffer (90.), der zugleich den Sieg für die Gäste bedeutete, jedoch nicht zu sein.

Schiedsrichter: Florian Meyer (Burgdorf). Einige „enge“ Entscheidungen könnte man auch anders treffen. War aber gewiss nicht schuld an der Niederlage.

Fazit: Der HSV verliert diese Partie gegen keineswegs unschlagbare Frankfurter schon allein aufgrund des späten Siegtreffers unglücklich.

Gegen Gladbach am Mittwoch gaben die Hamburger 14 Torschüsse ab, verfehlten jedoch ganze 13 mal das Gehäuse. Mit anderen Worten: Gladbachs Torwart Sommer musste am Mittwoch nur einen einzigen Schuss tatsächlich parieren. Die meisten Torschussversuche dieser vorangegangenen Partie wurden zudem außerhalb des Strafraums abgegeben, was statistisch betrachtet die Wahrscheinlichkeit eines daraus resultierenden Treffers signifikant senkt. Mit anderen Worten: Gegen Gladbach war es dem HSV fast gar nicht gelungen, in den Strafraum des Gegners einzudringen, um dort zu klaren Torchancen zu kommen.

Gegen die Frankfurter Eintracht erschien mir das Offensivspiel vor allem während der zweiten Spielhälfte deutlich verbessert. Wenn man das vom HSV erzielte Tor  einrechnet, wurden erneut 14 Torschüsse abgegeben, von denen immerhin sechs tatsächlich auf das Tor gingen (fünf gehaltene Schüsse). Auch gelang es deutlich häufiger innerhalb des Strafraums zum Abschluss zu kommen, was auf eine bessere Qualität der eigenen Torchancen hindeutet. Dies ist natürlich absolut kein Beweis für ein konstant verbessertes Offensivspiel der Hamburger, jedoch eine interessante Momentaufnahme.

Die Hamburger Mannschaft  muss sich jedoch erneut vorwerfen lassen, dass sie vor allem in der ersten Spielhälfte viel zu selten konkret und präzise spielte, sodass aus rein optischer Überlegenheit nichts Zählbares resultierte. Im Gegenteil! Durch eine ganze Fehlerkette geriet man sogar in Rückstand.

Unverändert, aber das erscheint mir zum jetzigen Zeitpunkt noch normal und nicht vorzuwerfen, sind auch Abstimmungsprobleme bei Pass- und Laufwegen zu beobachten. Bis hier die Fehlerquote deutlich gesenkt werden kann, dies benötigt schlicht Zeit. Wer glaubt, dies ginge quasi auf Knopfdruck und über Nacht, der irrt. Schwer.

Erfreulich erscheint mir, dass sich die Form der beiden noch mit konditionellen Rückständen behafteten Spieler, Müller und Lasogga, stetig zu verbessern scheint,  auch wenn hier weiter Luft nach oben verbleibt. Auch Stieber und Ostrzolek harmonieren zunehmend besser und zeigten ansteigende Form. Holtby war  sehr präsent. Im Zusammenspiel mit einem van der Vaart könnte da nach dessen Rückkehr etwas entstehen.

Insgesamt meine ich, dass der HSV, so seltsam sich das nach dieser erneuten Niederlage für den einen oder anderen lesen mag, leistungsmäßig einen weiteren Schritt in die richtige Richtung gemacht hat. Daher kann ich jener medialen Berichterstattung, die schon von einem Verpuffen des Trainerwechsels wissen will, rein gar nichts abgewinnen. Rein tabellarisch, bzw. wenn man allein aufgrund von Ergebnissen urteilt, mag dies stimmen. Doch eine Analyse, die auch nur ansatzweise diese Bezeichnung verdient, benötigt dann doch etwas mehr, als die Fähigkeit, die Tabelle und die Spiel-Ergebnisse lesen zu können.

Ein Kompliment an das Hamburger Publikum: Die Mannschaft wurde allen diesbezüglichen Zweifeln zum Trotz lautstark unterstützt. Dass man trotz der Niederlage nach dem Schlusspfiff der Mannschaft sogar Beifall zollte, bestärkt mich in der Hoffnung, dass man wenigstens mittelfristig auch weiterhin Geduld haben wird.

