Boateng

Nach Schwerstarbeit im Viertelfinale: Deutschland – Algerien 2:1 n.V. (0:0)

Ein Fußballspiel zwischen Deutschland und Algerien ist für mich schon etwas sehr Spezielles. Es muss wohl 1980 (oder ’81) gewesen sein, ganz genau kann ich mich nicht mehr erinnern, da kam ich zu dem Schluss, dass ich dringend meine Kenntnisse der französischen Sprache aufpolieren sollte. Da traf es sich gut, dass zwei Klassenkameraden schon längere Zeit eine Reise nach Algerien planten. Die beiden wollten mit einem Interrailticket von Hamburg über Spanien durch Marokko fahren, dort die Grenze zu Algerien passieren und dann für schmales Geld (das Interrailticket galt nicht mehr in Algerien) weiter bis nach Algier reisen. Das war jedenfalls ihr Plan. Da ich mich erst auf den letzten Drücker ihrer Reisegruppe angeschlossen hatte, entschied ich mich für den direkten Weg: Von Hamburg nach Marseille mit der Bahn. Dort wollte ich dann die Fähre besteigen, die mich direkt und ohne Umwege in den Hafen von Algier befördern sollte.  Das war mein Plan.

So trafen wir uns am Abreisetag am Hamburger Hauptbahnhof. Ihr Zug in Richtung Spanien stand bereits auf dem Nebengleis, während ich meinen nach Marseille bestieg. Ich erspare Euch hier weitere Details. Das Ende vom Lied: ich traf wie geplant pünktlich im Hafen der algerischen Hauptstadt ein und wurde dort von einem algerischen Bekannten in Empfang genommen. Meine beide Freunde aber, die kamen nur bis zur Grenze zwischen Marokko und Algerien. Diese aber war gerade einmal wieder geschlossen, da es Spannungen zwischen beiden Ländern gab (West-Sahara). Also mussten sie wieder Marokko durchqueren und zurück nach Spanien übersetzen. Dort machten sie sich dann auf die Suche nach einer Fährverbindung direkt nach Algerien. In meiner Erinnerung kamen sie mit mehr als 10 Tagen Verspätung endlich auch in Algier an. Mit anderen Worten: der gemeinsame Urlaub fiel praktisch ins Wasser. Nur gut, dass unsere algerischen Kontakte so überaus gastfreundlich waren. Die meisten lebten in Studentenunterkünften der Universität Algier und studierten Medizin. Und obwohl der Zutritt für Ausländer zu diesen studentischen Wohnheimen offiziell verboten war, schmuggelten sie mich Tag für Tag an den Eingangskontrollen vorbei. So kam es, dass ich am frühen Abend oft in einer Studentenmannschaft auf dem Universitätsgelände Fußball spielte. Um es hier kurz zu halten: Ich werde die Freundlichkeit der Menschen dort nie vergessen. Daher habe ich die späteren Berichte über die politischen Unruhen dort immer mit besonderer Anteilnahme verfolgt. 1982 kam es dann zu einem offiziellen Fußballspiel zwischen Deutschland und Algerien, das Algerien bekanntlich gewann. Es folgte der Nichtangriffspakt von Gijón, dem dann Algerien zum Opfer fiel. War die WM `78 einfach enttäuschend, so fühlte ich mich `82 in mehrfacher Hinsicht beschämt.  Umso mehr hat mich das bisher erfolgreiche Auftreten der Algerier bei dieser WM gefreut.

Vor dieser Partie wurden in Fußball-Deutschland zwei Fragen diskutiert:

1. Ist der als Linksverteidiger spielende Höwedes der „Schwachpunkt“ (Magath)?
2. Soll Khedira oder Schweinsteiger neben Lahm den zweiten Sechser spielen, oder sollen gar beide gemeinsam dort spielen und Lahm den Rechtsverteidiger geben?

Meine Meinung zur Außenverteidigerproblematik habe ich ja hier bereits unlängst geschrieben. Was die Besetzung der Sechser-Position(en) angeht, so halte ich dies neben taktischen Gesichtspunkten, die zu berücksichtigten sind, für eine Frage der Fitness, zu der ich mir aus der Ferne kein abschließendes Urteil anmaßen möchte.

