van der Vaart

Der HSV straft die meisten Prognosen und Kritiker Lügen und gewinnt in Dortmund mit 0:1 (0:1)

Als ich am Donnerstag in der Bundesliga-Vorschau auf meinsportradio.de auf das zu erwartende Ergebnis des HSV in Dortmund angesprochen wurde, habe ich optimistisch auf ein 2:2 und damit einen Punkt für die Hamburger getippt. Co-Moderator und BvB-Experte Sascha meinte hingegen, der BvB würde dem HSV klar mit 4:1 die Grenzen aufzeigen. In der Tat sprachen beinahe alle Vorzeichen für einen klaren Erfolg der Gastgeber. Warum also hielt ich vor dem Spiel mindestens einen Teilerfolg für die sieglosen Hamburger für absolut möglich?

Der Einfluss des Zufalls

Es ist für mich unbestreitbar: der BvB hat derzeit im direkten Vergleich den eindeutig besseren Kader und verfügt zudem über ein Spiel-System, das Jürgen Klopp mit seiner Mannschaft inzwischen über mehrere Jahre trainieren und perfektionieren konnte. Die grundsätzlich bessere Qualität des Dortmunder Kaders führt mich jedoch nur zu der Erwartung, dass sich die Dortmunder in der Abschlusstabelle dieser Saison deutlich, hier dem von Sascha getippten 4:1 durchaus entsprechend, vor dem HSV platzieren werden. Für ein einzelnes Spiel gilt m.E. jedoch anderes.

„Glück und Pech gleichen sich im Laufe einer Saison für alle Mannschaften aus.“ – diese Behauptung habe auch ich lange vertreten, sie ist dennoch falsch. Es handelt sich um einen Irrglauben, weil die Stichprobe bei 18 Mannschaften in einer Liga, die je 34 Spiele untereinander bestreiten, zu klein ist, damit sich alle Zufälle tatsächlich aufheben, bzw. über alle Mannschaften gleich verteilen. Der Einfluss zufälliger Faktoren reduziert sich auf eine ganze Saison gerechnet erheblich. Aus diesem Grund wird am Ende der Saison nicht irgendwer zufällig Deutscher Meister, sondern der mutmaßlich am besten aufgestellte Club, der FC Bayern. Dennoch erscheint gut möglich, dass zufällige Faktoren sogar die Position in der Abschluss-Tabelle um gleich mehrere Plätze nach oben oder unten beeinflussen können. Um also tatsächlich zutreffende Aussagen über Team- und Trainerleistung während einer Saison treffen zu können, muss man sogar nach einer ganzen Saison tiefer in die Analyse einsteigen, als nur einen Blick auf die Tabelle zu werfen.

Der Ausgang eines einzelnen Spiels aber, dies unterstellte ich daher auch für den Auftritt des HSV in Dortmund, kann ggf. ganz erheblich von der jeweiligen Tagesform und von Zufällen bestimmt werden. Ein unhaltbar abgefälschter Schuss, eine günstige (Fehl-)Entscheidung des Schiedsrichters und ein einziger, individueller Fehler des Gegners während der 90 Minuten – schon liegt man u.U. mit 0:2 in Führung (oder zurück). Es ändert sich sowohl die taktische Ausgangslage als auch die nervlich-emotionale Verfassung der Spieler. Wer nun meint, bei meinem Tipp habe es sich ja wohl um Wunschdenken gehandelt – das stimmt! Natürlich wünschte ich dem HSV ein Erfolgserlebnis, aber widerlegt dies meine grundsätzliche Argumentation? Wer hätte denn bspw. vor wenigen Spieltagen dem HSV zugetraut, dass er dem übermächtig erscheinenden Deutschen Meister aus München ein torloses Remis abringt? Und doch haben wir genau dies erlebt. [Anm: Diesen Teil schrieb ich übrigens vor dem Spiel]

Joe Zinnbauer, der sich vor dem Spiel vom Auftritt der Borussia in der CL durchaus beeindruckt zeigte, schenkte jedenfalls der folgenden Mannschaftsaufstellung sein Vertrauen:

Drobny – Diekmeier (66. Stieber), Djourou, Westermann, Ostrzolek – Behrami, Arslan,  Müller (87. Rudnevs), Holtby, Jansen – Lasogga (83. Jiracek);
Bank: Zöllner, van der Vaart, Stieber, Cléber, Rudnevs, Kacar, Jiracek.