Auf dieser Leistung lässt sich aufbauen. HSV – FC Bayern München 0:0

Jede Aussage eines Trainers gegenüber den Medien hat gleich mehrere Adressaten: Da wäre zunächst natürlich die interessierte Öffentlichkeit, der man einen möglichst positiven Eindruck von sich und seiner Arbeit vermitteln möchte. Dann wären da die Vorgesetzten, die mit Argusaugen darüber wachen, welches Bild ihr Trainer von sich, seiner Arbeit und dem Verein zeichnet. Und schließlich wären da noch die Spieler, die sehr genau darauf achten, was ihr Trainer öffentlich über die Mannschaftsleistung und nicht zu letzt über sie persönlich äußert. Es lohnt daher, einige Äußerungen Zinnbauers aus den vergangenen Tagen genauer zu betrachten.

So sagte Zinnbauer z.B. auf seiner Antritts-PK, er habe der von ihm zuletzt betreuten U23 zum Abschied gesagt, seine Beförderung zum Cheftrainer der Bundesligamannschaft sei nicht nur ein Glücksfall für ihn persönlich, sondern sei auch gut für sie. Denn zukünftig wüssten sie einen Cheftrainer „ganz oben“, der jeden einzelnen von ihnen tatsächlich kennen und einschätzen könne. Später antwortete er auf eine entsprechende Frage, dass er, sollte es bei der Bundesligamannschaft nicht funktionieren, „kein Pardon“ kenne und nicht zögern würde, die betreffenden Profis  durch entsprechende U23-Spieler zu ersetzen. Er erhöhte also den Leistungsdruck im Bundesliga-Kader und setzte gleichzeitig Anreize für den Nachwuchs, nunmehr unter ihrem neuen Trainer, Daniel Petrowsky, keinesfalls nachzulassen, wodurch er seinem Nachfolger zweifellos den Einstieg erleichtert haben dürfte. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang nur an das Negativ-Beispiel Beckenbauer, der seinem Nachfolger bei der Nationalmannschaft, Berti Vogts, seinerzeit ein regelrechtes Kuckucksei ins Nest legte, indem er öffentlich in der ihm eigenen Art firlefranzte, dass die von ihm übergebene Mannschaft „auf Jahre hinaus unschlagbar“ sein werde.

Bereits in der zweiten, der von ihm bei den Profis geleiteten Trainingseinheiten demonstrierte Zinnbauer dann, dass er bei den von ihm angekündigten Konsequenzen auch nicht vor großen Namen zurückschreckt. Als mit Behrami  einer der vorgesehenen Führungsspieler der Mannschaft wiederholt einige Übungen erkennbar nicht mit vollem Einsatz absolvierte, durfte er sich den Rest des Trainings für diesen Tag von außen anschauen. In diesem Kontext muss man m.E. das Extra-Lob sehen, dass Zinnbauer nach der Partie gegen die Bayern an Behrami verteilte. Behrami hatte zweifellos ein gutes Spiel gemacht, ein besonderes Lob hat sich gestern aber, ginge es nach mir, ein anderer verdient (Dazu später mehr). Um bei Behrami zu bleiben – die Botschaft Zinnbauers erschien mir eindeutig: Wer  im Training voll mitzieht, wer gut spielt, der darf mit seiner Anerkennung, seiner Wertschätzung rechnen. Wer sich jedoch hängen lässt, für den brechen ggf. schwere Zeiten an. Da Behrami derzeit im Grunde alternativlos im Kader erscheint, macht es für mich aus Sicht des Trainers und vor dem Hintergrund der angesprochenen Disziplinierungsmaßnahme dennoch Sinn, ihn nach dem Spiel explizit öffentlich positiv hervorzuheben. Denn wer als Trainer nur Druck ausübt und ausschließlich negativ kritisiert, der wird m.E. auf längere Sicht keinen Erfolg haben.