Vor dem Spiel meldete sich kurzfristig Innenverteidiger Mats Hummels krank, sodass Löw die folgende Aufstellung auf das Feld schickte: Neuer – Mustafi (70.Khedira), Boateng, Mertesacker, Höwedes –  Lahm, Schweinsteiger (109. Kramer), Özil, Kroos, Götze (46. Schürrle) – Müller

Spielverlauf:  Die Deutsche Elf begann nominell im gewohnten 4-2-3-1 mit Schweinsteiger als zweitem Sechser neben Lahm und Müller als Falscher Neun. Tatsächlich aber erinnerte das Spiel der Deutschen an den HSV unter Thorsten Fink. Die Abwehrkette stand extrem hoch. Selbst die Innenverteidiger, Mertesacker und Boateng, standen zeitweilig beide in der Hälfte der Algerier. Bei eigenem Ballbesitz verschoben sich die Außenverteidiger, Mustafi und Höwedes, tief in die gegnerische Hälfte. Die Innenverteidigung stand relativ weit auseinander und wurde zeitweilig durch den abkippenden Sechser, Lahm, der zu Beginn die Hauptlast des Spielaufbaus trug, zu einer Dreierkette erweitert. Schweinsteiger spielte als zweiter Sechser deutlich offensiver und sollte offenbar auf der zentralen Achse die Bindung zwischen Defensive und Offensive herstellen. Er besetzte, meist im Wechselspiel mit Kroos, das zentrale Mittelfeld, beide tauchen aber auch immer wieder auf den Flügeln auf. Im Gefühl eigener technischer und individual-taktischer Überlegenheit versuchte man so, die Algerier in der eigenen Hälfte einzuschnüren. Durch die extrem nach vorne verschobenen Außenverteidiger und den mehr als Achter oder gar Zehner agierenden Schweinsteiger wurden punktuell die Räume personell überladen. Löw schien damit zwei Fliegen mit einer Klatsche schlagen zu wollen: Zum einen wollte man die Algerier auf engstem Raum ausspielen, zum anderen die Chancen erhöhen, dass man das Spielgerät bei Ballverlust durch sofortiges Pressing zurückerobert.

Gerade in der ersten Spielhälfte bevölkerten oft 21 Mann  die Spielhälfte Algeriens. Dadurch wurden die Räume für die Deutsche Mannschaft zwangsläufig extrem eng. Vermutlich war dies auch der Grund, warum Löw zu Beginn dem kleinen, wendigen und technisch beschlagenen Götze den Vorzug gab.

Die Algerier ihrerseits begannen in einem klassischen 4-4-2 mit zwei zunächst tief und eng beieinander stehenden Viererketten.  Oft schien es, als ließen sie den Gegner fast passiv gewähren, denn sie beschränkten sich zunächst auf das Schließen von Lücken und Blockieren von (möglichen) Passwegen. Bei Ballbesitz der Deutschen verteidigten sie meist sehr mannorientiert und versuchten so, die spielstärkeren deutschen Spieler möglichst nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Immer wieder schoss ein Algerier aus seiner Kette heraus und attackierte seinen „logischen“ Gegenspieler, was gerade in der ersten Spielhälfte zu einer Vielzahl von Ballverlusten der Deutschen Mannschaft führte. Dabei wurden die Algerier durch Ungenauigkeiten im Passspiel ihres Gegners unterstützt. Einmal im Ballbesitz war Algerien erkennbar bemüht, schnell umzuschalten und tauchte überfallartig in der Deutschen Hälfte auf.

Je länger das Spiel lief, desto häufiger entstanden so brenzlige Situationen aus deutscher Sicht. Nur gut, dass Deutschland mit Manuel Neuer den weltbesten „Ausputzer“ bei diesem Turnier stellt. Immer wieder musste Neuer weit aus seinem Tor und Strafraum heraus, um in höchster Not gegen einen durchgebrochenen algerischen Angreifer zu klären. Dabei stockte mir regelmäßig der Atem, denn der deutsche Torhüter wandelte dabei beständig auf einem denkbar schmalen Grat. Einen Sekundenbruchteil zu spät, und er wäre wohl mit Rot vom Platz geflogen. Doch Neuer blieb zum Glück absolut fehlerlos und zeigte über die gesamte Spielzeit eine fabelhafte Leistung. In diesem Zusammenhang wurde m.E. ein Manko der von Löw bisher favorisierten Besetzung der defensiven Viererkette durch gleich vier ausgebildete Innenverteidiger  offensichtlich. Die nach vorne verschobenen Höwedes und Mustafi sind es schlicht nicht gewohnt, auf engstem Raum offensiv zu agieren, was zu einigen Ballverlusten auf den personell überladenen Flügeln führte. Zudem wirkten sie in der Rückwärtsbewegung gegen die agilen Algerier des öfteren läuferisch schlicht überfordert, sodass Neuer tatsächlich mehrere Male zur letzten Defensiv-Option wurde, um einen Gegentreffer nach Konter zu verhindern. Merke: wer weit nach vorne verschiebt, hat auch weite Wege zurück…