Das Spiel:  Wie würde Zinnbauer seine Mannschaft gegen die Dortmunder taktisch einstellen, das war die Frage vor der Partie. Um es kurz und leicht verständlich zu halten: Zinnbauer kopierte die gewohnte taktische Ausrichtung des BvB. Natürlich nicht eins zu eins, sondern abgewandelt und angepasst an die Möglichkeiten seiner Mannschaft. Mit anderen Worten: Die Hamburger begegneten dem bekannt aggressiven Offensivpressing der Dortmunder, indem sie ebenfalls jedem Ball hinterherjagten und versuchten, ihrerseits Druck auf die ballführenden Spieler der Gastgeber auszuüben. In der Folge entwickelte sich eine leidenschaftlich von beiden Seiten geführte Partie, die von zahlreichen, zum Teil hitzig und nicklig geführten Zweikämpfen geprägt war.

Der BvB entwickelte sein Spiel meist über seine rechte Seite, allerdings nur bis ins s.g. zweite Drittel des Spielfelds. Dann folgte, da Jansen (LM) und Ostrzolek (LV) ihren Flügel gut schlossen, der schnelle Seitenwechsel auf Schmelzer. Aber da auch Diekmeier und Müller dort meist rechtzeitig zur Stelle waren, konnte sich der BvB während der ersten Halbzeit keine klare Torchance erspielen – wer hätte das zuvor erwartet?!

Anders der HSV. Einen leichtfertigen Querpass von Ramos konnte Jansen mühelos abfangen. Der spielte seinerseits ins zentrale Mittelfeld. Beide Dortmunder Innenverteidiger, Sokratis und Hummels, orientierten sich in Richtung des dort positionierten Holtby. Der in unmittelbarer Nähe stehende Müller spritzte dazwischen, spitzelte den Ball an den Verteidigern vorbei und hatte plötzlich freie Bahn in Richtung des Dortmunder Tores. Der schnelle Durm kam noch heran, zupfte kurz an Müllers Trikot, musste aber loslassen, da er ansonsten wohl mit Rot vom Platz geflogen wäre. Weidenfeller verkürzte in Erwartung eines Torschusses von Müller den Winkel, dieser aber legte lehrbuchreif quer auf den mitgelaufenen Lasogga, der sich dann sogar den Luxus erlauben konnte, den Ball erst zu stoppen, bevor er ihn letztlich mühelos im Tor unterbrachte. Das 0:1 in der 35. Minute für den HSV entsprach dem Spielverlauf und war durchaus verdient.

Dass der HSV auswärts bei Dortmund zur Halbzeit in Führung liegt – allein dies war schon eine faustdicke Überraschung. Der HSV rannte, spielte und kämpfte, als ginge es bereits in dieser frühen Phase der Saison um das nackte Überleben. Das ließ sich sehen. Allerdings fragte ich mich mit zunehmender Spielzeit etwas besorgt, ob die Kraft der Mannschaft reichen würde, um den gleichen Aufwand auch in der zweiten Halbzeit und damit bis zum Spielende zu betreiben.

Auch in der zweiten Halbzeit war es zunächst ein ausgeglichenes Spiel. Natürlich verstärkte die Borussia ihre Angriffsbemühungen, aber der HSV setzte immer wieder Nadelstiche. So sah man nun Chancen auf beiden Seiten.