In diesem Kontext passt ins Bild, dass Zinnbauer nach dem Spiel auch nicht vergaß, seinen Vorgänger, Mirko Slomka, für den nunmehr guten konditionellen Zustand der Mannschaft ausdrücklich zu loben. Dies, wie auch Zinnbauers Hinweis zur U23, dass er dort selbst ja weder Tore geschossen noch verhindert habe, deutet für mich darauf hin, dass er nicht nur um eine faire Beurteilung bemüht ist, sondern sich auch zugleich als Teil eines Teams sieht. Dies ist natürlich nur ein erster, flüchtiger Eindruck und sollte zum jetzigen Zeitpunkt nicht überbewertet werden, dennoch möchte ich dies nicht unerwähnt lassen. Denn es dürfte nicht wenige geben, die u.a. mangelhafte Teamarbeit als eine wesentliche Ursache für die Misserfolge der Vergangenheit ausgemacht haben wollen.

Im Grunde war zu erwarten, dass Zinnbauer angesichts der Kürze der ihm zur Verfügung stehenden Zeit die zuletzt überzogen wirkenden personellen Veränderungen Slomkas gegen Hannover teilweise zurücknehmen würde. So ersetzte Westermann Cléber, und auch Arslan kehrte in die Startaufstellung zurück:

Drobny – Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami, Arslan (67. Jiracek), N. Müller (87. Steinmann), Holtby, Stieber – Lasogga (76. Green)

In der Torwartfrage gab es auch meiner Meinung nach keinen triftigen Grund, nun erneut die Rolle rückwärts zu vollziehen. Zum einen war Drobnys Leistung gegen Hannover nicht ursächlich für die Niederlage, zum anderen wäre Adler endgültig „verbrannt“, wären ihm gegen die Bayern Fehler dergestalt unterlaufen, wie man sie leider in der letzten Saison eindeutig zu oft von ihm gesehen hat. So bitter das für Adler im Augenblick auch sein mag – er wird nun wohl mindestens bis zur Winterpause warten müssen. Es sei denn, Drobny schwächelt mehrfach. Im Mannschaftssport, so ist das nun einmal, steht der Erfolg eines Teams über etwaigen sportlichen Einzelschicksalen.

Das Spiel: Obwohl die Mannschaftsaufstellung der Hamburger als taktisches System ein 4-2-3-1 mit einer klaren Doppel-Sechs durch Behrami und Arslan suggerierte, konnte man bereits nach wenigen Minuten eine andere taktische Formation bemerken. Tatsächlich agierte man gegen den Ball mit einem grundsätzlich offensiv orientierten 4-4-2. Vor allem Holtby presste während der ersten Halbzeit im Verbund mit der nominell einzigen Hamburger Spitze, Lasogga, sehr hoch, während sich Arslan und Behrami meist dahinter in eine vordere Viererkette mit Stieber und Nicolai Müller einreihten. Auch die defensive Viererkette schob – endlich, endlich! – weit genug heraus, sodass kaum jene gefährlich freien Räume zwischen den Ketten entstanden, die ich hier im Blog in der Vergangenheit oft kritisiert habe. Da sich die Mannschaft des HSV zeitgleich auch ballorientiert seitlich deutlicher verschob, als dies m.M.n. in der Vergangenheit der Fall gewesen ist, wurden gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen:

1.) Der Spielaufbau der Bayern konnte des Öfteren entscheidend gestört werden, sodass sie häufiger zu langen, prinzipiell leichter zu verteidigenden Bällen gezwungen wurden;
2.) In Ballnähe erreichte der HSV vermehrt eine personelle Überzahl, was auch die Zweikampfführung gegen individuell überlegene Bayern-Spieler erleichterte;
3.) Das Zentrum des Spiels wurde durch die Hamburger meist erfolgreich geschlossen, sodass der Gegner sein Spiel mit dem grundsätzlich längeren Weg über die jeweils freie Außenbahn entwickeln musste.