Die erste Halbzeit gehörte aus meiner Sicht den Algeriern. Mit fortschreitender Spielzeit erschien die Deutsche Elf zunehmend ratlos. Den Algeriern gelang  es, Götze, Özil und Kroos weitestgehend aus dem Spiel zu nehmen. Vor allem Özil schienen die mannorientierten Attacken des Gegners zuzusetzen  und zunehmend die Lust am Spiel zu rauben. Wenn für die Löw-Truppe offensiv etwas ging, dann meist durch Schüsse aus der zweiten Reihe (Kroos). Das lag auch daran, dass sich das deutsche Offensivpersonal zu wenig bewegte und des öfteren eingereiht im Deckungsschatten der defensiv orientierten Viererketten Algeriens verharrte, während die Halbräume davor zunehmend verwaisten. Auch etwas, was man als leidgeprüfter HSV-Anhänger „bestens“ kennt. Stichwort: ungenügende Staffelung.

Zur Halbzeit, ich gestehe dies freimütig, konnte ich mir eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen, wurde doch vor dem Spiel mit der typisch deutschen Zurückhaltung lediglich über die Höhe eines Sieges spekuliert. Aber, um keine Missverständnisse entstehen zu lassen, natürlich hoffte ich dennoch, dass Deutschland am Ende als Sieger vom Feld gehen würde.

Löw reagierte in der Halbzeitpause und brachte Schürrle für Götze, was sich im weiteren Verlauf als richtig erweisen sollte. Die Deutsche Elf kam nach Wiederanpfiff zunehmend besser in das Spiel. Dafür gab es m.E. zwei Gründe:

1.) gelang es den Algeriern nun nicht mehr so gut, die Abstände zwischen ihren beiden Viererketten eng zu halten, wodurch sich zwangsläufig mehr Raum für ein Kombinationsspiel des deutschen Offensivpersonals bot;
2.) agierte Schürrle im Hinblick auf einen Torabschluss wesentlich zielstrebiger als Götze. Zum einen war er erkennbar darum bemüht, selbst zum Torabschluss zu kommen. Zum anderen besetzte er als zweite Spitze (neben Müller) die gefährliche Zone. Durch Schürrles Zug zum Tor konnte der Raumdeuter Müller auch vermehrt in die Halbräume ausweichen, ohne dass die Spitze dann unbesetzt blieb.

Es häuften sich also in der zweiten Spielhälfte die Chancen für die Deutsche Elf. Ein Tor sollte ihr jedoch zunächst nicht gelingen.

In der 69. Spielminute verletzte sich der junge Mustafi bei einem Befreiungsschlag ohne gegnerische Einwirkung schwer. Dem Vernehmen nach erlitt er einen Muskelbündelriss im linken Oberschenkel und wird für den Rest des Turniers ausfallen (Gute Besserung!). Löw war also zu einer weiteren Umstellung gezwungen und brachte für den Verletzten Khedira in das Spiel.  Die Antwort auf die Frage, Khedira oder Schweinsteiger?, wurde also ab diesem Zeitpunkt mit „beide“ beantwortet, denn Lahm ersetzte Mustafi nun als Rechtsverteidiger.

Bei Khedira wechselten im weiteren Verlauf Licht und Schatten. Einigen guten Vorlagen (80.; 82.) standen auch einige vermeidbare Ballverluste gegenüber, die zu höchst gefährlichen Gegenstößen der Algerier führten. Da Schweinsteiger gegen Ende der regulären Spielzeit zunehmend von Krämpfen geplagt wurde, kann ich durchaus nachvollziehen, warum Löw Lahm bisher als einen der beiden Sechser fest eingeplant hat, während er mit Rücksicht auf die mangelnde Fitness und Spielpraxis von Schweinsteiger und Khedira auf der zweiten Sechser-Position bisher ein Jobsharing betrieb.