In der 66. Minute musste der gute Diekmeier nach einem s.g. Pferdekuss in der Kniekehle vom Feld. Zinnbauer brachte Stieber, der Jansens Part auf der linken offensiven Außenbahn einnahm. Jansen rückte eine Position zurück (LV), und Ostrzolek wechselte auf die gegenüberliegende Position (RV).  Dies wirkte sich jedoch nicht nennenswert negativ auf die defensive Stabilität der Hamburger aus.

Erst in der 72. Minute kam der BvB zu seiner bis dahin besten Torchance. Drobny vereitelte diese Gelegenheit (Schuss von Aubameyang) mit einer tollen Parade. Der HSV hätte seinerseits durch Jansens Drehschuss nach Ecke von Holtby (76.) die Führung ausbauen können, aber der Schuss wurde durch die vielbeinige Dortmunder Abwehr erfolgreich geblockt. Dies hätte sich beinahe postwendend gerächt, denn der eingewechselte Immobile tauchte in der 78. Minute frei vor Drobny auf. Zum Glück für den HSV verfehlte Immobiles Schuss jedoch knapp das Tor des HSV.

Die letzten 20 Minuten des Spiels drückten die Dortmunder mit Macht auf den Ausgleich, aber die Hamburger kämpften defensiv aufopferungsvoll, um die Führung über die Zeit zu retten. Da der BvB immer mehr Risiko gehen musste, eröffneten sich für den HSV einige Konterchancen. So hätte bspw. Holtby, der in der 83. Minute bereits Weidenfeller umspielt hatte, dabei aber nach links abgedrängt worden war, beinahe aus spitzem Winkel das dann wohl entscheidende 0:2 erzielt. Auch der eingewechselte Rudnevs hatte eine Konterchance, die er aber aufgrund technischer Mängel nicht nutzen konnte. So blieb es am Ende beim knappen Auswärtssieg des HSV.

Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin). Leitete eine hitzig geführte Partie und bot in meinen Augen eine gute Leistung. Verhängte individuelle Strafen, wenn dies geboten schien. Beruhigte die Gemüter mehrfach durch seine persönliche Ansprache an die Spieler. Zweifelhaft erschien mir allerdings die gelbe Karte gegen Ostrzolek, da beide, Ostrzolek und Schmelzer, mit hohem Bein in den Zweikampf gingen.

Fazit: Auch ich habe mit meiner Prognose daneben gelegen. Erfreulicherweise erscheint mir der knappe Sieg des HSV weder unverdient noch rein zufällig. Die Hamburger zeigten im Vergleich mit ihrem Gegner in der ersten Halbzeit die etwas bessere Leistung. Unbestreitbar gehörten vor allem die letzten zwanzig Minuten des Spiels den Gastgebern, die jedoch für mich überraschend wenig klare Torchancen herausspielten. Zudem sollte man nicht übersehen, dass der HSV bei einigen Konterchancen die Möglichkeit besaß, die Führung auszubauen und damit das Spiel vorzeitig für sich zu entscheiden. Am Ende erzählt eben jedes Spiel seine eigene Geschichte. Papierform nützt nichts, wenn man sie nicht auf den Platz bringt.

Ich gratuliere der gesamten Mannschaft zu einer sehr guten, engagierten und taktisch disziplinierten Teamleistung. Hervorheben möchte ich aus gutem Grund nur einen Spieler: Der oft (zurecht) gescholtene Djourou machte vielleicht sein bisher bestes Spiel für den HSV. Und dies, obwohl bei ihm kurz nach Wiederanpfiff zur zweiten Halbzeit eine Gehirnerschütterung befürchtet werden musste. Was er alles antizipierte und nachfolgend klärte – großartig.