Nicht unbemerkt soll zudem bleiben, dass sich der HSV tatsächlich aggressiv in der Zweikampfführung zeigte. Im Ergebnis standen am Ende der ersten Spielhälfte nur zwei Torschüsse (20. Minute, Pizarro, weit über das Tor) der Bayern und eine einzige Parade Drobnys (33., nach Schuss von Bernat) zu Buche. Und das gegen die zuvor hoch favorisierten Bayern!

Man darf es wohl durchaus auch als Kompliment für den HSV werten, dass Guardiola, der die Bayern zunächst in einem offensiven 3-4-3 auf das Feld schickte, im Verlauf der Partie nicht nur in der Abwehr auf eine Viererkette umstellte, sondern mit den zu Beginn noch geschonten Xabi Alonso, Götze und Lewandowski drei Hochkaräter brachte, die den Sieg für seine Mannschaft erzwingen sollten. Denn es dürfte eher ungewöhnlich sein, dass ein Trainer bereits in der 66. Minute seine letzte Auswechselmöglichkeit ausschöpft.

Tatsächlich spielten die Bayern während des zweiten Durchgangs flüssiger und zielgerichteter. Zunächst aber hatte Nicolai Müller in der 48. Minute tatsächlich eine Torchance für den HSV. Er spitzelte den Ball erfolgreich aus halblinker Position an dem aus seinem Tor geeilten Neuer vorbei. Leider verfehlte sein Schuss mit dem rechten Fuß knapp das Tor.

In der 53. Minute rettete Drobny seine Mannschaft vor dem Rückstand, als er mit den Beinen einen Schuss von Lahm nach Vorarbeit von Rafinha parierte. Zu diesem Zeitpunkt die bis dato wohl größte Torchance für die Bayern.

Die Bayern bauten nun vermehrt ihr Spiel über ihre rechte Seite auf, um hernach auf die linke Seite zu verlagern. Aber Diekmeier und Nicolai Müller waren meist zur Stelle, um etwaige Lücken rechtzeitig zu schließen.

Um auf meine Bemerkung im Zusammenhang mit Behrami zurückzukommen: Neben Behrami verdienen m.E. besonders der defensiv enorm fleißige Holtby, aber vor allem der oft gescholtene Heiko Westermann ein Extra-Lob. Westermann spielte auf Seiten des HSV einfach überragend. Nicht ein „Wackler“, 89 Prozent gewonnene Zweikämpfe und 67 Prozent angekommene Pässe belegen dies. Ich denke, man konnte sehen, dass Westermann durchaus sehr, sehr wertvoll sein kann, wenn er sich in einer taktisch funktionierenden Mannschaft auf seine Kernkompetenzen konzentrieren kann. Denn seine allseits bekannten Stockfehler resultierten oft genug auch daraus, dass sich andere Spieler der Mannschaft in der Vergangenheit viel zu oft versteckt haben. So wurde Westermann oft genug dafür bestraft, dass er einer der wenigen war, die durchweg Verantwortung übernahmen, während andere nach dem Motto verfuhren: hier hast Du den Ball – viel Glück damit!

Djourou zeigte eine durchaus ordentliche Leistung, zerstörte aber letztlich ein wenig den positiven Gesamteindruck, als er kurz vor Spielende (88.) einen eklatanten Fehler bei der Ballannahme produzierte und so Thomas Müller zu einem Torschuss einlud, den dieser zum Glück für den HSV knapp neben das Tor setzte. So blieb es letztlich beim torlosen Remis.

In der Nachspielzeit (90+4.) vertändelte der wieder einmal weit aus seinem Tor geeilte Manuel Neuer den Ball fast auf Höhe der Mittellinie und blockte dort absichtlich einen Schuss der Hamburger mit der Hand. Der folgende Torschuss von Ostrzolek verfehlte das von Neuer verlassene Tor. Der Treffer hätte aber ohnehin nicht gezählt, da Schiedsrichter Dingert bereits das Handspiel gepfiffen hatte.