Jedenfalls verstärkte sich in Folge der Umstellungen der Druck der Deutschen Nationalmannschaft auf den Gegner aus Algerien deutlich. Zwischen der 80. und der 90. Spielminute hatte sie einige Chancen, um das Spiel in der regulären Spielzeit zu ihren Gunsten zu entscheiden. Doch der zu Beginn unsicher wirkende M’Bolhi im Gehäuse der Nordafrikaner steigerte sich erheblich und vereitelte auch die besten Torchancen. Es blieb daher auch nach Ablauf der regulären Spielzeit beim torlosen Unentschieden.

Die Verlängerung von zweimal 15 Minuten hatte kaum begonnen, da gelang dann doch der ersehnte Führungstreffer für Deutschland. Müller setzte sich auf der  linken Seite des gegnerischen Strafraums durch und passte scharf quer nach innen. Schürrle war einen Tick schneller am Ball als alle anderen und lenkte den Ball mit der Hacke an M’Bolhi vorbei ins Netz. Das 1:0 für Deutschland in der 92. Minute.

Die tapfer kämpfenden Algerier waren nun natürlich gezwungen, ihre eigenen Angriffsbemühungen zu intensivieren, was bekanntlich regelmäßig zu Lasten der Defensive geht.

In der 96. Minute hätte Özil, der allein auf das Tor der Algerier zulief,  vorentscheidend die Führung für Deutschland ausbauen können, doch er wirkte zu zögerlich und vertändelte diese großartige Gelegenheit. Dies hätte sich fünf Minuten später beinahe gerächt, doch Mostefa vergab eine große Ausgleichschance für seine Mannschaft (101.; nach Fehler von Khedira).

Kur vor Ende der Verlängerung gelang dann Özil doch noch das beruhigende 2:0, nachdem zuvor ein Schuss von Schürrle durch Algeriens Defensive nur geblockt werden konnte (119).

Kurz vor Abpfiff gelang dann Algerien der 2:1- Anschlusstreffer durch Djabou, nachdem sich die Deutsche Defensive einmal mehr ungeordnet zeigte. Wenig später beendete Schiedsrichter Ricci die Begegnung.

Schiedsrichter: Sandro Ricci (Brasilien). Einige kleinere Fehlentscheidungen (u.a. falsche Abseitsentscheidung; kein Gelb nach taktischem Foul), aber die von einigen befürchtete Kartenflut gegen die Deutsche Mannschaft durch den Brasilianer blieb aus.

Fazit: Die Deutsche Auswahl musste Schwerstarbeit verrichten, um gegen beherzt kämpfende Algerier das Viertelfinale zu erreichen (Glückwunsch!). Der Deutsche Sieg geht aufgrund einer klaren Leistungssteigerung ab der 46. Spielminute und aufgrund Quantität und Qualität der Torchancen in Ordnung.

Algeriens Mannschaft hat wie zuvor Chile oder Costa Rica gezeigt, dass jeder Hochmut der „Großen“ fehl am Platze ist. Auch durch die Tatsache, dass ihnen der Anschlusstreffer gelang, kommt dies zum Ausdruck. Die Mannschaft kann erhobenen Hauptes nach Hause fahren. Respekt!

Die Deutsche Nationalmannschaft wird sich im Viertelfinale gegen Frankreich spielerisch steigern müssen, will sie auch diese Partie siegreich überstehen und in das Halbfinale einziehen.

Wäre diese Begegnung aus Deutscher Sicht verloren gegangen, so hätte sich m.M.n. Löw den Vorwurf gefallen lassen müssen, angesichts der gewählten offensiven Taktik mit seiner rein aus gelernten Innenverteidigern bestehenden Abwehrformation falsch gelegen zu haben. Zwei Fragen seien erlaubt:
1.) Wenn die klimatischen Bedingungen als ein wesentlicher Grund für den Verzicht auf gelernte Außenverteidiger angeführt wurden, so konnte dies für Porto Alegre keinesfalls gelten. Die Temperaturen vor Ort waren für eine Deutsche Mannschaft weder außergewöhnlich noch ungewohnt. Mit welcher Begründung blieb man also bei der bekannten Formation?
2.) Wann, wenn nicht in einem derartigen Spiel gegen erwartungsgemäß schnell umschaltende Algerier, will man Leuten wie dem schnellen Durm oder Großkreutz Spielpraxis gewähren? Angesichts von möglichen Sperren und Verletzungen in der Stammformation hat man hier m.E. die Gelegenheit verpasst.