Der HSV war (und ist es wohl auch noch nach diesem Spiel) in meinen Augen die am weitesten unterbewertete „Aktie“ am Bundesliga-Markt. Eine rein quantitative Analyse, die sich zudem bisher fast ausschließlich auf fehlende Siege und Tore bezieht, und die psychologisch durch die desaströse letzte Saison grob verzerrt wird, führt in die Irre. Zweikampfverhalten, Passquote oder Laufleistung – die jeweiligen Werte dieser Saison deuteten bereits an, dass sich der HSV im Vergleich zur Vorsaison verbessert hat. Dass bisher Tore und Siege fehlten, dafür gibt es m.E. vernünftige, plausible Begründungen.

Natürlich, darüber darf auch dieser überraschende Sieg in Dortmund nicht hinwegtäuschen, ist nun nicht alles rosarot beim HSV. Die Mannschaft ist weiter in der Entwicklung und wird wahrscheinlich den einen oder anderen Rückschlag hinnehmen müssen. Entscheidend bleibt aber, dass die generelle Tendenz der Entwicklung stimmt. Ungeachtet des Resultats gegen die Dortmunder lässt sich meiner Meinung nach feststellen, dass dieser Hamburger Kader besser ist, als er bisher von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Diese Mannschaft hat das Potenzial, um nichts mit dem Abstieg zutun haben zu müssen. Und sie macht unter Joe Zinnbauer eindeutig Fortschritte, was sich aber wohl bisher nur denjenigen erschloss, die eine quantitative Bewertung (Tabellenstand; Addition von Punkten) durch eine qualitative Analyse ergänzen (können).

Der HSV macht einen Schritt in die richtige Richtung, unterliegt jedoch dennoch Eintracht Frankfurt mit 1:2 (0:1)

Ausgehend von meinen bisherigen Beobachtungen zu den taktischen Veränderungen beim HSV unter Zinnbauers Leitung, die bisher überwiegend das defensive Spiel der Mannschaft betrafen, interessierte mich vor dem Spiel gegen die Eintracht aus Frankfurt zweierlei:

1.) konnte das Defensivverhalten weiter stabilisiert werden?
2.) verbessert sich das Angriffsspiel, ohne dass dies zu Lasten der Abwehrarbeit geht?

Unmittelbar vor dem Spiel überraschte mich die Nachricht, dass der Trainer des HSV die Abwehr umstellen würde. Ich hatte damit ehrlich gesagt nicht gerechnet. Zinnbauer vertraute also der folgenden Aufstellung:

Drobny – Westermann, Djourou, Cléber, Ostrzolek – Behrami, Arslan (86. Rudnevs), N.Müller (90. Diekmeier), Holtby (86. Jiracek), Stieber – Lasogga

Cléber spielte ergo als linker Innenverteidiger und Partner für Djourou, und Westermann ersetzte Diekmeier auf der defensiven rechten Außenbahn. Zinnbauer sagte nach dem Spiel dazu, dass die Analyse ergeben habe, dass der HSV bei Zweikämpfen in der Luft etwas unterlegen gewesen sei, was man durch die Hereinnahme Clébers korrigieren wollte.

Spiel: Der HSV begann erneut offensiv und übernahm wie schon gegen Gladbach zunächst die Spielgestaltung. Frankfurt zog sich relativ weit zurück. Für mich etwas überraschend verzichtete man darauf, die neu formierte HSV-Abwehr im Spielaufbau früh zu pressen, wie es die Gegner in der jüngeren Vergangenheit meist getan hatten. Stattdessen positionierten sich alle Spieler der Gäste hinter dem Ball in der eigenen Hälfte. Selbst im Mittelfeld presste man nur ganz gelegentlich. Offenbar hatte Schaaf, um die Probleme des HSV im letzten, dem Angriffsdrittel wissend, die Parole ausgegeben, mögliche Passwege des Gegners vor dem Strafraum konsequent zu blockieren. So verteidigten die Gäste meist eher passiv und erweiterten ihre defensive Viererkette im Bedarfsfall zu einer Fünfer- oder gelegentlich sogar Sechserkette. Die verbleibenden Spieler sicherten vornehmlich den zentralen Raum davor und sollten offenbar aus der eigenen Hälfte im Gegenzug etwaige Konter starten. So verfingen sich die Angriffe der Hausherrn meist in der engmaschigen Verteidigung der Gäste im zentralen Raum vor dem Strafraum, oder das Angriffsspiel der Hamburger wurde durch die taktische Ausrichtung der Gäste auf die Flügel abgeleitet. Leider, auch dies stelle ich inzwischen zum wiederholten Male fest, fehlt es dem HSV bei Flanken und Standards unverändert an der notwendigen Präzision.