Schiedsrichter: Dingert (Lebecksmühle): Bot für einen so jungen Schiedsrichter in einer vor allem von Hamburger Seite aggressiv geführten Partie eine gute Leistung. Die gelbe Karte für Neuer geht vollkommen in Ordnung, da nicht jedes Handspiel eines Torwarts außerhalb seines Strafraums zum Feldverweis führt. Maßgebend ist hier, ob der Torhüter eine klare, eindeutige Torchance für den Gegner verhindert. Davon kann beim besten Willen aufgrund der seitlich versetzen Position von Schütze und Ball und der Entfernung zum Tor (fast Mittellinie!) keine Rede sein.

Fazit: Der HSV, so möchte ich es formulieren, hat dem zuvor übermächtig erscheinenden Gegner aus München aufgrund einer engagierten und taktisch disziplinierten Mannschaftsleistung durchaus verdient den einen Punkt abgerungen. Endlich blieb man über weite Strecken des Spiels als Mannschaft kompakt und konnte vermehrt auch jene Dreiecksbildungen auf den Positionen beobachten, die zuvor viel zu oft schmerzlich vermisst wurden. Ich stimme Heiko Westermann zu, der nach dem Spiel von der besten Mannschaftsleistung des HSV sprach, seit er in Hamburg sei.

Defensiv war das eine großartige Leistung der Hamburger Mannschaft, auch wenn offensiv kaum etwas ging. Mit zunehmender Spielzeit auffälliger wurde hier, dass Lasogga, obgleich gewohnt fleißig und einsatzwillig wirkend, läuferisch unverändert schwerfällig agiert. Hier bleibt zu hoffen, dass es Zinnbauer in den kommenden Wochen gelingt, Lasoggas Form mittelfristig durch dosierte Belastungen in Training und Wettkampf zu verbessern.

Dieses Spiel ist aus Hamburger Sicht als erster Schritt in die richtige Richtung zu bewerten. Noch aber ist das allenfalls ein sehr erfreulicher Achtungserfolg, den man zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht überbewerten sollte. Ob das dieses Mal deutlich verbesserte taktische Verhalten der ganzen Mannschaft nachhaltig zu beobachten sein wird, das bleibt abzuwarten. Schon das nächste Spiel gegen M’Gladbach wird hier weitere, hoffentlich erfreuliche Erkenntnisse liefern.

Interessant wird zu beobachten sein, wie Zinnbauer zukünftig den von ihm angekündigten offensiv-dominanten Fußball mit diesem Kader des HSV umsetzen will. Die Bayern, Zinnbauer sagte dies auf der PK vor dem Spiel bereits, waren hierfür der falsche Gegner. Perspektivisch könnte ich mir vorstellen, dass sich das Spiel des HSV in den kommenden Wochen und Monaten stärker zu einem 4-1-4-1 entwickelt, aber auch das muss man letztlich abwarten.

Übersehen wir nicht, dass die Mannschaft immer noch kein einziges Tor geschossen hat und bisher auch unverändert kein Spiel gewinnen konnte.  Gestern könnte ein Grundstein gelegt worden sein, mehr aber noch nicht. Eins scheint mir eindeutig: Sollte die Mannschaft kontinuierlich an die gestrige Leistung anknüpfen können, dann wird sie mit dem Abstieg in dieser Saison nichts zu tun haben. Zu Euphorie besteht also unverändert kein Anlass, wohl aber zu Zuversicht.

Festhalten möchte ich zum Schluss, dass Zinnbauer der erste Trainer beim HSV ist, der Jiracek endlich dort einsetzte, wo er m.E. ohnehin hingehört: als Alternative zu Arslan und Pendant von Behrami im Zentrum. Der Wechsel für den zuvor bereits  gelbverwarnten Arslan machte für mich daher doppelt Sinn. Auch dass er mit Matti Steinmann (1,88m) eine echte „Kante“ debütieren ließ, als es den Anschein hatte, dem HSV fehle nach der Auswechselung Lasoggas etwas die körperliche Wucht, fand ich durchaus nachvollziehbar. Eins ist Zinnbauer jedenfalls bereits gelungen: ich bin sehr gespannt, ob sich die Mannschaft in diesem rasanten Tempo tatsächlich weiter unter seiner Leitung entwickelt. Zu wünschen wäre es.