Konditionell, wenn man von Khedira und Schweinsteiger absieht, scheint die Deutsche Mannschaft bestens gerüstet. Für die Begegnung gegen Frankreich dürfte Hummels wieder zur Verfügung stehen, sodass Boateng wieder auf die rechte defensive Außenbahn zurückkehren könnte. Boateng erschien jedoch in der Partie gegen Algerien der einzige zu sein, der läuferisch gegen schnelle Angreifer ohne Probleme mithalten konnte. Insgesamt bleibe ich in Sachen Abwehrformation skeptisch.

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Deutschland – Portugal 4:0 (3:0)

Ich gestehe, die Vorfreude auf diese WM hielt sich bei mir in Grenzen. Wer sich ein wenig mit den Hintergründen sportlicher Großereignisse, gleich ob sie vom IOC oder der FIFA veranstaltet werden, beschäftigt hat, der wird dieses Unbehagen vielleicht teilen. Längst steht nicht mehr nur der Sport im Fokus, sondern es geht immer auch und vor allem um Politik, Geschäftemacherei und Korruption: Blatter, der wie kaum ein anderer für den desaströsen Zustand der FIFA und ihre höchst zweifelhaften Entscheidungen (Katar) verantwortlich zu machen ist, kündigt trotzig seine erneute Kandidatur als deren Präsident an;  Deutschlands „Lichtgestalt“(?), Franz Beckenbauer, wurde von der FIFA-Ethikkommission in einer vorläufigen Entscheidung für 90 Tage zur persona non grata erklärt, und im Hintergrund kann man gerade das Zerbrechen einer alten DFB-Seilschaft, Zwanziger/Niersbach, bestaunen.

Von den ersten Turnierspielen ist mir am eindringlichsten die Begegnung zwischen Spanien und den Niederlanden (1:5) in Erinnerung geblieben. Beeindruckend, wie dort der Fünfzehnte der FIFA-Rangliste die Nummer eins regelrecht zerlegen konnte. Aber auch wenn die Niederlande zweifellos etabliert und immer zu beachten sind, so war die gestrige Partie zwischen dem dreimaligen Weltmeister Deutschland (Zweiter) und den Portugiesen (Vierter) zumindest auf dem Papier höherwertig anzusiedeln. An dem Offensivpersonal Deutschlands dürften angesichts vielfältiger Alternativen kaum Zweifel bestehen. Gespannt sein durfte man, ob und wie sich die Mannschaft defensiv gegen den zur Zeit vielleicht besten Fußballer der Welt, Christiano Ronaldo, aus der Affäre ziehen würde.

Bundestrainer Löw wählte eine eher defensive Variante in der Abwehr und verzichtete auf offensive(re) Außenverteidiger. Im Einzelnen vetraute er der folgenden Aufstellung: Neuer – Boateng, Mertesacker , Hummels (73. Mustafi), Höwedes – Lahm, Khedira – Özil (63. Schürrle), Kroos, Götze – Müller (82. Podolski)

Spielbericht: Zunächst schien es, als sei Portugal der erwartet schwere Gegner. In der vierten Minute prüfte der aus der Bundesliga bestens bekannte Hugo Almeida erstmals Manuel Neuer im deutschen Tor, doch dieser hatte mit dem Schuss keine nennenswerte Mühe. Drei Minuten später kam dann Christiano Ronaldo (CR7) aus halblinker Position und ca. 7 Metern zum Abschluss (7.), was deutlich gefährlicher wirkte. Es sollte jedoch seine einzige echte Torchance aus dem Spiel heraus bleiben. Praktisch im Gegenzug die erste Chance für Deutschland: Khedira setzte einen Fernschuss knapp neben dem linken Pfosten der Portugiesen ins Toraus (8.).