Cléber war m.E. mindestens während der ersten Halbzeit eine gewisse Nervosität anzumerken. Dies sah man u.a. zu Beginn der Partie, als ihm in unbedrängter Position ein Zuspiel auf Djourou vollkommen verunglückte. Allerdings zeigte Cléber, wie von Zinnbauer erhofft, seine Stärke bei Kopfbällen. So hatte er nach einem Eckstoß für den HSV mit seinem nachfolgenden Kopfball etwas Pech, da dieser leider zu mittig auf das Tor kam und dort mühelos von der neuen Frankfurter Nummer eins, Felix Wiedwald, gehalten werden konnte.

Der HSV hatte während der ersten Spielhälfte ein deutliches optisches Übergewicht, ohne dass daraus tatsächliche Torchancen  resultierten.  Für mich einmal mehr negativ auffällig war hier Tolgay Arslan, der sich wiederholt in Dribblings verzettelte, die meist prompt zum Ballverlust führten. Auch gelungene Pässe in die Schnittstellen der Frankfurter Abwehr suchte man bei ihm einmal mehr vergeblich. Womit ich bei einer Ursache für die bisherige Erfolglosigkeit der Mannschaft vor dem Tor wäre. Arslan ist sicher nicht dafür allein verantwortlich, aber es muss doch verstärkt kritisch festgestellt werden, dass er es in der letzten Saison (2013/14) bei 32 Einsätzen auf nur ein einziges Tor und, dies wiegt m.E. fast noch schwerer, auf nur drei Assists brachte. So gut er mir auch schon des Öfteren vor allem in der Rückwärtsbewegung gefallen hat – dass der Mann nach vorne kaum etwas tatsächlich Produktives bewegt, darauf deuten auch diese ernüchternden Zahlen. Es ist sicher etwas unfair, ihn mit Holtby zu vergleichen, schon allein weil dieser positionsbedingt weiter vorne spielt, aber Holtby hat allein in der zweiten Spielhälfte mehr erfolgreiche, offensive Schnittstellenpässe gespielt, als m.E. Arslan in allen bisherigen Spielen dieser Saison zusammengerechnet. Ich ziehe daraus den Schluss, dass Arslan, sollte er sich nicht bald ganz gewaltig steigern, in dem Moment aus der Mannschaft raus ist, in dem van der Vaart wieder auflaufen kann, da dann Holtby seinen Platz neben Behrami einnehmen dürfte.

In der 44. Spielminute verlor Westermann den Ball in der Vorwärtsbewegung. Der folgende Diagonalball der Frankfurter erreichte Chandler auf der rechten Außenbahn. Stieber, der Richtung Mitte eingerückt war, da sich das Spielgeschehen ja ursprünglich auf dem anderen Flügel abspielte, stand im Halbfeld und reagierte für meinen Geschmack etwas spät. So erhielt er keinen Zugriff auf Chandler, der sofort mit Tempo auf der Außenbahn nach vorne stürmte. Beide Sechser konnten in diesem Augenblick positionsbedingt nicht helfen.  Linksverteidiger Ostrzolek stand m.E. viel zu weit weg (von Stieber) und wich immer weiter zurück, statt den heranstürmenden Chandler zu stellen. Im Ergebnis wurde daher absolut kein Druck auf Chandler ausgeübt. Dieser passte den Ball scharf quer zur Torlinie. Cléber trat in der Laufbewegung über den Ball. Dieser erreichte Seferovic, der am langen Pfosten lauerte und sofort gegen die Laufrichtung von Djourou und Drobny abschloss.  Es passte zum unglücklichen Auftritt Clébers, dass er den Torschuss um ein Haar auf der Torlinie noch geklärt hätte, letztlich aber dem Ball nicht mehr die entscheidende Richtungsänderung geben konnte. Meiner Meinung nach trifft Cléber hier sicherlich eine Teilschuld am Gegentor, allein verantwortlich ist er aber keinesfalls. Vielmehr hat man es hier mit einer ganzen Kette von Fehlern zu tun. Meiner Meinung nach hat hier auch die gesamte Raumaufteilung nicht gestimmt. Sei es, wie es sei – der HSV lag einmal mehr mit 0:1 zurück.