In der 10. Minute kombinierte sich die deutsche Mannschaft in den Strafraum des Gegners. Der Ball kam zu Götze. Dieser wurde im Zweikampf von seinem Gegenspieler klar mit der Hand gehalten und umgerissen. Schiedsrichter Mazic erkannte auf Foulspiel und entschied folgerichtig auf Strafstoß für Deutschland. Müller versuchte Rui Patricio im Gehäuse der Portugiesen zu verladen, doch dieser sprang in die vom Schützen aus gesehene richtige, linke Ecke. Zum Glück für Deutschland war Müllers Schuss zu hart und zu präzise, sodass Patricio den flach geschossenen Ball nicht erreichen konnte. Das 1:0 (11.).

In den folgenden zwanzig Minuten verlief das Spiel relativ ausgeglichen. Bereits jetzt war erkennbar, dass die Deutsche Nationalmannschaft aufgrund der hohen Temperaturen vor Ort um Effizienz in ihrem Spiel bemüht war. Kein permanentes, kräfteraubendes Offensivpressing, kein langes, aufwendiges s.g. Possesion Play, sondern sie war erkennbar um schnelles, überfallartiges Umschaltspiel bemüht.

Die 31. Minute sah zunächst eine schöne Kombination zwischen Kroos und Özil im Strafraum des Gegners, an derem Ende der Schussversuch von Kroos zur Ecke für Deutschland geblockt wurde. Der nachfolgende Eckstoß von Toni Kroos (von der rechten Seite) fand den Kopf von Hummels. Das beruhigende 2:0 (32.) aus deutscher Sicht.

Nur fünf Minuten später war das Spiel im Grunde entschieden. Pepe traf im Zweikampf um den Ball Müller mit der Hand im Gesicht. Ganz sicher keine Absicht des Portugiesen, aber eben doch ein klares Foul. Müller ging zu Boden und Pepe, der sich keiner Schuld bewusst schien, beugte sich mit dem Kopf tief zu dem auf dem Rasen sitzenden Müller hinunter, um dem vermeintlichen Simulanten „die Meinung zu geigen“. Dabei kam es zu einer leichten Berührung beider Köpfe. Das Schiedsrichtergespann wertete dies wohl als versuchte Tätlichkeit (Kopfstoß) des Portugiesen, da dieser die Bewegung ausgeführt hatte. Konsequenz: Feldverweis für Pepe, und Portugal nicht nur mit zwei Toren im Rückstand, sondern nun auch noch mit einem Mann weniger.

In der Nachspielzeit der ersten Hälfte passte Kroos ins Zentrum des gegnerischen Strafraums. Dort wurde der Ball von einem Verteidiger abgefangen. Dessen versuchter Befreiungschlag wurde vom unmittelbar vor ihm im Strafraum positionierten Müller geistesgegenwärtig geblockt und nachfolgend im Tor der Portugiesen versenkt. Das 3:0 (45+1.)

Mit der deutlichen Führung für die Deutsche Mannschaft und der personellen Unterzahl der Portugiesen war die Ausgangslage für die zweite Spielhälfte klar: Für Portugal galt es, eine Debakel zu vermeiden. Deutschland konnte vor allem  auf Ergebnissicherung spielen und Kräfte sparen.

In der 51. Minute scheiterte Özil mit einem Schuss zunächst am Torwart der Portugiesen. Den Abpraller setzte Müller über das Tor.

Da die Deutsche Nationalmannschaft gerade im Offensivbereich einige Alternativen (auf der Bank) zu bieten hat, entschloss sich Jogi Löw, den etwas farblos agierenden Özil auszuwechseln. Für ihn kam Schürrle, der fortan die rechte offensive Außenbahn bespielte. Schürrle lieferte eine engagierte Leistung. Bereits in der 69. Minute setzte er sich auf dem rechten Flügel durch und passte genau auf den zentral im Strafraum des Gegners lauernden Götze, dessen Schuss jedoch von der Verteidigung geblockt werden konnte. Was für eine Chance!

In der 73. Minute wurde Löw dann zum Wechseln gezwungen, da Hummels einen Schlag auf den Oberschenkel bekommen hatte und nicht mehr weiterspielen konnte. Für Hummels kam der junge Mustafi. Boateng rückte von der rechten Außenverteidigerposition nach innen und ersetzte Hummels. Mustafi übernahm die defensive rechte Außenbahn. Auch dieser Wechsel ändert nichts daran, dass Portugals CR7 praktisch nie zur Entfaltung kam.

Fünf Minuten später war es erneut Schürrle, der von rechtsaußen wunderbar genau und mit Druck nach innen passte. Patricio im Tor der Portugiesen konnte den Pass liegend nur mit einer Hand abklatschen. Der Ball fiel im Fünfmeterraum Müller vor die Füße, der sich erneut als äußerst reaktionschnell erwies und keine Mühe hatte, aus drei Metern abzustauben. Das 4:0 für Deutschland (78.).

Die Nachspielzeit sah noch einen fulminanten Schuss von Christiano Ronaldo (90+2.) aus gut und gerne dreißig Metern, den Neuer jedoch letztlich sicher parieren konnte.

Schiedsrichter: Milorad Mazic (Serbien). Insgesamt ordentliche Spielleitung. Die rote Karte für Pepe war vertretbar, jedoch war das Spiel durch diese Schiedsrichterentscheidung im Grunde (vor)entschieden. Gelegentlich mit unglücklichen Laufwegen.

Fazit: Manchen Unkenrufen im Vorfeld zum Trotz zeigte die deutsche Mannschaft eine reife Leistung. Angesichts der hohen Temperaturen vor Ort fand sie eine gute Balance zwischen abwartender, defensiver Stabilität, Ballbesitz-Fußball, gelegentlichem Offensivpressing und vor allem schnellem Umschaltspiel. Nach dem dritten Gegentreffer und dem Platzverweis ging es für die Portugiesen nur noch um Schadensbegrenzung. Das deutsche Team konnte sich in der zweiten Spielhälfte im Wesentlichen auf die Sicherung des Vorsprungs konzentrieren, blieb aber jederzeit torgefährlich, ohne an die absolute Leistungsgrenze gehen zu müssen. So konnten wichtige Kräfte für die folgenden Aufgaben gespart werden. Das 4:0 ist in jeder Hinsicht (Höhe des Ergebnisses, zu null) ein traumhafter Einstand in das Turnier, der zunächst einmal ein beruhigendes Polster für die Endabrechnung nach der Vorrunde darstellt.

Neben dem dreifachen Torschützen und „Man of the Match, Thomas Müller, stach Boateng heraus, der mit Unterstützung seiner Kollegen (Lahm) Portugals CR7 fast vollkommen aus dem Spiel nehmen konnte. Christiano Ronaldo trat fast nur bei seinen Standards in Erscheinung.

Ebenfalls erfreulich: Der zuletzt angeschlagene Neuer wirkte fit. Und Khedira kommt immer besser in Form.  Er sorgte als Pendant von Lahm auf der Doppelsechs nicht nur für defensive Stabilität, sondern trat mehrfach auch offensiv in Erscheinung. Da auf der deutschen Bank u.a. noch ein Hochkaräter wie Schweinsteiger auf seine Einsätze wartet, gehe ich davon aus, dass in den folgenden Begegnungen auch die defensiven Außenbahnen vermutlich anders besetzt werden. So könnte Lahm aufgrund der Verletzung von Hummels den rechten Außenverteidiger geben. Boateng würde dann die freie Innenverteidiger-Position einnehmen und Schweinsteiger käme als zweiter Sechser zurück in die Startaufstellung. Die Deutsche Nationalmannschaft  hat, das scheint mir eine ganz wichtige Erkenntnis des gestrigen Spiels, auch defensiv funktionierende Alternativen, keinesweg nur offensiv. Allerdings war nicht nur das Spiel aufgrund der Torfolge relativ frühzeitig entschieden, sondern der Gegner spielte über weite Strecken in Unterzahl. Zudem musste er im weiteren Verlauf auch noch den Ausfall eines weiteren, wichtigen Spielers, Coentrao, verkraften. Die deutsche Abwehr wurde daher in der zweiten Spielhälfte kaum noch gefordert. Bei aller Freude bleibt also abzuwarten, wie sich die Mannschaft gegen andere Gegner aus der Affäre ziehen wird. Schon der kommende Gegner, Ghana, könnte der deutschen Abwehr größere Probleme bereiten.