Beinahe wäre der Mannschaft noch innerhalb der ersten Halbzeit der Ausgleich gelungen. Aber Behrami setzte in der Nachspielzeit (45+1.) nach schöner Flanke vom linken Flügel einen fulminanten Kopfball knapp neben das Frankfurter Gehäuse. Es blieb also bei der Führung der Gäste zur Pause.

Um es vorwegzunehmen: Mein „Man of the Match“ war Holtby, der vor allem in der zweiten Halbzeit stark spielte. Die 53. Minute sah einen bemerkenswert guten Pass Westermanns in die Schnittstelle zwischen Innenverteidigung und Linksverteidiger der Frankfurter. Leider wurde der dadurch frei gespielte Holtby etwas zu weit durch den aus seinem Tor herausstürmenden Wiedwald nach rechts abgedrängt, sodass sein Torschuss aus spitzem Winkel letztlich nur das Seitennetz des Tores traf.

In der 58. Minute konnte man dann Holtbys Handlungsschnelligkeit, gute Technik und sein Spielverständnis beobachten. Einen halbhohen Ball vor dem Frankfurter Strafraum passte er sofort durch die Schnittstelle der Gäste-Abwehr zu Nicolai Müller. Dem war es schließlich vorbehalten, die Torflaute des HSV zu beenden. Mit etwas Glück rutschte sein Schuss unter Wiedwald hindurch zum 1:1 ins Netz.

Wiedwald, der erstmalig den verletzten Trapp im Tor vertrat, wirkte auf mich keineswegs immer sicher. Dies konnte man auch in der 76. Minute beobachten, als Anderson und er nach dem in Fußballerkreisen durchaus bekannten Motto verfuhren: Nimm Du ihn, ich hab ihn sicher…! Als Folge dieser Uneinigkeit kam der offensiv pressende Lasogga an den Ball. Leider war dessen Schuss mit der Pike zu harmlos, sodass ihn der junge Frankfurter Torhüter dann letztlich doch mühelos entschärfen konnte.

In der Schlussphase der Partie wechselte Zinnbauer gleich drei Mal. Jiracek führte sich zunächst durch eine großartige Grätsche ein, als er einen stürmenden Frankfurter gerade noch entscheidend behinderte. Leider unterlief ihm dann kurz darauf in der Schlussminute ein hartes und auch unnötiges Foul, als er dreißig Meter vor dem eigenen Tor mit gestrecktem Bein in einen Frankfurter Spieler rutschte. Den folgenden Freistoß aus leicht nach links versetzter Position jagte der eingewechselte Piazon ins rechte obere Eck des Hamburger Tores, also ins Dreiangel der s.g. Torwartseite. Man muss hier zu Drobnys Gunsten die inzwischen für den Torwart grundsätzlich schwer zu berechnenden Flugkurven moderner Bälle berücksichtigen. Gänzlich unhaltbar schien mir dieser zweifellos wunderschöne Treffer (90.), der zugleich den Sieg für die Gäste bedeutete, jedoch nicht zu sein.

Schiedsrichter: Florian Meyer (Burgdorf). Einige „enge“ Entscheidungen könnte man auch anders treffen. War aber gewiss nicht schuld an der Niederlage.

Fazit: Der HSV verliert diese Partie gegen keineswegs unschlagbare Frankfurter schon allein aufgrund des späten Siegtreffers unglücklich.

Gegen Gladbach am Mittwoch gaben die Hamburger 14 Torschüsse ab, verfehlten jedoch ganze 13 mal das Gehäuse. Mit anderen Worten: Gladbachs Torwart Sommer musste am Mittwoch nur einen einzigen Schuss tatsächlich parieren. Die meisten Torschussversuche dieser vorangegangenen Partie wurden zudem außerhalb des Strafraums abgegeben, was statistisch betrachtet die Wahrscheinlichkeit eines daraus resultierenden Treffers signifikant senkt. Mit anderen Worten: Gegen Gladbach war es dem HSV fast gar nicht gelungen, in den Strafraum des Gegners einzudringen, um dort zu klaren Torchancen zu kommen.

Gegen die Frankfurter Eintracht erschien mir das Offensivspiel vor allem während der zweiten Spielhälfte deutlich verbessert. Wenn man das vom HSV erzielte Tor  einrechnet, wurden erneut 14 Torschüsse abgegeben, von denen immerhin sechs tatsächlich auf das Tor gingen (fünf gehaltene Schüsse). Auch gelang es deutlich häufiger innerhalb des Strafraums zum Abschluss zu kommen, was auf eine bessere Qualität der eigenen Torchancen hindeutet. Dies ist natürlich absolut kein Beweis für ein konstant verbessertes Offensivspiel der Hamburger, jedoch eine interessante Momentaufnahme.

Die Hamburger Mannschaft  muss sich jedoch erneut vorwerfen lassen, dass sie vor allem in der ersten Spielhälfte viel zu selten konkret und präzise spielte, sodass aus rein optischer Überlegenheit nichts Zählbares resultierte. Im Gegenteil! Durch eine ganze Fehlerkette geriet man sogar in Rückstand.

Unverändert, aber das erscheint mir zum jetzigen Zeitpunkt noch normal und nicht vorzuwerfen, sind auch Abstimmungsprobleme bei Pass- und Laufwegen zu beobachten. Bis hier die Fehlerquote deutlich gesenkt werden kann, dies benötigt schlicht Zeit. Wer glaubt, dies ginge quasi auf Knopfdruck und über Nacht, der irrt. Schwer.

Erfreulich erscheint mir, dass sich die Form der beiden noch mit konditionellen Rückständen behafteten Spieler, Müller und Lasogga, stetig zu verbessern scheint,  auch wenn hier weiter Luft nach oben verbleibt. Auch Stieber und Ostrzolek harmonieren zunehmend besser und zeigten ansteigende Form. Holtby war  sehr präsent. Im Zusammenspiel mit einem van der Vaart könnte da nach dessen Rückkehr etwas entstehen.

Insgesamt meine ich, dass der HSV, so seltsam sich das nach dieser erneuten Niederlage für den einen oder anderen lesen mag, leistungsmäßig einen weiteren Schritt in die richtige Richtung gemacht hat. Daher kann ich jener medialen Berichterstattung, die schon von einem Verpuffen des Trainerwechsels wissen will, rein gar nichts abgewinnen. Rein tabellarisch, bzw. wenn man allein aufgrund von Ergebnissen urteilt, mag dies stimmen. Doch eine Analyse, die auch nur ansatzweise diese Bezeichnung verdient, benötigt dann doch etwas mehr, als die Fähigkeit, die Tabelle und die Spiel-Ergebnisse lesen zu können.

Ein Kompliment an das Hamburger Publikum: Die Mannschaft wurde allen diesbezüglichen Zweifeln zum Trotz lautstark unterstützt. Dass man trotz der Niederlage nach dem Schlusspfiff der Mannschaft sogar Beifall zollte, bestärkt mich in der Hoffnung, dass man wenigstens mittelfristig auch weiterhin Geduld haben wird.